Sa 05-12-20 Das fünfte Türchen …

Hier das 5. virtuelle Türchen …

Bolle hegt unverhohlen eine gewisse Sympathie gegenüber manchen chinesischen Lebensweisheiten. Von der Weihnachtszeit inspiriert hat er bei Lukas 10, 25-37 nachgeschlagen und ist auf folgendes gestoßen: Ein Schriftgelehrter wollte wissen, was er tun müsse, damit er „das ewige Leben ererbe“? Vom Meister getriggert, fiel ihm die Antwort selber ein: Er müsse Gott, seinen Herrn, lieben von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst. Um sein Gesicht zu wahren und doch noch etwas Kluges zu äußern, setzte er nach: „Definiere Nächster“ – woraufhin der Meister mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter ein Gleichnis zum Besten gab. Hier der Sachverhalt in Kürze: Ein, so wörtlich, „Mensch“ kam auf Reisen unter Räuber und blieb „halbtot“ im Graben liegen. Nachdem ein Priester und ein Levit – also „echte“ Juden – vorbeigezogen waren, ohne sich zu kümmern, war es ausgerechnet ein Samariter – also ein Mitglied einer aus jüdischer Sicht abtrünnigen Sekte – der sich schließlich des „Menschen“ annahm, Erste Hilfe leistete und aus eigener Tasche („zwei Groschen“ mit der Option auf Erstattung weiterer anfallender Kosten) einen Herbergsvater mit der nötigen Pflege beauftragte.

Um das Gleichnis auf den Punkt zu bringen: „Nächster“ ist nach des Meisters Definition also buchstäblich jeder – noch allgemeiner als einfach nur „Mensch“ kann man sich nicht fassen. Statt also dreimal vor der eigenen Tür zu kehren – was auf Reisen auch nicht ganz einfach sein dürfte – hat sich der Samariter darangemacht, die Welt zumindest im Kleinen ein klein wenig zu verbessern. Liegen die Chinesen mit ihrem Sprichwort also falsch? Die meisten Leute, die Bolle kennt, würden „gefühlt“ mit dem Samariter sympathisieren. Ob sie sich, wenn es zum Schwur kommt, auch entsprechend verhalten würden, ist eine andere Frage.

Eng wird es erst, wenn wir das Gleichnis lebenswirklich erweitern und uns vorstellen, daß da nicht ein Mensch im Graben lag – sondern derer zehn, hundert oder auch tausend. Hier würden die meisten, wenn auch vielleicht unwillig, einräumen müssen, daß es wohl doch so etwas wie den „Vorbehalt des Möglichen“ (so nennt es das Bundesverfassungsgericht) gibt. Was also tun als Samariter auf verlorenem Posten? Ein zerknirschtes „Shit happens“ murmeln? Gott zürnen? Bloß nicht – das geht absehbar in die Hose. Sich demütig mit Psalm 95, 4 trösten (sinngemäß: „Das liegt in Gottes Hand“)? Oder, umgekehrt und hoch-modern, diesseitig-hybrid nach dem Staat rufen, auf daß er’s bitteschön richten möge?

Bleiben wir sachlich und auch ein wenig versöhnlich und wagen wir eine Übersetzung: (1) Kenne Deine Grenzen, (2) Halte aus, was Deine Grenzen sprengt, und (3) Mache den ersten Schritt möglichst vor dem zweiten. Damit wäre schon viel gewonnen. Vor allem mit dem Aushalten haben Bolles Zeitgenossen nach seiner Einschätzung ihre liebe Not. Im Alten Testament ist man da übrigens noch sehr viel pragmatischer: So heißt es im 5. Mose 23, 20 f.: „Du sollst von deinem Bruder nicht Zinsen nehmen, weder mit Geld noch mit Speise noch mit allem, womit man wuchern kann. Von dem Fremden magst du Zinsen nehmen, aber nicht von deinem Bruder […]“. Von „Jeder ist Dein Bruder bzw. Dein Nächster“ und somit gleich „liebenswert“ ist hier realistischerweise noch keine Rede. Wie auch? Übrigens: Morgen ist Nikolausi – auch das war so einer, der nicht immer nur vor seiner eigenen Tür gekehrt hat. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Fr 04-12-20 Das vierte Türchen …

Hier das 4. virtuelle Türchen …

In diesen Tagen wissen zumindest die Christenmenschen ausnahmsweise ganz genau, wo sie hinwollen. Direktemang in Richtung Weihnachtsfest – was sonst? Auf Tucholskys nur zu treffendem  „Na, und denn –?“ (zweites Türchen) wollen wir an dieser Stelle nicht weiter rumhacken. Obwohl: ganz von der Hand zu weisen ist die Nähe zum „Meister am Steilhang“ dann aber auch wieder nicht (erstes Türchen). Wie wir leicht erkennen können: Zwar hängt nicht alles mit allem zusammen – aber durchaus vieles mit vielem. Hermann Hesse hat das schon 1943 in einer wunderschönen Wendung „Glasperlenspiel“ genannt – und nicht weniger als 613 Seiten gebraucht, um dem geneigten Leser darzulegen, daß das „besinnungslose Leben“ (vita activa) unbedingt durch gelegentliche Zeiten der Besinnung (vita contemplativa) bereichert werden sollte. Was böte sich da eher an als ein corönchenbedingtes slow down? Kurzum: Die Christenmenschen nennen es Zeit der Ankunft („Advent“). Wer mag, mag was draus machen, wenn er kann. Egal, was er sonst so glauben mag – oder eben auch nicht.

Do 03-12-20 Das dritte Türchen …

Hier das 3. virtuelle Türchen …

Sich zu fürchten – bzw. gar Panik zu schieben – scheint offenbar so eine Art Grundstimmung menschlicher Existenz zu sein. Kann aber auch viel schiefgehen im Leben – von biblischen Zeiten bis hin in die unendlichen Weiten des Universums. Kümmern wir uns besser um das Naheliegende: Bolle hat recherchiert und anhand einer recht seriösen Quelle herausgefunden, daß „Fürchtet Euch nicht“ (einschließlich der Singular-Form „Fürchte Dich nicht“) im Alten Testament knapp drei mal so oft vorkommt wie im Neuen (94 zu 32 Textstellen). Offenbar war Jesus von Nazareth (oder, wie er ursprünglich wohl hieß: Jeshua Ben Joseph) von Haus aus kuscheliger und weniger furchterregend: Typ „Netter Chef“ – wie wir das heute nennen würden. Die Ansicht der Gelehrten ist damit allerdings zumindest ein wenig irreführend. Ebenso gut bzw. sehr viel eher noch könnte das nämlich auch der Leitsatz des Alten Testamentes sein. Übrigens: Jeshua Ben Joseph war zeitlebens Jude. Vielen Christenmenschen ist das nicht bewußt. Sei’s drum. Schließlich ist das ein anderes Kapitel.

Mi 02-12-20 Das zweite Türchen …

Hier das 2. virtuelle Türchen …

Bolle findet, dieser Sinnspruch — von keinem geringeren als dem Mathe-Superstar Carl Friedrich Gauß — greift tiefer als man auf den ersten flüchtigen Blick vermuten könnte. Vor allem aber schließt er sich an das „Türchen“ von gestern an: Es kommt, wie mancher Yoga-Novize vielleicht meinen mag, eben nicht darauf an, oben auf dem Gipfel rumzulümmeln. Wer dem Aufstieg nichts abzugewinnen vermag, wird sich auf dem Gipfel absehbar nur langweilen. „Instant fun“ ist ähnlich unbefriedigend wie „No fun at all“. Aber im Grunde muß das jeder (beider- bzw. vielerlei Geschlechts, of course) mit sich selber ausmachen. Nur möchte Bolle hinterher keine Klagen hören. Ist schon kompliziert mit der Kunst, froh zu leben …

Auch paßt der Sinnspruch gut in die Adventszeit der Christenmenschen. Was, bitteschön, ist denn der Sinn eines Adventskalenders — wenn nicht, sich des „Hinkommens“ (wie Gauß das nennt) bewußt zu werden? „Na, und denn —?“ (wie Tucholsky sich in „Danach“, einem bittersüßen Gedicht von 1930, schon gefragt hat). Na, denn kieken wa ma …

Di 01-12-20 Das erste Türchen …

Hier das 1. virtuelle Türchen …

Wir wollen — und zwar gleich zu Beginn der Adventszeit — nicht vergessen, daß Jesus, der Heiland der Christenmenschen, mitnichten der einzige ist, der versucht hat, ein wenig Licht (oder zumindest ein wenig bessere Laune) in dieses Jammertal zu bringen.

PS: In „Corönchen-Zeiten“ wäre es vielleicht nicht ganz unangebracht, die letzte Zeile dem Zeitgeist anzupassen:

Hört Ihr? Er hustet.

Das würde dem ganzen sowohl sprachlich als auch inhaltlich zusätzlichen Schwung verleihen — und das ist ja schließlich Sinn und Zweck von Aphorismen. Das aber soll jeder (beider- bzw. vielerlei Geschlechts, of course) mit sich selber ausmachen …

Mo 16-11-20 Wirklich wahr?

Der trichotomisierte Wahrheitsraum
Wahrheitsraum trichotom

Hier Bolles trichotomisierter Wahrheitsraum. Alles drinne — von Verschwörungsopfern über Verblödungsopfer — die sich ihre fehlerhafte Sicht der Dinge teilen – bis hin zu Gläubigen und Ungläubigen, die sich mit Fug und Recht ihren Hochmut teilen. Mehr dazu in Kürze …

Mo 09-11-20 Seid umschlungen Millionen!

Seid umschlungen Millionen!

Bevor wir loslegen: Wo auf dieser Skala würden Sie „1 Mio“ einzeichnen? Probieren Sie es in erster Näherung „gefühlt“ bzw. „spontan“. Rechnen kann jeder. Na ja – fast (no offence). Warum ist „gefühlt“ wichtig? Weil die Meinungsmacher dieser Welt offenbar auch nicht anders vorgehen – wie das folgende Beispiel, einmal mehr, illustrieren mag.

Die Zinspolitik der EZB hat Auswirkungen auf die Rentner im Land. Laut Regierungsbericht muss die Deutsche Rentenversicherung bis 2022 rund 230 Millionen Euro an Negativzinsen zahlen. Die Kollegen vom Hauptstadt-Team wissen mehr. Ihre ausführlichen Informationen finden Sie unter […].

Gefunden in Garbor Steingarts heutigem Morning-Briefing. Bolle hat nachgerechnet: 230 Mio bei 20 Mio Rentnern macht 11,50 Euro pro Rentner. Verteilt auf 3 Jahre („bis 2022“, gemeint ist bei solchen Angaben meist „einschließlich“) macht das 3,80 Euro pro Rentner pro Jahr bzw. stattliche 32 Cent (!) pro Rentner pro Monat. Zugegeben: Die Renten sind deprimierend dürftig. Aber 32 Cent als erwähnenswerte „Auswirkungen“ zu bezeichnen scheint Bolle dann doch ein wenig überzogen. Kann das noch als „Facts“ durchgehen? Oder haben wir es nicht doch eher schon mit „Fakes“ zu tun? Bolle tippt auf letzteres.

Was Bolle wirklich ein wenig bekümmert: Wir haben es hier mit „gefühlten Fakes“ zu tun. Es ist ja (hoffentlich) wohl nicht so, daß „die Kollegen vom Hauptstadt-Team“ solche Meldungen raushauen, um ihre Leserschaft zu veräppeln. Ein Begriff wie „Lügenpresse“ wäre demnach also durchaus unangebracht. Lügen kann man nur absichtlich bzw., fachsprachlich ausgedrückt, vorsätzlich. Bolle schlägt daher den Begriff „Hypno-Presse“ vor. Die dahinterliegende „Finderegel“ (vornehm: „Heuristik“) stellt sich Bolle in etwa wie folgt vor: (1) Negativzinsen: doof, weil paßt nicht ins kapitalistische Weltbild. (2) Rentner: schützenswert (bzw. neudeutsch seit Corönchen: „vulnerable Gruppe“). Und schon wird im Rahmen eines kognitiven Überschwanges aus der „Zinspolitik der EZB“ ein Angriff – zumindest aber „Auswirkungen“ – auf „die Rentner im Land“. Daß das ganze rechnerisch nicht haltbar ist, spielt dabei „gefühlt“ keine Rolle.

Was tun, sprach Zeus? Vielleicht sollte man, wenn man sich schon zum Meinungsmacher berufen fühlt, gelegentlich mehr nachdenken oder gar nachrechnen – und nicht jedem kognitiven Überschwange erliegen. Damit wäre schon viel erreicht, meint Bolle.

Abschließend noch die Auflösung unseres „gefühlten“ Rätsels von oben: Eine Million ist ein Tausendstel von 1 Milliarde. Damit liegt die Million auf der Skala praktisch an der gleichen Stelle wie die Null. Der Abstand zur Null beträgt weniger als die Strichstärke eines sehr feinen Schreibwerkzeuges (die dünnste Strichstärke nach ISO 9175 beträgt 0,13 mm). Wer hätte das gedacht? Kurzum: Bolle kann sich die einschlägige Textstelle allenfalls mit einer „Mio / Mrd“-Konfusion erklären. Im übrigen zieht sich Bolle ab heute in seine agnostische Weihnachtsmupfel zurück und meditiert. Aber das ist ein anderes Kapitel.