
Wir hatten gelegentlich und schon öfters mal darauf hingewiesen. Ohne hier auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest eingehen zu müssen – deren Antwort ja bekanntlich 42 ist –, liegen wir wohl nicht allzu falsch, wenn wir uns selber als super-winzige, nachgeradezu mikroskopisch-miniskule Wesen auffassen – in einem unerhört gigantischen Universum. Dabei kann es nur darauf ankommen, irgendwie damit klarzukommen. Aber was heißt schon klarkommen?
›Klarkommen‹ soll bedeuten, dergestalt handelnd auf die Welt (Welt I) einzuwirken, daß das Ergebnis des eigenen Handelns wenigstens halbwegs dem entspricht, was zu bezwecken beabsichtigt war. Das klingt kompliziert – und das ist es auch.

Die wesentliche Voraussetzung hierfür ist, daß die Welt (Welt I) in etwa so funktioniert, wie einer sich v o r s t e l l t , daß sie funktioniert. Diese Vorstellung aber ist nicht mehr als ein Bild von der Welt – mehr als ein Bild ist nun mal nicht drin –, das wir hier als Welt III (Weltbild oder mappa mundi) skizziert haben.
Dabei kann so einiges schiefgehen. Versuchen wir also eine kleine Systematisierung. Die mappa mundi, die einer pflegt, kann einigermaßen intakt sein (mappa mundi intacta / grün unterlegt). Das ist ein höchst erfreulicher Zustand – aber leider eher die Ausnahme. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß die mappa mundi mehr oder weniger fehlerhaft ist (mappa mundi vitiosa) oder, in der Steigerung, grob fehlerhaft (mappa mundi friata). Nie passiert das, was passieren soll! Die Welt ist schlecht – gar ungerecht, wie es dann munter und mitunter heißt. Das kann man dann auf eine schwere Kindheit schieben, auf die Gesellschaft, auf den Kapitalismus, oder auf sonstwas. Allein, es wird nichts nützen: Welt I ist außerordentlich vorwurfsresistent und nur ganz schwer zu beeindrucken. Einfacher wäre es – sofern man hier überhaupt von „einfach“ sprechen kann – sich um die Errichtung eines Weltbildes zu kümmern, das zumindest halbwegs funktioniert.
Wie das? Im Grunde geht das nur mit Versuch und Irrtum (trial and error). Um aber nicht ganz bei Null (ab ovo) anfangen zu müssen: Es sollten sich durchaus ein paar bewährte Faustregeln finden lassen – Dinge also, die herkömmlicherweise Sitten oder Gebräuche oder wie auch immer genannt werden. Was sich bewährt hat, eben, und was nicht. Manche nennen das „Dos and Don’ts“ – doch das führt hier auch nicht weiter. Natürlicherweise lernt man sowas im Rahmen der eigenen Sozialisation – so denn eine solche stattfindet. Ein Vorgang also, den man früher ganz altmodisch „Erziehung“ genannt hat. So gibt es etwa – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – bewährterweise zwei Geschlechter. Wem das zu wenig ist – wer sich also nachgeradezu eingeengt fühlt, der mag sich gern beschweren. Die nächste Beschwerdestelle, soweit Bolle weiß, ist gleich hinter Proxima centauri – also nur wenige Lichtjahre von hier. Auch ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht auszuschließen, daß mitunter weite Kreise von derlei infiziert werden. Aber was sind schon weite Kreise in den Weiten des Universums? Von all dem nämlich zeigt sich Welt I regelmäßig recht unbeeindruckt. Zumindest in Bolles mappa mundi ist das so. — Doch nun zur Systematik:
Mit mappa mundi antiqua ist ein Weltbild gemeint, das den Umgang mit Welt I konsequent-irrigerweise allein auf V o r i g e s stützt. Bei solchen Leuten ist es – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – immer „kurz vor 1933“. Folglich muß alles, was tatsächlich oder auch nur vermeintlich in diese Richtung weist, konsequent und „mit allen Mitteln“ bekämpft werden. So soll etwa ein Geschichtslehrer auf die Frage eines genervten Schülers, warum man denn zum hundertsten male das Dritte Reich durchnehme und von sonstiger Geschichte rein gar nichts mitkriege, geantwortet haben: „Damit das, was damals passiert ist, nicht noch einmal passiert.“ Na toll! So geht Konzentration auf das Wesentliche – wenn es denn das Wesentliche wäre. Was ansonsten alles passieren kann, wenn man weitgehend geschichtsblinde Schüler heranzieht, das klären wir dann später. In dieses Weltbild jedenfalls paßt das nun mal nicht rein. Na toll, zum Zweiten!
Daneben gibt es die mappa mundi hysterica. Das ist was für Leute, für die es – egal wie spät es jeweils sein mag – immer „kurz vor zwölf“ ist. Bei jedem Pups ist immer gleich die „Demokratie in Gefahr“ oder die letzte Patrone im Lauf oder was auch immer. Egal ob bei Corönchen, beim Klima oder im „Umgang“ mit der Opposition: der Tenor ist immer der gleiche: „Wir werden alle sterben.“ Stimmt. Das werden wir. Allerdings auch ohne mappa mundi hysterica.
Schließlich haben wir noch – auch sehr beliebt – die mappa mundi manichaea. Hier geht es darum, alles stramm nach Gut und Böse einzuteilen. Das Credo: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Egal, um was es gehen mag: Es ist doch immer gut zu wissen, wer die Guten sind und wer die Bösen. Kompliziert wird es hier, wenn die Guten böse Sachen machen, oder umgekehrt. Allein, sowas sprengt den Rahmen dieses Weltbildes bei weitem.
Sagen wir so: wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein kaputtes Weltbild hat – sei es ziemlich kaputt (mappa mundi vitiosa) oder sei es völlig kaputt (mappa mundi friata), etwa in einer der Spielarten antiqua, hysterica oder manichaea oder weiteren, noch zu isolierenden –, dann ist das schlimm genug. Er wird mit allem, was er tut, sich und den Seinen Probleme bereiten – und nichts als Probleme. Warum? Weil die Welt nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Und wenn dieser jenige nicht nur sein eigenes Leben miß-managed, sondern ein Unternehmen oder gar ein ganzes Land, dann wird er absehbar in großem Maßstabe Probleme erzeugen und niemals, wirklich niemals, zu einem erwünschten oder auch nur erwarteten Ergebnis kommen. Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.











