Do 23-12-21 Das dreiundzwanzigste Türchen …

Wirklich wahr?

Laßt uns heute – gegen Ende unseres kleinen virtuellen Adventskalenders – noch einmal unser Spielbrett von vor fast zwei Wochen (vgl. Fr 10-12-21 Das zehnte Türchen …) aufklappen.

Dabei wollen wir weiterhin davon ausgehen, daß etwas für einen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) subjektiv wahr sein kann („true“) oder auch nicht („false“). Das zu ermitteln ist relativ easy: Man muß einfach nur fragen – zum Beispiel:

Wenn die Jugend von heute eine Straße wäre:
Wäre sie dann eher die A7 oder die B27?

Selbst auf solche Fragen finden die meisten Leute allen Ernstes eine Antwort – man mag es glauben oder nicht. (Bolle lieebt ja Selbstbezüglichkeiten). Nur einzelne Agnostiker werden mit einem fröhlichen „me“ antworten: „Wer bin ich, das zu entscheiden? Frag mich was leichteres.“

Das wirft natürlich kein gutes Licht auf das Meinen (im Sinne von subjektiver Wahrheit). Hier ist in der Tat alles möglich: Vom ›Ruf aus dem Gulli‹ („ick finde aber …“) bis hin zum wohlbegründeten Theorem (im erweiterten Sinne von ›Lehrmeinung‹). Immerhin: Hier tut sich ein gigantisches Feld für ebenso inbrünstige wie witzlose Endlos-Debatten auf. Ein demütiger Agnostiker geht da glatt unter im Gewühle.

Damit bleiben im wesentlichen zwei Fragen offen. Erstens: Wie steht es um die objektive Wahrheit, also „pos“ bzw. „neg“? Ist wenigstens hier alles zum Besten bestellt – wie manche zu wissen meinen, mitunter gar auf dem Niveau eines Theorems? So formuliert läßt die Frage schon Unheil erahnen. Zweitens und vor allem aber: Warum sind nicht viel mehr Leute agnostisch drauf? Woher dieses geradezu verzweifelte Bedürfnis nach „Wahrheit“? Bolle meint ja immer: Wahrheit oder vanitas – das ist hier die Frage. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Fr 10-12-21 Das zehnte Türchen …

Glauben und Wissen.

Heute wollen wir nicht mehr tun als uns mit einem kleinen agnostisch-kontemplativen Verwirrspiel vertraut zu machen. Sinn vons janze ist natürlich, wie immer, ein Lichtlein anzuzünden, statt über die Finsternis zu klagen. Und das paßt doch aufs feinste zur Adventszeit der Christenmenschen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course).

Hier unser Spielbrett:

Wirklich wahr?

Ein kleiner Hinweis: Wir ersetzen »Glauben« durch ›subjektiv wahr‹ und »Wissen« durch ›objektiv wahr‹ und gehen davon aus, daß es jeweils nur zwei Möglichkeiten gibt: ›Ist so‹ oder ›ist nicht so‹, also „true“ oder „false“, was den Glauben angeht, bzw. „pos“ oder „neg“, was das Wissen angeht. Und schon sind wir einen Schritt weiter.

Dabei ergeben sich zunächst genau vier Möglichkeiten: Wir können richtig liegen (konsistent), „true / pos“ bzw. „false / neg“, oder wir können falsch liegen (fehlerhaft), „true / neg“ bzw. „false / pos“.

Wem das noch nicht reicht, der mag das Spielfeld erweitern um die Möglichkeiten „me“ bzw. „mu“. Dabei steht „me“ für individuelle Agnostik: „Wer bin ich, diese Frage zu beantworten?“, und „mu“ steht für universelle Agnostik: Das Universum höchstselbst traut sich nicht so recht eine Antwort zu.

Kann sowas sein? Aber ja doch. Bei Schrödingers Katze, zum Beispiel. Aber das ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Mo 16-11-20 Wirklich wahr?

Der trichotomisierte Wahrheitsraum
Wahrheitsraum trichotom

Hier Bolles trichotomisierter Wahrheitsraum. Alles drinne — von Verschwörungsopfern über Verblödungsopfer — die sich ihre fehlerhafte Sicht der Dinge teilen – bis hin zu Gläubigen und Ungläubigen, die sich mit Fug und Recht ihren Hochmut teilen. Mehr dazu in Kürze …

Do 17-10-19 Homöopathie

Ein Basis-Grüner aus Berlin hat beantragt, den Krankenkassen die Kostenerstattung für das alternative Heilverfahren zu untersagen. Die Globuli-Behandlung sei – wir sagen das jetzt mal mit unseren Worten – reiner Hokuspokus.

Gefunden in der Tagesspiegel Morgenlage. Mit dem „alternativen Heilverfahren“ ist die Homöopathie gemeint. Unser „Basis-Grüner“ führt aus:

Die Grünen hingegen seien eine Partei, die wissenschaftliche Fakten hoch hielten. Also: Schluss mit den Kassenzuschüssen in zweistelliger Millionenhöhe.

Was können wir uns unter „wissenschaftlichen Fakten“ vorstellen? Erstens die Kenntnis von Tatsachen (zum Beispiel „Leute haben eine Leber“ oder „Es gibt Ethanol“) sowie Wissen um Zusammenhänge (zum Beispiel „Wenn eine Leber mit zu viel Ethanol in Kontakt kommt, dann tut ihr das nicht gut“). Beides halten wir für gegeben, wenn hinreichend viele Fachleute die Tatsache oder den Zusammenhang für zutreffend halten. So etwas nennt man vorsichtigerweise „intersubjektiver Konsens“ bzw., weniger vorsichtig, „Objektivität“. Daß sich alle Fachleute völlig einig sind, kommt dabei eigentlich nie vor – nicht einmal beim Klimawandel. Das Gegenstück zu einem wissenschaftlichen Zusammenhang nennen wir seit alters her „Magie“ – oder, deutlich herablassender, eben auch „Hokuspokus“: Wir stellen fest, daß es einen Zusammenhang gibt, können ihn uns aber nicht erklären. Wissenschaftlich gesehen gibt es an dieser Stelle genau 4 Fallkonstellationen:

(#1) Etwas funktioniert – und wir wissen warum. Damit fühlen wir uns am wohlsten, weil es sowohl unser Orientierungsbedürfnis als auch unser Bedürfnis nach Situationskontrolle befriedigt.

(#2) Etwas funktioniert – und wir wissen nicht warum. Hier scheiden sich die Geister. Während a) die einen sagen „Hauptsache, es funktioniert“, treibt das b) andere, also Leute mit ausgeprägterem Orientierungsbedürfnis, schier in den Wahnsinn.

(#3) Etwas funktioniert nicht – und wir wissen warum. Das ist zwar nicht schön – aber wenigstens ist unser Orientierungsbedürfnis befriedigt. Mit etwas Glück und Können läßt sich dieser Zustand nach (#1) überführen. Das nennt man dann „Problemlösung“. Techniker und Handwerker („applied sciences“) machen so etwas jeden Tag.

(#4) Etwas funktioniert nicht – und wir wissen nicht warum. Das ist der unerquicklichste aller Zustände: Er beleidigt sowohl das Orientierungsbedürfnis als auch das Bedürfnis nach Situationskontrolle.

Nun läßt sich unser „Basis-Grüner“ ohne Umschweife und wissenschaftlich sauber der Kategorie #2 b) zuordnen. Was tun, sprach Zeus? Hier ergeben sich im wesentlichen genau 3 Möglichkeiten:

a) Rausfinden, warum es funktioniert. Das wäre eine Überführung nach (#1). Allerdings ist das meist nicht ganz einfach zu bewerkstelligen – schon gar nicht für einen Politiker.

b) Leugnen, daß es funktioniert. Das aber wäre, weil kontrafaktisch, im Kern unwissenschaftlich.

c) Hinnehmen, daß die Fallkonstellation (#2) existiert. Das wäre eine Überführung von #2 b) nach #2 a).

In seiner Not hat sich unser „Basis-Grüner“ offenbar für die Variante b) entschieden und damit für die „unwissenschaftlichste“ aller Möglichkeiten. Kiek ma eener an! Nun ist es so, daß Leute mit ausgeprägtem Orientierungsbedürfnis nicht nur jede Form von „Magie“ ablehnen müssen – so etwas würde sie, wie oben formuliert, schier in den Wahnsinn treiben. Überdies müssen sie – nach dem Motto „alle sollen gleich sein wollen“ – das bescheidenere und wissenschaftlich saubere Konzept intersubjektiven Konsenses geringschätzen und statt dessen das Panier „objektiver Wahrheit“ hochhalten. Dabei merken solche Leute offenbar nicht einmal, daß sie damit schon wieder den Boden der „Wissenschaftlichkeit“ verlassen.

Kurzum: Unser Basis-Grüner verhält sich in zweifacher Hinsicht „unwissenschaftlich“ – und das ausgerechnet im Namen der Wissenschaften. Der Tagesspiegel nennt das übrigens, und zwar völlig zutreffend, einen „Glaubenskrieg“. Bolle meint: Geht’s noch? Aber das ist ein anderes Kapitel.