
Einstein hat einmal gemeint: Raffiniert ist der Herrgott schon, aber boshaft ist er nicht – und hat darin so eine Art Richtschnur gesehen, in welche Richtung es sich lohnt zu suchen in den unendlichen Weiten der Gegebenheiten und Zusammenhänge der Physik. Ganz analog meint Bolle: Raffiniert sind diese Leute schon, aber tüchtig sind sie nicht – und meint damit die namentlich in der clique politique vorzufindende bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der wohl nicht zu leugnenden Unfähigkeit, Probleme zu lösen, die zu lösen einem überantwortet wurde und der nicht minder offenkundigen Gabe, sich die Dinge so zurechtzudrehen, daß man selber immer möglichst fein bei wegkommt. Vielleicht sieht Bolle das zu̅ krass: Gleichwohl will es ihm so scheinen.
Verstehen wir unter ›tüchtig‹, daß einer Willens und in der Lage ist, die an ihn gestellten Aufgaben zur allgemeinen oder doch zumindest zur ganz überwiegenden Zufriedenheit – ein paar Nörgler werden sich wohl immer finden – zu erfüllen.
Und genau hier liegt wohl der Hase im Pfeffer. Daß es mit der Fähigkeit, gegebene Probleme zu lösen, in weiten Kreisen der gegenwärtigen clique politique nicht allzu weit her ist, dürfte unmittelbar jedem helle sein, der nicht gerade an ›Long Tagesschau‹ leidet (wie das bei manchen durchaus frechen Zeitgenossen mittlerweile heißt). Das in etwa ist es, was Bolle mit ›stupide‹ meint.
Wenn es aber darum geht, ihre ureigensten Interessen – also jene, die zu verfolgen eben und gerade n i c h t zu den ›an sie gestellten Aufgaben‹ zählen, entwickeln diese Leute, tout au contraire, eine nachgeradezu perfide Kreativität. Wie aber, so fragt sich Bolle, lassen sich Stupidität und Perfidität so geschmeidig unter einen Hut kriegen?
Bolle war vor Jahren schon auf irgendeiner Litfaßsäule eine Werbung für irgendeine ›Frau im Schmerz‹-Postille untergekommen. Dort hieß es wörtlich: „Hass ist keine Meinung“. Bolle fand das damals schon äußerst bemerkenswert. Auch schwante ihm durchaus nichts Gutes. Die Logik jedenfalls – falls man das so nennen mag – geht wohl in etwa wie folgt:
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten …“. So weit befinden wir uns mit Art. 5 I GG fest auf dem Boden der Verfassung.
(2) Wenn aber – und hier wird es wirklich perfide – die Meinung gar keine M e i n u n g ist – sondern eine wie auch immer geartete und näher zu bestimmende Aussage eigener Art? Dann kann und darf das natürlich n i c h t gelten, of course. Dann muß das wegg! Auf die Spitze getrieben läuft das dann haargenau auf die Wendung oben in unserem Schildchen hinaus.
Natürlich würde so etwas so niemand unterschreiben wollen, nicht einmal laut sagen – von ein paar äußerst hartgesottenen Hülsenfrüchtchen vielleicht mal abgesehen. Genau das aber macht es ja so stupide – also bar jeglichen prognostischen Einfühlungsvermögens. Gleichzeitig aber ist es – das läßt sich wohl kaum leugnen – auch durch und durch perfide. Wenn nämlich im Volke erst mal überwiegend akzeptiert ist, was Meinung ist und was dagegen ›Hass und Hetze‹, dann öffnen sich unversehens und unmittelbar die Tore zu einer endlich wirklich schönen Neuen Welt – zumindest für die auf der jeweils richtigen Seite. Alle Menschen werden Brüder. Oder nicht doch eher Schwestern? Vielleicht auch einfach nur Seinspersonen? Oder wie und was auch immer. Und Muttermilch wird Menschenmilch. Der Beispiele fänden sich weit mehr als wir hier unterbringen können. Zwar löst sich so kein einziges ernstliches Problem. Aber Hauptsache, daß sich um Gottes Willen bloß niemand zurückgesetzt fühlt oder gar diskriminiert.
Hier ein Fun-Fact am Rande: ›Diskriminieren‹ hieß ursprünglich mal ›unterscheiden‹. Unterscheiden aber ist der Kern jeglicher seriösen Auseinandersetzung mit der Welt, egal ob in Wissenschaft, Technik oder Politik – und damit nicht die schlechteste Grundlage dafür, eine an einen gestellte Aufgabe zu erfüllen.
Auch scheinen manche zu meinen, eine Verfassung sei so eine Art Kochbuch: Da steht, wie’s geht. Müsse man nur getreulich anwenden, und zwar im Sinne des Erfinders – dann werde alles gut. An dieser Stelle ist sich Bolle gar nicht mal so sicher, ob das nun in die Kategorie Stupidität oder Perfidität fallen soll? Bolle befürchtet: beides! Und zwar gleichzeitig.
Für Stupidität spricht: Wenn das alles so klar wäre wie ein Kochrezept – wozu bräuchte man dann (seit 1952) mittlerweile über 161 dicke Bände Bundesverfassungsgerichtsentscheidungen? Für Perfidität spricht die in einschlägigen Kreisen ausgesprochene Neigung, sich die Verfassung so zurechtzulegen, daß sie sich aufs Feinste ins jeweils favorisierte Weltbild fügt. So läßt sich etwa – um nur ein einziges aktuelles Beispiel herauszugreifen – unter höchst extensiver Auslegung von Art. 1 I GG (Menschenwürde) im Ergebnis Art. 5 I GG (Meinungsfreiheit) und so manches an Grundrechten mehr im Ergebnis vollständig aushebeln. Man muß es nur ganz dolle wollen. Oder, in Bolles Diktion: Man muß nur perfide genug sein dafür. Auch scheint es – und das macht das ganze besonders perfide – nach oben keinerlei Grenzen mehr zu geben. Just dieser Tage, kurz vor unserem Redaktionsschluß, hat die NZZ getitelt:
„Unmenschlich“ und „menschenverachtend“: Die entgrenzte Sprache der vermeintlichen Mitte — SPD und Grüne brandmarken Reformvorhaben immer häufiger als Angriff auf die Menschenwürde. Es ist ein populistisches Geschäft.
Bolle meint: Was heißt hier populistisch? Ist es nicht einfach nur perfide? Nicht wissen wollen, wo man steht. Keine Ahnung, wo man hinwill. Selbst wenn man beides wüßte: Null Plan, wie das dann gehen könnte. Das nämlich wäre, falls es n i c h t so wäre, solide. Aber tüchtig auf die Kacke hauen: das geht natürlich immer, of course. In der Tat wird die Menschenwürde, wie’s scheint, immer mehr und immer perfider zur Allzweckwaffe aufgerüstet – nachgeradezu zum Hexenhammer der Gegenwart hochgehyped. Dafür braucht es nicht allzu viel Hirn (Stupidity reicht völlig) – und funktioniert prächtig, solange das Volk das nicht durchschaut (Perfidy). — Was soll man dazu sagen? Vielleicht das?
Stupidity and perfidy – living in perfect harmony
Bolle lehnt sich hier an Paul McCartney & Stevie Wonder (1982) an, of course. So was wie Solidity, also die mit Fleiß und Tüchtigkeit herbeigeführte Lösung ernstlicher Probleme, muß dabei leider draußen bleiben – wie früher die Hundchen vor den Fleischereien (als es noch welche gab). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.












