
Nachdem die ›Generation Lastenrad‹ letzte Woche den Anforderungen des Jahreskreises hatte weichen müssen: Hier ist sie nun. Wäre ja gelacht!
Bolle benutzt den Begriff ›Lastenrad‹ für alles, was in diese Richtung spielt – auch wenn es nichts oder doch nur wenig mit einem Radl im herkömmlichen Sinne zu tun haben mag. Lastenrad: Steckt da nicht – unfreiwillig komisch, vielleicht – der Begriff ›Last‹ drin und nicht auch das ›Rad des Dharma‹? Auf jeden Fall aber findet Bolle einen sprechenden Begriff wie ›Generation Lastenrad‹ deutlich kommoder als ein eher inhaltsleeres ›GenZ‹ [dʒen zed] beziehungsweise, wer es lieber yankee-mäßig mag, [dʒen ziː], mit [ziː] wie „Siehste!“ [ˈziːstə].
Nun – das soll ein jeder halten, wie er mag. Bolle ist ja furchtbar liberal. Allein, ihm tun die armen Kinder leid. Aber vielleicht handelt es sich hierbei auch nur um romantische Reminiszenzen an eigenes Erleben. Als Bolle in dem Alter war, ging es raus in den Garten. Der Garten war groß, und der Garten war wild. Da gab es Hühner, Hecken, und einen herrlich hohen Kirschbaum. Auch Kätzchen gab es – je nach Jahreszeit. Übrigens war Bolle der einzige, der die kleinen Kätzchen jemals anfassen und sie sogar aus ihrem – sagt man so bei Katzen? – Nest heben durfte. Der Katzenmama war offenbar klar: Bolle beißt nicht. Erst recht keine kleinen Kätzchen. Warum auch? Jedenfalls ward Bolle auf seinen Streifzügen stundenlang nicht mehr gesehen. Auch hatte niemand jemals nach ihm gesucht – nie! Es sei denn, es war Zeit zum Abendessen.
Sagen wir so: Der Gedanke, in einem Kinderkarren oder einem Lastenrad durch irgendwelche Häuserschluchten gekarrt zu werden, wäre Bolle – mit einer solchen Idee konfrontiert – wohl damals schon als äußerst befremdlich aufgestoßen. Zum Glück aber hatte er seinerzeit noch kein Konzept von Befremdlichkeit. Und auch, und vor allem: die Verhältnisse, die waren halt nicht so. Als Kind nimmt man das Gegebene nun mal einfach so hin. Was sonst auch soll man tun? Allein, daß es sich auch anders hätte fügen können, hatte Bolle damals womöglich schon geahnt: Sein einziger Kumpel aus jener Zeit, Dieter, wußte die Vorzüge von Bolles Leben wohl zu würdigen – und so kam es, daß Bolle bis heute nichts über dessen nähere Lebensumstände bekannt ist. Dieter kam zu Bolle. Immer. Umgekehrt nie!
Heute würde Bolle sagen: So züchtet man Exzentriker. Aber was will man machen? Passiert ist passiert! Und ein Leben als Exzentriker – da ist sich Bolle heute sehr, sehr sicher – ist nicht das schlechteste Los auf der Welt.
Die lieben Kleenen jedenfalls – das meint Bolle allein am Gesichtsausdruck erkennen zu können – scheinen in eine Welt hineinzuwachsen, in der es ihnen völlig normal dünken will, von irgendwelchen anderen Leuten durchs Leben getragen zu werden. Tieferer Sinn? Vermutlich Fehlanzeige. Wahrscheinlich kommt nicht mal die Frage auf. Wie auch? Man kennt es ja nicht anders.
Das dicke Ende aber ist – das aber auch immer alles ein dickes Ende haben muß! –, das dicke Ende ist, daß diese Kinder absehbar wenig Gelegenheit haben werden, sich mit der sie umgebenden Welt tüchtig auseinanderzusetzen. Wie auch? Wie will man – um nur ein Beispiel herauszugreifen – jemals vom Kirschbaum fallen können, wenn man überwiegend im Lastenrad sitzt und höchst passiv durch die Gegend gekarrt wird? Bolle findet ja: Der rechte der beiden Kleenen sieht jetzt schon ein wenig aus wie der junge Putin. Das kann ja was werden! Womit natürlich nichts gegen Herrn Putin gesagt sein soll, of course.
Gibt es auch Gegenbeispiele? Hier, mittenmang in den Häuserschluchten? Nun, die gibt es in der Tat – wenn auch nicht allzu reichlich. So hatte Bolle, pars pro toto, eine Nachbarin mit zwei lieben Kleenen, deren eine seinerzeit in etwa in dem entsprechenden Alter gewesen sein muß. Nun kann der lange, weite Weg in den vierten Stock – denn da wohnte man – durchaus beschwerlich sein für so kurze Beinchen. Lieber wär’ man wohl getragen worden. Allein, es half nichts. Und so hat die liebe Kleene nicht nur lernen müssen, eigenständig die Treppe hochzustapfen: Sie hat nebenbei – rein zur Ablenkung – auch noch zählen gelernt: Eins, zwei, drei … und so weiter. Stufe für Stufe. Bis ganz oben. Anfangs war das regelmäßig ein rechter Tumult im Treppenhaus. Heulen und Zähneklappen [sic!] – wie es bei Matth. 8, 12 in Luthers Übersetzung heißt. Allein – das legt sich. War das jetzt also eine Rabenmutter? Oder nicht doch eher eine Supermum? Wenn wir davon ausgehen, daß die lieben Kleenen lernen müssen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen – wie auch immer die jeweils beschaffen sein mag – dann würde Bolle glatt auf letzteres tippen. Die Ergebnisse geben ihm, aus heutiger Sicht, durchaus Recht. Well done, also.
Wenn die lieben Kleenen das nämlich n i c h t lernen – und zwar von Anfang an, später ist es nämlich meist zu spät –, dann passiert womöglich Folgendes:

Zwar weiß Bolle nicht zu sagen, wann die Resilienz in die Welt kam – beziehungsweise das Fehlen derselben. Aber daß Wörter erst dann auftauchen, wenn sie dringend gebraucht werden, scheint ihm durchaus klar. Sagen wir so: Entweder die Leute waren bis vor 20 Jahren gewissermaßen von Natur aus resilient oder sie wußten nur nicht, daß sie es nicht waren. Bolle vermutet definitiv ersteres. So weiß Bolle etwa von seiner eigenen Frau Mama zu berichten, daß sie als kleines Mädchen beim Verlassen des Luftschutzbunkers noch über Leichen steigen mußte. Posttraumatische Belastungsstörung? Gab’s damals noch nicht. Einstecken – wegstecken – Krönchen richten – weitergehen. So wurde das gehandhabt. Ist das schön? Natürlich nicht. Kann man das kurzfristig ändern? Wohl kaum. Kann man lernen, damit umzugehen? Bolle meint: man muß! Nützt ja nüscht. Das jedenfalls ist der Grund, warum Bolle beim Anblick von leibhaftigen Exemplaren der Generation Lastenrad regelmäßig ein wenig wehmütig ums Herzelein wird: Da werden ganze Generationen in liebevollster Absicht auf brutalstmögliche Weise fehlsozialisiert: Ein Ergebnis, das sich nie wieder wird korrigieren lassen – jedenfalls dann nicht, wenn man an Entwicklungspsychologie glaubt. Was Hänschen nicht lernt … – kennen wa ja.
Natürlich ist das Thema viel zu weit, um es hier auch nur halbwegs erschöpfend behandeln zu können. Dafür hat Bolle aber einen kleinen Ausschnitt rausgesucht – er dauert nur ein knappes halbes Stündchen. Wer mag, mag ihn goutieren. In dem Ausschnitt geht es darum, daß sich zwei – wie man meinen sollte – normal sozialisierte Erwachsene über die Jugend von heute auslassen. Dabei meint Monika Gruber (die Gruaberin) an passender Stelle deftig bayrisch-derb: „Wir haben uns da ein Jungvolk herangezüchtet, da kann man wirklich nur noch sagen: Geh scheißen!“
Bolle meint: So kann das gehen – bei einer gehörigen primärsozialisatorischen Lastenrad-Überdosis. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
















