
Neulich war Bolle mal wieder bummeln – diesmal nicht etwa ›in real life‹, sondern in den kaum weniger bunten virtuellen Welten. Dabei ist ihm der Dialogfetzen aus unserer heutigen Überschrift untergekommen. Ist das jetzt logisch? Oder ist das Klamauk? Auf Anhieb war Bolle das nicht ganz klar.
W a s ihm aber klar war: Wenn einer was n i c h t kann (kurz ›k‹ mit Überstrich – das in Bolles Kreisen übliche Symbol für die logische Verneinung), dann kann er es nicht machen (das ›m‹ mit Überstrich). Zumindest sollte man das meinen. Daraus folgt übrigens rein logisch (Doppelpfeil), daß, w e n n einer was macht, er das auch kann. Auch das sollte man zumindest meinen. Allerdings folgt daraus n i c h t (der rote durchgestrichene Doppelpfeil), daß, wenn einer was kann, er es auch machen wird. Natürlich nicht. Man kann unmöglich alles machen, was man machen k ö n n t e . Genaugenommen ist das sogar der Normalzustand – wie ihn Reinhard Mey seinerzeit (1971) in seinem Lied 71½ so anschaulich beschrieben hat:
Ein paar Dutzend leere Flaschen
Stehen noch auf dem Balkon,
Eingepackt in Plastiktaschen,
Die ich doch seit Neujahr schon
Längst zum Kaufmann tragen sollte,
Legen Zeugnis davon ab,
Was ich alles tun wollte,
Und doch nicht getan hab’.
Kurzum: der Möglichkeiten sind da viele. Oder, vornehmer formuliert: Der Kontingenzraum (also das, was irgendwie sein k ö n n t e ) ist um 10 hoch einige Phantastilliarden größer als der Manifestationsraum (das, was letztlich davon überbleibt). Um sich das vorstellen zu können: Der Durchmesser des beobachtbaren Universums beträgt gerade mal vergleichsweise winzige 10 hoch 27 Meter.
Soweit ist das krass genug. Doch oh weh, oh jemine! Es kommt noch schlimmer. Die eigentlichen Probleme liegen mal wieder, wie so oft, jenseits des Lattenzaunes der Logik. ›Können‹ nämlich ist ein Teekesselchen – und zwar eines der tückischen Art.
Es gibt höchst harmlose Teekesselchen – zum Beispiel ›Bank‹. Wenn ich sage, ich setze mich auf die Bank, wird niemand, wirklich niemand erwarten, mich demnächst auf dem Dach eines Kreditinstitutes anzutreffen. Wenn dagegen jemand sagt, er habe sein Geld auf der Bank, wird niemand ein Portjuchhe auf einer Parkbank erwarten. Verwechslungsgefahr ist praktisch ausgeschlossen. Darum kann man ohne Verwirrung zu stiften für zwei so unterschiedliche Dinge wie Parkbänke und Kreditinstitute ohne weiteres das gleiche Wort verwenden. Genau darum sind solche Teekesselchen harmlos.
Daneben gibt es aber auch tückische Teekesselchen. Wenn jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sagt ›Ich kann das‹, dann kann das zweierlei, höchst unterschiedliche Bedeutungen haben. Zum einen kann das meinen, daß etwas im Rahmen seiner Fertigkeiten und Fähigkeiten liegt – übrigens ein stehender Begriff aus dem real-existiert-habenden sozialistischen Bildungssystem. Zum anderen kann es aber auch bedeuten, daß es – zumindest nach seiner Einschätzung – nichts gibt, was ihn hindern oder hemmen könnte. Das Können zum einen ist also ergebnisorientiert, das Können zum anderen dagegen ist freiheitsmotiviert: „D i e Freiheit nehm’ ick mir – kann ick mir leisten.“ Ganz so wie oben in der Überschrift. Dabei hat das eine mit dem anderen wirklich rein gar nichts zu tun. Bolle meint: Da kannste ma sehen: wirklich tückisch, ditte.
So r i c h t i g a b s u r d wird es dann, wenn einer von seiner Position auf seine Fertigkeiten und Fähigkeiten schließt. In Bolles Kreisen nennt man solche Leute hochgespülte Gesellen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Solche Leute scheinen zu meinen, daß, wenn sie schon einen gegebenen Job innehaben (und dafür meist auch noch fürstlich bezahlt werden), dann müßten sie ihn ja schließlich auch können, den Job. Wie heißt es doch im Volksmund? Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. So optimistisch ist Bolle dann aber doch eher n i c h t . Und so machen Scharen von Leuten ihre Jobs nicht etwa, weil sie sie können (ergebnisorientiert), sondern weil sie niemand daran hindern kann (freiheitsmotiviert). Um es auf unsere Überschrift zurückzuschleifen: „Warum machst Du einen Job, den Du nicht kannst? – Weil ich es kann.“ Na toll. Hier beißt sich die Katz‘ in den logischen Schwanz.
Avanti dilettanti, also: Munter geht die Welt zugrunde. Wenn schon kein Ergebnis, dann wenigstens Freiheit. Nun wäre Bolle der letzte, der was gegen Freiheit hätte. Allerdings wäre ihm ein gerüttelt Maß an solider Könnerschaft namentlich in hochgestellten Positionen durchaus deutlich lieber – insbesondere bei Leuten, die sich anschicken, ein ganzes Land lenken zu wollen. Guckt Euch um auf dieser Welt! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.









