So 13-09-26 Der Durchmarsch der Deppen

Küchenkonversation statt Kindergarten (The Ladies‘ home journal 1948).

Alle Menschen sind gleich! Denkste! Alle sind verschieden! So wird ein Schuh draus. Der eine ist dicker, der andere dünner, die eine ist schlauer, die andere dümmer, der eine ist länger, der andere dagegen reicht da nicht mal ran, selbst wenn er sich auf Stelzen stellte. Und so weiter, und so fort. Man nehme ein x-beliebiges Merkmal (wie das in Bolles Kreisen vornehm heißt), operationalisiere es (überführe es also in Zahlenwerte) und schwupps – schon hat man eine Gaußverteilung: Da gibt es den Durchschnitt (man könnte auch sagen: das Mittelmaß) mit etwa zwei Dritteln der Grundgesamtheit, und da gibt es Überdurchschnittliches und Unterdurchschnittliches (mit jeweils etwa einem Siebentel), und schließlich gibt es noch ›top‹ und ›ui‹ (wie das in Bolles Kreisen heißt). Dabei steht ›ui‹ für ›unterirdisch‹. Zusammengenommen machen top und ui allerdings nur knapp 5% aus. Demnach ergibt sich das folgende Bild – wie neuerdings immer mit Bolles Luftballöngern, um der Graphik ein wenig die Schärfe zu nehmen.

Ei, der Gauß …

Aber das ist ja furchtbar! Ist es das? Zumindest ist es mathematisch – und damit nur ganz schlecht zu ändern. Und zwar weder im Kapitalismus – und auch nicht in einem wie auch immer gearteten Sozialismus. Bolle meint, da kannste nüscht machen. Oder, wie Bolles liebe gute alte Großmama gelegentlich zu sagen pflegte: Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Zum Glück ist es ja nicht so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch die Bank weg top wäre oder eben ui. Der eine kann dies, der andere kann jenes gut oder zumindest gut genug, um es zur Grundlage eines erfüllten und nützlichen Lebens zu machen. Der Trick – falls man das so nennen mag – kann doch nur darin bestehen, das zu tun, was einem liegt, und alles andere ebenso tunlichst wie weise bleibenzulassen.

Aber macht das mal den Bildungspolitikern klar oder gar den Pädagogen. Offenbar sind 2.500 Jahre praktischer Erfahrung bei weitem noch nicht lang genug. Da stolpert man von einem „hochmodern kreativ-innovativen“ Ansatz zum nächsten und wundert sich, daß man nicht recht weiterkommt. Dieser Tage hat sich – etwa eine Generation nach der ersten einschlägigen Erhebung – in der sogenannten PISA-Studie einmal mehr gezeigt, daß es stetig steil bergab geht mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen. Man könnte glatt sagen: Nie war man dümmer als heute. Bolle möchte lieber gar nicht so genau wissen, wie solche Studien zustandekommen. Beschränken wir uns hier und heute auf das Stichwort ›Bildungsgerechtigkeit‹: Es sei, so hört man, völlig ungerecht, daß Kinder aus „unterprivilegierten“ Schichten schlechter abschneiden als Kinder aus den höheren Schichten. Das müsse man natürlich ändern – und zwar sofort, of course. Allerdings meinte man das damals schon. Passiert ist allerdings herzlich wenig in den letzten 25 Jahren.

Die Entschlosseneren meinen ja, man müsse dem Leistungsprinzip wieder mehr zur Geltung verhelfen. Lernen sei nun mal kein Zuckerschlecken. Was ist da dran – falls überhaupt was dran ist? Nun – abgesehen davon, daß Bolle Zucker weder mag noch braucht, glaubt er – falls er überhaupt was glaubt – an Entwicklungspsychologie. Und da gibt es nun mal so etwas wie Zeitfenster beziehungsweise, neudeutsch, „windows of opportunity“. Man könnte auch sagen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Zumindest aber lernt Hans es nur mit einem völlig ungehörigen Aufwand.

Bei Bolle war das anders. Bei Bolle war es so, daß seine Frau Mama eine – wie man heute sagen würde – Tradwife war. Seinerzeit hieß das noch ›Hausfrau‹ und war ein durch und durch anerkannter und ehrenwerter Beruf. Und so kam es, daß Bolle – in der Küche auf dem Boden sitzend – seiner Frau Mama bei der Hauswirtschaft assistieren durfte. Dabei ist assistieren vielleicht ein wenig übertrieben. Schließlich hatte er wenig mehr zu tun als zuzuhören: „So – Mama schneidet jetzt die Kartoffeln. Dann kommen sie in den Topf …“. Und so weiter, und so fort. So ging das den ganzen Tag. Natürlich hatte Bolles Frau Mama nicht mit High Heels in der Küche gestanden. Auch war der Kühlschrank nicht so groß wie auf unserem Bildchen – und auch nicht so überschwenglich voll. Weniger amerikanisch, halt – dafür aber sehr viel gemütlicher. Vor allem aber: Mama war da und ansprechbar. Das war der wichtige Punkt – wie Bolle heute weiß.

Kurzum: Bolle ist von ganz klein an mit Sprache aufgewachsen. Er hatte sie den ganzen Tag im Ohr. Und irgendwann wurde ihm klar, daß es auch schriftliche Sprache gibt – die es natürlich zu entschlüsseln galt. Und zwar nicht etwa wegen irgendeines „Leistungsprinzips“, sondern allein aus Lust am Lesen, aus reinem Interesse. Bolle kann sich noch daran erinnern, wie er einst versucht hatte, die Aufschrift auf dem Klo-Spülknopf zu entziffern. Dort stand ›DAL‹ – der Markenname eines der damaligen Hersteller. Das ›A‹ kannte er schon. Daß in ›Wasser‹ ein ›A‹ vorkommt, war ihm ebenfalls klar. Und so gebot ihm die schiere Logik zu vermuten, daß dort ›Wasser‹ stehen  k ö n n t e . So macht Lesen lernen Spaß – und zwar ganz ohne jedes „Leistungsprinzip“.

Mit dem Schreiben verhielt es sich ähnlich. Bolle weiß heute noch, daß er stundenlang irgendwelche Buchstaben, die er schon kannte, nach dem Zufallsprinzip aneinandergereiht hatte und von seiner Frau Mama – die schließlich immer da war – wissen wollte, ob das was heiße, was da steht? Einmal war ihm, rein zufällig, ›BEIN‹ gelungen. Sein erster schriftlich gefaßter Begriff. Mama war entzückt – und Bolle stolz wie Bolle. Und so nahm es nicht weiter Wunder, daß er locker-lässig lesen konnte und auch schreiben – lange bevor ihm irgendwelche Pädagogen mit derlei auf die Pelle rücken konnten. Tja – mit der Hausfrau und der Küche ist es halt wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Aber wir waren bei Entwicklungspsychologie. Hier gilt: So etwas läßt sich nicht aufholen in späteren Jahren – nicht mit allem Geld der Welt. Never ever – wobei wir unter ›späteren Jahren‹ ein zartes Alter von vielleicht 6 oder 7 verstehen können und müssen. Soviel also zu „Bildungsgerechtigkeit“.

Natürlich kann einem leicht etwas langweilig werden, wenn die Pädagogen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit wenig Neuem aufzuwarten wissen. Allein Bolle wußte sich schon immer auch so zu beschäftigen. So beliebte sein Französischlehrer, wohl nicht ganz zu Unrecht, ihn stets mit „Monsieur le Rêveur“, also „Herr Träumer“, anzusprechen und ansonsten in Ruhe zu lassen. Aber immer noch besser als unter verhaltensgestörten – heute heißt das ja verhüllend „verhaltensauffälligen“ – und dabei naturgemäß lerngestörten Mitschülern zu sitzen, die man aus reinem pädagogischen ›Alle Menschen sind gleich‹-Impetus meint, „inklusiv“ unterrichten zu müssen. Oder unter Mitschülern, die nicht einmal die Sprache sprechen und also auch kein Wort verstehen, oder bestenfalls kaum. Kann das funktionieren? Natürlich nicht! Die armen Lehrer! Sind die Mitschüler deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht! Nur sind sie eben völlig fehl am Platze. Es schadet allen und nützt keinem. Im Grunde verhält es sich wie mit unserem Mathildchen vom So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe? Hier müssen wir auf der Ordinate nur ›common sense‹ durch ›Gedeihlichkeit‹ (der Lernerfahrung und des Lernerfolges) ersetzen. Sonst ändert sich nüscht.

Wie sich die Mathildchen gleichen …

Das nicht zu sehen – beziehungsweise gar nicht erst sehen zu  w o l l e n , nachgeradezu zu leugnen – das ist es, was Bolle zu unserer heutigen Überschrift angeregt hat: derb zwar, aber kommt durchaus von Herzen. Für eine Volkswirtschaft nämlich, die außer ihrem Humankapital – mit Lesen, Schreiben, Rechnen als essentialia educationis, als unverzichtbarer Grundlage also – wenig in die Waagschale zu werfen hat, könnte das ein richtig böses Erwachen geben. Kieken wa ma, was passiert. Allein, wie heißt es doch so schön in Bolles Kreisen?

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

In Anlehnung an ›Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz‹ (vgl. dazu So 30-08-26 META – make everybody think again) könnte man vielleicht sagen: Freude am Können sieht nur von unten aus wie Leistung. Ist die Freude erst einmal erweckt – und das geht nun mal nur in sehr, sehr jungen Jahren – dann ergibt sich der Rest wie von selbst. Jeder spätere Versuch, da irgendwas zurechtzustoppeln, ist allenfalls ›a very Ersatz‹ (wie die Yanks das trefflich nennen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-08-26 Geschmack am Grusel: von Fake News und Ache News

Schlagende Argumente …

›Fake News‹ kennt jeder. Spätestens seit Donald Trumps Kampf um die Präsidentschaft (2016) ist das so. Allerspätestens aber seit seinem der CNN entgegengeschleuderten Statement ›You are fake news‹ (2017) ist der Begriff (nebst all seiner Derivate) fester Bestandteil der deutschen Sprache.

Was aber sind ›Ache News‹? Ache News – abgeleitet von angelsächsisch ›ache‹, was soviel wie ›Schmerz‹ bedeutet und sich aufs Feinste auf ›fake‹ reimt –, sind Nachrichten, die beim Rezipienten, wenn schon nicht direkte Schmerzen, so aber doch zumindest einen gewissen Grusel auslösen sollen. Und Grusel lieben die Leute nun mal. Vermutlich hat das was mit Aufmerksamkeitsökonomie zu tun: ›Sex sells‹ – das kennen wir seit jeher. Aber offenbar scheint auch zu gelten: ›Ache sells‹.

Der Unterschied zwischen Grusel und echter Gefahr: Bei echter Gefahr kann es einem schnell ans Leder gehen. Und wer will das schon? Beim Grusel dagegen bleibt man kuschelig dissoziiert. Man weiß, man ist nicht unmittelbar betroffen. Darum ja auch die vielen Krimis in den Öffis. Von den Splatter-Filmen, wo das Blut nur so spritzt, mal ganz zu schweigen. Niemand möchte das hautnah erleben. Aber kieken – ganz auf Entfernung – kann man ja mal. Grusel, eben. Aus dem wirklichen Leben kennen wir das Phänomen der Schaulustigen, der Gaffer gar, die von jedem Unglück angezogen werden die Fliegen von der sprichwörtlichen Scheiße.

Da wird aus einem, historisch gesehen, höchst harmlosen leichten Temperaturanstieg medial vermittelt eine dramatische „Erderhitzung“, da „entzünden“ sich die Wälder bei schlappen 40° C. Bolle fragt sich, wie es nur sein kann, daß es sein Kochlöffel seit geschätzten 100 Jahren aushält, ständig durch knapp 100° C warme Speisen gerührt zu werden, ohne je in Flammen aufzugehen? Aber bleiben wir sachlich.

Eine interessante Erklärung für die verbreitete Grusel-Affinität findet sich bei ›Matrix‹ (USA 1999 / Regie: Wachowski Brothers). Dort heißt es in einem Monolog des Agenten Smith:

Wußten Sie, daß die erste Matrix als perfektes Paradies geplant war? Ein Ort, an dem alle glücklich waren und niemand leiden mußte. Es war ein Desaster. Niemand akzeptierte das Programm. Ganze Ernten gingen uns verloren. Mittlerweile glaube ich, daß die Menschen ihre Realität durch Kummer und Leid definieren.

Kummer und Leid. Sagen wir so: Lieber Grusel als gar nichts spüren. Erinnert das alles nicht doch sehr an eine mappa mundi friata? (vgl. dazu So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt). Bolle meint: Womöglich doch ein Fehler in der Matrix – ein Fehler der tieferen Art?

Natürlich würde niemand sagen, daß er Leid und Elend braucht zum Leben. Im Gegenteil: Man strebt nach Glück – und hat sogar ein Recht darauf. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) finden wir das sogar schriftlich: ›Life, Liberty and the pursuit of Happiness‹. Allein – was redet Salomo? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe?

EWA meets Mathe.

Oh weh, oh weh, oh jemine! Schon wieder ein Mathildchen – der dritten Observanz neben Schildchen und Bildchen. Bolle findet aber, das hier sei ja wohl noch harmlos. Und in der Tat zeigt es einen der schlichtesten Zusammenhänge, die überhaupt nur denkbar sind: Die Kurve hat die Form y = 1/x und stellt damit eine umgekehrte Proportionalität dar. Vornehm könnte man sie auch Hyperbel nennen – obwohl, das lenkt vom Thema ab. Immerhin konnten wir Bolle breitschlagen, die mathematische Strenge durch das Pfeilchen und drei Luftballöngers doch ein wenig abzumildern.

Direkte oder umgekehrte Proportionalitäten kennen wir alle aus den berüchtigten Dreisatz-Textaufgaben in der Mittelstufe: Ein kleines Päck Eier (6 Stück) braucht 6 Minuten, um al dente – oder sagt man à point? – zu sein. Wie lange braucht ein großes Päck mit 10 Eiern? Bolle hatte sich schon seinerzeit ganz köstlich amüsiert …

Die Kurve beschreibt den Zusammenhang zwischen Diversität und common sense: Geringe Diversität (beziehungsweise, was das gleiche ist, eine gewisse Homogenität) begünstigt ein hohes Maß an common sense (Punkt A), während, umgekehrt, ein hohes Maß an Diversität common sense doch eher erschwert (Punkt B). Wirklich verblüffend will Bolle das alles nicht scheinen. Dabei wollen wir unter ›common sense‹ nichts weiter verstehen als die von einer Gesellschaft überwiegend „geteilten“ Werte – wobei wir unter ›Werten‹ nichts sonderlich Hochtrabendes verstehen wollen, sondern lediglich ein ›allgemeines Für-richtig-halten‹.

Interessanterweise wird ›common sense‹ meist mit ›gesunder Menschenverstand‹ übersetzt. Bolle vermutet hier so eine Art imperialen Exzeß der Briten. Mit dem, was die Briten ›Menschenverstand‹ nennen, meinen sie wohl eher „Britenverstand“. Was Briten allgemein für richtig halten, muß noch lange nicht dem entsprechen, was zum Beispiel Sizilianer allgemein für richtig halten. Oder etwa Wüstensöhne (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – um das mal auf die Spitze zu treiben. Andere Länder, andere Sitten. Auch das will nicht weiter verblüffend erscheinen.

Kurzum: common sense ist eine unausgesprochene Übereinkunft darüber, was gesellschaftlich geht – und was nicht. Was man tut – und was nicht. Dabei folgt eine solche Übereinkunft – wie das in Bolles Kreisen heißt – einer sozialen Norm. Gleichzeitig – verwirrend genug – konstituiert sie aber auch die Norm. So etwas entwickelt sich – in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Und irgendwann ist es dann so. Alle halten es für richtig – und richten sich danach.

Sind Sizilianer oder Wüstensöhne – also Leute, die womöglich anderen Normen folgen – deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht. Sie halten nur verschiedene Dinge für allgemein richtig. Auch kommt es überhaupt nicht darauf an,  w a s  man für richtig halten mag. Wichtig ist allein,  d a ß  sich alle – oder doch die meisten – zumindest einigermaßen einig sind. Das, was dabei rauskommt, nennt man dann eben ›common sense‹. Und zwar eben nicht im Sinne von ›gesunder Menschenverstand‹, sondern eher im Sinne von – wie soll man sagen? – ›gesunder Gruppenverstand‹. Ohne einen solchen Gruppenverstand kann eine Gruppe unmöglich existieren. Sie würde unversehens von ihren inneren kognitiven Fliehkräften in sprichwörtlich tausend Fetzen zerrissen werden. Nicht unbedingt unmittelbar – auf die Dauer aber schon.

Auch kommt es überhaupt nicht darauf an, daß alle genau das Gleiche meinen. Natürlich nicht. Darum sprechen wir ja auch von  a l l g e m e i n e m  Für-richtig-halten. Allgemein – und eben  n i c h t  en détail.

Nun ist es aber so, daß es sich bei Nationen um Gruppen handelt. Großgruppen, genauer gesagt. Eine Gruppe aber ist nichts weiter als eine ›Personenmehrheit mit Wir-Bewußtsein‹. Und dieses Wir-Bewußtsein entsteht bereits mit der Primärsozialisation – also schon im Kindesalter. Damit ist es – Entwicklungspsychologie, ick hör Dir trapsen – im besten Wortsinne irreversibel. Man könnte auch sagen: unkaputtbar. Es gibt nun mal ’ne Menge Dinge, die verdrahten sich im Hirn, lange bevor sich einer auch nur eine Vorstellung davon machen kann, was es mit ›verdrahten‹ auf sich haben könnte.

Die kesse Idee, man könne – 🎶 Freiheit, Freiheit, die ich meine 🎶 – in reiferen Jahren seine Hirnverdrahtungen mal eben ganz grundsätzlich umpolen, würde Bolle glatt ins Reich von Hülsenfrüchtchens Hirngespinsten verweisen wollen: Tolle Sache – funktioniert nur leider nicht. Wobei – das sei nicht unerwähnt – wir etwa einen 20-jährigen entwicklungspsychologisch durchaus und ohne weiteres als ›sich in reiferen Jahren befindlich erachten können.

Wer es nicht glauben mag: Nehmen wir etwas vergleichsweise leicht Objektivierbares wie die Muttersprache. Was da verdrahtet wurde, sitzt. Von ein paar wenigen Super-Sprachgenies vielleicht mal abgesehen, ist es völlig unmöglich, eine zweite Sprache so zu erlernen und so zu beherrschen, wie das bei der Muttersprache (hoffentlich) der Fall ist.

Mit allen anderen Festverdrahtungen verhält es sich nicht anders. Die sitzen! Natürlich kann man in reiferen Jahren versuchen, sich dagegen aufzulehnen und das alles zu überwinden. Wie ging doch gleich der alte Sponti-Spruch? Wir wollen alles! Und das sofort! Allein es wird nichts nützen. ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – wie das in Bolles Kreisen heißt.

Kurzum: je heterogener eine Gruppe – wir können auch sagen: je diverser –, desto Essig ist es mit dem common sense. Die einzigen, die das partout nicht einsehen wollen, sind nach Bolles Beobachtung die EWAs. Dabei steht ›EWA‹ für Eierlegende-Wollmilchsau-Apologeten, also Leute, die – wohl aus überschäumender Freiheitsmotivation heraus – der festen Ansicht sind, es müsse doch wohl möglich sein, alles gleichzeitig haben zu können, und das möglichst unbegrenzt (vergleiche den Pfeil in unserem Mathildchen). So zum Beispiel auch Einheit in Vielfalt – oder Freiheit in Sicherheit, oder was und wie auch immer. Für die Anerkennung umgekehrter Proportionalitäten bleibt da natürlich wenig Raum, of course. Und wohl auch nicht für Mathe überhaupt.

Dabei ließe sich an dieser Stelle unglaublich viel Energie sparen – was von gewissen Kreisen derzeit ja durchaus angestrebt wird. Warum? Weil, wenn etwas mathematisch nicht funktioniert, wird es auch im wirklichen Leben unmöglich funktionieren können – nicht einmal in einer möglicherweise besten aller möglichen Welten. Es lohnt sich also nicht, sich darum weiter zu bekümmern – ebensowenig, wie es zum Beispiel Sinn macht, etwa ein perpetuum mobile ersinnen zu wollen (um mal beim Energiesparen zu bleiben). Und so nennt man derlei Bestrebungen in Bolles Kreisen herzlich, und auch ohne jede Häme, kurz und knapp ›HH‹. „Haha“ für Hülsenfrüchtchens Hirngespinste. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland

Et credo et censeo.

Das ›ceterum censeo‹ des älteren Cato (234–149 v. Chr.) gilt bis heute vielen als sprichwörtliches Sinnbild für überzeugungsgetragene Hartnäckigkeit: ›Im übrigen finde ich, daß wir Karthago plattmachen müssen.‹ Senator Cato soll damit drei Jahre lang jede, wirklich jede, Rede abgeschlossen haben – egal, worum es in der Rede jeweils ging. Stilistisch handelt es sich dabei um einen schicken AcI (Akkusativus cum Infinitivo) – dem Schrecken fast aller Lateinschüler.

Heute würde man sowas so nicht mehr sagen. Die Sitten haben sich verfeinert. Nach Jahrhunderten eines ›Prozesses der Zivilisation‹ (Norbert Elias 1939) geht man heute inhaltlich sehr viel feiner vor. Der Kern aber läßt sich sehr wohl rezyklieren. In der clique politique scheint derzeit folgendes konsens- und anschlußfähig: ›Ceterum censemus populum esse regendum – Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß.‹

Das Volk? Das Volk muß regiert werden? Welch groteske Perversion! Aber nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 D a s   L a n d  muß regiert werden. Zugegeben. Schließlich kann sich das Volk nicht um alles kümmern. Dazu braucht es halt Vertreter. Aber diese Vertreter haben das Volk zu  v e r t r e t e n  – und nicht etwa zu „regieren“. Noch klarer wird es, wenn wir das ›esse regendum‹ unseres Schildchens modifizieren. Das ›regere‹ nämlich kann nicht nur ›regieren‹ bedeuten, sondern auch ›zurechtweisen‹ oder – werden wir brutal – gar ›gängeln‹. Das Volk muß demnach zumindest auf den rechten Pfad geführt werden – und zwar im Namen „unserer Demokratie“, versteht sich. Also erzogen statt vertreten. Das ist bitter – aber schaut Euch um im Lande. Wie das mit dem Konzept eines Souveräns zusammenpassen soll – oder gar mit Demokratie –, ist Bolle leider auch nicht ganz klar.

Außerdem ist nicht ganz klar, woher solche Leute diesen Impetus nehmen. Am ehesten würde Bolle hier so eine Art ›Hilflose Helfer‹-Syndrom (Schmidbauer 1977) einleuchten. Man könnte fast sagen: Politik als Chance. Wo sonst ließe sich mit einer oft derart mäßigen Ausbildung – etwa in Soziopolitistik oder sonstwo, falls überhaupt – und einer Lebens- und Berufserfahrung „im richtigen Leben“, die oft genug gegen Null zu gehen scheint, so tüchtig Geld verdienen wie in der Politik?

Jedenfalls hat sich mittlerweile, wie’s scheint, eine clique politique etabliert, die definitiv  v o n  der Politik lebt und nicht etwa  f ü r  die Politik – um es mal mit Max Weber (1919) zu sagen. Die meisten würden beim gegebenen Ausbildungsstand und gegebener Qualifikation „im richtigen Leben“ nicht im Entferntesten so gut verdienen beziehungsweise so gut leben, wie sie das als Berufspolitiker tun. Das führt natürlich zu gehörigen Abhängigkeiten. Man könnte auch sagen: Ohne den Job sind die aufgeschmissen. Genau darum sind sie ja auch so handzahm. Allein: was hat das Volk davon?

Ein einziges Beispiel mag an dieser Stelle genügen: Als im Dezember letzten Jahres die sogenannte ›Junge Gruppe‹ in der CDU versucht hatte, gegen die Rentenpläne der Regierung aufzumucken, wurde sie ganz schnell wieder eingefangen und auf Parteilinie gebracht. Das schlagende Argument: So ein lukrativer Listenplatz, wie wir ihn Dir gewähren, kann ganz schnell weg sein – futsch, perdu. Also paß bloß uff! Und dann müßte man schließlich richtig arbeiten für sein Geld. Welch grauenhafte Vorstellung!

Wer das alles nicht wahrhaben will, dem sei Joana Cotars jüngst erschienenes Bändchen ›Inside Bundestag‹ (2026) zur gelegentlichen Lektüre oder zum Vorlesenlassen empfohlen. Es trägt den Untertitel ›Wie ich in acht Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor‹ und sagt so ziemlich alles, was man wissen muß, um die ganze Tragik zu erahnen.

Ein wenig erinnert das alles an Dieter Nuhrs alten Gag: Deswegen haben wir uns dann ja auch für das Lehramt eingeschrieben: Ist doch eh egal und wenn schon keine Zukunft, dann wenigstens nachmittags frei.

Um das alles ansatzweise zu verstehen, hilft hier die Heider-Relation – ein Theorem, das postuliert, daß bei allem, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) tut, Sein und Sollen einigermaßen zusammenpassen müssen: Man macht, was man für richtig hält. Könnte man meinen. Man könnte das Ganze aber auch umkehren: Man hält für richtig, was man macht. Das klingt zunächst einmal befremdlich – ergibt sich aber unmittelbar aus dem Theorem. Ein Beispiel mag genügen: Wenn jemand etwa mit seinem Job nicht zufrieden ist (also mit dem, was er macht), ergeben sich genau drei Möglichkeiten zu reagieren: (1) Man ändert nichts – und bleibt unzufrieden. Das ist natürlich keine wirkliche „Lösung“, of course. (2) Man sucht sich einen Job, mit dem man sich besser fühlt – paßt also das Sein an das Sollen an. Oder (3) man findet sich mit seinem Job ab – hält also für richtig, was man macht – paßt also, tout au contraire, das Sollen an das Sein an. Interessanterweise ist die dritte Lösung die kognitiv sparsamste – also mit dem geringsten Aufwand verbunden. Und darum setzt sie sich meist durch: Man säuselt sich die Sache schön.

Da hätten wir also unser Volksvertreterlein (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), das, gegängelt durch Sachzwänge von Fraktionsdisziplin bis zu EU-Vorgaben, nicht mehr ein weiß noch aus. Was liegt da näher, als das Ganze letztlich gut und richtig zu finden? Schon hat die liebe Seele Ruh. Ob das aber noch im Sinne des Erfinders ist, ist eine ganz andere Frage. Hauptsache Ruhe – und Hauptsache gesichertes Einkommen.

Ein wenig erinnert das an die Lemmlinge, zumindest jene in Disneys ›Weiße Wildnis‹ (1958). Bolle sagt übrigens immer ›Lemmlinge‹, mit einem ›l‹ in der Mitte, weil das, wie er findet, den ganzen Unsinn besser auf den Punkt bringt: Hier lang, Leute! Wer kein Schwurbler sein will, folgt mir nach! Avanti, avanti! Alles wird gut!

Das ›Ceterum censemus populum esse regendum‹ unseres Schildchens oben – ›Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß‹ – gründet somit weniger in persönlicher Überzeugung des Einzelnen. Vielmehr ist es, ganz nach Lemmling-Art, durch und durch systemisch.

Von innen heraus wird sich da wohl kaum was ändern können. Im Gegenteil. So haben etwa, pars pro toto, die letzten Wahlrechtsreformen dazu geführt, daß vom Volk  d i r e k t   g e w ä h l t e  Abgeordnete nicht in den Bundestag einziehen durften, weil da der Parteienproporz vor war. Listenplatz sticht Direktmandat. Wie heißt es doch im ›Lied der Partei‹ (Louis Fürnberg 1950)?

Die Partei, die Partei, die hat immer recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.

Sowas  k a n n  man sich nicht ausdenken als nüchterner Demokrat (vgl. dazu So 28-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie zweiter Teil).

Und? Was macht der Souverän? Verhält sich alles andere als souverän (vgl. dazu etwa Mi 21-12-22 Das einundzwanzigste Türchen …). Vielmehr spielt er deutsches Roulette. Und das geht so: Partei A, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd herausgestellt. Also wähle ich diesmal Partei B. – 4 Jahre später: Partei B, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd erwiesen. Also wähle ich diesmal Partei A – und so weiter, und so fort, ad libitum … Und da sage noch einer, der Wähler habe keine Alternative. Hat er wohl: A oder B. Sancta simplicitas! Bolle findet ja, bei klassisch-russischem Roulette sind die Überlebenschancen deutlich höher.

Der Untertitel unseres heutigen Schildchens übrigens, ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe‹ – ist von all dem natürlich meilenweit entfernt, of course. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-03-26 Einmal lieb für böse sein

Einmal lieb für böse sein (Symbolbild, of course …)

Es gibt Wendungen, die schnappt man irgendwann mal auf und vergißt sie niemals mehr. ›Einmal lieb für böse sein‹ ist Bolle eine davon. Damals hatte er gerade seine Oberstufenschülerzeit mit Brief und Siegel abgeschlossen – ist also schon ein Weilchen her.

Dabei handelt es sich um eine Art Beziehungsritual bei einem Pärchen aus Bolles näherem Umfeld. Wenn einer der beiden sich schlecht behandelt fühlte, wollte es die Gepflogenheit, eine entsprechende Notiz zu schreiben und dem anderen zuzustecken. Der Kern der Botschaft: Ich fühle mich von Dir schlecht behandelt, Du warst böse zu mir – also habe ich einmal lieb sein gut. Dem Empfänger (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) war natürlich unvermittelt klar, worum es ging. Einzelheiten weiß Bolle nicht zu berichten. Allein es hatte regelmäßig funktioniert. So geht dyadischer Austausch.

Bis zu der Szene unseres heutigen Bildchens, das selbiges symbolisch illustrieren mag, sollten noch zwei Jahrsiebte vergehen. Aber sind Symbole nicht letztlich zeitlos? Das Bildchen zeigt einen Meister mit seinem Schüler beim Dokusan – einem Lehrgespräch, das dem rechten Verständnis dienlich sein soll. Dabei zeigt der Meister hier durchaus keine übertriebene Strenge. Die Haltung ist – zumindest im Vergleich zum regulären Za-Zen – durchaus entspannt. Gleichwohl fühlt er sich, wie’s scheint, veranlaßt, eine definitive Ichi-go ichi-e-Geste zu zeigen: Hier! Und jetzt! Schreibe Er sich das hinter die Ohren! Der Schüler für sein Teil wirkt dabei eher aufnahmewillig denn eingeschüchtert. Ein bißchen Respekt allerdings muß schon sein. So ist das nun mal. Nicht nur im Zen. Bei Beziehungen überhaupt.

Genau an dieses ›Einmal lieb für böse sein‹ mußte Bolle in letzter Zeit verschiedentlich denken. Die Deutschen an sich hatten sich seinerzeit – das ist wirklich noch sehr viel länger her als Bolles Oberstufenzeit – so richtig schlecht benommen. Und da sie damals so böse waren, scheinen sie daraus ableiten zu wollen – genaugenommen gar zu müssen –, daß sie fürderhin furchtbar lieb zu sein haben – und zwar allen und jedem gegenüber. Und zwar nicht nur einmal – sondern für alle, wirklich alle Zeiten. Für immer lieb für einmal böse sein.

So sei das übrigens auch gleich eingangs in Art. 1 GG in Stein gemeißelt: ›Die Menschenwürde ist unantastbar.‹ Bolle meint: mit etwas Phantasie mag einem das so scheinen. Aber werden wir praktisch. Von hier aus ist es nicht mehr allzu weit, um daraus abzuleiten, daß demgegenüber alles andere – in letzter Zeit vor allem und gerade auch die Meinungsfreiheit nach Art. 5 GG – zurückzustehen habe, bitteschön. Auch sei alles, was auch nur im Entferntesten mit „Volk“ zu tun haben könnte, definitiv ein Verstoß gegen das Liebsein-Gebot.

Das Problem an dieser Stelle: Mit einer solchen Einstellung kann kein Mensch leben und schon gar nicht  ü b e r leben. Und natürlich auch kein Volk – das es demnach ohnehin besser gar nicht geben sollte. Soweit die deutsche Romantik. Doch fragen wir die Wissenschaft und nehmen wir dabei aus rein analytischen Gründen die Wahlmöglichkeiten, die sich aus beispielsweise Harris‘ ›Ich bin ok – Du bist ok‹ (1969) ergeben. Bolle hat sie auf das absolut Unverzichtbare abgespeckt.

So kann’s gehen – oder eben auch nicht …

Wir haben es hier mit einer 4-Felder-Tafel zu tun, die sämtliche in Frage kommenden Optionen dichotom in handlicher Form abbildet.

Die beste Wahl, um seelisch einigermaßen gesund durchs Leben zu laufen, ist dabei die Einstellung – Harris nennt es ›Life Position‹, die Übersetzung nennt es ›Lebensanschauung‹ – ›Ich bin ok – Du bist ok‹ (A1). Das bedeutet, daß man andere – aber eben auch sich selbst – grundsätzlich in Ordnung findet. Das bedeutet aber  n i c h t , daß man alles, was andere so an einen herantragen – denn das tun sie: es gibt nun mal sowas wie Interessenkonflikte – voll in Ordnung finden muß. Im Zweifel, und zu Ende gedacht, gibt es da nur eines: Fight, fight, fight! – wie der Präsident eines assoziierten Landes das einmal punktgenau, aber nicht ganz unpassend, formuliert hat. Das heißt übrigens  n i c h t , daß man dem anderen damit sein grundsätzliches OK-Sein abspricht – wie ein vor allem in Hülsenfrüchtchenkreisen weitverbreitetes und wohlgehütetes Mißverständnis meint erkennen zu müssen.

Zur Vervollständigung: Leute, die sich selber ok finden, alle anderen aber nicht, neigen demnach dazu, kriminell zu werden – zumindest aber asozial (B1). Warum auch lieb sein zu Leuten, die sowieso scheiße sind? Und Leuten, die sich selber nicht mögen, und alle anderen auch nicht, bleibt demnach nur die Flucht in den Autismus (B2).

Dabei ist die Einstellung ›Ich bin nicht ok – Du aber bist ok‹ (A2) im Zweifel die übelste von allen. Mit sowas kann man sich buchstäblich nur sterben legen. Harris nennt es Selbstaufgabe – bis hin zum Selbstmord. Übrigens – und das macht die Sache so pikant – handelt es sich hierbei um ein Weltbild, das für alle und jeden im Säuglingsalter geradezu „alternativlos“ war. Man wurde gesäugt, man wurde gebadet, man wurde trockengelegt, es wurde sich, ganz allgemein, um einen gekümmert. Selber hatte man wenig bis gar nichts zu bieten. Damit  m u ß t e  sich ein solches Weltbild nachgeradezu ergeben. Gleichzeitig aber ist es eben auch eine Einstellung, mit der man jenseits des Säuglingsalters unmöglich leben kann – schon gar nicht als erwachsener Mensch.

Fassen wir zusammen: ›Einmal lieb für böse sein‹ hat durchaus das Zeug, eine Beziehung über ebenso allfällige wie unvermeidliche Verwerfungen hinwegzutragen. ›Ab jetzt für immer und ewig lieb für einmal böse sein gewesen‹ dagegen hat genau das  n i c h t .

Exaktemente aber diese Einstellung – so will es zumindest die gegenwärtig herrschende clique politique – soll es sein, mit der die Deutschen gefälligst durchs Leben zu laufen haben. Genau das nämlich meine der Art. 1 GG mit seiner Menschenwürde. Das geht schon los, wenn einer nur ein Deutschland-Fähnchen schwenkt. Allein – eine Beziehung, die einem solchen Muster folgt,  k a n n  nicht gedeihlich funktionieren. Im günstigsten Falle bricht sie auseinander – dann ist zumindest Ruhe im Karton – oder sie ist und bleibt krank: „toxisch“ nachgeradezu. Da liegt kein Segen drauf – wie jemand aus Bolles weniger agnostisch inspiriertem Umfeld in solchen Fällen öfters mal zu sagen pflegt. Allein – was stört‘s ein Hülsenfrüchtchen, wenn‘s an der Wirklichkeit zerschellt? (vgl. dazu etwa So 07-09-25 Durch Grenzen gegängelt – Von Inbordern und Transbordern). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-03-26 No taxation without representation

The Boston Tea Party (Nathayel Corrier / Sarony & Major 1846).

Was da passiert ist in den letzten Jahren, das hätte nie passieren dürfen. So in etwa würde man Chruschtschows Statement gegenüber seinem Genossen und großem Vorsitzenden Stalin (vgl. dazu So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus) auf hier und heute übertragen können.

Was aber ist passiert? Nun, der altehrwürdige und einer Demokratie allein würdige Journalismus 1.0 hat sich schleichend, aber sicher – nachgeradezu „nachhaltig“ (um es mal in Hülsenfrüchtchen-Sprech zu sagen) – in einen, wie Bolle das nennt, Journalismus 2.0 verzwergt.

Lang, lang ist’s her, da hatte sich Hugh Greene, seinerzeit BBC-Journalist und später dann Chef von‘t Janze, veranlaßt gesehen, sich wie folgt zu äußern:

Nennen Sie mir ein Land
wo Journalisten und Politiker sich vertragen,
und ich sage Ihnen:
Das ist keine Demokratie.

Das war 1948. Nun ist Hugh Greene nicht irgendwer. Seinerzeit war er damit beauftragt, in den nördlicheren Gefilden von Nachkriegsdeutschland einen Rundfunk aufzubauen, der sein Salz auch wert ist – also das direkte Gegenteil von Hofberichterstattung. Dabei gilt er manchen nachgeradezu als „Vater“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – diesmal ausnahmsweise nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course.

Aber bleiben wir sachlich. Man könnte, um es auf den Punkt zu bringen, die Journalismen 1.0 und 2.0 anhand ihrer ganz grundsätzlichen Motivation auseinanderhalten:

Journalismus 1.0: Schreiben, was  i s t .
Journalismus 2.0: Schreiben, was  s o l l .

Ersteres entspricht natürlich Rudolf Augsteins Diktum, of course. Letzteres läuft darauf hinaus, was der jeweilige Journalist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) für wünschenswert hält. Im Lichte der Drei Töchter der Philosophie haben wir es hier also mit einem Unterschied zu tun, der wirklich einen Unterschied macht – dem Unterschied nämlich zwischen Schwester Logik und Schwester Ethik.

Die drei Töchter der Philosophie.

N o c h  größer könnte eine Kluft kaum sein. Da liegen wirklich Welten zwischen. Und wenn dann noch ein ebenso penetranter wie – wie soll man sagen? – dümmlicher Kuschelkurs mit den jeweils Mächtigen hinzukommt, ist das Faß vollends am Überlaufen.

Nun – der Journalismus 2.0 hat hierzulande mächtig überhand genommen in den letzten Jahren. Bolles ehrlichste Umschreibung für Public Relations beziehungsweise „Öffentlichkeitsarbeit“ ist ja schlicht und ergreifend ›Meinungsmache‹. Das hören die PR-Leute natürlich nicht gerne, of course. Gleichwohl scheint es Bolle so zu sein. Wenn sich aber die Journalisten 2.0 auch nur noch als Meinungsmacher verstehen statt als Tatsachenberichterstatter, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn zumindest der aufgewecktere Teil des Volkes ihnen kein Wort mehr glauben mag. Da nützt es auch nichts, großspurig von „Haltungsjournalismus“ zu fabulieren. Nein, das ist schlicht und ergreifend Gesinnungsjournalismus – und damit  g a r   k e i n  Journalismus, zumindest nicht im Sinne des Wortes. So etwas geht natürlich nie gut – jedenfalls nicht auf Dauer. Und so hatten wir letzte Woche, eher beiläufig, den Journalismus 3.0 erwähnt. Dessen Motivation:

Journalismus 3.0: Endlich wieder sagen, was ist – auch und gerade dann, wenn es so mancher nur höchst ungern hören mag.

Hierbei handelt es sich ganz offensichtlich um das Bestreben, sich der Hugh-Greene-Doktrin allmählich wieder anzunähern. Bolle jedenfalls fühlt sich nach zehn Minuten Journalismus 3.0 – inklusive einiger N:N-Medien wie etwa TwitteX, of course – sehr viel ehrlicher und gründlicher informiert als nach, sagen wir, zehn Stunden Journalismus 2.0. Informiert – nicht indoktriniert!

Aber ist das auch alles wahr, was man da zu hören kriegt? Hier sind wir unversehens beim Menschenbild: Bolle ist es weder Ziel noch Anspruch, die Wahrheit mundgerecht serviert zu bekommen. Was Bolle für wahr hält, möchte er bitteschön selber entscheiden – und zwar auf Grundlage aller auf die Schnelle verfügbaren Informationen. Vorgekaut ist was für Kühe – und als solche sieht Bolle sich nicht an. Wie heißt es doch so schön: Nur selber denken macht schlau. Oder, wie Kant es gesagt hätte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn.

Unser Bildchen übrigens zeigt die sogenannte Boston Tea Party – ein seinerzeit medial äußerst geschickt in Szene gesetztes Aufbegehren gegen das, was man im fernen London für gut und richtig hielt. Die Siedler in der Neuen Welt wollten von ihren zurückgebliebenen Landsleuten nämlich nicht länger ans Händchen genommen werden. Vor allem wollten sie dafür nicht auch noch bezahlen müssen. Bolle meint: die Parallele zum heutigen Rundfunkbeitrag ist nachgeradezu frappant.

Übrigens sind es ausschließlich Indianer, die die Teekisten sabotagemäßig über Bord werfen. Natürlich hatten die Indianer, egal welche, mit den Händeln zwischen Siedlern und Kolonialmacht rein gar nichts zu tun. Tatsächlich handelte es sich dabei um brave Bostoner Bürger in Camouflage, weil man offenbar damals schon aus sehr, sehr guten Gründen nicht viel von einer Klarnamenspflicht hielt. Von wegen „Augenhöhe“. England war groß und seine Justiz mächtig. Die Siedler waren nolens volens eher Untertanen. Wie sich doch die Bilder gleichen! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-02-26 Könner versus Kasper (KvK)

Mein Gott – schon wieder Mathe …

Nichts läuft mehr richtig rund im Lande. Überall ist der sprichwörtliche Wurm drin. Zumindest  k ö n n t e  man das so sehen. In Bolles Kreisen spricht man hier auch keck von ›multiplem Systemversagen‹. Wenn aber etwas nicht so läuft, wie es soll, dann nennt man das nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Problem. Dabei wollen wir unter ›Problem‹ nichts weiter verstehen als eine ›Soll/Ist-Diskrepanz mit momentaner Transformationsbarriere‹ (Bolle featuring Dietrich Dörner 1979) – wobei ›Transformationsbarriere‹ lediglich meint, daß nicht wirklich klar ist, wie man von einem unerwünschten Ist-Zustand in einen angestrebten Soll-Zustand kommen soll. Daran ändert sich übrigens auch dann nichts, wenn man das Problem  – ebenso großspurig wie verhüllend, aber bitteschön – „Herausforderung“ heißt.

Wir hatten diesen Punkt vor knapp einem Jahr schon einmal aufgegriffen (vgl. So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan) und uns damals naheliegenderweise an Bolles Problemlösungszirkel (kurz ›PLZ‹) orientiert – einem Standardprocedere, das stets zur Lösung eines gegebenen Problems führt, oder aber zum Abbruch der Bestrebungen. Probleme nämlich, die man nicht lösen kann, sollte man tunlichst irgendwie loswerden. Komplizierter ist das alles nicht.

Der Problemlösungszirkel oder De arte solvendi.

Dumm nur, wenn man nicht weiß, wo man steht – und es womöglich auch lieber gar nicht so genau wissen will (Ist-Analyse), und (oder oder) einem auch gar nicht so recht klar ist, wo man eigentlich hinwill (Ziel-Definition) – von mehr Wohlstand, Freiheit, Demokratie beziehungsweise auch mehr Friede, Freude, Eierkuchen und dergleichen einmal abgesehen, of course. In Bolles Kreisen spricht man hier übrigens von ›nicht-wohldefinierten Zielen‹. Kein Wunder, daß Bolle dabei schon mal leicht unwohl werden kann.

Nun – in dieser Lage kann man als heillos überfordertes Hülsenfrüchtchen dann schon mal leicht auf die Idee verfallen, daß es doch zumindest nicht schaden könne, erst mal ganz viele Phantastilliarden ins System zu pumpen. Dann nämlich müsse es doch richtig rucken. Wäre ja gelacht! Bolle meinte damals schon: Denkste – muß es keineswegs! Und das hat es nach allem auch nicht – wie wir heute ziemlich sicher sagen können. Zwar sind die Phantastilliarden nicht wirklich weg. Sie sind nur anderswo – etwa auf den Forderungskonten sehr viel klügerer Paragonisten. Jedenfalls sind sie mitnichten da, wo sie ihre Wirkung entfalten sollten. Wie auch – bei  d e m  Plan? Und so wollen wir es Bolle auch nicht allzusehr verübeln, wenn er sich an dieser Stelle einmal mehr veranlaßt sieht, seine schönste Siehste!-Miene aufzusetzen – zumal er sich dabei ja stets stringent dezent zu halten pflegt.

Aber nehmen wir mal an – ebenso spaßeshalber wie kontrafaktisch –, soweit sei alles klar: Es existiere eine solide Ist-Analyse und auch ein wohldefiniertes Ziel. Da kann immer noch einiges dazwischenkommen auf dem Weg von Ist nach Soll. Bolle nennt es das KvK-Phänomen – wobei KvK für ›Könner versus Kasper‹ stehen soll. Dabei seien ›Könner‹ Leute, die wissen, was sie tun, und ›Kasper‹ – wie wir sie zärtlich nennen wollen – ganz entsprechend und tout au contraire Leute, die genau das eben  n i c h t  wissen.

Unsere Graphik zeigt den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Ressourcen und der sich daraus ergebenden Performance. Dabei wollen wir unter ›Ressourcen‹ (oder schlicht ›Mitteln‹) das verstehen, was man von außen in Anspruch nehmen muß. ›Performance‹ stehe ganz allgemein für ›irgendwas gebacken kriegen‹. Das geht schon im Kleinsten los: Stellen wir uns zum Beispiel vor, wir wollten ein Regal anbringen. Ganz ohne Werkzeug (R = 0) wird das schwierig. Da wäre auch der pfiffigste Handwerker hilflos. Mit einer minimalen Ausrüstung aber (Rmini)  – also Hammer, Bohrer, Schraubenzieher – läßt sich das Problem immerhin anpacken und auch leidlich zufriedenstellend lösen (A1). Mit Bohrmaschine und Akkuschrauber geht‘s dann noch viel geschmeidiger (A2 und A3) –  w e n n  man denn damit umgehen kann. Aber irgendwann – und zwar recht schnell schon – macht weiterer Mitteleinsatz keinen Sinn mehr: Der Könner hat alles, was er braucht, damit das Werk gelinge.

Anders verhält es sich mit der Kasperkurve. Ein minimaler Einsatz von Ressourcen (Rmini) führt hier zu wenig befriedigender Performance (vgl. A1 zu B1) – sei es, daß das Werk gar nicht gelingen will, sei es, daß es viel zu lange dauert. Eine Erhöhung des Mitteleinsatzes führt absehbar zu etwas besseren Ergebnissen – bleibt aber regelmäßig weit hinter der Könnerperformance zurück.

Fassen wir zusammen: Könner vermögen mit geringsten Mitteln Erstaunliches zu leisten. Kasper dagegen kriegen selbst mit erheblichen Mitteln nur wenig zustande. Aber sagt mal einem Kasper, daß er nun mal kein Könner sei. Er wird Euch hassen und bekämpfen! Besser werden seine Leistungen dadurch allerdings  n i c h t . Da ist Regel #2 unseres Yoga-Tripletts vor (vgl. dazu So 01-02-26 Yoga für Agnostiker): Wirkung braucht nun mal Zeit. Und was Hänschen nicht gelernt hat, das lernt der Hans halt nimmermehr.

Genau das scheint Bolle übrigens auch der Grund zu sein, warum Nichts- beziehungsweise Wenigkönner – Kasper eben – dazu neigen, sich erstens immer gleich beleidigt zu fühlen, und zweitens, stets nach mehr und immer noch mehr Mitteln zu schreien. Kann man ja auch verstehen: Wer wollte schon gerne sein eigenes unabänderliches Nichts-Können beklagen, wenn er doch alles auf seine relative Mittellosigkeit schieben kann (vornehm: attribuieren)? Also müssen immer mehr Phantastilliarden her. Damit werde endlich alles gut.

Hier noch ein Fun-Fact am Rande: Die Kasperkurve konvergiert gegen die gestrichelte Linie. Das bedeutet, daß die Kasper dieser Welt mit einem (im mathematischen Sinne) buchstäblich unendlichen Mitteleinsatz gerade mal so viel gebacken kriegen wie ein Könner mit minimalen Mitteln (Rmini). Bolle meint, dann wäre das ja auch geklärt. Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 11-01-26 Toleranz und Militanz

Und? Wer hat’s gesagt? (Bolle featuring Wassili Grigorjewitsch Perow 1872).

Zugegeben – unser heutiges Sprüchlein ist etwas knallig. Gleichwohl, meint Bolle, bringt es die Dinge auf den Punkt. Ähnlich knallig waren wohl nur Statements wie etwa ›Hitler war ein Linker‹ und ähnliches. Weia! Da war was los! Warum? Nun – wenn wir mappa-mundi-mäßig von ›Links = gut‹ ausgehen und von ›Hitler = böse‹, dann stürzt bei einer solchen Melange natürlich unversehens Hülsenfrüchtchens Holosphäre ein. Warum? Weil – wir haben es schon öfters mal erwähnt …

Eine Wahrheit muß genügen.
Mehr hältste ja im Kopp nich aus.

Unser Bildchen zeigt einen „Post“, wie er sinngemäß in den N:N-Medien (vulgo: „soziale“ Medien) vor einigen Jahren schon mal „viral“ gegangen war. Allerdings hat Bolle der Ästhetik halber hier das Original-Gemälde verwendet – es handelt sich um ein Porträt Fjodor Michailowitsch Dostojewskis (1821–1881) von Wassili Grigorjewitsch Perow (1833–1882) –, das ganze ein wenig gefälliger gestaltet sowie die Orthographie kanonisiert. Da kennt Bolle nun mal nüscht.

Seinerzeit, als das Zitat die Runde machte, war bei manchen Nutzern natürlich der Teufel los, of course. Insinuiert es doch – zumindest könnte man das so verstehen –, daß es einen Zielkonflikt geben könnte zwischen Intelligenz und Toleranz: Intelligenteren Leuten nämlich ist unmittelbar helle, daß Toleranz, so sie denn zu einiger Blüte finden soll, sich in funktionablen Grenzen halten muß, während es, umgekehrt, übertrieben toleranten Leuten möglicherweise an Intelligenz mangeln könnte. Der bekannte Glühwürmchen-Phänotypus halt:

Wenn die Herzen heiß entflammen
und das Hirn hinkt hinterher …

Jedenfalls meint Bolle, das alles füge sich aufs Feinste in unsere ›Funktioniert/Wünschenswert‹-Tafel:

Es gibt immer 4 Möglichkeiten …

Wir hatten das Modell vor einem Jahr schon einmal vorgestellt (vgl. So 26-01-25 Das Elend der Wōkness), um zu erhellen, warum sich Hülsenfrüchtchen immer, immer, immer zu einer wünschenswerten Lösung hingezogen fühlen – und zwar ohne jede Rücksicht darauf, ob die denn auch funktioniert. In Bolles Welt dagegen ist alles, was nicht funktioniert, unvermittelt raus – und mag es noch so wünschenswert sein. Aber möglicherweise fehlt es Bolle ja einfach nur an der gebotenen Portion Phantasie, um die Segnungen des Konstruktivismus – „alles ist möglich: so glaubt mir doch“ – gebührend würdigen zu wissen.

Nun, wir haben das Modell spezifiziert und dabei ›wünschenswert‹ mit ›Toleranz‹ konkretisiert – wer wollte wohl nicht tolerant sein? – und ›funktioniert‹ mit ›Intelligenz‹. Schließlich erweist sich Intelligenz ja nicht zuletzt in der Fähigkeit, mit der Welt, wie sie sich einem darstellt, zumindest leidlich klarzukommen – mappa mundi intacta.

Dabei wäre es natürlich am schönsten, wenn alle intelligent wären und tolerant. In unserer 4-Felder-Tafel entspricht das dem grün unterlegten ›Fein!‹. Unintelligent und intolerant dagegen wäre durch und durch von Übel (das rötlich unterlegte ›Grrr!‹). Interessant sind also nur die beiden gelb unterlegten Felder. Was wäre, wenn ein Zielkonflikt bestünde zwischen Intelligenz und Toleranz? Wenn also Intelligenz geböte, nicht übertrieben tolerant zu sein (›square‹) – beziehungsweise übertriebene Toleranz bedeuten würde, daß es mit der Intelligenz nicht allzu weit her sein kann (›wo̅k‹)?

Beim viralen Tumult durften natürlich auch die Faktenchecker nicht fehlen. Von dort bekam man allerdings in bester Kindergartenmanier nur ein fröhliches „Stimmt ja gar nicht, stimmt ja gar nicht“ zu hören. Dostojewski habe das so nie gesagt. Allein was hat das mit dem Spruch und seiner Trefflichkeit zu tun? Ist es nicht völlig egal, ob ausgerechnet Dostojewski das gesagt hat oder ob es im Zweifel selbstersonnen ist? So leicht kann’s nämlich gehen und man befindet sich im Namen der Wahrhaftigkeit auf der völlig falschen Fährte. Bolle findet, hierbei handele es sich übrigens um eine herrliche Illustration zu Miguel de Cervantes‘ Anmerkung in ›Don Quixote de la Mancha‹ (1605/1615):

Tatsachen, mein lieber Sancho,
sind die Feinde der Wahrheit.

Soweit zu Bolle und den Faktencheckern. — Natürlich ist das alles nicht neu. Denken wir nur an ein Werk wie etwa ›Biedermann und die Brandstifter‹ (Max Frisch 1958), in dem ein Herr Biedermann – in dem Stück heißt er tatsächlich so – vor lauter Toleranz zwei zwielichtige Gestalten in sein Haus aufnimmt, obwohl allen, und natürlich auch ihm selbst, völlig klar war, daß die nur Unheil im Schilde führen. Und so heißt es im Untertitel auch: ›Ein Lehrstück ohne Lehre‹. Kurzum: Herr Biedermann war eher tolerant als intelligent – um es mal vorsichtig auszudrücken. Eine frühe Karikatur eines Hülsenfrüchtchens, also.

Gucken wir uns um auf der Welt: Je weniger einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gebacken kriegt – was einer ungefähren Umschreibung von unzureichender Intelligenz entsprechen mag –, desto eher wird er dazu neigen, sich beleidigt zu fühlen und dementsprechend ein hohes Maß an Toleranz einzufordern – gerne auch mit juristischen Mitteln: „Werden wir brutal!“ (Brutus in ›Streit um Asterix‹ 1970). Keine Toleranz den Intoleranten! Bolle meint, das würde auch umstandslos erklären, warum unsere tonangebende Politgarnitur so sehr auf woke Hülsenfrüchtchen-Wähler steht. Zwar kriegen die auch nichts gebacken – sind dafür aber Brüder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im Geiste. Von sowas läßt man sich doch gerne wählen. Und der denkendere Teil des Volkes, also der mit potentiellem Beleidigungspotential, der wird am besten ganz verboten – und nicht etwa nur sein Denken. Zwar wird davon rein gar nichts besser – aber wenigstens ist Ruhe im Karton: ›Lieb Vaterland, magst ruhig sein // Nichts soll je trüben deinen Schein.‹ Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao – bis zur nächsten mittleren Katastrophe, die so sicher kommen wird wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 19-12-25 Das neunzehnte Türchen: Die feindlichen Staaten von Amerika

Nein, nein, nein – das darf nicht sein!

Hier etwas – wenn schon nicht wirklich weihnachtliches – so doch recht niedliches am Rande. Zumindest sieht Bolle das so. Neulich meinte irgendein Nachrichtensprecher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – womöglich einer mit etwas nuscheliger Aussprache – irgendwas von den „feindlichen Staaten von Amerika“. Zumindest hatte Bolle es so verstanden. Nach Aktivierung seiner Plausibilitätsschaltkreise hatte sich dann herausgestellt, daß das unmöglich so gesagt gewesen sein konnte. Ein Nachlauschen hatte dann ergeben, daß doch eher von den „Vereinigten Staaten von Amerika“ die Rede gewesen sein mußte. Fein denn – alles wieder konsistent.

Aber wie kommt es zu solchen Verhörern? Das war Bolles nächster Gedanke. Nun – das Gegenstück zu Freud’schen Versprechern sind ja wohl – zumindest würde Bolle das einleuchten – Freud’sche Verhörer. Obwohl – das sieht Bolle ein – von derlei nie die Rede war bei Freud.

Aber wenn wir schon bei Verhörern sind: Was liegt da näher als an Hacke und Sowas ›Weißen Neger Wumbaba‹ (2004) zu denken? Immerhin handelt es sich dabei um das ›Handbuch des Verhörens‹. — In Matthias Claudius‘ ›Abendlied‹ (1779) heißt es:

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar:
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Der weiße Nebel wunderbar. Welch kraftvolles Bild! Wer allerdings noch nie bei Mondenschein auf der Pirsch war und mit diesem Bild rein gar nichts anzufangen weiß, für den wird daraus dann eben ›Der weiße Neger Wumbaba‹. Bolle findet, das leuchtet ein.

Vergleichen wir das mal: Bei einem Versprecher legt einem das Unbewußte etwas auf die Zunge, was zu sagen man sich so nie getraut hätte – was aber durchaus trefflich ist. Bei einem Verhörer dagegen drückt einem das Unbewußte etwas aufs Ohr, was durchaus Sinn macht – der jeweilige Sprecher so aber wohl nie gesagt haben dürfte. Auch dann nicht, wenn es Sinn macht. In diesem Falle eben ›die feindlichen Staaten von Amerika‹. Das Gehirn versucht das Gehörte nun mal mappa-mundi-mäßig einzuordnen. Ein völlig normaler Vorgang, das – wenn auch meist nicht ohne Witz – und gehört im weiteren Sinne in das weite Feld sozialpsychologischer Konsistenztheoreme: Das Gehirn sucht Sinn. Und wenn es keinen findet, dann findet es ihn anyway. Hauptsache, das Weltbild, die mappa mundi eben, bleibt stabil.

Wer also mit der in weiten Kreisen der Classe politique – nebst angeschlossenem Journalismus 2.0, of course – verbreiteten bräsigen und überschäumenden Selbstgefälligkeit wenig anzufangen weiß – Putin böse, Xi böse, und jetzt dann eben auch noch Trump böse –, der kann dann durchaus schon mal leicht was von den „feindlichen Staaten von Amerika“ zu hören kriegen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 15-12-25 Das fünfzehnte Türchen: Frohe Weihnachten – oder was?

Anachronistische Eierplage.

Eier liegen in der Luft, wie’s scheint: Ei is in the air (Bolle featuring John Paul Young 1977) – um das mal neuzudeutschen. Nachdem wir uns gestern mit Ei-risch Breakfast befaßt hatten, kommt nun dieses – eine durchaus anachronistische Eierplage – noch hinzu. Und überhaupt: steckt das Ei nicht auch in so harmlos klingenden Wörtern wie zum Beispiel und nicht zuletzt in W-ei-hnachten?

Um es, passend zur Jahreszeit, mit Professor Crey – dem aus der Feuerzangenbowle (Heinrich Spoerl 1933) – zu sagen: Bolle – sä send etwas albern. Also genug geblödelt. — Neulich beim Wochenendeinkaufsbummel wurde Bolle der Eier-Auslage unseres heutigen Bildchens angesichtig. Wie? Schon wieder Ostern? – war das allererste, was ihm, ohne weiter nachzudenken, blitzeschnelle durch die Sinne schoß. Aber Nein – noch sind wir ja mittenmang mit den Vorbereitungen auf die Menschwerdung des Erlösers der Christenmenschen befaßt. Andererseits: Wenn es Ende August schon Spekulatius gibt – warum sollte dann ein erwerbsfleißiger Einzelhandel Mitte Dezember keine Ostereier haben im Sortiment?

Aber weit gefehlt. Der eigentliche Grund ist dieser: Die gibt’s das ganze Jahr – wie Bolle aus fachkundigem Munde in Erfahrung bringen konnte. Aber warum nur – warum? Nun, offenbar gibt es Leute – und wohl gar nicht mal so wenige, sonst würde es das Angebot nicht geben: insofern ist auf den Kapitalismus Verlaß –, die zwischendurch gerne mal ein gekochtes Ei naschen – und zwar zu jeder Jahreszeit, und ohne jeweils eigens kochen und abkühlen lassen zu müssen. Ein dreifach Hoch auf die Spontaneität! Um nun nicht aus Versehen in ein rohes Ei zu beißen, macht es natürlich Sinn, daß erstere und letztere sich deutlich unterscheiden. Was liegt da näher, als sie farblich kräftig zu markieren? Und so kommt es, daß es Ostereier gibt, die mit Ostern rein gar nichts zu tun haben sollen: Buntes Ei gleich hartgekochtes Ei. Mehr Logik steckt da offenbar nicht drin.

Natürlich mußte Bolle sich fragen, warum ihm derlei nicht früher schon mal aufgefallen war. Aber so kann’s gehen, wenn man schwer fokussiert durch den Supermarkt stürzt – von wegen Einkaufserlebnis. Bolle möchte gar nicht wissen, was es da – neben Ostereier-Mimikry – noch so alles geben mag, dessen er noch wirklich niemals angesichtig wurde. Die Welt ist voller Wunder – durchaus nicht nur zur Weihnachtszeit. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.