So 12-04-26 Zeitreisen bildet – beziehungsweise Nein heißt Nein

Nein heißt Nein! – Könnte es so einfach sein?

Reisen bildet. So sagt man. Zum geflügelten Wort gemacht hat das in unseren Breiten Matthias Claudius (1740–1815) mit ›Urians Reise um die Welt‹ (1786). Dort heißt es:

Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen.
Drum nähme ich den Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.

Zum Ende des Gedichtes heißt es dann aber, ausgesprochen ausgenüchtert:

Und fand es überall wie hier,
fand überall ein’n Sparren,
die Menschen grade so wie wir,
und eben solche Narren!

Das kommt Bolle sehr entgegen. Von Haus aus eher reisefaul wie fast alle Urberliner hatte er sich schon immer mehr auf Zeitreisen verlegt. Natürlich nicht so wie in H. G. Wells‘ ›Zeitmaschine‹ (1895) oder Robert Zemeckis / Steven Spielbergs Trilogie ›Zurück in die Zukunft‹ (1985–1990). Eher ganz realistisch wie etwa in André Hellers ›Abendland‹ (1976):

Die bestürzende Möglichkeit der Verwandlungen meiner Figur
in andere Figuren und Schauplätze:
In den Von der Vogelweide,
Cervantes, Appollinaire und James Joyce,
Kinderkreuzzüge, Scheiterhaufen, Guillotinen, Kolonien der Ehrlosigkeit,
In Hurenböcke auf Heiligem Stuhl.
Expeditionen an den Saum des Bewußtseins …

Zeitreisen waren, so verstanden, schon immer durchaus möglich. Allerdings war man bis vor nicht allzu langer Zeit allein auf Bücher angewiesen – auf Bücher und auf seine Vorstellungskraft.

Heute haben wir Photos – Photos und vor allem Filme. Wenn Bolle Geschichtslehrer wäre, würde er seine Eleven zunächst einmal multimediamäßig mittels geeigneter Filme in die jeweiligen Zeiten eintauchen lassen, damit die überhaupt erst mal eine ungefähre Vorstellung davon entwickeln können, um was es überhaupt geht – ganz nach Faustens fester Überzeugung (in der Nachtszene mit Wagner im Schlafrock):

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.

Nun – dieser Tage sind Bolle eher zufällig die letzten Szenen der ›Legende von Paul und Paula‹ (DDR 1973 / Regie: Heiner Carow / mit Winfried Glatzeder als Paul und Angelica Domröse als Paula) mal wieder zu Augen gekommen. Bolle dachte nur: Zeitreise pur. Ein wenig verhält es sich damit ja wie mit Omas „Kinder, seid ihr groß geworden!“.

In den Schlußszenen geht es darum, daß Paul, letztlich ein kleines, aber staatstragendes Rädchen im Getriebe, beschließt, den Staat Staat und seine Ehe Ehe sein zu lassen, seinem Herzen zu folgen und endlich seine Paula zu erobern. Er begibt sich zu ihrer Wohnung. Da niemand öffnet, klingelt er bei der Nachbarin und fragt, gewählt zuvorkommend: „Wäre ein Beilchen da oder eine Axt, gute Frau? Besser eine Axt.“ Man reicht ihm das gewünschte Werkzeug. Damit schlägt er – in der Filmerzählung mit zwei Schlägen, im Film selbst mit etwas mehr Aufwand – die Wohnungstür ein. Paula liegt bereits im Bette, einen tüchtigen Schluck Kirschwhisky intus.

Würde man so etwas heute machen, hätte man vermutlich stante pede ein bis an die Zähne bewaffnetes Sondereinsatzkommando am Halse. So aber meinte Paul, daß er nun komme. Paula meinte Nein! Paul aber, unbeirrt, geht weiter auf sie zu – und fängt sich ein paar Ohrfeigen ein. Paula meint immer noch Nein! Mehrmals sogar. Zerfetzt ihm gar das Gewand. Ist das jetzt sexualisierte Gewalt – oder ist es einfach nur Balz? Der Mund schreit Nein, der ganze Rest von Paula, der schreit Ja! Und nun? Das liegt wohl hinter Hülsenfrüchtchens Horizont. Aber was will man machen in einer Welt, die sich nun mal in den Kopf gesetzt hat, nicht einmal mehr wissen zu wollen, ob etwas Männlein oder Weiblein ist (jeweils beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Denken wir hier nur an das ›Nein-heißt-Nein‹-Gebot, wie es seit der letzten Verschärfung 2016 in § 177 StGB steht, beziehungsweise, schwer im Kommen in diesen unseren Zeiten, das noch deutlich schärfere ›Nur-Ja-heißt-Ja‹-Gebot. Rechtssicher bliebe da nur Balzverhalten unter streng notarieller Aufsicht. Setzen wir also in jeden Bus, in jede Bar, in jeden Fahrstuhl gar, einen einschlägig qualifizierten Notar. Bolle meint: Das kann ja was werden. Aber heißt es nicht mitunter – vgl. etwa So 13-10-24 Die beste Lösung – ?

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

Paula jedenfalls liebte ihren Paul so sehr wie er sie, und war dafür mit Freuden gewillt, gegen jeden ärztlichen Rat eine Hochrisikoschwangerschaft in Kauf zu nehmen, an der sie dann tatsächlich auch gestorben ist.

Für so viel Romantik, das sieht Bolle ein, ist in unseren vorgeblich ach so nüchternen Zeiten natürlich nur noch wenig Raum.

Wie soll man sagen? Vielleicht so: Ohne Geist? Is Essig meist! Oder so? „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt“ – wie Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), der alte Göttinger Spötter und Zeitgenosse von Matthias Claudius, das seinerzeit einmal gefaßt hat. Und so läuft alles auf die alte Frage hinaus: Wie wollen wir leben? Vernünftig – oder lebenswert? Da es mit ›vernünftig‹ ja ohnehin nicht sonderlich weit her ist – conditio humana, halt –, bleibt eigentlich nur lebenswert. Doch verklickert das mal einem heillos verhedderten Hülsenfrüchtchen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 29-03-26 Vor Jahr und Tag

Sic crustula friatur − Da geht er hin, der Keks.

›Vor Jahr und Tag‹ – welch wunderbare Wendung. In erster Linie ist damit gemeint, daß etwas doch schon ganz schön lange her ist. Repopularisiert beziehungsweise überhaupt erst wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen hat sie, soweit Bolle sehen kann, Reinhard Mey mit seinem einschlägigen Liebeslied (1974). Das allerdings war auch schon wieder vor Jahr und Tag.

Umgekehrt – und noch viel weniger gebräuchlich – gibt es allerdings auch die Wendung › N a c h  Jahr und Tag‹. Sie stammt aus dem mittelalterlichen Rechtswesen. So war etwa ein leibeigener Bauer, der es geschafft hatte, in eine Stadt zu entfliehen, nach Jahr und Tag seiner Dienstverpflichtung ledig. Daher auch: Stadtluft macht frei. Das war durchaus wörtlich zu verstehen.

Indes, es gibt noch eine weitere Bedeutung – und davon soll hier die Rede sein. Demnach bedeutet ›Nach Jahr und Tag‹ nicht weniger als den Ausbruch aus einer linearen Zeitauffassung – ein Konzept, das die Physiker ›Zeitpfeil‹ (Eddington 1927) nennen, wohl wissend, daß das durchaus noch nicht der Weisheit letzter Schluß gewesen sein dürfte. Man denke nur an gewisse Phänomene in der Quantenphysik oder – im kosmischen Maßstab – an das Big-Bang-Theorem. Dabei kann ›Ausbruch‹ nichts anderes bedeuten als die Rückbesinnung auf eine zyklische Auffassung der Zeit. Nicht nur die Erde dreht sich – auch die Zeit tut womöglich selbiges: Wie sprach doch gleich der Herr zu Noah? Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Genesis 8, 22).

Kurzum: Um derlei zu pflegen, braucht es so etwas wie Zeitsinn. Ein linearer Zeitpfeil wäre da das letzte, was Sinn machen würde. Dem kommt – zumindest in unseren Breiten – das christliche Kirchenjahr wohl noch am nächsten. Nicht zuletzt nämlich dient es der Orientierung. So heißt es zum Beispiel in Fontanes ›Unterm Birnbaum‹ (1885): Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß es die Hradscheck nicht lange mehr machen werde. Selbstredend, daß jeder, wirklich jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wußte, wann ›Johanni‹ war – am 24. Juni nämlich, exakt ein halbes Jahr  v o r  beziehungsweise auch  n a c h  Weihnachten, je nachdem. So ist das bei Zyklen.

Kurzum: Wenn man in Zyklen denkt – und vor allem auch fühlt –, dann schießt das Leben nicht so leichtfüßig zeitpfeilmäßig an einem vorbei. Vielmehr retourniert es regelmäßig – um es mal etwas altbacken auszudrücken. Ausgesprochen fein formuliert hat das übrigens Erich Kästner vor nunmehr fast genau einhundert Jahren schon in seiner ›Ansprache zum Schulbeginn‹ (1925). Dort heißt es:

Laßt euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telephonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. … Aber müßte man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne den Keller mit den duftenden Obstborten und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel?

Nun – treppauf und treppab gehen im Leben kann nur funktionieren, wenn man sich einen gewissen Zeitsinn bewahrt hat oder wieder errungen. Und so zieht Bolle das zyklische Zeiterleben definitiv vor.

Na, und denn –? Irgendwann einmal ist Schluß mit lustig. Und auch mit retournieren. So heißt es bei Wilhelm Busch in ›Eduards Traum‹ (1891): Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär’s der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre.

So  i s t  das dann eben. Also: So long to all you Mariannes – oder wie auch immer ihr geheißen haben mögt auf Erden. Und natürlich auch beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course. Aber wie heißt es doch so trefflich im Chorus mysticus – gewissermaßen der Quintessenz des gesamten Faust’schen opus magnum, unmittelbar vor dem Finis?

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Ja, kann man denn ›vanitas‹, die altehrwürdige Einsicht in die unabänderliche Vergänglichkeit allen Erdenseins, die sich mindestens bis ins 3. Jahrhundert vor Christi Geburt zurückverfolgen läßt, noch schöner und dabei noch hoffnungsfroher umschreiben? Dabei wollen wir – bevor irgendein Hülsenfrüchtchen zum Meckern ansetzen kann – das ›Ewig-Weibliche‹ natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts verstanden wissen, of course – auch wenn es uns wenig überzeugend scheint. Auch wollen wir „Ereignis“ in der Rudolf-Steiner-Interpretation verstehen. Der nämlich meinte, erstens reime sich ›Erreichnis‹ schöner auf ›Gleichnis‹ und zweitens und vor allem sei es inhaltlich sehr viel richtiger. Eckermann nämlich, Goethes Famulus und auch Faktotum, sei seinerzeit über dessen nie abgelegten ausgeprägten Frankfurter Dialekt gestolpert – und so wurde aus dem eigentlich gemeinten ›Erreichnis‹ in der abschließenden schriftlichen Fassung dann eben ein zwar wenigsagendes, dafür aber hochdeutsches ›Ereignis‹. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-03-26 Dringlich, oh so dringlich sein

Dringlich, oh so dringlich sein …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens ist angelehnt an das – zumindest nach Bolles Befund – ebenso inoffizielle wie zeitlos knackige Motto der Erstausgabe der ›Titanic‹ vom November 1979: Böse, oh so böse sein! Das allerdings ist mittlerweile auch schon wieder länger her. Aber so ist das nun mal mit der Rezyklierbarkeit von Klassikern: Einer geht noch! Nicht immer, aber öfters mal.

Auch wollen wir uns – nach den doch etwas schwereren Frühstückchen der letzten Wochen – heute wieder mehr der leichten Muse zuwenden und dabei – rein aus Gründen der Äquilibristik – zur Abwechslung mal wieder etwas kürzer fassen.

Vielleicht ist Bolle ja einfach nur zu empfindlich. Allein es gibt Dinge – durchaus auch Kleinigkeiten –, die stoßen ihm doch eher übel auf. So etwa die Meldung, die einem aufs Handy gespült wird, wenn man einen Blick auf sein Postbank-Konto werfen will. Das Procedere geht wie folgt: Man meldet sich mit seinen Benutzernamen („ID“) an und muß dann – so viel Sicherheit muß sein – via Handy ein Paßwort eingeben, um damit ins System zu kommen.

So weit, so gut. Allein – was soll das ›Dringlich‹ in unserem Schildchen? Handelt es sich doch um ein und denselben Arbeitsschritt. Man  w e i ß  doch, daß man sich anmelden will. Jetzt! Umgekehrt: Was würde passieren, wenn man die Paßwort-Eingabe, von wegen abgelenkt sein oder so, schlichtweg versemmelt – die Dringlichkeit also schlechterdings ignoriert? Eben. Nichts. Man erhält die Meldung ›BestSign Freigabe abgebrochen‹ und muß sich dann halt erneut anmelden – und zwar dieses mal richtig. Gemessen an dem Aufwand, den man mit dem Procedere ohnehin hat, ist das durchaus eine Petitesse.

Und so hat Bolle den Eindruck, daß es sich hierbei eher um so eine Art von habitualisiertem Unter-Strom-Stehen handeln könnte. Die halbe Welt krankt daran – zumindest die westliche Hemisphäre.

Mit ›vita contemplativa‹ – einem besinnlichen beziehungsweise gar besonnenen durchs Leben schweben – hat das so rein gar nichts mehr zu tun. Auch nicht mit seinem Gegenstück ›vita activa‹, dem tätigen Leben – ein Begriff, den Hannah Arendt mit dem deutschen Titel ihres Hauptwerkes (1958/1960) repopularisiert hat. Man  t u t  ja im Grunde nichts – außer wie ein Blatt im Winde von Dringlichkeit zu Dringlichkeit zu wirbeln. Bolle meint, das alles lappe doch schon sehr in so eine Art ›vita furiosa‹ – ein durchhuschtes oder gar durchhecheltes Leben. Nun denn – jeder, wie er kann und mag.

Diese drei – wie soll man sagen? – Lebensformen trefflich auf den Punkt gebracht hat übrigens die auch schon wieder über hundert Jahre alte typisch Berliner Proposition ›Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie‹ (vgl. dazu etwa So 15-09-24 Volk unter Strom). Und laß Dich vor allem nicht von Dringlichkeiten durchdringen – wie Bolle hier ergänzen möchte.

Die Chinesen – wie die meisten fernöstlichen Philosophien überhaupt – haben hierfür ein sehr schönes Bild: ›Seine Mitte verlieren‹ beziehungsweise ›Seine Mitte verloren haben‹. Bolle meint, dann muß man sie halt wiederfinden. Etwa, indem man sich getreulich der 12chen annimmt – Stichwort ›Living Yoga‹ (vgl. dazu unsere vier Beiträge aus Dezember 2023 – aufzufinden unter dem nämlichen Suchbegriff). Man möchte fast sagen: Nicht nur Lidl lohnt sich. Doch verklickert das mal einem Hülsenfrüchtchen oder, nicht minder dramatisch, einem Glühwürmchen: Wie bitte? Welche Mitte? Da kannste nu ma nüscht machen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 04-01-26 Wenn der Sekt nicht länger schreckt

Wenn der Sekt nicht länger schreckt …

Manchmal – nicht allzu oft, aber doch immer mal wieder – kommt Bolle sich vor wie ein Idiot. An und für sich ist das ja nicht weiter bedenklich, weil nur wirkliche Idioten sich niemals als solche fühlen. Aber gleichwohl: Was auf unserem Bildchen so unscheinbar aussieht – das eingekringelte Gläschen Sekt nämlich – hat eine längere Vorgeschichte. Zwar ist die Geschichte an sich nicht allzu lang – allein sie ist schon lange her.

Damals war Bolle in seinem Homeoffice – wie man das heute pseudoanglizistisch nennen würde – jeglicher Büromöbel abhold. Sowas kam ihm mitnichten ins Haus. Und so begab es sich, daß Bolles nigelnagelneuer Laptop (derlei gab es damals schon, wenn auch noch nicht weitverbreitet) auf Teppichhöhe residierte – und ein Gläschen Sekt in unmittelbarer Nachbarschaft.

Es kam, wie es kommen mußte: Schwupps, ein flotter Schwung aus dem Handgelenk – und das wohlgefüllte Gläschen Sekt befand sich stante pede in der Horizontalen. Zwar hatte das Glas an sich den Positionswechsel bestens überstanden – allein der Sekt wollte mit des Rechners Innenleben nicht wirklich harmonieren. Futschikado! Rien n‘allait plus! Und so war unvermittelt Schluß mit Homeoffice in jener Nacht. Genügend Sekt war aber noch da. Ein Glück! Auch wollte der Computerhändler den Laptop umgehend und kostenfrei durch einen neuen ersetzen. Schließlich – doch das nur am Rande – war die Firma, für die Bolle seinerzeit als Chefeinkäufer tätig war, ein Premium-Kunde. Bis auf 100 ml vergossenen Sektes war also nichts passiert.

Gleichwohl fühlte Bolle sich veranlaßt, den Vorfall zu evaluieren: (1) Sekt schmeckt – das sowieso. (2) Sekt schreckt – zumindest, was sensible Maschinchen angeht. Als unmittelbare praktische Konsequenz gab es seitdem bei Bolle Sekt nur noch aus Senfgläsern – natürlich sehr formschönen Senfgläsern, of course. Zwar waren die nicht ganz so dünnwandig, und auch nicht so edel – dafür aber waren sie ausgesprochen standfest. Bolle hatte damals eigens eine mittlere Menge Senf minderer Güte gekauft und in den Abfluß gespült – nur um die Gläser zu haben. Und so war es bis vor wenigen Tagen geblieben.

Die Senf-Sektgläser hat Bolle übrigens heute noch ohne jeden wie auch immer gearteten Abgang. Bei entsprechend pfleglicher Behandlung (keine Spülmaschine, stets einigermaßen aufgeräumte Küche, etc. pp.) haben sie sich als quasi unkaputtbar erwiesen. Die Sektflöten von damals – also die, die Bolle wirklich mag (vgl. dazu Do 04-12-25 Das vierte Türchen: Tempi passati) haben sich umständehalber neulich auch wieder eingefunden. Warum also nicht das Funktionale mit dem Ästhetischen verbinden? Und so kommt es, daß Bolle sich für seinen Sekt eigens einen Logenplatz ausgedacht hat – in Armeslänge zum Küchenstuhl (der Bolle als Arbeitsplatz dient) und trotzdem technisch himmelweit entfernt von sämtlichen sensiblen Gerätschaften. Da sollte eigentlich nichts mehr passieren dürfen.

Allein Bolle wäre nicht Bolle, wenn er der Sache nicht mathematisch auf den Grund gegangen wäre: Und so kam es denn heraus, daß bei den Sektflöten ein Neigungswinkel von gerade mal 15° (gerechnet in üblichen Altgrad mit 360° als Vollwinkel) ausreicht – und das Glas liegt auf der Nas‘. Und das bei einem Schwerpunkt, der sich in so luftigen Gefilden wie zwei Dritteln der Glaseshöhe – zumindest aber der Füllstandshöhe – befindet. Zum Winkel stelle man sich ein Tortenstück vor, das nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Zwölftel einer Torte ausmacht, und das dann noch einmal halbiert. 15° sind also wirklich nicht viel – und so ist es gar nicht schwör mit dem Malheur. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 01-01-26 Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

GuMo New Year! (Bolle featuring Kathrein 2015).

So schnell kann’s gehen. Schon wieder hat die Erde unsere Sonne einmal komplett umrundet. Und zwar mit einem Affenzahn. Kein Wunder, daß das dann so schnell geht. Immerhin waren dabei – da sind die Experten dieser Welt sich überwiegend einig – stattliche 940 Millionen Kilometer zurückzulegen. Und das in einem einzigen Jahr. So etwas ist natürlich nur zu schaffen, wenn man sich tüchtig sputet. Zum Glück tut die Erde das ja auch – und zwar mit 30 Kilometern pro Sekunde. Oder – was aufs gleiche hinausläuft – mit über 100.000 Kilometern pro Stunde. Da kann der stärkste Polenböller (mit einer vergleichsweise albernen Explosionsgeschwindigkeit von nur etwa einem einzigen läppischen Kilometer pro Sekunde) bei weitem nicht mithalten. Daher ist es vermutlich oft auch so zugig, wenn man vor die Türe geht. Aber was weiß Bolle schon?

Zunächst dachte Bolle ja auch, Kathreins Ablichtung des jungen Neujahrsmorgens in den hiesigen Häuserschluchten sei heute genau 10 Jahre alt geworden. Allein das wäre Grund genug gewesen, sie für unser heutiges neujährliches Sonntagsfrühstückchen auszuwählen. Aber schon wieder falsch. Heute – da muß Bolle sich erst noch dran gewöhnen – schreiben wir ja schon das Jahr 2026 (!). Also ist es doch schon wieder ölf Jahre alt, das Bild. Nun denn: Besser spät als nie – und warum überhaupt sollte man einer übertriebenen Hingabe an das Dezimalsystem frönen? Nur weil man zufälligerweise zehn Finger hat? Man ist, doch dies nur ganz am Rande, versucht zu sagen: Immer noch – trotz aller Polenböller in der Silvesternacht. Nachzählen nützt im Zweifelsfalle!

Richtig ist dagegen, daß dieses unser gegenwärtiges Jahrhundert hier und heute schon wieder zu einem vollen Viertel abgelaufen ist. Da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Unsere Urgroßeltern übrigens befanden sich damals, vor 100 Jahren, zumindest hier in Berlin, inmitten der Goldenen Zwanziger (1924–1929). War’s besser? War’s schlechter? Oder ist das alles ohnehin nur ein Ringelspiel – mit unsereinem mittendrin? Nun, auf jeden Fall sollte es seinerzeit recht bald rapide schlechter werden. Da können wir nur hoffen, daß sich Geschichte nicht allzu dolle wiederholt – aller zweifelhaften Classe politique zum Trotze. Kieken wa ma. Humor ist schließlich, wenn man trotzdem lacht.

Und? Wo bleibt das Positive? Das Positive ist: Morgen ist schon wieder Wochenende. So gesehen fängt das Jahr gut an. Und da sage noch einer, alles sei schlecht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-12-25 Luja, sog i

Luja, sog i. (Bolle featuring Traudl und Walter Reiner 1970).

Tja – so kann’s gehen. Kaum haben wir das letzte Türchen unseres diesjährigen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders geöffnet, da rücken auch schon wieder die Sonntagsfrühstückchen heran. Et voilà. Immerhin ist es das letzte für dieses Jahr – und Bolle verspürt wenig Neigung, jetzt schon wieder in die laute und lärmende Welt da draußen einzutauchen. Zwischen den Jahren herrsche bitteschön Ruhe. Das war bei Bolle schon immer ein sozusagen geheiligter Grundsatz. Halten wir es also mit Erich Kästner. Der nämlich hat sich in seinem ›Die 13 Monate‹ 1955 schon einen Reigen durch das Jahr gereimt. Für ›Dezember‹ heißt es dort:

Das Jahr wird alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Dabei schließt er seine Dezember-Elegie mit den Worten:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

Bolle findet, das passe doch recht trefflich zu unserem diesjährigen unterschwelligen ›Last Christmas‹-Tenor – vergleiche dazu nicht zuletzt Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas.

Wer noch etwas wohlig-wärmendes sucht für die ja erst noch kommenden kälteren Wintermonate, der möge es vielleicht mit Ashley Davis‘ ›Songs of the Celtic Winter‹ (2012) probieren. Dort findet sich als letztes Lied auch eine sehr schöne Fassung von ›Auld Lang Syne‹. Zum einen handelt es sich dabei um ein traditionelles – in den keltischen Regionen der Insel geradezu unverzichtbares – Lied zum Jahresausklang. Bei sensibleren Gemütern soll damit aber auch der im zurückliegenden Jahre Verstorbenen gedacht werden. So gesehen findet Bolle es sehr stimmig. Eine unserer Leserinnen (nein, diesmal nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit einer gewissen Affinität zum Althergebrachten hat uns darauf aufmerksam gemacht. Besten Dank dafür.

Unser heutiges Bildchen stammt übrigens aus dem Kurz- und Kultfilm ›Ein Münchner im Himmel‹ (1970 / gezeichnet von Traudl und Walter Reiner, gesprochen von Adolf Gondrell) nach einem Text von Ludwig Thoma (1911). Es erzählt die Geschichte von Alois Hingerl, ehemals Dienstmann Nr. 172 auf dem Münchner Hauptbahnhof, der, einmal entleibt, als Engel Aloisius seine liebe Not hatte im Zwiespalt zwischen himmlischer Hausordnung und bairischer Lebenslust. Aber der Herrgott wäre nicht der Herrgott, wenn er nicht qua göttlichen Ratschlusses eine Lösung gefunden hätte. Und Aloisius wäre nicht Aloisius, wenn die Lösung denn auch funktioniert hätte. Könnt ja ma kieken. Gibt’s in der Mediathek. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas

GuMo – urbi et orbi. (Symbolbild, of course).

So sah er heute aus, Bolles allererster Blick auf den noch jungen Weihnachtstag. Dazu durfte ein aufmunterndes Wort in seinem geistigen Ohre natürlich nicht fehlen – wie etwa: ›Auf, auf, der Herr. Große Taten warten.‹ Bolle ist nämlich manchmal etwas förmlich im Umgang mit sich selbst. Aber allemal besser als zu nachlässig – findet Bolle.

Letztes Jahr hatten wir das erste Türchen unseres agnostisch-kontemplativen Adventskalenders mit ›Last Christmas …?‹ übertitelt (vgl. So 01-12-24 Das 1. Türchen – der 1. Advent: Last Christmas …?) und das als kleine Memento-Mori-Mahnung verstanden wissen wollen. Schließlich – so hatten wir festgestellt, könne einem keine Macht der Welt garantieren, daß man auch nur weitere fünf Minütchen werde zu leben haben auf diesem Erdenrund.

Wenn man schon nicht jeden Tag daran denken kann oder mag, daß ebendieser Tag der letzte gewesen sein könnte: wenigstens einmal im Jahr daran zu denken scheint Bolle beileibe nicht übertrieben. Warum also nicht auch und vor allem in den nach Möglichkeit ja eher stillen Weihnachtstagen? Nun – im verronnenen Jahr war es bei Bolle so, daß das letzte Weihnachten für gleich zwei seiner Lieben in der Tat das letzte Weihnachten war. Mehr noch: Insgesamt haben sich bei ihm in den vergangenen zweieinhalb Jahren immerhin fünf Heimgänge ergeben. Das gibt einem doch zu denken. Man könnte – in Anlehnung an einen Italo-Western (I/F 1968 / Regie: Sergio Corbucci / mit Jean Louis Trintignant und Klaus Kinski) glatt sagen: ›Leichen pflastern seinen Weg‹. Das klingt jetzt zwar nicht sonderlich pietätvoll – und auch nicht furchtbar weihnachtlich –, scheint aber dennoch so zu sein. Conditio humana, eben. Verdrängen nützt da wenig.

Laßt uns das möglichst nie vergessen – ohne daß es uns jemals über die Maßen verdrießen soll. Eine Frage des Gleichgewichtes – zwischen dem Wunder, ein Mensch zu sein, und dem Schrecken, ein Mensch zu sein. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Frohe Weihnachten also, Euch allen! Und den Menschen auf Erden – was auch immer sie glauben mögen, oder eben auch nicht – ein Wohlgefallen!

Di 23-12-25 Das dreiundzwanzigste Türchen: Weihnachtsmarkt im Dörfchen

Weihnachtsmarkt im Dörfchen.

Nein, nein, nein – das kann nicht sein! Was wäre ein agnostisch-kontemplativer Adventskalender ohne einen einzigen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt im Dörfchen? Am letzten Sonntag, dem vierten Advent, hat es Bolle immerhin zum zweiten mal schon in diesem Jahr geschafft.

Und das kam so: Bolle wollte – last minute, of course, wie so oft trotz aller Vorwarnzeiten seit Hallowe’en – einen Weihnachtsgruß per Post abschicken. Früher – ja früher – ging das so: Die meisten Briefkästen wurden zwei mal täglich geleert. Und viele – die nämlich mit einem roten Punkt – auch nachts. Wenn es flott gehen sollte, mußte man sich – was man nich im Kopp hat, muß man in die Beene ham – eben zu einem Verteilerknotenpunkt begeben. Ganz früher war das Bahnhof Zoo, später dann der Lehrter Bahnhof – aus dem im Zuge mannigfaltiger Optimierungen bei der Bahn heute übrigens ein nichtssagender „Hauptbahnhof“ geworden ist. Manchmal, wenn Bolle mit dem Taxi unterwegs ist und auch entsprechend kesser Stimmung, wünscht er zum Lehrter Bahnhof gefahren zu werden. Manch älterem Taxifahrer – zumindest Bolle scheint das so zu sein – wird dabei ganz wehmütig zumute. Bei den jüngeren – und vor allem auch bei den Zugereisten – muß man allerdings flott ein erläuterndes ›Hauptbahnhof‹ nachschieben – sonst kommt man niemals an.

Nun denn: Bolle war auf dem Weg zum Lehrter Bahnhof, weil die einschlägigen Internet-Seiten der Post meinten, dort werde ganz sicher sonntags abends gegen neun geleert. Pusteblume! Klarer Fall von Denkste! Die letzte – und natürlich auch die erste – Leerung am Sonntag erfolgt dort um neun Uhr in der Früh. Irgendwie sieht Bolle ja ein, daß nichts so bleiben kann wie es ist. Aber warum muß deshalb alles immer schlechter werden? Und daß die Post es nicht mal fertigbringt, die wenigen Leerungszeiten auf ihren Internet-Seiten einzugestehen, will Bolle so rein gar nicht einleuchten. Da gibt’s nur eines: Schneller schreiben – und vor allem schneller abschicken, of course. Allein: auch hier hat sich was in eine ungute Richtung entwickelt. Während nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Brief in aller Regel am nächsten – spätestens aber am übernächsten Tag – recht zuverlässig beim Empfänger war, meint die optimierte Post, drei bis vier Tage seien auch sehr hübsch und müßten ja wohl genügen.

So jedenfalls kam es, daß Bolle auf dem Rückweg vom Lehrter Bahnhof einen Abstecher auf seinen Weihnachtsmarkt im Dörfchen machen konnte. Die Wärmepumpen nach alter Väter Sitte – siehe unser Bildchen – gibt’s da jedenfalls nach wie vor. Und da sage noch einer, moderne Zeiten und Sitten seien ausschließlich schlecht. Wieder weit gefehlt. Irgendwo hat wohl alles sein Gutes – wenn auch oft nur sehr, sehr, sehr versteckt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-12-25 Das einundzwanzigste Türchen – der vierte Advent: Am Himmel hoch da flog ich her

Am Himmel hoch … (Symbolbild, of course).

Eigentlich – ja eigentlich … wollten wir uns mit unserem kleinen agnostisch-kontemplativen Adventskalender dieses Jahr aus der lauten und lärmenden Welt ja möglichst raushalten. Bolle findet aber, das hier paßt doch trefflich in die Weihnachtszeit – vor allem, wenn man Martin Luthers Weihnachtslied (1535/39) textlich ein wenig kontemporär adaptiert:

Am Himmel hoch, da flog ich her.
Ich sucht‘ nach guter neuer Mär,
Der guten Mär sucht‘ ich so viel,
Wovon ich hier nichts sagen will.

Ist das nicht ein trefflich zur Weihnachtszeit passendes Hohelied auf einen Spionagesatelliten? Wie kommt Bolle auf sowas? Nun, Anfang dieses Monats war die Aufregung in der Presse mal wieder ausgesprochen riesengroß. Russische Satelliten, so hieß es, überflögen Deutschland nicht nur gelegentlich, sondern sogar „mehrmals am Tag“. Bolle meinte nur: ach guck! Wie aufdringlich die Russen doch sind. Was aber soll ein Satellit in einer Umlaufbahn denn sonst tun? Von geostationären Himmelskörpern einmal abgesehen – das sind die allerwenigsten – umkreisen Satelliten nun mal die Erde. Und wer die Erde umkreist, kommt nun mal nicht umhin, auch verschiedene Länder zu überfliegen. Viele Länder. Jeden Tag. Mehrmals.

Dürfen die Russen das denn? Sie dürfen. Zur Zeit umkreisen, wie man hört, mehr als 13.000 Satelliten die Erde – ausgediente Dinger, Weltraumschrott und Trümmerteile natürlich nicht mitgerechnet, of course. Und jemand wie Elon Musk plant, deren Zahl in absehbarer Zeit sogar noch zu verdoppeln. Seit dem ersten Satelliten Sputnik 1, der sich 1957 schon in luftige Höhen aufgeschwungen hatte – das waren übrigens auch wieder mal die Russen –,  ist doch einiges passiert. Dabei hat es die Menschheit glatt geschafft, den „Weltraum“ – gemeint ist der erdnahe Orbit, of course – nicht minder zu vermüllen als die Meere. Wie es scheint, neigt unsere Spezies sehr dazu, alles, womit auch immer sie zu tun hat, nach Kräften zu vermüllen. Bolle erinnert das entfernt an Pig-Pen, eine der weniger prominenten Figuren aus Charles M. Schulz‘ ›Peanuts‹. Der aber ist wenigstens sympathisch auf seine liederliche Art. Doch das nur ganz am Rande.

Fassen wir zusammen: Satelliten umkreisen die Erde. Darum heißen sie so. Von geostationären Ausnahmen abgesehen, kommen sie dabei nicht umhin, Länder zu überfliegen, und zwar, aus rein physikalischen Gründen, sogar mehrmals am Tag. Die Zentrifugalkraft muß nämlich exaktemente gleich der Zentripetalkraft sein (F↑ != F↓), sonst fliegen sie aus der Bahn oder stürzen ab. Das geht allen Satelliten so – und hat mit Russen rein gar nichts zu tun. Das ist einfach Physik.

Gleichwohl waren aber natürlich sofort reichlich Weltraum-/Spionage-/Militär- und sonstige Allerweltsexperten zur Stelle, die dem wahlweise staunenden oder irritierten Publikum zu berichten wußten, wie sehr man doch „im freien Westen“ mal wieder „alles komplett verschlafen“ habe. Tja – man kann halt gar nicht genug auf der Hut sein, wenn der Russe kommt. Bolle fragt sich ja zuweilen, wo – tout au contraire – die ganzen „Experten“ plötzlich immer alle herkommen. Die Angelsachsen haben hierfür einen sehr schönen eingängigen Begriff: Sie nennen es mushrooming, ›wie Pilze aus dem Boden schießen‹ – etwa wie nach einem spätherbstlichen warmen Sommerregen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.

Sa 20-12-25 Das zwanzigste Türchen: Das Mirácoli-Mirakel

Das Mirácoli-Mirakel – am Beispiel Glühwein.

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die bleiben einfach haften im Hirn. Warum, weiß niemand. Zumindest Bolle weiß es nicht. Oft sind es regelrechte Belanglosigkeiten. So kann Bolle sich noch lebhaft an den Tag erinnern – an die genaue Szene sogar – da er das allererste mal eine Packung Mirácoli in Händen hielt. An seinen allerersten Kuß dagegen (oder so) kann Bolle sich rein gar nicht mehr erinnern. Das nur zum Vergleich.

Seinerzeit – das ist etwa hundert Jahre her – stand Bolle vor einem Supermarktregal und dachte, was ist das denn? Nudeln, Tomatensoße und selbst Parmesanpulver – alles in einem Packerl? Der tiefere Sinn wollte sich ihm – naiv, wie Bolle damals war, und zum Teil wohl heute auch noch ist – in keinster Weise erschließen. Warum, bei allen Propheten, kauft man nicht Nudeln, Tomatensoße und richtigen Parmesan in drei getrennten Packungen? Zumal, bis auf den Parmesan, ohnehin alles im gleichen Regal steht? Bolle war wirklich ratlos.

War es wenigstens ein Aha-Erlebnis? Nein – natürlich nicht. Dazu mangelte es schlechterdings am Erkennen eines wie auch immer gearteten Zusammenhanges. Allein Bolle war ratlos. Wie nur kann sowas sein? Spätere Nachforschungen – Bolle ist oft recht gründlich in derlei Dingen – brachten dann doch etwas Licht ins Dunkle. Das Geheimnis – so eine der Erklärungen – sei in der Tomatensoße zu suchen. Genaugenommen in der – ebenfalls im Packerl beiliegenden – Gewürzmischung. Das sei das Geheimnis. Aha!

Nun verhält es sich so, daß es nach Bolles Lebenserfahrung nicht allzu schwierig ist, eine leckere Tomatensoße anzurühren. Der Zutaten bedarf es nur einiger weniger. Und alles Sachen, die man ohnehin im Haus hat, und die sich auch ewig halten. Selbst Parmesan – also richtiger Parmesan am Stück – hält sich bei Bolle, in Butterbrotpapier gewickelt und bei Zimmertem­pe­ratur gelagert, wochenlang. Zwar wird er trockener, aber nicht minder lecker. Wie viele Wochen, weiß Bolle übrigens nicht zu sagen, weil ein Verderb noch niemals vorgekommen ist.

Kurzum: Bolle war immer noch ratlos – und ist es bis heute. Was aber hat das alles mit unserem heutigen Bildchen zu tun? Nun – neulich ist Bolle beim Einkaufsbummel das Glühweinsortiment im Supermarkt ins Auge gesprungen. Und glatt hatte er ein Déjà-vu – oder, besser gesagt, so eine Art Flashback. Sein bis heute ungeklärtes Mirácoli-Mirakel schoß ihm in den Sinn. Warum nur, warum, kaufen Leute fertig abgepampten Glühwein – statt eines guten Tropfens eigener Wahl? Die weiteren Zutaten, die man so braucht – etwas Zimt und etwas Nelken – könnte man ebenfalls immer im Hause haben. Auch Zucker, so man denn mag – Bolle mag übrigens nicht – dürfte in aller Regel verfügbar sein. Selbst Bolle hat eine gewisse Menge Zuckervorrates im Hause – für die lieben Gäste.

Kurzum: die Parallele ist frappant: Aufwand und Zubereitungszeit sind jeweils gleich, die Kosten nehmen sich nicht viel, allein Qualität und Variabilität liegen in der ›Selbst-ist-der-Mann‹-Variante (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) himmelweit höher. Es sollte sich also doch noch ein tieferer Grund finden lassen. Auf ›Allgemeines Hülsenfrüchtchen-Syndrom‹ würde Bolle nur im Notfalle zurückgreifen wollen – dafür ist er viel zu milde und viel zu humanistisch eingestellt. Welcher Grund das aber sein könnte, ist Bolle nach wie vor völlig schleierhaft. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.