
Reisen bildet. So sagt man. Zum geflügelten Wort gemacht hat das in unseren Breiten Matthias Claudius (1740–1815) mit ›Urians Reise um die Welt‹ (1786). Dort heißt es:
Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen.
Drum nähme ich den Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.
Zum Ende des Gedichtes heißt es dann aber, ausgesprochen ausgenüchtert:
Und fand es überall wie hier,
fand überall ein’n Sparren,
die Menschen grade so wie wir,
und eben solche Narren!
Das kommt Bolle sehr entgegen. Von Haus aus eher reisefaul wie fast alle Urberliner hatte er sich schon immer mehr auf Zeitreisen verlegt. Natürlich nicht so wie in H. G. Wells‘ ›Zeitmaschine‹ (1895) oder Robert Zemeckis / Steven Spielbergs Trilogie ›Zurück in die Zukunft‹ (1985–1990). Eher ganz realistisch wie etwa in André Hellers ›Abendland‹ (1976):
Die bestürzende Möglichkeit der Verwandlungen meiner Figur
in andere Figuren und Schauplätze:
In den Von der Vogelweide,
Cervantes, Appollinaire und James Joyce,
Kinderkreuzzüge, Scheiterhaufen, Guillotinen, Kolonien der Ehrlosigkeit,
In Hurenböcke auf Heiligem Stuhl.
Expeditionen an den Saum des Bewußtseins …
Zeitreisen waren, so verstanden, schon immer durchaus möglich. Allerdings war man bis vor nicht allzu langer Zeit allein auf Bücher angewiesen – auf Bücher und auf seine Vorstellungskraft.
Heute haben wir Photos – Photos und vor allem Filme. Wenn Bolle Geschichtslehrer wäre, würde er seine Eleven zunächst einmal multimediamäßig mittels geeigneter Filme in die jeweiligen Zeiten eintauchen lassen, damit die überhaupt erst mal eine ungefähre Vorstellung davon entwickeln können, um was es überhaupt geht – ganz nach Faustens fester Überzeugung (in der Nachtszene mit Wagner im Schlafrock):
Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt.
Nun – dieser Tage sind Bolle eher zufällig die letzten Szenen der ›Legende von Paul und Paula‹ (DDR 1973 / Regie: Heiner Carow / mit Winfried Glatzeder als Paul und Angelica Domröse als Paula) mal wieder zu Augen gekommen. Bolle dachte nur: Zeitreise pur. Ein wenig verhält es sich damit ja wie mit Omas „Kinder, seid ihr groß geworden!“.
In den Schlußszenen geht es darum, daß Paul, letztlich ein kleines, aber staatstragendes Rädchen im Getriebe, beschließt, den Staat Staat und seine Ehe Ehe sein zu lassen, seinem Herzen zu folgen und endlich seine Paula zu erobern. Er begibt sich zu ihrer Wohnung. Da niemand öffnet, klingelt er bei der Nachbarin und fragt, gewählt zuvorkommend: „Wäre ein Beilchen da oder eine Axt, gute Frau? Besser eine Axt.“ Man reicht ihm das gewünschte Werkzeug. Damit schlägt er – in der Filmerzählung mit zwei Schlägen, im Film selbst mit etwas mehr Aufwand – die Wohnungstür ein. Paula liegt bereits im Bette, einen tüchtigen Schluck Kirschwhisky intus.
Würde man so etwas heute machen, hätte man vermutlich stante pede ein bis an die Zähne bewaffnetes Sondereinsatzkommando am Halse. So aber meinte Paul, daß er nun komme. Paula meinte Nein! Paul aber, unbeirrt, geht weiter auf sie zu – und fängt sich ein paar Ohrfeigen ein. Paula meint immer noch Nein! Mehrmals sogar. Zerfetzt ihm gar das Gewand. Ist das jetzt sexualisierte Gewalt – oder ist es einfach nur Balz? Der Mund schreit Nein, der ganze Rest von Paula, der schreit Ja! Und nun? Das liegt wohl hinter Hülsenfrüchtchens Horizont. Aber was will man machen in einer Welt, die sich nun mal in den Kopf gesetzt hat, nicht einmal mehr wissen zu wollen, ob etwas Männlein oder Weiblein ist (jeweils beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Denken wir hier nur an das ›Nein-heißt-Nein‹-Gebot, wie es seit der letzten Verschärfung 2016 in § 177 StGB steht, beziehungsweise, schwer im Kommen in diesen unseren Zeiten, das noch deutlich schärfere ›Nur-Ja-heißt-Ja‹-Gebot. Rechtssicher bliebe da nur Balzverhalten unter streng notarieller Aufsicht. Setzen wir also in jeden Bus, in jede Bar, in jeden Fahrstuhl gar, einen einschlägig qualifizierten Notar. Bolle meint: Das kann ja was werden. Aber heißt es nicht mitunter – vgl. etwa So 13-10-24 Die beste Lösung – ?
Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.
Paula jedenfalls liebte ihren Paul so sehr wie er sie, und war dafür mit Freuden gewillt, gegen jeden ärztlichen Rat eine Hochrisikoschwangerschaft in Kauf zu nehmen, an der sie dann tatsächlich auch gestorben ist.
Für so viel Romantik, das sieht Bolle ein, ist in unseren vorgeblich ach so nüchternen Zeiten natürlich nur noch wenig Raum.
Wie soll man sagen? Vielleicht so: Ohne Geist? Is Essig meist! Oder so? „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt“ – wie Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), der alte Göttinger Spötter und Zeitgenosse von Matthias Claudius, das seinerzeit einmal gefaßt hat. Und so läuft alles auf die alte Frage hinaus: Wie wollen wir leben? Vernünftig – oder lebenswert? Da es mit ›vernünftig‹ ja ohnehin nicht sonderlich weit her ist – conditio humana, halt –, bleibt eigentlich nur lebenswert. Doch verklickert das mal einem heillos verhedderten Hülsenfrüchtchen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.













