So 14-07-24 Die Welt ist ein Werden

Sein oder Werden – das ist hier die Plage …

Neulich saß Bolle zu ganz unbürgerlich später Stunde unter dem Fernsehturm am Alexanderplatz. Panoramablick aus der Froschperspektive, kam es ihm in den Sinn. Zwar konnte er sich lebhaft vorstellen, wie fern man sehen kann vom Fernsehturm. Allein er saß ja schließlich nur bei Fuße. Buch und Bier hatten sich in jener Nacht in einem Gläschen Dornfelder trocken und Ralf Ludwigs ›Sternstunden der Religion‹ materialisiert.

Bolle glaubt ja grundsätzlich erst mal gar nichts – eine Haltung, die, wie er findet, einem Agnostiker nicht schlecht zu Gesichte steht. Gleichwohl: man wird und soll sich ja dürfen anregen lassen. Und so hieß es im Abschnitt über Gautama, der Buddha habe die Idee eines absoluten Seins zurückgewiesen – aber auch die Idee eines absoluten Nicht-Seins. Es sei das Werden, das die Welt ausmache.

Kurzum: die Welt ist ein Werden. Das kam Bolle sehr entgegen. Hält er doch jedwede Vorstellung von Absolutem, in welcher Form auch immer, für, gelinde gesagt, kognitiv unterbelichtet. Bolle glaubt ja nicht einmal an etwas so Vertrautes wie eine absolute Masse. Vgl. dazu So 30-06-24 Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit trägt wirklich ein Forellenkleid).

Während also Descartes 1641 schon die Tatsache, daß er denkt, für einen unumstößlichen Beweis seiner Existenz hielt – cogito ergo sum (ich denke, also bin ich) –, meint Bolle, daß die Tatsache, ein Teil des Werdens dieser Welt zu sein, ein noch viel unumstößlicherer Beweis der eigenen Existenz sein sollte: accido ergo sum (ich komme darin vor – also bin ich).

Wenn aber Sein oder Nicht-Sein allein eine Frage der Perspektive ist, dann müssen und dürfen wir uns deutlich weniger Sorgen machen: Was einmal ist, bleibt Teil des Werdens – heute und für immerdar. Es kommt halt nichts weg in diesem Universum. Selbst das, was nicht ist, kann noch werden – wie der Volksmund scherzhaft weiß.

Warum dann die ganze Spannung? Weil es das Leben so spannend macht? Wohl kaum. Bolle glaubt eher, daß wir es hier mit einer regelrechten conditio universalis zu tun haben – einer Gegebenheit des Daseins an sich. Leben heißt Leiden – wie Buddha das schon in der allerersten seiner edlen vier Wahrheiten ausdrückt.

Wenn die Herdplatte zu heiß ist, zucken die meisten zurück. Wenn der Magen zu leer ist, stellt sich regelmäßig schlechte Laune ein. Das aber ist allein eine Frage der Homöostase. Physiologisch zeigt sich das darin, daß Lebewesen bestrebt sind, unerwünschte Wahrnehmungen zu vermeiden. Affektiv zeigt es sich darin, erfreuliche Dinge anzustreben und unerfreuliche möglichst zu meiden. Kognitiv schließlich zeigt es sich in einem Streben nach Ertrag und der Vermeidung von Aufwand – wie selbst Ökonomen wissen. Wer mag, mag sich unter diesem Aspekt noch einmal das Drei-Welten-Modell anschauen (vgl. So 07-07-24 Böse Buben). Wir reden hier von Welt II, der Welt der Wahrnehmung und Bewertung – also der spontanen und unmittelbaren Einordnung jedweder Wahrnehmung in erwünscht, W(+), bzw. unerwünscht, W(–).

Daraus erklären sich ohne weiteres auch die Versuche der verschiedensten Religionen bzw. philosophischen Richtungen bis hin zur Stoa, dem Leiden ein Schnippchen zu schlagen, indem man es einfach ignoriert.

Die gute Nachricht: Mit Sein oder Werden hat das alles wenig zu tun. Auch wer das Leiden nicht überwindet – wer von hinnen scheidet gar – ist unverbrüchlicher Teil des Werdens dieser Welt, und als solcher unkaputtbar, immerdar. Oder, um das Motto der Olympischen Spiele zu zitieren: Dabei sein – bzw. dabeigewesen zu sein – ist alles. Das stimmt zwar nicht ganz – ist an dieser Stelle aber bestmöglich tröstlich. Also entspannt Euch. Oder, um im Bilde zu bleiben: Wird schon … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-07-24 Böse Buben

Wir schaffen das! Denkste!

Nach dem vielleicht etwas haarigen Beitrag vom letzten Sonntag wollen wir uns heute wieder etwas leichterer Lektüre widmen. Immerhin ist sie inhaltlich verdrießlich genug.

Mittlerweile ist es fast ein Jahrzehnt her, daß die damalige Bundeskanzlerin 2015 ein ebenso fröhliches wie unsubstantuiertes ›Wir schaffen das!‹ als Losung unters Volk geworfen hatte. Deutschland sei ein starkes Land, habe schon so vieles geschafft – und werde wohl noch viel, viel mehr schaffen, und dergleichen mehr. Dabei hatte sie – das läßt sich nicht leugnen – erhebliche demoskopische Rückendeckung beim Volke. Das Fußball-Sommermärchen von 2006 war seinerseits erst knapp ein Jahrzehnt her. Man feierte mit Wohlbehagen das Gefühl, endlich und endgültig auf der Seite der Guten angekommen zu sein: heiter, weltoffen und allgemein ganz lieb. Was paßt da besser ins Bild als eine kräftige Prise Willkommenskultur?

Manche meinen ja, die Deutschen seien übertrieben begeisterungsfähig. Angelsachsen nennen das zuweilen gar hysterisch. Wie so oft wird sich auch hier ein Körnchen Wahrheit finden lassen. Bolle für sein Teil erklärt sich das ja schlicht mit Glühwürmchen-Emphasis: großes Herz, nicht ganz so großes Hirn, zuweilen.

Andere dagegen haben sehr frühzeitig dagegengehalten. Auf den Punkt gebracht hat es wohl Peter Scholl-Latour: Wer halb Kalkutta aufnehme, werde nicht etwa Kalkutta retten, sondern selber zu Kalkutta werden. Bolle meint, die Mischung macht’s, und paraphrasiert dabei gerne Paracelsus: Die Dosis – und nicht etwa die Substanz – entscheidet über Wohl und Wehe. Vgl. dazu auch Mo 28-12-20 Corönchen-Portiönchen oder die Geschichte vom warmherzigen Samariter (Mo 11-11-19 Proportionen).

Hier und heute wird man sich fragen dürfen – oder gar fragen müssen: Wem ist ein höheres Maß an prognostischer Kompetenz – verstanden als die Fähigkeit bzw. das kognitive Vermögen, die wesentlichen Konsequenzen seiner Entscheidungen nebst allfälliger Nebenwirkungen zu überblicken – zuzugestehen? Der Alt-Kanzlerin oder dem weitgereisten alten weisen Mann?

Von krassen Entgleisungen wie Messerstechereien und Gruppenvergewaltigungen einmal abgesehen zeigen sich die „Nebenwirkungen“ auch im Kleineren: Wer in bislang ungekannt schneller Folge mehrere Einbrüche oder regelrechte Raubdelikte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft bzw. Bekanntschaft erleben mußte, wird den üblichen Tilgungen bzw. Beschwichtigungen des Journalismus 2.0 nur noch wenig Glauben zu schenken geneigt sein.

Sind also alle Zugereisten Verbrecher? Natürlich nicht. Wenn aber von, sagen wir, 1 Mio Leuten, die hier wirklich nichts zu suchen haben, nur winzige 1% zu den bösen Buben (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zählen, dann sind das immerhin 10.000. Und wenn die nur 1 mal pro Woche unangenehm auffallen, dann macht das eine halbe Million schwere Straftaten pro Jahr. Mehr als genug, könnte man meinen. Womit wir wieder bei Paracelsus wären. Und irgendwann fallen die Leute halt vom Glauben ab. In der Presse heißt es dann: Sie radikalisieren sich – nur weil sie nicht willens sind, diejenigen, die diese Entwicklung nicht nur protegieren, sondern nachgerade klasse finden („Ich freu‘ mich drauf“), mit ihrer Stimme auch noch demokratische Legitimität zu verleihen, und dabei nicht träge genug, einfach zu Hause zu bleiben.

Damit aber entfernen wir uns von der prognostischen Kompetenz, die sich ja auf Prognosen und damit auf die Zukunft bezieht. Hier haben wir es schon mit einem veritablen Mangel an schierer Urteilsfähigkeit zu tun. Aber wie Bolle das zuweilen auszudrücken pflegt: Das Weltbild stirbt zuletzt. Damit meint er natürlich Welt III, of course.

Zunächst aber wird das, was einer wahrnimmt, nach Kräften ignoriert und idealisiert, was das Zeug hält. Erst wenn‘s gar nicht mehr geht, folgen die üblichen langen Gesichter: „Das haben wir nicht gewußt“ beziehungsweise, perfider noch, „Das haben wir nicht wissen können“. Bolle meint: hättet ihr wohl. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.