
›Vor Jahr und Tag‹ – welch wunderbare Wendung. In erster Linie ist damit gemeint, daß etwas doch schon ganz schön lange her ist. Repopularisiert beziehungsweise überhaupt erst wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen hat sie, soweit Bolle sehen kann, Reinhard Mey mit seinem einschlägigen Liebeslied (1974). Das allerdings war auch schon wieder vor Jahr und Tag.
Umgekehrt – und noch viel weniger gebräuchlich – gibt es allerdings auch die Wendung › N a c h Jahr und Tag‹. Sie stammt aus dem mittelalterlichen Rechtswesen. So war etwa ein leibeigener Bauer, der es geschafft hatte, in eine Stadt zu entfliehen, nach Jahr und Tag seiner Dienstverpflichtung ledig. Daher auch: Stadtluft macht frei. Das war durchaus wörtlich zu verstehen.
Indes, es gibt noch eine weitere Bedeutung – und davon soll hier die Rede sein. Demnach bedeutet ›Nach Jahr und Tag‹ nicht weniger als den Ausbruch aus einer linearen Zeitauffassung – ein Konzept, das die Physiker ›Zeitpfeil‹ (Eddington 1927) nennen, wohl wissend, daß das durchaus noch nicht der Weisheit letzter Schluß gewesen sein dürfte. Man denke nur an gewisse Phänomene in der Quantenphysik oder – im kosmischen Maßstab – an das Big-Bang-Theorem. Dabei kann ›Ausbruch‹ nichts anderes bedeuten als die Rückbesinnung auf eine zyklische Auffassung der Zeit. Nicht nur die Erde dreht sich – auch die Zeit tut womöglich selbiges: Wie sprach doch gleich der Herr zu Noah? Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Genesis 8, 22).
Kurzum: Um derlei zu pflegen, braucht es so etwas wie Zeitsinn. Ein linearer Zeitpfeil wäre da das letzte, was Sinn machen würde. Dem kommt – zumindest in unseren Breiten – das christliche Kirchenjahr wohl noch am nächsten. Nicht zuletzt nämlich dient es der Orientierung. So heißt es zum Beispiel in Fontanes ›Unterm Birnbaum‹ (1885): Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß es die Hradscheck nicht lange mehr machen werde. Selbstredend, daß jeder, wirklich jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wußte, wann ›Johanni‹ war – am 24. Juni nämlich, exakt ein halbes Jahr v o r beziehungsweise auch n a c h Weihnachten, je nachdem. So ist das bei Zyklen.
Kurzum: Wenn man in Zyklen denkt – und vor allem auch fühlt –, dann schießt das Leben nicht so leichtfüßig zeitpfeilmäßig an einem vorbei. Vielmehr retourniert es regelmäßig – um es mal etwas altbacken auszudrücken. Ausgesprochen fein formuliert hat das übrigens Erich Kästner vor nunmehr fast genau einhundert Jahren schon in seiner ›Ansprache zum Schulbeginn‹ (1925). Dort heißt es:
Laßt euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telephonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. … Aber müßte man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne den Keller mit den duftenden Obstborten und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel?
Nun – treppauf und treppab gehen im Leben kann nur funktionieren, wenn man sich einen gewissen Zeitsinn bewahrt hat oder wieder errungen. Und so zieht Bolle das zyklische Zeiterleben definitiv vor.
Na, und denn –? Irgendwann einmal ist Schluß mit lustig. Und auch mit retournieren. So heißt es bei Wilhelm Busch in ›Eduards Traum‹ (1891): Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär’s der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre.
So i s t das dann eben. Also: So long to all you Mariannes – oder wie auch immer ihr geheißen haben mögt auf Erden. Und natürlich auch beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course. Aber wie heißt es doch so trefflich im Chorus mysticus – gewissermaßen der Quintessenz des gesamten Faust’schen opus magnum, unmittelbar vor dem Finis?
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
Ja, kann man denn ›vanitas‹, die altehrwürdige Einsicht in die unabänderliche Vergänglichkeit allen Erdenseins, die sich mindestens bis ins 3. Jahrhundert vor Christi Geburt zurückverfolgen läßt, noch schöner und dabei noch hoffnungsfroher umschreiben? Dabei wollen wir – bevor irgendein Hülsenfrüchtchen zum Meckern ansetzen kann – das ›Ewig-Weibliche‹ natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts verstanden wissen, of course – auch wenn es uns wenig überzeugend scheint. Auch wollen wir „Ereignis“ in der Rudolf-Steiner-Interpretation verstehen. Der nämlich meinte, erstens reime sich ›Erreichnis‹ schöner auf ›Gleichnis‹ und zweitens und vor allem sei es inhaltlich sehr viel richtiger. Eckermann nämlich, Goethes Famulus und auch Faktotum, sei seinerzeit über dessen nie abgelegten ausgeprägten Frankfurter Dialekt gestolpert – und so wurde aus dem eigentlich gemeinten ›Erreichnis‹ in der abschließenden schriftlichen Fassung dann eben ein zwar wenigsagendes, dafür aber hochdeutsches ›Ereignis‹. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.













