
Hier unser immerhin schon viertes Sonntagsfrühstückchen in Folge zum Muttertage. So schnell kann’s gehen. Praktischerweise fällt der Muttertag ja immer auf einen Sonntag – so daß wir das gewissermaßen en passant berücksichtigen können.
Vita fugit – Das Leben flieht. Oder, in Bolles freier Übersetzung und dabei in Anlehnung an einen klassischen Werbeslogan für Küchentücher – den es übrigens seit 1972 schon gibt: Wusch und weg. Küchentücher und Muttertag: Bolle findet, das hat was – rein thematisch. Ist das mit den Küchentüchern an den restlichen 364 Tagen des Jahres doch ständige Übung für Muttern. Zumindest am Muttertage aber sollte man vielleicht doch eher darauf achten, die Frau Mama von Haushaltspflichten einschließlich aller Küchentücher möglichst fernzuhalten. Das scheint ja wohl der Sinn der Sache.
Unser Bildchen mag als Allegorie auf das Leben an sich verstanden werden. Stellen wir uns vor, wir säßen – völlig out of bounds, also losgelöst von allem und jedem – in einem dahinbrausenden Zug und würden dabei, als reiner Beobachter, einen Blick auf das Geschehen werfen – ein Geschehen, das wir bei weniger dissoziierter Perspektive „unser Leben“ zu nennen geneigt sind. Dabei würde unmittelbar klar, daß jede, wirklich jede Szene, die wir sehen, von einzigartiger Einzigartigkeit ist. Gerade haben wir zwei im Wald versteckte Windräder im Blick. Sekunden später aber schon ergeben sich ganz andere Bilder. Ein stetes Kommen und Gehen.
Natürlich kann kein Mensch im wirklichen Leben so leben. Leben – namentlich das vita activa, das übliche tätige Leben also – ist auf Kontinuität angelegt. Wenn ich zum Beispiel heute eine Verabredung treffe für in, sagen wir, zwei Wochen, dann will und muß ich davon ausgehen können, daß mein meeting mate (also mein Gesprächspartner) bis dahin auch noch unter den Lebenden weilen wird – und nicht etwa, wie die Windräder in unserem Bildchen, längst dem Diesseitigen enthoben ist. Daneben aber gibt es – oder sollte es zumindest geben – das in keinster Weise weniger wichtige vita contemplativa, das besinnlichere Leben. Dort gilt es selbiges in Rechnung zu stellen. K e i n e Macht der Welt nämlich kann uns garantieren, daß in vierzehn Tagen alles noch so ist, wie wir das heute erwarten würden. Nicht einmal in fünf Minuten – und auch nicht in einer einzigen. Bei „Bolle featuring Goethe“ klänge das in etwa wie folgt:
Wer nicht von diesen zwei Verfahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.
Dabei ist mit ›diesen zwei Verfahren‹ natürlich der allfällige switch zwischen vita activa und vita contemplativa gemeint, of course. Einem Agnostiker aber, und erst recht einem Mystiker – also einem, der seine Kontemplation ernst nimmt – sollte das Hin und Her zwischen den beiden Erlebensformen („Verfahren“) mit zunehmender Übung immer besser gelingen. — Aber ist das alles nicht doch furchtbar anspruchsvoll? Sicherlich. Allein, was will man machen? Zwar ist vita contemplativa weiß Gott nicht alles – da ist vita activa vor – aber ohne vita contemplativa ist nun mal alles nichts. Und zwar rein gar nichts. Darum ja nicht zuletzt die 12chen, by the way … (zum Nachschlagen zu finden über die Suchfunktion).
Damals, bei unserem ersten einschlägigen Frühstückchen, hatten wir uns veranlaßt gesehen, abschließend anzumerken: Sic crustula friatur − wenn der Keks erst mal zerbröckelt ist −, dann ist es definitiv zu spät. Lasset also die Bräsigkeit fahren, und das Ego gleich mit − und bewegt Euren sprichwörtlichen Arsch. Nun ist es egal, ob wir von zerbröckelten Keksen reden oder von ab- oder vorübergefahrenen Zügen: Zu spät ist zu spät – da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Auch nützen da die sich nur allzu oft einstellenden langen Gesichter nichts mehr. Wie meinte doch Bolles lieber guter alter Guru stets?
Wer den Krug trägt, wenn er ihn trägt,
und die Scherben gelassen beiseite fegt
ist dem Weg nahe.
Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.













