So 07-06-26 Der fliegende Konstruktivist

Der fliegende Konstruktivist: El Lissitzky 1923 (Symbolbild, of course).

Bekanntlich ist Bolle von vielen Formen konstruktivistischen Überschwanges ja nicht allzu überzeugt. Der Grund ist durchaus elementar: Bolle ist das einfach zu dumm. Umschreibt man nämlich ›Dummheit‹ mit dem ›kognitiven Unvermögen, Gegebenheiten beziehungsweise Zusammenhänge erkennen zu können‹, dann neigen Konstruktivisten dazu, hier noch eine Schippe draufzulegen: Es sei gar nicht nötig, Gegebenheiten oder Zusammenhänge erkennen zu können, da man selbige ja nach Belieben konstruieren könne. Natürlich sagt das keiner so. Das wäre, im besten Buddenbrook’schen Sinne, einfach nur albern. Allein, im Ergebnis läuft es nachgeradezu darauf hinaus.

Es gibt da einen alten Witz – und der geht so: Ein Konstruktivist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) fliegt aus dem 42. Stock eines Hochhauses. Warum ausgerechnet aus dem 42.? Nun, weil die Antwort ist nun mal 42 – und im übrigen geht der Witz halt so. Was denkt der Konstruktivist? Wenigstens 41½ Stockwerke lang ist er guter Dinge. Schließlich sei ja alle Realität sozial konstruiert – und bislang sei ja auch noch nichts Schlimmes passiert. Dann aber – Bruchteile von Sekunden später – ist er plötzlich platt. Ende Gelände. Ende vom Witz. Ende eines Konstruktivisten-Daseins.

Was will der Witz uns sagen? Nun, Witze soll man nicht erklären wollen. Fassen wir den Witz aber nicht als solchen, sondern eher als Analogie auf, dann bleibt zumindest festzuhalten: Es scheint Leute zu geben, denen die gute alte Realität offenbar zu gewöhnlich ist – zu altbacken oder zu hinderlich gar –, und die dazu zu neigen scheinen, sie im Überschwange ihrer stupenden Selbstherrlichkeit durch etwas flotteres, etwas „zeitgemäßeres“ zu ersetzen. Daß da was nicht stimmen kann – in Bolles Kreisen nennt man das auch ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – merkt manch strammer Konstruktivist erst mit dem Aufschlag, also wenn er nichts mehr merken kann. Also nie. Isch over! – wie Wolfgang Schäuble das angelsächsische ›Game over‹ 2015 mal so trefflich badenisiert hatte.

Nun mag das jeder halten, wie er mag. Des Menschen Weltbild ist schließlich sein Himmelreich. Allerdings gibt es neben dem, sagen wir, mehr oder weniger privaten Konstruktivismus noch so eine Art öffentliche, und dabei durchaus aggressive Spielart: In Bolles Kreisen nennt man das auch Konzertierter Konstruktivismus. Man könnte auch sagen: Konstruktivismus für andere – eine Darbietungsform, die natürlich ebenso unfruchtbar ist wie die herkömmliche und weitverbreitete ›Wahrheit für andere‹.

Dabei ist den Clique-politique-Paragonisten des konzertierten Konstruktivismus natürlich irgendwo und irgendwie schon klar, daß das alles so nicht stimmen kann, was da von ihnen den ganzen lieben langen Tag propagiert beziehungsweise gar halluziniert wird. Zumindest ist es  n o c h  nicht so – noch lange nicht. Allein: wozu hat man denn die feste Überzeugung, daß es ja wohl möglich sein müsse, die Wirklichkeit in die gewünschten Bahnen zu bringen und zu zwingen, wenn man nur ganz dolle daran glaubt und hartnäckig genug dranbleibt?

Abbruchbedingung? Fehlanzeige. Einmal in Fahrt, läuft das immer weiter – bis zum Aufschlag. Die Geschichte wird’s dann richten. Anschließend, post festum, nach der Party, die üblichen langen Gesichter. Aber vielleicht nicht mal das. „Das haben wir nicht wissen können.“ – wie es seit Corönchen so herrlich treudoof heißt. Bolle meint nur: Hättet ihr wohl! Etwas weniger konstruktivistischer Überschwang, etwas weniger Selbstverliebtheit – und dafür etwas mehr Realitätssinn und antikonstruktivistische Kontemplation hätten da Wunder gewirkt.

Ein einziges Beispiel mag für heute genügen: Wie man hört, können hierzulande mittlerweile um die 40 Prozent der 15-Jährigen kaum noch lesen, schreiben, rechnen. Und das in einem Land, das wenig in die Waagschale zu werfen hat außer seinem Humankapital. Na toll. Ob das stimmt, weiß Bolle natürlich nicht zu sagen. Aber wenn es stimmt – oder auch nur ungefähr: Wie lange, bitteschön, soll das denn dauern, bis sich das wieder ausgewachsen hat? Eine Generation? Eher zwei? Oder drei? Oder bis zum Aufschlag, eben?

Im Grunde erinnert das doch sehr an unseren Witz: Solange man noch fliegt als Konstruktivist, läßt sich jederzeit unwiderlegbar behaupten: Wieso? Ist doch noch nichts Schlimmes passiert, bislang.

Wir binden ja nur höchst selten ganze Videos ein. Das letzte mal wohl mit einem unter dem Weihnachtsbaum singenden und jubilierenden Gerald Groß (vgl. So 12-01-25 Tu felix Austria). Aber hier paßt es einfach zu̅ herrlich. Julian Reichelt, der Chefredaktor des Journalismus-3.0-Magazins ›Nius‹, hält (ab 5´55´´, und mit nur einer kurzen Eigenwerbung-Einlage) eine ›Hat nicht gestimmt‹-Philippika und bringt dabei in aller Kürze auf den Punkt, wie sehr sich doch die Konstruktivisten dieses Landes in ihr nur allzu alternatives Weltbild reingesteigert haben. Ein wenig erinnert das Bolle an Emil Zolas ›J’accuse…!‹ von 1898. Auch damals ging es um die Frage nach einer grundsätzlichen Ausrichtung der Republik – seinerzeit natürlich der französischen, of course. Allein das tut hier wenig zur Sache. Die Frage jedenfalls ist stets die gleiche: Konstruktivistischer Hype bis zum Aufschlag – oder besser mehr besonnene Bodenhaftung?

Das Video jedenfalls stellt in feinster Verdichtung zusammen, wie weit und wie gründlich sich namentlich in den letzten zehn, zwölf Jahren konzertierter Konstruktivismus und vorgeblich rückständige Realität auseinandergelebt haben. Wobei – da beißt die Maus kein‘ Faden ab – es immer die Realität ist, die in the long run Recht behalten wird. Wer also ein knappes Viertelstündchen – mehr Zeit braucht es nicht – erübrigen kann und mag, möge sich das als kleines Addendum zu unserem heutigen Sonntagsfrühstückchen gerne zu Gemüte führen.

Doch ist das alles denn auch wahr? Bolle findet, schon – na klar! Jedenfalls sind ihm keinerlei Kontrafaktizitäten aufgefallen. Aber ist es nicht zumindest furchtbar „rechts“ – wie viele ja zu meinen scheinen? Bolle ungerührt: definiere ›rechts‹. Falls Realität „rechts“ ist, dann natürlich Ja, of course (vgl. dazu etwa So 29-06-25 Rechtes Rechnen). Ansonsten: Falsche Frage. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Hat nicht gestimmt … (https://www.youtube.com/watch?v=Mq50L9rHIRI&list=WL&index=9&t=9s)

So 15-02-26 Den Hülsenfrüchtchen nicht geheuer

Mogst a Bries?

Sachen gibt’s, die gibt’s fast gar nicht mehr. Dabei sind sie mitunter wirklich praktisch: Schnupftabak etwa. So ist zum Beispiel noch kein Hülsenfrüchtchen je auf die Idee gekommen, den Leuten das Schnupfen verbieten zu wollen – weder in Kneipen oder Restaurants noch sonstwo. Ein echtes Tummelfeld also für Micro-Resistance – wie das in Bolles Kreisen aufrührerisch heißt.

Apropos Micro-Resistance: Bolle liebt es geradezu, auf manchen Partys etwa eine – ganz unschuldige und ungestopfte – Tabakspfeife im Mäulchen zu führen. — „Hier ist Rauchen verboten“ hieß es einmal von hinterm Tresen. — „Wieso – ick rooch doch gar nich.“ Und schon war nolens volens Ende Gelände mit dem ebenso knappen wie unseligen Disput. Zwar hatte Bolle mitnichten geraucht – aber offenbar auch nicht so recht ins mancherseits erwünschte – wie soll man sagen? – Stadtbild gepaßt. Aber genau  d a r u m  ja! Allein es gibt an dieser Stelle auch Erfreuliches zu berichten: Am gleichen Ort, zur gleichen Stunde nämlich entzückte sich eine unbekannte Schöne – vermutlich Studentin: „Boah! Wie stilvoll kann man sein …“. Na also – soo verdorben scheint die Jugend dann wohl ja doch noch nicht.

Natürlich muß niemand rauchen wollen. Auch nicht schnupfen. Aber diese aufdringliche Permanenz, mit der manch Hülsenfrüchtchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seinen Mitmenschen damit auf die Nerven geht, was löblich sein soll für die Welt – Selbstschutz, Fremdschutz … Rundumschutz überhaupt und allerorten: namentlich in der Corönchen-Hysterie hatten sie uns damit bis zum Gehtnichtmehr in den Ohren gelegen –, muß man wirklich nicht goutieren. Helfen, retten, schützen … kotzen, halt. Da hilft wohl letztlich nur agnostisch-kontemplativer Gleichmut.

Was die hilfreich gemeinten Hinweise auf den Verpackungen angeht: Im Grunde kann Bolle das völlig wurscht sein. Für sowas hat man schließlich seine Paraphernalia – schlicht zwar, aber ästhetisch ansprechend und vor allem durch und durch belehrungsfrei. Der Rest kommt dahin, wo er hingehört: in den Mülli.

Diesmal aber wollte Bolle es genauer wissen und fühlte sich veranlaßt, auf einen alten Juristen-Trick zurückzugreifen: Wo steht das? Nun, beim zuständigen Bundesamt für Risikobewertung heißt es in der Stellungnahme Nr. 031/2013 – gleich in der Überschrift: ›Schnupftabak birgt ebenso hohes Suchtrisiko wie Zigaretten‹. Aha! Schaut man nun ins Kleingedruckte – auch das ein alter Juristentrick –, dann heißt es unter ›Wahrscheinlichkeit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung‹ frank und frei: ›Möglich‹. Aha! Und unter ›Aussagekraft der vorliegenden Daten‹ heißt es: ›Gering: Zahlreiche wichtige Daten fehlen oder sind widersprüchlich‹. Aha, zum Dritten! Nichts Genaues weiß man also nicht. Immerhin ist man insoweit ehrlich – zumindest im Kleingedruckten.

Das hält die Verantwortlichen aber natürlich nicht davon ab, erst mal ebenso knallige wie kontrafaktische Überschriften zu generieren beziehungsweise Schnupftabakverpackungen mit einschlägigen Warnhinweisen zu verunzieren. Wenn’s doch der guten Sache dient! Immerhin hat man sich Hinweise wie ›Schnupftabak ist tödlich‹ oder so wohl gerade noch verkneifen können.

Im übrigen kann Schnupftabak durchaus auch Leben retten – zumindest aber vorzeitiges Ableben verhindern. Fragt Friedrich II (1712–1786). Der nämlich – seines Zeichens ein großer Schnupfer vor dem Herrn – wurde mitten im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) in der Schlacht bei Kunersdorf (1759) von einer russischen oder habsburgerischen Kugel ereilt, die wohl tödlich gewesen wäre – wäre sie nicht von seiner Tabatière, die er im Waffenrock stets bei sich trug, abgefangen worden. Und so kam es, daß Friederich dank Schnupftabak die Schlacht bei Kunersdorf noch 27 Jahre überleben sollte. Soviel zu ›Rauchen ist tödlich‹. Und so bleibt es denn bei dem, was ein jeder aufrechte Agnostiker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seit alters her für wahr erachtet: Wir wissen es nicht. Und wir werden auch nie wissen, was im Leben einer individuellen Person jeweils das Richtige gewesen sein mag. Statistische Wahrscheinlichkeiten sind da nur eine schale Ausflucht – denn sie haben für den Einzelnen Null Komma Null Null Aussagekraft. Das ist auch jedem seriösen Statistiker klar. Allein wie sag ich’s meinem (in der Regel kollektivistisch inspirierten) Hülsenfrüchtchen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 18-01-26 L’État c’est moi oder Wir sind das Volk

Der Ludewig, der Ludewig … (Hyacinthe Rigaud 1701).

Nachdem unser letztes Sonntagsfrühstückchen ja etwas exzessiv geraten war – allein was will man machen? – wollen wir es heute wieder etwas ruhiger angehen lassen. Damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt (vgl. dazu So 05-10-25 Drama Queen).

Die Absolutisten sind zurück. In aller Pracht und Herrlichkeit. Dabei klingt ›Absolutisten‹ durchaus um einiges gefälliger als etwa ›Totalitaristen‹ oder gar ›Faschisten‹ – Begriffe, die einem in diesem Zusammenhang durchaus auch einfallen könnten, die aber viel zu finster sind, of course. Darum zieht es Bolle ja ohnehin vor, nur noch von Schafisten zu reden – mit ihrem Credo ›Alle sollen gleich sein wollen‹ (ausführlicher dazu So 22-06-25 Der Faschismus ist tot – Es lebe der Schafismus!). Ein Absolutist jedenfalls ist einer, der sich zu unumschränkter Herrschaft berufen fühlt – absolut eben. Fragt Ludewig, den Vierzehnten, von Frankreich und Navarra (1638–1715), der ja wohl bis heute unbestritten als der Primus inter Pares auf diesem Felde gelten darf.

Natürlich gibt es immer auch Häretiker, die das alles so nicht glauben wollen. So hatte es Ludewig seinerzeit anfänglich mit ernstlicher Opposition des französischen Adels zu tun – also Leuten, die so ganz und gar nicht konform gehen wollten mit den Ambitionen des angehenden Sonnenkönigs. Die Frondeure (wie sie alsbald heißen sollten) frondierten – gaben ihren Mißmut gegen Hof und Herrschaft also öffentlich kund. So etwas geht natürlich gar nicht, of course, wie Ludewig derzeit befand.

Seinerzeit übrigens hatte sich die Herrlichkeit des Absolutisten aus der Idee des Gottesgnadentumes abgeleitet. Wer ganz dolle mit Gott ist, der sollte kleinlicher weltlicher Kritik natürlich enthoben sein, of course. Bolle findet, das leuchtet ein.

Dabei läßt sich die Idee des Gottesgnadentums zurückverfolgen bis zu dem spätrömischen Kaiser Konstantin (ca. 279–337 n. Chr.). Unmittelbar vor einer wichtigen Schlacht soll ihm am Himmel ein leuchtendes Kreuz erschienen sein, verbunden mit der Aufmunterung: In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst Du siegen. Und so war es denn auch. Konstantin war fasziniert und wurde gewissermaßen der erste Kreuzritter im Namen des Herrn (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course).

So richtig Fahrt aufgenommen hat das Gottesgnadentum dann aber erst im 8. Jahrhundert mit den Karolingern, die darin eine treffliche Begründung ihrer eigenen Legitimität erkannt hatten – um dann schließlich von Ludewig zu voller Herrlichkeit entfaltet zu werden. Der Idee den vorläufigen Garaus gemacht hatte erst Napoleon Bonaparte (1769–1821) – ein dahergelaufener korsischer Parvenu, der so rein gar nichts Gottesgnadenhaftiges an sich hatte. So kann’s gehen, wenn man im falschen Bett geboren ist – also nicht „von Familie“, wie das damals hieß.

Natürlich funktioniert Gottesgnadentum nur, wenn und solange man es mit Schäfchen zu tun hat, die im Prinzip auch an die Hölle glauben. Das ist heute ganz überwiegend nicht mehr der Fall. Heute gibt es dafür so etwas wie ein Guru-Gnadentum. Zu diesem Behufe wurde – Bolle vermutet hier eine Meisterleistung unbewußter Schwarmintelligenz – eigens „die Wissenschaft“ als neue Hüterin ewiger Wahrheit und Wahrhaftigkeit ausgerufen. Wehe, einer wage es, dagegen etwas einzuwenden. Spätestens seit Corönchen (2020–2023) wissen wir: „Team Wissenschaft“ hat immer Recht. Das wiederum kann – völlig analog – nur funktionieren, wenn und solange die Leute an ihre eigene Unvernunft glauben. Allein dem scheint ja so zu sein. Soviel zur Aufklärung mit ihrem ›sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn!‹. Doch das nur am Rande.

Kurzum: Absolutisten sind Leute, die meinen, wenn schon nicht die Weisheit, so doch zumindest die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben. Widerspruch ist zwecklos – wie das etwa ein Borg (aus der Star-Trek-Mythologie) wohl formulieren würde. Im übrigen wäre Widerspruch natürlich auch häretisch und völlig unangemessen, of course. Schaut Euch um auf dieser Welt: Sie sind absolut unter uns, die Absolutisten – nebst Hofstaat samt Gefolge. Und das im 21. Jahrhundert.

Einen Unterschied zu damals gibt es allerdings doch: Während es die Leute im 17. Jahrhundert nur mit einem einzigen Sonnenkönig zu tun hatten, der tunlichst nicht zu kritisieren und schon gar nicht zu beleidigen war, haben wir es heute mit scharenweisen Sonnenkönigen zu tun – heißt es doch im kürzlich erst frisch renovierten Majestätsbeleidigungsparagraphen ausdrücklich: Das politische Leben des Volkes reicht bis hin zur kommunalen Ebene (§ 188 Abs. 1, Satz 2 StGB). Also Obacht, Ihr Frondeure! Paßt bloß uff! Big Bürgermeister is watching you. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-12-25 Das einundzwanzigste Türchen – der vierte Advent: Am Himmel hoch da flog ich her

Am Himmel hoch … (Symbolbild, of course).

Eigentlich – ja eigentlich … wollten wir uns mit unserem kleinen agnostisch-kontemplativen Adventskalender dieses Jahr aus der lauten und lärmenden Welt ja möglichst raushalten. Bolle findet aber, das hier paßt doch trefflich in die Weihnachtszeit – vor allem, wenn man Martin Luthers Weihnachtslied (1535/39) textlich ein wenig kontemporär adaptiert:

Am Himmel hoch, da flog ich her.
Ich sucht‘ nach guter neuer Mär,
Der guten Mär sucht‘ ich so viel,
Wovon ich hier nichts sagen will.

Ist das nicht ein trefflich zur Weihnachtszeit passendes Hohelied auf einen Spionagesatelliten? Wie kommt Bolle auf sowas? Nun, Anfang dieses Monats war die Aufregung in der Presse mal wieder ausgesprochen riesengroß. Russische Satelliten, so hieß es, überflögen Deutschland nicht nur gelegentlich, sondern sogar „mehrmals am Tag“. Bolle meinte nur: ach guck! Wie aufdringlich die Russen doch sind. Was aber soll ein Satellit in einer Umlaufbahn denn sonst tun? Von geostationären Himmelskörpern einmal abgesehen – das sind die allerwenigsten – umkreisen Satelliten nun mal die Erde. Und wer die Erde umkreist, kommt nun mal nicht umhin, auch verschiedene Länder zu überfliegen. Viele Länder. Jeden Tag. Mehrmals.

Dürfen die Russen das denn? Sie dürfen. Zur Zeit umkreisen, wie man hört, mehr als 13.000 Satelliten die Erde – ausgediente Dinger, Weltraumschrott und Trümmerteile natürlich nicht mitgerechnet, of course. Und jemand wie Elon Musk plant, deren Zahl in absehbarer Zeit sogar noch zu verdoppeln. Seit dem ersten Satelliten Sputnik 1, der sich 1957 schon in luftige Höhen aufgeschwungen hatte – das waren übrigens auch wieder mal die Russen –,  ist doch einiges passiert. Dabei hat es die Menschheit glatt geschafft, den „Weltraum“ – gemeint ist der erdnahe Orbit, of course – nicht minder zu vermüllen als die Meere. Wie es scheint, neigt unsere Spezies sehr dazu, alles, womit auch immer sie zu tun hat, nach Kräften zu vermüllen. Bolle erinnert das entfernt an Pig-Pen, eine der weniger prominenten Figuren aus Charles M. Schulz‘ ›Peanuts‹. Der aber ist wenigstens sympathisch auf seine liederliche Art. Doch das nur ganz am Rande.

Fassen wir zusammen: Satelliten umkreisen die Erde. Darum heißen sie so. Von geostationären Ausnahmen abgesehen, kommen sie dabei nicht umhin, Länder zu überfliegen, und zwar, aus rein physikalischen Gründen, sogar mehrmals am Tag. Die Zentrifugalkraft muß nämlich exaktemente gleich der Zentripetalkraft sein (F↑ != F↓), sonst fliegen sie aus der Bahn oder stürzen ab. Das geht allen Satelliten so – und hat mit Russen rein gar nichts zu tun. Das ist einfach Physik.

Gleichwohl waren aber natürlich sofort reichlich Weltraum-/Spionage-/Militär- und sonstige Allerweltsexperten zur Stelle, die dem wahlweise staunenden oder irritierten Publikum zu berichten wußten, wie sehr man doch „im freien Westen“ mal wieder „alles komplett verschlafen“ habe. Tja – man kann halt gar nicht genug auf der Hut sein, wenn der Russe kommt. Bolle fragt sich ja zuweilen, wo – tout au contraire – die ganzen „Experten“ plötzlich immer alle herkommen. Die Angelsachsen haben hierfür einen sehr schönen eingängigen Begriff: Sie nennen es mushrooming, ›wie Pilze aus dem Boden schießen‹ – etwa wie nach einem spätherbstlichen warmen Sommerregen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.

Mi 10-12-25 Das zehnte Türchen: Langmut und Latenz

Hülsenfrüchtchens Hauptproblem − eines von ganz vielen …

Eigentlich sollte das heutige Schildchen ja schon in unseren agnostisch-kontemplativen Adventskalender vor zwei Jahren Eingang finden. Allein: ars longa vita brevis – lang ist die Kunst, kurz der Kalender. Diesmal aber paßt es aufs Feinste zu unseren Türchen der letzten Tage: Wer nicht schreit, der geit – wie wir uns veranlaßt gesehen hatten festzustellen. Zwar gilt lautes Lärmen nicht gerade als wissenschaftliche Kardinaltugend. Allein die Verhältnisse sind nun mal so.

Und soll nicht auch Martin Luther (1483-1546) schon, eine seiner vielen Reden einleitend, proklamiert haben: ›Mach’s Maul auf, tritt fest auf, hör bald auf‹? Namentlich die ersten beiden dieser Punkte scheinen sich bei manchem Wissenschaftler ins kollektive Credo eingefressen zu haben.

Bolle hatte sich als Oberstufenschüler schon gefragt, wie es sein kann, daß manche Wissenschaften, allen voran die Physik, von Erfolg zu Erfolge eilen, während andere Disziplinen – allen voran zum Beispiel Erziehungswissenschaften, Soziologie, und manches andere mehr – hilflos auf der Stelle oszillieren. Genderforschung und dergleichen – doch dies nur am Rande – gab’s damals noch nicht. Mehr als ephemere Moden vermochte Bolle in derlei schon damals nicht zu erkennen. Und daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: schlimmer geht immer.

Woran wird’s wohl liegen? Heute unterscheidet man in Bolles Kreisen streng zwischen Repro- und Non-Repro-Disziplinen. Dabei sind Repro-Disziplinen solche, in denen man so lange und so hartnäckig ein und dieselbe Frage an die Natur stellen kann, bis sie geneigt ist nachzugeben. Wenn also jemand – wie Galileo (1564–1642) das getan hat – eine Kugel so lange schiefe Ebenen verschiedener Neigungswinkel herunterrollen läßt, dann wird irgendwann klar, wie die Dinge sich verhalten. Und wer’s nicht glauben mag, der kann das gerne überprüfen. Kurzum: wir reden hier von kurzen Feedbackschleifen.

In den Non-Repro-Disziplinen ist das anders. Hier ist es praktisch unmöglich, ein und dieselbe Versuchsbedingung jemals wieder zu reproduzieren. Wenn also, um mal ein ausgesprochen tragisches Beispiel herauszugreifen, ein Karl Marx (1818–1883) meinte, wenn dies oder jenes geschehe, dann werde sich dies oder jenes ergeben. Kaum war die Tinte trocken, hatte sich die Welt schon weitergedreht – und alles war vergebens. Vanitas – eitler Schein! Alles, bis auf die Wirkungsmacht solcher Ideen. Heute, fast 200 Jahre später, meint so manches Hülsenfrüchtchen immer noch, da müsse doch was dran sein an der Lehre.

Natürlich soll Karl Marx nur exemplarisch sein, of course. Am Prinzip – tröten, ohne wirklich was zu wissen – ändert sich aber nichts, wenn zum Beispiel jemand behauptet, das Licht sei verantwortlich für die Insomnie bei Vollmond oder Ballaststoffe seien reiner Ballast. Das Prinzip ist gleich – nur die Wirkungsmacht ist nicht so drastisch.

Obwohl: wenn Bolle die geradezu kultische Hingabe betrachtet, mit der manche – sagen wir: Veganer – im Labor angerührte Plempe goutieren oder weite Kreise meinen, ein Jahrmillionen altes Immunsystem mal eben flott „optimieren“ zu können, ist er sich da gar nicht mal mehr so sicher, was die Wirkungsmacht angeht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 09-12-25 Das neunte Türchen: Himmel und Erde

Sachen gibt’s …

In gewisser Weise hält Bolle einen kleinen Nachtrag zu unseren letzten beiden Türchen für angebracht: Schlafforscher, die nächtliche Insomnie bei Vollmondenschein mit der Helligkeit im Schlafgemach zu erklären versuchen, Ernährungsphysiologen, die Ballaststoffe erst für überflüssig halten und dann in höchsten Tönen hypen. Bolle findet: Is doch nicht seriös.

Grundsätzlich gesehen ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, daß Wissenschaft nicht alles weiß. So etwas erwarten wohl nur bildungsfernere Schichten. Bei Lichte betrachtet nämlich ist Nicht-Wissen sogar eine ihrer Existenzbedingungen. Sogar das Bundesverfassungsgericht hatte 1973 schon Wilhelm von Humboldts Wahrheitsbegriff als „etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“ zitiert, um dann später (1994) noch einmal zu bekräftigen: „Konstitutiv ist die Wahrheitssuche und die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Erkenntnisprozesses.“ Total so!

Eine alte Professoreneinsicht dagegen besagt: Wer schreibt, der bleibt! In der angelsächsischen Variante klingt das noch drastischer: publish or perish – schreibe oder gehe unter!

Die modernisierte Variante dieser Einsicht scheint dagegen zu lauten: Wer nicht schreit, der geit. Dabei übersetzt sich das norddeutsche ›geit‹ mit ›gehen‹, aber auch mit ›sterben‹ oder eben ›untergehen‹. Schreien statt schreiben, also. Ob das aber eine gottgefällige Entwicklung ist, wagt Bolle schwer zu bezweifeln. Heißt es doch bei Jesaja, dem ersten der prophetischen Bücher des Alten Testaments: Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. (Jes. 42, 2). In ›De Bibl auf Bairisch‹ klingt selbiges noch eindringlicher: Dös ist kain sölcherner Schreier, der wo auf dyr Straass umaynanderplerrt. Einen Vers zuvor heißt es dort: Siehe, das ist mein Knecht – ich erhalte ihn – und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. (Jesaja 42, 1). Bolle meint, aus all dem sollte man durchaus schließen dürfen, daß der Herr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wenig Gefallen an Schreihälsen findet.

Kurzum: Ein bißchen mehr Dehybrierung – Bolles neue Wortschöpfung: von Hybris ›frevelhafter Stolz, Übermut, frevelnde Selbstüberhebung‹ (DWDS) – stünde manchem Wissenschaftler prächtig zu Gesichte. Genaugenommen dem ganzen System einschließlich des gesamten angekoppelten Journalismus 2.0. Bolle sagt da nur: Corönchen! Allein in diesem Jammertale ist so manches nicht so, wie es sollte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.

Mo 08-12-25 Das achte Türchen: Kein Franzos‘ frißt Faserstoffe

Zen und die Kunst, ein Baguette aufzuschneiden.

Gestern war es uns um die oft doch recht leichtfüßigen Erklärungen mancher Mediziner bestellt – die immer dann zur Anwendung kommen, wenn man sich am Ende fühlt mit seinem Latein. Statt einfach zu sagen: Nichts Genaues weiß man nicht, muß für womögliche Schlaflosigkeit in Voll­mond­näch­ten dann eben das helle Mondlicht herhalten. Licht leuchtet ein! Auch wenn es im Ergebnis noch so absurd werden mag: Verbleibende Ungereimtheiten werden mangels eigentlicher Argumente abgeräumt, indem man sich mächtig in die Brust wirft und – wenn alles nichts hilft – mit ›Fragt die Wissenschaft‹ oder Ähnlichem daherkommt. Heute vor fünf Jahren übrigens hatte man die Absurdität corönchenmäßig zum bislang Äußersten getrieben. 

Neulich ist Bolle eher zufällig über die Frage gestolpert, wieso Ballaststoffe eigentlich ›Ballast­stoffe‹ heißen. Bolle hätte es ahnen können: Wenn einer nur Nährstoffe kennt, dann muß alles, was nicht nährt, nun mal Ballast sein – und damit bestenfalls überflüssig. Leuchtete allen ein – damals. Die Tatsache dagegen, daß sich Verdauungsprozesse im Laufe von Jahrtausenden – von Jahrmillionen, muß man sagen, Abermillionen gar – evolutionär eingespielt haben und daß das alles im Großen und Ganzen schon seine Richtigkeit und seine Funktion haben wird, mußte man offenbar erst einmal einzusehen geruhen. Gegenwärtig sind Ballast­stoffe natürlich voll der heiße Scheiß, of course – um es mal salopp zu sagen. Wir hatten das Thema im Sommer schon mal gestreift (wer nachlesen mag: So 20-07-25 Friß wie früher).

Bolle zum Beispiel nimmt nie Vitamine zu sich – und erst recht keine Vitaminpräparate. Obwohl die doch so gesund sein sollen … Und kein Franzos‘ frißt Faserstoffe (ein ungefähres Synonym für Ballaststoffe, das wir in unseren heutigen Titel allein der Tripel-Alliteration halber eingesetzt haben). Man ißt Baguette. Das muß genügen! Und sollte sich der ein oder andere Ballast- oder Faserstoff darin befinden: Bitteschön! – da wollen wir nicht mäkeln. Aber die Idee, ein Baguette zu essen, um (final!) Ballast­stoffe zu sich zu nehmen, will Bolle nachgerade derangiert anmuten.

Unser Bildchen übrigens zeigt die – man ist versucht zu sagen – legendäre Szene aus dem damaligen Kultfilm ›Diva‹ (F 1981 / Regie: Jean-Jacques Beineix), in der ein ausgewiesener Lebenskünstler seinen Eleven in die Kunst, ein Baguette aufzuschneiden, einführt. In Bolles Augen hat das mehr mit Nahrungsaufnahme zu tun als alle Ballaststoffe der Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-12-25 Das siebente Türchen – der 2. Advent: Vollmond

Vollmond im Dörfchen.

Heute ist Vollmond und die Nacht ruft nach mir // Komm mit mir tanzen, und ich küß dich dafür. So heißt es auf Nenas erstem Album (1983).

Zwar ist nicht gerade heute Vollmond – das war schon in der Nacht auf Freitag, unserem fünften Türchen. Auch hat Bolle niemanden rufen hören – und schon gar nicht die Nacht. Und tanzen? Küssen? Mädchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) womöglich gar? Da sei Gott vor – sprach der Agnostiker.

Immerhin war es ein „Supermond“ – wie der Journalismus 2.0 marktschreierisch zu vermelden wußte. „Der letzte des Jahres“, wie es weiter hieß. Bolle meint nur: Ja, was denn sonst? Vollmond – egal ob super oder normal – ist nun mal nur alle gut vier Wochen. Angesichts der Jahreszeit bleibt da wohl nicht mehr allzu viel Spielraum.

Jedenfalls war Bolle nach zwei Stunden tiefen Schlafes kurz nach Mitternacht plötzlich putzmunter. Wegen Vollmond? Kann sein – kann Zufall sein. Bolle findet es durchaus nicht abwegig, ersteres ernstlich ins Auge zu fassen. Seit Jahrhunderten behauptet das Volk in seiner Weisheit ja, daß es einen Zusammenhang gebe zwischen Vollmond und Schlaflosigkeit. Und zumindest seit Jahrzehnten halten Mediziner – gestützt auf empirische Daten aus sogenannten Schlaflaboren – dagegen, das sei ja wohl alles Humbug, und ziehen sich auf das zurück, was zu verstehen ihnen nahe liegt: das Licht! Bei Vollmond – und erst recht bei Supermond – sei es nun mal heller in der Nacht, und damit auch im Schlafgemach. Daß die Leute heute Jalousien haben? Paßt nicht zur Theorie – kann demnach also auch nicht sein. Daß Bolle nie im Dunkeln schläft – die Beleuchtung seines Schlafgemaches dürfte auch den krassesten Supermond um ein Vielfaches übertreffen – auch das will ganz und gar nicht passen.

Schiere Einbildung? „Heute ist Vollmond – und das heißt, die Nacht ruft nach mir“ will Bolle als wissenschaftliche Erklärung auch nicht so recht einleuchten. Im Grunde weiß er nicht einmal, ob er überhaupt mitgekriegt hat, daß gerade Vollmond ist. Bleibt die unbewußte Aufmerksamkeit: Irgendwie wird Bolle es schon gemerkt haben. Hier allerdings wird es allmählich recht windig mit den wissenschaftlichen Erklärungsversuchen.

Wie weiter? Bolle hält den Vollmond – und erst recht den Supermond – für ein höchst lebenspraktisches Beispiel für die Vorzüge der Agnostik. Statt nur in Kategorien wie ›Ist so / Ist nicht so‹ zu operieren, behält sich ein Agnostiker die Kategorie ›me‹ vor: „Wer bin ich, das zu entscheiden? Ich lasse das mangels hinreichender Datenlage einfach mal offen.“ (Wer kurz nachschlagen beziehungsweise auffrischen mag: vgl. etwa Fr 10-12-21 Das zehnte Türchen …).

Natürlich muß man sich das erst einmal trauen. Üblicherweise ist das Bedürfnis nach Klarheit ja sehr viel stärker ausgeprägt als das Bedürfnis nach Wahrheit – selbst dann, wenn sich die Wahrheit dem Suchenden hartnäckig zu verschließen beliebt. Ein schlichtes ›Wir wissen es nicht – ich zumindest nicht‹ ist durchaus nicht jedermanns Sache. Auch dann nicht, wenn sich damit hunderte von Fehlurteilen oder, ganz allgemein, eine gravierende Schräglage im Umgang mit der Welt vermeiden ließe. Wie heißt es doch gleich bei Mephistopheles: Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 14-09-25 Wenn’s doch der Wahrheitsfindung dient

Wittgenstein und Wichtelein …

Leute brauchen Orientierung. Das bedeutet nicht zuletzt zu wissen, was wahr ist und was nicht. Dabei wird – zumindest Bolle scheint das so zu sein – das Wissen um die Wahrheit nach einem mehr oder weniger gründlichen Modellierungsprozeß anhand aller jemals gewonnenen Eindrücke (Welt II) als Weltbild (mappa mundi) abgelegt (Welt III) und ist fürderhin handlungsleitend. Wobei bereits die Einsicht, daß das Weltbild nur ein Bild ist und mitnichten die Welt an sich (Welt I), offenbar nur fortgeschritteneren Gemütern – Agnostikern etwa – vorbehalten ist.

Welt im Bild …

Alle anderen verbringen ihr halbes, wenn nicht gar ihr ganzes Leben damit, andere von ihrem Wirklichkeitsmodell zu überzeugen – notfalls auch mit Gewalt: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich Dir den Schädel ein.“ (Bernhard von Bülow 1903 in einer Reichstagsrede).

Wer meint, Recht zu haben, sucht sich zuvörderst „Fakten“ – so will es der Zeitgeist. Je mehr Fakten, desto Recht – wie manche ja zu meinen scheinen. Zwar sind ›Fakten‹ kaum mehr als ›Wahrheit aus der Froschperspektive‹ oder, wie Don Quixote de la Mancha (1605/1615) es seinerzeit gefaßt hat: „Tatsachen, mein lieber Sancho, sind die Feinde der Wahrheit.“

Wer‘s noch etwas dicker mag, der stützt sich gern auf Studien – als so einer Art Fakten-Bazooka:  „Seht her, hier steht’s. Die Studie hat ergeben.“ Zweifel ausgeschlossen. Bolle meint nur: Amen! Dann wird es wohl so sein.

Neulich hat eine Tageszeitung, die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, getitelt, daß sich „Füße hoch“ doch nicht lohne, da das Einkommen selbst bei Mindestlohn deutlich höher sei als bei Bürgergeldbezug. In der Kellerzeile (Bolles Gegenstück zur Dachzeile) hieß es ausführend, dies habe eine „neue deutschlandweite Studie“ ergeben. Arbeiten sei also „immer attraktiver“ – man habe schließlich „bis zu 662 Euro“ mehr.

Da hegt und pflegt jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in seiner Welt III die Ansicht, daß sich Arbeiten für ihn nicht lohne, etwa weil es bei seiner bescheidenen Ausbildung und einer entsprechend kläglichen Einkommenserwartung unter den gegebenen Umständen einfach keinen Sinn mache. Doch halt: nun kommt die Studie und verkündet, daß es, tout au contraire, für ihn (!) eben doch Sinn mache. Wer hat Recht? Die Antwort ist müßig, of course.

Ob es „attraktiver“ ist, bis zu 662 Euro mehr im Monat zu haben, entscheidet allein der potentielle Arbeitnehmer – und nicht etwa die Autoren einer Studie. In Bolles Kreisen nennt man das Konsum/Freizeit-Präferenz: Der Arbeitnehmer – und nur der – entscheidet, wieviel seiner Lebenszeit ihm zusätzliche Konsummöglichkeiten wert sind.

Im übrigen bedeuten 662 Euro mehr – man beachte hier vor allem auch den Fleiß und die Gründlichkeit der Autoren: alles präzise auf den Euro genau durchstudiert – gerade mal 22 Euro pro Kalendertag. Die aber ließen sich – so könnte man das durchaus sehen – bei sorgfältiger, umsichtiger und methodischer Haushaltsführung (in Bolles Kreisen heißt das ›SUM‹) leicht und locker wieder einspielen – etwa, indem man selber kocht, selber backt, und überhaupt so manches selber macht.

Von all dem aber schweigt der Studie Bräsigkeit. Allein das ist höchst charakteristisch für Studien aller Art. Sie belichten und beleuchten irgendeinen isolierten Teilaspekt des Daseins und geben das dann als die wirkliche Wahrheit aus. Bolle meint nur: Pustekuchen! Augen auf beim Weltbild-Basteln. Mit Fakten fressen und Studien schlucken jedenfalls ist es wirklich nicht getan.

Übrigens: Von Kümmern um Kinder und so – Marx hat das seinerzeit ›Reproduktion‹ genannt – war hier überhaupt noch gar nicht die Rede. Wenn etwa Mutti (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich auf Arbeit vergleichsweise sinnlos und schlechtbezahlt plagt,  derweil die lieben kleinen Schlüsselkinder mangels Zuwendung und unter tüchtiger Beihilfe von so manchem TV-Format zuhause systematisch verblöden, dann ist das sicher auch nicht ganz im Sinne des Erfinders. Auch hierzu weiß die Studie nichts zu sagen. Kurzum: Es ist offenbar gar nicht so einfach, auch nur einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen – schon gar nicht, wenn es um Wahrheit für andere geht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 24-08-25 Wissenschaft, die Wissen schafft

Die drei Daseins-Domänen.

Da sind sie wieder, unsere drei Daseins-Domänen – die Bolle ja meist zärtlich, aber wohl nicht weniger treffend, ›Die drei Töchter der Philosophie‹ nennt. Zuletzt verwendet hatten wir sie vor kurzem erst (vgl. So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem) und davor vor knapp einem Jahr (vgl. So 06-10-24 Propaganda). Mittlerweile neigt Bolle ja der Ansicht zu, daß sich der allergrößte Teil des alltäglichen Unsinns, der tagein, tagaus so über einen kommt, durchaus vermeiden ließe, wenn man nur ein etwa halbes Dutzend – Bolle hat nachgezählt – Modelle beachten würde. Non multa, sed multum (lieber viel als vielerlei), also – eine Ansicht, die schon der römische Rhetoriklehrer Quantilian (ca. 35 bis ca. 96 n. Chr.) vertreten haben soll, und die Goethe, unser Dichterfürst, in seinem ›West-oestlichen Divan‹ (1819) auf seine ureigenste, geradezu idiosynkratische Weise epigrammatisch wie folgt gefaßt hat:

Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.

Allein: Vergebens predigt Salomo. // Die Leute machen’s doch nicht so. (Wilhelm Busch).

Nun ist Wissenschaft – also die erste der drei Töchter – gegenwärtig schwer en vogue. Nüchtern betrachtet handelt es sich bei ›Wissenschaft‹ um ein gesellschaftliches Subsystem, das bestrebt ist, Gegebenheiten beziehungsweise Zusammenhänge zu erkennen. Das geschieht entweder (zumindest vordergründig) absichtslos oder aber zweckgerichtet. Ersteres nennen wir Grundlagenforschung, letzteres anwendungsorientierte Forschung. Dabei ist das, was wir ›Technik‹ nennen – zu der wir übrigens ohne weiteres auch die Medizin zählen können –, gewissermaßen die Krone der Anwendungsorientierung. Da wird ausprobiert, was funktioniert. Und wenn etwas funktioniert, dann nennen wir es ›wahr‹ im Sinne unseres Bildchens oben. Das ist dann einfach so. Und vielleicht liegen wir damit gar nicht mal so falsch – jedenfalls so lange nicht, wie wir nicht wirklich wissen, was Wahrheit an sich denn überhaupt sein soll.

Kant spricht hier gern vom ›Ding an sich‹ – dem jeglicher Beobachtung per se Unzugänglichen. Manche halten das gar für seinen wichtigsten Beitrag zur Philosophie. Im Kern kann Kant dabei nichts anderes meinen als das, was Bolle Welt I nennt.

Das Drei-Welten-Modell (3W)

In puncto Wahrheit jedenfalls scheint Bolle mit dem trichotomen WiWa-Modell (›Wirklich wahr?‹ // vgl. dazu zuletzt So 06-07-25 Kranksein – unser Preis fürs Dasein?) alles Wesentliche gesagt. Kieken wa ma. Vielleicht kommt ja noch mehr …

Wirklich wahr (WiWa) trichotom.

›Wissen‹ – also die Einsicht in Gegebenheit beziehungsweise Zusammenhänge – läßt sich nur einigermaßen gesichert erwerben, wenn man die Möglichkeit hat, etwas wieder und wieder und wieder zu überprüfen. Vornehm nennt man das übrigens ›verifizieren›‹ beziehungsweise, seit Popper (1902–1994) noch sehr viel vornehmer, das Gegenteil von etwas zu falsifizieren. Aber derlei hat mit Wissenschaft wenig zu tun und lenkt nur ab vom Wesentlichen.

Die Überprüfung vermuteten Wissens aber funktioniert nur ausnahmsweise und bei weitem nicht in allen Disziplinen, die sich „Wissenschaft“ nennen. Bolles Lieblingsbeispiel hier ist die „Entdeckung“ des Higgs-Bosons. Das Higgs-Boson ist ein schon 1964 von Peter Higgs und anderen theoretischen Physikern postuliertes Teilchen, das dafür verantwortlich sein soll, daß es so etwas wie Schwerkraft gibt.

Um zu vermeiden, daß man etwas glaubt (true), was dann möglicherweise doch nicht so ist (neg), mußte man erst einmal leistungsfähige Teilchenbeschleuniger entwickeln – und dann testen, testen, testen … Das ganze hat sich bis 2012 hingezogen – also fast 50 Jahre. Dann erst nämlich sollte der experimentelle Nachweis eines Higgs-Bosons gelingen. Wobei ›Nachweis‹ durchaus als Euphemismus durchgehen kann. Tatsächlich ist es nämlich so, daß besagtes Teilchen (nur) mit einem Signifikanzniveau von 5 σ nachgewiesen werden konnte. In der Graphik wäre das die Fläche unter der Kurve bei x =  5. Wir haben darauf verzichtet, das einzuzeichnen, weil ja bereits bei x = 4 nicht mehr viel los ist. Damit man sich das besser vorstellen kann: Die Wahrscheinlichkeit, daß man irrtümlich ein Higgs-Boson „entdeckt“ hat, entspricht der Wahrscheinlichkeit, mit einer Münze 22 (!) mal in Folge Kopf zu werfen (oder Zahl – ist egal). Viel Spaß beim experimentellen Überprüfen!

Ei, der Gauß …

Zum Vergleich: In den meisten sozial orientierten Wissenschaften begnügt man sich dagegen mit einem Signifikanzniveau von gerade einmal 5 Prozent. Das entspricht der Wahrscheinlichkeit, bescheidene 5 (!) mal hintereinander Kopf (oder Zahl) zu werfen. Das hat Bolle tatsächlich ausprobiert – und gerade einmal 17 Würfe gebraucht, um 5 mal hintereinander ›Zahl‹ zu erzielen.

Kurzum: die meisten Wissenschaften wissen nichts. Was sie allerdings nicht davon abhält, so zu tun, als wüßten sie was. Bolle meint: ›Wissenschaft, die Wissen schafft‹ geht anders. Um das breite Publikum zu bluffen, reicht es indessen allemal.

Um hier etwas Klarheit reinzubringen, unterscheidet Bolle zwischen Repro-Disziplinen und Non-Repro-Disziplinen. Dabei sind erstere Wissenschaften, in denen es möglich ist, ein und denselben Zusammenhang wieder und wieder zu überprüfen – solange, bis man nach menschlichem Ermessen einigermaßen sicher sein kann, daß es „wirklich“ so ist. Das übliche Unwort „exakte Wissenschaften“ – also Wissenschaften, wo man etwas rechnen kann – mag Bolle dagegen gar nicht in den Mund nehmen. Aus der Möglichkeit, etwas in Zahlen oder Formeln zu verpacken, folgt nämlich keineswegs, daß das ganze damit auch nur einen Deut wahrer würde. Bestenfalls wird es beeindruckender für das breite Publikum. Bolle sieht hier den – durchaus verständlichen – Wunsch der Paragonisten der Non-Repro-Disziplinen, doch bitteschön auch als „echte“ Wissenschaft anerkannt zu werden. Viel mehr als einen eingefleischten Minderwertigkeitskomplex (Alfred Adler 1912) vermag Bolle hier aber nicht zu erkennen.

Alles andere ist natürlich auch ehrenwert – aber eben nicht repro. „Wissen schaffen“ läßt sich so nicht. Philosophieren allerdings läßt sich sehr wohl. Folglich haben wir es hier mit Sozialphilosophie zu tun: Die jeweiligen Wissenschaftler meinen, etwas sei so (oder so) – entziehen sich dabei aber jeglicher Nachprüfbarkeit. Kann sein, kann nicht sein. Wer weiß …?

Das alles wäre gar nicht weiter schlimm – würden solche Wissenschaftler nur nicht wie gekränkte Kinder darauf bestehen wollen, daß sie Wissen schaffen. Sie tun es nicht.

Ganz schlimm ist es übrigens bei den Juristen. Die Rechtswissenschaft hat mit ›Wissenschaft, die Wissen schafft‹ rein gar nichts zu tun. Das ergibt sich bereits aus ihrer Zugehörigkeit zu der Daseins-Domäne Schwester Ethik. Wir haben es hier mit einem Set von Sollens-Aussagen zu tun – und keinesfalls mit Ist-Aussagen (Schwester Logik). Allerdings muß man den Juristen zugute halten, daß sie sich (seinerzeit jedenfalls) sehr ernsthaft mit der Frage beschäftigt haben, ob es sich bei ihrer Disziplin denn überhaupt um eine Wissenschaft handele. Die naheliegende Antwort – Nein – ist dann allerdings irgendwie auf dem Schutthaufen der Geschichte untergegangen.

So richtig peinlich wird es allerdings, wenn Vertreter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ausgerechnet dieser Zunft meinen, ihre „Wissenschaftlichkeit“ hervorheben zu müssen (vgl. dazu So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem). Auf wirkliche Wissenschaftler kann derlei natürlich nur nachgerade lächerlich wirken, of course.

Kurzum: was solchen Disziplinen fehlt, ist eine solide schnelle Feedback-Schleife.

Der Problemlösungszirkel (PLZ).

Es hapert hier also am Soll/Ist-Abgleich. Wenn ich – dies als ebenso naheliegendes wie hoffentlich anschauliches Beispiel – ein Programm programmiere und der Interpreter (also das Programm, das meine Programmierung maschinenlesbar machen soll) spuckt immer wieder „Error“ aus, dann weiß ich, daß ich sprichwörtlich Scheiße programmiert habe und werde es umgehend ändern – und zwar so lange, bis es funktioniert. Oder aber, ich lasse davon ab (Pfeil b) und behellige die Menschheit nicht weiter damit.

In der Sozialphilosophie fehlt ein solcher präziser Feedback-Mechanismus. So könnten wir uns bis heute (und in alle Zukunft) trefflich streiten, ob das, was (nur zum Beispiel) Karl Marx meinte, in irgendeiner Weise wahr gewesen sein mag – oder eben nicht. Dem Philosoph ist nun mal nichts zu doof. Er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mag dazu beitragen, sich ein Bild von der Welt zu machen (siehe oben Welt III). Das ist durchaus ehrenwert – und vermutlich auch unverzichtbar. Schließlich zählt das Orientierungsbedürfnis zu den vier kognitiven Grundbedürfnissen (SOSS). Mit ›Wissen schaffen‹ aber hat es nichts zu tun.

So – damit hätten wir immerhin fünf von derzeit sechs Modellen in unser heutiges agnostisch-kontemplatives Sonntagsfrühstückchen eingebaut. Falls einem das alles nicht auf Anhieb restlos klar sein sollte. Don’t worry – be happy. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Darauf vielleicht erstmal einen Schnaps zum Frühstück. Bolle jedenfalls macht das so. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.