Do 08-10-20 Das Aufstiegserbrechen

Wer unten ist, bleibt unten. Nach Berechnungen der Industrieländerorganisation OECD ist der Aufstieg in Deutschland schwieriger als in fast allen anderen westlichen Staaten. Demnach dauert es bis zu sechs Generationen, bis die Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen des Landes erreichen. Das sind mehr als 150 Jahre.

So läßt Garbor Steingarts heutiges Morning-Briefing verlauten. Bolle ist entzückt. Da ist es wackeren Forschern doch glatt gelungen, Erwerbsbiographien bis in die Mitte des 19. Jhd. zurückzuverfolgen – und das ganze auch noch auf die Zukunft hochzurechnen. Respekt. Andererseits: Geologen ist es neuerdings ja auch gelungen, das Verhalten von Salzstöcken zwecks Endlagerung von Atommüll auf 1 Million Jahre hochzurechnen. Das ist noch sehr viel mehr als 150 Jahre. Um das ganze noch zu toppen, haben sie uns im Namen der Wissenschaft auch gleich noch erklärt, warum ihre Entscheidung für Gorleben von vor 50 Jahren heute nicht mehr gilt. Nun sind 50 Jahre sehr viel weniger als 1 Million Jahre. Bolle meint: Solche Berechnungen haben wohl mehr mit Voodoo zu tun als mit Wissenschaft. Die Botschaft hört er wohl. Allein: ihm fehlt der Glaube.

Weiterhin erfahren wir, daß „16 liberale Politiker, Wissenschaftler, Journalisten und Unternehmer“ ein Buch mit dem Titel „Aufstieg: 16 Vorschläge für die Zukunft Deutschlands“ vorgelegt haben.

16 Autoren, 16 Vorschläge: Das klingt ja richtig systematisch. Ein Glück, daß ick meine Lesebrille verlegt hab, meint Bolle. Dabei ist das alles doch nicht soo kompliziert:

Stellen wir uns eine kleine Volkswirtschaft mit 15 Personen vor, von denen sich 5 auf „Level V“ befinden, 4 auf „Level IV“, und so weiter bis ganz oben. Wenn jetzt einer, zum Beispiel A, aufsteigen will, Pfeil (1a), dann muß notwendigerweise jemand anderes Platz machen, Pfeil (1b), und jemand Drittes muß nachrücken, Pfeil (1c). So ist das bei einer sich nach oben verjüngenden Pyramide. Kurzum: Zwar ist es möglich, daß A aufsteigt – es ist aber mathematisch unmöglich, daß das gesamte Level V aufsteigt. Noch kürzer: Jeder kann aufsteigen. Aber es kann nicht jeder aufsteigen. Komplizierter ist es an dieser Stelle nicht. Allerdings wäre es möglich, Pfeil (2), daß man die Definition, was „oben“ ist und was „unten“, modifiziert. Wenn man also Level III zu „auch oben“ zählt, dann können sich manche, die vorher „unten“ waren, „oben“ zugehörig fühlen. Davon wurde ja auch reichlich Gebrauch gemacht, zunächst wohl von Helmut Schelsky mit seiner „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Das war 1953 und hat als ernstzunehmende Beschreibung auch nicht länger gehalten als die Berechnungen der Geologen, was Gorleben als Endlager angeht. Also Schwamm drüber. Was man aber, drittens, in der Tat machen könnte, wäre ein „Anbau nach unten“. Das wäre bei einer sich nach oben verjüngenden Pyramide in der Tat mathematisch durchaus möglich.

Zwar wäre Level V auf diese Weise in keiner Weise „aufgestiegen“. Gleichwohl könnten sich die Betroffenen damit trösten, daß sie jetzt nicht länger „ganz unten“ sind. Kurzum: Die perfekte Aufstiegs-Illusion. Das aber hat mehr mit Psychologie denn mit Mathematik zu tun. Klassische Kandidaten für Level VI sind dabei „Hartzer“, Aufstocker und nicht zuletzt auch sog. „Solo-Selbständige“.

Fassen wir zusammen: Möglichkeit #1, Aufstieg für alle, kann rein mathematisch nicht funktionieren. Bei Möglichkeit #3, der Aufstiegs-Illusion durch „Anbau nach unten“, dürfte es sich um einen klaren Fall von Zweckverfehlung handeln. Bleibt Möglichkeit #2: Die Absenkung der „Oben/Unten“-Grenze soweit nach unten, daß sich jeder, oder fast jeder, zumindest wirtschaftlich einigermaßen „auch oben“ fühlen kann — zumindest aber nicht allzu weit unten. Den meisten würde das ja schon reichen. Solange sich aber Leute wie etwa Friedrich Merz gerade mal eben zur „oberen Mittelschicht“ zählen, bleibt es wohl beim „Aufstiegserbrechen“. Nun ist Bolle doch ein ganz klein wenig gespannt, was die 16 Autoren auf immerhin 283 Seiten zum Besten gegeben haben mögen. Vermutlich die alte „Leistung muß sich wieder lohnen“-Leier — was bei Lichte betrachtet ja wohl auf eine „Verhöhnung“ (wie das neudeutsch gerne heißt) der braven Werktätigen hinausläuft. Vielleicht findet Bolle seine Brille ja bald wieder. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 04-10-20 Dreißig Jahre Deutsche Einheit – glühende Landschaften?

30 Jahre Deutsche Einheit: Die große Ost-Bilanz.

Unter diesem Titel beglückt uns das ZDF im Rahmen seiner Doku-Reihe ›ZDFzeit‹. Untertitel: ›Gewinner und Verlierer der Einheit‹. Bolle, von Haus aus Ökonom, hat kurz nachgerechnet und bittet, seinen Beitrag – gewissermaßen als Antidot zum dieser Tage üblichen „Wir haben doch schon so viel erreicht“-Gesäusel zu bedenken. 1991 betrug das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1.586 sog. „Gütereinheiten“ – also das, was in der „wiedervereinigten“ Volkswirtschaft erzeugt und verbraucht wurde. 2019 waren es 3.436 Gütereinheiten. Das bedeutet, daß das BIP mit schöner mathematischer Regelmäßigkeit jährlich um 2,8% gestiegen ist – ein durchaus plausibler Wert. Insgesamt hat es sich mehr als verdoppelt. Inflationseffekte sind dabei selbstredend rausgerechnet. Güter kennen keine Inflation. Bolle fragt sich: Wieso gibt es unter diesen Umständen überhaupt „Verlierer“? Rein rechnerisch könnten allen, wirklich allen, heute doppelt so viele Güter zur Verfügung stehen wie zur Zeit der Ost-Ausweitung. Nun ist die Menge der zur Verfügung stehenden Güter das in der Volkswirtschaftslehre übliche Maß für Wohlstand. Kurzum: Der Wohlstand im wiedervereinigten Deutschland könnte heute – auch für die Ossis – doppelt so hoch sein wie seinerzeit. „Gewinner“ also, wohin das Auge blicket. Sollte das auch so sein? Bolle meint: of course. Ein und denselben Krieg gleich dreimal zu verlieren – zuletzt durch die Treuhand – ist mehr als man einer einzelnen Volksgruppe vernünftigerweise zumuten sollte – selbst wenn die das letztlich selber so gewollt hat (vgl. dazu den zeitlos-zotigen Titel der Titanic vom November 1989 eingangs). Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 18-09-20 Panne-Prozente

Wenn etwas um 50 Prozent zurückgegangen ist, dann muss es um 100 Prozent steigen, um dort hinzukommen, wo man vorher war.

Gefunden in Steingarts Morning-Briefing von heute. Wer hat’s verkündet? Der BDI-Präsident Dieter Kempf. Ach was, meint Bolle, kiek ma eener an. Ist das jetzt auch wahr? Oder spielt uns hier die Mathematik einen Streich?

Wie wäre es, wenn wir „Prozent“ beispielsweise durch „Äpfel“ ersetzen? „Wenn etwas um 50 Äpfel zurückgegangen ist, dann muß es um 100 Äpfel steigen, um dort hinzukommen, wo man vorher war.“ Das ist offenkundiger Unsinn: Wenn etwas um 50 Äpfel zurückgegangen ist, dann muß es (auch nur) um 50 Äpfel steigen, um dort hinzukommen, wo man vorher war. Oder ersetzen wir die Prozente durch Prozentpunkte. Wenn etwas um 50 Prozentpunkte zurückgegangen ist, dann muß es (auch nur) um 50 Prozentpunkte steigen, „um dort hinzukommen, wo man vorher war“. Kurzum: die Prozente tanzen unbotmäßig aus der Reihe. Dürfen die das? Oder „spalten“ sie damit gar die Mathematik? Weiter heißt es dort:

Das scheinen manche in der aktuellen Diskussion zu vergessen.

Was bitteschön hat das mit „vergessen“ zu tun? Kann man Mathematik (eigentlich ja eher Arithmetik, also „Rechenkunst“) einfach so „vergessen“? Oder ist es nicht doch eher so, daß man derlei immer schon verdrängt und noch nie ernstlich gewußt hat? Zu verwirrend, das alles? Brauchen wir eine Rechen-Reform – als konsequente Fortsetzung der Rechtschreib-Reform von 1996? Damals ging es darum, mit einer aufwändigen (mit „ä“, wegen „Aufwand“) Reform Sein (üble orthographische Kenntnisse der Schüler) und Sollen (bessere Noten in Deutsch-Diktaten) wieder besser zusammen zu bringen (oder nicht doch besser „zusammenzubringen“?). Dürfen wir zulassen, daß jetzt die Prozente derart kontraintuitiv aus der Reihe tanzen?

Was Herr Kempf uns sagen will, ist möglicherweise folgendes: „Wehret den Abstiegen. Denn der Aufstieg ist aufwendiger.“ Zumindest in Prozent gemessen ist das so. Was er allerdings zu übersehen scheint, ist die erfreuliche Kehrseite der Medaille: Jede Firma, die einen Rückgang von (nur) 50 Prozent erfahren mußte, kann sich, falls sie wieder „dort hinkommt, wo sie vorher war“, eines Zuwachses von spektakulären 100 Prozent rühmen. Und das ist doch auch was wert. Also sollten wir uns das mit der Rechen-Reform doch noch mal gut überlegen – zumal die Mathematik längst nicht so duldsam ist wie die Philologie. Philolog non calculat – aus gutem Grunde wohl.

Was Herr Kempf übrigens völlig außen vor läßt: Warum in alles in der Welt will er denn unbedingt wieder „dort hinkommen, wo er vorher war“? Soo toll war das weiß Gott ja wohl auch wieder nicht. Die einzige Linie, die Bolle einleuchten würde: (1) die „nachhaltige“ Steigerung der Arbeitsproduktivität (das passiert sowieso) nebst (2) eines Verteilungsverfahrens, das dafür sorgt, daß das allen – und nicht nur einigen – zugute kommt. Die damit verbundenen Probleme sind übrigens längst gelöst – man müßte nur noch zur Tat schreiten. Die Umstände sind, Corönchen sei Dank, alles in allem recht günstig. Ein doch eher uninspiriertes back to the past scheint Bolle nach allem ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Mo 25-11-19 „Umverteilung“

Ich erwarte, dass die Politik der Umverteilung, die wir in den vergangenen zwei Jahren der Großen Koalition erlebt haben, beendet wird.

Gefunden in Garbor Steingarts Morning Briefing. Wer hat’s gesagt? Astrid Hamker, Familienunternehmerin und neue Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrates, nach dem CDU-Parteitag in Leipzig. Im Folgenden erfahren wir:

Sie legt der CDU nahe, wieder zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Es sei eine wirtschaftspolitische Priorität, „die Leistungsträger“ – und hier vor allem die Unternehmer des Mittelstandeszu entlasten. Dabei gehe es nicht um Begünstigungen, sondern um „Wertschätzung“.

Selbstredend spricht rein gar nichts dagegen, den „Leistungsträgern“ ein gebührendes Maß an „Wertschätzung“ entgegenzubringen. Allerdings ist Wertschätzung keine ökonomische Kategorie – jedenfalls nicht unmittelbar. Für die Wertschätzung, die eine Volkswirtschaft ihren Wirtschaftssubjekten entgegenbringt – egal ob Unternehmer, Geldverleiher oder Arbeitnehmer – gibt es unter den Bedingungen freier Marktsteuerung ein recht valides Maß: Nämlich das Einkommen – egal ob Gewinn-, Zins- oder Lohneinkommen – das einer mit seiner Tätigkeit erzielt. Hier soll sich, wenn wir Frau Hamker richtig verstehen, der Staat nicht über Gebühr einmischen – insbesondere also nicht „umverteilen“. Damit sind wir umstandslos beim obersten Gebot Freier Marktwirtschaft: Was der Markt verteilt, das soll der Staat nicht „umverteilen“. Natürlich gibt es hierfür auch tüchtig theoretische Unterfütterung: So spricht etwa Eucken, einer der „Väter“ des Ordo-Liberalismus, von einem „ethisch-gleichgültigen Automatismus“ des Marktes und folgert, dies sei die Bedingung für die „Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit“, denn nur er – also „der Markt“ – vergebe das Einkommen entsprechend der für die Konsumentinnen und Konsumenten tatsächlich erbrachten Leistung. Der Markt – präziser: Freie Markt­steuerung – sorgt demnach nicht nur für das denkbar bestmögliche Ergebnis überhaupt, sie entbindet uns auch von jeglicher ethischen Bewertung. Volkswirtschaftslehre als Teildisziplin der Moralwissenschaften, als die sie noch von Pigou, Marshall und letztlich auch Keynes aufgefaßt wurde, wäre nach dieser Auffassung definitiv überholt. Dabei wird »soziale Gerechtigkeit« hier offenbar im Sinne von „suum cuique“ (jedem das Seine) verstanden: Jeder verdient (im Sinne von Einkommen), was er verdient bzw. was er sich verdient hat (im Sinne von „tatsächlich erbrachter Leistung“). Der Markt als iustitia ex machina, sozusagen: Der Markt als „Gerechtigkeits-Maschinchen“. Immer bereit – und allzeit „gerecht“. Das Problem an dieser Stelle: Das alles gilt nur, solange wir es mit einem „Bilderbuch-Markt“ zu haben – einem Markt also, der „tatsächlich“ so funktioniert, wie uns das die Ökonomen seit Jahrhunderten aufgrund hanebüchen simpler Modelle einzureden versuchen. Angefangen hat alles mit Adam Smith’s – übrigens übelst instrumentalisierter – „invisible hand“. Dumm nur, daß „der Markt“ genau so eben nicht funktioniert. „Der Markt“ ist im richtigen Leben mitnichten der „große Ausgleicher“, der er vorgeblich sein soll. Was dann? Tatsächlich sorgt Freie Marksteuerung für eine veritable Spaltungsdynamik – ganz nach dem Matthäus-Prinzip: Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden (Matth. 25, 29). Es hätte alles so schön sein können, wenn der Markt „in real life“ so funktionieren würde, wie wir das bilderbuchmäßig unterstellt haben – und zuweilen, siehe oben, immer noch unterstellen. So aber muß es heißen: Vergiß das „Gerechtigkeits-Maschinchen“ und löse Dich von Deiner Entscheidungsfaulheit – um nicht zu sagen: Entscheidungsfeigheit – und kümmere Dich um ein tragfähiges Konzept, wie Wirtschaft funktionieren soll und vor allem darum, was dabei für wen und in welcher Weise her­auskommen soll. „Der Markt“ alleine wird es nicht richten (können) – dazu ist er viel zu schlicht gestrickt. „Der Markt“ ist nicht mehr als ein Regelkreis (in zeitgenössischer Diktion: ein Algorithmus) – und mitnichten ein „Gerechtigkeits-Maschin­chen“. Wir sollten ihn nicht überfordern – und dabei vor allem nicht mehr von ihm erwarten, als er „tatsächlich“ auch leisten kann. Was das alles mit „CDU“ bzw. deren „Wurzeln“ zu tun haben sollen, will sich Bolle übrigens beim besten Willen nicht erschließen. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 15-11-19 Nachtrag AKK sozial

Wir haben ein Sicherungssystem aufgebaut, das heute an die Grenzen des Machbaren und Möglichen stößt.

Die Tagesspiegel Morgenlage erweist sich heute als ausgesprochen ergiebig – so daß uns ein zweiter Nachtrag angebracht erscheint. Hier also ein Spruch der CDU-Cheffin Annegret Kramp-Karrenbauer, die demnach vorhat, in 2020 „das Sozialsystem auf Kosten und Leistungen zu überprüfen“. Abgesehen von der Frage: „Was geht die das an?“ drängt sich aus Bolles Sicht eine noch viel gravierendere Frage auf: Begünstigte des „Sicherungssystems“ leisten, grob gesagt, nichts. Das liegt nun mal im Wesen eines Sicherungssystems. Wenn wir jetzt „Kosten und Leistungen überprüfen“, dann kann das nur – da ist sich Bolle sicher – darauf hinauslaufen, daß die Kosten die Leistungen übersteigen. Wenn wir nun „überprüfen“ mit „ins Gleichgewicht bringen“ übersetzen (Bolle ist ein ausgesprochener „Schwurbel-Sprech“-Hater), dann kann das konsequenterweise nur heißen, daß „wir“ die „Leistungen“ auf Null zurückfahren. Helmut Kohl hätte sich solche Sprüche nie getraut. Chapeau! In diesen und ähnlichen Zusammenhängen erinnert Bolle gerne daran, daß „wir“ in einer Volkswirtschaft leben, deren Güterberg Jahr für Jahr mit schönster Zuverlässigkeit wächst. Der zu verteilende „Kuchen“ wird also immer größer. Gleichzeitig haben „wir“ es fertiggebracht, daß die Krümel, die das untere Drittel der Gesellschaft abbekommt, seit Jahrzehnten mit minder schöner Zuverlässigkeit weniger werden. Na toll. Was das mit „Grenzen des Machbaren und Möglichen“ zu tun haben soll, will sich Bolle beim besten Willen nicht erhellen. Bolles „free advice“ an die CDU-Cheffin: First of all, get your army running – aber achte dabei ein wenig darauf, daß nicht wieder alle Schiß vor Deutschland kriegen. Internationale „Verantwortung“ hin oder her. Deine offenkundigen Karriere-Ambitionen klären wir später. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 20-09-19 Klima-Rente

Wenn die Große Koalition nicht über das Klima streitet, dann über die Grundrente. Nun zeichnet sich offenbar ein Kompromiss ab […]

Gefunden im Handelsblatt Morning Briefing. Wenn das alles so flott geht mit dem „Streit unter aufrechten Demokraten“, dann wird das Klima sich wohl noch ein wenig gedulden müssen. Greta läßt grüßen.

Statt einer Bedürftigkeitsprüfung sollen Bezieher der Grundrente eine Einkommensprüfung durchlaufen. Die Grundrente würde dann nur gezahlt, wenn das Haushaltseinkommen unterhalb einer bestimmten Grenze liege.

Wer Grenzen zieht, erzeugt notwendigerweise Abgrenzungsprobleme: Wer nur soundso viel verdient, bekommt den Grundrentenzuschlag. Wer einen einzigen Euro mehr verdient, bekommt ihn nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier „Gerechtigkeits“-Debatten losgetreten werden und, in der Folge, das „Nachbessern“ der „handwerklichen Fehler“ versichert wird – die üblichen betröppelten [rheinischer Sprachgebrauch] Mienen inklusive. Bolle fragt sich: Was zum Teufel treiben die denn die ganze Zeit in ihren Kommissionen und ihren ewigen Nachtsitzungen? Immerhin: „Die Regierung tut was.“ Na toll.

Beide Seiten sehen sich als Sieger: Die Union, weil die Grundrente nicht bedingungslos gezahlt wird. Die SPD, weil sie ein zentrales Wahlkampfversprechen durchsetzen kann.

Na, das ist doch das wichtigste, meint Bolle. Gesichtswahrung vor Problemlösung – muß doch alles seine Ordnung haben. Das Klima läßt grüßen.

In der Sache bleibt das Ergebnis vor allem eins: ein fauler und teurer Kompromiss.

Ein fauler Kompromiß? Definitiv. Allerdings liegt es im Wesen eines Kompromisses, „faul“ zu sein – namentlich in einer Demokratie. Ein echter Konsens – verstanden als der aufrechte Bruder des Kompromisses – ist sehr viel anspruchsvoller und nur mit sehr viel mehr Gehirnschmalz (Sitz des Denkens) und überdies mit sehr viel mehr  „Bauchschmalz“ (Sitz des Wollens) zu bewerkstelligen. Bevor man nämlich auch nur anfangen kann zu denken, muß man notwendigerweise wissen, worüber man eigentlich nachdenken will. Kurzum: Man muß wissen, was man will [vgl. dazu auch »Fr 04-10-19 Klimabremse« – dort heißt das Baby, wie üblich, »Zieldefinition«]. Genau hier, da ist sich Bolle sicher, liegt das demokratietheoretische Problem: Wenn einer klipp und klar sagt, was er will, verprellt er umgehend all diejenigen potentiellen Wähler, die genau das eben nicht wollen. Wer traut sich das schon? Außerdem kommt rucki-zucki die (übrigens in keiner Weise demokratisch legitimierte) Sprachpolizei um die Ecke und rügt, daß man das – egal, worum es im Einzelfall gehen mag – so nicht sagen könne oder dürfe. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Warum aber eigentlich „teuer“? Teuer für wen? Für die Bezieher der Grundrente sicher nicht. Ganz im Gegenteil. Des Einen Kosten sind des Anderen Einkommen. Immer! In einer Volkswirtschaft kommt – ähnlich wie in einem Universum – nichts weg. Es gibt schlechterdings kein „weg“. Aber auch das ist ein anderes Kapitel.

Mo 30-09-19 Schwäbische Hausfrau

Vorsätzlich missachtet sie eine Grunderkenntnis der Volkswirtschaftslehre: Das Sparvermögen ist nichts anderes als Kaufkraft im Wartestand.

So heißt es in Gabor Steingarts Morning Briefing von heute. Gemeint ist die EZB mit ihrer Zinspolitik, die potentiell „Sparvermögen“ abschmelzen läßt. Die interessante Frage an dieser Stelle: Worauf, bitteschön, wartet das Sparvermögen? Die eigentliche „Grunderkenntnis“ der Volkswirtschaftslehre geht eher wie folgt: Der produzierte Güterberg einer Volkswirtschaft und die sich daraus ergebenden Einkommen sind betragsmäßig identisch. Einkommen sind nichts anderes als geldvermittelte Ansprüche an den Güterberg. Wenn nun diese Ansprüche „im Wartestand“ sind – also nicht zu tatsächlicher Nachfrage führen, dann bedeutet das notwendigerweise, daß mehr produziert als nachgefragt wird bzw. daß mehr produziert wird als abgesetzt werden kann. In der Folge werden die Unternehmen ihre Produktion zurückfahren: Der produzierte Güterberg wird kleiner – und damit auch die Einkommen. Kurzum: „Kaufkraft im Wartestand“ führt unvermittelt in eine Rezession. Griechenland läßt grüßen. Dem kann man nur entgehen, indem man die überschüssige Produktion im Ausland absetzt, und zwar auf Kredit – Stichwort „Exportweltmeister“. Die gelegentlich zitierte „Schwäbische Hausfrau“ mag ihren privaten Haushalt kaufmännisch solide führen. Der Volkswirtschaft, in der sie lebt, wird sie aber schaden – und damit auf längere Sicht auch ihrem eigenen Haushaltseinkommen. „Harmlos“ ist etwas an sich so tugendhaftes wie Sparen nur dann, wenn es als tatsächliches Angebot auf tatsächliche Nachfrage am Kapitalmittelmarkt stößt. Davon indessen sind wir zur Zeit weit entfernt. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Keynes, dem vielleicht gebildetsten und weitsichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, war das übrigens vor fast 100 Jahren schon klar. Dazu findet sich ganz aktuell ein hübscher kleiner Podcast (21 min) auf der ARD-Mediathek. Liebsten Dank an Katha, an der übrigens eine Star-Ökonomin verlorengegangen ist, für die Mitteilung.

https://audiothek.ardmediathek.de/items/68154586

Do 10-10-19 Märkte und Zünfte

Für zwölf Berufe hat sich das Kabinett auf eine Wiedereinführung der Meisterpflicht geeinigt. Damit sollten die Qualität und die Qualifikation im Handwerk gestärkt und dessen Zukunft nachhaltig gesichert werden, teilte das Wirtschaftsministerium mit.

Gefunden in der Tagesspiegel Morgenlage. Kiek ma eener an! An anderer Stelle liest sich das wie folgt:

Wir können uns das ganz lebenspraktisch vorstellen: Nehmen wir an, der gestandene Handwerksmeister M konkurriere mit dem Neugründer N um einen Auftrag. M wird – oder muß aus rein rechtlichen Gründen – für seine Mitarbeiter einen Lohnsatz kalkulieren, der auch die oft geschmähten „Lohnnebenkosten“ berücksichtigt, in erster Linie also Beiträge für die Renten- und Krankenversicherung der Mitarbeiter. N dagegen, so wollen wir nur leicht überzeichnend annehmen, meint, auf all das verzichten zu können. Er fühlt sich jung, die Rente ist fern (falls er überhaupt daran glaubt, jemals Rente zu beziehen), und gesund fühlt er sich auch. Entsprechend gering kalkuliert er seine Lohnkosten, macht das „bessere“ Angebot und wird den Auftrag absehbar erhalten. Nun ist es aber so sicher wie das sprichwörtliche „Amen in der Kirche“, daß auch N irgendwann einmal krank sein wird und eines Tages auch so alt, daß er eine Rentenversicherung zu schätzen wissen würde. Umgekehrt formuliert: Neugründer N produziert mit seinem Angebotsverhalten unerwünschte („negative“) externe Effekte, für die über kurz oder lang jemand (im Zweifel also der Steuerzahler) wird aufkommen müssen. Kurzum: Die Kalkulation des Handwerksmeisters M ist kaufmännisch solide bzw. – um es in modernerer Diktion zu fassen – „nachhaltig“. Die Kalkulation des Neugründers N dagegen ist frei von jeglicher kaufmännischen Vorsicht bzw. im Grunde sogar „windig“. Gleichwohl unterstützt das System, wenn es auf diese Weise steuert, das windige Geschäftsgebaren. Damit hätten wir es also auch hier wieder mit einem Nash-Gleichgewicht zu tun. Für jeden einzelnen Anbieter ist es rational, kurzfristig zu denken und zu kalkulieren, um überhaupt Aufträge zu erhalten. Spiegelbildlich ist es für Nachfrager rational, daß günstigere Angebot zu wählen. Dabei entsteht aber, allerdings erst auf mittlere Sicht, eine Situation, die mit bewährter kaufmännischer Vorsicht nur noch wenig zu tun hat. So werden auch die Nachfrager irgendwann feststellen müssen, daß sie die Beträge, die sie bei den Handwerkerrechnungen eingespart haben, später und an anderer Stelle schließlich doch in irgendeiner Form (im Zweifel in Form von Steuern) werden aufbringen müssen.

Soweit der Textauszug. Freie Marktsteuerung einschließlich freien Marktzuganges für prinzipiell alle führt zu den niedrigst möglichen Preisen auf den Gütermärkten – was von vielen Ökonomen als Ideal bejubelt wird. Allerdings führt sie gleichzeitig auch zu niedrigst möglichen Löhnen auf den Arbeitsmärkten und zu einer Verschiebung der Lasten in die Zukunft – was von den meisten Ökonomen allerdings nicht ernstlich in Rechnung gestellt wird. Im Ergebnis hätten wir also erfreulich günstige Güter – bei so unerfreulich niedrigen Löhnen, daß wir uns damit auch die günstigen Güter nicht leisten können.

Also doch lieber Zünfte? Aber das ist ein anderes Kapitel.

Mi 23-10-19 Rente mit 70

Reaktion auf Forderung nach Rente mit 69: Der CDU-Wirtschaftsrat begrüßte die Forderung der Bundesbank, das Renteneintrittsalter bis zum Jahr 2070 auf mehr als 69 Jahre zu erhöhen: Man müsse das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern durch längere Lebensarbeitszeit halbwegs im Lot halten.

So liest sich das heute in der Tagesspiegel Morgenlage. „Man müsse“. Hört, hört! Bolle meint: Wenn ich den Renten-Text gestern [siehe dort] richtig verstanden habe, spielt das „Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern“ überhaupt keine Rolle. Im übrigen liege das „natürliche“ Verhältnis offenbar bei 1 zu 1 bzw., wenn wir die Erwerbstätigen auf die Gesamtbevölkerung beziehen, bei 1 Erwerbstätigen auf 3 Einwohner (einschließlich aller Kinder und Jugendlichen). Das entspricht einer Erwerbstätigenquote von gerade mal 33%. Zur Zeit liegen wir bei rund 50%. Vielen – vor allem der EU-Bürokratie – ist selbst das noch viel zu wenig. „Ja dann wird wieder in die Hände gespuckt / Wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Das war 1982. Bolle fragt sich, ob Geier Sturzflug damals geahnt hat, daß die seinerzeit schon zweifelhafte Idee einer „industriellen Reservearmee“ noch einmal eine solche Renaissance erleben würde. Je mehr Leute auf den Arbeitsmarkt drücken, desto niedriger fallen die Löhne aus. So geht nun mal Marktwirtschaft (vgl. dazu auch »Do 10-10-19 Märkte und Zünfte«). Das heißt aber nicht, daß diese Leute dann auch was sinnvolles tun würden. Jedes Produktionssystem – egal ob im Sozialismus oder im Kapitalismus – kennt so etwas wie „Absorptionsresistenz“. Wieviel Arbeit gebraucht – und damit potentiell nachgefragt – wird, entscheiden die realwirtschaftlichen Bedingungen – und nicht etwa der Markt. Stellen Sie sich vor, Sie seien Bäckermeister oder -meisterin. Würden Sie jemanden einstellen, den Sie gar nicht brauchen – nur weil er billig zu haben ist? Natürlich nicht! Falls doch, würden Sie dafür, wenn Sie können, jemand anderen rausschmeißen. Ein zusätzlicher Arbeitsplatz wäre damit also nicht entstanden: Absorptionsresistenz, eben. Das Prinzip gilt, soweit wir sehen können, ganz allgemein – und ist seit Mitscherlich bestens erforscht. Oder würden Sie Ihre Lieblings-Zimmerpflanze mit Dünger zubomben, nur weil er gerade wohlfeil im Angebot ist? Natürlich nicht! Kurzum: Die Nachfrage nach „Produktionsfaktoren“, egal ob Arbeitskraft oder Düngemitteln, wird vom Systemverhalten bestimmt – und nicht vom Markt. Kenner sprechen hier ganz zutreffend von „abgeleiteter Nachfrage“ – von der sich alle Produzenten leiten lassen. Was denn sonst? Mag ja sein, daß Sie als Konsument (!) mehr Tomaten kaufen, weil sie gerade „im Angebot“ sind. Als Restaurantbesitzer und damit als Produzent (!) aber werden Sie genau so viele Tomaten kaufen, wie Sie für den Betrieb Ihres Restaurants benötigen. Das ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht – der sich allerdings und gleichwohl noch nicht allgemein herumgesprochen hat. Auch nicht in der Ökonomen-Zunft. Kurzum: Je mehr Leute auf einen Arbeitsmarkt drücken, der keine zusätzliche Arbeitskraft braucht, desto mehr knicken die Löhne ein. Zusätzliche Arbeit entsteht dabei mitnichten. Folglich macht es auch keinen Sinn, „das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern durch längere Lebensarbeitszeit halbwegs im Lot“ halten zu wollen, wie es im Originalbetrag (siehe oben) so schön heißt.

Aber ist es denn nicht auch wahr, was ein bekannter Baumarkt sehr erfolgreich zu seinem Werbeslogan erhoben hat: „Es gibt immer was zu tun?“ Natürlich. Es gibt immer was zu tun. Wir könnten zum Beispiel mehr Lehrer brauchen, mehr Sheriffs vielleicht, mehr Krankenpfleger und, vor allem in Berlin, auch mehr Bus- und Bahnfahrer. Allein: Solchen „Luxus“ kann oder will sich die Gesellschaft offenbar nicht leisten. Im Grunde ist es ja nicht allzu kompliziert: (1) Menschen haben praktisch unendlich viel Bedürfnisse. (2) Daraus folgt praktisch unendlicher Bedarf. (3) Daraus folgt aber mitnichten praktisch unendliche Nachfrage. Warum nicht? Weil erst Bedarf, der mit Kaufkraft ausgestattet ist – also der Fähigkeit und der Bereitschaft – eben diesen Bedarf (bzw. diese Bedürfnisse) zu bedienen, zu tatsächlicher Nachfrage und damit auch zu tatsächlicher Arbeitsnachfrage führt. Bolle meint: Hier gibt es wohl noch einiges zu tun. Recht hat er! Und in der Tat regt sich auch, geradezu reflexhaft, Widerstand. An gleicher Stelle lesen wir:

Dagegen kritisierte der Vizechef der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, den Vorschlag als Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Viele Arbeitnehmer erreichten schon heute das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht und seien daher finanziell auf Hartz IV angewiesen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil warnte davor, Menschen zu zwingen, bis 70 zu arbeiten, um eine vernünftige Rente zu bekommen. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer lobte den Bundesbank-Vorstoß als wichtigen Impuls in der Debatte um Generationengerechtigkeit.

„Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft“. Starker Tobak. „Menschen zu zwingen, bis 70 zu arbeiten, um eine vernünftige Rente zu bekommen“. Bolle meint: Definiere „vernünftige Rente“. Alles über Hartz-IV-Niveau? Aber immerhin handelt es sich hierbei um einen „wichtigen Impuls in der Debatte um Generationengerechtigkeit“. Das klingt gut. Das klingt staatstragend. Gemeint ist aber wohl: Wir sollten die Rentner nicht zu sehr mästen. Das könnten uns die Jüngeren übelnehmen. Was dabei übersehen wird: Auch die Jüngeren werden demnächst Rentner sein. Bolle meint: Von einem staatstragenden Politiker könnte man durchaus erwarten, daß er das gelegentlich mal klarstellt, statt die einen gegen die anderen aufzuwiegeln – von wegen „Generationengerechtigkeit“. Aber das ist ein anderes Kapitel.