
Was soll man sagen? Es wird Herbst. Unverkennbar. Als Bolle gestern abend in seiner Eckkneipe vor einem Feierabend-Bierchen saß, da war er doch sehr froh, daß er eine solide Tweet-Jacke anhatte und kein sommerliches Leinen-Jäckchen. Wie sagt man doch gleich auf der Insel? The best British clothing for the worst British weather. Doch das nur am Rande.
Politisch dagegen könnte es ein durchaus heißer Herbst sein beziehungsweise werden. Zwar nicht unbedingt ein ›Herbst der Reformen‹ – der ist letztes Jahr schon ausgefallen, und dieses Jahr sieht es kein bißchen besser aus. Aber so kann’s nun mal gehen, wenn zusammenwächst, was partout nicht zusammengehört. Überhaupt kann sich Bolle des Eindruckes nicht entbehren, daß die eigentliche Regierungsarbeit nur noch darin besteht, die Opposition zu bekämpfen. Mehr „Minimalkonsens“ läßt sich kaum noch finden.
Heute sind Wahlen im Lande Sachsen-Anhalt – und der Journalismus 2.0 dreht seit Wochen durch, wie’s scheint. Wir wollen hier nicht spekulieren, wie das alles enden wird. Der kluge Prophet wartet die Ereignisse ab. Heute abend wissen wir mehr.
Was wir aber jetzt schon sagen können: Die Völker der Welt schauen auf dieses Land (Bolle featuring Ernst Reuter 1948). Nicht weil es so bedeutsam wäre – das ist es nun mal nicht –, sondern weil hier etwas passieren könnte, das so rein gar nicht in die bräsigen Köppe der gegenwärtigen clique politique passen will: ein politischer Machtwechsel.
Eigentlich sollte man ja meinen, ein Machtwechsel sei das Normalste in einer Demokratie. Wer so denkt, hat aber nicht begriffen, daß wir hier in einer „unsere Demokratie“ leben – wie es immer so schön heißt. Und da geht sowas nun mal gar nicht. Zumindest ist es nicht vorgesehen.
Bislang lief das Spiel ja in etwa so: Die CDU baut Mist. Also wählen alle das nächste mal SPD. Die SPD baut Mist. Also wählen alle das nächste mal CDU. Die CDU baut Mist … Und so weiter, und so fort – ad libitum. Wir hatten diesen Punkt schon mal erwähnt (vgl. dazu etwa Do 19-12-24 Das 19. Türchen: Seid’s ihr deppert?). Demokratie als Partizipations-Placebo, halt.
Daß es für eine Regierung durchaus mehr zu tun geben könnte als nur die Opposition zu bekämpfen, sollte eigentlich einleuchten. Aber wie ist es bestellt um den – wie Bolle das nennt – kontemporär-kapitulativen Zustand der clique politique? Vielleicht in etwa so:

Um planen zu können, braucht man so etwas wie prognostische Kraft – also ein Gespür dafür, was passieren wird, wenn ich dies oder jenes tue. Davon ist nicht viel zu spüren. Und bevor man sich daran macht, die Welt zum Besseren zu wenden, sollte man zu allererst wissen, wo man eigentlich steht. Bolle nennt das neuerdings diagnostische Kraft. Auch davon ist nicht viel zu spüren: Wenn also, nur pars pro toto, dem staunenden Wahlvolke verkündet wird, daß niemand in die Sozialsysteme einwandere, oder daß das Migrationsproblem im Wahlkampf keine Rolle mehr spiele, oder daß die AfD mit der CDU so rein gar nichts gemein habe, oder, oder, oder – dann muß man sich wirklich fragen: In welcher Welt leben die? Oder, konstruktiv gewendet: Wie wollen solche Leute irgendwelche sinnvollen Schritte unternehmen, wenn sie nicht mal wissen (oder gar nicht wissen wollen), wo sie stehen? Drittens schließlich – auch das kann schwerlich schaden – braucht es ein Ziel. Man muß wissen, wo man hinwill. Sonst ergeht es einem leicht wie Alice in Wonderland (vgl. dazu Fr 04-12-20 Das vierte Türchen …):
– Könntest Du mir bitte sagen,
wie ich von hier aus am besten weiterkomme?
– Das hängt schwer davon ab, wo Du hinwillst …
Nun – mit allen dreien dieser Punkte ist es weiß Gott nicht zum Besten bestellt. Schaut Euch um auf dieser Welt. Aus einer gründlichst dissoziierten Perspektive – Bolle liebt ja derlei – könnte man, lyrisch werdend, durchaus sagen:
Da gibt es schleimige Gesellen
Gar mannigfaltiger Natur,
Die Recht und Geist vom Fuße auf die Köpfe stellen.
Wo aber bleibt dabei das Volk? Ja, wo zum Teufel bleibt es nur?
Tja – und dann wundert man sich, daß weite Teile des Volkes das zunehmend nicht mehr zu goutieren wissen und – völlig systemfremd, jedenfalls in d i e s e m System – nach ernsthaften Alternativen suchen. Wie heute in Sachsen-Anhalt und demnächst, wie’s scheint, auch anderswo. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.










