
Der Klügere gibt nach. So wurde es Bolle seinerzeit zwar nicht gerade in die Wiege gelegt – aber immerhin doch in jungen Jahren schon nahegelegt. Allein das wollte ihm noch nie so recht einleuchten – zumindest nicht in dieser Apodiktik.
Wenn nämlich der Klügere sich das Nachgeben zur Regel macht – zunächst natürlich nur in Kleinigkeiten, dann, aus reiner Gewohnheit, womöglich in nicht ganz so kleinen Kleinigkeiten, und das dann so weiter –, dann bedeutet das nichts anderes als dies: Der Dümmere – um mal den Gegensatz zum ›Klügeren‹ sprachlich klar zu fassen – setzt sich durch. Was aber passiert, wenn sich die Dümmeren regelmäßig durchsetzen – zunächst im Klitzekleinen, dann im nicht mehr ganz so Kleinen, und schließlich und letztlich dann eben auch in der großen Politik beziehungsweise „gesamtgesellschaftlich“ – um hier mal ein beliebtes Modewort aufzugreifen? Nun, dann landen wir genau da, wo wir zur Zeit stehen. Zumindest ist das der Eindruck, den man haben kann.
Nun hegt Bolle seit langem schon die Vermutung, daß sich eine solche Abstufung ohne viel Federlesens nahtlos auf die Trias Sprache, Verfassung, Demokratie übertragen läßt. Mit der Sprache fing es an. An dieser Stelle könnte Bolle glatt lyrisch werden und es mit Reinhard Meys ›Das Geheimnis im Hefeteig oder der Schuß im Backofen‹ (1971) fassen:
🎶 Soweit ich mich noch erinnern kann
Fing alles mit unsrer Sprache an
Unsrer Gaga-Sprache, genauer gesagt
Mit Eifer und Verve in die Menge gequakt 🎶
Was alles man angeblich nicht mehr sagen darf … Warum eigentlich nicht? Wer legt das denn fest, das Unaussprechliche? Die Duden-Redaktion? Die tun zumindest so. Bolle aber fragt sich ebenso bieder wie ganz grundsätzlich: Warum nur, warum? In erster Näherung könnte man, featuring Bob Dylan 1963, vielleicht sagen:
Die Antwort, mein Kind,
Weiß ganz allein der Wind.
Die Antwort weiß ganz allein der Wind.
Bei näherem Hinsehen scheint aber kaum minder klar: Weil die Leute es mit sich machen lassen. Der Klügere gibt nach! Für Bolle indes ist das natürlich kein Kriterium, of course. Und so bestellt er sich zuweilen fröhlich, frisch und fromm sein „Cindy-und-Roman“-Schnitzel – und empfindet sich dabei als durchaus dem Zeitgeist entgegenkommend. Natürlich weiß kein Mensch, was das sein soll – schon gar nicht bei Bolle im Dörfchen. Allein Bolle weiß sich zu helfen: Ein Schnitzel mit Letscho tut’s auch. Im Prinzip ist das das gleiche – nur weiß ein jeder, was gemeint ist. Hier jedenfalls. Woanders mag das anders sein.
Allein warum in aller Welt sollte ein Zigeuner (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich beleidigt fühlen, wenn etwas so leckeres wie ein Cindy-und-Roman-Schnitzel seinen Namen trägt? Im Volksmund heißt es: Dummheit und Stolz // Wachsen am gleichen Holz. Vielleicht gibt es ja einen ganz analogen Zusammenhang zwischen Beleidigte und Leberwurst? – wobei die Leberwurst hier als Chiffre für das Schnitzel dienen mag. So zumindest geht Bolles Vermutung.
Nun, Bolle hält das alles für einen Fall von postkognitivem Imperialismus. Dabei wollen wir unter ›Imperialismus‹ nicht mehr verstehen als das oft aggressive Streben tatsächlich oder vermeintlich herrschender Kreise nach Durchsetzung des von ihnen für wahr und richtig Befundenen. Verstehen wir unter ›kognitiv‹ so viel wie ›verstandesmäßig, erkenntnisbezogen‹ (von lat. cognitio ›Erkenntnis‹), dann bietet sich für ›postkognitiv‹ eine Umschreibung wie etwa ›das Verstandesmäßige hinter sich lassend, das Gute, Schöne – wenngleich auch meist nicht Wahre – anstrebend‹ nachgeradezu an. Und da wären wir wieder bei ›Der Klügere gibt nach – die Herrschaft den weniger Klugen überlassend‹.
Und weil das mit dem Imperialismus im Bereich ›Sprache‹ bislang so schön geklappt hat: Was liegt da näher, als es auf weitere wichtige gesellschaftliche Bereiche auszudehnen? Naheliegend sind da in der Tat die Verfassung und – let’s go crazy – die Demokratie an sich. Bolle ist und bleibt verwundert, wie man, ohne im geringsten rot zu werden, „unsere“ Sprache auf „unsere“ Verfassung beziehungsweise gar „unsere“ Demokratie ausdehnen kann. „Allet unser! Ham wa jepachtet.“ Bolle is baff – das kann man wohl kaum anders sagen. Darauf angesprochen gibt er – eher ungern, aber immerhin – zu, daß es mit seinem ›Wie fühl’ ick mir am besten ein in Hülsenfrüchtchens Lebens- und Erlebenswelt?‹-Projekt noch immer weiß Gott nicht zum Besten bestellt ist. Allein er arbeitet dran. Wäre ja gelacht.
Mit Hegels (1770–1831 / siehe unser Bildchen) These/Antithese-Dingens jedenfalls hat das alles wohl nicht allzu viel zu tun. Von Synthese jetzt mal ganz zu schweigen. Das gemeine Hülsenfrüchtchen (Leguminella vulgaris) – so zumindest Bolles Eindruck – fühlt sich ja schon überfordert, wenn es eine Gegenthese überhaupt nur „aushalten“ muß (um mal den zur Zeit dafür landläufig-geläufigen Ausdruck zu verwenden). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.










