So 06-09-26 Wenn Krüge vor den Brunnen brechen

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. (Eiselein 1840).

Was soll man sagen? Es wird Herbst. Unverkennbar. Als Bolle gestern abend in seiner Eckkneipe vor einem Feierabend-Bierchen saß, da war er doch sehr froh, daß er eine solide Tweet-Jacke anhatte und kein sommerliches Leinen-Jäckchen. Wie sagt man doch gleich auf der Insel? The best British clothing for the worst British weather. Doch das nur am Rande.

Politisch dagegen könnte es ein durchaus heißer Herbst sein beziehungsweise werden. Zwar nicht unbedingt ein ›Herbst der Reformen‹ – der ist letztes Jahr schon ausgefallen, und dieses Jahr sieht es kein bißchen besser aus. Aber so kann’s nun mal gehen, wenn zusammenwächst, was partout nicht zusammengehört. Überhaupt kann sich Bolle des Eindruckes nicht entbehren, daß die eigentliche Regierungsarbeit nur noch darin besteht, die Opposition zu bekämpfen. Mehr „Minimalkonsens“ läßt sich kaum noch finden.

Heute sind Wahlen im Lande Sachsen-Anhalt – und der Journalismus 2.0 dreht seit Wochen durch, wie’s scheint. Wir wollen hier nicht spekulieren, wie das alles enden wird. Der kluge Prophet wartet die Ereignisse ab. Heute abend wissen wir mehr.

Was wir aber jetzt schon sagen können: Die Völker der Welt schauen auf dieses Land (Bolle featuring Ernst Reuter 1948). Nicht weil es so bedeutsam wäre – das ist es nun mal nicht –, sondern weil hier etwas passieren könnte, das so rein gar nicht in die bräsigen Köppe der gegenwärtigen clique politique passen will: ein politischer Machtwechsel.

Eigentlich sollte man ja meinen, ein Machtwechsel sei das Normalste in einer Demokratie. Wer so denkt, hat aber nicht begriffen, daß wir hier in einer „unsere Demokratie“ leben – wie es immer so schön heißt. Und da geht sowas nun mal gar nicht. Zumindest ist es nicht vorgesehen.

Bislang lief das Spiel ja in etwa so: Die CDU baut Mist. Also wählen alle das nächste mal SPD. Die SPD baut Mist. Also wählen alle das nächste mal CDU. Die CDU baut Mist … Und so weiter, und so fort – ad libitum. Wir hatten diesen Punkt schon mal erwähnt (vgl. dazu etwa Do 19-12-24 Das 19. Türchen: Seid’s ihr deppert?). Demokratie als Partizipations-Placebo, halt.

Daß es für eine Regierung durchaus mehr zu tun geben könnte als nur die Opposition zu bekämpfen, sollte eigentlich einleuchten. Aber wie ist es bestellt um den – wie Bolle das nennt – kontemporär-kapitulativen Zustand der clique politique? Vielleicht in etwa so:

PLZ ohne diagnostische Kraft und ohne Ziel und ohne Plan.

Um planen zu können, braucht man so etwas wie prognostische Kraft – also ein Gespür dafür, was passieren wird, wenn ich dies oder jenes tue. Davon ist nicht viel zu spüren. Und bevor man sich daran macht, die Welt zum Besseren zu wenden, sollte man zu allererst wissen, wo man eigentlich steht. Bolle nennt das neuerdings diagnostische Kraft. Auch davon ist nicht viel zu spüren: Wenn also, nur pars pro toto, dem staunenden Wahlvolke verkündet wird, daß niemand in die Sozialsysteme einwandere, oder daß das Migrationsproblem im Wahlkampf keine Rolle mehr spiele, oder daß die AfD mit der CDU so rein gar nichts gemein habe, oder, oder, oder – dann muß man sich wirklich fragen: In welcher Welt leben die? Oder, konstruktiv gewendet: Wie wollen solche Leute irgendwelche sinnvollen Schritte unternehmen, wenn sie nicht mal wissen (oder gar nicht wissen wollen), wo sie stehen? Drittens schließlich – auch das kann schwerlich schaden – braucht es ein Ziel. Man muß wissen, wo man hinwill. Sonst ergeht es einem  leicht wie Alice in Wonderland (vgl. dazu Fr 04-12-20 Das vierte Türchen …):

– Könntest Du mir bitte sagen,
wie ich von hier aus am besten weiterkomme?
– Das hängt schwer davon ab, wo Du hinwillst …

Nun – mit allen dreien dieser Punkte ist es weiß Gott nicht zum Besten bestellt. Schaut Euch um auf dieser Welt. Aus einer gründlichst dissoziierten Perspektive – Bolle liebt ja derlei – könnte man, lyrisch werdend, durchaus sagen:

Da gibt es schleimige Gesellen
Gar mannigfaltiger Natur,
Die Recht und Geist vom Fuße auf die Köpfe stellen.
Wo aber bleibt dabei das Volk? Ja, wo zum Teufel bleibt es nur?

Tja – und dann wundert man sich, daß weite Teile des Volkes das zunehmend nicht mehr zu goutieren wissen und – völlig systemfremd, jedenfalls in  d i e s e m  System – nach ernsthaften Alternativen suchen. Wie heute in Sachsen-Anhalt und demnächst, wie’s scheint, auch anderswo. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-08-26 META – make everybody think again

So geht’s auch. Womöglich sogar besser …

Bolle hegt ja seit langem schon die Befürchtung, daß die eigentliche, die elementare Spaltung, die sich durchs Land zieht, jene ist zwischen den mächtig Dummen und den (nur) mäßig Dummen (vgl. dazu etwa So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem). Dort hieß es: Ein klitzekleines bißchen dumm sind wir ja wohl alle. Allein man sollte auch hier nichts übertreiben. Bolle meint, das kann so stehenbleiben.

Neulich hat es Bolle einen Beitrag der ›Agenda Austria‹ in die Timeline gespült (siehe unser Bildchen). Rein zufällig – wie das Leben halt so spielt. Agenda Austria versteht sich als Denkfabrik und existiert als solche seit immerhin 13 Jahren schon. Manchmal fragt sich Bolle durchaus, ob er noch auf der Höhe der Zeit ist. Wie meinte doch sein lieber guter alter Deutschlehrer seinerzeit schon in der Oberstufe? „Sie müssen Ihr Ohr immer am Puls der Zeit haben.“ Allein, was will man machen? Zu̅ groß die Welt – zu̅ kleen det Hirn.

Deren Leitspruch jedenfalls lautet: ›Make Austria think again‹. Bolle war entzückt. Dabei ist das alles so einfach. Man ersetze lediglich ›America durch ›Austria‹ und ›great‹ durch ›think‹. Ein minimalinvasiver Eingriff, also. Und schon entsteht Verblüffendes. Apropos Timeline: Agenda Austria hat sich 2013 gegründet – ›Make America great again‹ wurde allerdings erst 2015 als Donald Trumps zentrales Wahlkampfmotto allgemein bekannt. Die Auflösung: der Spruch ist sehr viel älter. Ronald Reagan hatte ihn 1980 schon in seinem Wahlkampf verwendet – wenn auch nicht in ganz so knackiger Form. Wie man sieht, kommt alles wieder. Nichts geht verloren – nicht in diesem Universum. Da ist sich Bolle mit den meisten Physikern völlig eins.

Bolle jedenfalls war so entzückt, daß er meinte, wir müßten das auf jeden Fall – bevor es im Mahlstrom der Zeiten untergehen kann – unter Hintanstellung anderer Themen aufgreifen für unser heutiges Sonntagsfrühstückchen. Und wir können ihm immer nur ganz schlecht was abschlagen. Vor allem dann nicht, wenn er Recht hat – was interessanterweise irritierend oft der Fall ist.

Auch ist der Rahmen denkbar schlicht gehalten: Ein Tisch, zwei Stühle – fertig. Kein Vergleich zu den üblichen gebührenfinanziert aufgedonnerten Öffi-Studios, in denen Glas und Plaste den Ton angeben, und oft eine Unzahl an Moderatoren (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu kaschieren versucht, was ist: Innerlich und äußerlich hohl – wie das in Bolles Kreisen zwar hart, aber durchaus herzlich gemeint zuweilen auch heißt. Dabei ist man sich natürlich der Tatsache wohl bewußt, daß eine Wendung wie ›äußerlich hohl‹ logisch ein wenig grenzwertig ist. Allein so geht nun mal subtiler Spott.

Wir haben den Beitrag – ein Gespräch mit Harald Martenstein – in den Anhang gepackt. Er dauert ein knappes dreiviertel Stündchen. Allein Bolle meint, es gebe unangenehmere Weisen, ein dreiviertel Stündchen zu verbringen. Denken wir nur an einen Zahnarzttermin oder ein Gespräch mit einem Versicherungsvertreter. Et voilà – nur zu! Und viel Vergnügen damit.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, daß es in der Tat Formate zu geben scheint für die – bar jeder Despektierlichkeit – mächtig Dummen einerseits und die (nur) mäßig Dummen andererseits. Letzteres verdient natürlich verbreitet zu werden, of course. Wie heißt es doch in Bolles Kreisen? Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 23-08-26 Unsere Sprache, unsere Verfassung, unsere Demokratie

Der Weltgeist in persona (Bolle featuring Ralph Bittner 1997).

Der Klügere gibt nach. So wurde es Bolle seinerzeit zwar nicht gerade in die Wiege gelegt – aber immerhin doch in jungen Jahren schon nahegelegt. Allein das wollte ihm noch nie so recht einleuchten – zumindest nicht in dieser Apodiktik.

Wenn nämlich der Klügere sich das Nachgeben zur Regel macht – zunächst natürlich nur in Kleinigkeiten, dann, aus reiner Gewohnheit, womöglich in nicht ganz so kleinen Kleinigkeiten, und das dann so weiter –, dann bedeutet das nichts anderes als dies: Der Dümmere – um mal den Gegensatz zum ›Klügeren‹ sprachlich klar zu fassen – setzt sich durch. Was aber passiert, wenn sich die Dümmeren regelmäßig durchsetzen – zunächst im Klitzekleinen, dann im nicht mehr ganz so Kleinen, und schließlich und letztlich dann eben auch in der großen Politik beziehungsweise „gesamtgesellschaftlich“ – um hier mal ein beliebtes Modewort aufzugreifen? Nun, dann landen wir genau da, wo wir zur Zeit stehen. Zumindest ist das der Eindruck, den man haben kann.

Nun hegt Bolle seit langem schon die Vermutung, daß sich eine solche Abstufung ohne viel Federlesens nahtlos auf die Trias Sprache, Verfassung, Demokratie übertragen läßt. Mit der Sprache fing es an. An dieser Stelle könnte Bolle glatt lyrisch werden und es mit Reinhard Meys ›Das Geheimnis im Hefeteig oder der Schuß im Backofen‹ (1971) fassen:

🎶 Soweit ich mich noch erinnern kann
Fing alles mit unsrer Sprache an
Unsrer Gaga-Sprache, genauer gesagt
Mit Eifer und Verve in die Menge gequakt 🎶

Was alles man angeblich nicht mehr sagen darf … Warum eigentlich nicht? Wer legt das denn fest, das Unaussprechliche? Die Duden-Redaktion? Die tun zumindest so. Bolle aber fragt sich ebenso bieder wie ganz grundsätzlich: Warum nur, warum? In erster Näherung könnte man, featuring Bob Dylan 1963, vielleicht sagen:

Die Antwort, mein Kind,
Weiß ganz allein der Wind.
Die Antwort weiß ganz allein der Wind.

Bei näherem Hinsehen scheint aber kaum minder klar: Weil die Leute es mit sich machen lassen. Der Klügere gibt nach! Für Bolle indes ist das natürlich kein Kriterium, of course. Und so bestellt er sich zuweilen fröhlich, frisch und fromm sein „Cindy-und-Roman“-Schnitzel – und empfindet sich dabei als durchaus dem Zeitgeist entgegenkommend. Natürlich weiß kein Mensch, was das sein soll – schon gar nicht bei Bolle im Dörfchen. Allein Bolle weiß sich zu helfen: Ein Schnitzel mit Letscho tut’s auch. Im Prinzip ist das das gleiche – nur weiß ein jeder, was gemeint ist. Hier jedenfalls. Woanders mag das anders sein.

Allein warum in aller Welt sollte ein Zigeuner (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich beleidigt fühlen, wenn etwas so leckeres wie ein Cindy-und-Roman-Schnitzel seinen Namen trägt? Im Volksmund heißt es: Dummheit und Stolz // Wachsen am gleichen Holz. Vielleicht gibt es ja einen ganz analogen Zusammenhang zwischen Beleidigte und Leberwurst? – wobei die Leberwurst hier als Chiffre für das Schnitzel dienen mag. So zumindest geht Bolles Vermutung.

Nun, Bolle hält das alles für einen Fall von postkognitivem Imperialismus. Dabei wollen wir unter ›Imperialismus‹ nicht mehr verstehen als das oft aggressive Streben tatsächlich oder vermeintlich herrschender Kreise nach Durchsetzung des von ihnen für wahr und richtig Befundenen. Verstehen wir unter ›kognitiv‹ so viel wie ›verstandesmäßig, erkenntnisbezogen‹ (von lat. cognitio ›Erkenntnis‹), dann bietet sich für ›postkognitiv‹ eine Umschreibung wie etwa ›das Verstandesmäßige hinter sich lassend, das Gute, Schöne – wenngleich auch meist nicht Wahre – anstrebend‹ nachgeradezu an. Und da wären wir wieder bei ›Der Klügere gibt nach – die Herrschaft den weniger Klugen überlassend‹.

Und weil das mit dem Imperialismus im Bereich ›Sprache‹ bislang so schön geklappt hat: Was liegt da näher, als es auf weitere wichtige gesellschaftliche Bereiche auszudehnen? Naheliegend sind da in der Tat die Verfassung und – let’s go crazy – die Demokratie an sich. Bolle ist und bleibt verwundert, wie man, ohne im geringsten rot zu werden, „unsere“ Sprache auf „unsere“ Verfassung beziehungsweise gar „unsere“ Demokratie ausdehnen kann. „Allet unser! Ham wa jepachtet.“ Bolle is baff – das kann man wohl kaum anders sagen. Darauf angesprochen gibt er – eher ungern, aber immerhin – zu, daß es mit seinem ›Wie fühl’ ick mir am besten ein in Hülsenfrüchtchens Lebens- und Erlebenswelt?‹-Projekt noch immer weiß Gott nicht zum Besten bestellt ist. Allein er arbeitet dran. Wäre ja gelacht.

Mit Hegels (1770–1831 / siehe unser Bildchen) These/Antithese-Dingens jedenfalls hat das alles wohl nicht allzu viel zu tun. Von Synthese jetzt mal ganz zu schweigen. Das gemeine Hülsenfrüchtchen (Leguminella vulgaris) – so zumindest Bolles Eindruck – fühlt sich ja schon überfordert, wenn es eine Gegenthese überhaupt nur „aushalten“ muß (um mal den zur Zeit dafür landläufig-geläufigen Ausdruck zu verwenden). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-08-26 Geschmack am Grusel: von Fake News und Ache News

Schlagende Argumente …

›Fake News‹ kennt jeder. Spätestens seit Donald Trumps Kampf um die Präsidentschaft (2016) ist das so. Allerspätestens aber seit seinem der CNN entgegengeschleuderten Statement ›You are fake news‹ (2017) ist der Begriff (nebst all seiner Derivate) fester Bestandteil der deutschen Sprache.

Was aber sind ›Ache News‹? Ache News – abgeleitet von angelsächsisch ›ache‹, was soviel wie ›Schmerz‹ bedeutet und sich aufs Feinste auf ›fake‹ reimt –, sind Nachrichten, die beim Rezipienten, wenn schon nicht direkte Schmerzen, so aber doch zumindest einen gewissen Grusel auslösen sollen. Und Grusel lieben die Leute nun mal. Vermutlich hat das was mit Aufmerksamkeitsökonomie zu tun: ›Sex sells‹ – das kennen wir seit jeher. Aber offenbar scheint auch zu gelten: ›Ache sells‹.

Der Unterschied zwischen Grusel und echter Gefahr: Bei echter Gefahr kann es einem schnell ans Leder gehen. Und wer will das schon? Beim Grusel dagegen bleibt man kuschelig dissoziiert. Man weiß, man ist nicht unmittelbar betroffen. Darum ja auch die vielen Krimis in den Öffis. Von den Splatter-Filmen, wo das Blut nur so spritzt, mal ganz zu schweigen. Niemand möchte das hautnah erleben. Aber kieken – ganz auf Entfernung – kann man ja mal. Grusel, eben. Aus dem wirklichen Leben kennen wir das Phänomen der Schaulustigen, der Gaffer gar, die von jedem Unglück angezogen werden die Fliegen von der sprichwörtlichen Scheiße.

Da wird aus einem, historisch gesehen, höchst harmlosen leichten Temperaturanstieg medial vermittelt eine dramatische „Erderhitzung“, da „entzünden“ sich die Wälder bei schlappen 40° C. Bolle fragt sich, wie es nur sein kann, daß es sein Kochlöffel seit geschätzten 100 Jahren aushält, ständig durch knapp 100° C warme Speisen gerührt zu werden, ohne je in Flammen aufzugehen? Aber bleiben wir sachlich.

Eine interessante Erklärung für die verbreitete Grusel-Affinität findet sich bei ›Matrix‹ (USA 1999 / Regie: Wachowski Brothers). Dort heißt es in einem Monolog des Agenten Smith:

Wußten Sie, daß die erste Matrix als perfektes Paradies geplant war? Ein Ort, an dem alle glücklich waren und niemand leiden mußte. Es war ein Desaster. Niemand akzeptierte das Programm. Ganze Ernten gingen uns verloren. Mittlerweile glaube ich, daß die Menschen ihre Realität durch Kummer und Leid definieren.

Kummer und Leid. Sagen wir so: Lieber Grusel als gar nichts spüren. Erinnert das alles nicht doch sehr an eine mappa mundi friata? (vgl. dazu So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt). Bolle meint: Womöglich doch ein Fehler in der Matrix – ein Fehler der tieferen Art?

Natürlich würde niemand sagen, daß er Leid und Elend braucht zum Leben. Im Gegenteil: Man strebt nach Glück – und hat sogar ein Recht darauf. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) finden wir das sogar schriftlich: ›Life, Liberty and the pursuit of Happiness‹. Allein – was redet Salomo? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe?

EWA meets Mathe.

Oh weh, oh weh, oh jemine! Schon wieder ein Mathildchen – der dritten Observanz neben Schildchen und Bildchen. Bolle findet aber, das hier sei ja wohl noch harmlos. Und in der Tat zeigt es einen der schlichtesten Zusammenhänge, die überhaupt nur denkbar sind: Die Kurve hat die Form y = 1/x und stellt damit eine umgekehrte Proportionalität dar. Vornehm könnte man sie auch Hyperbel nennen – obwohl, das lenkt vom Thema ab. Immerhin konnten wir Bolle breitschlagen, die mathematische Strenge durch das Pfeilchen und drei Luftballöngers doch ein wenig abzumildern.

Direkte oder umgekehrte Proportionalitäten kennen wir alle aus den berüchtigten Dreisatz-Textaufgaben in der Mittelstufe: Ein kleines Päck Eier (6 Stück) braucht 6 Minuten, um al dente – oder sagt man à point? – zu sein. Wie lange braucht ein großes Päck mit 10 Eiern? Bolle hatte sich schon seinerzeit ganz köstlich amüsiert …

Die Kurve beschreibt den Zusammenhang zwischen Diversität und common sense: Geringe Diversität (beziehungsweise, was das gleiche ist, eine gewisse Homogenität) begünstigt ein hohes Maß an common sense (Punkt A), während, umgekehrt, ein hohes Maß an Diversität common sense doch eher erschwert (Punkt B). Wirklich verblüffend will Bolle das alles nicht scheinen. Dabei wollen wir unter ›common sense‹ nichts weiter verstehen als die von einer Gesellschaft überwiegend „geteilten“ Werte – wobei wir unter ›Werten‹ nichts sonderlich Hochtrabendes verstehen wollen, sondern lediglich ein ›allgemeines Für-richtig-halten‹.

Interessanterweise wird ›common sense‹ meist mit ›gesunder Menschenverstand‹ übersetzt. Bolle vermutet hier so eine Art imperialen Exzeß der Briten. Mit dem, was die Briten ›Menschenverstand‹ nennen, meinen sie wohl eher „Britenverstand“. Was Briten allgemein für richtig halten, muß noch lange nicht dem entsprechen, was zum Beispiel Sizilianer allgemein für richtig halten. Oder etwa Wüstensöhne (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – um das mal auf die Spitze zu treiben. Andere Länder, andere Sitten. Auch das will nicht weiter verblüffend erscheinen.

Kurzum: common sense ist eine unausgesprochene Übereinkunft darüber, was gesellschaftlich geht – und was nicht. Was man tut – und was nicht. Dabei folgt eine solche Übereinkunft – wie das in Bolles Kreisen heißt – einer sozialen Norm. Gleichzeitig – verwirrend genug – konstituiert sie aber auch die Norm. So etwas entwickelt sich – in Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Und irgendwann ist es dann so. Alle halten es für richtig – und richten sich danach.

Sind Sizilianer oder Wüstensöhne – also Leute, die womöglich anderen Normen folgen – deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht. Sie halten nur verschiedene Dinge für allgemein richtig. Auch kommt es überhaupt nicht darauf an,  w a s  man für richtig halten mag. Wichtig ist allein,  d a ß  sich alle – oder doch die meisten – zumindest einigermaßen einig sind. Das, was dabei rauskommt, nennt man dann eben ›common sense‹. Und zwar eben nicht im Sinne von ›gesunder Menschenverstand‹, sondern eher im Sinne von – wie soll man sagen? – ›gesunder Gruppenverstand‹. Ohne einen solchen Gruppenverstand kann eine Gruppe unmöglich existieren. Sie würde unversehens von ihren inneren kognitiven Fliehkräften in sprichwörtlich tausend Fetzen zerrissen werden. Nicht unbedingt unmittelbar – auf die Dauer aber schon.

Auch kommt es überhaupt nicht darauf an, daß alle genau das Gleiche meinen. Natürlich nicht. Darum sprechen wir ja auch von  a l l g e m e i n e m  Für-richtig-halten. Allgemein – und eben  n i c h t  en détail.

Nun ist es aber so, daß es sich bei Nationen um Gruppen handelt. Großgruppen, genauer gesagt. Eine Gruppe aber ist nichts weiter als eine ›Personenmehrheit mit Wir-Bewußtsein‹. Und dieses Wir-Bewußtsein entsteht bereits mit der Primärsozialisation – also schon im Kindesalter. Damit ist es – Entwicklungspsychologie, ick hör Dir trapsen – im besten Wortsinne irreversibel. Man könnte auch sagen: unkaputtbar. Es gibt nun mal ’ne Menge Dinge, die verdrahten sich im Hirn, lange bevor sich einer auch nur eine Vorstellung davon machen kann, was es mit ›verdrahten‹ auf sich haben könnte.

Die kesse Idee, man könne – 🎶 Freiheit, Freiheit, die ich meine 🎶 – in reiferen Jahren seine Hirnverdrahtungen mal eben ganz grundsätzlich umpolen, würde Bolle glatt ins Reich von Hülsenfrüchtchens Hirngespinsten verweisen wollen: Tolle Sache – funktioniert nur leider nicht. Wobei – das sei nicht unerwähnt – wir etwa einen 20-jährigen entwicklungspsychologisch durchaus und ohne weiteres als ›sich in reiferen Jahren befindlich erachten können.

Wer es nicht glauben mag: Nehmen wir etwas vergleichsweise leicht Objektivierbares wie die Muttersprache. Was da verdrahtet wurde, sitzt. Von ein paar wenigen Super-Sprachgenies vielleicht mal abgesehen, ist es völlig unmöglich, eine zweite Sprache so zu erlernen und so zu beherrschen, wie das bei der Muttersprache (hoffentlich) der Fall ist.

Mit allen anderen Festverdrahtungen verhält es sich nicht anders. Die sitzen! Natürlich kann man in reiferen Jahren versuchen, sich dagegen aufzulehnen und das alles zu überwinden. Wie ging doch gleich der alte Sponti-Spruch? Wir wollen alles! Und das sofort! Allein es wird nichts nützen. ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – wie das in Bolles Kreisen heißt.

Kurzum: je heterogener eine Gruppe – wir können auch sagen: je diverser –, desto Essig ist es mit dem common sense. Die einzigen, die das partout nicht einsehen wollen, sind nach Bolles Beobachtung die EWAs. Dabei steht ›EWA‹ für Eierlegende-Wollmilchsau-Apologeten, also Leute, die – wohl aus überschäumender Freiheitsmotivation heraus – der festen Ansicht sind, es müsse doch wohl möglich sein, alles gleichzeitig haben zu können, und das möglichst unbegrenzt (vergleiche den Pfeil in unserem Mathildchen). So zum Beispiel auch Einheit in Vielfalt – oder Freiheit in Sicherheit, oder was und wie auch immer. Für die Anerkennung umgekehrter Proportionalitäten bleibt da natürlich wenig Raum, of course. Und wohl auch nicht für Mathe überhaupt.

Dabei ließe sich an dieser Stelle unglaublich viel Energie sparen – was von gewissen Kreisen derzeit ja durchaus angestrebt wird. Warum? Weil, wenn etwas mathematisch nicht funktioniert, wird es auch im wirklichen Leben unmöglich funktionieren können – nicht einmal in einer möglicherweise besten aller möglichen Welten. Es lohnt sich also nicht, sich darum weiter zu bekümmern – ebensowenig, wie es zum Beispiel Sinn macht, etwa ein perpetuum mobile ersinnen zu wollen (um mal beim Energiesparen zu bleiben). Und so nennt man derlei Bestrebungen in Bolles Kreisen herzlich, und auch ohne jede Häme, kurz und knapp ›HH‹. „Haha“ für Hülsenfrüchtchens Hirngespinste. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-06-26 Der kochende Frosch oder Demokratie wie nie, hihi

Noch kocht er nicht, noch ist nicht Schicht // Ward er noch mal gesehn …?  (Bolle featuring Goethe 1778: Der Fischer // Netzfund: Lurch 2025)

Eigentlich wollte Bolle unsere geneigte Leserschaft heute ja mit einem Mathildchen – also der dritten im Bunde neben Schildchen und Bildchen – zum Thema ›Die Entdeckung der Gleichverteilung oder Anything goes‹ beglücken. Zum Glück konnten wir ihn gerade noch stoppen. Mathildchen nämlich haben – wie der Name schon erahnen läßt – immer irgendwas mit Mathe zu tun. Und das muß heute wirklich nicht sein. Nicht, wenn draußen vor der Türe die Klimakatastrophe tobt. Manch stumpfere Gemüter finden ja, das sei einfach nur der Sommer. Aber erklärt das mal ’nem Hülsenfrüchtchen – oder gar ’nem Glühwürmchen.

Immerhin hat Bolle durchsetzen können, in seinen heutigen Titel einen Quadrupel- beziehungsweise, je nach Zählung, gar einen Quintupel-Reim einbauen zu dürfen. Soviel Kompromiß muß sein.

Bei den Briten heißt es ja schon immer: Liberty dies step by step. Übersetzt also in etwa: Die Freiheit, die geht scheibchenweise vor die Hunde. Das funktioniert natürlich nur, wenn und weil es keiner merkt – jedenfalls nicht mehrheitlich.

Aber wie dem auch sei. Bolle fühlt sich an die Frosch-Experimente im 19. Jahrhundert erinnert. Damals hatte man – durch „Studien“, of course; was sonst? – herausgefunden, daß Frösche zwar zu̅ heißes Wasser meiden und der Situation entfliehen, wenn sie können. Daß aber die gleichen Frösche, wenn sie nur ganz allmählich gekocht werden, nichts merken und brav sitzenbleiben.

Das fand Bolle schon immer ein wenig unplausibel: so dumm ist kein Frosch. Und so haben seine Recherchen denn auch ergeben, daß man – aus welchen Gründen auch immer – den Fröschen zuvor das Gehirn amputiert hatte. Bolle findet: das erklärt’s! Auch die Sache mit der Freiheit. Die Sache mit dem fehlenden Gehirn dagegen hat nie so richtig durchdringen können bis zu den Rezipienten der Studie. Genau so, meint Bolle, entstehen studiengestützte Mythen und Märchen der Neuzeit. Daran hat sich bis in die Gegenwart wenig geändert.

Allerdings – und das soll hier nicht unerwähnt bleiben – gab es auch Studien, in denen die Frösche (also Frösche  m i t  Gehirn) wirklich zu̅ dumm waren zu entfleuchen. Dann nämlich, wenn die Wassertemperatur nur  e x t r e m  langsam angehoben wurde – also allenfalls 1° C alle 5 Minuten. Bolle findet, auch das erklärt’s: Vor allem auch die Frage mit der Freiheit.

Halten wir für heute fest: Wenn Veränderungen nur langsam genug vonstattengehen, dann ist es Essig mit dem üblichen Reiz/Reaktions-Mechanismus. Egal ob Frösche oder Freunde der Freiheit: Man merkt erst was, wenn’s nichts mehr zu merken gibt.

Ob sich etwas langsam genug verändert, um unter der Reiz/Reaktions-Schwelle zu bleiben, ist natürlich eine Frage der kognitiven Kapazitäten der Leute. Es gibt nun mal schnellere und nicht ganz so schnelle Kerzen auf der Torte. Aus Sicht des Spitzenvolkes – Bolles neuem Synonym für die ›clique politique‹ – reicht es dabei völlig, sich an den Standard-Kerzen zu orientieren: Der Rest vom Volk – die Leute also, auf die es eigentlich ankäme – wird schon noch kleinzukriegen sein: alles Verschwörungs­schwurbler! Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-06-26 Meine Meinung muß genügen

Stupide ou perfide? Pas très solide, en tout cas. (französisch klingt das alles immer gleich viel freundlicher …)

Einstein hat einmal gemeint: Raffiniert ist der Herrgott schon, aber boshaft ist er nicht – und hat darin so eine Art Richtschnur gesehen, in welche Richtung es sich lohnt zu suchen in den unendlichen Weiten der Gegebenheiten und Zusammenhänge der Physik. Ganz analog meint Bolle: Raffiniert sind diese Leute schon, aber tüchtig sind sie nicht – und meint damit die namentlich in der clique politique vorzufindende bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der wohl nicht zu leugnenden Unfähigkeit, Probleme zu lösen, die zu lösen einem überantwortet wurde und der nicht minder offenkundigen Gabe, sich die Dinge so zurechtzudrehen, daß man selber immer möglichst fein bei wegkommt. Vielleicht sieht Bolle das zu̅ krass: Gleichwohl will es ihm so scheinen.

Verstehen wir unter ›tüchtig‹, daß einer Willens und in der Lage ist, die an ihn gestellten Aufgaben zur allgemeinen oder doch zumindest zur ganz überwiegenden Zufriedenheit – ein paar Nörgler werden sich wohl immer finden – zu erfüllen.

Und genau hier liegt wohl der Hase im Pfeffer. Daß es mit der Fähigkeit, gegebene Probleme zu lösen, in weiten Kreisen der gegenwärtigen clique politique nicht allzu weit her ist, dürfte unmittelbar jedem helle sein, der nicht gerade an ›Long Tagesschau‹ leidet (wie das bei manchen durchaus frechen Zeitgenossen mittlerweile heißt). Das in etwa ist es, was Bolle mit ›stupide‹ meint.

Wenn es aber darum geht, ihre ureigensten Interessen – also jene, die zu verfolgen eben und gerade  n i c h t  zu den ›an sie gestellten Aufgaben‹ zählen, entwickeln diese Leute, tout au contraire, eine nachgeradezu perfide Kreativität. Wie aber, so fragt sich Bolle, lassen sich Stupidität und Perfidität so geschmeidig unter einen Hut kriegen?

Bolle war vor Jahren schon auf irgendeiner Litfaßsäule eine Werbung für irgendeine ›Frau im Schmerz‹-Postille untergekommen. Dort hieß es wörtlich: „Hass ist keine Meinung“. Bolle fand das damals schon äußerst bemerkenswert. Auch schwante ihm durchaus nichts Gutes. Die Logik jedenfalls – falls man das so nennen mag – geht wohl in etwa wie folgt:

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten …“. So weit befinden wir uns mit Art. 5 I GG fest auf dem Boden der Verfassung.

(2) Wenn aber – und hier wird es wirklich perfide – die Meinung gar keine  M e i n u n g  ist – sondern eine wie auch immer geartete und näher zu bestimmende Aussage eigener Art? Dann kann und darf das natürlich  n i c h t  gelten, of course. Dann muß das wegg! Auf die Spitze getrieben läuft das dann haargenau auf die Wendung oben in unserem Schildchen hinaus.

Natürlich würde so etwas so niemand unterschreiben wollen, nicht einmal laut sagen – von ein paar äußerst hartgesottenen Hülsenfrüchtchen vielleicht mal abgesehen. Genau das aber macht es ja so stupide – also bar jeglichen prognostischen Einfühlungsvermögens. Gleichzeitig aber ist es – das läßt sich wohl kaum leugnen – auch durch und durch perfide. Wenn nämlich im Volke erst mal überwiegend akzeptiert ist, was Meinung ist und was dagegen ›Hass und Hetze‹, dann öffnen sich unversehens und unmittelbar die Tore zu einer endlich wirklich schönen Neuen Welt – zumindest für die auf der jeweils richtigen Seite. Alle Menschen werden Brüder. Oder nicht doch eher Schwestern? Vielleicht auch einfach nur Seinspersonen? Oder wie und was auch immer. Und Muttermilch wird Menschenmilch. Der Beispiele fänden sich weit mehr als wir hier unterbringen können. Zwar löst sich so kein einziges ernstliches Problem. Aber Hauptsache, daß sich um Gottes Willen bloß niemand zurückgesetzt fühlt oder gar diskriminiert.

Hier ein Fun-Fact am Rande: ›Diskriminieren‹ hieß ursprünglich mal ›unterscheiden‹. Unterscheiden aber ist der Kern jeglicher seriösen Auseinandersetzung mit der Welt, egal ob in Wissenschaft, Technik oder Politik – und damit nicht die schlechteste Grundlage dafür, eine an einen gestellte Aufgabe zu erfüllen.

Auch scheinen manche zu meinen, eine Verfassung sei so eine Art Kochbuch: Da steht, wie’s geht. Müsse man nur getreulich anwenden, und zwar im Sinne des Erfinders – dann werde alles gut. An dieser Stelle ist sich Bolle gar nicht mal so sicher, ob das nun in die Kategorie Stupidität oder Perfidität fallen soll? Bolle befürchtet: beides! Und zwar gleichzeitig.

Für Stupidität spricht: Wenn das alles so klar wäre wie ein Kochrezept – wozu bräuchte man dann (seit 1952) mittlerweile über 161 dicke Bände Bundesverfassungsgerichtsentscheidungen? Für Perfidität spricht die in einschlägigen Kreisen ausgesprochene Neigung, sich die Verfassung so zurechtzulegen, daß sie sich aufs Feinste ins jeweils favorisierte Weltbild fügt. So läßt sich etwa – um nur ein einziges aktuelles Beispiel herauszugreifen – unter höchst extensiver Auslegung von Art. 1 I GG (Menschenwürde) im Ergebnis Art. 5 I GG (Meinungs­freiheit) und so manches an Grundrechten mehr im Ergebnis vollständig aushebeln. Man muß es nur ganz dolle wollen. Oder, in Bolles Diktion: Man muß nur perfide genug sein dafür. Auch scheint es – und das macht das ganze besonders perfide – nach oben keinerlei Grenzen mehr zu geben. Just dieser Tage, kurz vor unserem Redaktionsschluß, hat die NZZ getitelt:

„Unmenschlich“ und „menschenverachtend“: Die entgrenzte Sprache der vermeintlichen Mitte — SPD und Grüne brandmarken Reformvorhaben immer häufiger als Angriff auf die Menschenwürde. Es ist ein populistisches Geschäft.

Bolle meint: Was heißt hier populistisch? Ist es nicht einfach nur perfide? Nicht wissen wollen, wo man steht. Keine Ahnung, wo man hinwill. Selbst wenn man beides wüßte: Null Plan, wie das dann gehen könnte. Das nämlich wäre, falls es  n i c h t  so wäre, solide. Aber tüchtig auf die Kacke hauen: das geht natürlich immer, of course. In der Tat wird die Menschenwürde, wie’s scheint, immer mehr und immer perfider zur Allzweckwaffe aufgerüstet – nachgeradezu zum Hexenhammer der Gegenwart hochgehyped. Dafür braucht es nicht allzu viel Hirn (Stupidity reicht völlig) – und funktioniert prächtig, solange das Volk das nicht durchschaut (Perfidy). — Was soll man dazu sagen? Vielleicht das?

Stupidity and perfidy – living in perfect harmony

Bolle lehnt sich hier an Paul McCartney & Stevie Wonder (1982) an, of course. So was wie Solidity, also die mit Fleiß und Tüchtigkeit herbeigeführte Lösung ernstlicher Probleme, muß dabei leider draußen bleiben – wie früher die Hundchen vor den Fleischereien (als es noch welche gab). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 14-06-26 Isch over – ma wieder …?

Zeit für ’ne 4. Republik …?

Zugegeben: Totgesagte leben oft viel länger als erwartet. Oder – wie Mark Twain das seinerzeit (1897) mal gefaßt hat: Die Gerüchte über mein Ableben scheinen mir stark übertrieben. Aber irgendwann ist irgendwie dann doch mal wirklich Schluß.

Das ist vor allem dann der Fall, wenn eine Sache im Kern völlig verkorkst ist – multiples Systemversagen, sozusagen. Eher harmlose Wendungen wie ›da ist ja wohl der Wurm drin‹ jedenfalls scheinen Bolle kaum noch eine adäquate Zustandsbeschreibung zu sein. Aber vielleicht sieht Bolle das ja auch nur zu̅ pessimistisch. Immerhin hat er sich die Mühe gemacht, die real existiert-habenden Republiken mal durchzuzählen.

Da hätten wir zunächst die 1. Republik, die Weimarer (1918–1933). Die war bekanntlich so kaputt im Kern, daß sie gerade mal 15 Jahre hat durchhalten können: keinen Kaiser mehr – dafür die Alleinschuld an allem. So jedenfalls steht es in Artikel 231 des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 – übrigens voll zufälligerweise exakt dem 5. Jahrestag des Attentates von Sarajewo (vgl. dazu So 27-12-20 Oh Zeiten, oh Sitten!). Nun kann man trefflich und langanhaltend (nachgeradezu ewig) darüber streiten, ob die 1. Republik von den Nazis zerschlagen wurde oder ob sie nicht eher an innerer Auszehrung – an grundsätzlichem „Wurm-drin-Sein“ – in sich zusammengefallen ist, nachgeradezu implodiert. In diesem Lichte scheint es durchaus reizvoll, sich zu fragen, was denn passiert wäre, wenn nicht die Nazis, sondern, tout au contraire, der harte kommunistische Kern (Rotfront und Antifa – die gab’s also damals schon) den Straßenkampf gewonnen hätte. Unsere Vorfahren wären wohl direkt von der Kaiserzeit in eine Diktatur stalinistischer Prägung geschlittert. Die erst 1922 gegründete Sowjetunion war für die Weimaraner also unmittelbare weltgeschichtliche Gegenwart – einschließlich ihrer angestrebten „Weltrevolution“.

In den folgenden 12 Jahren (1933-1945) lebten die Deutschen offiziell immer noch in einer „Republik“. Allein hier schweigt des Sängers Höflichkeit … Vor allem soll der Zähler schweigen.

Im Anschluß – mit 4 Jahren Übergangsphase (1945–1949), in denen mit Fleiß darum gestritten wurde, was (aus westlicher Sicht) aus Deutschland werden soll: Blockfreiheit oder Westbindung?  – hatten wir dann die 2. Republik, die Bonner beziehungsweise, im Ostteil des Landes, die Deutsche Demokratische (1949–1990). Die beiden haben immerhin jeweils 41 Jahre überdauert.

Allein, nichts währet ewig. Und so kam es dann zur 3. Republik, der Berliner (ab 1990). Wie lange die noch wird durchhalten können, weiß Bolle natürlich auch nicht zu sagen, of course. Bislang sind es immerhin 36 Jahre. Damit hätten wir in 5 Jahren die veritable Chance, den ›Längste-Republik-Ever‹-Rekord zu knacken. Allerdings spricht einiges dafür, daß sie jetzt schon ähnlich ausgezehrt sein könnte – innerlich voll hohl (Achtung: Oxymoron!) beziehungsweise wurm-drin-mäßig – wie seinerzeit die 1. Republik.

Mittlerweile nämlich sind wir mit unserer 3. Republik so weit, daß man schon Ärger mit den Ordnungshütern – wenn nicht gar mit dem BfV (Bundesamt für Volkserziehung) – kriegen kann, wenn man nur ein Deutschland-Fähnchen schwenkt. Läßt sich eine solide staatliche Sinnkrise noch trefflicher illustrieren?

In Bolles Kreisen heißt es ja immer: Ein Volk ohne Sinn ist ein sinnloses Volk. Aber sind wir nicht letztlich alle ein bißchen sinnlos? Sicherlich. Wenn aber Sinnlosigkeit ins Suizidale lappt, ist das doch sicher etwas übertrieben (vgl. dazu So 08-03-26 Einmal lieb für böse sein). Allein, wie sag ich’s meinem Hülsenfrüchtchen …?

Übrigens gibt es einen ganz herrlichen Film, den völlig unverdienterweise fast keiner kennt. ›Finsterworld‹ (D 2013 / Regie: Frauke Finsterwalder). Wer ihn sehen will: läßt sich via amazon für wohlfeile 4 Euro ausleihen oder für 10 Euro käuflich erwerben. Dort sinniert ein Oberstufenschüler nach einem geschwänzten Klassenausflug ins KZ:

Und damit sowas in Deutschland nie wieder passieren kann, ist eben hier alles extra-häßlich. Richtig häßlich, eben. Und nichts sollte mehr gut aussehen. Auch die Fahne nicht. Und deswegen kann sich hier keiner mehr mit irgend etwas identifizieren (1 h 7´ 18´´). — Seine Zuhörerschaft fand das – zumindest on second thought – durchaus einleuchtend.

Das jedenfalls ist eine Passage, die Bolle seit damals nicht mehr aus dem Sinn hat gehen wollen. Und so hat er anläßlich unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens schon mal eine mögliche Flagge der kommen-müssenden 4. Republik entworfen und sich dabei hart an die Vorlage gehalten (vgl. unser Bildchen). Aber ist das auch verfassungsmäßig? Wie heißt es doch gleich in Art. 22 II GG? Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold. Bolle, ungerührt: Wieso? Ist doch schwarz-rot-gold – nur eben nicht so häßlich. Die Uniformfarben des Lützow’schen Freikorps (1813–1814) – letztlich dem Inspirator für die Deutsche Flagge – waren schwarz und rot. Lediglich die Knöpfe waren golden (beziehungsweise messingfarben). Und so fand Bolle es hohe Zeit, das alles mal in rechte Proportionen zu rücken: ein dezenter Nadelstreifen muß genügen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-06-26 Der fliegende Konstruktivist

Der fliegende Konstruktivist: El Lissitzky 1923 (Symbolbild, of course).

Bekanntlich ist Bolle von vielen Formen konstruktivistischen Überschwanges ja nicht allzu überzeugt. Der Grund ist durchaus elementar: Bolle ist das einfach zu dumm. Umschreibt man nämlich ›Dummheit‹ mit dem ›kognitiven Unvermögen, Gegebenheiten beziehungsweise Zusammenhänge erkennen zu können‹, dann neigen Konstruktivisten dazu, hier noch eine Schippe draufzulegen: Es sei gar nicht nötig, Gegebenheiten oder Zusammenhänge erkennen zu können, da man selbige ja nach Belieben konstruieren könne. Natürlich sagt das keiner so. Das wäre, im besten Buddenbrook’schen Sinne, einfach nur albern. Allein, im Ergebnis läuft es nachgeradezu darauf hinaus.

Es gibt da einen alten Witz – und der geht so: Ein Konstruktivist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) fliegt aus dem 42. Stock eines Hochhauses. Warum ausgerechnet aus dem 42.? Nun, weil die Antwort ist nun mal 42 – und im übrigen geht der Witz halt so. Was denkt der Konstruktivist? Wenigstens 41½ Stockwerke lang ist er guter Dinge. Schließlich sei ja alle Realität sozial konstruiert – und bislang sei ja auch noch nichts Schlimmes passiert. Dann aber – Bruchteile von Sekunden später – ist er plötzlich platt. Ende Gelände. Ende vom Witz. Ende eines Konstruktivisten-Daseins.

Was will der Witz uns sagen? Nun, Witze soll man nicht erklären wollen. Fassen wir den Witz aber nicht als solchen, sondern eher als Analogie auf, dann bleibt zumindest festzuhalten: Es scheint Leute zu geben, denen die gute alte Realität offenbar zu gewöhnlich ist – zu altbacken oder zu hinderlich gar –, und die dazu zu neigen scheinen, sie im Überschwange ihrer stupenden Selbstherrlichkeit durch etwas flotteres, etwas „zeitgemäßeres“ zu ersetzen. Daß da was nicht stimmen kann – in Bolles Kreisen nennt man das auch ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – merkt manch strammer Konstruktivist erst mit dem Aufschlag, also wenn er nichts mehr merken kann. Also nie. Isch over! – wie Wolfgang Schäuble das angelsächsische ›Game over‹ 2015 mal so trefflich badenisiert hatte.

Nun mag das jeder halten, wie er mag. Des Menschen Weltbild ist schließlich sein Himmelreich. Allerdings gibt es neben dem, sagen wir, mehr oder weniger privaten Konstruktivismus noch so eine Art öffentliche, und dabei durchaus aggressive Spielart: In Bolles Kreisen nennt man das auch Konzertierter Konstruktivismus. Man könnte auch sagen: Konstruktivismus für andere – eine Darbietungsform, die natürlich ebenso unfruchtbar ist wie die herkömmliche und weitverbreitete ›Wahrheit für andere‹.

Dabei ist den Clique-politique-Paragonisten des konzertierten Konstruktivismus natürlich irgendwo und irgendwie schon klar, daß das alles so nicht stimmen kann, was da von ihnen den ganzen lieben langen Tag propagiert beziehungsweise gar halluziniert wird. Zumindest ist es  n o c h  nicht so – noch lange nicht. Allein: wozu hat man denn die feste Überzeugung, daß es ja wohl möglich sein müsse, die Wirklichkeit in die gewünschten Bahnen zu bringen und zu zwingen, wenn man nur ganz dolle daran glaubt und hartnäckig genug dranbleibt?

Abbruchbedingung? Fehlanzeige. Einmal in Fahrt, läuft das immer weiter – bis zum Aufschlag. Die Geschichte wird’s dann richten. Anschließend, post festum, nach der Party, die üblichen langen Gesichter. Aber vielleicht nicht mal das. „Das haben wir nicht wissen können.“ – wie es seit Corönchen so herrlich treudoof heißt. Bolle meint nur: Hättet ihr wohl! Etwas weniger konstruktivistischer Überschwang, etwas weniger Selbstverliebtheit – und dafür etwas mehr Realitätssinn und antikonstruktivistische Kontemplation hätten da Wunder gewirkt.

Ein einziges Beispiel mag für heute genügen: Wie man hört, können hierzulande mittlerweile um die 40 Prozent der 15-Jährigen kaum noch lesen, schreiben, rechnen. Und das in einem Land, das wenig in die Waagschale zu werfen hat außer seinem Humankapital. Na toll. Ob das stimmt, weiß Bolle natürlich nicht zu sagen. Aber wenn es stimmt – oder auch nur ungefähr: Wie lange, bitteschön, soll das denn dauern, bis sich das wieder ausgewachsen hat? Eine Generation? Eher zwei? Oder drei? Oder bis zum Aufschlag, eben?

Im Grunde erinnert das doch sehr an unseren Witz: Solange man noch fliegt als Konstruktivist, läßt sich jederzeit unwiderlegbar behaupten: Wieso? Ist doch noch nichts Schlimmes passiert, bislang.

Wir binden ja nur höchst selten ganze Videos ein. Das letzte mal wohl mit einem unter dem Weihnachtsbaum singenden und jubilierenden Gerald Groß (vgl. So 12-01-25 Tu felix Austria). Aber hier paßt es einfach zu̅ herrlich. Julian Reichelt, der Chefredaktor des Journalismus-3.0-Magazins ›Nius‹, hält (ab 5´55´´, und mit nur einer kurzen Eigenwerbung-Einlage) eine ›Hat nicht gestimmt‹-Philippika und bringt dabei in aller Kürze auf den Punkt, wie sehr sich doch die Konstruktivisten dieses Landes in ihr nur allzu alternatives Weltbild reingesteigert haben. Ein wenig erinnert das Bolle an Emil Zolas ›J’accuse…!‹ von 1898. Auch damals ging es um die Frage nach einer grundsätzlichen Ausrichtung der Republik – seinerzeit natürlich der französischen, of course. Allein das tut hier wenig zur Sache. Die Frage jedenfalls ist stets die gleiche: Konstruktivistischer Hype bis zum Aufschlag – oder besser mehr besonnene Bodenhaftung?

Das Video jedenfalls stellt in feinster Verdichtung zusammen, wie weit und wie gründlich sich namentlich in den letzten zehn, zwölf Jahren konzertierter Konstruktivismus und vorgeblich rückständige Realität auseinandergelebt haben. Wobei – da beißt die Maus kein‘ Faden ab – es immer die Realität ist, die in the long run Recht behalten wird. Wer also ein knappes Viertelstündchen – mehr Zeit braucht es nicht – erübrigen kann und mag, möge sich das als kleines Addendum zu unserem heutigen Sonntagsfrühstückchen gerne zu Gemüte führen.

Doch ist das alles denn auch wahr? Bolle findet, schon – na klar! Jedenfalls sind ihm keinerlei Kontrafaktizitäten aufgefallen. Aber ist es nicht zumindest furchtbar „rechts“ – wie viele ja zu meinen scheinen? Bolle ungerührt: definiere ›rechts‹. Falls Realität „rechts“ ist, dann natürlich Ja, of course (vgl. dazu etwa So 29-06-25 Rechtes Rechnen). Ansonsten: Falsche Frage. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Hat nicht gestimmt … (https://www.youtube.com/watch?v=Mq50L9rHIRI&list=WL&index=9&t=9s)

So 17-05-26 Und sie bewegt sich doch – die Volkswirtschaft?

Traum-Jobs.

Bolle hatte einen Traum. An sich ist das nicht weiter ungewöhnlich. Viele Leute träumen öfters mal – nicht nur nächtens. In Bolles Traum aber ging es um eine staatliche Stellenausschreibung. Skurril genug. Wir haben, so gut es uns eben möglich war versucht, diese nächtliche Begebenheit in unserem heutigen Schildchen zu verdichten. In Bolles Traum ging es, soweit er sich erinnern kann, um alle möglichen Job-Angebote – in alphabetischer Reihenfolge also von Brandmaurern bis hin zu Wahrheitspächtern. Vollständig ist die Liste sicher nicht – aber darauf soll es uns hier nicht ankommen.

Kann das alles – auf einer tieferen Ebene womöglich gar – irgendwie Hand und Fuß haben? Ohne in eine wie immer geartete Traumdeutung einsteigen zu wollen: Bolle meint ja, daß er im großen und ganzen schon dazu neigt, vergleichsweise strukturiert zu denken. Warum sollte er also nicht auch halbwegs strukturiert zu träumen wissen?

Nun – selbst bei flüchtiger Sichtung der Liste fällt auf, daß es sich hierbei durch die Bank weg um Tätigkeitsprofile handeln dürfte, die kein Mensch jemals brauchen kann – zumindest nicht bei nüchterner Betrachtung. Und so plagen Bolle, wenn er seinen eigenen Traum reflektiert, durchaus Zweifel, ob sich mit derlei Jobs die wirtschaftliche Depression, die seit vielen Jahren hartnäckig wie Mehltau über der Volkswirtschaft liegt, in irgendeiner Weise zum Besseren wird wenden lassen. Vermutlich nicht.

Zumindest handelt es sich bei dem Traumbild samt und sonders um konsumtive Jobs: Bolle würde niemandem empfehlen, sich mit derlei auf dem sogenannten Freien Markt betätigen zu wollen. Eine entsprechende Geschäftsidee würde wohl spätestens beim Gründungsberater oder allerspätestens bei der potentiell kreditgebenden Bank scheitern. Und dennoch scheint es – zumindest in Bolles Traum war das so – eine potentielle Nachfrage nach derlei zu geben.

Adam Smith etwa war sich in seinem ›Wohlstand der Nationen‹ (1789) schon sicher: Wohlhabend wird, wer viele Arbeiter beschäftigt, arm hingegen, wer sich viele Dienstboten hält. Das ist natürlich arg streng gesehen – obschon es im Kern durchaus richtig sein mag. Und so hat sich nicht zuletzt Ernst Engel, ein königlich-preußischer Statistiker (und damals schon alter Schule und heute noch von einiger Bedeutung, zumindest für die Aufgeschlosseneren in der Zunft) 1887 – also nur rund 100 Jahre nach Adam Smith – für die Anerkennung nicht-materieller Güter starkgemacht:

Denn der Lehrer, der Sittenprediger, der Richter, der Soldat, der Gelehrte, der Künstler, der Arzt, sie sind alle Producenten. Während man sagt, daß der Landwirth, der Müller, der Bäcker Brod produciren, verhindert nur die Ungewohnheit daß man sage, daß ein Lehrer Bildung, ein Beamter Rechtsschutz, ein Soldat öffentliche Sicherheit u.s.w. producire. Darauf, daß Nahrung, Kleidung, Geräthe u.s.w. tauschbare Gegenstände sind, während jene immateriellen Güter es nicht sind, kann nichts ankommen, sondern das Moment ist entscheidend, daß geistige Bildung, Sittlichkeit, öffentliche Sicherheit u.s.w. eben so nöthig im Leben sind, wie Kleidung und Nahrung.

Bolle meint an dieser Stelle: Lehrer, Beamte, Soldaten – das mag alles seine Berechtigung haben. Aber soll das auch für Brandmaurer, Luftschlosser und Wahrheitspächter gelten?

Verstehen wir unter ›Gütern‹ nicht mehr als ›das, was  d i e   L e u t e  haben wollen‹ – was sich dadurch äußert, daß sie bereit sind, dafür einen Preis zu bezahlen –, dann gibt es daneben eben auch Güter, die die Leute zwar nicht unmittelbar haben wollen, deren Nachfrage  d u r c h   d e n   S t a a t  aber nolens volens hingenommen und dabei via Steuern finanziert wird. Stillschweigende Voraussetzung ist dabei aber, daß die Leute davon ausgehen – und auch ausgehen dürfen –, daß der Staat schon wissen wird, was er tut – daß die Staatsnachfrage also nicht in heillosem Verplempern der Steuereinnahmen münden wird. Brandmaurer, Luftschlosser und Wahrheitspächter heben das alles aber – im Gegensatz zu Lehrern, Beamten und Soldaten – auf eine Art ›next level‹. Dazu paßt – zumindest in Bolles Traum war das so –, daß solche Traum-Jobs in aller Regel zwar gut bis bestens dotiert sind, dabei aber völlig qualifikationsfrei und voraussetzungslos vergeben werden sollen. Der Staat hat’s ja. Das stimmt zwar nicht: Alles, was der Staat „hat“, muß er seinem Staatsvolk zunächst erstmal in Form von Steuern – populistisch ausgedrückt – abpressen.

Übrigens äußert Adam Smith in seinem fabulösen Werk von 1789 – Bolle hat das damals zwar nicht unter der sprichwörtlichen Bettdecke, aber doch am Badestrand geradezu verschlungen – die hoffnungsfrohe Erwartung, daß sich, so wörtlich (und zum Entsetzen manch ultra-liberaler Ökonomen), in einem  g u t   r e g i e r t e n   S t a a t  alles zum Besten der Bürger entwickeln werde. Allein Bolle befürchtet, daß es hier bereits an der Prämisse scheitern könnte. Gut regiert? Da lachen ja die Hühner! Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.