So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt

Mappae mundi variae – Die verschiedenen Weltbild-Typen, mit denen man so leben kann oder muß …

Wir hatten gelegentlich und schon öfters mal darauf hingewiesen. Ohne hier auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest eingehen zu müssen – deren Antwort ja bekanntlich 42 ist –, liegen wir wohl nicht allzu falsch, wenn wir uns selber als super-winzige, nachgeradezu mikroskopisch-miniskule Wesen auffassen – in einem unerhört gigantischen Universum. Dabei kann es nur darauf ankommen, irgendwie damit klarzukommen. Aber was heißt schon klarkommen?

›Klarkommen‹ soll bedeuten, dergestalt handelnd auf die Welt (Welt I) einzuwirken, daß das Ergebnis des eigenen Handelns wenigstens halbwegs dem entspricht, was zu bezwecken beabsichtigt war. Das klingt kompliziert – und das ist es auch.

Mach Er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich nur ein Bild …

Die wesentliche Voraussetzung hierfür ist, daß die Welt (Welt I) in etwa so funktioniert, wie einer sich  v o r s t e l l t , daß sie funktioniert. Diese Vorstellung aber ist nicht mehr als ein Bild von der Welt – mehr als ein Bild ist nun mal nicht drin –, das wir hier als Welt III (Weltbild oder mappa mundi) skizziert haben.

Dabei kann so einiges schiefgehen. Versuchen wir also eine kleine Systematisierung. Die mappa mundi, die einer pflegt, kann einigermaßen intakt sein (mappa mundi intacta / grün unterlegt). Das ist ein höchst erfreulicher Zustand – aber leider eher die Ausnahme. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß die mappa mundi mehr oder weniger fehlerhaft ist (mappa mundi vitiosa) oder, in der Steigerung, grob fehlerhaft (mappa mundi friata). Nie passiert das, was passieren soll! Die Welt ist schlecht – gar ungerecht, wie es dann munter und mitunter heißt. Das kann man dann auf eine schwere Kindheit schieben, auf die Gesellschaft, auf den Kapitalismus, oder auf sonstwas. Allein, es wird nichts nützen: Welt I ist außerordentlich vorwurfsresistent und nur ganz schwer zu beeindrucken. Einfacher wäre es – sofern man hier überhaupt von „einfach“ sprechen kann – sich um die Errichtung eines Weltbildes zu kümmern, das zumindest halbwegs funktioniert.

Wie das? Im Grunde geht das nur mit Versuch und Irrtum (trial and error). Um aber nicht ganz bei Null (ab ovo) anfangen zu müssen: Es sollten sich durchaus ein paar bewährte Faustregeln finden lassen – Dinge also, die herkömmlicherweise Sitten oder Gebräuche oder wie auch immer genannt werden. Was sich bewährt hat, eben, und was nicht. Manche nennen das „Dos and Don’ts“ – doch das führt hier auch nicht weiter. Natürlicherweise lernt man sowas im Rahmen der eigenen Sozialisation – so denn eine solche stattfindet. Ein Vorgang also, den man früher ganz altmodisch „Erziehung“ genannt hat. So gibt es etwa – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – bewährterweise zwei Geschlechter. Wem das zu wenig ist – wer sich also nachgeradezu eingeengt fühlt, der mag sich gern beschweren. Die nächste Beschwerdestelle, soweit Bolle weiß, ist gleich hinter Proxima centauri – also nur wenige Lichtjahre von hier. Auch ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht auszuschließen, daß mitunter weite Kreise von derlei infiziert werden. Aber was sind schon weite Kreise in den Weiten des Universums? Von all dem nämlich zeigt sich Welt I regelmäßig recht unbeeindruckt. Zumindest in Bolles mappa mundi ist das so. — Doch nun zur Systematik:

Mit mappa mundi antiqua ist ein Weltbild gemeint, das den Umgang mit Welt I konsequent-irrigerweise allein auf  V o r i g e s  stützt. Bei solchen Leuten ist es – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – immer „kurz vor 1933“. Folglich muß alles, was tatsächlich oder auch nur vermeintlich in diese Richtung weist, konsequent und „mit allen Mitteln“ bekämpft werden. So soll etwa ein Geschichtslehrer auf die Frage eines genervten Schülers, warum man denn zum hundertsten male das Dritte Reich durchnehme und von sonstiger Geschichte rein gar nichts mitkriege, geantwortet haben: „Damit das, was damals passiert ist, nicht noch einmal passiert.“ Na toll! So geht Konzentration auf das Wesentliche – wenn es denn das Wesentliche wäre. Was ansonsten alles passieren kann, wenn man weitgehend geschichtsblinde Schüler heranzieht, das klären wir dann später. In dieses Weltbild jedenfalls paßt das nun mal nicht rein. Na toll, zum Zweiten!

Daneben gibt es die mappa mundi hysterica. Das ist was für Leute, für die es – egal wie spät es jeweils sein mag – immer „kurz vor zwölf“ ist. Bei jedem Pups ist immer gleich die „Demokratie in Gefahr“ oder die letzte Patrone im Lauf oder was auch immer. Egal ob bei Corönchen, beim Klima oder im „Umgang“ mit der Opposition: der Tenor ist immer der gleiche: „Wir werden alle sterben.“ Stimmt. Das werden wir. Allerdings auch ohne mappa mundi hysterica.

Schließlich haben wir noch – auch sehr beliebt – die mappa mundi manichaea. Hier geht es darum, alles stramm nach Gut und Böse einzuteilen. Das Credo: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Egal, um was es gehen mag: Es ist doch immer gut zu wissen, wer die Guten sind und wer die Bösen. Kompliziert wird es hier, wenn die Guten böse Sachen machen, oder umgekehrt. Allein, sowas sprengt den Rahmen dieses Weltbildes bei weitem.

Sagen wir so: wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein kaputtes Weltbild hat – sei es ziemlich kaputt (mappa mundi vitiosa) oder sei es völlig kaputt (mappa mundi friata), etwa in einer der Spielarten antiqua, hysterica oder manichaea oder weiteren, noch zu isolierenden –, dann ist das schlimm genug. Er wird mit allem, was er tut, sich und den Seinen Probleme bereiten – und nichts als Probleme. Warum? Weil die Welt nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Und wenn dieser jenige nicht nur sein eigenes Leben miß-managed, sondern ein Unternehmen oder gar ein ganzes Land, dann wird er absehbar in großem Maßstabe Probleme erzeugen und niemals, wirklich niemals, zu einem erwünschten oder auch nur erwarteten Ergebnis kommen. Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 10-05-26 Muttertag

Vita fugit – Wusch und weg.

Hier unser immerhin schon viertes Sonntagsfrühstückchen in Folge zum Muttertage. So schnell kann’s gehen. Praktischerweise fällt der Muttertag ja immer auf einen Sonntag – so daß wir das gewissermaßen en passant berücksichtigen können.

Vita fugit – Das Leben flieht. Oder, in Bolles freier Übersetzung und dabei in Anlehnung an einen klassischen Werbeslogan für Küchentücher – den es übrigens seit 1972 schon gibt: Wusch und weg. Küchentücher und Muttertag: Bolle findet, das hat was – rein thematisch. Ist das mit den Küchentüchern an den restlichen 364 Tagen des Jahres doch ständige Übung für Muttern. Zumindest am Muttertage aber sollte man vielleicht doch eher darauf achten, die Frau Mama von Haushaltspflichten einschließlich aller Küchentücher möglichst fernzuhalten. Das scheint ja wohl der Sinn der Sache.

Unser Bildchen mag als Allegorie auf das Leben an sich verstanden werden. Stellen wir uns vor, wir säßen – völlig out of bounds, also losgelöst von allem und jedem – in einem dahinbrausenden Zug und würden dabei, als reiner Beobachter, einen Blick auf das Geschehen werfen – ein Geschehen, das wir bei weniger dissoziierter Perspektive „unser Leben“ zu nennen geneigt sind. Dabei würde unmittelbar klar, daß jede, wirklich jede Szene, die wir sehen, von einzigartiger Einzigartigkeit ist. Gerade haben wir zwei im Wald versteckte Windräder im Blick. Sekunden später aber schon ergeben sich ganz andere Bilder. Ein stetes Kommen und Gehen.

Natürlich kann kein Mensch im wirklichen Leben so leben. Leben – namentlich das vita activa, das übliche tätige Leben also – ist auf Kontinuität angelegt. Wenn ich zum Beispiel heute eine Verabredung treffe für in, sagen wir, zwei Wochen, dann will und muß ich davon ausgehen können, daß mein meeting mate (also mein Gesprächspartner) bis dahin auch noch unter den Lebenden weilen wird – und nicht etwa, wie die Windräder in unserem Bildchen, längst dem Diesseitigen enthoben ist. Daneben aber gibt es – oder sollte es zumindest geben – das in keinster Weise weniger wichtige vita contemplativa, das besinnlichere Leben. Dort gilt es selbiges in Rechnung zu stellen.  K e i n e  Macht der Welt nämlich kann uns garantieren, daß in vierzehn Tagen alles noch so ist, wie wir das heute erwarten würden. Nicht einmal in fünf Minuten – und auch nicht in einer einzigen. Bei „Bolle featuring Goethe“ klänge das in etwa wie folgt:

Wer nicht von diesen zwei Verfahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

Dabei ist mit ›diesen zwei Verfahren‹ natürlich der allfällige switch zwischen vita activa und vita contemplativa gemeint, of course. Einem Agnostiker aber, und erst recht einem Mystiker – also einem, der seine Kontemplation ernst nimmt – sollte das Hin und Her zwischen den beiden Erlebensformen  („Verfahren“) mit zunehmender Übung immer besser gelingen. — Aber ist das alles nicht doch furchtbar anspruchsvoll? Sicherlich. Allein, was will man machen? Zwar ist vita contemplativa weiß Gott nicht alles – da ist vita activa vor – aber ohne vita contemplativa ist nun mal alles nichts. Und zwar rein gar nichts. Darum ja nicht zuletzt die 12chen, by the way … (zum Nachschlagen zu finden über die Suchfunktion).

Damals, bei unserem ersten einschlägigen Frühstückchen, hatten wir uns veranlaßt gesehen, abschließend anzumerken: Sic crustula friatur − wenn der Keks erst mal zerbröckelt ist −, dann ist es definitiv zu spät. Lasset also die Bräsigkeit fahren, und das Ego gleich mit − und bewegt Euren sprichwörtlichen Arsch. Nun ist es egal, ob wir von zerbröckelten Keksen reden oder von ab- oder vorübergefahrenen Zügen: Zu spät ist zu spät – da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Auch nützen da die sich nur allzu oft einstellenden langen Gesichter nichts mehr. Wie meinte doch Bolles lieber guter alter Guru stets?

Wer den Krug trägt, wenn er ihn trägt,
und die Scherben gelassen beiseite fegt
ist dem Weg nahe.

Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 26-04-26 Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich!

Von der Gosse zu den Sternen ist’s kein bequemer Weg. (Bolle featuring Seneca: Hercules furens).

Ja, was heißt denn  d a s  schon wieder? Wörtlich heißt es – in bester AcI-Konstruktion: ›Die Wahrheit ist eine zu erkennende‹. Etwas freier könnte man sagen: Kümmert Euch um die Wahrheit, Leute. Oder, wie Kant das später fassen sollte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn! Darum ja auch Bolles Beitrag – der ihn einmal mehr als ausgewiesenen Skeptiker ausweist. Allein das wird nicht weiter verwundern: Ist nicht die Agnostik letztlich die konziliante Schwester der Skepsis?

Immerhin können wir recht sicher sagen, daß die Wahrheit dazu neigt, recht mannigfaltig daherzukommen. Außerdem trägt sie – kaum anders als die Wirklichkeit – am liebsten ein Forellenkleid (André Heller 1976). Was heute noch wie ein Märchen anmutet, kann morgen schon Wirklichkeit sein. Und umgekehrt, of course. Darum, genau darum, haben wir die Wahrheitssuche hier auch einen ›philosophischen Dauerauftrag‹ genannt. Es nimmt nun mal kein Ende.

Ist das alles aber nicht viel zu anstrengend? Reicht es nicht, derlei den dazu Berufenen zu überlassen? Schließlich hat man ja auch so gut zu tun. Die Antwort ist – wie kann es anders sein – einmal mehr ein klares Jein.

Einerseits können sich die meisten Leute nicht den lieben langen Tag mit „Wahrheitssuche“ befassen. Andererseits aber basteln wir uns ja ohnehin Tag für Tag so etwas wie unsere ureigenste Wahrheit – und nennen sie dann mappa mundi (Weltbild, Welt III). Und was da steht, ist nun mal wahr. Muß! Das folgt unmittelbar aus dem kognitiven Grundbedürfnis nach Orientierung.

Die beste aller verfügbaren Wirklichkeiten …

Allerdings sollte man schon ein ganz klein wenig darauf achten, seine mappa mundi nicht allzu sehr mit Müll zu überfrachten. Mit einer mappa mundi friata, einem durch und durch kaputten Weltbild, ist nämlich niemandem gedient – zuallerletzt einem selbst.

Zum Glück gibt es aber eine Rückkopplungsschleife im System – die gestrichelte Linie: Was einer wahrzunehmen gewillt ist, ist nicht zuletzt Ausfluß der mappa mundi, die sich einer modelliert hat. Bei Bolle zum Beispiel heißt eine der ehernen Regeln: ›Kein Streaming etc. pp. vor after eight‹. Bevor man nämlich an die Wahrheitssuche auch nur denkt, sollte man zunächst einmal sein Tagewerk erledigt und sich in eine geeignete Gemütsverfassung begeben haben – beziehungsweise, wie Zaphod Beeblebrox im ›Anhalter durch die Galaxis‹ das nennt: I got to get myself in the right frame of mind for this.

Zumal es eine Menge Leute gibt, die ein ureigenstes Interesse daran haben, ihre Sicht der Dinge unters Volk zu streuen: ›Wahrlich, wir sagen Euch …‹. Natürlich sagt das niemand so. Im Ergebnis läuft es aber justa- und exaktemente darauf hinaus.

Allerdings wird man namentlich der classe politique und auch den PR-lern dieser Welt kaum verübeln können, daß sie ein recht eigentümliches Verhältnis zur Wahrheit haben. Mehr noch: Bolle geht so weit, ›Public Relations‹ schlicht und ergreifend mit ›Meinungsmache‹ zu umschreiben. Meinungsmache aber ist nicht anderes als der bewußte Versuch, auf die Welt III einer gegebenen Zielgruppe Einfluß zu nehmen. Also Obacht!

Wie meinte doch gleich Bolles lieber guter alter Guru, etwa wenn er seine Eleven beim Goutieren irgendwelchen Junkfoods erwischt hat? Ist das der Stoff, aus dem Ihr Euren Körper bauen wollt? Das Beispiel ließe sich nahtlos übertragen: Ist das der Stoff, aus dem Ihr Euer Weltbild formen wollt? Bolles Antwort, ebenso schlicht wie ergreifend: Natürlich nicht. Und schon fühlt man sich gleich besser – auch ohne Junk.

Einigen Berufsständen, namentlich den Medienschaffenden und übrigens auch den Gerichten, sollte derlei aber ferne liegen – und zwar furchtbar ferne. Tut es aber nicht. Der Journalismus 2.0 gefällt sich in seinem Selbstverständnis zunehmend als Gesinnungsjournalismus und nennt es schönfärberisch „Haltung“ – und niemand hält dagegen. Im Gegenteil – man gewöhnt sich dran.

Was bedeutet das für unser heutiges Thema – Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich! Nun, Bolle sieht hier zwei einander ausschließende, polare Möglichkeiten.

Man überläßt die Wahrheitsfindung nebst alleinseligmachender Verkündung einer dazu berufenen Instanz, läßt sich das Ganze mundgerecht servieren – und baut es in sein Weltbild ein. Und sollte einer das partout nicht glauben wollen, dann ist er halt ein „Skeptiker“, ein Schwurbler oder Querdenker – oder was auch immer. Auch das wird einem gerne mundgerecht gleich mitgeliefert. In Bolles Kreisen nennt man derlei – wohl durchaus nicht ganz unzutreffend – Meinungsmonopolismus. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer aus Mephistopheles‘ Munde?

Am besten ist’s auch hier, wenn Ihr nur  e i n e n  hört
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen – haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.

Klappe zu, Affe tot – Weltbild stabil. Aber ist es auch wahr? Wir wissen es nicht. Immerhin dürfen wir ahnen. Und zwar nicht unbedingt was Gutes. Was dann? Die Alternative wäre ein regelrechter Meinungsmarkt: Man nehme – im Rahmen seiner Möglichkeiten, of course – alles zur Kenntnis, was an Meinungen oder auch nur Vorstellungen im Raume steht, prüfe, wäge ab, und entscheide schließlich, was man selbst für gut und richtig halten will. Kurzum: man benutzt, im besten Kant’schen Sinne, sein Gehirn.

Schon John Stuart Mill (1806–1873) fand das seinerzeit mehr als naheliegend. Mehr noch: in seinen Augen handelt es sich hierbei nachgeradezu um die Existenzgrundlage einer freien und fortschrittlichen Gesellschaft. In seinem Hauptwerk ›Über die Freiheit‹ (1859) hat er das gründlich und plausibel dargelegt – sicherlich auch inspiriert durch seinen Zeitgenossen und transdisziplinären Kollegen Charles Darwin (1809–1882), der mit seiner (ebenfalls 1859 erschienenen) ›Entstehung der Arten‹ das Prinzip der Selektion salonfähig gemacht hatte.

Ersteres entspricht übrigens – um es mal auf die ganz große Bühne zu zerren – im Wesentlichen einem kollektivistischen Gesellschaftsbild – ganz nach dem Motto ›Die Partei, die Partei, die hat immer Recht‹ (vgl. dazu unser Sonntagsfrühstückchen von letzter Woche: So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland). Letzteres entspricht einem eher individualistischen Bild – und ist durchaus dichter dran an allem, was die Welt am Laufen hält: Was nicht funktioniert, das mendelt sich halt aus – früher oder später. Conditio universalis, eben. Auch wenn das manchem Hülsenfrüchtchen Tränen der Empörung in die Augen treiben mag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Ostersonntag 05-04-26 Frohe Ostern, urbi et orbi

Falscher Hase? False Flag?

Incora imparo – Ich lerne noch. So soll Michelangelo (1475–1564) – übrigens ein Zeitgenosse Martin Luthers (1483–1546) – in seinen reiferen Jahren in schönstem landesprachlichem Italienisch (und nicht etwa auf Latein) in charmant-entwaffnender Weise mitunter auf kleinliche Mäkeleien seiner Kritiker reagiert haben. Die Haltung an sich – selbst falls nur zum Zwecke der Entwaffnung vorgetragen – hat jedenfalls so einiges für sich. Bolles liebe gute alte Großmama zum Beispiel meinte gelegentlich: Und wirste so alt wie ne Kuh – lernste doch immer noch was dazu. Bolle war damals schon, in jungen Kinderjahren, klar, daß es sich hierbei um einen reinen Reim handelt. Allein die ›Kuh‹ fand er inhaltlich doch etwas – wie soll man sagen? – bemüht. Eine Schildkröte etwa hätte ihm eher eingeleuchtet. Aber versucht mal, ›Schildkröte‹ auf ›dazu‹ zu reimen. Es wird nicht gelingen. Auf ›Schildkröte‹ nämlich reimt sich rein gar nichts.

Da wir gerade beim Reimen sind, und es mit dem Osterfest der Christenmenschen zu tun haben: Es heißt, nicht einmal Goethe – der Dichterfürst, der Princeps poetarum – konnte sich seinerzeit einen Reim auf Ostern machen. Aber was kann ein Dichterfürst, und sei’s der größte, schon tun, wenn die Sprache nun mal was nicht hergibt? Allerdings haben sich im Zuge der anglizistischen Wörterwanderung mittlerweile immerhin gleich  z w e i  halbwegs reine Reime einfinden wollen. Man könnte heute also zum Beispiel durchaus dichten:

Bis gestern nur auf manchen Postern
Ist es heute doch soweit:
Am Frühstückstisch, auf beiden Toastern
Liegen Eier griffbereit.
Man ißt – und wünscht sich Frohe Ostern!

Auch wollen wir hier Sinn und Unsinn der Poesie nicht weiter vertiefen. Das Ganze fällt wohl am ehesten in die ›Kuh/dazu‹-Kategorie. Allein // es reimt sich, und zwar rein. — Doch nun zu Bolles Dazulern-Erfolg:

Der Christus der Christenmenschen, der zu Lebzeiten noch schlicht Jesus hieß, soll sich – so zumindest der Vorwurf – als „Gottes Sohn“ bezeichnet haben. Ja, was denn sonst? Sind wir nicht letztlich  a l l e  Gottes Söhne (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? In aufgeklärteren Regionen der damaligen Welt – sei es in Rom, sei es in Athen, oder sei es sonstwo irgendwo im Römischen Reich, etwa in Lutetia (Paris) – wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Die Römer hatten hierzu sogar einen passenden Spruch: Deorum iniuriae diis curae – um Gotteslästerungen sollen sich die Götter kümmern. Da halten wir uns raus. Das römische Recht war also durchaus vergleichsweise modern – und ist es heute noch, verglichen mit so mancher hülsenfruchtig-postmodernen Anwandlung wie etwa der Aufweichung der Unschuldsvermutung oder Bestrebungen zur Beweislastumkehr. Schaut Euch um auf dieser Welt!

Die alttestamentarischen Kleriker dagegen hatten eine durchaus „alternative“ Sicht auf die Dinge: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben; denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. So lautet die Regel: Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen (3. Mose 24, 16). Das 3. Buch Mose heißt übrigens auch ›Leviticus‹. Vielleicht kommt daher ja die Wendung ›Jemandem die Leviten lesen‹?

Das allerdings war leichter gesagt als getan. Seit der Eroberung von ganz Palästina – das damals noch  ›Judäa‹ hieß – durch die Römer im Jahre 63 vor der Geburt des späteren Heilandes – galt dort kein alttestamentarisches Recht mehr, sondern vielmehr das vergleichsweise moderne römische Recht – und das sah Gotteslästerungen als Straftatbestand schlechterdings nicht vor – und Steinigungen als Rechtsfolge sowieso nicht. Und so meinte denn Pontius Pilatus, seinerzeit Statthalter in Judäa, konsequenterweise, er könne keine Schuld bei Jesus finden.

Da ein solches Ergebnis absehbar war – Gotteslästerung war nun mal kein Straftatbestand nach römischem Recht – fühlten sich die alttestamentarischen Kleriker veranlaßt nachzulegen und kaprizierten sich auf die Behauptung, Jesus habe verschiedentlich geäußert, daß er der König der Juden sei. Ein selbsterklärter König aber – mitten im römischen Reich? Das wäre auch den Römern – alles, was Recht ist – dann doch zu weit gegangen. Delegitimierung des Staates – wie man das heute nennen würde – war ein Kapitalverbrechen und durchaus der Todesstrafe wert. Daß das alles mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogen war – Mein Reich ist nicht von dieser Welt (Johannes 18, 36) –, ist dann im Prozeßgetümmel schlechterdings untergegangen.

Und so kam es, daß Jesus mitnichten wegen Gotteslästerung verurteilt wurde, und auch nicht gesteinigt. Vielmehr war er wegen Delegitimierung des Staates dran, und wurde nach römischen Recht gekreuzigt. So stand es dann auch auf dem Kreuze: INRI – Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum (Jesus von Nazareth, der König der Juden). Und selbst darum gab es noch Streit mit den Klerikern: Denen nämlich ging das „nicht weit genug“. Doch das führt hier zu weit.

Im Ergebnis jedenfalls wurde Jesus unter falscher Flagge angeklagt und verurteilt. Allein, wenn’s doch der guten Sache dient – wie etwa, seinerzeit, „unserer“ Theokratie beziehungs­weise, heutzutage irritierend ähnlich, „unserer“ Demokratie? Letztlich geht es doch schlicht und ergreifend allein um  u n s e r e   H e g e m o n i e . Hier macht das Possessivpronomen wenigstens Sinn, findet Bolle. Und da muß man nun mal Opfer bringen – zumindest aus der Sicht der jeweils Herrschenden. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 29-03-26 Vor Jahr und Tag

Sic crustula friatur − Da geht er hin, der Keks.

›Vor Jahr und Tag‹ – welch wunderbare Wendung. In erster Linie ist damit gemeint, daß etwas doch schon ganz schön lange her ist. Repopularisiert beziehungsweise überhaupt erst wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen hat sie, soweit Bolle sehen kann, Reinhard Mey mit seinem einschlägigen Liebeslied (1974). Das allerdings war auch schon wieder vor Jahr und Tag.

Umgekehrt – und noch viel weniger gebräuchlich – gibt es allerdings auch die Wendung › N a c h  Jahr und Tag‹. Sie stammt aus dem mittelalterlichen Rechtswesen. So war etwa ein leibeigener Bauer, der es geschafft hatte, in eine Stadt zu entfliehen, nach Jahr und Tag seiner Dienstverpflichtung ledig. Daher auch: Stadtluft macht frei. Das war durchaus wörtlich zu verstehen.

Indes, es gibt noch eine weitere Bedeutung – und davon soll hier die Rede sein. Demnach bedeutet ›Nach Jahr und Tag‹ nicht weniger als den Ausbruch aus einer linearen Zeitauffassung – ein Konzept, das die Physiker ›Zeitpfeil‹ (Eddington 1927) nennen, wohl wissend, daß das durchaus noch nicht der Weisheit letzter Schluß gewesen sein dürfte. Man denke nur an gewisse Phänomene in der Quantenphysik oder – im kosmischen Maßstab – an das Big-Bang-Theorem. Dabei kann ›Ausbruch‹ nichts anderes bedeuten als die Rückbesinnung auf eine zyklische Auffassung der Zeit. Nicht nur die Erde dreht sich – auch die Zeit tut womöglich selbiges: Wie sprach doch gleich der Herr zu Noah? Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Genesis 8, 22).

Kurzum: Um derlei zu pflegen, braucht es so etwas wie Zeitsinn. Ein linearer Zeitpfeil wäre da das letzte, was Sinn machen würde. Dem kommt – zumindest in unseren Breiten – das christliche Kirchenjahr wohl noch am nächsten. Nicht zuletzt nämlich dient es der Orientierung. So heißt es zum Beispiel in Fontanes ›Unterm Birnbaum‹ (1885): Um Johanni wußte ganz Tschechin, daß es die Hradscheck nicht lange mehr machen werde. Selbstredend, daß jeder, wirklich jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wußte, wann ›Johanni‹ war – am 24. Juni nämlich, exakt ein halbes Jahr  v o r  beziehungsweise auch  n a c h  Weihnachten, je nachdem. So ist das bei Zyklen.

Kurzum: Wenn man in Zyklen denkt – und vor allem auch fühlt –, dann schießt das Leben nicht so leichtfüßig zeitpfeilmäßig an einem vorbei. Vielmehr retourniert es regelmäßig – um es mal etwas altbacken auszudrücken. Ausgesprochen fein formuliert hat das übrigens Erich Kästner vor nunmehr fast genau einhundert Jahren schon in seiner ›Ansprache zum Schulbeginn‹ (1925). Dort heißt es:

Laßt euch die Kindheit nicht austreiben! Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telephonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr. … Aber müßte man nicht in seinem Leben wie in einem Hause treppauf und treppab gehen können? Was soll die schönste erste Etage ohne den Keller mit den duftenden Obstborten und ohne das Erdgeschoß mit der knarrenden Haustür und der scheppernden Klingel?

Nun – treppauf und treppab gehen im Leben kann nur funktionieren, wenn man sich einen gewissen Zeitsinn bewahrt hat oder wieder errungen. Und so zieht Bolle das zyklische Zeiterleben definitiv vor.

Na, und denn –? Irgendwann einmal ist Schluß mit lustig. Und auch mit retournieren. So heißt es bei Wilhelm Busch in ›Eduards Traum‹ (1891): Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär’s der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre.

So  i s t  das dann eben. Also: So long to all you Mariannes – oder wie auch immer ihr geheißen haben mögt auf Erden. Und natürlich auch beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course. Aber wie heißt es doch so trefflich im Chorus mysticus – gewissermaßen der Quintessenz des gesamten Faust’schen opus magnum, unmittelbar vor dem Finis?

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Ja, kann man denn ›vanitas‹, die altehrwürdige Einsicht in die unabänderliche Vergänglichkeit allen Erdenseins, die sich mindestens bis ins 3. Jahrhundert vor Christi Geburt zurückverfolgen läßt, noch schöner und dabei noch hoffnungsfroher umschreiben? Dabei wollen wir – bevor irgendein Hülsenfrüchtchen zum Meckern ansetzen kann – das ›Ewig-Weibliche‹ natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts verstanden wissen, of course – auch wenn es uns wenig überzeugend scheint. Auch wollen wir „Ereignis“ in der Rudolf-Steiner-Interpretation verstehen. Der nämlich meinte, erstens reime sich ›Erreichnis‹ schöner auf ›Gleichnis‹ und zweitens und vor allem sei es inhaltlich sehr viel richtiger. Eckermann nämlich, Goethes Famulus und auch Faktotum, sei seinerzeit über dessen nie abgelegten ausgeprägten Frankfurter Dialekt gestolpert – und so wurde aus dem eigentlich gemeinten ›Erreichnis‹ in der abschließenden schriftlichen Fassung dann eben ein zwar wenigsagendes, dafür aber hochdeutsches ›Ereignis‹. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-02-26 Den Hülsenfrüchtchen nicht geheuer

Mogst a Bries?

Sachen gibt’s, die gibt’s fast gar nicht mehr. Dabei sind sie mitunter wirklich praktisch: Schnupftabak etwa. So ist zum Beispiel noch kein Hülsenfrüchtchen je auf die Idee gekommen, den Leuten das Schnupfen verbieten zu wollen – weder in Kneipen oder Restaurants noch sonstwo. Ein echtes Tummelfeld also für Micro-Resistance – wie das in Bolles Kreisen aufrührerisch heißt.

Apropos Micro-Resistance: Bolle liebt es geradezu, auf manchen Partys etwa eine – ganz unschuldige und ungestopfte – Tabakspfeife im Mäulchen zu führen. — „Hier ist Rauchen verboten“ hieß es einmal von hinterm Tresen. — „Wieso – ick rooch doch gar nich.“ Und schon war nolens volens Ende Gelände mit dem ebenso knappen wie unseligen Disput. Zwar hatte Bolle mitnichten geraucht – aber offenbar auch nicht so recht ins mancherseits erwünschte – wie soll man sagen? – Stadtbild gepaßt. Aber genau  d a r u m  ja! Allein es gibt an dieser Stelle auch Erfreuliches zu berichten: Am gleichen Ort, zur gleichen Stunde nämlich entzückte sich eine unbekannte Schöne – vermutlich Studentin: „Boah! Wie stilvoll kann man sein …“. Na also – soo verdorben scheint die Jugend dann wohl ja doch noch nicht.

Natürlich muß niemand rauchen wollen. Auch nicht schnupfen. Aber diese aufdringliche Permanenz, mit der manch Hülsenfrüchtchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seinen Mitmenschen damit auf die Nerven geht, was löblich sein soll für die Welt – Selbstschutz, Fremdschutz … Rundumschutz überhaupt und allerorten: namentlich in der Corönchen-Hysterie hatten sie uns damit bis zum Gehtnichtmehr in den Ohren gelegen –, muß man wirklich nicht goutieren. Helfen, retten, schützen … kotzen, halt. Da hilft wohl letztlich nur agnostisch-kontemplativer Gleichmut.

Was die hilfreich gemeinten Hinweise auf den Verpackungen angeht: Im Grunde kann Bolle das völlig wurscht sein. Für sowas hat man schließlich seine Paraphernalia – schlicht zwar, aber ästhetisch ansprechend und vor allem durch und durch belehrungsfrei. Der Rest kommt dahin, wo er hingehört: in den Mülli.

Diesmal aber wollte Bolle es genauer wissen und fühlte sich veranlaßt, auf einen alten Juristen-Trick zurückzugreifen: Wo steht das? Nun, beim zuständigen Bundesamt für Risikobewertung heißt es in der Stellungnahme Nr. 031/2013 – gleich in der Überschrift: ›Schnupftabak birgt ebenso hohes Suchtrisiko wie Zigaretten‹. Aha! Schaut man nun ins Kleingedruckte – auch das ein alter Juristentrick –, dann heißt es unter ›Wahrscheinlichkeit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung‹ frank und frei: ›Möglich‹. Aha! Und unter ›Aussagekraft der vorliegenden Daten‹ heißt es: ›Gering: Zahlreiche wichtige Daten fehlen oder sind widersprüchlich‹. Aha, zum Dritten! Nichts Genaues weiß man also nicht. Immerhin ist man insoweit ehrlich – zumindest im Kleingedruckten.

Das hält die Verantwortlichen aber natürlich nicht davon ab, erst mal ebenso knallige wie kontrafaktische Überschriften zu generieren beziehungsweise Schnupftabakverpackungen mit einschlägigen Warnhinweisen zu verunzieren. Wenn’s doch der guten Sache dient! Immerhin hat man sich Hinweise wie ›Schnupftabak ist tödlich‹ oder so wohl gerade noch verkneifen können.

Im übrigen kann Schnupftabak durchaus auch Leben retten – zumindest aber vorzeitiges Ableben verhindern. Fragt Friedrich II (1712–1786). Der nämlich – seines Zeichens ein großer Schnupfer vor dem Herrn – wurde mitten im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) in der Schlacht bei Kunersdorf (1759) von einer russischen oder habsburgerischen Kugel ereilt, die wohl tödlich gewesen wäre – wäre sie nicht von seiner Tabatière, die er im Waffenrock stets bei sich trug, abgefangen worden. Und so kam es, daß Friederich dank Schnupftabak die Schlacht bei Kunersdorf noch 27 Jahre überleben sollte. Soviel zu ›Rauchen ist tödlich‹. Und so bleibt es denn bei dem, was ein jeder aufrechte Agnostiker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seit alters her für wahr erachtet: Wir wissen es nicht. Und wir werden auch nie wissen, was im Leben einer individuellen Person jeweils das Richtige gewesen sein mag. Statistische Wahrscheinlichkeiten sind da nur eine schale Ausflucht – denn sie haben für den Einzelnen Null Komma Null Null Aussagekraft. Das ist auch jedem seriösen Statistiker klar. Allein wie sag ich’s meinem (in der Regel kollektivistisch inspirierten) Hülsenfrüchtchen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-12-25 Luja, sog i

Luja, sog i. (Bolle featuring Traudl und Walter Reiner 1970).

Tja – so kann’s gehen. Kaum haben wir das letzte Türchen unseres diesjährigen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders geöffnet, da rücken auch schon wieder die Sonntagsfrühstückchen heran. Et voilà. Immerhin ist es das letzte für dieses Jahr – und Bolle verspürt wenig Neigung, jetzt schon wieder in die laute und lärmende Welt da draußen einzutauchen. Zwischen den Jahren herrsche bitteschön Ruhe. Das war bei Bolle schon immer ein sozusagen geheiligter Grundsatz. Halten wir es also mit Erich Kästner. Der nämlich hat sich in seinem ›Die 13 Monate‹ 1955 schon einen Reigen durch das Jahr gereimt. Für ›Dezember‹ heißt es dort:

Das Jahr wird alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Dabei schließt er seine Dezember-Elegie mit den Worten:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

Bolle findet, das passe doch recht trefflich zu unserem diesjährigen unterschwelligen ›Last Christmas‹-Tenor – vergleiche dazu nicht zuletzt Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas.

Wer noch etwas wohlig-wärmendes sucht für die ja erst noch kommenden kälteren Wintermonate, der möge es vielleicht mit Ashley Davis‘ ›Songs of the Celtic Winter‹ (2012) probieren. Dort findet sich als letztes Lied auch eine sehr schöne Fassung von ›Auld Lang Syne‹. Zum einen handelt es sich dabei um ein traditionelles – in den keltischen Regionen der Insel geradezu unverzichtbares – Lied zum Jahresausklang. Bei sensibleren Gemütern soll damit aber auch der im zurückliegenden Jahre Verstorbenen gedacht werden. So gesehen findet Bolle es sehr stimmig. Eine unserer Leserinnen (nein, diesmal nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit einer gewissen Affinität zum Althergebrachten hat uns darauf aufmerksam gemacht. Besten Dank dafür.

Unser heutiges Bildchen stammt übrigens aus dem Kurz- und Kultfilm ›Ein Münchner im Himmel‹ (1970 / gezeichnet von Traudl und Walter Reiner, gesprochen von Adolf Gondrell) nach einem Text von Ludwig Thoma (1911). Es erzählt die Geschichte von Alois Hingerl, ehemals Dienstmann Nr. 172 auf dem Münchner Hauptbahnhof, der, einmal entleibt, als Engel Aloisius seine liebe Not hatte im Zwiespalt zwischen himmlischer Hausordnung und bairischer Lebenslust. Aber der Herrgott wäre nicht der Herrgott, wenn er nicht qua göttlichen Ratschlusses eine Lösung gefunden hätte. Und Aloisius wäre nicht Aloisius, wenn die Lösung denn auch funktioniert hätte. Könnt ja ma kieken. Gibt’s in der Mediathek. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas

GuMo – urbi et orbi. (Symbolbild, of course).

So sah er heute aus, Bolles allererster Blick auf den noch jungen Weihnachtstag. Dazu durfte ein aufmunterndes Wort in seinem geistigen Ohre natürlich nicht fehlen – wie etwa: ›Auf, auf, der Herr. Große Taten warten.‹ Bolle ist nämlich manchmal etwas förmlich im Umgang mit sich selbst. Aber allemal besser als zu nachlässig – findet Bolle.

Letztes Jahr hatten wir das erste Türchen unseres agnostisch-kontemplativen Adventskalenders mit ›Last Christmas …?‹ übertitelt (vgl. So 01-12-24 Das 1. Türchen – der 1. Advent: Last Christmas …?) und das als kleine Memento-Mori-Mahnung verstanden wissen wollen. Schließlich – so hatten wir festgestellt, könne einem keine Macht der Welt garantieren, daß man auch nur weitere fünf Minütchen werde zu leben haben auf diesem Erdenrund.

Wenn man schon nicht jeden Tag daran denken kann oder mag, daß ebendieser Tag der letzte gewesen sein könnte: wenigstens einmal im Jahr daran zu denken scheint Bolle beileibe nicht übertrieben. Warum also nicht auch und vor allem in den nach Möglichkeit ja eher stillen Weihnachtstagen? Nun – im verronnenen Jahr war es bei Bolle so, daß das letzte Weihnachten für gleich zwei seiner Lieben in der Tat das letzte Weihnachten war. Mehr noch: Insgesamt haben sich bei ihm in den vergangenen zweieinhalb Jahren immerhin fünf Heimgänge ergeben. Das gibt einem doch zu denken. Man könnte – in Anlehnung an einen Italo-Western (I/F 1968 / Regie: Sergio Corbucci / mit Jean Louis Trintignant und Klaus Kinski) glatt sagen: ›Leichen pflastern seinen Weg‹. Das klingt jetzt zwar nicht sonderlich pietätvoll – und auch nicht furchtbar weihnachtlich –, scheint aber dennoch so zu sein. Conditio humana, eben. Verdrängen nützt da wenig.

Laßt uns das möglichst nie vergessen – ohne daß es uns jemals über die Maßen verdrießen soll. Eine Frage des Gleichgewichtes – zwischen dem Wunder, ein Mensch zu sein, und dem Schrecken, ein Mensch zu sein. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Frohe Weihnachten also, Euch allen! Und den Menschen auf Erden – was auch immer sie glauben mögen, oder eben auch nicht – ein Wohlgefallen!

Do 18-12-25 Das achtzehnte Türchen: Mathematik ohne Sinn ist hohl

Alles gleich, das …?

Kant – der Kant, of course – meinte in seiner ›Kritik der reinen Vernunft‹ (1781/1787), daß Gedanken ohne Inhalt ja wohl leer seien und Anschauungen ohne Begriffe blind. Keine Sorge: darauf wollen wir hier und heute nicht weiter eingehen.

Allerdings hält Bolle es für angebracht, darauf hinzuweisen, daß Mathematik ohne Sinn durchaus hohl ist. Unser Bildchen zeigt in der ersten Zeile eine Funktion in ihrer Normalform y = f (x). Der Wert einer Zahl y hängt also davon ab, welchen Wert eine andere Zahl x jeweils annimmt – und nur davon. Wie hängt sie davon ab? Nun, wer öfters mal mit sowas zu tun hat, sieht, daß es sich um eine Logarithmusfunktion handelt – egal, was das denn schon wieder sein soll – und daß da noch verschiedene Parameter m, s, a und r im Spiel sind. Für was genau diese Parameter – Zahlen, die innerhalb einer gegebenen Aufgabe unveränderlich sind – stehen mögen, spielt im Moment keine Rolle.

Kurzum: die erste Zeile zeigt einen Zusammenhang auf, der uns – beziehungsweise niemandem: auch keinem Mathematiker – irgend etwas zu sagen vermag, solange wir nicht wissen, wofür die Parameter stehen und was sie bedeuten sollen. Kurzum, zum zweiten: wir müssen interpretieren. Dabei versteht man in Bolles Kreisen unter ›interpretieren‹ im Grunde nicht mehr als die ›Beimessung von Bedeutung‹. Was dabei für wen Bedeutung haben mag, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt.

In unserem Bildchen ist es so, daß durch vier einfache Umformungen, die mathematisch (bis auf ganze Kleinigkeiten) nicht zu beanstanden sind – Bolle hat nachgerechnet – eine Gleichung herauskommt, die an einen gebräuchlichen Weihnachtsgruß erinnert. Und schon haben wir Bedeutung! – und zwar in diesem Falle, ohne daß wir wissen müßten, wofür die Parameter stehen oder was es mit einer Logarithmusfunktion auf sich haben mag.

Kurzum: Mathematik ohne Sinn – also ohne hineininterpretierbare Bedeutung – ist hohl, und sagt nichts, wirklich rein gar nichts, aus. Da hilft es auch nicht zu lamentieren, das aber seien schließlich die „Fakten“. Das stimmt zwar – nützt aber nichts. Oder, um es – etwas kryptisch zwar, das sieht Bolle ein, aber bitteschön – mit einem Epigramm aus Bolles Sammlung ewiger Wahrheiten zu sagen:

Wenn der Kant kackt
auf dem Klo,
ist er nackt
rund um den Po.

Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 16-12-25 Das sechzehnte Türchen: Das hält ihn frisch, den Babelfisch

Der Born des Babelfisches (1978).

Babelfische – den meisten wird das durchaus klar sein – gibt es seit geraumer Zeit. Erdlingen bekannt sind sie seit spätestens 1978, als die nachgeradezu legendäre Hörspielserie ›Per Anhalter durch die Galaxis‹ das erste mal durch den britischen Äther flimmerte – oder zumindest rauschte.

Babelfische sind höchst nützlich, weil sie dafür sorgen, daß sich die verschiedensten intergalaktischen Lebensformen mühelos miteinander verständigen können. Man steckt sich einen solchen einmalig ins Ohr – in welches, ist egal. Zwar fühlt sich das etwas glitschig an. Allein der Babelfisch richtet sich umgehend häuslich ein im Gehörgang und bedarf – im Gegensatz zu manchem Hörgerät – keinerlei Pflege. Dabei transferiert er jede wie auch immer geartete verbale Äußerung einer jeden beliebigen galaktischen Lebensform unmittelbar in verständliches Deutsch – oder was auch immer – ohne daß man sich, nach nur kurzer Eingewöhnung, einer womöglichen Übersetzungsleistung auch nur im geringsten bewußt sein würde: Man versteht sich einfach – zumindest akustisch. So gesehen handelt es sich bei dem Babelfisch einfach nur um die Überwindung göttlichen Mißmutes angesichts unbotmäßiger Schäfchen, der sich dereinst in folgendem Plan verwirklichen sollte: Wohlauf, lasset uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, daß keiner des andern Sprache verstehe! – wie es in der Genesis im Vers 11, 7 heißt.

Ohne Babelfisch dagegen gestalten sich die Dinge sehr viel komplizierter. Wie das Leben so spielt, ging es justamente und in der Tat rein zufällig – man mag es glauben oder nicht – heute vor genau drei Jahren (vgl. Fr 16-12-22 Das sechzehnte Türchen …) um eine Textstelle aus dem Werk des Epiktet (etwa 50–138 nach der Weihnachtsgeschichte) – die Bolle damals aus dem Kopf zitieren beziehungsweise paraphrasieren mußte, da seine eigentliche Quelle schlechterdings unauffindbar war: perdú – einfach wegg. Dort hieß es:

Wer die Wahrheit nicht erkennt,
schadet nicht der Wahrheit,
sondern vor allem sich selbst.
Wenn Dir also einer dummkommt,
bleibe gelassen und sprich zu Dir selbst:
Dem scheint das so zu sein.

Untertitelt war das seinerzeit mit ›Epiktet (in Bolles frecher Fassung)‹. Auf der Suche nach der Quelle hatte Bolle im Laufe der Zeit immerhin zwei verschiedene Ausgaben von Epiktets ›Handbüchlein der Moral‹ käuflich erworben – einmal übersetzt von Kurt Steinmann und einmal von Schultheß & Enk. Bei ersterem hieß es: ›Es schien ihm eben richtig so, bei letzteren ›er meint, recht zu handeln‹.

Und wie das Leben weiterhin so spielt, hat es sich gefügt, daß Bolles originäre Ausgabe unter Bergen von höchst Belanglosem plötzlich wieder aufgetaucht ist. Dort nämlich heißt es: ›dem scheint es so zu sein‹. Bolle meint: Na also – geht doch!

Nun reichen Bolles Altgriechisch-Künste bei weitem nicht aus, um auch nur im Ansatz beurteilen zu können, welche Fassung dem am nächsten kommt, was Epiktet seinerzeit gemeint haben mag. Was Bolle aber sicher sagen kann, ist, daß die beiden alternativen Übersetzungen ganz eigentümlich saft- und kraftlos sind. Niemals hätte Bolle sich je veranlaßt gefühlt, sich derart Laues auch noch merken zu wollen. In seinen Sprüche-Speicher eingegangen ist dagegen die obige Fassung. Die einzige Verfremdung: aus dem „es“ wurde ein „das“: ›Dem scheint das so zu sein.‹

Nun müssen wir uns natürlich fragen: Was hätte ein Babelfisch gemacht? Kraftvoll übersetzen oder lieber windelweich? Vermutlich läßt sich eine Sprache in ihren Feinheiten – auf die es letztlich aber ankommt – nur verstehen, wenn man die dazugehörige Primärsozialisation durchlebt hat. Nun ist es aber kaum zu schaffen, in mehr als einer Sprache Kind zu sein – noch dazu, wenn ebenjene Kindheit, wie das bei Epiktet der Fall ist, 2.000 Jahre zurückliegt. Damit bleiben einem im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Einen Text schlecht zu verstehen, weil man die Sprache nicht mit der sprichwörtlichen Muttermilch (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) aufgesogen hat, oder einen Text schlecht zu verstehen, weil ihn möglicherweise der Übersetzer schon nicht verstanden hat. Tricky! Der naheliegende – und vielleicht einzige – Ausweg: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn! Vielleicht verhält es sich mit altehrwürdigen Sprüchen ja wie sonst nur mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Selber denken macht schlau – und nimmt nun mal kein Ende! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.