
Ja, was heißt denn d a s schon wieder? Wörtlich heißt es – in bester AcI-Konstruktion: ›Die Wahrheit ist eine zu erkennende‹. Etwas freier könnte man sagen: Kümmert Euch um die Wahrheit, Leute. Oder, wie Kant das später fassen sollte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn! Darum ja auch Bolles Beitrag – der ihn einmal mehr als ausgewiesenen Skeptiker ausweist. Allein das wird nicht weiter verwundern: Ist nicht die Agnostik letztlich die konziliante Schwester der Skepsis?
Immerhin können wir recht sicher sagen, daß die Wahrheit dazu neigt, recht mannigfaltig daherzukommen. Außerdem trägt sie – kaum anders als die Wirklichkeit – am liebsten ein Forellenkleid (André Heller 1976). Was heute noch wie ein Märchen anmutet, kann morgen schon Wirklichkeit sein. Und umgekehrt, of course. Darum, genau darum, haben wir die Wahrheitssuche hier auch einen ›philosophischen Dauerauftrag‹ genannt. Es nimmt nun mal kein Ende.
Ist das alles aber nicht viel zu anstrengend? Reicht es nicht, derlei den dazu Berufenen zu überlassen? Schließlich hat man ja auch so gut zu tun. Die Antwort ist – wie kann es anders sein – einmal mehr ein klares Jein.
Einerseits können sich die meisten Leute nicht den lieben langen Tag mit „Wahrheitssuche“ befassen. Andererseits aber basteln wir uns ja ohnehin Tag für Tag so etwas wie unsere ureigenste Wahrheit – und nennen sie dann mappa mundi (Weltbild, Welt III). Und was da steht, ist nun mal wahr. Muß! Das folgt unmittelbar aus dem kognitiven Grundbedürfnis nach Orientierung.

Allerdings sollte man schon ein ganz klein wenig darauf achten, seine mappa mundi nicht allzu sehr mit Müll zu überfrachten. Mit einer mappa mundi friata, einem durch und durch kaputten Weltbild, ist nämlich niemandem gedient – zuallerletzt einem selbst.
Zum Glück gibt es aber eine Rückkopplungsschleife im System – die gestrichelte Linie: Was einer wahrzunehmen gewillt ist, ist nicht zuletzt Ausfluß der mappa mundi, die sich einer modelliert hat. Bei Bolle zum Beispiel heißt eine der ehernen Regeln: ›Kein Streaming etc. pp. vor after eight‹. Bevor man nämlich an die Wahrheitssuche auch nur denkt, sollte man zunächst einmal sein Tagewerk erledigt und sich in eine geeignete Gemütsverfassung begeben haben – beziehungsweise, wie Zaphod Beeblebrox im ›Anhalter durch die Galaxis‹ das nennt: I got to get myself in the right frame of mind for this.
Zumal es eine Menge Leute gibt, die ein ureigenstes Interesse daran haben, ihre Sicht der Dinge unters Volk zu streuen: ›Wahrlich, wir sagen Euch …‹. Natürlich sagt das niemand so. Im Ergebnis läuft es aber justa- und exaktemente darauf hinaus.
Allerdings wird man namentlich der classe politique und auch den PR-lern dieser Welt kaum verübeln können, daß sie ein recht eigentümliches Verhältnis zur Wahrheit haben. Mehr noch: Bolle geht so weit, ›Public Relations‹ schlicht und ergreifend mit ›Meinungsmache‹ zu umschreiben. Meinungsmache aber ist nicht anderes als der bewußte Versuch, auf die Welt III einer gegebenen Zielgruppe Einfluß zu nehmen. Also Obacht!
Wie meinte doch gleich Bolles lieber guter alter Guru, etwa wenn er seine Eleven beim Goutieren irgendwelchen Junkfoods erwischt hat? Ist das der Stoff, aus dem Ihr Euren Körper bauen wollt? Das Beispiel ließe sich nahtlos übertragen: Ist das der Stoff, aus dem Ihr Euer Weltbild formen wollt? Bolles Antwort, ebenso schlicht wie ergreifend: Natürlich nicht. Und schon fühlt man sich gleich besser – auch ohne Junk.
Einigen Berufsständen, namentlich den Medienschaffenden und übrigens auch den Gerichten, sollte derlei aber ferne liegen – und zwar furchtbar ferne. Tut es aber nicht. Der Journalismus 2.0 gefällt sich in seinem Selbstverständnis zunehmend als Gesinnungsjournalismus und nennt es schönfärberisch „Haltung“ – und niemand hält dagegen. Im Gegenteil – man gewöhnt sich dran.
Was bedeutet das für unser heutiges Thema – Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich! Nun, Bolle sieht hier zwei einander ausschließende, polare Möglichkeiten.
Man überläßt die Wahrheitsfindung nebst alleinseligmachender Verkündung einer dazu berufenen Instanz, läßt sich das Ganze mundgerecht servieren – und baut es in sein Weltbild ein. Und sollte einer das partout nicht glauben wollen, dann ist er halt ein „Skeptiker“, ein Schwurbler oder Querdenker – oder was auch immer. Auch das wird einem gerne mundgerecht gleich mitgeliefert. In Bolles Kreisen nennt man derlei – wohl durchaus nicht ganz unzutreffend – Meinungsmonopolismus. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer aus Mephistopheles‘ Munde?
Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr nur e i n e n hört
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen – haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.
Klappe zu, Affe tot – Weltbild stabil. Aber ist es auch wahr? Wir wissen es nicht. Immerhin dürfen wir ahnen. Und zwar nicht unbedingt was Gutes. Was dann? Die Alternative wäre ein regelrechter Meinungsmarkt: Man nehme – im Rahmen seiner Möglichkeiten, of course – alles zur Kenntnis, was an Meinungen oder auch nur Vorstellungen im Raume steht, prüfe, wäge ab, und entscheide schließlich, was man selbst für gut und richtig halten will. Kurzum: man benutzt, im besten Kant’schen Sinne, sein Gehirn.
Schon John Stuart Mill (1806–1873) fand das seinerzeit mehr als naheliegend. Mehr noch: in seinen Augen handelt es sich hierbei nachgeradezu um die Existenzgrundlage einer freien und fortschrittlichen Gesellschaft. In seinem Hauptwerk ›Über die Freiheit‹ (1859) hat er das gründlich und plausibel dargelegt – sicherlich auch inspiriert durch seinen Zeitgenossen und transdisziplinären Kollegen Charles Darwin (1809–1882), der mit seiner (ebenfalls 1859 erschienenen) ›Entstehung der Arten‹ das Prinzip der Selektion salonfähig gemacht hatte.
Ersteres entspricht übrigens – um es mal auf die ganz große Bühne zu zerren – im Wesentlichen einem kollektivistischen Gesellschaftsbild – ganz nach dem Motto ›Die Partei, die Partei, die hat immer Recht‹ (vgl. dazu unser Sonntagsfrühstückchen von letzter Woche: So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland). Letzteres entspricht einem eher individualistischen Bild – und ist durchaus dichter dran an allem, was die Welt am Laufen hält: Was nicht funktioniert, das mendelt sich halt aus – früher oder später. Conditio universalis, eben. Auch wenn das manchem Hülsenfrüchtchen Tränen der Empörung in die Augen treiben mag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.












