Sa 26-10-20 Kastanien sammeln für das Klima

Kastanien, Eicheln und andere Baumsamen sammeln für das Klima! Dein Weekend for Future!

So hat das heute jemand in unserem Nachbarschaftsnetzwerk vorgeschlagen. Die Antwort: Hart, aber herzlich. Und leider furchtbar wahr. Ist schon ein Kreuz mit dem Klima. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 25-09-20 Wortglöckchen und Donnerhall

Wie sich die Rolle von Führungskräften in einer hybriden Arbeitswelt ändert, erklärt Telekom-Personalchefin Birgit Bohle im Interview mit dem Handelsblatt. Ihr Credo: „Empathie und Vertrauen werden noch wichtiger.“

Gefunden im Handelsblatt Morning-Briefing von heute. Was, bitteschön, ist eine „hybride Arbeitswelt“?, fragt Bolle stumpf. »Hybride« sind „durch Kreuzung entstandene Wesen“. Wer, bitteschön, hat da was „gekreuzt“ in der Arbeitswelt? Darf der das? Im übrigen leiten sich Hybride ab von gr. hybris – was soviel wie „Frevel“ oder „Schändung“ bedeutet. Nomen est omen. Aber zurück auf den Teppich: Mit „hybrider Arbeitswelt“ soll wohl im Grunde „heute hier, morgen dort“ gemeint sein: Ab und an mal im „Office“ reinschneien und ansonsten gemütlich vorm heimischen PC hängen (wenn nur die Kinder nicht wären, die oft genug so rein gar kein Verständnis für moderne Arbeitswelten aufbringen) und … – Ja, was eigentlich? In Bolles Augen kann es sich dabei nur um eine Zwischenstufe handeln zu der Einsicht, daß man eigentlich ohnehin nicht groß was zu tun hat – weder „at home“ noch „im Office“. Bis allerdings diese Einsicht zu voller Reife gelangt, könnte es noch ein wenig dauern – wenn auch wohl nicht mehr allzu lange.

Man muss sich darauf verlassen können, dass Mitarbeiter selbständig Entscheidungen treffen und die Bälle nach vorne treiben.

Wortglöckchen, wohin das Öhrlein lauschet. Klingt erst mal gar nicht schlecht. Aber klingelt auch ein wenig – zumindest in empfindlicheren Ohren. Abermals zurück auf den Teppich: Entscheider sind dazu da – und werden im übrigen meist auch recht gut dafür bezahlt –, daß sie Entscheidungen treffen. Mitarbeiter dagegen sind dafür da, daß sie mitarbeiten. Das ergibt sich bereits aus der Definition. »Führen« bedeutet zu veranlassen, daß das „richtige“ getan wird – wobei das, was „richtig“ ist, von den Führenden bestimmt wird. Kurz und knapp: Führen bedeutet, zu veranlassen, daß das getan wird, was der Führende für richtig hält. „Selbständig Entscheidungen treffen“ kommt in diesem Konzept nicht vor – jedenfalls nicht in der Realität. Im übrigen: Woher sollen die Mitarbeiter wissen, wo „vorne“ ist – wo also sie die „Bälle hintreiben“ sollen? Für einen Mitarbeiter, der das weiß – und sich entsprechend verhält – gibt es genau zwei Möglichkeiten: a) er wird selber Entscheider, oder b) er fliegt raus. Die Erfahrung lehrt uns, daß regelmäßig b) der Fall sein wird. Weiter heißt es:

Sie müssen über Ziele und Ergebnisse führen können und regelmäßig Feedback geben.

Wie das? Die Mitarbeiter müssen führen können? Wortglöckchen im Quadrat. Hier paßt ja wirklich rein gar nichts mehr zusammen. Bolle meint: Wenn ditte der Führungsstil der Telekom sein soll, dann wundert mir jar nüscht mehr. Abschließend heißt es:

„Jetzt Artikel lesen …“

Och Nö, meint Bolle. Sapienti sat – bin schon bedient. Die Reizwörter „Empathie“ und „Vertrauen“ sparen wir uns unter diesen Umständen. Genug geklingelt. Das Gegengift zu ›Wortglöckchen‹ heißt übrigens ›Donnerhall‹. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 18-09-20 Panne-Prozente

Wenn etwas um 50 Prozent zurückgegangen ist, dann muss es um 100 Prozent steigen, um dort hinzukommen, wo man vorher war.

Gefunden in Steingarts Morning-Briefing von heute. Wer hat’s verkündet? Der BDI-Präsident Dieter Kempf. Ach was, meint Bolle, kiek ma eener an. Ist das jetzt auch wahr? Oder spielt uns hier die Mathematik einen Streich?

Wie wäre es, wenn wir „Prozent“ beispielsweise durch „Äpfel“ ersetzen? „Wenn etwas um 50 Äpfel zurückgegangen ist, dann muß es um 100 Äpfel steigen, um dort hinzukommen, wo man vorher war.“ Das ist offenkundiger Unsinn: Wenn etwas um 50 Äpfel zurückgegangen ist, dann muß es (auch nur) um 50 Äpfel steigen, um dort hinzukommen, wo man vorher war. Oder ersetzen wir die Prozente durch Prozentpunkte. Wenn etwas um 50 Prozentpunkte zurückgegangen ist, dann muß es (auch nur) um 50 Prozentpunkte steigen, „um dort hinzukommen, wo man vorher war“. Kurzum: die Prozente tanzen unbotmäßig aus der Reihe. Dürfen die das? Oder „spalten“ sie damit gar die Mathematik? Weiter heißt es dort:

Das scheinen manche in der aktuellen Diskussion zu vergessen.

Was bitteschön hat das mit „vergessen“ zu tun? Kann man Mathematik (eigentlich ja eher Arithmetik, also „Rechenkunst“) einfach so „vergessen“? Oder ist es nicht doch eher so, daß man derlei immer schon verdrängt und noch nie ernstlich gewußt hat? Zu verwirrend, das alles? Brauchen wir eine Rechen-Reform – als konsequente Fortsetzung der Rechtschreib-Reform von 1996? Damals ging es darum, mit einer aufwändigen (mit „ä“, wegen „Aufwand“) Reform Sein (üble orthographische Kenntnisse der Schüler) und Sollen (bessere Noten in Deutsch-Diktaten) wieder besser zusammen zu bringen (oder nicht doch besser „zusammenzubringen“?). Dürfen wir zulassen, daß jetzt die Prozente derart kontraintuitiv aus der Reihe tanzen?

Was Herr Kempf uns sagen will, ist möglicherweise folgendes: „Wehret den Abstiegen. Denn der Aufstieg ist aufwendiger.“ Zumindest in Prozent gemessen ist das so. Was er allerdings zu übersehen scheint, ist die erfreuliche Kehrseite der Medaille: Jede Firma, die einen Rückgang von (nur) 50 Prozent erfahren mußte, kann sich, falls sie wieder „dort hinkommt, wo sie vorher war“, eines Zuwachses von spektakulären 100 Prozent rühmen. Und das ist doch auch was wert. Also sollten wir uns das mit der Rechen-Reform doch noch mal gut überlegen – zumal die Mathematik längst nicht so duldsam ist wie die Philologie. Philolog non calculat – aus gutem Grunde wohl.

Was Herr Kempf übrigens völlig außen vor läßt: Warum in alles in der Welt will er denn unbedingt wieder „dort hinkommen, wo er vorher war“? Soo toll war das weiß Gott ja wohl auch wieder nicht. Die einzige Linie, die Bolle einleuchten würde: (1) die „nachhaltige“ Steigerung der Arbeitsproduktivität (das passiert sowieso) nebst (2) eines Verteilungsverfahrens, das dafür sorgt, daß das allen – und nicht nur einigen – zugute kommt. Die damit verbundenen Probleme sind übrigens längst gelöst – man müßte nur noch zur Tat schreiten. Die Umstände sind, Corönchen sei Dank, alles in allem recht günstig. Ein doch eher uninspiriertes back to the past scheint Bolle nach allem ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

So 06-09-20 Laber Rhabarber

›Labern‹ heißt laut Kluges Etymologischem Wörterbuch ›dummes Zeug reden‹. ›Rhabarber‹ wiederum leitet sich ab von gr. bárbaros ›fremdländisch‹. Darf man Menschen, oder auch nur Pflanzen, als „Barbaren“ bezeichnen, nur weil sie ursprünglich nicht von hier sind? Oder ist das schon „Rassismus“ bzw. zumindest Fremdenfeindlichkeit? Und das von den Griechen – der Wiege der europäischen Kultur. Bolle meint: Geht’s noch? Aber das ist ein anderes Kapitel. Hier und heute soll es uns um zeitgenössische Formen von Sprachmüll gehen – das Gender-Sprech. Im wesentlichen taucht es in gleich vier Varianten auf: (1) der Doppelnennung, (2) dem Binnen-I nebst seiner Derivate, (3) der Verlaufsform sowie neuerdings (4) dem Hack-Sprech.

Bei der Doppelnennung finden sich die Laberer und Labererinnen, die Bürger und Bürgerinnen, die Verschwörungstheoretiker und -theoretikerinnen und auch die Kunden und Kundinnen. Allerdings ist hier noch eine Steigerung möglich, wie zum Beispiel die Kundenkarte und die Kundinnenkarte. Alles schon dagewesen.

Beim Binnen-I – das ist fast schon klassisch – haben wir es mit LabererInnen bzw. Laberer*innen oder auch Laberer_innen und vielem mehr zu tun.

Besonders hübsch ist die grammatikalisch durch nichts gerechtfertigte Verlaufsform (Partizip Präsens): Hier werden aus Laberern und Labererinnen die Labernden. Immerhin ist das sprachlich schon mal ein wenig abgespeckt. Gleichwohl bleiben Bedenken: Die Labernden liegen in der Gosse und kotzen. Also kotzen die Labernden. Oder, um die Verlaufsform zu wahren: Die Labernden sind Kotzende. Oder verhält es sich womöglich genau umgekehrt? Die Kotzenden sind Labernde? Schwierig, beim Kotzen zu Labern. Für etwaige Studierende gilt nichts anderes. Auch studieren gestaltet sich beim kotzen schwierig. Allein die „Bürgernden“ müssen hier leider draußen bleiben. Bolle fragt sich: Warum darf man labernd sein, studierend, und auch kotzend – aber nicht bürgernd? Bei Lichte betrachtet ist das wirklich zurücksetzend und ungerecht. Aber auch das ist ein anderes Kapitel.

Die jüngste Entwicklung im Reigen ist das Hack-Sprech. Hack-Sprech ist die vordergründig gelungene akustische Visualisierung des Binnen-I’s: Die Laberer (Sprechpause …) innen. Die Kund (Sprechpause …) innenkarte. Oder muß es gar heißen: Die Kunden (Sprechpause …) innenkarte? Der Gebrauch von Hack-Sprech bedarf (im Vergleich zu seinem Vorbild aus der Schriftsprache, dem Binnen-I) vermutlich eines noch deutlich höheren Maßes an Chuzpe und auch Sprachverwirrung, so man es seinen Zuhörern zuzumuten gedenkt. Kann das noch als Sprachentwicklung durchgehen? Oder ist das, wie Bolle meint, einfach nur noch gaga?

Babylon (Gen 11, 1-9) – nomen est omen, by the way – war da jedenfalls ’ne Lachnummer gegen. Wie heißt es in der Bibel? „Wohlauf, lasset uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, daß keiner des anderen Sprache verstehe!“ (Gen 11, 7). Mag sein, daß es dem Herrn (vermutlich beiderlei Geschlechts) seinerzeit an Phantasie oder doch zumindest an Entschlossenheit gemangelt hat. Wozu sich verschiedenste Sprachen ausdenken, wenn man den gleichen Effekt – gründliche Sprachverwirrung, auf daß „keiner des anderen Sprache verstehe“ – mit nur einer einzigen Sprache ebenso gut erreichen kann?

Hat das ganze wenigstens einen guten Kern? Gibt es ein nachvollziehbares Motiv? Natürlich, das schon. Offenbar sollen die Leser bzw. die Zuhörer (beiderlei Geschlechts) spätestens in jedem zweiten oder dritten Satz darauf hingewiesen werden, daß es auch Frauen gibt auf der Welt. Oder muß es heißen: die Lesenden bzw. die Zuhörenden, oder, oder (siehe oben)? Wenn das das Motiv sein soll, so ist es zumindest gut gemeint – wenn auch etwas trivial. Schon in der Bibel heißt es nämlich, und zwar ziemlich gleich am Anfang: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.“ (Gen 1, 27).

Kurzum: Es gibt, wie die Bibel das nennt, „Weiber“. Das wissen wir – und falls nicht, wäre ohnehin Hopfen und Malz verloren. In dem Fall dürfte auch die penetranteste Wiederholung wenig Wirkung zeigen. Auch wußten wir das schon immer – zumindest die bibelfesten unter uns. Unnötig also, das in jedem zweiten oder dritten Satz ausdrücklich zu erwähnen – zumal es doch oft sehr zu Lasten der eigentlichen Inhalte geht. In der Nachrichtentechnik nennt man so etwas übrigens „Rauschen“ (Daten ohne Informationsgehalt). Technikern gilt Rauschen sehr zu recht als äußerst störend und gehört nach Kräften minimiert bzw. idealerweise abgeschafft. Anders formuliert: Wenn das technische Rauschen so mancher Nachrichtensendung oder Talk-Show ebenso hoch wäre wie das inhaltliche Rauschen: Kein Mensch würde sich das antun wollen. Tatsächlich verhält es sich eher umgekehrt: Trotz brillanter technischer Übertragungsqualität (Null Rauschen) finden sich immer weniger, die sich das inhaltliche Rauschen weiterhin antun wollen. Unter Bolles Studenten (beiderlei Geschlechts) jedenfalls findet sich kaum noch einer. Dann doch lieber Rezo auf YouTube.

Aber bleiben wir konstruktiv: Wenn wir schon nicht darauf verzichten können oder wollen, den Leser oder gar den Hörer völlig themenunabhängig penetrant darauf hinzuweisen, daß es auch Frauen gibt auf der Welt, dann würde es völlig ausreichen, gelegentlich (und nicht etwa in jedem zweiten oder dritten Satz) ein „beiderlei Geschlechts“ einzustreuen – tunlichst in Klammern. Also in etwa: „Die Studenten (beiderlei Geschlechts) liegen in der Gosse und kotzen. Also kotzen die Studenten gerade.“ So macht das Sinn, zumindest mehr Sinn – und sollte eigentlich auch die genderbewegten bzw. die weniger bibelfesten unter uns zufriedenstellen. Auch wäre damit Schluß mit der immer noch üblichen und durch nichts zu rechtfertigenden permanenten Zurücksetzung von Frauen. Regelmäßig werden sie nämlich erst an zweiter Stelle erwähnt („Laberer und Labererinnen“, statt umgekehrt). Bolle findet das voll ungerecht. Schließlich würde der Vorschlag auch für die gesprochene Sprache taugen. Statt „beiderlei Geschlechts“ in Klammern könnte man gelegentlich (!) „beiderlei Geschlechts“ in sozusagen „akustische Klammern“ setzen – etwa mit tonloser, tieferer, meinetwegen auch mit bedeutungsschwanger gesenkter Stimme. Gerne, je nach Zielgruppe, auch mit ironischem Unterton (beiderlei Geschlechts, of course …). Auf keinen Fall aber sollten wir hier übertreiben. Übertreibung nämlich ruiniert die schönste Rhetorik. Und das wäre doch schade – falls man wirklich was zu sagen hat. Halten wir es mit Cato dem Älteren, der sein ceterum censeo stets wohldosiert plaziert hat – nämlich so, daß aus den Zuhörenden keine Kotzenden wurden. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 04-09-20 Die Recken des Rechtsstaates

Fall Nawalny befeuert Debatte über Gaspipeline Nord Stream 2

So die Schlagzeile der Welt von heute. Endlich kommen wir der Sache näher. Bolle fragt sich schon seit Wochen: Wo bitte ist das Motiv? Wen oder was haben wir am Start?

Zunächst einmal Herrn Nawalny – einen eher unbedeutenden Provinz-Oppositionellen, der in Deutschland wohl ohne weiteres an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würde, und den hier keiner kennen würde, wenn er von der hiesigen Presse nicht hartnäckig als aufrechter Putin-Antipode hochgejazzt würde.

Dann, zum zweiten, North-Stream-Zwo – eine fast fertiggestellte Gasleitung, die Europa von umweltschädlichem amerikanischem Fracking-Gas unabhängiger machen würde und von der EU einhellig begrüßt wird.

Einhellig begrüßt? Von der gesamten EU? Natürlich nicht. Das wäre ungefähr so wahrscheinlich wie eine nackte Jungfrau im winterlichen Sommerbad bei Vollmond im Regen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Soll man solche Leute vergiften? Natürlich nicht.

Die interessantere Frage, die sich jeder Kommissar in jedem Tatort stellen würde: Cui bono? Wem nützt es? Hat Rußland oder – wie es hierzulande ja meist umschrieben wird – „Putin“ irgendein nachvollziehbares Motiv, den Mann zu vergiften? Eben nicht.

Wer dann? Das sei der Vorstellungskraft des geneigten Lesers anheimgestellt. Bolle hält sich da raus. Putin jedenfalls kommt für ihn eher nicht in die engere Wahl.

In einer kanonisierten Konfusionsmatrix – und genau darum geht es hier – gibt es immer genau zwei Dimensionen: (1) Jemand hält etwas für wahr (true) – oder eben nicht (false). (2) Etwas ist tatsächlich wahr (pos) – oder eben nicht (neg). Daraus ergeben sich genau vier Kombinationsmöglichkeiten: true/pos, true/neg, false/pos sowie false/neg. Bei zwei dieser vier Möglichkeiten, true/pos und false/neg, paßt die Einschätzung zu den Gegebenheiten – ist also konsistent. In den anderen beiden Fällen, true/neg bzw. false/pos, ist das nicht der Fall – die Einschätzung ist also fehlerhaft. Dabei können wir eine true/neg-Einschätzung ohne weiteres mit „Verschwörungsopfer“ umschreiben – jemand glaubt etwas (true), das definitiv nicht der Fall ist (neg). Den umgekehrten Fall – jemand glaubt etwas nicht, obwohl es definitiv der Fall ist (false/pos), wollen wir fortan mit „Verblödungsopfer“ umschreiben.

Ob nun jemand mit seiner Einschätzung richtig liegt, true/pos bzw. false/neg, oder ob seine Einschätzung fehlerhaft ist, true/neg bzw. false/pos, läßt sich naturgemäß erst dann und nur dann entscheiden, wenn wir die objektive Wahrheit kennen. Bis dahin bleiben alle Möglichkeiten offen: Man kann mit seiner Einschätzung richtig liegen (Konsistenz), man kann aber auch ein Verschwörungsopfer sein bzw. – und diese Möglichkeit wollen wir nicht unterschätzen – ein Verblödungsopfer.

Interessant an dieser Stelle ist allein die Verve und Beharrlichkeit, mit der potentielle Verblödungsopfer diese (rein statistisch nicht von der Hand zu weisende) Möglichkeit von sich weisen – und zwar so sehr, daß es bislang anscheinend nicht einmal einen Begriff dafür gab. Oder halten sich die Meinungsmacher für unfehlbar? Das stünde ihnen nach allem nicht gut zu Gesicht. Aber auch das ist ein anderes Kapitel.

Bei aller Liebe zur Aufarbeitung: Wenn Geheimdienste ihre Finger im Spiel haben, ist es mit der Feststellung der objektiven Wahrheit, pos bzw. neg (als Voraussetzung für eine qualifizierte Einordnung im Wahrheitsraum, siehe oben), so eine Sache. Genau genommen ist es ein Ding der Unmöglichkeit. Geheimdienste arbeiten nun mal vorzugsweise im Geheimen – und alles andere als „transparent“. Man mag das beklagen – ändern können wird man es nicht.

Wir sind also auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen: Wer hatte (1) die Fähigkeit zur Tat, (2) die Gelegenheit zur Tat, (3) ein Motiv für die Tat? Bei (1) und (2) kommt jeder Geheimdienst jedes halbwegs entwickelten Landes infrage. Verschwörungsopfer, wer’s glaubt? Oder Verblödungsopfer, wer’s nicht glauben mag? Auch hier gilt: Wir wissen es nicht.

Um so erstaunlicher das allgemeine Putin-Bashing, von der Kanzlerin über die übliche Politprominenz, die „Qualitäts-Medien“ bis hin in die hinterste Redaktionsstube. Selbst die NATO fühlt sich gefordert. Rechtsstaatlichen „Mindest-Standards“ dürfte das eher nicht genügen. Im Gegenteil: Hier wird munter drauflos gedroschen: Behauptung statt Beleg oder gar Beweis – bis hin zu der geradezu abenteuerlichen Idee, daß der mutmaßliche Täter, Putin, „kooperieren“ und doch bitteschön seine Unschuld beweisen möge. Prädikat: Gruselig, Ihr Recken des Rechtsstaates. Werft lieber mal einen Blick in das StGB und die StPO. Die sind zwar hier nicht einschlägig – erhellen aber gleichwohl die rechtsstaatlichen Grundsätze.

Daß sich Geheimdienste überhaupt hin und wieder veranlaßt sehen, einzelne Personen aus dem Weg zu räumen (zu „liquidieren“, wie es im internen Jargon vornehm heißt) mag man beklagen – will es doch so rein gar nicht in such a wonderful world (Satchmo) passen. Trösten wir uns mit Mr. Spock: Logic clearly dictates that the needs of the many outweigh the needs of the few. Was aber unter dem „Wohl der vielen“ zu verstehen ist, entscheiden wiederum die Geheimdienste – bzw. deren Regierungen. Auch hat das nichts mit „bösen Russen“ zu tun. So soll es zum Beispiel einen amerikanischen Friedensnobelpreisträger (!) geben, der dem vermuteten Wohl der vielen einige Tausend „wenige“ geopfert hat, indem er ihnen fleißig Drohnen aufs Dach geworfen hat. Und wir reden hier nicht von einem Einzelfall. Die Welt ist nun mal schlecht und mitunter ungerecht. Aber auch das ist ein anderes Kapitel.