
Was da passiert ist in den letzten Jahren, das hätte nie passieren dürfen. So in etwa würde man Chruschtschows Statement gegenüber seinem Genossen und großem Vorsitzenden Stalin (vgl. dazu So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus) auf hier und heute übertragen können.
Was aber ist passiert? Nun, der altehrwürdige und einer Demokratie allein würdige Journalismus 1.0 hat sich schleichend, aber sicher – nachgeradezu „nachhaltig“ (um es mal in Hülsenfrüchtchen-Sprech zu sagen) – in einen, wie Bolle das nennt, Journalismus 2.0 verzwergt.
Lang, lang ist’s her, da hatte sich Hugh Greene, seinerzeit BBC-Journalist und später dann Chef von‘t Janze, veranlaßt gesehen, sich wie folgt zu äußern:
Nennen Sie mir ein Land
wo Journalisten und Politiker sich vertragen,
und ich sage Ihnen:
Das ist keine Demokratie.
Das war 1948. Nun ist Hugh Greene nicht irgendwer. Seinerzeit war er damit beauftragt, in den nördlicheren Gefilden von Nachkriegsdeutschland einen Rundfunk aufzubauen, der sein Salz auch wert ist – also das direkte Gegenteil von Hofberichterstattung. Dabei gilt er manchen nachgeradezu als „Vater“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – diesmal ausnahmsweise nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course.
Aber bleiben wir sachlich. Man könnte, um es auf den Punkt zu bringen, die Journalismen 1.0 und 2.0 anhand ihrer ganz grundsätzlichen Motivation auseinanderhalten:
Journalismus 1.0: Schreiben, was i s t .
Journalismus 2.0: Schreiben, was s o l l .
Ersteres entspricht natürlich Rudolf Augsteins Diktum, of course. Letzteres läuft darauf hinaus, was der jeweilige Journalist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) für wünschenswert hält. Im Lichte der Drei Töchter der Philosophie haben wir es hier also mit einem Unterschied zu tun, der wirklich einen Unterschied macht – dem Unterschied nämlich zwischen Schwester Logik und Schwester Ethik.

N o c h größer könnte eine Kluft kaum sein. Da liegen wirklich Welten zwischen. Und wenn dann noch ein ebenso penetranter wie – wie soll man sagen? – dümmlicher Kuschelkurs mit den jeweils Mächtigen hinzukommt, ist das Faß vollends am Überlaufen.
Nun – der Journalismus 2.0 hat hierzulande mächtig überhand genommen in den letzten Jahren. Bolles ehrlichste Umschreibung für Public Relations beziehungsweise „Öffentlichkeitsarbeit“ ist ja schlicht und ergreifend ›Meinungsmache‹. Das hören die PR-Leute natürlich nicht gerne, of course. Gleichwohl scheint es Bolle so zu sein. Wenn sich aber die Journalisten 2.0 auch nur noch als Meinungsmacher verstehen statt als Tatsachenberichterstatter, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn zumindest der aufgewecktere Teil des Volkes ihnen kein Wort mehr glauben mag. Da nützt es auch nichts, großspurig von „Haltungsjournalismus“ zu fabulieren. Nein, das ist schlicht und ergreifend Gesinnungsjournalismus – und damit g a r k e i n Journalismus, zumindest nicht im Sinne des Wortes. So etwas geht natürlich nie gut – jedenfalls nicht auf Dauer. Und so hatten wir letzte Woche, eher beiläufig, den Journalismus 3.0 erwähnt. Dessen Motivation:
Journalismus 3.0: Endlich wieder sagen, was ist – auch und gerade dann, wenn es so mancher nur höchst ungern hören mag.
Hierbei handelt es sich ganz offensichtlich um das Bestreben, sich der Hugh-Greene-Doktrin allmählich wieder anzunähern. Bolle jedenfalls fühlt sich nach zehn Minuten Journalismus 3.0 – inklusive einiger N:N-Medien wie etwa TwitteX, of course – sehr viel ehrlicher und gründlicher informiert als nach, sagen wir, zehn Stunden Journalismus 2.0. Informiert – nicht indoktriniert!
Aber ist das auch alles wahr, was man da zu hören kriegt? Hier sind wir unversehens beim Menschenbild: Bolle ist es weder Ziel noch Anspruch, die Wahrheit mundgerecht serviert zu bekommen. Was Bolle für wahr hält, möchte er bitteschön selber entscheiden – und zwar auf Grundlage aller auf die Schnelle verfügbaren Informationen. Vorgekaut ist was für Kühe – und als solche sieht Bolle sich nicht an. Wie heißt es doch so schön: Nur selber denken macht schlau. Oder, wie Kant es gesagt hätte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn.
Unser Bildchen übrigens zeigt die sogenannte Boston Tea Party – ein seinerzeit medial äußerst geschickt in Szene gesetztes Aufbegehren gegen das, was man im fernen London für gut und richtig hielt. Die Siedler in der Neuen Welt wollten von ihren zurückgebliebenen Landsleuten nämlich nicht länger ans Händchen genommen werden. Vor allem wollten sie dafür nicht auch noch bezahlen müssen. Bolle meint: die Parallele zum heutigen Rundfunkbeitrag ist nachgeradezu frappant.
Übrigens sind es ausschließlich Indianer, die die Teekisten sabotagemäßig über Bord werfen. Natürlich hatten die Indianer, egal welche, mit den Händeln zwischen Siedlern und Kolonialmacht rein gar nichts zu tun. Tatsächlich handelte es sich dabei um brave Bostoner Bürger in Camouflage, weil man offenbar damals schon aus sehr, sehr guten Gründen nicht viel von einer Klarnamenspflicht hielt. Von wegen „Augenhöhe“. England war groß und seine Justiz mächtig. Die Siedler waren nolens volens eher Untertanen. Wie sich doch die Bilder gleichen! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.











