So 03-05-26 Die Grenzen des Konstruktivismus

Flußdiagrammatische Verdichtung …

Zugegeben – unser heutiges Mathildchen ist nicht wirklich neu. Wir hatten es vor knapp zwei Jahren schon mal verwendet (vgl. dazu So 25-08-24 Denkmal zur Wahl). Aber ist es deswegen überholt? Oder auch nur weniger wahr? Schwerlich. Neu ist immerhin die Bezeichnung ›Mathildchen‹ – als Dritte im Bunde, neben ›Schildchen‹ und ›Bildchen‹. Dabei sind ›Schildchen‹ die gelben Dinger, ›Bildchen‹ sind Photos, und ›Mathildchen‹ ist alles, was im weitesten Sinne mit Mathe zu tun hat. Übrigens hat es bei Bolle Wochen gedauert, bis ihm das endlich eingefallen war. Doch das soll hier und heute nicht unser Thema sein.

Früher hat sich Bolle ja rein gar nicht um Politik geschert. Die einen wollten’s halt ein bißchen konservativer – und haben CDU gewählt. Andere wollten’s ein bißchen progressiver – und haben SPD gewählt: „Mehr Demokratie wagen“, zum Beispiel. Und dann gab es noch eine Handvoll sogenannte Liberale – oder zumindest solche, denen ihr Hemd näher war als die Jacke. Die haben dann eben die FDP als ihre Klientelpartei gewählt. War Deutschland also „gespalten“? Nach heutigen Kriterien: definitiv! Allerdings war seinerzeit ein gewisser Hang zur Hysterie noch lange nicht so ausgeprägt wie heute.

Mit dem Aufkommen – oder sollte man sagen: Aufkeimen? –  der strickpullover- und turnschuhbestückten Grünen 1983 im Bundestag hatte sich das eingespielte Gefüge dann erstmal gründlich durchgeschüttelt. Immerhin war das die erste Neuerung dieser Art seit Bestehen des Hohen Hauses 1949. Sowas war man wirklich nicht gewöhnt in „unserer Demokratie“ – die damals allerdings noch nicht so hieß.

Aber nicht nur das. Der durchaus höchst erfolgreiche „Marsch durch die Institutionen“ hat im Laufe der Jahrzehnte dazu geführt, daß es Leute in politische Verantwortung gespült hat, die mit Volk und Vaterland (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im herkömmlichen Sinne rein gar nichts am Hut hatten und bis heute nicht haben. Sprüche wie etwa „Deutschland verrecke – damit wir leben können“ sind da wohl nur die rhetorische Spitze des Eisberges. Kann man ja so sehen. Aber was hat man mit einem solch eklatanten Mangel an „commitment“ in der Politik zu suchen?

Jedenfalls hat es dem ganzen Land, wie das bei e-Funktionen nun mal der Fall ist, erst schleichend, dann mehr oder weniger von heute auf morgen, den Teppich unter den Füßen weggezogen (vgl. dazu etwa Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein).

Voll neben dem Teppich.

Allerdings nicht unbedingt nach links – und nach rechts sowieso nicht – sondern irgendwo hin in eine völlig neue Richtung – wenn nicht gar in eine neue Dimension. Klassisch-konservativ war damit ebenso obsolet wie klassisch-progressiv, und in der Mitte klaffte ein gigantisches Loch. Plötzlich waren  a l l e  links oder sollten es zumindest sein – aber nicht etwa in einem herkömmlich-sozialdemokratischen Sinne, sondern auf ganz neue Art und Weise: nennt es ›queer‹, nennt es ›woke‹, nennt es wie ihr wollt.

Da das so nicht angehen kann, hat sich die clique politique in bester Konstruktivistenmanier selber zur Mitte  e r k l ä r t . Eine Mitte, die alles, wirklich alles umfaßt – von ehemals konservativen Parteien wie der CDU bis hin zu ehemals Progressiven wie der SPD. Da das immer noch nicht hat reichen wollen – die selbsternannte „Mitte“ war immer noch zu schwach, hat man auch alles andere, was sich so finden ließ in der politischen Landschaft, ebenfalls als ›Mitte‹ deklariert. Es kann nur eine geben! Die randständigste Mitte also, die man sich nur denken kann.

Bolle hält derlei Bestrebungen für geradezu  r e l i g i ö s e  Inbrunst. Wie heißt es doch bei Matt. 17, 20?

Denn wahrlich ich sage euch:
So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn,
so mögt ihr sagen zu diesem Berge:
Hebe dich von hinnen dorthin!
so wird er sich heben;
und euch wird nichts unmöglich sein.

Am Glauben scheint es also nicht zu mangeln. Man meint, wie’s scheint, alles werde wahr, wenn man nur ganz dolle daran glaubt. Allein hier kommt Winston Churchill ins Spiel, der gesagt haben soll:

However beautiful the strategy,
you should occasionally look at the results.

Also: ›Wie herrlich Deine Strategie auch sein mag: Gelegentlich solltest Du gucken, was dabei rauskommt.‹ Und? Wer hat Recht? Sagen wir so: Solange zumindest die hochgespülten Paragonisten der clique politique noch nicht überzeugend übers Wasser wandeln können, würde Bolle dazu neigen, sich vorerst an Churchill zu halten.

Und so liegt hier manches im Argen – und es wird, wie’s scheint, von Woche zu Woche weniger erquicklich. Genau das ist es, was Bolle ›Die Grenzen des Konstruktivismus‹ zu nennen geneigt ist.

Der Wirtschaft jedenfalls – sowohl der Industrie als auch dem Mittelstand –, dämmert es anscheinend allmählich – spät zwar, aber immerhin –, daß auch die wohlmeinendste Wolkenkuckucksheimeligkeit unmöglich kaufmännische Vernunft ersetzen kann – jedenfalls nicht auf längere Sicht. Jeder Gemüsehändler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) merkt sofort, wenn seine Kalkulation nicht aufgeht. Und falls er’s  n i c h t  merkt, wird‘s ihm die Bank schon sagen. Bei Staaten dauert das regelmäßig sehr viel länger. Da kann man sich schon mal ein ganzes Weilchen munter in die Tasche lügen.

Im übrigen: eine Regierung, deren Hauptanliegen darin zu bestehen scheint, die Opposition zu bekämpfen, statt sich auf vernünftige Politik zu kaprizieren, mag ja ganz apart sein. Aber doch nicht in einer Demokratie!

Wie meinte doch gleich Harald Martenstein in seiner Apologie im Thália-Theater? (vgl. dazu So 15-03-26 Lupenreine Demokraten).

Die AfD-Wähler, jedenfalls die meisten, wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas ähnliches wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu halten. Man müßte dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten Atemzug leugnen würden. Passen Sie die Migration an die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes an. Sorgen Sie für ein Sicherheitsniveau, wie wir es 2010 hatten. Sorgen Sie dafür, daß unsere Schulen funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muß es nicht sein. Ist das für Sie Faschismus?

Mehr muß es nicht sein. Weise Worte. Aber wie vernehmen, wenn man sich im Käfig des Konstruktivismus gemütlich eingekuschelt hat? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 26-04-26 Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich!

Von der Gosse zu den Sternen ist’s kein bequemer Weg. (Bolle featuring Seneca: Hercules furens).

Ja, was heißt denn  d a s  schon wieder? Wörtlich heißt es – in bester AcI-Konstruktion: ›Die Wahrheit ist eine zu erkennende‹. Etwas freier könnte man sagen: Kümmert Euch um die Wahrheit, Leute. Oder, wie Kant das später fassen sollte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn! Darum ja auch Bolles Beitrag – der ihn einmal mehr als ausgewiesenen Skeptiker ausweist. Allein das wird nicht weiter verwundern: Ist nicht die Agnostik letztlich die konziliante Schwester der Skepsis?

Immerhin können wir recht sicher sagen, daß die Wahrheit dazu neigt, recht mannigfaltig daherzukommen. Außerdem trägt sie – kaum anders als die Wirklichkeit – am liebsten ein Forellenkleid (André Heller 1976). Was heute noch wie ein Märchen anmutet, kann morgen schon Wirklichkeit sein. Und umgekehrt, of course. Darum, genau darum, haben wir die Wahrheitssuche hier auch einen ›philosophischen Dauerauftrag‹ genannt. Es nimmt nun mal kein Ende.

Ist das alles aber nicht viel zu anstrengend? Reicht es nicht, derlei den dazu Berufenen zu überlassen? Schließlich hat man ja auch so gut zu tun. Die Antwort ist – wie kann es anders sein – einmal mehr ein klares Jein.

Einerseits können sich die meisten Leute nicht den lieben langen Tag mit „Wahrheitssuche“ befassen. Andererseits aber basteln wir uns ja ohnehin Tag für Tag so etwas wie unsere ureigenste Wahrheit – und nennen sie dann mappa mundi (Weltbild, Welt III). Und was da steht, ist nun mal wahr. Muß! Das folgt unmittelbar aus dem kognitiven Grundbedürfnis nach Orientierung.

Die beste aller verfügbaren Wirklichkeiten …

Allerdings sollte man schon ein ganz klein wenig darauf achten, seine mappa mundi nicht allzu sehr mit Müll zu überfrachten. Mit einer mappa mundi friata, einem durch und durch kaputten Weltbild, ist nämlich niemandem gedient – zuallerletzt einem selbst.

Zum Glück gibt es aber eine Rückkopplungsschleife im System – die gestrichelte Linie: Was einer wahrzunehmen gewillt ist, ist nicht zuletzt Ausfluß der mappa mundi, die sich einer modelliert hat. Bei Bolle zum Beispiel heißt eine der ehernen Regeln: ›Kein Streaming etc. pp. vor after eight‹. Bevor man nämlich an die Wahrheitssuche auch nur denkt, sollte man zunächst einmal sein Tagewerk erledigt und sich in eine geeignete Gemütsverfassung begeben haben – beziehungsweise, wie Zaphod Beeblebrox im ›Anhalter durch die Galaxis‹ das nennt: I got to get myself in the right frame of mind for this.

Zumal es eine Menge Leute gibt, die ein ureigenstes Interesse daran haben, ihre Sicht der Dinge unters Volk zu streuen: ›Wahrlich, wir sagen Euch …‹. Natürlich sagt das niemand so. Im Ergebnis läuft es aber justa- und exaktemente darauf hinaus.

Allerdings wird man namentlich der classe politique und auch den PR-lern dieser Welt kaum verübeln können, daß sie ein recht eigentümliches Verhältnis zur Wahrheit haben. Mehr noch: Bolle geht so weit, ›Public Relations‹ schlicht und ergreifend mit ›Meinungsmache‹ zu umschreiben. Meinungsmache aber ist nicht anderes als der bewußte Versuch, auf die Welt III einer gegebenen Zielgruppe Einfluß zu nehmen. Also Obacht!

Wie meinte doch gleich Bolles lieber guter alter Guru, etwa wenn er seine Eleven beim Goutieren irgendwelchen Junkfoods erwischt hat? Ist das der Stoff, aus dem Ihr Euren Körper bauen wollt? Das Beispiel ließe sich nahtlos übertragen: Ist das der Stoff, aus dem Ihr Euer Weltbild formen wollt? Bolles Antwort, ebenso schlicht wie ergreifend: Natürlich nicht. Und schon fühlt man sich gleich besser – auch ohne Junk.

Einigen Berufsständen, namentlich den Medienschaffenden und übrigens auch den Gerichten, sollte derlei aber ferne liegen – und zwar furchtbar ferne. Tut es aber nicht. Der Journalismus 2.0 gefällt sich in seinem Selbstverständnis zunehmend als Gesinnungsjournalismus und nennt es schönfärberisch „Haltung“ – und niemand hält dagegen. Im Gegenteil – man gewöhnt sich dran.

Was bedeutet das für unser heutiges Thema – Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich! Nun, Bolle sieht hier zwei einander ausschließende, polare Möglichkeiten.

Man überläßt die Wahrheitsfindung nebst alleinseligmachender Verkündung einer dazu berufenen Instanz, läßt sich das Ganze mundgerecht servieren – und baut es in sein Weltbild ein. Und sollte einer das partout nicht glauben wollen, dann ist er halt ein „Skeptiker“, ein Schwurbler oder Querdenker – oder was auch immer. Auch das wird einem gerne mundgerecht gleich mitgeliefert. In Bolles Kreisen nennt man derlei – wohl durchaus nicht ganz unzutreffend – Meinungsmonopolismus. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer aus Mephistopheles‘ Munde?

Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr nur  e i n e n  hört
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen – haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.

Klappe zu, Affe tot – Weltbild stabil. Aber ist es auch wahr? Wir wissen es nicht. Immerhin dürfen wir ahnen. Und zwar nicht unbedingt was Gutes. Was dann? Die Alternative wäre ein regelrechter Meinungsmarkt: Man nehme – im Rahmen seiner Möglichkeiten, of course – alles zur Kenntnis, was an Meinungen oder auch nur Vorstellungen im Raume steht, prüfe, wäge ab, und entscheide schließlich, was man selbst für gut und richtig halten will. Kurzum: man benutzt, im besten Kant’schen Sinne, sein Gehirn.

Schon John Stuart Mill (1806–1873) fand das seinerzeit mehr als naheliegend. Mehr noch: in seinen Augen handelt es sich hierbei nachgeradezu um die Existenzgrundlage einer freien und fortschrittlichen Gesellschaft. In seinem Hauptwerk ›Über die Freiheit‹ (1859) hat er das gründlich und plausibel dargelegt – sicherlich auch inspiriert durch seinen Zeitgenossen und transdisziplinären Kollegen Charles Darwin (1809–1882), der mit seiner (ebenfalls 1859 erschienenen) ›Entstehung der Arten‹ das Prinzip der Selektion salonfähig gemacht hatte.

Ersteres entspricht übrigens – um es mal auf die ganz große Bühne zu zerren – im Wesentlichen einem kollektivistischen Gesellschaftsbild – ganz nach dem Motto ›Die Partei, die Partei, die hat immer Recht‹ (vgl. dazu unser Sonntagsfrühstückchen von letzter Woche: So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland). Letzteres entspricht einem eher individualistischen Bild – und ist durchaus dichter dran an allem, was die Welt am Laufen hält: Was nicht funktioniert, das mendelt sich halt aus – früher oder später. Conditio universalis, eben. Auch wenn das manchem Hülsenfrüchtchen Tränen der Empörung in die Augen treiben mag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland

Et credo et censeo.

Das ›ceterum censeo‹ des älteren Cato (234–149 v. Chr.) gilt bis heute vielen als sprichwörtliches Sinnbild für überzeugungsgetragene Hartnäckigkeit: ›Im übrigen finde ich, daß wir Karthago plattmachen müssen.‹ Senator Cato soll damit drei Jahre lang jede, wirklich jede, Rede abgeschlossen haben – egal, worum es in der Rede jeweils ging. Stilistisch handelt es sich dabei um einen schicken AcI (Akkusativus cum Infinitivo) – dem Schrecken fast aller Lateinschüler.

Heute würde man sowas so nicht mehr sagen. Die Sitten haben sich verfeinert. Nach Jahrhunderten eines ›Prozesses der Zivilisation‹ (Norbert Elias 1939) geht man heute inhaltlich sehr viel feiner vor. Der Kern aber läßt sich sehr wohl rezyklieren. In der clique politique scheint derzeit folgendes konsens- und anschlußfähig: ›Ceterum censemus populum esse regendum – Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß.‹

Das Volk? Das Volk muß regiert werden? Welch groteske Perversion! Aber nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 D a s   L a n d  muß regiert werden. Zugegeben. Schließlich kann sich das Volk nicht um alles kümmern. Dazu braucht es halt Vertreter. Aber diese Vertreter haben das Volk zu  v e r t r e t e n  – und nicht etwa zu „regieren“. Noch klarer wird es, wenn wir das ›esse regendum‹ unseres Schildchens modifizieren. Das ›regere‹ nämlich kann nicht nur ›regieren‹ bedeuten, sondern auch ›zurechtweisen‹ oder – werden wir brutal – gar ›gängeln‹. Das Volk muß demnach zumindest auf den rechten Pfad geführt werden – und zwar im Namen „unserer Demokratie“, versteht sich. Also erzogen statt vertreten. Das ist bitter – aber schaut Euch um im Lande. Wie das mit dem Konzept eines Souveräns zusammenpassen soll – oder gar mit Demokratie –, ist Bolle leider auch nicht ganz klar.

Außerdem ist nicht ganz klar, woher solche Leute diesen Impetus nehmen. Am ehesten würde Bolle hier so eine Art ›Hilflose Helfer‹-Syndrom (Schmidbauer 1977) einleuchten. Man könnte fast sagen: Politik als Chance. Wo sonst ließe sich mit einer oft derart mäßigen Ausbildung – etwa in Soziopolitistik oder sonstwo, falls überhaupt – und einer Lebens- und Berufserfahrung „im richtigen Leben“, die oft genug gegen Null zu gehen scheint, so tüchtig Geld verdienen wie in der Politik?

Jedenfalls hat sich mittlerweile, wie’s scheint, eine clique politique etabliert, die definitiv  v o n  der Politik lebt und nicht etwa  f ü r  die Politik – um es mal mit Max Weber (1919) zu sagen. Die meisten würden beim gegebenen Ausbildungsstand und gegebener Qualifikation „im richtigen Leben“ nicht im Entferntesten so gut verdienen beziehungsweise so gut leben, wie sie das als Berufspolitiker tun. Das führt natürlich zu gehörigen Abhängigkeiten. Man könnte auch sagen: Ohne den Job sind die aufgeschmissen. Genau darum sind sie ja auch so handzahm. Allein: was hat das Volk davon?

Ein einziges Beispiel mag an dieser Stelle genügen: Als im Dezember letzten Jahres die sogenannte ›Junge Gruppe‹ in der CDU versucht hatte, gegen die Rentenpläne der Regierung aufzumucken, wurde sie ganz schnell wieder eingefangen und auf Parteilinie gebracht. Das schlagende Argument: So ein lukrativer Listenplatz, wie wir ihn Dir gewähren, kann ganz schnell weg sein – futsch, perdu. Also paß bloß uff! Und dann müßte man schließlich richtig arbeiten für sein Geld. Welch grauenhafte Vorstellung!

Wer das alles nicht wahrhaben will, dem sei Joana Cotars jüngst erschienenes Bändchen ›Inside Bundestag‹ (2026) zur gelegentlichen Lektüre oder zum Vorlesenlassen empfohlen. Es trägt den Untertitel ›Wie ich in acht Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor‹ und sagt so ziemlich alles, was man wissen muß, um die ganze Tragik zu erahnen.

Ein wenig erinnert das alles an Dieter Nuhrs alten Gag: Deswegen haben wir uns dann ja auch für das Lehramt eingeschrieben: Ist doch eh egal und wenn schon keine Zukunft, dann wenigstens nachmittags frei.

Um das alles ansatzweise zu verstehen, hilft hier die Heider-Relation – ein Theorem, das postuliert, daß bei allem, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) tut, Sein und Sollen einigermaßen zusammenpassen müssen: Man macht, was man für richtig hält. Könnte man meinen. Man könnte das Ganze aber auch umkehren: Man hält für richtig, was man macht. Das klingt zunächst einmal befremdlich – ergibt sich aber unmittelbar aus dem Theorem. Ein Beispiel mag genügen: Wenn jemand etwa mit seinem Job nicht zufrieden ist (also mit dem, was er macht), ergeben sich genau drei Möglichkeiten zu reagieren: (1) Man ändert nichts – und bleibt unzufrieden. Das ist natürlich keine wirkliche „Lösung“, of course. (2) Man sucht sich einen Job, mit dem man sich besser fühlt – paßt also das Sein an das Sollen an. Oder (3) man findet sich mit seinem Job ab – hält also für richtig, was man macht – paßt also, tout au contraire, das Sollen an das Sein an. Interessanterweise ist die dritte Lösung die kognitiv sparsamste – also mit dem geringsten Aufwand verbunden. Und darum setzt sie sich meist durch: Man säuselt sich die Sache schön.

Da hätten wir also unser Volksvertreterlein (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), das, gegängelt durch Sachzwänge von Fraktionsdisziplin bis zu EU-Vorgaben, nicht mehr ein weiß noch aus. Was liegt da näher, als das Ganze letztlich gut und richtig zu finden? Schon hat die liebe Seele Ruh. Ob das aber noch im Sinne des Erfinders ist, ist eine ganz andere Frage. Hauptsache Ruhe – und Hauptsache gesichertes Einkommen.

Ein wenig erinnert das an die Lemmlinge, zumindest jene in Disneys ›Weiße Wildnis‹ (1958). Bolle sagt übrigens immer ›Lemmlinge‹, mit einem ›l‹ in der Mitte, weil das, wie er findet, den ganzen Unsinn besser auf den Punkt bringt: Hier lang, Leute! Wer kein Schwurbler sein will, folgt mir nach! Avanti, avanti! Alles wird gut!

Das ›Ceterum censemus populum esse regendum‹ unseres Schildchens oben – ›Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß‹ – gründet somit weniger in persönlicher Überzeugung des Einzelnen. Vielmehr ist es, ganz nach Lemmling-Art, durch und durch systemisch.

Von innen heraus wird sich da wohl kaum was ändern können. Im Gegenteil. So haben etwa, pars pro toto, die letzten Wahlrechtsreformen dazu geführt, daß vom Volk  d i r e k t   g e w ä h l t e  Abgeordnete nicht in den Bundestag einziehen durften, weil da der Parteienproporz vor war. Listenplatz sticht Direktmandat. Wie heißt es doch im ›Lied der Partei‹ (Louis Fürnberg 1950)?

Die Partei, die Partei, die hat immer recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.

Sowas  k a n n  man sich nicht ausdenken als nüchterner Demokrat (vgl. dazu So 28-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie zweiter Teil).

Und? Was macht der Souverän? Verhält sich alles andere als souverän (vgl. dazu etwa Mi 21-12-22 Das einundzwanzigste Türchen …). Vielmehr spielt er deutsches Roulette. Und das geht so: Partei A, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd herausgestellt. Also wähle ich diesmal Partei B. – 4 Jahre später: Partei B, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd erwiesen. Also wähle ich diesmal Partei A – und so weiter, und so fort, ad libitum … Und da sage noch einer, der Wähler habe keine Alternative. Hat er wohl: A oder B. Sancta simplicitas! Bolle findet ja, bei klassisch-russischem Roulette sind die Überlebenschancen deutlich höher.

Der Untertitel unseres heutigen Schildchens übrigens, ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe‹ – ist von all dem natürlich meilenweit entfernt, of course. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 12-04-26 Zeitreisen bildet – beziehungsweise Nein heißt Nein

Nein heißt Nein! – Könnte es so einfach sein?

Reisen bildet. So sagt man. Zum geflügelten Wort gemacht hat das in unseren Breiten Matthias Claudius (1740–1815) mit ›Urians Reise um die Welt‹ (1786). Dort heißt es:

Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen.
Drum nähme ich den Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.

Zum Ende des Gedichtes heißt es dann aber, ausgesprochen ausgenüchtert:

Und fand es überall wie hier,
fand überall ein’n Sparren,
die Menschen grade so wie wir,
und eben solche Narren!

Das kommt Bolle sehr entgegen. Von Haus aus eher reisefaul wie fast alle Urberliner hatte er sich schon immer mehr auf Zeitreisen verlegt. Natürlich nicht so wie in H. G. Wells‘ ›Zeitmaschine‹ (1895) oder Robert Zemeckis / Steven Spielbergs Trilogie ›Zurück in die Zukunft‹ (1985–1990). Eher ganz realistisch wie etwa in André Hellers ›Abendland‹ (1976):

Die bestürzende Möglichkeit der Verwandlungen meiner Figur
in andere Figuren und Schauplätze:
In den Von der Vogelweide,
Cervantes, Appollinaire und James Joyce,
Kinderkreuzzüge, Scheiterhaufen, Guillotinen, Kolonien der Ehrlosigkeit,
In Hurenböcke auf Heiligem Stuhl.
Expeditionen an den Saum des Bewußtseins …

Zeitreisen waren, so verstanden, schon immer durchaus möglich. Allerdings war man bis vor nicht allzu langer Zeit allein auf Bücher angewiesen – auf Bücher und auf seine Vorstellungskraft.

Heute haben wir Photos – Photos und vor allem Filme. Wenn Bolle Geschichtslehrer wäre, würde er seine Eleven zunächst einmal multimediamäßig mittels geeigneter Filme in die jeweiligen Zeiten eintauchen lassen, damit die überhaupt erst mal eine ungefähre Vorstellung davon entwickeln können, um was es überhaupt geht – ganz nach Faustens fester Überzeugung (in der Nachtszene mit Wagner im Schlafrock):

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.

Nun – dieser Tage sind Bolle eher zufällig die letzten Szenen der ›Legende von Paul und Paula‹ (DDR 1973 / Regie: Heiner Carow / mit Winfried Glatzeder als Paul und Angelica Domröse als Paula) mal wieder zu Augen gekommen. Bolle dachte nur: Zeitreise pur. Ein wenig verhält es sich damit ja wie mit Omas „Kinder, seid ihr groß geworden!“.

In den Schlußszenen geht es darum, daß Paul, letztlich ein kleines, aber staatstragendes Rädchen im Getriebe, beschließt, den Staat Staat und seine Ehe Ehe sein zu lassen, seinem Herzen zu folgen und endlich seine Paula zu erobern. Er begibt sich zu ihrer Wohnung. Da niemand öffnet, klingelt er bei der Nachbarin und fragt, gewählt zuvorkommend: „Wäre ein Beilchen da oder eine Axt, gute Frau? Besser eine Axt.“ Man reicht ihm das gewünschte Werkzeug. Damit schlägt er – in der Filmerzählung mit zwei Schlägen, im Film selbst mit etwas mehr Aufwand – die Wohnungstür ein. Paula liegt bereits im Bette, einen tüchtigen Schluck Kirschwhisky intus.

Würde man so etwas heute machen, hätte man vermutlich stante pede ein bis an die Zähne bewaffnetes Sondereinsatzkommando am Halse. So aber meinte Paul, daß er nun komme. Paula meinte Nein! Paul aber, unbeirrt, geht weiter auf sie zu – und fängt sich ein paar Ohrfeigen ein. Paula meint immer noch Nein! Mehrmals sogar. Zerfetzt ihm gar das Gewand. Ist das jetzt sexualisierte Gewalt – oder ist es einfach nur Balz? Der Mund schreit Nein, der ganze Rest von Paula, der schreit Ja! Und nun? Das liegt wohl hinter Hülsenfrüchtchens Horizont. Aber was will man machen in einer Welt, die sich nun mal in den Kopf gesetzt hat, nicht einmal mehr wissen zu wollen, ob etwas Männlein oder Weiblein ist (jeweils beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Denken wir hier nur an das ›Nein-heißt-Nein‹-Gebot, wie es seit der letzten Verschärfung 2016 in § 177 StGB steht, beziehungsweise, schwer im Kommen in diesen unseren Zeiten, das noch deutlich schärfere ›Nur-Ja-heißt-Ja‹-Gebot. Rechtssicher bliebe da nur Balzverhalten unter streng notarieller Aufsicht. Setzen wir also in jeden Bus, in jede Bar, in jeden Fahrstuhl gar, einen einschlägig qualifizierten Notar. Bolle meint: Das kann ja was werden. Aber heißt es nicht mitunter – vgl. etwa So 13-10-24 Die beste Lösung – ?

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

Paula jedenfalls liebte ihren Paul so sehr wie er sie, und war dafür mit Freuden gewillt, gegen jeden ärztlichen Rat eine Hochrisikoschwangerschaft in Kauf zu nehmen, an der sie dann tatsächlich auch gestorben ist.

Für so viel Romantik, das sieht Bolle ein, ist in unseren vorgeblich ach so nüchternen Zeiten natürlich nur noch wenig Raum.

Wie soll man sagen? Vielleicht so: Ohne Geist? Is Essig meist! Oder so? „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt“ – wie Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), der alte Göttinger Spötter und Zeitgenosse von Matthias Claudius, das seinerzeit einmal gefaßt hat. Und so läuft alles auf die alte Frage hinaus: Wie wollen wir leben? Vernünftig – oder lebenswert? Da es mit ›vernünftig‹ ja ohnehin nicht sonderlich weit her ist – conditio humana, halt –, bleibt eigentlich nur lebenswert. Doch verklickert das mal einem heillos verhedderten Hülsenfrüchtchen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-03-26 Lupenreine Demokraten

Die lupenreinen Demokraten …

Ach, wie oft hört man von guten
Demokraten lautstark tuten!
Wie zum Beispiel auch von diesen,
Die brave Bürgersleut‘ verdrießen;
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Rechten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachen
Und sich heimlich lustig machen.

So in etwa vielleicht könnte man Wilhelm Buschs Vorwort zu seiner ›Bubengeschichte in sieben Streichen‹ (1865) kontemporär adaptieren.

Natürlich machen sich manche Leute aus der clique politique nicht nur „heimlich“ lustig. Im Gegenteil: Statt „durch weise Lehren sich zum Rechten zu bekehren“ verfolgen sie mit bemerkenswerter Aggressivität alles und jeden, der  d e r e n  guten Sache nicht zu folgen gewillt ist – und sei es auch nur aus Versehen. Denken wir neben den vielen Namenlosen hier nur an durch und durch harmlose Zeitgenossen wie etwa Norbert Bolz, Jan Fleischhauer oder Rainer Zitelmann. Voll der starke Staat, das – auf Biegen und Brechen. Aus anderer Perspektive könnte man mit Mark Twain möglicherweise meinen: Nachdem sie die Orientierung verloren hatten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen. So ganz im Sinne des Erfinders – siehe unser Schildchen oben – scheint das alles  n i c h t  zu sein.

Da fragen wir uns doch: Flüchten die Leute samt politischer Anschauung in Scharen vom Teppich? Oder hat da jemand mit gehörigem Schwunge den Teppich zurechtgerückt? Wir hatten das vor geraumer Zeit schon einmal angesprochen (vgl. dazu Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein).

Voll auffem Teppich – mit Meilenstein.

Kurzum: Wir brauchen – um im Bild zu bleiben – einen Meilenstein. Dabei zeigt sich, wenn wir  i n t e r t e m p o r a l  vergleichen – und ohne daß man sich sonderlich Mühe geben müßte –, daß so ziemlich alles, was heute locker als No-Go durchgeht und dringend verfolgt werden muß, vor nicht allzu langer Zeit noch völlig „normal“ war. Auch im  i n t e r n a t i o n a l e n  Vergleich ergibt sich nichts anderes. So weit Bolle sehen kann, gibt es in ganz Europa – wenn nicht gar auf der ganzen Welt – kein Land, in dem sich nicht auch Leute rechts der Mitte finden ließen. Außer in Nordkorea, vielleicht. Aber wie heißt es doch so schön im ›Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland‹ – einem Bändchen, das seinerzeit (1943) vom Foreign Office herausgegeben und an alle Krieger zur Vorbereitung ihrer Resozialisierungsbemühungen verteilt wurde?

„Diese Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte zeugt nicht von einer ausgeglichenen Gemütsverfassung. Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff. Sie neigen zur Hysterie.“

Die Deutschen mögen ja hysterisch sein. Gleichwohl sind sie bisweilen aber auch äußerst raffiniert – zumindest aber so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in der clique politique. Statt Anschauung Anschauung sein zu lassen – wie es die Verfassung will –, treibt man in geradezu schamloser Weise – und dabei krass contra legem (siehe unser Schildchen oben) einen Keil ins Volk und erklärt alles, was – wie soll man sagen? – nicht links vom Lars ist, unter Ausnutzung eben dieser Hysterie zu Verfassungsfeinden.

Auch scheint dabei kein Keil zu grob. Da steckt eine abgewählte Innenministerin ihrem Amtsnachfolger buchstäblich auf den letzten Drücker, die Türklinke schon in der Hand, ein noch flugs in Auftrag gegebenes 1.100-Seiten-Dossier des Bundesamtes für Volkserziehung zu – aus dem schwarz auf weiß hervorgehen soll, wie böse, oh so böse so manche politischen Anschauungen doch seien. Mehr noch: Sie steckt es ihm nicht nur zu – sie macht auch noch ein richtiges Medien-Event daraus. In Bolles Kreisen nennt man das zuweilen ›Brute Force‹: 1.100 Seiten? Da  m u ß  doch was dran sein! Bolle ahnte damals schon: Muß es nicht! Und? Was steht drin? Ganz geheim, of course – wie es zunächst hieß. Ist ja schließlich ein  G e h e i m dienst. Das muß doch unmittelbar einleuchten – zumindest dem naiveren Teil des Volkes.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift es untertänigst auf – und baut es genüßlich in sein übliches Bösen-Bashing ein. Es war – nota bene und einmal mehr – der Journalismus 3.0, der dieses – wie soll man sagen? – Elaborat verdienstvollerweise umgehend veröffentlicht hatte. Und? Was steht nun drin? Heiße Luft – sonst nüscht.

Auch hat es ewig lang gedauert, bis zumindest den aufgeschlosseneren Zeitgenossen allmählich dämmerte, daß das Bundesamt für Volkserziehung eine  w e i s u n g s g e b u n d e n e  Behörde ist. Die schreiben – vor allem, wenn es sich um Auftragsarbeiten handelt – nolens volens genau das, was der jeweilige Dienstherr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nun mal gerne lesen möchte. Dabei ist der Dienstherr der Innenminister beziehungsweise, allgemeiner, die Regierung – und damit im Zweifel der politische Gegner. Natürlich ist auch das nicht ganz im Sinne des Erfinders. Allein so kann‘s gehen: Wenn wo̅kes Weltverbesserungsbegehr die Oberhand gewinnt, dann geht’s dem Recht im Zweifel schlecht.

Dann aber kam das Verwaltungsgericht Köln und hat – für manche überraschend – genau das entschieden, was beim gegebenen Sachverhalt zu entscheiden geboten war. Tenor: Leute – das ist Murks! (Natürlich hat sich das Gericht gewählter ausgedrückt. Allein als Tenor mag es hier angehen). Ein sauberes Stück solider Jurisprudenz (von iuris prudentia ›besonnene Rechtsanwendung‹). Keine Spur von Hysterie. Keine Spur von übertriebener Willfährigkeit. Daß es sowas auch noch gibt, scheint Bolle ebenso erfreulich wie erstaunlich.

Harald Martenstein übrigens hat die Lage in seinem Statement zum im Hamburger Thalia-Theater inszenierten ›Prozeß gegen Deutschland‹ (Regie: Milo Rau) letzten Monat erst auf seine ganz eigene Weise in wenigen Sätzen trefflich auf den Punkt gebracht:

Die AfD-Wähler, jedenfalls die meisten, wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas ähnliches wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu halten. Man müßte dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten Atemzug leugnen würden. Passen Sie die Migration an die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes an. Sorgen Sie für ein Sicherheitsniveau, wie wir es 2010 hatten. Sorgen Sie dafür, daß unsere Schulen funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muß es nicht sein. Ist das für Sie Faschismus?

Ist das Faschismus? Natürlich, of course. Wenn etwas funktioniert, dann  k a n n  es – so will’s die Hülsenfrüchtchen-Logik wohl – natürlich nur „rechts“ sein (vgl. dazu etwa So 11-01-26 Toleranz und Militanz). Ja, was denn sonst?

Übrigens läßt sich Bolle zur Zeit zum Einschlafen gern aus Ian Kershaws ›Höllensturz: Europa 1914 bis 1949‹ (2016) vorlesen. Dabei läßt sich kaum überhören, daß „die Rechten“ und „die Linken“ im Grunde stets desselben Geistes Kinder waren. Birds of a feather, sozusagen. Die mäßigenden Kräfte waren immer – das ganze halbe Jahrhundert hindurch, und wohl auch heutzutage noch – die Bürgerlichen beziehungsweise die Königstreuen, je nachdem. Aber wo sind sie denn, die braven Bürgersleut‘ (wie es oben in der Wilhelm-Busch-Adaption heißt)? Seitdem alle allesamt am liebsten links vom Lars sein sollen, kann man die mit der Lupe suchen. Bleibt dann doch nur AfD – und sei es allein aus Gründen der politischen Hygiene? Cordon sanitaire, à l’envers? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-03-26 Einmal lieb für böse sein

Einmal lieb für böse sein (Symbolbild, of course …)

Es gibt Wendungen, die schnappt man irgendwann mal auf und vergißt sie niemals mehr. ›Einmal lieb für böse sein‹ ist Bolle eine davon. Damals hatte er gerade seine Oberstufenschülerzeit mit Brief und Siegel abgeschlossen – ist also schon ein Weilchen her.

Dabei handelt es sich um eine Art Beziehungsritual bei einem Pärchen aus Bolles näherem Umfeld. Wenn einer der beiden sich schlecht behandelt fühlte, wollte es die Gepflogenheit, eine entsprechende Notiz zu schreiben und dem anderen zuzustecken. Der Kern der Botschaft: Ich fühle mich von Dir schlecht behandelt, Du warst böse zu mir – also habe ich einmal lieb sein gut. Dem Empfänger (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) war natürlich unvermittelt klar, worum es ging. Einzelheiten weiß Bolle nicht zu berichten. Allein es hatte regelmäßig funktioniert. So geht dyadischer Austausch.

Bis zu der Szene unseres heutigen Bildchens, das selbiges symbolisch illustrieren mag, sollten noch zwei Jahrsiebte vergehen. Aber sind Symbole nicht letztlich zeitlos? Das Bildchen zeigt einen Meister mit seinem Schüler beim Dokusan – einem Lehrgespräch, das dem rechten Verständnis dienlich sein soll. Dabei zeigt der Meister hier durchaus keine übertriebene Strenge. Die Haltung ist – zumindest im Vergleich zum regulären Za-Zen – durchaus entspannt. Gleichwohl fühlt er sich, wie’s scheint, veranlaßt, eine definitive Ichi-go ichi-e-Geste zu zeigen: Hier! Und jetzt! Schreibe Er sich das hinter die Ohren! Der Schüler für sein Teil wirkt dabei eher aufnahmewillig denn eingeschüchtert. Ein bißchen Respekt allerdings muß schon sein. So ist das nun mal. Nicht nur im Zen. Bei Beziehungen überhaupt.

Genau an dieses ›Einmal lieb für böse sein‹ mußte Bolle in letzter Zeit verschiedentlich denken. Die Deutschen an sich hatten sich seinerzeit – das ist wirklich noch sehr viel länger her als Bolles Oberstufenzeit – so richtig schlecht benommen. Und da sie damals so böse waren, scheinen sie daraus ableiten zu wollen – genaugenommen gar zu müssen –, daß sie fürderhin furchtbar lieb zu sein haben – und zwar allen und jedem gegenüber. Und zwar nicht nur einmal – sondern für alle, wirklich alle Zeiten. Für immer lieb für einmal böse sein.

So sei das übrigens auch gleich eingangs in Art. 1 GG in Stein gemeißelt: ›Die Menschenwürde ist unantastbar.‹ Bolle meint: mit etwas Phantasie mag einem das so scheinen. Aber werden wir praktisch. Von hier aus ist es nicht mehr allzu weit, um daraus abzuleiten, daß demgegenüber alles andere – in letzter Zeit vor allem und gerade auch die Meinungsfreiheit nach Art. 5 GG – zurückzustehen habe, bitteschön. Auch sei alles, was auch nur im Entferntesten mit „Volk“ zu tun haben könnte, definitiv ein Verstoß gegen das Liebsein-Gebot.

Das Problem an dieser Stelle: Mit einer solchen Einstellung kann kein Mensch leben und schon gar nicht  ü b e r leben. Und natürlich auch kein Volk – das es demnach ohnehin besser gar nicht geben sollte. Soweit die deutsche Romantik. Doch fragen wir die Wissenschaft und nehmen wir dabei aus rein analytischen Gründen die Wahlmöglichkeiten, die sich aus beispielsweise Harris‘ ›Ich bin ok – Du bist ok‹ (1969) ergeben. Bolle hat sie auf das absolut Unverzichtbare abgespeckt.

So kann’s gehen – oder eben auch nicht …

Wir haben es hier mit einer 4-Felder-Tafel zu tun, die sämtliche in Frage kommenden Optionen dichotom in handlicher Form abbildet.

Die beste Wahl, um seelisch einigermaßen gesund durchs Leben zu laufen, ist dabei die Einstellung – Harris nennt es ›Life Position‹, die Übersetzung nennt es ›Lebensanschauung‹ – ›Ich bin ok – Du bist ok‹ (A1). Das bedeutet, daß man andere – aber eben auch sich selbst – grundsätzlich in Ordnung findet. Das bedeutet aber  n i c h t , daß man alles, was andere so an einen herantragen – denn das tun sie: es gibt nun mal sowas wie Interessenkonflikte – voll in Ordnung finden muß. Im Zweifel, und zu Ende gedacht, gibt es da nur eines: Fight, fight, fight! – wie der Präsident eines assoziierten Landes das einmal punktgenau, aber nicht ganz unpassend, formuliert hat. Das heißt übrigens  n i c h t , daß man dem anderen damit sein grundsätzliches OK-Sein abspricht – wie ein vor allem in Hülsenfrüchtchenkreisen weitverbreitetes und wohlgehütetes Mißverständnis meint erkennen zu müssen.

Zur Vervollständigung: Leute, die sich selber ok finden, alle anderen aber nicht, neigen demnach dazu, kriminell zu werden – zumindest aber asozial (B1). Warum auch lieb sein zu Leuten, die sowieso scheiße sind? Und Leuten, die sich selber nicht mögen, und alle anderen auch nicht, bleibt demnach nur die Flucht in den Autismus (B2).

Dabei ist die Einstellung ›Ich bin nicht ok – Du aber bist ok‹ (A2) im Zweifel die übelste von allen. Mit sowas kann man sich buchstäblich nur sterben legen. Harris nennt es Selbstaufgabe – bis hin zum Selbstmord. Übrigens – und das macht die Sache so pikant – handelt es sich hierbei um ein Weltbild, das für alle und jeden im Säuglingsalter geradezu „alternativlos“ war. Man wurde gesäugt, man wurde gebadet, man wurde trockengelegt, es wurde sich, ganz allgemein, um einen gekümmert. Selber hatte man wenig bis gar nichts zu bieten. Damit  m u ß t e  sich ein solches Weltbild nachgeradezu ergeben. Gleichzeitig aber ist es eben auch eine Einstellung, mit der man jenseits des Säuglingsalters unmöglich leben kann – schon gar nicht als erwachsener Mensch.

Fassen wir zusammen: ›Einmal lieb für böse sein‹ hat durchaus das Zeug, eine Beziehung über ebenso allfällige wie unvermeidliche Verwerfungen hinwegzutragen. ›Ab jetzt für immer und ewig lieb für einmal böse sein gewesen‹ dagegen hat genau das  n i c h t .

Exaktemente aber diese Einstellung – so will es zumindest die gegenwärtig herrschende clique politique – soll es sein, mit der die Deutschen gefälligst durchs Leben zu laufen haben. Genau das nämlich meine der Art. 1 GG mit seiner Menschenwürde. Das geht schon los, wenn einer nur ein Deutschland-Fähnchen schwenkt. Allein – eine Beziehung, die einem solchen Muster folgt,  k a n n  nicht gedeihlich funktionieren. Im günstigsten Falle bricht sie auseinander – dann ist zumindest Ruhe im Karton – oder sie ist und bleibt krank: „toxisch“ nachgeradezu. Da liegt kein Segen drauf – wie jemand aus Bolles weniger agnostisch inspiriertem Umfeld in solchen Fällen öfters mal zu sagen pflegt. Allein – was stört‘s ein Hülsenfrüchtchen, wenn‘s an der Wirklichkeit zerschellt? (vgl. dazu etwa So 07-09-25 Durch Grenzen gegängelt – Von Inbordern und Transbordern). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-03-26 No taxation without representation

The Boston Tea Party (Nathayel Corrier / Sarony & Major 1846).

Was da passiert ist in den letzten Jahren, das hätte nie passieren dürfen. So in etwa würde man Chruschtschows Statement gegenüber seinem Genossen und großem Vorsitzenden Stalin (vgl. dazu So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus) auf hier und heute übertragen können.

Was aber ist passiert? Nun, der altehrwürdige und einer Demokratie allein würdige Journalismus 1.0 hat sich schleichend, aber sicher – nachgeradezu „nachhaltig“ (um es mal in Hülsenfrüchtchen-Sprech zu sagen) – in einen, wie Bolle das nennt, Journalismus 2.0 verzwergt.

Lang, lang ist’s her, da hatte sich Hugh Greene, seinerzeit BBC-Journalist und später dann Chef von‘t Janze, veranlaßt gesehen, sich wie folgt zu äußern:

Nennen Sie mir ein Land
wo Journalisten und Politiker sich vertragen,
und ich sage Ihnen:
Das ist keine Demokratie.

Das war 1948. Nun ist Hugh Greene nicht irgendwer. Seinerzeit war er damit beauftragt, in den nördlicheren Gefilden von Nachkriegsdeutschland einen Rundfunk aufzubauen, der sein Salz auch wert ist – also das direkte Gegenteil von Hofberichterstattung. Dabei gilt er manchen nachgeradezu als „Vater“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – diesmal ausnahmsweise nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course.

Aber bleiben wir sachlich. Man könnte, um es auf den Punkt zu bringen, die Journalismen 1.0 und 2.0 anhand ihrer ganz grundsätzlichen Motivation auseinanderhalten:

Journalismus 1.0: Schreiben, was  i s t .
Journalismus 2.0: Schreiben, was  s o l l .

Ersteres entspricht natürlich Rudolf Augsteins Diktum, of course. Letzteres läuft darauf hinaus, was der jeweilige Journalist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) für wünschenswert hält. Im Lichte der Drei Töchter der Philosophie haben wir es hier also mit einem Unterschied zu tun, der wirklich einen Unterschied macht – dem Unterschied nämlich zwischen Schwester Logik und Schwester Ethik.

Die drei Töchter der Philosophie.

N o c h  größer könnte eine Kluft kaum sein. Da liegen wirklich Welten zwischen. Und wenn dann noch ein ebenso penetranter wie – wie soll man sagen? – dümmlicher Kuschelkurs mit den jeweils Mächtigen hinzukommt, ist das Faß vollends am Überlaufen.

Nun – der Journalismus 2.0 hat hierzulande mächtig überhand genommen in den letzten Jahren. Bolles ehrlichste Umschreibung für Public Relations beziehungsweise „Öffentlichkeitsarbeit“ ist ja schlicht und ergreifend ›Meinungsmache‹. Das hören die PR-Leute natürlich nicht gerne, of course. Gleichwohl scheint es Bolle so zu sein. Wenn sich aber die Journalisten 2.0 auch nur noch als Meinungsmacher verstehen statt als Tatsachenberichterstatter, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn zumindest der aufgewecktere Teil des Volkes ihnen kein Wort mehr glauben mag. Da nützt es auch nichts, großspurig von „Haltungsjournalismus“ zu fabulieren. Nein, das ist schlicht und ergreifend Gesinnungsjournalismus – und damit  g a r   k e i n  Journalismus, zumindest nicht im Sinne des Wortes. So etwas geht natürlich nie gut – jedenfalls nicht auf Dauer. Und so hatten wir letzte Woche, eher beiläufig, den Journalismus 3.0 erwähnt. Dessen Motivation:

Journalismus 3.0: Endlich wieder sagen, was ist – auch und gerade dann, wenn es so mancher nur höchst ungern hören mag.

Hierbei handelt es sich ganz offensichtlich um das Bestreben, sich der Hugh-Greene-Doktrin allmählich wieder anzunähern. Bolle jedenfalls fühlt sich nach zehn Minuten Journalismus 3.0 – inklusive einiger N:N-Medien wie etwa TwitteX, of course – sehr viel ehrlicher und gründlicher informiert als nach, sagen wir, zehn Stunden Journalismus 2.0. Informiert – nicht indoktriniert!

Aber ist das auch alles wahr, was man da zu hören kriegt? Hier sind wir unversehens beim Menschenbild: Bolle ist es weder Ziel noch Anspruch, die Wahrheit mundgerecht serviert zu bekommen. Was Bolle für wahr hält, möchte er bitteschön selber entscheiden – und zwar auf Grundlage aller auf die Schnelle verfügbaren Informationen. Vorgekaut ist was für Kühe – und als solche sieht Bolle sich nicht an. Wie heißt es doch so schön: Nur selber denken macht schlau. Oder, wie Kant es gesagt hätte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn.

Unser Bildchen übrigens zeigt die sogenannte Boston Tea Party – ein seinerzeit medial äußerst geschickt in Szene gesetztes Aufbegehren gegen das, was man im fernen London für gut und richtig hielt. Die Siedler in der Neuen Welt wollten von ihren zurückgebliebenen Landsleuten nämlich nicht länger ans Händchen genommen werden. Vor allem wollten sie dafür nicht auch noch bezahlen müssen. Bolle meint: die Parallele zum heutigen Rundfunkbeitrag ist nachgeradezu frappant.

Übrigens sind es ausschließlich Indianer, die die Teekisten sabotagemäßig über Bord werfen. Natürlich hatten die Indianer, egal welche, mit den Händeln zwischen Siedlern und Kolonialmacht rein gar nichts zu tun. Tatsächlich handelte es sich dabei um brave Bostoner Bürger in Camouflage, weil man offenbar damals schon aus sehr, sehr guten Gründen nicht viel von einer Klarnamenspflicht hielt. Von wegen „Augenhöhe“. England war groß und seine Justiz mächtig. Die Siedler waren nolens volens eher Untertanen. Wie sich doch die Bilder gleichen! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-02-26 Freie Rede oder Beiß weg, den Scheiß!

Auf den Punkt.

Wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) erst mal an der Macht ist, möchte er da gerne bleiben. Am liebsten natürlich für immer, of course. Versteht man ja. Wo sonst, wenn nicht an der Macht, könnte man sich so persistent in der erhebenden Gewißheit sielen, so viel gleicher zu sein als gleich? (Bolle featuring Orwell 1945: Farm der Tiere).

Allein – ein bißchen was muß man schon tun, an der Macht. Sonst fliegt die Chose auf. Nicht unbedingt sofort – aber irgendwann dann schon. Ein Machthaber – nennen wir ihn so, obwohl es sich dabei eigentlich um ein Oxymoron handelt – hat demnach regelmäßig genau eine Aufgabe und zwei Ziele. Die Aufgabe und das erste Ziel besteht darin, Probleme zu lösen oder – falls das nicht möglich sein sollte – die Probleme zumindest loszuwerden. Das zweite, unausgesprochene Ziel – so ist das bei Machthabern nun mal – besteht darin, möglichst lange an der Macht zu bleiben. Mit der designierten Aufgabe hat das natürlich wenig bis gar nichts zu tun.

Was aber, wenn einer auf Stelzen für die Sache dennoch zu kurz ist (Eiselein 1840)? In früheren, namentlich monarchistischen Zeiten blieb dem Volk nichts weiter über als Hoffen und Harren. Was sonst soll man machen? Der nächste König kommt bestimmt. Es lebe der König! Vielleicht wird dann ja alles besser. Heute dagegen, in postaufklärerischen Zeiten, könnte man zu kurz geratene Machthaber einfach abwählen. Könnte man.

Damit das nicht passiert – und das soll es ja nicht: schließlich wäre es ein krasser Verstoß gegen Ziel Numero Zwo –, haben sich bei den Machthabern dieser Welt im wesentlichen zwei Vorgehensweisen herausgemendelt.

Die erste Strategie: Statt Probleme zu lösen, werden sie einfach ignoriert – um nicht zu sagen: weggelächelt. Probleme? Was denn für Probleme? Garniert wird das ganze meist mit einem leutseligen Appell ans Volk, man möge dem Machthaber doch bitteschön Vertrauen schenken. Alles werde gut! Damit kommt man erfahrungsgemäß schon ziemlich weit – zumindest beim naiveren Teil des Wahlvolkes. Natürlich ist es an dieser Stelle wichtig, daß man genug Claqueure in den Redaktionsstuben sitzen hat. Das aber ist – den entsprechenden Zeitgeist vorausgesetzt – ein vergleichsweise geringes Problem.

Was aber, wenn Weglächeln auf Dauer nichts nützt? Wenn sich also immer unverhohlener zeigt, daß man der Sache einfach nicht gewachsen ist? Nun – dann greift Strategie Numero Zwo: Kill the messenger! Werden wir brutal! – wie es in ›Streit um Asterix 1970 schon heißt. Oder, mit Bolles derbem Binnenreim: Beiß weg den Scheiß! Natürlich sagt das so keiner. Man sagt es in bester EvE-Manier (Edel versus Eigentlich – also die eigentlichen Motive in höchst edle Verpackung gehüllt). Natürlich möchte man niemanden wegbeißen. Man möchte lediglich helfen, retten, schützen – aktuell zum Beispiel die Jugend. Auch hier könnt‘ Bolle kotzen, of course.

Wir hatten vor Jahren schon mal darauf hingewiesen, daß es sich bei „unserer“ Demokratie um eine Staatsorganisationsform mit institutionalisiertem Partizipations-Placebo handeln könnte (vgl. dazu Mi 14-12-22 Das vierzehnte Türchen … ). Auch hatten wir seinerzeit Henry Fords Bonmot erwähnt – und zwar gleich im Schildchen:

Ein Geheimnis des Erfolges ist es,
den Standpunkt des anderen
verstehen zu können.

Was aber, wenn der Standpunkt nur stört? Wenn der Standpunkt des anderen Ziel Numero Zwo ernstlich in Bedrängnis bringt? Dann ist Bolles derber Binnenreim wohl das Beste, was man tun kann: Beiß weg den Scheiß!

An dieser Stelle ist der Journalismus 3.0 – also das, was man nur auf YouTube und ähnlichen Kanälen von noch nicht eingebetteten Journalisten zu sehen und zu hören bekommt, selten aber in den Öffis – natürlich höchst hinderlich. Folglich sollte er tunlichst und nach Kräften unterbunden werden. Und so ist es nur natürlich, daß zur Zeit mit Fleiß eben genau daran gearbeitet wird.

Die Sache ist doch folgende: Wollen wir auf den Wettbewerb der Ideen vertrauen, wie das in den attischen Ekklesien – also den Vollversammlungen all jener, die die Sache was anging – vor 2.500 Jahren schon bewährte Praxis war? Oder wollen wir eine von den Machthabern einmal erkannte Wahrheit einkästeln, konservieren und gegen Anfechtungen aller Art nach Kräften immunisieren? So formuliert, beantwortet sich die Frage von selbst. Ein Wermutstropfen aber bleibt – zumindest aus der Sicht der Mächtigen. George Orwell hat es seinerzeit zeitlos knapp formuliert (siehe unser Schildchen oben):

Freie Rede heißt,
daß ich was sagen darf,
was Du nicht hören willst.

Könnte ja sein, daß ich Recht habe damit. Könnte aber auch sein, daß ich mich irre. Allein das mendelt sich absehbar raus. Bei freier Rede ist das so. Dem Wohl des Staates dient es allemal. Aber sagt das mal den Mächtigen mit ihren Pattex-Ärschen – wie man Ziel Numero Zwo etwas derbe, aber bitteschön, auch umschreiben könnte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus

Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit … (Symbolbild, of course / Penguin 2017).

„Lieber Genosse Stalin“, hob Chruschtschow an. „Ich würde vorschlagen, daß das, was dort passiert ist, einfach nicht passiert ist. Ich würde vorschlagen, daß Wladiwostok sofort von der Umwelt abgeschlossen wird, daß wir die Stadt geduldig wiederaufbauen und sie zur Basis für unsere Pazifikflotte machen, genau wie Genosse Stalin es geplant hat. Doch das Wichtigste ist: Was dort passiert ist, ist nicht passiert. Alles andere würde eine Schwäche verraten, die zu verraten wir uns nicht leisten können.“

So liest es sich in Jonas Jonassons ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ (2009). Die Szene muß sich am 4. März 1953 abgespielt haben – dem Vorabend von Stalins Tod. Allan Karlsson, der Held der Handlung, hatte – obwohl an sich äußerst genügsam – nach gut fünf Jahren sibirischen Lagerlebens das Schnäuzchen gestrichen voll, weil man, wie er meinte, da ja nicht mal irgendwo einen Schnaps bekäme. Und ein Schlückchen Schnaps  gelegentlich – sei es Brännvin, sei es Wodka – wollte ihm durchaus nicht übertrieben dünken. So beschloß er, etwas zu unternehmen. Sein Plan sah vor – Allan war autodidaktischer Meister im Umgang mit Sprengstoffen aller Art bis hin zur Atombombe –, das Lagerleben ein wenig aufzumischen und das sich dabei hoffentlich ergebende Tohuwabohu zur Flucht zu nutzen. Zwar war der Plan nicht wirklich ausgereift – hatte aber, aufgrund einer Verkettung äußerst glücklicher Umstände, trotzdem prächtig funktioniert. Und so kam es, daß nicht nur der gesamte Gulag in Flammen aufging, sondern ganz Wladiwostok (wörtlich: ›beherrsche den Osten‹) gleich mit. — Das war aus Sicht der sowjetischen Führung natürlich sehr, sehr unschön. Allein, Genosse Chruschtschow wußte Rat. Und so kam es zu der oben geschilderten Szene.

Überhaupt kann Bolle sich des Eindruckes nicht erwehren, daß es den Herrschenden dieser Welt ein probates Mittel zu sein scheint, Unliebsames schlicht und ergreifend wegzulügen. In Diplomatenkreisen hat sich dafür übrigens ganz offiziell der Begriff ›dementieren‹ eingespielt – was (von franz. mentir ›lügen‹) wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutet.

Dabei macht Dementieren aber vor allem dann und eigentlich nur dann Sinn, wenn man mit Fug und Recht erwarten kann, daß einem so schnell keiner auf die Schliche kommt – oder jedenfalls erst dann, wenn die Karawane längst weitergezogen ist. Kurzum: Chruschtschow und die Seinen konnten sich das leisten. Vielleicht war es sogar die klügste Option.

Sich aber – wie dieser Tage erst geschehen – in eine prominente Schnatterrunde (vulgo: Talkshow) zu setzen, dort von „Kontrolle“ (sprich: Zensur) beziehungsweise gar von einem Verbot unliebsamer Medien zu salbadern – um der verblüfften Öffentlichkeit hinterher dann zu erklären, daß das, was da passiert ist, gar nicht passiert sei –, das ist noch mal ganz was anderes. Mit der altehrwürdigen Kunst diplomatischen Dementierens hat das nicht mehr viel zu tun. Eher zeugt es – wie soll man sagen – von einem geradezu unerschütterlichen Urvertrauen in die Kraft des Konstruktivismus: Was lange währt, wird schließlich wahr. Man muß es nur oft genug und entschieden genug wiederholen. Oder, wie Simone Solga meinte: Die Phrase ist ihr eigener Beweis. Spötter behaupten gar, es fehle nicht mehr viel und demnächst werde es sogar heißen, man sei überhaupt nie in der Talkshow gewesen. Bei Stalin und Genossen wurde man schließlich auch gerne mal aus alten Photos einfach rausretuschiert. Bolle meint nur: Wegg is wegg!

Nun – jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), der’s gesehen hat, hat es nun einmal gesehen. Und wer’s nicht gesehen hat – oder meint, seinen eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu können: Wir haben Videobeweis! Das ist einer der Vorzüge des 21. Jahrhunderts. Man kann sich die einschlägige Szene wieder und wieder angucken – wobei man allerdings tunlichst auf die (auch nur knapp vier Minuten lange) ungeschnittene Version achten möge, of course. Sonst leidet die Wahrhaftigkeit doch sehr: Mit Schnittern ist gut Klittern – wie eine alte Journalistenweisheit weiß. Denken wir nur an Mr. Trumps angeblichen ›Sturm auf das Kapitol‹ seinerzeit, der sich, allerdings erst Jahre später, als rein medial mächtig multiplizierter BBC-„Schnittfehler“ herausgestellt hatte. Und wer’s dann immer noch nicht glauben mag: der möge halt selig werden mit seiner ganz speziellen mappa mundi. Ein Staat zu machen ist mit solchen Leuten dann wohl aber eher nicht.

Und? Was hätte Genosse Chruschtschow seinem Stalin unter diesen Umständen wohl geraten? Wir wissen es nicht. Obiges aber wohl sicher nicht. Genosse Chruschtschow war schließlich nicht dumm. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 18-01-26 L’État c’est moi oder Wir sind das Volk

Der Ludewig, der Ludewig … (Hyacinthe Rigaud 1701).

Nachdem unser letztes Sonntagsfrühstückchen ja etwas exzessiv geraten war – allein was will man machen? – wollen wir es heute wieder etwas ruhiger angehen lassen. Damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt (vgl. dazu So 05-10-25 Drama Queen).

Die Absolutisten sind zurück. In aller Pracht und Herrlichkeit. Dabei klingt ›Absolutisten‹ durchaus um einiges gefälliger als etwa ›Totalitaristen‹ oder gar ›Faschisten‹ – Begriffe, die einem in diesem Zusammenhang durchaus auch einfallen könnten, die aber viel zu finster sind, of course. Darum zieht es Bolle ja ohnehin vor, nur noch von Schafisten zu reden – mit ihrem Credo ›Alle sollen gleich sein wollen‹ (ausführlicher dazu So 22-06-25 Der Faschismus ist tot – Es lebe der Schafismus!). Ein Absolutist jedenfalls ist einer, der sich zu unumschränkter Herrschaft berufen fühlt – absolut eben. Fragt Ludewig, den Vierzehnten, von Frankreich und Navarra (1638–1715), der ja wohl bis heute unbestritten als der Primus inter Pares auf diesem Felde gelten darf.

Natürlich gibt es immer auch Häretiker, die das alles so nicht glauben wollen. So hatte es Ludewig seinerzeit anfänglich mit ernstlicher Opposition des französischen Adels zu tun – also Leuten, die so ganz und gar nicht konform gehen wollten mit den Ambitionen des angehenden Sonnenkönigs. Die Frondeure (wie sie alsbald heißen sollten) frondierten – gaben ihren Mißmut gegen Hof und Herrschaft also öffentlich kund. So etwas geht natürlich gar nicht, of course, wie Ludewig derzeit befand.

Seinerzeit übrigens hatte sich die Herrlichkeit des Absolutisten aus der Idee des Gottesgnadentumes abgeleitet. Wer ganz dolle mit Gott ist, der sollte kleinlicher weltlicher Kritik natürlich enthoben sein, of course. Bolle findet, das leuchtet ein.

Dabei läßt sich die Idee des Gottesgnadentums zurückverfolgen bis zu dem spätrömischen Kaiser Konstantin (ca. 279–337 n. Chr.). Unmittelbar vor einer wichtigen Schlacht soll ihm am Himmel ein leuchtendes Kreuz erschienen sein, verbunden mit der Aufmunterung: In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst Du siegen. Und so war es denn auch. Konstantin war fasziniert und wurde gewissermaßen der erste Kreuzritter im Namen des Herrn (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course).

So richtig Fahrt aufgenommen hat das Gottesgnadentum dann aber erst im 8. Jahrhundert mit den Karolingern, die darin eine treffliche Begründung ihrer eigenen Legitimität erkannt hatten – um dann schließlich von Ludewig zu voller Herrlichkeit entfaltet zu werden. Der Idee den vorläufigen Garaus gemacht hatte erst Napoleon Bonaparte (1769–1821) – ein dahergelaufener korsischer Parvenu, der so rein gar nichts Gottesgnadenhaftiges an sich hatte. So kann’s gehen, wenn man im falschen Bett geboren ist – also nicht „von Familie“, wie das damals hieß.

Natürlich funktioniert Gottesgnadentum nur, wenn und solange man es mit Schäfchen zu tun hat, die im Prinzip auch an die Hölle glauben. Das ist heute ganz überwiegend nicht mehr der Fall. Heute gibt es dafür so etwas wie ein Guru-Gnadentum. Zu diesem Behufe wurde – Bolle vermutet hier eine Meisterleistung unbewußter Schwarmintelligenz – eigens „die Wissenschaft“ als neue Hüterin ewiger Wahrheit und Wahrhaftigkeit ausgerufen. Wehe, einer wage es, dagegen etwas einzuwenden. Spätestens seit Corönchen (2020–2023) wissen wir: „Team Wissenschaft“ hat immer Recht. Das wiederum kann – völlig analog – nur funktionieren, wenn und solange die Leute an ihre eigene Unvernunft glauben. Allein dem scheint ja so zu sein. Soviel zur Aufklärung mit ihrem ›sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn!‹. Doch das nur am Rande.

Kurzum: Absolutisten sind Leute, die meinen, wenn schon nicht die Weisheit, so doch zumindest die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben. Widerspruch ist zwecklos – wie das etwa ein Borg (aus der Star-Trek-Mythologie) wohl formulieren würde. Im übrigen wäre Widerspruch natürlich auch häretisch und völlig unangemessen, of course. Schaut Euch um auf dieser Welt: Sie sind absolut unter uns, die Absolutisten – nebst Hofstaat samt Gefolge. Und das im 21. Jahrhundert.

Einen Unterschied zu damals gibt es allerdings doch: Während es die Leute im 17. Jahrhundert nur mit einem einzigen Sonnenkönig zu tun hatten, der tunlichst nicht zu kritisieren und schon gar nicht zu beleidigen war, haben wir es heute mit scharenweisen Sonnenkönigen zu tun – heißt es doch im kürzlich erst frisch renovierten Majestätsbeleidigungsparagraphen ausdrücklich: Das politische Leben des Volkes reicht bis hin zur kommunalen Ebene (§ 188 Abs. 1, Satz 2 StGB). Also Obacht, Ihr Frondeure! Paßt bloß uff! Big Bürgermeister is watching you. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.