
Bolle war mal wieder bummeln. Bummeln durchs Dörfchen – wie sonst meistens nur zur Weihnachtszeit. Dabei kommt man kaum umhin zu erkennen, daß man von etwa der Fußball-WM im öffentlichen Raume kaum noch etwas mitbekommt. Vor einigen Jahren – namentlich natürlich im „Sommermärchen“ 2006 – war das noch ganz anders. Seinerzeit gab es praktisch keine Kneipe und kein Restaurant, das nicht mindestens e i n e n richtig fetten Großbildschirm auf dem Gehweg zu stehen hatte.
Dieses mal dagegen ist es so, daß man schon von Glück reden kann, wenn man auch nur auf den ein oder anderen kleineren Bildschirm trifft – so klein, daß man auch gleich zuhause im eigenen Wohnzimmer hätte bleiben können. Auch findet man die vor allem vor kleineren Spätis – also dort, wo ausgerechnet Zugereiste wacker letzte Reste deutscher Fußballkultur zu bewahren versuchen. Bolle findet: Egal ob Fußballfan oder nicht – Stimmung geht anders.
Doch warum in die Ferne schweifen? Manchmal liegt das Gute näher als man denkt. Direkt vor Bolles Haustür – so nahe, daß man sprichwörtlich hinspucken könnte – wollte sich dann doch noch ein Modell immerhin mittlerer Größe finden. Zwar sieht man da nicht allzu viel – außer natürlich, man sitzt in der ersten Reihe. Aber das ist ja öfters mal so, wenn man auf Du und Du mit dem Universum zu leben versucht.
Natürlich interessiert sich Bolle wenig für Fußball. Es ist mehr das Atmosphärische, das ihn reizt. Und so wurde in der Nachrichtenpause unter anderem prompt von einer Feuersbrunst in Andalucía berichtet. Bolles zufälligem Sitznachbarn, einem durch und durch aufgeschlossenen Jungberliner unbekannter Herkunft – so aufgeschlossen, daß er, wie er meinte, es durchaus für einen Schritt in die richtige Richtung hielte, wenn Berlin demnächst von Links regiert würde – kam natürlich unvermittelt das Klima in den Sinn.
Bolles Frage, ob er denn glaube, daß in Andalusien kommoderes Wetter herrschen würde, wenn wir hier nur noch viel schneller und noch viel gründlicher die grüne Transformation betreiben würden, wollte und konnte er natürlich nicht bejahen. Daß zwei Prozent – Deutschlands geschätzter Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß – den Kohl auch nicht mehr fett machen würden, war ihm durchaus klar.
Allerdings entfaltete er ein durchaus bemerkenswertes Argument. Bolle ist bemerkenswerten Argumenten gegenüber ja stets höchst aufgeschlossen. Das hat womöglich mit den vielen Mediationen zu tun, mit denen er zur Zeit befaßt ist: Finde heraus, was den Leuten wichtig ist – ob es dann auch funktionieren wird, klären wir geflissentlich später. Das Argument jedenfalls ging im Kern wie folgt: Deutschland habe eine tiefsitzende Schuld gegenüber der Welt abzuarbeiten – eine Schuld, die bis in die Kolonialzeit zurückreiche. Demnach sei es hohe Zeit, sich bis auf weiteres tunlichst zurückzuhalten mit der Klima-Killerei. Mehr noch: „Das Klima? Das rett’ ich.“ Und so spricht man denn in Bolles Kreisen ganz entsprechend auch von ›Klima-Rettichen‹.
Auch konnte der Hinweis nicht durchgreifen, daß die Yankees Gefallen daran finden, ihre Fußballstadien (mit 70.000 Plätzen oder mehr) ohne jede Hemmung von draußen 42° C auf angenehme 21° C drinnen runterzukühlen. America first! – oder eben auch: Harte Zeiten für globale Klima-Rettiche.
Fassen wir zusammen: Wenn ein Land wie Deutschland schon nichts am Klimawandel ändern kann – dazu ist der eigene CO2-Ausstoß viel zu gering und viel zu unbedeutend – so könnte es doch wenigstens nachholend seine Schuld aus vergangenen Jahrhunderten abzutragen versuchen. Zwar wird es dadurch absehbar nicht kühler auf der Welt. Aber wenigstens bliebe das gute Gefühl, endlich mal das richtige zu tun a u f der Welt und f ü r die Welt – auch wenn die Welt davon nichts merken wird. Und wenn dann noch ein rechter rechter Reaktionär daherkommt (Obacht: Teekesselchen!) und unkt, daß sich Deutschland – einziger absehbarer Outcome! – auf diese Weise womöglich schlechterdings selber abschaffen werde, geht das natürlich viel zu weit, of course. Auch geht es, au contraire, natürlich viel zu weit zu meinen, daß eben dies – wider alle „völkischen“ Instinkte – sogar ein Schritt in die richtige Richtung sein könnte. Obwohl: war es nicht bereits eine ganz schlechte Idee, überhaupt jemals von den Bäumen herabzusteigen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.










