
Kant, einer der Principes philosophicorum, der Fürsten seines Faches, meinte ja mal – und zwar an recht prominenter Stelle, nämlich in seiner ›Kritik der reinen Vernunft‹ (1781) –, daß Gedanken ohne Inhalt leer seien, und Anschauungen ohne Begriffe blind. Ja mei! Kant’ste das noch komplizierter sagen? In Bolles Frugalsprech heißt das schlicht und ergreifend: Es reicht nicht, nur zu fühlen. Man muß auch denken können. Allerdings auch umgekehrt, of course.
Eines der herrlichsten Beispiele für vorauseilendes Denken, dem das Fühlen kaum mehr folgen kann, ist wohl die Million/Milliarde-Konfusion. Wir hatten diesen Punkt schon einmal erwähnt. Allerdings war das vor furchtbar langer Zeit (Mo 09-11-20 Seid umschlungen Millionen!). Unsere Sonntagsfrühstückchen erreichen ja allmählich sowas wie historische Tiefe. Das dazugehörige Schildchen sah in etwa aus wie folgt – seinerzeit allerdings noch ohne Luftballöngers.

Halt! Stop! Bevor Ihr weiterlest: Wo in etwa würdet Ihr die Million „gefühlt“ verorten? — Und jetzt – aber erst jetzt – weiter im Text.
Die meisten Leute würden die Million bei etwa einem Drittel der Gesamtstrecke vermuten – also in etwa in dem Bereich, den wir mit den Pfeilchen angedeutet haben. Das ist, was das reine Denken angeht, natürlich etwas peinlich. Tatsächlich nämlich – also wenn man nachdenkt oder nachrechnet – liegt sie so ziemlich exakt auf dem Nullpünktchen. Warum das? Nun – eine Million ist der t a u s e n d s t e Teil von einer Milliarde. Eigentlich klar, das. Nehmen wir an, die Zahlenstrecke sei 10 cm lang. (Wie lang sie tatsächlich ist, hängt natürlich davon ab, ob Du das hier auf Deinem Handy liest oder auf einem Kingsize-Screen. Darauf kommt es für unsere Zwecke zum Glück aber nicht an). Nun ist ein Tausendstel von 10 cm aber eben nicht mehr als 0,1 mm – und paßt damit locker noch in das markierte Pünktchen.
Wie erklärt sich eine solch frappante Verwirrung des Gefühls? Nun, anthropogenetisch war es schlechterdings nicht wichtig, derlei zu wissen – und so haben wir als Menschheit das eben nie gelernt. Kein steinzeitlicher Jäger (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) war je damit konfrontiert, sich vorzustellen, wie das wäre, wenn er es mit einer Million Säbelzahntigern zu tun hätte, oder einer Milliarde gar. Ein einziger war durchaus beeindruckend genug.
Heutzutage dagegen, wo wir als Menschheit in immer absurdere Größenordnungen vorgestoßen sind, kann es allerdings nicht schaden, sich des Unterschiedes endlich mal bewußt zu werden – auch wenn man ihn nicht „fühlen“ kann. 106 … 109 …? Soo krass kann der Unterschied ja wohl nicht sein. Denkste! Kann er wohl! Sagen wir so: Den Mathematikern ist es im Laufe der Jahrhunderte gelungen, aberwitzig große Zahlen gut gebändigt zu kriegen (Kant’sche Gedanken beziehungsweise Begriffe) – auch wenn das Gefühl (Kant’sche Inhalte beziehungsweise Anschauungen) schwer hinterherhinken mag. Wir erinnern uns: Der Durchmesser des beobachtbaren Universums beträgt gerade mal 10 hoch 27 (1027) Meter (vgl. dazu So 26-07-26 Warum duzen Sie mich? Weil ich es kann!). Klingt gefühlt „überschaubar“ – ist aber doch ’ne ganze Menge.
Auf den Trick mit dem Pünktchen ist Bolle übrigens damals schon nicht hereingefallen. Bolle meint, daß läge wohl daran, daß er einen wirklich erstklassigen und voll old-fashioned Mathe- und Physiklehrer hatte, der auch zur Berechnung der kompliziertesten Zusammenhänge in diesem Universum nichts außer Rechenschieber hatte gelten lassen wollen. Von wegen Taschenrechner! Er war der Ansicht, das schärfe den Zahlensinn – und darauf komme es nun mal an, wenn man Mathematik betreiben wolle. Und so war es denn auch. Bolle und seine Oberstufen-Peers haben ihn geliebt. Sie wußten, was sie an ihm hatten: Hart zwar, aber hilfreich. Doch das nur am Rande.
Was Bolle aber wirklich schwer beeindruckt hat, war die Tabelle aus unserem heutigen Mathildchen. Wir haben die jeweiligen Zahlen in Sekunden ausgedrückt und (gerundet) in Minuten, Tage und Jahre umgerechnet. Damit entspricht der Unterschied zwischen einer Million und einer Milliarde dem Unterschied von 12 Tagen zu 32 Jahren (!). Bolle findet, das ist „gefühlt“ ein Unterschied, der durchaus einen Unterschied macht.
Unmittelbar lebenspraktisch wird das Ganze, wenn wir einen Blick auf die Possen der gegenwärtigen clique politique werfen.
Nehmen wir an, da verballert jemand bei einem informellen Sondierungsgespräch (beziehungsweise, wie es neuerdings auch gerne heißt, einem „Vor-Sondierungsgespräch“) mal eben 1.000 Euro. Das ist durchaus kein unrealistischer Wert. In einem der üblichen Edelschuppen, die man in diesen Kreisen vorzugsweise frequentiert, ist sowas schnell passiert – auf Spesen, versteht sich. Und stellen wir uns vor, das würde (siehe unser Mathildchen) 17 Minuten Deiner Lebensarbeitszeit entsprechen – denn schließlich bist Du es, der die Spesenrechnung letztlich zu bezahlen hat. Nun könnte man strikt pragmatisch-philosophisch sagen: Was soll’s? Mach ich doch gerne. Möglicherweise hast Du die ja sogar auch noch gewählt.
Stellen wir uns nun weiter vor, jemand verballert 1 Million – also zum Beispiel für die sprichwörtlichen Fahrradwege in Peru. Das würde schon 12 Tagen Deiner Lebensarbeitszeit entsprechen. Auch hier könnte man vielleicht noch sagen: Wieso? Was sind schon 12 Tage vor dem Herrn (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Wenn’s doch der Völkerverständigung dient?
Stellen wir uns jetzt, drittens, vor, jemand verballerte 1 Milliarde, um „unsere“ – und damit vorgeblich auch Deine – Demokratie zu verteidigen. Das entspräche, um im Bild zu bleiben, immerhin satten 32 Jahren Deiner Lebensarbeitszeit. 32 Jahre aber entsprechen nicht weniger als zwei Dritteln Deiner gesamten beruflichen Existenz. Spätestens hier könnte der ein oder andere durchaus ins Grübeln geraten. Oder, im Kant’schen Sinne, das Denken schließt sich mit dem Fühlen kurz – ›fühlen‹ im Sinne von ›wirklich verstehen‹, statt nur zu rechnen. Und so soll es ja auch sein. Sentire aude, also – trau Dich, was zu merken. Das nämlich sollte – neben sapere aude (benutz’ Dein Gehirn), dem informellen Motto der Aufklärung – ja wohl das komplementäre Diktum sein. Zumindest dann, wenn wir von einer gewissen Konsistenz der kumulierten Kant’schen Konzepte ausgehen wollen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.














