
Vor ziemlich genau einem halben Jahr hatten wir uns gefragt, wie wir’s mit der Wahrheit halten wollen (vgl. dazu So 26-04-26 Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich!). Damals hieß es, gleich im Schildchen, und in bestem Schlaudeutsch: Veritatem esse cognoscendam – die Wahrheit ist eine zu erkennende. Man muß sich drum kümmern. Von selbst passiert da wenig. Auch hatten wir das als „philosophischen Dauerauftrag“ bezeichnet. Bolles Beitrag seinerzeit: Können vor Lachen.
Aber wie das Leben so spielt: Schlimmer geht immer. Man könnte nämlich durchaus – und durchaus noch härter – auch fragen:
Wie hältst Du’s mit der Klarheit, sprich!
Das macht einen Unterschied, der durchaus einen Unterschied machen könnte: Falls es nämlich mit dem Erkennen der Wahrheit nicht so recht vorangehen sollte, bleibt das erst mal völlig folgenlos. Warum? Es fehlt, wie es in Bolles Kreisen manchmal flapsig heißt, die flotte Feedback-Schleife.
Nun ist ein Wort wie ›Klarheit‹ kaum minder mysteriös als ›Wahrheit‹. Specken wir also etwas ab und verstehen wir darunter hier und heute nicht mehr als eine Vorstellung davon, auf welche Weise genau einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seine Tage so zu verdödeln gedenkt. Wir hatten diesen Punkt vor Jahren schon mal angeschnitten (vgl. Sa 16-12-23 Das sechzehnte Türchen …).
Im Prinzip ist natürlich alles immer ganz einfach, of course. Man könnte das auch umkehren und sagen: Falls etwas im Prinzip n i c h t einfach sein sollte, dann liegt es nahe, daß einer das Prinzip einfach nicht verstanden hat. So weit, so philosophisch. Dem Philosoph, das wissen wir, ist bekanntlich nichts zu doof. Aber bleiben wir sachlich.
Im Hintergrund – wie könnt’ es anders sein? – schwelt natürlich die Frage, was mit dem Leben anzufangen Sinn macht. Vielleicht überzieht Bolle hier ein wenig – aber macht es nicht mehr Sinn, sein Leben sinnvoll zu verbringen? Zugegeben: So gesehen wirkt die Frage durchaus ein wenig tautologisch. Andererseits: allein die Frage aufzuwerfen, könnte – featuring Gregory Bateson 1985 – einen Unterschied machen, der durchaus einen Unterschied macht.
Im Grunde – und hier kommen wir zu unserem Mathildchen – läuft das Spiel wie folgt: Leute erleben einen Input aus Welt I. Dabei ist Welt I, um es mit Wittgensteins Tractatus (1921) zu sagen, alles, was der Fall ist. Also wirklich, wirklich a l l e s . Nun ist Welt I pausenlos am Funken. Warum, weiß keiner, of course. Das ist halt so. Ein winziger Bruchteil dieser Funken landet als Eindruck in Welt II und wird sofort und unmittelbar in angenehm (attraktiv) W(+) und unangenehm (aversiv) W(–) unterteilt. Aus der Gesamtheit dieser Eindrücke modelliert man sich ein Weltbild, Welt III beziehungsweise seine mappa mundi. Dabei wissen wir, spätestens seit Korzybski 1933: Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Gleichwohl ist sie handlungsleitend. In Bolles Kreisen sagt man auch: Jeder versucht auf die bestmögliche Weise, die ihm bekannt ist, glücklich zu werden.
Das Motiv ist also klar: glücklich werden. Die Resultate dagegen sind oft weniger glücklich. Der einzige für Bolle erkennbare Grund: Es scheint in der Tat jede Menge Leute zu geben, die mit einem kaputten Weltbild (mappa mundi vitiosa) durchs Leben schweben – beziehungsweise mit einem völlig kaputten gar (mappa mundi friata). Mehr dazu findet sich unter So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt.

Ein einigermaßen funktionables Weltbild (mappa mundi intacta) oder – let’s go crazy – gar ein entwicklungsgeneigtes (mappa mundi evoluta) dagegen scheint durchaus die völlige statistische Ausnahme zu sein. Das Universum scheint, wie’s scheint, einen gewissen Gefallen darin zu finden, es den Leuten nicht allzu leicht zu machen. Volkstümlich heißt es ja auch: Nur die Harten // komm’ in’ Garten.
Eigentlich aber – ja, eigentlich – sollte das gar nicht unser Thema sein für heute. Die eigentliche Frage sollte sein: Wenn – ja, wenn – einer sich ein bestimmtes, handlungsleitendes Weltbild erkämpft hat und das, was er für gut und richtig erkannt hat, dann doch nicht tut? Was dann? Überhaupt: wie kann das sein? Die Antwort: Es gibt sowas wie Attraktoren (vgl. dazu unser Mathildchen). Definieren wir ›Attraktoren‹ als so etwas wie ›handlungsablenkende Quälgeister‹. Irgendwie – das ergibt sich schon aus der Graphik – laufen sie voll ins Leere. Und doch gibt es sie, wie’s scheint.
Ein Grund, der Bolle einleuchten würde, ist die Wirkungsferne. Dabei wollen wir unter ›Wirkungsferne‹ nicht mehr verstehen als den zeitlichen Abstand zwischen einer gesetzten Ursache (Handeln ex Welt III) und der (in Welt II) wahrgenommenen Wirkung. Am ehesten leuchtet das vielleicht am Beispiel Naschwerk ein: Die kurzfristige Wirkung landet unmittelbar in der Abteilung attraktiv, W(+). Von der längerfristigen Auswirkung weiß wohl fast ein jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Lied zu singen: Der Zeiger auf der Waage bewegt sich über kurz oder lang in eine unerfreuliche Richtung, W(–).
Zwar zeigt Bolle wenig Neigung zu Naschwerk. Allerdings sind der Phantasie des Universums hier kaum Grenzen gesetzt: Manche kaufen immer neue Schuhchen, andere daddeln stundenlang auf irgendwelchen Plattformen herum, wieder andere … Die Liste wäre wohl unendlich. Vermutlich hilft da nur eines: Detoxification – oder eben einfach schlicht Fokus. Wie man das anstellt? Im Grunde läuft es wohl immer auf das Gleiche hinaus: Abstand halten! Kontemplation – auch, wenn’s manchmal schwerfallen mag. Creating a life practice, eben (vgl. dazu etwa So 01-02-26 Yoga für Agnostiker). Das aber ist dann doch schon wieder – wenigstens für heute – ein ganz anderes Kapitel.














