So 13-09-26 Der Durchmarsch der Deppen

Küchenkonversation statt Kindergarten (The Ladies‘ home journal 1948).

Alle Menschen sind gleich! Denkste! Alle sind verschieden! So wird ein Schuh draus. Der eine ist dicker, der andere dünner, die eine ist schlauer, die andere dümmer, der eine ist länger, der andere dagegen reicht da nicht mal ran, selbst wenn er sich auf Stelzen stellte. Und so weiter, und so fort. Man nehme ein x-beliebiges Merkmal (wie das in Bolles Kreisen vornehm heißt), operationalisiere es (überführe es also in Zahlenwerte) und schwupps – schon hat man eine Gaußverteilung: Da gibt es den Durchschnitt (man könnte auch sagen: das Mittelmaß) mit etwa zwei Dritteln der Grundgesamtheit, und da gibt es Überdurchschnittliches und Unterdurchschnittliches (mit jeweils etwa einem Siebentel), und schließlich gibt es noch ›top‹ und ›ui‹ (wie das in Bolles Kreisen heißt). Dabei steht ›ui‹ für ›unterirdisch‹. Zusammengenommen machen top und ui allerdings nur knapp 5% aus. Demnach ergibt sich das folgende Bild – wie neuerdings immer mit Bolles Luftballöngern, um der Graphik ein wenig die Schärfe zu nehmen.

Ei, der Gauß …

Aber das ist ja furchtbar! Ist es das? Zumindest ist es mathematisch – und damit nur ganz schlecht zu ändern. Und zwar weder im Kapitalismus – und auch nicht in einem wie auch immer gearteten Sozialismus. Bolle meint, da kannste nüscht machen. Oder, wie Bolles liebe gute alte Großmama gelegentlich zu sagen pflegte: Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Zum Glück ist es ja nicht so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch die Bank weg top wäre oder eben ui. Der eine kann dies, der andere kann jenes gut oder zumindest gut genug, um es zur Grundlage eines erfüllten und nützlichen Lebens zu machen. Der Trick – falls man das so nennen mag – kann doch nur darin bestehen, das zu tun, was einem liegt, und alles andere ebenso tunlichst wie weise bleibenzulassen.

Aber macht das mal den Bildungspolitikern klar oder gar den Pädagogen. Offenbar sind 2.500 Jahre praktischer Erfahrung bei weitem noch nicht lang genug. Da stolpert man von einem „hochmodern kreativ-innovativen“ Ansatz zum nächsten und wundert sich, daß man nicht recht weiterkommt. Dieser Tage hat sich – etwa eine Generation nach der ersten einschlägigen Erhebung – in der sogenannten PISA-Studie einmal mehr gezeigt, daß es stetig steil bergab geht mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen. Man könnte glatt sagen: Nie war man dümmer als heute. Bolle möchte lieber gar nicht so genau wissen, wie solche Studien zustandekommen. Beschränken wir uns hier und heute auf das Stichwort ›Bildungsgerechtigkeit‹: Es sei, so hört man, völlig ungerecht, daß Kinder aus „unterprivilegierten“ Schichten schlechter abschneiden als Kinder aus den höheren Schichten. Das müsse man natürlich ändern – und zwar sofort, of course. Allerdings meinte man das damals schon. Passiert ist allerdings herzlich wenig in den letzten 25 Jahren.

Die Entschlosseneren meinen ja, man müsse dem Leistungsprinzip wieder mehr zur Geltung verhelfen. Lernen sei nun mal kein Zuckerschlecken. Was ist da dran – falls überhaupt was dran ist? Nun – abgesehen davon, daß Bolle Zucker weder mag noch braucht, glaubt er – falls er überhaupt was glaubt – an Entwicklungspsychologie. Und da gibt es nun mal so etwas wie Zeitfenster beziehungsweise, neudeutsch, „windows of opportunity“. Man könnte auch sagen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Zumindest aber lernt Hans es nur mit einem völlig ungehörigen Aufwand.

Bei Bolle war das anders. Bei Bolle war es so, daß seine Frau Mama eine – wie man heute sagen würde – Tradwife war. Seinerzeit hieß das noch ›Hausfrau‹ und war ein durch und durch anerkannter und ehrenwerter Beruf. Und so kam es, daß Bolle – in der Küche auf dem Boden sitzend – seiner Frau Mama bei der Hauswirtschaft assistieren durfte. Dabei ist assistieren vielleicht ein wenig übertrieben. Schließlich hatte er wenig mehr zu tun als zuzuhören: „So – Mama schneidet jetzt die Kartoffeln. Dann kommen sie in den Topf …“. Und so weiter, und so fort. So ging das den ganzen Tag. Natürlich hatte Bolles Frau Mama nicht mit High Heels in der Küche gestanden. Auch war der Kühlschrank nicht so groß wie auf unserem Bildchen – und auch nicht so überschwenglich voll. Weniger amerikanisch, halt – dafür aber sehr viel gemütlicher. Vor allem aber: Mama war da und ansprechbar. Das war der wichtige Punkt – wie Bolle heute weiß.

Kurzum: Bolle ist von ganz klein an mit Sprache aufgewachsen. Er hatte sie den ganzen Tag im Ohr. Und irgendwann wurde ihm klar, daß es auch schriftliche Sprache gibt – die es natürlich zu entschlüsseln galt. Und zwar nicht etwa wegen irgendeines „Leistungsprinzips“, sondern allein aus Lust am Lesen, aus reinem Interesse. Bolle kann sich noch daran erinnern, wie er einst versucht hatte, die Aufschrift auf dem Klo-Spülknopf zu entziffern. Dort stand ›DAL‹ – der Markenname eines der damaligen Hersteller. Das ›A‹ kannte er schon. Daß in ›Wasser‹ ein ›A‹ vorkommt, war ihm ebenfalls klar. Und so gebot ihm die schiere Logik zu vermuten, daß dort ›Wasser‹ stehen  k ö n n t e . So macht Lesen lernen Spaß – und zwar ganz ohne jedes „Leistungsprinzip“.

Mit dem Schreiben verhielt es sich ähnlich. Bolle weiß heute noch, daß er stundenlang irgendwelche Buchstaben, die er schon kannte, nach dem Zufallsprinzip aneinandergereiht hatte und von seiner Frau Mama – die schließlich immer da war – wissen wollte, ob das was heiße, was da steht? Einmal war ihm, rein zufällig, ›BEIN‹ gelungen. Sein erster schriftlich gefaßter Begriff. Mama war entzückt – und Bolle stolz wie Bolle. Und so nahm es nicht weiter Wunder, daß er locker-lässig lesen konnte und auch schreiben – lange bevor ihm irgendwelche Pädagogen mit derlei auf die Pelle rücken konnten. Tja – mit der Hausfrau und der Küche ist es halt wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Aber wir waren bei Entwicklungspsychologie. Hier gilt: So etwas läßt sich nicht aufholen in späteren Jahren – nicht mit allem Geld der Welt. Never ever – wobei wir unter ›späteren Jahren‹ ein zartes Alter von vielleicht 6 oder 7 verstehen können und müssen. Soviel also zu „Bildungsgerechtigkeit“.

Natürlich kann einem leicht etwas langweilig werden, wenn die Pädagogen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit wenig Neuem aufzuwarten wissen. Allein Bolle wußte sich schon immer auch so zu beschäftigen. So beliebte sein Französischlehrer, wohl nicht ganz zu Unrecht, ihn stets mit „Monsieur le Rêveur“, also „Herr Träumer“, anzusprechen und ansonsten in Ruhe zu lassen. Aber immer noch besser als unter verhaltensgestörten – heute heißt das ja verhüllend „verhaltensauffälligen“ – und dabei naturgemäß lerngestörten Mitschülern zu sitzen, die man aus reinem pädagogischen ›Alle Menschen sind gleich‹-Impetus meint, „inklusiv“ unterrichten zu müssen. Oder unter Mitschülern, die nicht einmal die Sprache sprechen und also auch kein Wort verstehen, oder bestenfalls kaum. Kann das funktionieren? Natürlich nicht! Die armen Lehrer! Sind die Mitschüler deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht! Nur sind sie eben völlig fehl am Platze. Es schadet allen und nützt keinem. Im Grunde verhält es sich wie mit unserem Mathildchen vom So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe? Hier müssen wir auf der Ordinate nur ›common sense‹ durch ›Gedeihlichkeit‹ (der Lernerfahrung und des Lernerfolges) ersetzen. Sonst ändert sich nüscht.

Wie sich die Mathildchen gleichen …

Das nicht zu sehen – beziehungsweise gar nicht erst sehen zu  w o l l e n , nachgeradezu zu leugnen – das ist es, was Bolle zu unserer heutigen Überschrift angeregt hat: derb zwar, aber kommt durchaus von Herzen. Für eine Volkswirtschaft nämlich, die außer ihrem Humankapital – mit Lesen, Schreiben, Rechnen als essentialia educationis, als unverzichtbarer Grundlage also – wenig in die Waagschale zu werfen hat, könnte das ein richtig böses Erwachen geben. Kieken wa ma, was passiert. Allein, wie heißt es doch so schön in Bolles Kreisen?

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

In Anlehnung an ›Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz‹ (vgl. dazu So 30-08-26 META – make everybody think again) könnte man vielleicht sagen: Freude am Können sieht nur von unten aus wie Leistung. Ist die Freude erst einmal erweckt – und das geht nun mal nur in sehr, sehr jungen Jahren – dann ergibt sich der Rest wie von selbst. Jeder spätere Versuch, da irgendwas zurechtzustoppeln, ist allenfalls ›a very Ersatz‹ (wie die Yanks das trefflich nennen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-08-26 Wenn die SoFi zweimal schlingelt

SoFi in Niederösterreich (Fritz Bachner 2026: Spitze auf der Spitze).

Heute wollen wir uns – zum einen aus aktuellem Anlaß, zum anderen und vor allem aber, weil unsere letzten Sonntagsfrühstückchen manchem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), wie wir hörten, doch eher etwas schwerer verdaulich haben erscheinen wollen – mit etwas leichterer Kost begnügen.

Letzten Mittwoch war mal wieder eine SoFi – nicht nur am Himmel über Berlin. Unser heutiges Bildchen zeigt sie über der Basilika in Sonntagberg in Niederösterreich. Mit etwas finsterer Phantasie könnte man hier durchaus nicht nur eine ›Spitze auf der Spitze‹ erkennen (wie der Künstler meint), sondern, tout au contraire, ein Menetekel für die Islamisierung des Abendlandes. Aber Nein: Derlei Dingen wollen wir uns heute enthalten. Also Schluß damit.

Die letzte Sonnenfinsternis, an die sich Bolle lebhaft erinnern kann, war jene im August 1999 mit einer Abdeckung von knapp 87 Prozent.  D a s  war noch was: Mitten am hellen Vormittag verfinsterte sich die Sonne, es wurde schlagartig dunkler und auch sehr viel kühler. Man konnte sie einfach nicht überspüren, die SoFi –  m i t  Ausrüstung oder ohne. Sie war einfach da.

Bolle fühlte sich seinerzeit natürlich sofort an die Schlacht am Halys (585 v. Chr.) erinnert. Seinerzeit standen sich zwei der damaligen Großmächte – die Meder (Vorfahren der Perser) und die Lydier (ein Volk, das sich dann aber zunächst unter den Griechen und schlußendlich unter den Römern rückstandsfrei hat auflösen sollen – sehr zum Unmut der damals Herrschenden, vermutlich, aber so geht nun mal Geschichte) waffenstarrend gegenüber, und tüchtig zu meucheln, das war ihr Sinn. Dann aber kam die SoFi – also eine  r i c h t i g e , eindrucksvolle SoFi – und aus  w a f f e n starrend wurde von jetzt auf gleich  e r starrend. Man kam nach kurzer Erörterung der Lage zu dem Schluß, daß der Fluß Halys schließlich eine naturgegebene, nachgeradezu natürliche Grenze sei, die anzuerkennen wohl keine schlechte Idee sein würde – und ließ alles Meucheln fahren. So einfach kann es gehen, wenn man nicht allzu verstockt ist und man sich einen gewissen Respekt – beziehungsweise eine gewisse Demut gar – vor höheren Mächten bewahrt hat.

Diesmal aber war alles anders. Zwar sollte die Abdeckung mit 85 Prozent ganz ähnlich sein wie seinerzeit in Göttingen. Aber eine Finsternis, bei der rein gar nichts finster is? Das einzige, was hier stimmt, sind Reim und Rhythmus. Alles andere ist ein Widerspruch in sich.

Das Bemerkenswerteste aber: Vollends beschäftigt mit der Justage der Technik, war Bolle zunächst gar nicht aufgefallen, daß von Finsternis überhaupt keine Rede sein konnte. Sagen wir so: Wenn er nicht gewußt hätte, daß er gerade Zeuge einer Sonnenfinsternis ist: Er hätte nichts bemerkt – und zwar rein gar nichts. Ist doch nicht seriös …

Der Himmel über Berlin. (Bolle featuring Wim Wenders 1987).

Hier sehen wir immerhin einen Hauch von SoFi. Wenn man in die Sonne guckt: Links unten ist es deutlich dunkler. In der Vergrößerung sieht sie übrigens aus wie ein daherfliegender flauschiger Tennisball in Rot. Im Hintergrund (oder müßte es nicht besser heißen: im Vordergrund?) sieht man (höchst unscharf, aber bitteschön) ein Stück Berliner Häuserschluchten – dank Bolles exponierter Position im siebenten Stock fast schon aus der Vogelperspektive. Darüber zeigt sich der übliche Berliner Sonnenuntergang – mit allem abendlichen Streulicht, das er nur aufzubieten hat. Das Streulicht nämlich war – wie soll man sagen? – der Fehler in der Matrix. Das Sonnenlicht hat in der Abenddämmerung einen elend langen Weg durch die Atmosphäre hinter sich – und macht dabei das Naheliegende: Es streut und streut und streut. Die direkte Sonneneinstrahlung und damit eben auch der Abdeckungsgrad geraten dabei völlig unter ›ferner liefen‹. Unter diesen Umständen, da ist sich Bolle sicher, hätten die Meder und die Lydier munter weitergemetzelt.

Kurzum: Zwar hatte die Sonnenfinsternis diesmal schon einiges mit der Sonne, aber nur wenig mit einer Finsternis zu tun. Allein wo bleibt das Positive? Das Positive ist, daß wir in diesem Falle unmöglich die Regierung dafür verantwortlich machen können. Die nämlich befindet sich in den Sommerferien – da kann sie wenigstens nur wenig Schaden anrichten – und hat damit diesmal wirklich rein gar nichts zu tun. Oderr? (wie die Schwiizer sagen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-07-26 De arte subtrahendi – Weniger ist mehr

Die Kunst des Weglassens.

Ein heikles Thema heute – das ist Bolle klar. Allein: was soll’s? Haben nicht auch heikle Themen ihre Existenzberechtigung? Als Kate Moss 2009 mit ihrem Spruch herauskam, war die allgemeine Empörung größer als sie es wohl hatte ahnen können. ›Sie rede der Magersucht das Wort‹ war wohl noch eine der harmloseren Reaktionen. Allein darum soll es uns hier gar nicht gehen. Soll doch jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) machen, was er will. Bolle hält sich da tunlichst raus.

Gleichwohl scheint es so zu sein, daß der Umgang mit Kargheit evolutionär angelegt ist. Daß es jeden Tag was zu futtern gibt, mehrmals täglich sogar, ist entwicklungsgeschichtlich sozusagen der neueste Schrei. Da muß man sich erst dran gewöhnen. Nur wie?

Bolle ist ja eher minimalistisch inspiriert. Im übrigen hat er einen gewissen Hang zu exzentrischer Ästhetik. Und so kam es, daß er eines Tages feststellen mußte, daß bei seinem Lieblingsgürtel, den er seit rund hundert Jahren täglich anhat, das erste Loch auszufransen drohte. Als er ihn seinerzeit gekauft hatte, war das fünfte und letzte Loch das passende. An solchen Kleinigkeiten merkt Bolle, fernab aller Kalorienzählerei, daß sich da auf die ganz lange Sicht doch etwas in eine ganz falsche Richtung zu bewegen scheint. Um es mit Reinhard Meys ›Das Geheimnis im Hefeteig oder der Schuß im Backofen‹ (1971) lyrisch zu fassen:

🎶 Soweit ich mich noch erinnern kann
Fing alles mit meinem Gürtel an
Meinen Gürtellöchern, genauer gesagt
An einem 12. war’s, an einem Donnerstag 🎶

Jedenfalls hat Bolle seinen Lieblingsschuster aufgesucht, sich bitter beklagt und um Abhilfe gebeten. Der Schuster, ein durchaus frecher, aber grundehrlicher Sachse, strich sich über sein wohlentwickeltes Bäuchlein – wohl um damit anzudeuten, daß da die Wurzel allen Übels liegen und jede Schusterkunst an ihre Grenzen stoßen könnte. Bolle hatte verstanden.

Was tun? Nun, angesichts seiner rudimentären anthropogenetischen Grundkenntnisse fühlte er sich glatt veranlaßt, seinen Senf zu Kate Moss’ Spruch dazuzutun (siehe unser Schildchen) – und vor allem fürderhin zu beherzigen.

Und? Die Moral von der Geschicht? Sagen wir so: Das Universum reagiert. Oder: Yoga funktioniert. Oder wie auch immer. Zwar soll man auch hier nichts übertreiben. Eine gewisse langmütige Entschlossenheit – Creating a Life Practice, wenn auch mit gelegentlichen Unterbrechungen (vgl. dazu So 01-02-26 Yoga für Agnostiker) – bleibt aber offenbar nicht ohne Wirkung. Das eitle Problem mit dem ersten Gürtelloch jedenfalls hat sich zwischenzeitlich erledigt. Bolle steuert munter auf das fünfte zu. Wäre ja gelacht! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 10-05-26 Muttertag

Vita fugit – Wusch und weg.

Hier unser immerhin schon viertes Sonntagsfrühstückchen in Folge zum Muttertage. So schnell kann’s gehen. Praktischerweise fällt der Muttertag ja immer auf einen Sonntag – so daß wir das gewissermaßen en passant berücksichtigen können.

Vita fugit – Das Leben flieht. Oder, in Bolles freier Übersetzung und dabei in Anlehnung an einen klassischen Werbeslogan für Küchentücher – den es übrigens seit 1972 schon gibt: Wusch und weg. Küchentücher und Muttertag: Bolle findet, das hat was – rein thematisch. Ist das mit den Küchentüchern an den restlichen 364 Tagen des Jahres doch ständige Übung für Muttern. Zumindest am Muttertage aber sollte man vielleicht doch eher darauf achten, die Frau Mama von Haushaltspflichten einschließlich aller Küchentücher möglichst fernzuhalten. Das scheint ja wohl der Sinn der Sache.

Unser Bildchen mag als Allegorie auf das Leben an sich verstanden werden. Stellen wir uns vor, wir säßen – völlig out of bounds, also losgelöst von allem und jedem – in einem dahinbrausenden Zug und würden dabei, als reiner Beobachter, einen Blick auf das Geschehen werfen – ein Geschehen, das wir bei weniger dissoziierter Perspektive „unser Leben“ zu nennen geneigt sind. Dabei würde unmittelbar klar, daß jede, wirklich jede Szene, die wir sehen, von einzigartiger Einzigartigkeit ist. Gerade haben wir zwei im Wald versteckte Windräder im Blick. Sekunden später aber schon ergeben sich ganz andere Bilder. Ein stetes Kommen und Gehen.

Natürlich kann kein Mensch im wirklichen Leben so leben. Leben – namentlich das vita activa, das übliche tätige Leben also – ist auf Kontinuität angelegt. Wenn ich zum Beispiel heute eine Verabredung treffe für in, sagen wir, zwei Wochen, dann will und muß ich davon ausgehen können, daß mein meeting mate (also mein Gesprächspartner) bis dahin auch noch unter den Lebenden weilen wird – und nicht etwa, wie die Windräder in unserem Bildchen, längst dem Diesseitigen enthoben ist. Daneben aber gibt es – oder sollte es zumindest geben – das in keinster Weise weniger wichtige vita contemplativa, das besinnlichere Leben. Dort gilt es selbiges in Rechnung zu stellen.  K e i n e  Macht der Welt nämlich kann uns garantieren, daß in vierzehn Tagen alles noch so ist, wie wir das heute erwarten würden. Nicht einmal in fünf Minuten – und auch nicht in einer einzigen. Bei „Bolle featuring Goethe“ klänge das in etwa wie folgt:

Wer nicht von diesen zwei Verfahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

Dabei ist mit ›diesen zwei Verfahren‹ natürlich der allfällige switch zwischen vita activa und vita contemplativa gemeint, of course. Einem Agnostiker aber, und erst recht einem Mystiker – also einem, der seine Kontemplation ernst nimmt – sollte das Hin und Her zwischen den beiden Erlebensformen  („Verfahren“) mit zunehmender Übung immer besser gelingen. — Aber ist das alles nicht doch furchtbar anspruchsvoll? Sicherlich. Allein, was will man machen? Zwar ist vita contemplativa weiß Gott nicht alles – da ist vita activa vor – aber ohne vita contemplativa ist nun mal alles nichts. Und zwar rein gar nichts. Darum ja nicht zuletzt die 12chen, by the way … (zum Nachschlagen zu finden über die Suchfunktion).

Damals, bei unserem ersten einschlägigen Frühstückchen, hatten wir uns veranlaßt gesehen, abschließend anzumerken: Sic crustula friatur − wenn der Keks erst mal zerbröckelt ist −, dann ist es definitiv zu spät. Lasset also die Bräsigkeit fahren, und das Ego gleich mit − und bewegt Euren sprichwörtlichen Arsch. Nun ist es egal, ob wir von zerbröckelten Keksen reden oder von ab- oder vorübergefahrenen Zügen: Zu spät ist zu spät – da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Auch nützen da die sich nur allzu oft einstellenden langen Gesichter nichts mehr. Wie meinte doch Bolles lieber guter alter Guru stets?

Wer den Krug trägt, wenn er ihn trägt,
und die Scherben gelassen beiseite fegt
ist dem Weg nahe.

Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 12-04-26 Zeitreisen bildet – beziehungsweise Nein heißt Nein

Nein heißt Nein! – Könnte es so einfach sein?

Reisen bildet. So sagt man. Zum geflügelten Wort gemacht hat das in unseren Breiten Matthias Claudius (1740–1815) mit ›Urians Reise um die Welt‹ (1786). Dort heißt es:

Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen.
Drum nähme ich den Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.

Zum Ende des Gedichtes heißt es dann aber, ausgesprochen ausgenüchtert:

Und fand es überall wie hier,
fand überall ein’n Sparren,
die Menschen grade so wie wir,
und eben solche Narren!

Das kommt Bolle sehr entgegen. Von Haus aus eher reisefaul wie fast alle Urberliner hatte er sich schon immer mehr auf Zeitreisen verlegt. Natürlich nicht so wie in H. G. Wells‘ ›Zeitmaschine‹ (1895) oder Robert Zemeckis / Steven Spielbergs Trilogie ›Zurück in die Zukunft‹ (1985–1990). Eher ganz realistisch wie etwa in André Hellers ›Abendland‹ (1976):

Die bestürzende Möglichkeit der Verwandlungen meiner Figur
in andere Figuren und Schauplätze:
In den Von der Vogelweide,
Cervantes, Appollinaire und James Joyce,
Kinderkreuzzüge, Scheiterhaufen, Guillotinen, Kolonien der Ehrlosigkeit,
In Hurenböcke auf Heiligem Stuhl.
Expeditionen an den Saum des Bewußtseins …

Zeitreisen waren, so verstanden, schon immer durchaus möglich. Allerdings war man bis vor nicht allzu langer Zeit allein auf Bücher angewiesen – auf Bücher und auf seine Vorstellungskraft.

Heute haben wir Photos – Photos und vor allem Filme. Wenn Bolle Geschichtslehrer wäre, würde er seine Eleven zunächst einmal multimediamäßig mittels geeigneter Filme in die jeweiligen Zeiten eintauchen lassen, damit die überhaupt erst mal eine ungefähre Vorstellung davon entwickeln können, um was es überhaupt geht – ganz nach Faustens fester Überzeugung (in der Nachtszene mit Wagner im Schlafrock):

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.

Nun – dieser Tage sind Bolle eher zufällig die letzten Szenen der ›Legende von Paul und Paula‹ (DDR 1973 / Regie: Heiner Carow / mit Winfried Glatzeder als Paul und Angelica Domröse als Paula) mal wieder zu Augen gekommen. Bolle dachte nur: Zeitreise pur. Ein wenig verhält es sich damit ja wie mit Omas „Kinder, seid ihr groß geworden!“.

In den Schlußszenen geht es darum, daß Paul, letztlich ein kleines, aber staatstragendes Rädchen im Getriebe, beschließt, den Staat Staat und seine Ehe Ehe sein zu lassen, seinem Herzen zu folgen und endlich seine Paula zu erobern. Er begibt sich zu ihrer Wohnung. Da niemand öffnet, klingelt er bei der Nachbarin und fragt, gewählt zuvorkommend: „Wäre ein Beilchen da oder eine Axt, gute Frau? Besser eine Axt.“ Man reicht ihm das gewünschte Werkzeug. Damit schlägt er – in der Filmerzählung mit zwei Schlägen, im Film selbst mit etwas mehr Aufwand – die Wohnungstür ein. Paula liegt bereits im Bette, einen tüchtigen Schluck Kirschwhisky intus.

Würde man so etwas heute machen, hätte man vermutlich stante pede ein bis an die Zähne bewaffnetes Sondereinsatzkommando am Halse. So aber meinte Paul, daß er nun komme. Paula meinte Nein! Paul aber, unbeirrt, geht weiter auf sie zu – und fängt sich ein paar Ohrfeigen ein. Paula meint immer noch Nein! Mehrmals sogar. Zerfetzt ihm gar das Gewand. Ist das jetzt sexualisierte Gewalt – oder ist es einfach nur Balz? Der Mund schreit Nein, der ganze Rest von Paula, der schreit Ja! Und nun? Das liegt wohl hinter Hülsenfrüchtchens Horizont. Aber was will man machen in einer Welt, die sich nun mal in den Kopf gesetzt hat, nicht einmal mehr wissen zu wollen, ob etwas Männlein oder Weiblein ist (jeweils beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Denken wir hier nur an das ›Nein-heißt-Nein‹-Gebot, wie es seit der letzten Verschärfung 2016 in § 177 StGB steht, beziehungsweise, schwer im Kommen in diesen unseren Zeiten, das noch deutlich schärfere ›Nur-Ja-heißt-Ja‹-Gebot. Rechtssicher bliebe da nur Balzverhalten unter streng notarieller Aufsicht. Setzen wir also in jeden Bus, in jede Bar, in jeden Fahrstuhl gar, einen einschlägig qualifizierten Notar. Bolle meint: Das kann ja was werden. Aber heißt es nicht mitunter – vgl. etwa So 13-10-24 Die beste Lösung – ?

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

Paula jedenfalls liebte ihren Paul so sehr wie er sie, und war dafür mit Freuden gewillt, gegen jeden ärztlichen Rat eine Hochrisikoschwangerschaft in Kauf zu nehmen, an der sie dann tatsächlich auch gestorben ist.

Für so viel Romantik, das sieht Bolle ein, ist in unseren vorgeblich ach so nüchternen Zeiten natürlich nur noch wenig Raum.

Wie soll man sagen? Vielleicht so: Ohne Geist? Is Essig meist! Oder so? „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt“ – wie Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), der alte Göttinger Spötter und Zeitgenosse von Matthias Claudius, das seinerzeit einmal gefaßt hat. Und so läuft alles auf die alte Frage hinaus: Wie wollen wir leben? Vernünftig – oder lebenswert? Da es mit ›vernünftig‹ ja ohnehin nicht sonderlich weit her ist – conditio humana, halt –, bleibt eigentlich nur lebenswert. Doch verklickert das mal einem heillos verhedderten Hülsenfrüchtchen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 29-03-26 Vor Jahr und Tag

Sic crustula friatur − Da geht er hin, der Keks.

›Vor Jahr und Tag‹ – welch wunderbare Wendung. In erster Linie ist damit gemeint, daß etwas doch schon ganz schön lange her ist. Repopularisiert beziehungsweise überhaupt erst wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen hat sie, soweit Bolle sehen kann, Reinhard Mey mit seinem einschlägigen Liebeslied (1974). Das allerdings war auch schon wieder vor Jahr und Tag.

Umgekehrt – und noch viel weniger gebräuchlich – gibt es allerdings auch die Wendung › N a c h  Jahr und Tag‹. Sie stammt aus dem mittelalterlichen Rechtswesen. So war etwa ein leibeigener Bauer, der es geschafft hatte, in eine Stadt zu entfliehen, nach Jahr und Tag seiner Dienstverpflichtung ledig. Daher auch: Stadtluft macht frei. Das war durchaus wörtlich zu verstehen.

Indes, es gibt noch eine weitere Bedeutung – und davon soll hier die Rede sein. Demnach bedeutet ›Nach Jahr und Tag‹ nicht weniger als den Ausbruch aus einer linearen Zeitauffassung – ein Konzept, das die Physiker ›Zeitpfeil‹ (Eddington 1927) nennen, wohl wissend, daß das durchaus noch nicht der Weisheit letzter Schluß gewesen sein dürfte. Man denke nur an gewisse Phänomene in der Quantenphysik oder – im kosmischen Maßstab – an das Big-Bang-Theorem. Dabei kann ›Ausbruch‹ nichts anderes bedeuten als die Rückbesinnung auf eine zyklische Auffassung der Zeit. Nicht nur die Erde dreht sich – auch die Zeit tut womöglich selbiges: Wie sprach doch gleich der Herr zu Noah? Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Genesis 8, 22).

Kurzum: Um derlei zu pflegen, braucht es so etwas wie Zeitsinn. Ein linearer Zeitpfeil wäre da das letzte, was Sinn machen würde. Dem kommt – zumindest in unseren Breiten – das christliche Kirchenjahr wohl noch am nächsten. Nicht zuletzt nämlich dient es der Orientierung. So heißt es zum Beispiel in Fontanes ›Unterm Birnbaum‹ (1885): Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß es die Hradscheck nicht lange mehr machen werde. Selbstredend, daß jeder, wirklich jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wußte, wann ›Johanni‹ war – am 24. Juni nämlich, exakt ein halbes Jahr  v o r  beziehungsweise auch  n a c h  Weihnachten, je nachdem. So ist das bei Zyklen.

Kurzum: Wenn man in Zyklen denkt – und vor allem auch fühlt –, dann schießt das Leben nicht so leichtfüßig zeitpfeilmäßig an einem vorbei. Vielmehr retourniert es regelmäßig – um es mal etwas altbacken auszudrücken. Ausgesprochen fein formuliert hat das übrigens Erich Kästner vor nunmehr fast genau einhundert Jahren schon in seiner ›Ansprache zum Schulbeginn‹ (1925). Dort heißt es:

Laßt euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telephonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. … Aber müßte man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne den Keller mit den duftenden Obstborten und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel?

Nun – treppauf und treppab gehen im Leben kann nur funktionieren, wenn man sich einen gewissen Zeitsinn bewahrt hat oder wieder errungen. Und so zieht Bolle das zyklische Zeiterleben definitiv vor.

Na, und denn –? Irgendwann einmal ist Schluß mit lustig. Und auch mit retournieren. So heißt es bei Wilhelm Busch in ›Eduards Traum‹ (1891): Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär’s der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre.

So  i s t  das dann eben. Also: So long to all you Mariannes – oder wie auch immer ihr geheißen haben mögt auf Erden. Und natürlich auch beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course. Aber wie heißt es doch so trefflich im Chorus mysticus – gewissermaßen der Quintessenz des gesamten Faust’schen opus magnum, unmittelbar vor dem Finis?

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Ja, kann man denn ›vanitas‹, die altehrwürdige Einsicht in die unabänderliche Vergänglichkeit allen Erdenseins, die sich mindestens bis ins 3. Jahrhundert vor Christi Geburt zurückverfolgen läßt, noch schöner und dabei noch hoffnungsfroher umschreiben? Dabei wollen wir – bevor irgendein Hülsenfrüchtchen zum Meckern ansetzen kann – das ›Ewig-Weibliche‹ natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts verstanden wissen, of course – auch wenn es uns wenig überzeugend scheint. Auch wollen wir „Ereignis“ in der Rudolf-Steiner-Interpretation verstehen. Der nämlich meinte, erstens reime sich ›Erreichnis‹ schöner auf ›Gleichnis‹ und zweitens und vor allem sei es inhaltlich sehr viel richtiger. Eckermann nämlich, Goethes Famulus und auch Faktotum, sei seinerzeit über dessen nie abgelegten ausgeprägten Frankfurter Dialekt gestolpert – und so wurde aus dem eigentlich gemeinten ›Erreichnis‹ in der abschließenden schriftlichen Fassung dann eben ein zwar wenigsagendes, dafür aber hochdeutsches ›Ereignis‹. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-03-26 Dringlich, oh so dringlich sein

Dringlich, oh so dringlich sein …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens ist angelehnt an das – zumindest nach Bolles Befund – ebenso inoffizielle wie zeitlos knackige Motto der Erstausgabe der ›Titanic‹ vom November 1979: Böse, oh so böse sein! Das allerdings ist mittlerweile auch schon wieder länger her. Aber so ist das nun mal mit der Rezyklierbarkeit von Klassikern: Einer geht noch! Nicht immer, aber öfters mal.

Auch wollen wir uns – nach den doch etwas schwereren Frühstückchen der letzten Wochen – heute wieder mehr der leichten Muse zuwenden und dabei – rein aus Gründen der Äquilibristik – zur Abwechslung mal wieder etwas kürzer fassen.

Vielleicht ist Bolle ja einfach nur zu empfindlich. Allein es gibt Dinge – durchaus auch Kleinigkeiten –, die stoßen ihm doch eher übel auf. So etwa die Meldung, die einem aufs Handy gespült wird, wenn man einen Blick auf sein Postbank-Konto werfen will. Das Procedere geht wie folgt: Man meldet sich mit seinen Benutzernamen („ID“) an und muß dann – so viel Sicherheit muß sein – via Handy ein Paßwort eingeben, um damit ins System zu kommen.

So weit, so gut. Allein – was soll das ›Dringlich‹ in unserem Schildchen? Handelt es sich doch um ein und denselben Arbeitsschritt. Man  w e i ß  doch, daß man sich anmelden will. Jetzt! Umgekehrt: Was würde passieren, wenn man die Paßwort-Eingabe, von wegen abgelenkt sein oder so, schlichtweg versemmelt – die Dringlichkeit also schlechterdings ignoriert? Eben. Nichts. Man erhält die Meldung ›BestSign Freigabe abgebrochen‹ und muß sich dann halt erneut anmelden – und zwar dieses mal richtig. Gemessen an dem Aufwand, den man mit dem Procedere ohnehin hat, ist das durchaus eine Petitesse.

Und so hat Bolle den Eindruck, daß es sich hierbei eher um so eine Art von habitualisiertem Unter-Strom-Stehen handeln könnte. Die halbe Welt krankt daran – zumindest die westliche Hemisphäre.

Mit ›vita contemplativa‹ – einem besinnlichen beziehungsweise gar besonnenen durchs Leben schweben – hat das so rein gar nichts mehr zu tun. Auch nicht mit seinem Gegenstück ›vita activa‹, dem tätigen Leben – ein Begriff, den Hannah Arendt mit dem deutschen Titel ihres Hauptwerkes (1958/1960) repopularisiert hat. Man  t u t  ja im Grunde nichts – außer wie ein Blatt im Winde von Dringlichkeit zu Dringlichkeit zu wirbeln. Bolle meint, das alles lappe doch schon sehr in so eine Art ›vita furiosa‹ – ein durchhuschtes oder gar durchhecheltes Leben. Nun denn – jeder, wie er kann und mag.

Diese drei – wie soll man sagen? – Lebensformen trefflich auf den Punkt gebracht hat übrigens die auch schon wieder über hundert Jahre alte typisch Berliner Proposition ›Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie‹ (vgl. dazu etwa So 15-09-24 Volk unter Strom). Und laß Dich vor allem nicht von Dringlichkeiten durchdringen – wie Bolle hier ergänzen möchte.

Die Chinesen – wie die meisten fernöstlichen Philosophien überhaupt – haben hierfür ein sehr schönes Bild: ›Seine Mitte verlieren‹ beziehungsweise ›Seine Mitte verloren haben‹. Bolle meint, dann muß man sie halt wiederfinden. Etwa, indem man sich getreulich der 12chen annimmt – Stichwort ›Living Yoga‹ (vgl. dazu unsere vier Beiträge aus Dezember 2023 – aufzufinden unter dem nämlichen Suchbegriff). Man möchte fast sagen: Nicht nur Lidl lohnt sich. Doch verklickert das mal einem Hülsenfrüchtchen oder, nicht minder dramatisch, einem Glühwürmchen: Wie bitte? Welche Mitte? Da kannste nu ma nüscht machen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 04-01-26 Wenn der Sekt nicht länger schreckt

Wenn der Sekt nicht länger schreckt …

Manchmal – nicht allzu oft, aber doch immer mal wieder – kommt Bolle sich vor wie ein Idiot. An und für sich ist das ja nicht weiter bedenklich, weil nur wirkliche Idioten sich niemals als solche fühlen. Aber gleichwohl: Was auf unserem Bildchen so unscheinbar aussieht – das eingekringelte Gläschen Sekt nämlich – hat eine längere Vorgeschichte. Zwar ist die Geschichte an sich nicht allzu lang – allein sie ist schon lange her.

Damals war Bolle in seinem Homeoffice – wie man das heute pseudoanglizistisch nennen würde – jeglicher Büromöbel abhold. Sowas kam ihm mitnichten ins Haus. Und so begab es sich, daß Bolles nigelnagelneuer Laptop (derlei gab es damals schon, wenn auch noch nicht weitverbreitet) auf Teppichhöhe residierte – und ein Gläschen Sekt in unmittelbarer Nachbarschaft.

Es kam, wie es kommen mußte: Schwupps, ein flotter Schwung aus dem Handgelenk – und das wohlgefüllte Gläschen Sekt befand sich stante pede in der Horizontalen. Zwar hatte das Glas an sich den Positionswechsel bestens überstanden – allein der Sekt wollte mit des Rechners Innenleben nicht wirklich harmonieren. Futschikado! Rien n‘allait plus! Und so war unvermittelt Schluß mit Homeoffice in jener Nacht. Genügend Sekt war aber noch da. Ein Glück! Auch wollte der Computerhändler den Laptop umgehend und kostenfrei durch einen neuen ersetzen. Schließlich – doch das nur am Rande – war die Firma, für die Bolle seinerzeit als Chefeinkäufer tätig war, ein Premium-Kunde. Bis auf 100 ml vergossenen Sektes war also nichts passiert.

Gleichwohl fühlte Bolle sich veranlaßt, den Vorfall zu evaluieren: (1) Sekt schmeckt – das sowieso. (2) Sekt schreckt – zumindest, was sensible Maschinchen angeht. Als unmittelbare praktische Konsequenz gab es seitdem bei Bolle Sekt nur noch aus Senfgläsern – natürlich sehr formschönen Senfgläsern, of course. Zwar waren die nicht ganz so dünnwandig, und auch nicht so edel – dafür aber waren sie ausgesprochen standfest. Bolle hatte damals eigens eine mittlere Menge Senf minderer Güte gekauft und in den Abfluß gespült – nur um die Gläser zu haben. Und so war es bis vor wenigen Tagen geblieben.

Die Senf-Sektgläser hat Bolle übrigens heute noch ohne jeden wie auch immer gearteten Abgang. Bei entsprechend pfleglicher Behandlung (keine Spülmaschine, stets einigermaßen aufgeräumte Küche, etc. pp.) haben sie sich als quasi unkaputtbar erwiesen. Die Sektflöten von damals – also die, die Bolle wirklich mag (vgl. dazu Do 04-12-25 Das vierte Türchen: Tempi passati) haben sich umständehalber neulich auch wieder eingefunden. Warum also nicht das Funktionale mit dem Ästhetischen verbinden? Und so kommt es, daß Bolle sich für seinen Sekt eigens einen Logenplatz ausgedacht hat – in Armeslänge zum Küchenstuhl (der Bolle als Arbeitsplatz dient) und trotzdem technisch himmelweit entfernt von sämtlichen sensiblen Gerätschaften. Da sollte eigentlich nichts mehr passieren dürfen.

Allein Bolle wäre nicht Bolle, wenn er der Sache nicht mathematisch auf den Grund gegangen wäre: Und so kam es denn heraus, daß bei den Sektflöten ein Neigungswinkel von gerade mal 15° (gerechnet in üblichen Altgrad mit 360° als Vollwinkel) ausreicht – und das Glas liegt auf der Nas‘. Und das bei einem Schwerpunkt, der sich in so luftigen Gefilden wie zwei Dritteln der Glaseshöhe – zumindest aber der Füllstandshöhe – befindet. Zum Winkel stelle man sich ein Tortenstück vor, das nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Zwölftel einer Torte ausmacht, und das dann noch einmal halbiert. 15° sind also wirklich nicht viel – und so ist es gar nicht schwör mit dem Malheur. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 01-01-26 Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

GuMo New Year! (Bolle featuring Kathrein 2015).

So schnell kann’s gehen. Schon wieder hat die Erde unsere Sonne einmal komplett umrundet. Und zwar mit einem Affenzahn. Kein Wunder, daß das dann so schnell geht. Immerhin waren dabei – da sind die Experten dieser Welt sich überwiegend einig – stattliche 940 Millionen Kilometer zurückzulegen. Und das in einem einzigen Jahr. So etwas ist natürlich nur zu schaffen, wenn man sich tüchtig sputet. Zum Glück tut die Erde das ja auch – und zwar mit 30 Kilometern pro Sekunde. Oder – was aufs gleiche hinausläuft – mit über 100.000 Kilometern pro Stunde. Da kann der stärkste Polenböller (mit einer vergleichsweise albernen Explosionsgeschwindigkeit von nur etwa einem einzigen läppischen Kilometer pro Sekunde) bei weitem nicht mithalten. Daher ist es vermutlich oft auch so zugig, wenn man vor die Türe geht. Aber was weiß Bolle schon?

Zunächst dachte Bolle ja auch, Kathreins Ablichtung des jungen Neujahrsmorgens in den hiesigen Häuserschluchten sei heute genau 10 Jahre alt geworden. Allein das wäre Grund genug gewesen, sie für unser heutiges neujährliches Sonntagsfrühstückchen auszuwählen. Aber schon wieder falsch. Heute – da muß Bolle sich erst noch dran gewöhnen – schreiben wir ja schon das Jahr 2026 (!). Also ist es doch schon wieder ölf Jahre alt, das Bild. Nun denn: Besser spät als nie – und warum überhaupt sollte man einer übertriebenen Hingabe an das Dezimalsystem frönen? Nur weil man zufälligerweise zehn Finger hat? Man ist, doch dies nur ganz am Rande, versucht zu sagen: Immer noch – trotz aller Polenböller in der Silvesternacht. Nachzählen nützt im Zweifelsfalle!

Richtig ist dagegen, daß dieses unser gegenwärtiges Jahrhundert hier und heute schon wieder zu einem vollen Viertel abgelaufen ist. Da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Unsere Urgroßeltern übrigens befanden sich damals, vor 100 Jahren, zumindest hier in Berlin, inmitten der Goldenen Zwanziger (1924–1929). War’s besser? War’s schlechter? Oder ist das alles ohnehin nur ein Ringelspiel – mit unsereinem mittendrin? Nun, auf jeden Fall sollte es seinerzeit recht bald rapide schlechter werden. Da können wir nur hoffen, daß sich Geschichte nicht allzu dolle wiederholt – aller zweifelhaften Classe politique zum Trotze. Kieken wa ma. Humor ist schließlich, wenn man trotzdem lacht.

Und? Wo bleibt das Positive? Das Positive ist: Morgen ist schon wieder Wochenende. So gesehen fängt das Jahr gut an. Und da sage noch einer, alles sei schlecht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-12-25 Luja, sog i

Luja, sog i. (Bolle featuring Traudl und Walter Reiner 1970).

Tja – so kann’s gehen. Kaum haben wir das letzte Türchen unseres diesjährigen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders geöffnet, da rücken auch schon wieder die Sonntagsfrühstückchen heran. Et voilà. Immerhin ist es das letzte für dieses Jahr – und Bolle verspürt wenig Neigung, jetzt schon wieder in die laute und lärmende Welt da draußen einzutauchen. Zwischen den Jahren herrsche bitteschön Ruhe. Das war bei Bolle schon immer ein sozusagen geheiligter Grundsatz. Halten wir es also mit Erich Kästner. Der nämlich hat sich in seinem ›Die 13 Monate‹ 1955 schon einen Reigen durch das Jahr gereimt. Für ›Dezember‹ heißt es dort:

Das Jahr wird alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Dabei schließt er seine Dezember-Elegie mit den Worten:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

Bolle findet, das passe doch recht trefflich zu unserem diesjährigen unterschwelligen ›Last Christmas‹-Tenor – vergleiche dazu nicht zuletzt Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas.

Wer noch etwas wohlig-wärmendes sucht für die ja erst noch kommenden kälteren Wintermonate, der möge es vielleicht mit Ashley Davis‘ ›Songs of the Celtic Winter‹ (2012) probieren. Dort findet sich als letztes Lied auch eine sehr schöne Fassung von ›Auld Lang Syne‹. Zum einen handelt es sich dabei um ein traditionelles – in den keltischen Regionen der Insel geradezu unverzichtbares – Lied zum Jahresausklang. Bei sensibleren Gemütern soll damit aber auch der im zurückliegenden Jahre Verstorbenen gedacht werden. So gesehen findet Bolle es sehr stimmig. Eine unserer Leserinnen (nein, diesmal nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit einer gewissen Affinität zum Althergebrachten hat uns darauf aufmerksam gemacht. Besten Dank dafür.

Unser heutiges Bildchen stammt übrigens aus dem Kurz- und Kultfilm ›Ein Münchner im Himmel‹ (1970 / gezeichnet von Traudl und Walter Reiner, gesprochen von Adolf Gondrell) nach einem Text von Ludwig Thoma (1911). Es erzählt die Geschichte von Alois Hingerl, ehemals Dienstmann Nr. 172 auf dem Münchner Hauptbahnhof, der, einmal entleibt, als Engel Aloisius seine liebe Not hatte im Zwiespalt zwischen himmlischer Hausordnung und bairischer Lebenslust. Aber der Herrgott wäre nicht der Herrgott, wenn er nicht qua göttlichen Ratschlusses eine Lösung gefunden hätte. Und Aloisius wäre nicht Aloisius, wenn die Lösung denn auch funktioniert hätte. Könnt ja ma kieken. Gibt’s in der Mediathek. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.