
Ein Thema, zu dem Bolle schon immer mal was sagen wollte, ist Wettbewerbsfähigkeit. Wenn also irgendein hochgespülter Geselle (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) aus der clique politique sich hinstellt und dem Volke vollmundig verkündet, Deutschland müsse endlich wieder „wettbewerbsfähig“ werden – übrigens habe man das natürlich längst „auf den Weg gebracht“, of course – dann klingt das erst mal gut. Soll es ja auch. Aber ist es auch wahr?
Der Sinn von Wettbewerbsfähigkeit liegt darin begründet, daß eine Volkswirtschaft bestimmte einzelne Güter besser – gemeint ist eigentlich billiger – herstellen kann als ein anderes Land, und diese Güter dann zum beiderseitigen Vorteile tauschen kann – und zwar gegen Güter, die, tout au contraire, das a n d e r e Land besser beziehungsweise billiger herstellen kann. Daß ein Land a l s G a n z e s „wettbewerbsfähig“ sein kann, ist also schon im Kern unsinnig. Es sind immer einzelne Güter oder bestenfalls einzelne Sektoren (Automobil, Chemie, Werkzeugmaschinen, etc.), die wettbewerbsfähig sind – oder eben nicht.
Dabei ist ›Wettbewerbsfähigkeit‹ nichts weiter als das Verhältnis („geteilt durch“) eines Marktpreises, der sich, wie auch immer, eingespielt hat und dem Preis, den einer für sein Produkt fordern muß, wenn er nicht pleite gehen will (eigener Preis). Im einfachsten Falle liegt der eigene Preis exakt beim Marktpreis: Für das Verhältnis ergibt sich dann genau 1 beziehungsweise, was das gleiche ist, 100%. Wir wären damit also nicht etwa „hundertprozentig wettbewerbsfähig“, wie der sprachliche Ausdruck das nahelegen würde, sondern eben nur gerade so. Liegt der eigene Preis dagegen zum Beispiel nur halb so hoch wie der Marktpreis, ergibt sich ein Verhältnis von 2 beziehungsweise 200%. Wir wären also locker wettbewerbsfähig. Liegt der eigene Preis, dritte Möglichkeit, dagegen doppelt so hoch wie der Marktpreis, dann ergibt sich ein Verhältnis von ½ beziehungsweise 50%. Eine Wettbewerbsfähigkeit von nur 50% bedeutet also, daß wir eben n i c h t wettbewerbsfähig sind – und lieber was anderes produzieren und tauschen sollten.
Aus rein didaktischen Gründen hat Bolle diesen Zusammenhang in unserem heutigen Mathildchen in „Klartext“ notiert – und darunter erst die gängige Definition in Symbolschreibweise. Warum notieren wir nicht immer gleich in Klartext? Nun, wenn einer oft mit derlei zu tun hat, ist es einfach lästig, immer alles auszuschreiben: ›WF‹ geht einem nun mal flotter von der Hand als jedesmal ›Wettbewerbsfähigkeit‹ schreiben zu müssen. Sagen wir so: man gewöhnt sich dran. Da wir uns hier aber weder daran gewöhnen wollen noch müssen, ist für unsere Zwecke die Klartext-Schreibweise wohl die geeignetere. Möge sie – neben den Luftballöngern, of course – dazu beitragen, unzweckmäßige Hemmungen, sobald man nur eine Formel sieht, ein wenig abzubauen. Im Grunde nämlich gibt es nichts, rein gar nichts, was wirklich kompliziert wär‘ auf der Welt, wenn man es versteht. Wie singt doch gleich der flotte Geist in Johann Strauß’ ›Zigeunerbaron‹ (1885)?
Ja, das alles auf Ehr,
Das kann ich und noch mehr,
Wenn man’s weiß ungefähr,
Ist’s nicht schwer − ist’s nicht schwer!
Auch mag das – so zumindest Bolles Hoffnung – den ein oder anderen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) davon abhalten, sich mit völlig sachfremden beziehungsweise gar abwegigen Fragen aufzuhalten – wie etwa: Sollte der Zigeunerbaron nicht lieber ›Cindy-und-Roman-Baron‹ heißen? Und der ›flotte Geist‹ nicht vielleicht ›Geist:in‹ oder ›Geist (m/w/d)‹? Wie’s scheint, gibt’s wirklich wenig, was manch gemeinem Hülsenfrüchtchen (Leguminella vulgaris) dann letztlich doch zu dumm wär’.
Allerdings – das wollen wir nicht vergessen – läßt sich in der Symbolschreibweise manches präziser notieren. So soll etwa das tiefgestellte ›i‹ daran erinnern, daß der Zusammenhang nur für jeweils irgendein (›i‹ wie ›irgendein‹) bestimmtes Gut gelten soll. Nicht, daß wir im Überschwange noch Äpfel mit Birnen vergleichen, also zwei völlig v e r s c h i e d e n e Güter. Das ›e‹ schließlich steht dafür, daß wir gegebenenfalls einen Wechselkurs zu berücksichtigen haben. Das leuchtet auch ein: Wenn sich mein eigener Preis in Euro bemißt, ich auf dem Weltmarkt aber zum Beispiel in Dollars wettbewerbsfähig sein will, dann muß ich natürlich wissen, wieviel Euros ein Dollar wert ist. Und der Doppelpunkt vor dem Gleichheitszeichen soll darauf verweisen, daß es nicht (empirisch) so „ist“ (wie etwa 3 · 3 = 9), sondern daß es lediglich zweckmäßigerweise (theoretisch) so definiert wurde. Das alles soll uns aber nicht weiter bekümmern – vor allem dann nicht, wenn ansonsten die Freude an der Einsicht in die grundsätzlichen Zusammenhänge verlorengehen würde.
Nehmen wir an, ein Land wie Costa Rica sei in der Lage, eine Containerkiste Bananen für 1.000 Dollar auf den Weltmarkt zu werfen. Deutschland könnte, wenn es nur wollte, ebenfalls Bananen produzieren: Schließlich gibt es Treibhäuser. Allerdings würde eine Containerkiste dann, sagen wir, vielleicht 20.000 Dollar kosten müssen (eigener Preis). Kurzum: Deutschland wäre, was Bananen angeht, n i c h t wettbewerbsfähig. Nach unserer Formel ergibt sich: 1.000 (Weltmarktpreis) geteilt durch 20.000 (deutsche Herstellkosten) macht 0,05 beziehungsweise 5%. Deutschland wäre also – rechnerisch, und praktisch sowieso – alles andere als wettbewerbsfähig, was Bananen angeht. Was aber irgendeine gegebene, zum Beispiel landwirtschaftliche Maschine angeht, verhalten sich die Dinge oft umgekehrt. Nehmen wir an, Deutschland könne eine solche Maschine zum Weltmarktpreis von 10.000 Dollar auf den Markt werfen. Costa Rica dagegen müßte dafür 100.000 aufwenden – falls es technisch überhaupt in der Lage wäre, eine solche Maschine zu bauen. Dann läge Costa Ricas Wettbewerbsfähigkeit bezüglich dieser Maschine bei 10.000 (Weltmarktpreis) geteilt durch 100.000 (costaricanische Herstellkosten) – macht 0,1 beziehungsweise 10%. Costa Rica würde also tunlichst auf die eigene Herstellung einer solchen Maschine verzichten und sie lieber gegen die Lieferung einer bestimmten Menge von Bananen eintauschen. Im Beispiel wären das 10 Containerkisten.
Was aber hat das mit uns zu tun? Nun, Industrieländer wie Deutschland wollen und müssen vornehmlich industriell hergestellte Güter anbieten – das legt allein der Name schon nahe. Industriell hergestellte Güter aber sind Güter, die – neben einer gehörigen Portion Ingenieurskunst und Facharbeiter-Fähigkeiten – mit vergleichsweise hohem Maschinen-Einsatz hergestellt werden. Maschinen aber brauchen vor allem eines: Energie. Wenn aber die Energiekosten vergleichsweise hoch liegen, dann liegen eben auch die Herstellkosten vergleichsweise hoch. Das bedeutet: der Preis, den ein inländischer Hersteller braucht, um wettbewerbsfähig sein zu können, liegt ebenfalls vergleichsweise hoch. Das wiederum bedeutet, daß es mit der Wettbewerbsfähigkeit für derartige Produkte dann nicht allzuweit her ist. Das aber heißt, daß der Hersteller weniger Gewinn erzielen kann oder aber gleich vom Markt fliegt – dann nämlich, wenn das Verhältnis von Weltmarktpreis zu eigenem Preis unter 100% fällt.
Noch krasser gestalten sich die Verhältnisse, wenn, im Extremfall, Energie überhaupt nicht zur Verfügung steht – zum Beispiel, weil es draußen dunkel ist und windstill und die Atomkraftwerke leider gesprengt wurden, ebenso wie die russischen Gas-Pipelines. Mit Konzepten wie ›Waschen, wenn der Wind weht‹ und ähnlichen hülsenfruchtigen Ideen ist es dann auch nicht mehr getan. Dann ist es eben Essig mit Tauschen – und hohe Zeit, sich energiesparend wieder mehr im Dichten und Denken zu üben – so wie früher, etwa im 18. Jahrhundert. Bolle sieht sie schon vor seinem geistigen Auge, die langen Gesichter nebst der Beteuerung, d a s habe man schließlich nicht wissen können. Habe man wohl! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.













