So 05-07-26 Meinung, Mehrheit, Murks

Früher oder später – irgendwann auf jeden Fall …

Mitunter sind es gerade die kleinen Bühnen, auf denen sich die großen Probleme zur Kenntlichkeit entstellen. Es muß ja nicht immer das ganz große Besteck sein. Just in dieser Woche begab sich folgendes: Bolle hatte es im Rahmen einer Mediation – besser gesagt: der Vorbereitung einer solchen – mit zweien seiner Mitstreiter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu tun. Im Kern ging es dabei lediglich um die Frage, wie das Baby in der gegebenen Situation am geschicktesten zu schaukeln sei.

Formal haben die drei einen Vorsitzenden – der sich allerdings, der Mode der Zeit entsprechend, nur verschämt „Sprecher“ nennt und sich keinerlei – wie soll man sagen? – Richtlinienkompetenz anmaßen mag. Das wäre ja nicht „inklusiv“ genug. Verantwortung übernehmen – namentlich für eine Fehlentscheidung? Ganz, ganz altmodischer Kram. Bolle meint: an dieser Stelle schon ist voll der Wurm drin. Wie hieß es früher doch so trefflich?

Auf jedem Schiff, ob’s dampft, ob’s segelt,
Gibt’s einen, der die Sache regelt.

Dabei konnte Bolle es sich noch nie verkneifen, hier eine seiner berüchtigten Weiterungen anzufügen:

Doch ist der eine schlicht zu dämlich,
Geht Mann und Maus zugrunde nämlich.

In Bolles kleiner Dreierrunde jedenfalls war es so, daß es einige schwerwiegendere Argumente zu berücksichtigen galt – in etwa der folgenden Art: Wenn wir das so und so machen, dann wird absehbar dies und jenes passieren. Wollen wir das? Natürlich nicht!

Allein, das Argument wurde intellektuell nicht verarbeitet (in Bolles Kreisen vornehm: nicht kogniziert). Schlimmer noch: Bolle hatte den Eindruck, daß es gar nicht erst richtig gehört wurde (vornehm: nicht perzipiert). Wir erinnern uns: Die mappa mundi, mit der einer durchs Leben läuft, hat im Rahmen einer Rückkopplungsschleife erheblichen Einfluß auf das, was einer überhaupt nur wahr- beziehungsweise aufnehmen kann (vgl. dazu das Drei-Welten-Modell, etwa unter So 26-04-26 Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich!).

Kam wenigstens eine Entscheidung zustande? Aber sicher. Es kam sogar eine  M e h r h e i t s e n t s c h e i d u n g  zustande – mit satter Zweidrittelmehrheit. Da kann man doch nicht meckern – macht es doch einen mächtig demokratischen Eindruck. Gleichwohl war es Murks, was dabei herauskam. Zumindest in Bolles mappa mundi war das absehbar so – und so sollte es die Wirklichkeit denn auch bestätigen. Allein: Vergebens predigt Salomo // Die Leute machen’s doch nicht so (Bolle featuring Wilhelm Busch).

Bolle für sein Teil hält es lieber mit ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe.‹ (vgl. dazu So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland). Mehr als Glauben ist nun mal nicht drin – in einer Welt, in der man ohnehin nur wenig wissen kann. Sokrates hätte das vielleicht wie folgt gefaßt: ›Non scio me nihil scire – Ich weiß nicht, daß ich nichts weiß.‹ Das ist sehr viel weniger und deutlich deprimierender als wenigstens zu wissen, daß man nichts weiß – und doch nach Kräften zu versuchen, das Beste draus zu machen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-06-26 Der kochende Frosch oder Demokratie wie nie, hihi

Noch kocht er nicht, noch ist nicht Schicht // Ward er noch mal gesehn …?  (Bolle featuring Goethe 1778: Der Fischer // Netzfund: Lurch 2025)

Eigentlich wollte Bolle unsere geneigte Leserschaft heute ja mit einem Mathildchen – also der dritten im Bunde neben Schildchen und Bildchen – zum Thema ›Die Entdeckung der Gleichverteilung oder Anything goes‹ beglücken. Zum Glück konnten wir ihn gerade noch stoppen. Mathildchen nämlich haben – wie der Name schon erahnen läßt – immer irgendwas mit Mathe zu tun. Und das muß heute wirklich nicht sein. Nicht, wenn draußen vor der Türe die Klimakatastrophe tobt. Manch stumpfere Gemüter finden ja, das sei einfach nur der Sommer. Aber erklärt das mal ’nem Hülsenfrüchtchen – oder gar ’nem Glühwürmchen.

Immerhin hat Bolle durchsetzen können, in seinen heutigen Titel einen Quadrupel- beziehungsweise, je nach Zählung, gar einen Quintupel-Reim einbauen zu dürfen. Soviel Kompromiß muß sein.

Bei den Briten heißt es ja schon immer: Liberty dies step by step. Übersetzt also in etwa: Die Freiheit, die geht scheibchenweise vor die Hunde. Das funktioniert natürlich nur, wenn und weil es keiner merkt – jedenfalls nicht mehrheitlich.

Aber wie dem auch sei. Bolle fühlt sich an die Frosch-Experimente im 19. Jahrhundert erinnert. Damals hatte man – durch „Studien“, of course; was sonst? – herausgefunden, daß Frösche zwar zu̅ heißes Wasser meiden und der Situation entfliehen, wenn sie können. Daß aber die gleichen Frösche, wenn sie nur ganz allmählich gekocht werden, nichts merken und brav sitzenbleiben.

Das fand Bolle schon immer ein wenig unplausibel: so dumm ist kein Frosch. Und so haben seine Recherchen denn auch ergeben, daß man – aus welchen Gründen auch immer – den Fröschen zuvor das Gehirn amputiert hatte. Bolle findet: das erklärt’s! Auch die Sache mit der Freiheit. Die Sache mit dem fehlenden Gehirn dagegen hat nie so richtig durchdringen können bis zu den Rezipienten der Studie. Genau so, meint Bolle, entstehen studiengestützte Mythen und Märchen der Neuzeit. Daran hat sich bis in die Gegenwart wenig geändert.

Allerdings – und das soll hier nicht unerwähnt bleiben – gab es auch Studien, in denen die Frösche (also Frösche  m i t  Gehirn) wirklich zu̅ dumm waren zu entfleuchen. Dann nämlich, wenn die Wassertemperatur nur  e x t r e m  langsam angehoben wurde – also allenfalls 1° C alle 5 Minuten. Bolle findet, auch das erklärt’s: Vor allem auch die Frage mit der Freiheit.

Halten wir für heute fest: Wenn Veränderungen nur langsam genug vonstattengehen, dann ist es Essig mit dem üblichen Reiz/Reaktions-Mechanismus. Egal ob Frösche oder Freunde der Freiheit: Man merkt erst was, wenn’s nichts mehr zu merken gibt.

Ob sich etwas langsam genug verändert, um unter der Reiz/Reaktions-Schwelle zu bleiben, ist natürlich eine Frage der kognitiven Kapazitäten der Leute. Es gibt nun mal schnellere und nicht ganz so schnelle Kerzen auf der Torte. Aus Sicht des Spitzenvolkes – Bolles neuem Synonym für die ›clique politique‹ – reicht es dabei völlig, sich an den Standard-Kerzen zu orientieren: Der Rest vom Volk – die Leute also, auf die es eigentlich ankäme – wird schon noch kleinzukriegen sein: alles Verschwörungs­schwurbler! Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-06-26 Meine Meinung muß genügen

Stupide ou perfide? Pas très solide, en tout cas. (französisch klingt das alles immer gleich viel freundlicher …)

Einstein hat einmal gemeint: Raffiniert ist der Herrgott schon, aber boshaft ist er nicht – und hat darin so eine Art Richtschnur gesehen, in welche Richtung es sich lohnt zu suchen in den unendlichen Weiten der Gegebenheiten und Zusammenhänge der Physik. Ganz analog meint Bolle: Raffiniert sind diese Leute schon, aber tüchtig sind sie nicht – und meint damit die namentlich in der clique politique vorzufindende bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der wohl nicht zu leugnenden Unfähigkeit, Probleme zu lösen, die zu lösen einem überantwortet wurde und der nicht minder offenkundigen Gabe, sich die Dinge so zurechtzudrehen, daß man selber immer möglichst fein bei wegkommt. Vielleicht sieht Bolle das zu̅ krass: Gleichwohl will es ihm so scheinen.

Verstehen wir unter ›tüchtig‹, daß einer Willens und in der Lage ist, die an ihn gestellten Aufgaben zur allgemeinen oder doch zumindest zur ganz überwiegenden Zufriedenheit – ein paar Nörgler werden sich wohl immer finden – zu erfüllen.

Und genau hier liegt wohl der Hase im Pfeffer. Daß es mit der Fähigkeit, gegebene Probleme zu lösen, in weiten Kreisen der gegenwärtigen clique politique nicht allzu weit her ist, dürfte unmittelbar jedem helle sein, der nicht gerade an ›Long Tagesschau‹ leidet (wie das bei manchen durchaus frechen Zeitgenossen mittlerweile heißt). Das in etwa ist es, was Bolle mit ›stupide‹ meint.

Wenn es aber darum geht, ihre ureigensten Interessen – also jene, die zu verfolgen eben und gerade  n i c h t  zu den ›an sie gestellten Aufgaben‹ zählen, entwickeln diese Leute, tout au contraire, eine nachgeradezu perfide Kreativität. Wie aber, so fragt sich Bolle, lassen sich Stupidität und Perfidität so geschmeidig unter einen Hut kriegen?

Bolle war vor Jahren schon auf irgendeiner Litfaßsäule eine Werbung für irgendeine ›Frau im Schmerz‹-Postille untergekommen. Dort hieß es wörtlich: „Hass ist keine Meinung“. Bolle fand das damals schon äußerst bemerkenswert. Auch schwante ihm durchaus nichts Gutes. Die Logik jedenfalls – falls man das so nennen mag – geht wohl in etwa wie folgt:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten …“. So weit befinden wir uns mit Art. 5 I GG fest auf dem Boden der Verfassung.

(2) Wenn aber – und hier wird es wirklich perfide – die Meinung gar keine  M e i n u n g  ist – sondern eine wie auch immer geartete und näher zu bestimmende Aussage eigener Art? Dann kann und darf das natürlich  n i c h t  gelten, of course. Dann muß das wegg! Auf die Spitze getrieben läuft das dann haargenau auf die Wendung oben in unserem Schildchen hinaus.

Natürlich würde so etwas so niemand unterschreiben wollen, nicht einmal laut sagen – von ein paar äußerst hartgesottenen Hülsenfrüchtchen vielleicht mal abgesehen. Genau das aber macht es ja so stupide – also bar jeglichen prognostischen Einfühlungsvermögens. Gleichzeitig aber ist es – das läßt sich wohl kaum leugnen – auch durch und durch perfide. Wenn nämlich im Volke erst mal überwiegend akzeptiert ist, was Meinung ist und was dagegen ›Hass und Hetze‹, dann öffnen sich unversehens und unmittelbar die Tore zu einer endlich wirklich schönen Neuen Welt – zumindest für die auf der jeweils richtigen Seite. Alle Menschen werden Brüder. Oder nicht doch eher Schwestern? Vielleicht auch einfach nur Seinspersonen? Oder wie und was auch immer. Und Muttermilch wird Menschenmilch. Der Beispiele fänden sich weit mehr als wir hier unterbringen können. Zwar löst sich so kein einziges ernstliches Problem. Aber Hauptsache, daß sich um Gottes Willen bloß niemand zurückgesetzt fühlt oder gar diskriminiert.

Hier ein Fun-Fact am Rande: ›Diskriminieren‹ hieß ursprünglich mal ›unterscheiden‹. Unterscheiden aber ist der Kern jeglicher seriösen Auseinandersetzung mit der Welt, egal ob in Wissenschaft, Technik oder Politik – und damit nicht die schlechteste Grundlage dafür, eine an einen gestellte Aufgabe zu erfüllen.

Auch scheinen manche zu meinen, eine Verfassung sei so eine Art Kochbuch: Da steht, wie’s geht. Müsse man nur getreulich anwenden, und zwar im Sinne des Erfinders – dann werde alles gut. An dieser Stelle ist sich Bolle gar nicht mal so sicher, ob das nun in die Kategorie Stupidität oder Perfidität fallen soll? Bolle befürchtet: beides! Und zwar gleichzeitig.

Für Stupidität spricht: Wenn das alles so klar wäre wie ein Kochrezept – wozu bräuchte man dann (seit 1952) mittlerweile über 161 dicke Bände Bundesverfassungsgerichtsentscheidungen? Für Perfidität spricht die in einschlägigen Kreisen ausgesprochene Neigung, sich die Verfassung so zurechtzulegen, daß sie sich aufs Feinste ins jeweils favorisierte Weltbild fügt. So läßt sich etwa – um nur ein einziges aktuelles Beispiel herauszugreifen – unter höchst extensiver Auslegung von Art. 1 I GG (Menschenwürde) im Ergebnis Art. 5 I GG (Meinungs­freiheit) und so manches an Grundrechten mehr im Ergebnis vollständig aushebeln. Man muß es nur ganz dolle wollen. Oder, in Bolles Diktion: Man muß nur perfide genug sein dafür. Auch scheint es – und das macht das ganze besonders perfide – nach oben keinerlei Grenzen mehr zu geben. Just dieser Tage, kurz vor unserem Redaktionsschluß, hat die NZZ getitelt:

„Unmenschlich“ und „menschenverachtend“: Die entgrenzte Sprache der vermeintlichen Mitte — SPD und Grüne brandmarken Reformvorhaben immer häufiger als Angriff auf die Menschenwürde. Es ist ein populistisches Geschäft.

Bolle meint: Was heißt hier populistisch? Ist es nicht einfach nur perfide? Nicht wissen wollen, wo man steht. Keine Ahnung, wo man hinwill. Selbst wenn man beides wüßte: Null Plan, wie das dann gehen könnte. Das nämlich wäre, falls es  n i c h t  so wäre, solide. Aber tüchtig auf die Kacke hauen: das geht natürlich immer, of course. In der Tat wird die Menschenwürde, wie’s scheint, immer mehr und immer perfider zur Allzweckwaffe aufgerüstet – nachgeradezu zum Hexenhammer der Gegenwart hochgehyped. Dafür braucht es nicht allzu viel Hirn (Stupidity reicht völlig) – und funktioniert prächtig, solange das Volk das nicht durchschaut (Perfidy). — Was soll man dazu sagen? Vielleicht das?

Stupidity and perfidy – living in perfect harmony

Bolle lehnt sich hier an Paul McCartney & Stevie Wonder (1982) an, of course. So was wie Solidity, also die mit Fleiß und Tüchtigkeit herbeigeführte Lösung ernstlicher Probleme, muß dabei leider draußen bleiben – wie früher die Hundchen vor den Fleischereien (als es noch welche gab). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland

Et credo et censeo.

Das ›ceterum censeo‹ des älteren Cato (234–149 v. Chr.) gilt bis heute vielen als sprichwörtliches Sinnbild für überzeugungsgetragene Hartnäckigkeit: ›Im übrigen finde ich, daß wir Karthago plattmachen müssen.‹ Senator Cato soll damit drei Jahre lang jede, wirklich jede, Rede abgeschlossen haben – egal, worum es in der Rede jeweils ging. Stilistisch handelt es sich dabei um einen schicken AcI (Akkusativus cum Infinitivo) – dem Schrecken fast aller Lateinschüler.

Heute würde man sowas so nicht mehr sagen. Die Sitten haben sich verfeinert. Nach Jahrhunderten eines ›Prozesses der Zivilisation‹ (Norbert Elias 1939) geht man heute inhaltlich sehr viel feiner vor. Der Kern aber läßt sich sehr wohl rezyklieren. In der clique politique scheint derzeit folgendes konsens- und anschlußfähig: ›Ceterum censemus populum esse regendum – Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß.‹

Das Volk? Das Volk muß regiert werden? Welch groteske Perversion! Aber nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 D a s   L a n d  muß regiert werden. Zugegeben. Schließlich kann sich das Volk nicht um alles kümmern. Dazu braucht es halt Vertreter. Aber diese Vertreter haben das Volk zu  v e r t r e t e n  – und nicht etwa zu „regieren“. Noch klarer wird es, wenn wir das ›esse regendum‹ unseres Schildchens modifizieren. Das ›regere‹ nämlich kann nicht nur ›regieren‹ bedeuten, sondern auch ›zurechtweisen‹ oder – werden wir brutal – gar ›gängeln‹. Das Volk muß demnach zumindest auf den rechten Pfad geführt werden – und zwar im Namen „unserer Demokratie“, versteht sich. Also erzogen statt vertreten. Das ist bitter – aber schaut Euch um im Lande. Wie das mit dem Konzept eines Souveräns zusammenpassen soll – oder gar mit Demokratie –, ist Bolle leider auch nicht ganz klar.

Außerdem ist nicht ganz klar, woher solche Leute diesen Impetus nehmen. Am ehesten würde Bolle hier so eine Art ›Hilflose Helfer‹-Syndrom (Schmidbauer 1977) einleuchten. Man könnte fast sagen: Politik als Chance. Wo sonst ließe sich mit einer oft derart mäßigen Ausbildung – etwa in Soziopolitistik oder sonstwo, falls überhaupt – und einer Lebens- und Berufserfahrung „im richtigen Leben“, die oft genug gegen Null zu gehen scheint, so tüchtig Geld verdienen wie in der Politik?

Jedenfalls hat sich mittlerweile, wie’s scheint, eine clique politique etabliert, die definitiv  v o n  der Politik lebt und nicht etwa  f ü r  die Politik – um es mal mit Max Weber (1919) zu sagen. Die meisten würden beim gegebenen Ausbildungsstand und gegebener Qualifikation „im richtigen Leben“ nicht im Entferntesten so gut verdienen beziehungsweise so gut leben, wie sie das als Berufspolitiker tun. Das führt natürlich zu gehörigen Abhängigkeiten. Man könnte auch sagen: Ohne den Job sind die aufgeschmissen. Genau darum sind sie ja auch so handzahm. Allein: was hat das Volk davon?

Ein einziges Beispiel mag an dieser Stelle genügen: Als im Dezember letzten Jahres die sogenannte ›Junge Gruppe‹ in der CDU versucht hatte, gegen die Rentenpläne der Regierung aufzumucken, wurde sie ganz schnell wieder eingefangen und auf Parteilinie gebracht. Das schlagende Argument: So ein lukrativer Listenplatz, wie wir ihn Dir gewähren, kann ganz schnell weg sein – futsch, perdu. Also paß bloß uff! Und dann müßte man schließlich richtig arbeiten für sein Geld. Welch grauenhafte Vorstellung!

Wer das alles nicht wahrhaben will, dem sei Joana Cotars jüngst erschienenes Bändchen ›Inside Bundestag‹ (2026) zur gelegentlichen Lektüre oder zum Vorlesenlassen empfohlen. Es trägt den Untertitel ›Wie ich in acht Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor‹ und sagt so ziemlich alles, was man wissen muß, um die ganze Tragik zu erahnen.

Ein wenig erinnert das alles an Dieter Nuhrs alten Gag: Deswegen haben wir uns dann ja auch für das Lehramt eingeschrieben: Ist doch eh egal und wenn schon keine Zukunft, dann wenigstens nachmittags frei.

Um das alles ansatzweise zu verstehen, hilft hier die Heider-Relation – ein Theorem, das postuliert, daß bei allem, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) tut, Sein und Sollen einigermaßen zusammenpassen müssen: Man macht, was man für richtig hält. Könnte man meinen. Man könnte das Ganze aber auch umkehren: Man hält für richtig, was man macht. Das klingt zunächst einmal befremdlich – ergibt sich aber unmittelbar aus dem Theorem. Ein Beispiel mag genügen: Wenn jemand etwa mit seinem Job nicht zufrieden ist (also mit dem, was er macht), ergeben sich genau drei Möglichkeiten zu reagieren: (1) Man ändert nichts – und bleibt unzufrieden. Das ist natürlich keine wirkliche „Lösung“, of course. (2) Man sucht sich einen Job, mit dem man sich besser fühlt – paßt also das Sein an das Sollen an. Oder (3) man findet sich mit seinem Job ab – hält also für richtig, was man macht – paßt also, tout au contraire, das Sollen an das Sein an. Interessanterweise ist die dritte Lösung die kognitiv sparsamste – also mit dem geringsten Aufwand verbunden. Und darum setzt sie sich meist durch: Man säuselt sich die Sache schön.

Da hätten wir also unser Volksvertreterlein (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), das, gegängelt durch Sachzwänge von Fraktionsdisziplin bis zu EU-Vorgaben, nicht mehr ein weiß noch aus. Was liegt da näher, als das Ganze letztlich gut und richtig zu finden? Schon hat die liebe Seele Ruh. Ob das aber noch im Sinne des Erfinders ist, ist eine ganz andere Frage. Hauptsache Ruhe – und Hauptsache gesichertes Einkommen.

Ein wenig erinnert das an die Lemmlinge, zumindest jene in Disneys ›Weiße Wildnis‹ (1958). Bolle sagt übrigens immer ›Lemmlinge‹, mit einem ›l‹ in der Mitte, weil das, wie er findet, den ganzen Unsinn besser auf den Punkt bringt: Hier lang, Leute! Wer kein Schwurbler sein will, folgt mir nach! Avanti, avanti! Alles wird gut!

Das ›Ceterum censemus populum esse regendum‹ unseres Schildchens oben – ›Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß‹ – gründet somit weniger in persönlicher Überzeugung des Einzelnen. Vielmehr ist es, ganz nach Lemmling-Art, durch und durch systemisch.

Von innen heraus wird sich da wohl kaum was ändern können. Im Gegenteil. So haben etwa, pars pro toto, die letzten Wahlrechtsreformen dazu geführt, daß vom Volk  d i r e k t   g e w ä h l t e  Abgeordnete nicht in den Bundestag einziehen durften, weil da der Parteienproporz vor war. Listenplatz sticht Direktmandat. Wie heißt es doch im ›Lied der Partei‹ (Louis Fürnberg 1950)?

Die Partei, die Partei, die hat immer recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.

Sowas  k a n n  man sich nicht ausdenken als nüchterner Demokrat (vgl. dazu So 28-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie zweiter Teil).

Und? Was macht der Souverän? Verhält sich alles andere als souverän (vgl. dazu etwa Mi 21-12-22 Das einundzwanzigste Türchen …). Vielmehr spielt er deutsches Roulette. Und das geht so: Partei A, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd herausgestellt. Also wähle ich diesmal Partei B. – 4 Jahre später: Partei B, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd erwiesen. Also wähle ich diesmal Partei A – und so weiter, und so fort, ad libitum … Und da sage noch einer, der Wähler habe keine Alternative. Hat er wohl: A oder B. Sancta simplicitas! Bolle findet ja, bei klassisch-russischem Roulette sind die Überlebenschancen deutlich höher.

Der Untertitel unseres heutigen Schildchens übrigens, ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe‹ – ist von all dem natürlich meilenweit entfernt, of course. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-03-26 Lupenreine Demokraten

Die lupenreinen Demokraten …

Ach, wie oft hört man von guten
Demokraten lautstark tuten!
Wie zum Beispiel auch von diesen,
Die brave Bürgersleut‘ verdrießen;
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Rechten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachen
Und sich heimlich lustig machen.

So in etwa vielleicht könnte man Wilhelm Buschs Vorwort zu seiner ›Bubengeschichte in sieben Streichen‹ (1865) kontemporär adaptieren.

Natürlich machen sich manche Leute aus der clique politique nicht nur „heimlich“ lustig. Im Gegenteil: Statt „durch weise Lehren sich zum Rechten zu bekehren“ verfolgen sie mit bemerkenswerter Aggressivität alles und jeden, der  d e r e n  guten Sache nicht zu folgen gewillt ist – und sei es auch nur aus Versehen. Denken wir neben den vielen Namenlosen hier nur an durch und durch harmlose Zeitgenossen wie etwa Norbert Bolz, Jan Fleischhauer oder Rainer Zitelmann. Voll der starke Staat, das – auf Biegen und Brechen. Aus anderer Perspektive könnte man mit Mark Twain möglicherweise meinen: Nachdem sie die Orientierung verloren hatten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen. So ganz im Sinne des Erfinders – siehe unser Schildchen oben – scheint das alles  n i c h t  zu sein.

Da fragen wir uns doch: Flüchten die Leute samt politischer Anschauung in Scharen vom Teppich? Oder hat da jemand mit gehörigem Schwunge den Teppich zurechtgerückt? Wir hatten das vor geraumer Zeit schon einmal angesprochen (vgl. dazu Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein).

Voll auffem Teppich – mit Meilenstein.

Kurzum: Wir brauchen – um im Bild zu bleiben – einen Meilenstein. Dabei zeigt sich, wenn wir  i n t e r t e m p o r a l  vergleichen – und ohne daß man sich sonderlich Mühe geben müßte –, daß so ziemlich alles, was heute locker als No-Go durchgeht und dringend verfolgt werden muß, vor nicht allzu langer Zeit noch völlig „normal“ war. Auch im  i n t e r n a t i o n a l e n  Vergleich ergibt sich nichts anderes. So weit Bolle sehen kann, gibt es in ganz Europa – wenn nicht gar auf der ganzen Welt – kein Land, in dem sich nicht auch Leute rechts der Mitte finden ließen. Außer in Nordkorea, vielleicht. Aber wie heißt es doch so schön im ›Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland‹ – einem Bändchen, das seinerzeit (1943) vom Foreign Office herausgegeben und an alle Krieger zur Vorbereitung ihrer Resozialisierungsbemühungen verteilt wurde?

„Diese Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte zeugt nicht von einer ausgeglichenen Gemütsverfassung. Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff. Sie neigen zur Hysterie.“

Die Deutschen mögen ja hysterisch sein. Gleichwohl sind sie bisweilen aber auch äußerst raffiniert – zumindest aber so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in der clique politique. Statt Anschauung Anschauung sein zu lassen – wie es die Verfassung will –, treibt man in geradezu schamloser Weise – und dabei krass contra legem (siehe unser Schildchen oben) einen Keil ins Volk und erklärt alles, was – wie soll man sagen? – nicht links vom Lars ist, unter Ausnutzung eben dieser Hysterie zu Verfassungsfeinden.

Auch scheint dabei kein Keil zu grob. Da steckt eine abgewählte Innenministerin ihrem Amtsnachfolger buchstäblich auf den letzten Drücker, die Türklinke schon in der Hand, ein noch flugs in Auftrag gegebenes 1.100-Seiten-Dossier des Bundesamtes für Volkserziehung zu – aus dem schwarz auf weiß hervorgehen soll, wie böse, oh so böse so manche politischen Anschauungen doch seien. Mehr noch: Sie steckt es ihm nicht nur zu – sie macht auch noch ein richtiges Medien-Event daraus. In Bolles Kreisen nennt man das zuweilen ›Brute Force‹: 1.100 Seiten? Da  m u ß  doch was dran sein! Bolle ahnte damals schon: Muß es nicht! Und? Was steht drin? Ganz geheim, of course – wie es zunächst hieß. Ist ja schließlich ein  G e h e i m dienst. Das muß doch unmittelbar einleuchten – zumindest dem naiveren Teil des Volkes.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift es untertänigst auf – und baut es genüßlich in sein übliches Bösen-Bashing ein. Es war – nota bene und einmal mehr – der Journalismus 3.0, der dieses – wie soll man sagen? – Elaborat verdienstvollerweise umgehend veröffentlicht hatte. Und? Was steht nun drin? Heiße Luft – sonst nüscht.

Auch hat es ewig lang gedauert, bis zumindest den aufgeschlosseneren Zeitgenossen allmählich dämmerte, daß das Bundesamt für Volkserziehung eine  w e i s u n g s g e b u n d e n e  Behörde ist. Die schreiben – vor allem, wenn es sich um Auftragsarbeiten handelt – nolens volens genau das, was der jeweilige Dienstherr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nun mal gerne lesen möchte. Dabei ist der Dienstherr der Innenminister beziehungsweise, allgemeiner, die Regierung – und damit im Zweifel der politische Gegner. Natürlich ist auch das nicht ganz im Sinne des Erfinders. Allein so kann‘s gehen: Wenn wo̅kes Weltverbesserungsbegehr die Oberhand gewinnt, dann geht’s dem Recht im Zweifel schlecht.

Dann aber kam das Verwaltungsgericht Köln und hat – für manche überraschend – genau das entschieden, was beim gegebenen Sachverhalt zu entscheiden geboten war. Tenor: Leute – das ist Murks! (Natürlich hat sich das Gericht gewählter ausgedrückt. Allein als Tenor mag es hier angehen). Ein sauberes Stück solider Jurisprudenz (von iuris prudentia ›besonnene Rechtsanwendung‹). Keine Spur von Hysterie. Keine Spur von übertriebener Willfährigkeit. Daß es sowas auch noch gibt, scheint Bolle ebenso erfreulich wie erstaunlich.

Harald Martenstein übrigens hat die Lage in seinem Statement zum im Hamburger Thalia-Theater inszenierten ›Prozeß gegen Deutschland‹ (Regie: Milo Rau) letzten Monat erst auf seine ganz eigene Weise in wenigen Sätzen trefflich auf den Punkt gebracht:

Die AfD-Wähler, jedenfalls die meisten, wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas ähnliches wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu halten. Man müßte dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten Atemzug leugnen würden. Passen Sie die Migration an die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes an. Sorgen Sie für ein Sicherheitsniveau, wie wir es 2010 hatten. Sorgen Sie dafür, daß unsere Schulen funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muß es nicht sein. Ist das für Sie Faschismus?

Ist das Faschismus? Natürlich, of course. Wenn etwas funktioniert, dann  k a n n  es – so will’s die Hülsenfrüchtchen-Logik wohl – natürlich nur „rechts“ sein (vgl. dazu etwa So 11-01-26 Toleranz und Militanz). Ja, was denn sonst?

Übrigens läßt sich Bolle zur Zeit zum Einschlafen gern aus Ian Kershaws ›Höllensturz: Europa 1914 bis 1949‹ (2016) vorlesen. Dabei läßt sich kaum überhören, daß „die Rechten“ und „die Linken“ im Grunde stets desselben Geistes Kinder waren. Birds of a feather, sozusagen. Die mäßigenden Kräfte waren immer – das ganze halbe Jahrhundert hindurch, und wohl auch heutzutage noch – die Bürgerlichen beziehungsweise die Königstreuen, je nachdem. Aber wo sind sie denn, die braven Bürgersleut‘ (wie es oben in der Wilhelm-Busch-Adaption heißt)? Seitdem alle allesamt am liebsten links vom Lars sein sollen, kann man die mit der Lupe suchen. Bleibt dann doch nur AfD – und sei es allein aus Gründen der politischen Hygiene? Cordon sanitaire, à l’envers? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 18-01-26 L’État c’est moi oder Wir sind das Volk

Der Ludewig, der Ludewig … (Hyacinthe Rigaud 1701).

Nachdem unser letztes Sonntagsfrühstückchen ja etwas exzessiv geraten war – allein was will man machen? – wollen wir es heute wieder etwas ruhiger angehen lassen. Damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt (vgl. dazu So 05-10-25 Drama Queen).

Die Absolutisten sind zurück. In aller Pracht und Herrlichkeit. Dabei klingt ›Absolutisten‹ durchaus um einiges gefälliger als etwa ›Totalitaristen‹ oder gar ›Faschisten‹ – Begriffe, die einem in diesem Zusammenhang durchaus auch einfallen könnten, die aber viel zu finster sind, of course. Darum zieht es Bolle ja ohnehin vor, nur noch von Schafisten zu reden – mit ihrem Credo ›Alle sollen gleich sein wollen‹ (ausführlicher dazu So 22-06-25 Der Faschismus ist tot – Es lebe der Schafismus!). Ein Absolutist jedenfalls ist einer, der sich zu unumschränkter Herrschaft berufen fühlt – absolut eben. Fragt Ludewig, den Vierzehnten, von Frankreich und Navarra (1638–1715), der ja wohl bis heute unbestritten als der Primus inter Pares auf diesem Felde gelten darf.

Natürlich gibt es immer auch Häretiker, die das alles so nicht glauben wollen. So hatte es Ludewig seinerzeit anfänglich mit ernstlicher Opposition des französischen Adels zu tun – also Leuten, die so ganz und gar nicht konform gehen wollten mit den Ambitionen des angehenden Sonnenkönigs. Die Frondeure (wie sie alsbald heißen sollten) frondierten – gaben ihren Mißmut gegen Hof und Herrschaft also öffentlich kund. So etwas geht natürlich gar nicht, of course, wie Ludewig derzeit befand.

Seinerzeit übrigens hatte sich die Herrlichkeit des Absolutisten aus der Idee des Gottesgnadentumes abgeleitet. Wer ganz dolle mit Gott ist, der sollte kleinlicher weltlicher Kritik natürlich enthoben sein, of course. Bolle findet, das leuchtet ein.

Dabei läßt sich die Idee des Gottesgnadentums zurückverfolgen bis zu dem spätrömischen Kaiser Konstantin (ca. 279–337 n. Chr.). Unmittelbar vor einer wichtigen Schlacht soll ihm am Himmel ein leuchtendes Kreuz erschienen sein, verbunden mit der Aufmunterung: In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst Du siegen. Und so war es denn auch. Konstantin war fasziniert und wurde gewissermaßen der erste Kreuzritter im Namen des Herrn (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course).

So richtig Fahrt aufgenommen hat das Gottesgnadentum dann aber erst im 8. Jahrhundert mit den Karolingern, die darin eine treffliche Begründung ihrer eigenen Legitimität erkannt hatten – um dann schließlich von Ludewig zu voller Herrlichkeit entfaltet zu werden. Der Idee den vorläufigen Garaus gemacht hatte erst Napoleon Bonaparte (1769–1821) – ein dahergelaufener korsischer Parvenu, der so rein gar nichts Gottesgnadenhaftiges an sich hatte. So kann’s gehen, wenn man im falschen Bett geboren ist – also nicht „von Familie“, wie das damals hieß.

Natürlich funktioniert Gottesgnadentum nur, wenn und solange man es mit Schäfchen zu tun hat, die im Prinzip auch an die Hölle glauben. Das ist heute ganz überwiegend nicht mehr der Fall. Heute gibt es dafür so etwas wie ein Guru-Gnadentum. Zu diesem Behufe wurde – Bolle vermutet hier eine Meisterleistung unbewußter Schwarmintelligenz – eigens „die Wissenschaft“ als neue Hüterin ewiger Wahrheit und Wahrhaftigkeit ausgerufen. Wehe, einer wage es, dagegen etwas einzuwenden. Spätestens seit Corönchen (2020–2023) wissen wir: „Team Wissenschaft“ hat immer Recht. Das wiederum kann – völlig analog – nur funktionieren, wenn und solange die Leute an ihre eigene Unvernunft glauben. Allein dem scheint ja so zu sein. Soviel zur Aufklärung mit ihrem ›sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn!‹. Doch das nur am Rande.

Kurzum: Absolutisten sind Leute, die meinen, wenn schon nicht die Weisheit, so doch zumindest die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben. Widerspruch ist zwecklos – wie das etwa ein Borg (aus der Star-Trek-Mythologie) wohl formulieren würde. Im übrigen wäre Widerspruch natürlich auch häretisch und völlig unangemessen, of course. Schaut Euch um auf dieser Welt: Sie sind absolut unter uns, die Absolutisten – nebst Hofstaat samt Gefolge. Und das im 21. Jahrhundert.

Einen Unterschied zu damals gibt es allerdings doch: Während es die Leute im 17. Jahrhundert nur mit einem einzigen Sonnenkönig zu tun hatten, der tunlichst nicht zu kritisieren und schon gar nicht zu beleidigen war, haben wir es heute mit scharenweisen Sonnenkönigen zu tun – heißt es doch im kürzlich erst frisch renovierten Majestätsbeleidigungsparagraphen ausdrücklich: Das politische Leben des Volkes reicht bis hin zur kommunalen Ebene (§ 188 Abs. 1, Satz 2 StGB). Also Obacht, Ihr Frondeure! Paßt bloß uff! Big Bürgermeister is watching you. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 11-01-26 Toleranz und Militanz

Und? Wer hat’s gesagt? (Bolle featuring Wassili Grigorjewitsch Perow 1872).

Zugegeben – unser heutiges Sprüchlein ist etwas knallig. Gleichwohl, meint Bolle, bringt es die Dinge auf den Punkt. Ähnlich knallig waren wohl nur Statements wie etwa ›Hitler war ein Linker‹ und ähnliches. Weia! Da war was los! Warum? Nun – wenn wir mappa-mundi-mäßig von ›Links = gut‹ ausgehen und von ›Hitler = böse‹, dann stürzt bei einer solchen Melange natürlich unversehens Hülsenfrüchtchens Holosphäre ein. Warum? Weil – wir haben es schon öfters mal erwähnt …

Eine Wahrheit muß genügen.
Mehr hältste ja im Kopp nich aus.

Unser Bildchen zeigt einen „Post“, wie er sinngemäß in den N:N-Medien (vulgo: „soziale“ Medien) vor einigen Jahren schon mal „viral“ gegangen war. Allerdings hat Bolle der Ästhetik halber hier das Original-Gemälde verwendet – es handelt sich um ein Porträt Fjodor Michailowitsch Dostojewskis (1821–1881) von Wassili Grigorjewitsch Perow (1833–1882) –, das ganze ein wenig gefälliger gestaltet sowie die Orthographie kanonisiert. Da kennt Bolle nun mal nüscht.

Seinerzeit, als das Zitat die Runde machte, war bei manchen Nutzern natürlich der Teufel los, of course. Insinuiert es doch – zumindest könnte man das so verstehen –, daß es einen Zielkonflikt geben könnte zwischen Intelligenz und Toleranz: Intelligenteren Leuten nämlich ist unmittelbar helle, daß Toleranz, so sie denn zu einiger Blüte finden soll, sich in funktionablen Grenzen halten muß, während es, umgekehrt, übertrieben toleranten Leuten möglicherweise an Intelligenz mangeln könnte. Der bekannte Glühwürmchen-Phänotypus halt:

Wenn die Herzen heiß entflammen
und das Hirn hinkt hinterher …

Jedenfalls meint Bolle, das alles füge sich aufs Feinste in unsere ›Funktioniert/Wünschenswert‹-Tafel:

Es gibt immer 4 Möglichkeiten …

Wir hatten das Modell vor einem Jahr schon einmal vorgestellt (vgl. So 26-01-25 Das Elend der Wōkness), um zu erhellen, warum sich Hülsenfrüchtchen immer, immer, immer zu einer wünschenswerten Lösung hingezogen fühlen – und zwar ohne jede Rücksicht darauf, ob die denn auch funktioniert. In Bolles Welt dagegen ist alles, was nicht funktioniert, unvermittelt raus – und mag es noch so wünschenswert sein. Aber möglicherweise fehlt es Bolle ja einfach nur an der gebotenen Portion Phantasie, um die Segnungen des Konstruktivismus – „alles ist möglich: so glaubt mir doch“ – gebührend würdigen zu wissen.

Nun, wir haben das Modell spezifiziert und dabei ›wünschenswert‹ mit ›Toleranz‹ konkretisiert – wer wollte wohl nicht tolerant sein? – und ›funktioniert‹ mit ›Intelligenz‹. Schließlich erweist sich Intelligenz ja nicht zuletzt in der Fähigkeit, mit der Welt, wie sie sich einem darstellt, zumindest leidlich klarzukommen – mappa mundi intacta.

Dabei wäre es natürlich am schönsten, wenn alle intelligent wären und tolerant. In unserer 4-Felder-Tafel entspricht das dem grün unterlegten ›Fein!‹. Unintelligent und intolerant dagegen wäre durch und durch von Übel (das rötlich unterlegte ›Grrr!‹). Interessant sind also nur die beiden gelb unterlegten Felder. Was wäre, wenn ein Zielkonflikt bestünde zwischen Intelligenz und Toleranz? Wenn also Intelligenz geböte, nicht übertrieben tolerant zu sein (›square‹) – beziehungsweise übertriebene Toleranz bedeuten würde, daß es mit der Intelligenz nicht allzu weit her sein kann (›wo̅k‹)?

Beim viralen Tumult durften natürlich auch die Faktenchecker nicht fehlen. Von dort bekam man allerdings in bester Kindergartenmanier nur ein fröhliches „Stimmt ja gar nicht, stimmt ja gar nicht“ zu hören. Dostojewski habe das so nie gesagt. Allein was hat das mit dem Spruch und seiner Trefflichkeit zu tun? Ist es nicht völlig egal, ob ausgerechnet Dostojewski das gesagt hat oder ob es im Zweifel selbstersonnen ist? So leicht kann’s nämlich gehen und man befindet sich im Namen der Wahrhaftigkeit auf der völlig falschen Fährte. Bolle findet, hierbei handele es sich übrigens um eine herrliche Illustration zu Miguel de Cervantes‘ Anmerkung in ›Don Quixote de la Mancha‹ (1605/1615):

Tatsachen, mein lieber Sancho,
sind die Feinde der Wahrheit.

Soweit zu Bolle und den Faktencheckern. — Natürlich ist das alles nicht neu. Denken wir nur an ein Werk wie etwa ›Biedermann und die Brandstifter‹ (Max Frisch 1958), in dem ein Herr Biedermann – in dem Stück heißt er tatsächlich so – vor lauter Toleranz zwei zwielichtige Gestalten in sein Haus aufnimmt, obwohl allen, und natürlich auch ihm selbst, völlig klar war, daß die nur Unheil im Schilde führen. Und so heißt es im Untertitel auch: ›Ein Lehrstück ohne Lehre‹. Kurzum: Herr Biedermann war eher tolerant als intelligent – um es mal vorsichtig auszudrücken. Eine frühe Karikatur eines Hülsenfrüchtchens, also.

Gucken wir uns um auf der Welt: Je weniger einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gebacken kriegt – was einer ungefähren Umschreibung von unzureichender Intelligenz entsprechen mag –, desto eher wird er dazu neigen, sich beleidigt zu fühlen und dementsprechend ein hohes Maß an Toleranz einzufordern – gerne auch mit juristischen Mitteln: „Werden wir brutal!“ (Brutus in ›Streit um Asterix‹ 1970). Keine Toleranz den Intoleranten! Bolle meint, das würde auch umstandslos erklären, warum unsere tonangebende Politgarnitur so sehr auf woke Hülsenfrüchtchen-Wähler steht. Zwar kriegen die auch nichts gebacken – sind dafür aber Brüder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im Geiste. Von sowas läßt man sich doch gerne wählen. Und der denkendere Teil des Volkes, also der mit potentiellem Beleidigungspotential, der wird am besten ganz verboten – und nicht etwa nur sein Denken. Zwar wird davon rein gar nichts besser – aber wenigstens ist Ruhe im Karton: ›Lieb Vaterland, magst ruhig sein // Nichts soll je trüben deinen Schein.‹ Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao – bis zur nächsten mittleren Katastrophe, die so sicher kommen wird wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-12-25 Das einundzwanzigste Türchen – der vierte Advent: Am Himmel hoch da flog ich her

Am Himmel hoch … (Symbolbild, of course).

Eigentlich – ja eigentlich … wollten wir uns mit unserem kleinen agnostisch-kontemplativen Adventskalender dieses Jahr aus der lauten und lärmenden Welt ja möglichst raushalten. Bolle findet aber, das hier paßt doch trefflich in die Weihnachtszeit – vor allem, wenn man Martin Luthers Weihnachtslied (1535/39) textlich ein wenig kontemporär adaptiert:

Am Himmel hoch, da flog ich her.
Ich sucht‘ nach guter neuer Mär,
Der guten Mär sucht‘ ich so viel,
Wovon ich hier nichts sagen will.

Ist das nicht ein trefflich zur Weihnachtszeit passendes Hohelied auf einen Spionagesatelliten? Wie kommt Bolle auf sowas? Nun, Anfang dieses Monats war die Aufregung in der Presse mal wieder ausgesprochen riesengroß. Russische Satelliten, so hieß es, überflögen Deutschland nicht nur gelegentlich, sondern sogar „mehrmals am Tag“. Bolle meinte nur: ach guck! Wie aufdringlich die Russen doch sind. Was aber soll ein Satellit in einer Umlaufbahn denn sonst tun? Von geostationären Himmelskörpern einmal abgesehen – das sind die allerwenigsten – umkreisen Satelliten nun mal die Erde. Und wer die Erde umkreist, kommt nun mal nicht umhin, auch verschiedene Länder zu überfliegen. Viele Länder. Jeden Tag. Mehrmals.

Dürfen die Russen das denn? Sie dürfen. Zur Zeit umkreisen, wie man hört, mehr als 13.000 Satelliten die Erde – ausgediente Dinger, Weltraumschrott und Trümmerteile natürlich nicht mitgerechnet, of course. Und jemand wie Elon Musk plant, deren Zahl in absehbarer Zeit sogar noch zu verdoppeln. Seit dem ersten Satelliten Sputnik 1, der sich 1957 schon in luftige Höhen aufgeschwungen hatte – das waren übrigens auch wieder mal die Russen –,  ist doch einiges passiert. Dabei hat es die Menschheit glatt geschafft, den „Weltraum“ – gemeint ist der erdnahe Orbit, of course – nicht minder zu vermüllen als die Meere. Wie es scheint, neigt unsere Spezies sehr dazu, alles, womit auch immer sie zu tun hat, nach Kräften zu vermüllen. Bolle erinnert das entfernt an Pig-Pen, eine der weniger prominenten Figuren aus Charles M. Schulz‘ ›Peanuts‹. Der aber ist wenigstens sympathisch auf seine liederliche Art. Doch das nur ganz am Rande.

Fassen wir zusammen: Satelliten umkreisen die Erde. Darum heißen sie so. Von geostationären Ausnahmen abgesehen, kommen sie dabei nicht umhin, Länder zu überfliegen, und zwar, aus rein physikalischen Gründen, sogar mehrmals am Tag. Die Zentrifugalkraft muß nämlich exaktemente gleich der Zentripetalkraft sein (F↑ != F↓), sonst fliegen sie aus der Bahn oder stürzen ab. Das geht allen Satelliten so – und hat mit Russen rein gar nichts zu tun. Das ist einfach Physik.

Gleichwohl waren aber natürlich sofort reichlich Weltraum-/Spionage-/Militär- und sonstige Allerweltsexperten zur Stelle, die dem wahlweise staunenden oder irritierten Publikum zu berichten wußten, wie sehr man doch „im freien Westen“ mal wieder „alles komplett verschlafen“ habe. Tja – man kann halt gar nicht genug auf der Hut sein, wenn der Russe kommt. Bolle fragt sich ja zuweilen, wo – tout au contraire – die ganzen „Experten“ plötzlich immer alle herkommen. Die Angelsachsen haben hierfür einen sehr schönen eingängigen Begriff: Sie nennen es mushrooming, ›wie Pilze aus dem Boden schießen‹ – etwa wie nach einem spätherbstlichen warmen Sommerregen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.

Fr 05-12-25 Das fünfte Türchen: Parler, s’énerver, mais ne jamais écouter

Wahrlich, ich sage Euch …

Dieser Tage hat Bolle wieder mal kurz reingelauscht in die vorgebliche Herzkammer der Demokratie. Eigentlich kaum etwas, was man in der Weihnachtszeit unbedingt tun sollte, wenn einem sein Seelenfrieden (Pirsig 1974) lieb und teuer ist.

Dabei hatte Bolle Glück und offenbar eine der spannenderen Stellen erwischt. Statt endlos langer Reden von immer dem Gleichen – Quaak, quaak, quaak, wie Goethe das in Bolles phonologischer Abschleifung (vornehm: Elision) womöglich genannt hätte – gab es reichlich zugelassene Zwischenfragen und auch Kurzinterventionen.

Kurzinterventionen übrigens sind auf zwei Minuten begrenzte gegnerische Ausführungen im Anschluß an einen Redebeitrag, auf die der jeweilige Redner seinerseits erwidern kann. Kurzum: Eigentlich war alles dafür getan, Bolle bei der getreulichen Erfüllung seiner staatsbürgerlichen Pflichten wenigstens halbwegs zu amüsieren – wobei, das sieht Bolle ein, das natürlich nicht der eigentliche Sinn der Übung ist.

Und doch. Wer nur selten schaut, sieht schärfer. Das ist so ähnlich wie mit der Großmutter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), die – wenn schon nicht nur alle Jubeljahre, so aber doch nur gelegentlich, etwa zur Weihnachtszeit – der Enkel angesichtig wird und sich dabei regelmäßig veranlaßt sieht festzustellen: Kind, was bist Du groß geworden. Den Eltern, die ihre Kinder in aller Regel täglich sehen, wird derlei nicht weiter auffällig werden.

Und so ist es auch hier. Wer qua steter Übung an das Palaver – Bolle vermutet, Parlament kommt von Palaver, könnte sich aber auch irren – von Berufs wegen gewöhnt ist, wird kaum noch einen scharfen Blick dafür haben, was er da eigentlich tut. Effizient im engeren Sinne ist das sicherlich nicht. Bolle hält es eher für Polit-Folklore – Folklore, die im Gegensatz zu echter Folklore regelmäßig nicht einmal des Zuschauens oder auch nur des Hinhörens gewürdigt wird.

Daher auch der Titel unseres heutigen Türchens: Man redet, man regt sich auf, aber man hört kaum jemals zu. Darum heißt es wohl auch Parlament – und nicht Auditorium. So gesehen macht das Sinn, findet Bolle. Daß wir den Titel auf Französisch gesetzt haben, liegt vornehmlich darin begründet, daß sich in dieser Sprache fast alles reimt und damit Bolles ästhetischem Empfinden sehr entgegenkommt. Friedrich Zwo von Preußen (1712–1786) übrigens hat das seinerzeit recht ähnlich gesehen – Sprache der Dichter und Denker hin oder her. Treppenwitz am Rande: Madame de Staël (1766–1817), die Schöpferin dieser Wendung, war Französin – und hatte das mitnichten so élogieusement, so schmeichelhaft gemeint, wie die Deutschen das zu verstehen belieben sollten.

Zurück zum Punkt: Nicht zuzuhören hat sich, wie’s scheint, namentlich in den letzten Jahren nachgerade zu einer Kardinaltugend jener gemausert, die sich für die Gralshüter „unserer“ Demokratie zu halten pflegen. Die übliche Begründung: Warum auch hinhören? Wenn die doch eh nur Blödsinn reden? Das allerdings ist ein Argument, das ohne weiteres und trefflichst von beiden Seiten in Anschlag gebracht werden kann – und so geschieht es denn ja auch. Hört Euch um im Hohen Hause. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 23-11-25 Der Preuße und sein Lichtelein

Ein Lichtlein brennt … (Symbolbild).

Es begab sich vor langer, langer Zeit. Da gibt es die wahre Geschichte eines preußischen Regierungsrates, der Tag für Tag von früh bis spat dienstbeflissen seine Arbeit tat – und dabei, vornehmlich in der dunklen Jahreszeit, mit Einbruch der Dämmerung eine Kerze entzündete, auf daß er seine Augen nicht allzu sehr quälen mußte. Von elektrischem Licht – die Geschichte spielt irgendwann im 19. Jahrhundert – war seinerzeit noch nicht die Rede in Berlin und auch nicht anderswo.

Irgendwann aber ist Dienstschluß. Das war auch in Preußen so. Und? Was tat unser fleißiger Regierungsrat? Da er neben seiner amtlichen Tätigkeit noch weitere Ambitionen hatte, für die zu arbeiten sich seine Amtsstube geradezu anbot, hatte er die Angewohnheit, pünktlich zum Feierabend seine Dienstkerze zu löschen und dafür eine private Kerze anzuzünden. Alles andere hätte ihm Mißbrauch öffentlichen Eigentumes gedünkt. Unpreußisch!

Zugegeben: etwas krass ist das schon. Aber so oder so ähnlich war das wohl mal hierzulande: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Und Licht ist Licht. Da gibt es kein Vertun.

Bolle findet, diese Geschichte – sei sie nun wirklich wahr oder nur allegorisch – kontrastiert in ganz erheblichem Maße mit den Sitten und Gebräuchen, die sich mittlerweile allerorten eingeschlichen haben. Da gibt es Amtsträger jeglicher Stufe und Couleur, die mit geradezu spektakulärer Schamlosigkeit scheinen vergessen zu haben, daß es nicht ihr Geld ist, das sie frohen Mutes geflissentlich und mit viel Verve zum Fenster rausschleudern.

Das geht mit Petitessen (neudeutsch: Peanuts) los. Da gibt es Amtsträger (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), die meinen, um die 11.000 Euro im Monat für Frisör und Styling verplempern zu müssen – auf Staatskosten, versteht sich. Rechnen wir das einmal um: Der Regelbedarf eines armen Würstchens – das ist das, womit man klarzukommen hat, um ein angeblich menschenwürdiges Dasein zu führen – liegt derzeit bei 563 Euro im Monat. Das aber heißt nichts anderes, als daß besagtes Würstchen aus dem Volke mit dem monatlichen Schönheitsaufwand manches Amtsträgers im richtigen Leben über anderthalb Jahre (!) zurechtkommen muß.

So richtig wohlproportioniert will Bolle das mitnichten erscheinen. Eher würde ihm einleuchten, daß solche Leute so ziemlich jeglichen Sinn für jedwede Proportion verloren haben. Augenmaß? Fehlanzeige!

In der Mitte der 1990er Jahre gab es einmal den Slogan eines Kreditinstitutes, der lautete: ›Schließlich ist es Ihr Geld‹ – und eben nicht das Unsere, mit dem wir umgehen. Bolle meint, ein Körnchen dieser Einsicht stünde der gegenwärtigen Politprominenz nicht schlecht zu Gesichte.

Allein – alles ist anders: Die scheinen offenbar zu denken, es sei ihr Staat. Ihr Geld. Und, ins Absurde gewendet: Ihre Demokratie. Wie krass kann man danebenliegen? Bolle meint: das kann nichts werden, beim besten Willen nicht – und fühlt sich an Wilhelm Buschs ›Max und Moritz‹ (1865) erinnert:

Aber wehe, wehe, wehe!
Wenn ich auf das Ende sehe!!

Schließlich, nota bene, reden wir hier nur von den Peanuts. Die richtig fetten Knaller – verschleuderte „Sondervermögen“ im Hunderte-Milliarden-Bereich, et cetera perge perge, und was sonst noch so alles möglich ist in einer recht systematisch derangierten Politposse: Da schweigt des Sängers Höflichkeit. Ein ganz klein wenig mehr solides Preußentum könnte vermutlich wahrlich nicht schaden. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.