
Alle Menschen sind gleich! Denkste! Alle sind verschieden! So wird ein Schuh draus. Der eine ist dicker, der andere dünner, die eine ist schlauer, die andere dümmer, der eine ist länger, der andere dagegen reicht da nicht mal ran, selbst wenn er sich auf Stelzen stellte. Und so weiter, und so fort. Man nehme ein x-beliebiges Merkmal (wie das in Bolles Kreisen vornehm heißt), operationalisiere es (überführe es also in Zahlenwerte) und schwupps – schon hat man eine Gaußverteilung: Da gibt es den Durchschnitt (man könnte auch sagen: das Mittelmaß) mit etwa zwei Dritteln der Grundgesamtheit, und da gibt es Überdurchschnittliches und Unterdurchschnittliches (mit jeweils etwa einem Siebentel), und schließlich gibt es noch ›top‹ und ›ui‹ (wie das in Bolles Kreisen heißt). Dabei steht ›ui‹ für ›unterirdisch‹. Zusammengenommen machen top und ui allerdings nur knapp 5% aus. Demnach ergibt sich das folgende Bild – wie neuerdings immer mit Bolles Luftballöngern, um der Graphik ein wenig die Schärfe zu nehmen.

Aber das ist ja furchtbar! Ist es das? Zumindest ist es mathematisch – und damit nur ganz schlecht zu ändern. Und zwar weder im Kapitalismus – und auch nicht in einem wie auch immer gearteten Sozialismus. Bolle meint, da kannste nüscht machen. Oder, wie Bolles liebe gute alte Großmama gelegentlich zu sagen pflegte: Jeder hat sein Päckchen zu tragen.
Zum Glück ist es ja nicht so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch die Bank weg top wäre oder eben ui. Der eine kann dies, der andere kann jenes gut oder zumindest gut genug, um es zur Grundlage eines erfüllten und nützlichen Lebens zu machen. Der Trick – falls man das so nennen mag – kann doch nur darin bestehen, das zu tun, was einem liegt, und alles andere ebenso tunlichst wie weise bleibenzulassen.
Aber macht das mal den Bildungspolitikern klar oder gar den Pädagogen. Offenbar sind 2.500 Jahre praktischer Erfahrung bei weitem noch nicht lang genug. Da stolpert man von einem „hochmodern kreativ-innovativen“ Ansatz zum nächsten und wundert sich, daß man nicht recht weiterkommt. Dieser Tage hat sich – etwa eine Generation nach der ersten einschlägigen Erhebung – in der sogenannten PISA-Studie einmal mehr gezeigt, daß es stetig steil bergab geht mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen. Man könnte glatt sagen: Nie war man dümmer als heute. Bolle möchte lieber gar nicht so genau wissen, wie solche Studien zustandekommen. Beschränken wir uns hier und heute auf das Stichwort ›Bildungsgerechtigkeit‹: Es sei, so hört man, völlig ungerecht, daß Kinder aus „unterprivilegierten“ Schichten schlechter abschneiden als Kinder aus den höheren Schichten. Das müsse man natürlich ändern – und zwar sofort, of course. Allerdings meinte man das damals schon. Passiert ist allerdings herzlich wenig in den letzten 25 Jahren.
Die Entschlosseneren meinen ja, man müsse dem Leistungsprinzip wieder mehr zur Geltung verhelfen. Lernen sei nun mal kein Zuckerschlecken. Was ist da dran – falls überhaupt was dran ist? Nun – abgesehen davon, daß Bolle Zucker weder mag noch braucht, glaubt er – falls er überhaupt was glaubt – an Entwicklungspsychologie. Und da gibt es nun mal so etwas wie Zeitfenster beziehungsweise, neudeutsch, „windows of opportunity“. Man könnte auch sagen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Zumindest aber lernt Hans es nur mit einem völlig ungehörigen Aufwand.
Bei Bolle war das anders. Bei Bolle war es so, daß seine Frau Mama eine – wie man heute sagen würde – Tradwife war. Seinerzeit hieß das noch ›Hausfrau‹ und war ein durch und durch anerkannter und ehrenwerter Beruf. Und so kam es, daß Bolle – in der Küche auf dem Boden sitzend – seiner Frau Mama bei der Hauswirtschaft assistieren durfte. Dabei ist assistieren vielleicht ein wenig übertrieben. Schließlich hatte er wenig mehr zu tun als zuzuhören: „So – Mama schneidet jetzt die Kartoffeln. Dann kommen sie in den Topf …“. Und so weiter, und so fort. So ging das den ganzen Tag. Natürlich hatte Bolles Frau Mama nicht mit High Heels in der Küche gestanden. Auch war der Kühlschrank nicht so groß wie auf unserem Bildchen – und auch nicht so überschwenglich voll. Weniger amerikanisch, halt – dafür aber sehr viel gemütlicher. Vor allem aber: Mama war da und ansprechbar. Das war der wichtige Punkt – wie Bolle heute weiß.
Kurzum: Bolle ist von ganz klein an mit Sprache aufgewachsen. Er hatte sie den ganzen Tag im Ohr. Und irgendwann wurde ihm klar, daß es auch schriftliche Sprache gibt – die es natürlich zu entschlüsseln galt. Und zwar nicht etwa wegen irgendeines „Leistungsprinzips“, sondern allein aus Lust am Lesen, aus reinem Interesse. Bolle kann sich noch daran erinnern, wie er einst versucht hatte, die Aufschrift auf dem Klo-Spülknopf zu entziffern. Dort stand ›DAL‹ – der Markenname eines der damaligen Hersteller. Das ›A‹ kannte er schon. Daß in ›Wasser‹ ein ›A‹ vorkommt, war ihm ebenfalls klar. Und so gebot ihm die schiere Logik zu vermuten, daß dort ›Wasser‹ stehen k ö n n t e . So macht Lesen lernen Spaß – und zwar ganz ohne jedes „Leistungsprinzip“.
Mit dem Schreiben verhielt es sich ähnlich. Bolle weiß heute noch, daß er stundenlang irgendwelche Buchstaben, die er schon kannte, nach dem Zufallsprinzip aneinandergereiht hatte und von seiner Frau Mama – die schließlich immer da war – wissen wollte, ob das was heiße, was da steht? Einmal war ihm, rein zufällig, ›BEIN‹ gelungen. Sein erster schriftlich gefaßter Begriff. Mama war entzückt – und Bolle stolz wie Bolle. Und so nahm es nicht weiter Wunder, daß er locker-lässig lesen konnte und auch schreiben – lange bevor ihm irgendwelche Pädagogen mit derlei auf die Pelle rücken konnten. Tja – mit der Hausfrau und der Küche ist es halt wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Aber wir waren bei Entwicklungspsychologie. Hier gilt: So etwas läßt sich nicht aufholen in späteren Jahren – nicht mit allem Geld der Welt. Never ever – wobei wir unter ›späteren Jahren‹ ein zartes Alter von vielleicht 6 oder 7 verstehen können und müssen. Soviel also zu „Bildungsgerechtigkeit“.
Natürlich kann einem leicht etwas langweilig werden, wenn die Pädagogen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit wenig Neuem aufzuwarten wissen. Allein Bolle wußte sich schon immer auch so zu beschäftigen. So beliebte sein Französischlehrer, wohl nicht ganz zu Unrecht, ihn stets mit „Monsieur le Rêveur“, also „Herr Träumer“, anzusprechen und ansonsten in Ruhe zu lassen. Aber immer noch besser als unter verhaltensgestörten – heute heißt das ja verhüllend „verhaltensauffälligen“ – und dabei naturgemäß lerngestörten Mitschülern zu sitzen, die man aus reinem pädagogischen ›Alle Menschen sind gleich‹-Impetus meint, „inklusiv“ unterrichten zu müssen. Oder unter Mitschülern, die nicht einmal die Sprache sprechen und also auch kein Wort verstehen, oder bestenfalls kaum. Kann das funktionieren? Natürlich nicht! Die armen Lehrer! Sind die Mitschüler deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht! Nur sind sie eben völlig fehl am Platze. Es schadet allen und nützt keinem. Im Grunde verhält es sich wie mit unserem Mathildchen vom So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe? Hier müssen wir auf der Ordinate nur ›common sense‹ durch ›Gedeihlichkeit‹ (der Lernerfahrung und des Lernerfolges) ersetzen. Sonst ändert sich nüscht.

Das nicht zu sehen – beziehungsweise gar nicht erst sehen zu w o l l e n , nachgeradezu zu leugnen – das ist es, was Bolle zu unserer heutigen Überschrift angeregt hat: derb zwar, aber kommt durchaus von Herzen. Für eine Volkswirtschaft nämlich, die außer ihrem Humankapital – mit Lesen, Schreiben, Rechnen als essentialia educationis, als unverzichtbarer Grundlage also – wenig in die Waagschale zu werfen hat, könnte das ein richtig böses Erwachen geben. Kieken wa ma, was passiert. Allein, wie heißt es doch so schön in Bolles Kreisen?
Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.
In Anlehnung an ›Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz‹ (vgl. dazu So 30-08-26 META – make everybody think again) könnte man vielleicht sagen: Freude am Können sieht nur von unten aus wie Leistung. Ist die Freude erst einmal erweckt – und das geht nun mal nur in sehr, sehr jungen Jahren – dann ergibt sich der Rest wie von selbst. Jeder spätere Versuch, da irgendwas zurechtzustoppeln, ist allenfalls ›a very Ersatz‹ (wie die Yanks das trefflich nennen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.











