Fr 16-04-21 Chinas dicke Kinder

Von das kommt das.

Die letzte schwere Hungersnot in China ist noch nicht allzu lange her. Damals, um 1960 rum, wollte der Große Vorsitzende Mao Zedong, der damals übrigens noch Mao Tse-Tung hieß, das Land auf Teufel komm raus und praktisch über Nacht in blühende Landschaften verwandeln. Kennen wa ja. Also sollten die Bauern, statt Reis anzubauen, Stahl, und zwar ganz viel Stahl in selbstgebastelten Hochöfen produzieren. Damals dachte man nämlich noch, und zwar weltweit, daß die Stahlproduktion der entscheidende Indikator für wirtschaftliche Macht und Stärke sei. Der bäuerliche Stahl war allerdings für industrielle Zwecke völlig unbrauchbar. Auch konnte man ihn nicht essen. Das Ende vom Lied: Zwischen 15 und 55 Millionen Hungertote, je nach Schätzung. Soweit zu Maos „Großem Sprung nach vorn“.

Aber auch anderswo wurde schon immer viel gehungert. So hat etwa Heinrich IV von Frankreich seinerzeit, um 1610, einigen Ehrgeiz darauf verwendet, dafür zu sorgen, daß jeder Bauernhaushalt wenigstens am heiligen Sonntag, also einmal die Woche, sich eines poule au pot erfreuen kann, also eines Hühnchens im Topfe – statt sich allein mit „Hirsebrei mit Bratkartoffeln, Spiegelei“ begnügen zu müssen – wie es das deutsche Folk-Duo Zupfgeigenhansel 1976 mal gefaßt hat.

Aber namentlich die Chinesen haben mächtig dazugelernt. Das mit dem Stahl haben sie mehr oder weniger übersprungen und sich trotzdem zur demnächst wohl größten Wirtschaftsmacht auf dem Planeten gemausert. Technisch ist also alles soweit im grünen Bereich. Niemand muß mehr hungern.

Warum aber klappt es dann auf der Human-Touch-Ebene so schlecht? Neulich hat Bolle eine Dokumentation mit dem Titel »Chinas dicke Kinder« gesehen (ZDF-Mediathek / verfügbar noch bis Juli 2022). Im Kern ging es dabei darum, daß knapp 10 Prozent der Chinesen, namentlich aus der jüngeren Generation, adipös sind – vulgo: viel zu fett. Erstaunlich, wie leicht man selbst im Reich der Mitte seine Mitte verlieren kann. Es muß doch auch was zwischen hungern und verfetten geben. Bei allen Patriarchen: „Wenn Du Deine Mitte verloren hast, dann mußt Du sie halt wiederfinden.“ Und damit sind wir doch erstaunlich dicht bei unserem alten Indianer von gestern. Die Welt wohldosiert berühren! Aber leichter gesagt als getan. Der vielleicht nicht schlechteste erste Schritt dahin – Bolle wird nicht müde, darauf rumzuhacken – könnte durchaus ein gewisses Maß an Kontemplation sein. Und da sind wir ja schon gut dabei. Also gegebenenfalls Waage wegschmeißen, Kühlschrank gleich hinterher – und auf zu neuen Taten. Mittenmang aus der Mitte. Total so!

Übrigens gibt es auch Ausnahmen von der Regel: So berichtet etwa Herodot (etwa 490–430 v. Chr.) in seinen »Historien«: „Die Lebensweise der Ägypter ist folgende. Jeden Monat nehmen sie drei Tage nacheinander Abführmittel ein und erhalten sich durch Brechmittel und Klystiere ihre Gesundheit; denn sie meinen, alle Krankheiten rühren von den eingenommenen Speisen her.“ Hier hätten wir es also mit so einer Art institutionalisiertem Ramadan zu tun. Nur eben im Monats- und nicht im Jahresrhythmus und ohne Zuckerfest. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Ostermontag 05-04-21 Auferstanden aus Vakzinen …

Alles ans Licht gebracht.

… „und der Zukunft zugewandt“ möchte man fast hinzufügen. Aber eben nur fast. Bleiben wir also bei Faust. Faust hatte, wie er selber erklärt, Philosophie, Juristerei und Medizin „und leider auch Theologie“ durchaus studiert – und kam sich trotz allem Bemühn im Grunde nach wie vor dumm vor. So ist das bei manchen Agnostikern: Sie glauben wirklich nichts – nicht mal, daß sie groß was wissen. Umgekehrt: sie glauben allenfalls, daß sie nichts wissen. Da war Sokrates (469–399 v. Chr.) übrigens schon weiter. Der glaubte nicht nur, daß er nichts weiß – nein, er wußte es sogar. Zumindest glaubte er es zu wissen. Doch zurück zu Faust. Seine Agnostik hatte ihn, ganz im Gegensatz zu seinem Famulus, dem in seinen Augen „trocknen Schleicher“, davor bewahrt, trotz seines Hochgelehrtentums übermäßig abzuheben. Und so konnte es ihm gelingen, im Gespräch mit Wagner den Bogen zu spannen von der himmelhohen Auferstehung des Herrn bis hin zur österlichen, kleinen Auferstehung des einfachen Volkes aus der Straßen quetschender Enge und der Kirchen ehrwürdiger Nacht.

Natürlich soll das nicht heißen, Wissenschaften in Bausch und Bogen verwerfen zu wollen. Wenn aber die Erwartung an die Wissenschaft schneller wächst als diese selbst bei „heißem Bemühn“ possibly mithalten kann, dann ist die Kacke am dampfen – rein sozialpsychologisch gesehen. Und ein ganz klein wenig sieht es Bolle zur Zeit danach aus.

Kästner erwähnt im Vorwort zu »Kurz und bündig«, einem 1950 erschienenen Bändchen voller kunstvoller Epigramme eines, das in seinen Augen vortrefflich ist. Es stammt vermutlich von einem Arbeitskollegen eines tödlich verunglückten „Holzknechtes“ und geht wie folgt:

Es ist nicht weit
zur Ewigkeit …
Um acht ging Martin fort,
um zehn Uhr war er dort.

Memento mori – bedenke, daß du sterblich bist. Die Tatsache an sich ist der Wissenschaft längst klar. Für Einsicht und Erwartung gilt das offenbar weit weniger. Aber das ist dann wohl doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Ostersonntag 04-04-21 Frohe Ostern, urbi et orbi!

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche.

Ostern ist die Zeit des Aufbruchs. Für die Juden steht es für den Aufbruch aus Ägypten. Nur daß es da nicht Oster-, sondern Pessach-Fest heißt. Das Christentum hat da noch eins draufgesetzt und feiert nicht weniger als den Aufbruch ins ewige Leben. So ganz geheuer scheint das den heutigen Christen dann aber doch nicht zu sein. Bolle jedenfalls meint deutliche Tendenzen erkennen zu können, lieber doch noch ein wenig am diesseitigen Leben kleben zu wollen. Die Kirchen jedenfalls trauen sich, das zweite mal in Folge, nicht so recht zu feiern. Zumindest halten sie die „Gläubigen“ aus den Gotteshäusern tunlichst fern. Selbst der Papst begrenzt im Petersdom die Zahl der „Aufzurichtenden“ auf gerade mal 200 Nasen. „Hiergeblieben“, heißt die Devise. „Auferstehen könnt Ihr später noch.“ Ansonsten rufen die Vertreter Gottes auf Erden allgemein zu „Zuversicht“ auf. Gefühlte Zuversicht im virtuellen Raum – mehr geht zur Zeit anscheinend nicht. Bolle meint: Wenn das man gutgeht auf die Dauer. Immerhin: auch der weltliche Aufbruch soll nicht zu kurz kommen. So stellt etwa der Gesundheitsminister den Aufbruch in ein, wenn schon nicht besseres, so doch zumindest „normaleres“ Leben in Aussicht – wenn auch nur für die Guten, die Geimpften. So ganz zuende gedacht scheint Bolle das alles noch nicht.

Und? Was bleibt uns aufrechten Agnostikern? Erich Kästner etwa sieht das so:

Wenn im Turm die Glocken läuten,
kann das vielerlei bedeuten.
Erstens: daß ein Festtag ist.
Dann: daß du geboren bist.
Drittens: daß dich jemand liebt.
Viertens: daß dich’s nicht mehr gibt.
Kurz und gut, das Glockenläuten
hat nur wenig zu bedeuten.

Frohe Ostern also allen, die da glauben. Was genau einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) dabei glauben mag, ist Bolle aus Prinzip egal. Und Frohe Ostern natürlich auch denen, die gar nichts glauben wollen, und sich mit einem regelkonformen Osterspaziergang begnügen. AHA! Mögen sie zumindest an den Aufbruch in eine freundlichere Jahreszeit glauben. Vermutlich fällt Ostern ja nicht umsonst auf den Frühlingsanfang. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Ostersonnabend 03-04-21 Eier mit Senf

Etwas Senf dazu. Ein Körnchen reicht.

Da hat der Meister, zur Verblüffung und Beschämung seiner Entourage, mal wieder so richtig vom Leder gezogen. Hintergrund ist ein Vater, der sich von den Jüngern Heilung für seinen kranken Sohn erhofft hatte. Allerdings ohne Erfolg. Alles muß man selber machen, grummelte der Meister, und der Knabe ward gesund zur selben Stund’ (vgl. Matth. 17, 18). Natürlich wollten die Novizen wissen, was genau es mit dem Trick auf sich habe. Also ward ihnen der Spruch mit dem Senfkorn.

Um aber seine Jünger nicht über Gebühr zu verdrießen, sah sich der Meister veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß der Glaube allerdings mitnichten an Bäumen wachse oder gar vom Himmel falle, sondern sich vielmehr aus Beten und Fasten ergebe.

Was hat das mit uns zu tun? Nun, wer hat schon Zeit zum Beten? Bei manchen reicht es ja nicht mal für ein wenig Kontemplation. Und Fasten? Hat jeder fast schon mal geschafft. Wir hatten gestern die Frage aufgeworfen, ob, was, wie und wie tief die Kirchgänger glauben mögen – namentlich in Zeiten von Corönchen. Die Bangbüchsigkeit zieht sich immerhin bis in die höchsten Kreise in Rom. Gibt es nicht auch hierzu eine passende Geschichte? Aber ja doch. Sie findet sich ebenfalls bei Matthäus. Die Jünger waren mal wieder in existentieller Not: Großes Ungestüm im Meer, das Schiff wohl gar in Seenot. Jesus schlief. Da  traten die Jünger zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf uns, wir verderben! Da sagte er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Stand auf, beendete den Spuk – und es ward ganz stille (vgl. Matth. 8, 24 ff.).

Kurzum: Etwas mehr Commitment oder zumindest Ausrichtung an der Job Description würde sich Bolle von den Vertretern des Himmels auf Erden schon wünschen. Daß ausgerechnet Agnostiker – im Kern also Leute, die sich weigern zu glauben – dem Senfkorn näher sein sollen als die Schäfchen nebst ihrer Hirten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zusammen, scheint ihm dann doch ein wenig paradox. Aber das ist vielleicht schon wieder ein anderes Kapitel.

Karfreitag 02-04-21 Immer feste feiern?

Unselige Agnostiker? Da ist die Logik vor.

Worum geht es den Christenmenschen im Kern an diesem Tage, dem Karfreitag? Die Schlüsselszene findet sich bei Johannes im 19. Kapitel. Dort sprach Pilatus, der Statthalter der römischen Provinz Judäa, zu dem auf Sturm gebürsteten Volke: „Nehmet ihr ihn hin und kreuzigt ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm.“ Ein Punkt, den die, so wörtlich, „Juden“ indes ganz anders sehen wollten: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben; denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Und in der Tat läßt sich, zumindest mit etwas Phantasie, ein entsprechendes Gesetz finden. So lautet die Regel: Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen (3. Mose 24, 16). Nun wirft der Sachverhalt zumindest zwei juristische Fragen auf. Lästert man, rein tatbestandlich, des Herren Namen, nur weil man sich zu seinem Sohn erklärt? Und was die Rechtsfolge angeht, so wäre ja eigentlich eine Steinigung angesagt gewesen – und nicht etwa eine Kreuzigung. Kurzum: Hier geraten das, zumindest seinerzeit, moderne römische Recht und das auch damals schon eher archaische Recht in einer für Gottes Sohn eher ungünstigen Weise über Kreuz. Und so endet die Geschichte dann ja auch: über Kreuz.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Verabschiedet sich im Rahmen einer Qualitäts-Nachrichtensendung von seinen Zuschauern allen Ernstes mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Karfreitag.“ Bolle meint: Geht’s noch? Wenn überhaupt, gläubig oder nicht, irgend etwas so rein gar nicht zum Karfreitag der Christenmenschen passen will, dann ja wohl die Erwartung, „angenehm“ sein zu sollen. So Ihr’s nicht glauben wollet: Fraget den Herrn.

Übrigens feiern in jüngerer Zeit die „Gläubigen“ fröhlich Urständ in den Medien. Man könnte geradezu, der Jahreszeit entsprechend, von einer massenmedial vermittelten Wiederauferstehung reden. Bolle will gar nicht so genau wissen, ob, was, wie und wie tief die glauben mögen. Gerade in Corönchenzeiten wäre das durchaus eine Frage wert. Sein Vorschlag zur Güte: Laßt uns diese Leute im Interesse sprachlicher Abrüstung doch schlicht und ergreifend einfach als „Kirchgänger“ (jedweder Konfession, of course) bezeichnen.  Das täte in den Ohren eines aufrechten Agnostikers weniger weh. Muß ja nicht jeder leiden heute. Wahrer wäre es vermutlich ohnehin. Allerdings ist das dann doch schon wieder ein anderes Kapitel. Im übrigen verweisen wir gerne auf Fr 26-02-21 Sprache als Handwerk?

Do 01-04-21 Von Henne, Has‘ und Ei

Dann wird das wohl so sein.

Bolle ist ja weiß Gott kein Freund von Dialektik. Schon der Begriff ist, trotz über 2.000-jähriger Geschichte und allen Bemühungen Hegels zum Trotze, nach wie vor nicht ganz klar. In neckischen Momenten denkt Bolle nicht zuletzt an Mephistopheles: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, // es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ Allerdings wird auch umgekehrt ein Schuh draus: Wenn nämlich Russell nicht ganz falsch liegt, dann kann uns gerade die Dialektik den Weg zu ganz erstaunlichen Schlüssen eröffnen.

Das aber soll hier nicht unser Thema sein. Vielmehr wollten wir klären, wie der Osterhase zum Osterei gekommen ist (vgl. Di 30-03-21 Osterruhe — jetze aber). Abschließend wird uns das nicht gelingen, und so wollen wir uns mit einem vorläufigen Ansatz begnügen – einem Gedicht von Eduard Mörike. Dort geht es darum, daß ein Liebender, vielleicht auch nur der Ehemann, seinem „Schatz“ als nachträgliche Aufmerksamkeit zu Ostern ein Gedicht verehrt hat. In den letzten Zeilen heißt es dort:

Die Sophisten und die Pfaffen
stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen
wohl die Henne, wohl das Ei?
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward das Ei erdacht,
doch, weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has’ gebracht.

So also geht Dialektik. Wir haben es mit einer These zu tun: „die Henne war zuerst“ und einer dem widersprechenden Antithese: „im Gegenteil, zuerst war das Ei“. Was tun? Easy. Wir zaubern uns vermittels einer schwungvollen Synthese ein Häschen aus dem Hut und lösen den Widerspruch damit in Wohlgefallen auf. Problem gelöst.

So einfach kann’s also gehen. Aber ist es auch wahr? Die Frage führt uns schurstracks zum nächsten Betätigungsfeld quasi-sophistischer Dialektik. These: Ja, Antithese: Nein. Synthese: Wenn’s doch den Kindern Freude macht? Und so weiter, und so fort. Immerhin können wir jetzt erahnen, warum es Bolle nicht so sehr mit Dialektik hat. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 30-03-21 Osterruhe — jetze aber

Häschen in der Grube.

Ostern kommt regelmäßig unregelmäßig am ersten Sonntag nach Vollmond nach Frühlingsanfang – und damit deutlich überraschender als etwa Weihnachten mit seinen enormen Vorlaufzeiten: Hier gibt es gleich vier Adventssonntage, die von der Ankunft des Herrn künden, und zusätzlich 24 Türchen für die Kleinen jeden Alters. Also Grund genug, vor Ostern auf der Hut zu sein. Kontemplation in Kürze, in Eile gar, ist ja wohl ein Widerspruch in sich.

Was hat das alles mit Corönchen zu tun? Sagen wir so: Zum Osterfeste hat sich der Herr der Christenmenschen dem ihm von den Römern zugedachten Lockdown verweigert und ist aus seiner Höhle einfach ausgebüchst. Zwar bleiben die Einzelheiten im Dunkeln. Markus und Lukas, die Evangelisten Nummer Zwo und Drei, berichten lediglich vage und post festum: Hütte leer, Jesus weg. Matthäus, der erste der Evangelisten, faßt sich da etwas konkreter: Ein Engel sei vom Himmel herabgekommen, hinzugetreten, und habe den Stein von der Tür gewälzt (Matth. 28, 2). Vom Erlöser selbst allerdings auch hier keine Spur. Erst bei Johannes, dem vierten im Bunde, erblickt Maria Magdalena „zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu den Häupten und den andern zu den Füßen, da sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.“ (Joh. 20, 12). Und die Engel sprachen: „Weib, was weinest du?“ Allerdings ward Maria nicht nur der Engel angesichtig, sondern auch des Meisters höchstselbst. Somit kann sie mit Fug und Recht als einzige Augenzeugin des LockdownBreakouts gelten. Allerdings, dies nur am Rande, war ihr das zunächst gar nicht mal bewußt. Vielmehr hielt sie ihren Rabbuni (das ist aramäisch und heißt ›Lehrer‹ oder ›Meister‹) zunächst für den Gärtner – ein Mißverständnis, das der Herr selbst erst aufklären mußte (Joh. 20, 15 f.). Indes: auch hier verlieren sich die Einzelheiten im Dunkel der Vergangenheit. Und die Moral von der Geschicht? Wer sich nicht an die Regeln hält, der sollte nicht an Nebelkerzen sparen.

Und? Was hat das Osterfest mit dem Osterhasen zu tun? Nun, von Mörikes »Henne oder Ei?« einmal abgesehen (vgl. dazu einen der kommenden Beiträge), wissen wir es nicht genau. Auch wäre das wohl doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 09-03-21 Die große und die kleine Welt

Die große und die kleine Welt.

Gestern hat uns eine Rückmeldung erreicht, die lobend hervorgehoben hat, daß sich unser kleiner Blog bemüht, nach Möglichkeit ein wenig die Tiefen auszuleuchten, statt immer nur stramm an der Oberfläche zu paddeln. Wir hatten das an anderer Stelle (Do 14-01-21 Derangierte Demokraten) einmal „Schwimmflügel-Journalismus“ genannt. Im Grunde wollen wir ja Journalismus überhaupt vermeiden, da der Begriff die Oberflächlichkeit ja schon im Namen trägt: »Journalismus« leitet sich ab von frz. journal ›jeden einzelnen Tag betreffend‹. Das kann ja nichts werden, meint Bolle – zumindest dann nicht, wenn man’s damit übertreibt. Danke also für die Blümis.

»Eduards Traum« übrigens ist eine kleine, aber feine Erzählung, die alle verwundern und vielleicht auch entzücken dürfte, die Wilhelm Busch sonst nur von »Max und Moritz« her kennen. Kann nicht schaden, sich das im Rahmen seiner agnostisch-kontemplativen Bestrebungen gelegentlich mal zu Gemüte zu führen – 39 Seiten sollten eigentlich zu schaffen sein.

Die „Masken-Mörder“ (viel fehlt ja nicht mehr bei der ganzen Uffregung) jedenfalls entwickeln sich zum tagesaktuellen Dauerbrenner – falls das kein Widerspruch in sich ist. Werfen wir einen kurzen Blick in die Schlagzeilen: Die ›Bild‹ macht damit auf, wie die „Masken-Raffkes“ weiter abkassieren. Die FAZ berichtet über einen geplanten „strengeren Verhaltenskodex“ für Abgeordnete. Bolle fragt sich: Warum jetzt erst – nach über 70 Jahren Herrschaft der Guten? Und auch die ›Süddeutsche‹, der ›Tagesspiegel‹ und ›Die Welt‹ sind mittenmang dabei – die ›taz‹ natürlich sowieso. „Eine Sau durchs Dorf treiben“, nennt man so etwas seit alters her. Bolle meint: Weckt mich, wenn’s was zu berichten gibt.

Der eigentliche Hintergrund vons Janze – den wir an dieser Stelle aber unmöglich ausleuchten können – scheint Bolle das Zeiterleben zu sein: Während sich ein mittelalterlicher Bauer die Zeit zyklisch vorgestellt hat – Frühling, Sommer, Herbst und Winter, das Kirchenjahr mit seinen immer wiederkehrenden Festen, Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod – und immer wußte, was wann ansteht, stellen wir uns die Zeit heute eher linear vor. Statt also jahrein, jahraus das mehr oder weniger Gleiche zu machen, versuchen wir, auf ein Ziel zuzusteuern. Dumm nur, daß niemand zu wissen scheint, was dieses Ziel denn eigentlich sein mag. Mehr Wohlfahrt und mehr Wachstum? Mehr „weiter so“? (vgl. dazu auch etwa Mo 18-01-21 So sein — oder so sein …?). Bolles Vermutung: Viel zu dünn, um zu tragen. Doch davon später mehr …

Zum Schluß noch der Schluß von »Eduards Traum«: „Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht grad zwischen die Kiefer steckt, den beißt’s auch nicht.“ Bolle meint: Kein Grund, es zugeklappt zu lassen. Nur eben auf die Nase achten. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 25-02-21 Le Waldsterben

Le Waldsterben.

Ganz am Rande, und voll von Corönchen und islamistischen oder sonstigen Übeltätern überschattet, hat es das Waldsterben als zartes Pflänzchen dann doch mal wieder bis in die bildungsbürgerlichen Medien geschafft. Bolle gratuliert.

Bolle hat, was Form und Inhalt angeht, bekanntlich einen ausgesprochen Sinn für das Knappe und Grundsätzliche – und in diesem Rahmen vor einiger Zeit eine lose Liste angelegt mit den drängendsten Problemen, die uns plagen. Hier und heute finden sich darin genau zwei Dutzend Einträge. Sollte also eigentlich noch „überschaubar“ sein, wie das auf neudeutsch neuerdings heißt – zumal es deutliche Querbezüge gibt: Die Lösung von so manchem Problem A würde so manches Problem B absehbar obsolet machen.

Für unsere jüngeren Leser: Das Waldsterben ist alles andere als neu. Spätestens in den frühen 1980er Jahren gab es in Deutschland eine regelrechte Waldsterben-Welle. Nun waren die Deutschen ihrem Wald schon immer aufs innigste verbunden. Wo war das doch gleich noch mal, wo Hermann der Cherusker (die Römer nannten ihn Arminius) 9 n. Chr. Varus’ Legionen vernichtend geschlagen hatte? Im Teutoburger Wald.  Der war den Römern viel zu dunkel, zu morastig, kurzum: zu unübersichtlich. Nicht so den Germanen. Die Liebe zum Wald geht den Deutschen so weit, daß Elias Canetti in seinem (übrigens höchst lesenswerten) philosophisch gehaltenen Opus »Masse und Macht« (1960) den Wald als das „Massensymbol“ der Deutschen identifizieren konnte. Das Massensymbol zum Beispiel der Franzosen – also das, was im Kern verbindet – sei dagegen ihre Revolution. Und so kam es, daß die Franzosen das deutsche Waldsterben zunächst belächelt haben – nur um es dann als Lehnwort, „Le Waldsterben“, zu übernehmen. Bolle lieebt der Franzosen Feingefühl für Sprache.

Zwar wurde der Wald in den 1980er Jahren nicht wirklich „gerettet“. Vielmehr wurden die kranken Bäume geschlagen – was sich selbstredend erfreulich auf die Schadensstatistik ausgewirkt hatte. Auch hat die Post 1985 eine Briefmarke mit dem Aufruf „Rettet den Wald“ herausgebracht –  graphisch untermalt mit einer Uhr, die auf etwa drei Minuten vor zwölf steht. Immerhin.

Was hat das mit uns hier und heute zu tun? Nun, die frühen 1980er Jahre sind mittlerweile 40 Jahre her. Passiert ist seitdem – nüscht. Auch war das keineswegs der Anfang. Ansätze zu einer vernünftigen (neudeutsch: „nachhaltigen“) Forstwirtschaft lassen sich bis mindestens 1884 zurückverfolgen. Damals hieß das noch „Dauerwald“ – wobei „Dauer“ im semantischen Netz nicht allzu weit von „nachhaltig“ entfernt ist.

Kommen wir zum Punkt: Bolle befürchtet, daß die Staatsorganisationsform ›Demokratie‹ für die Lösung schwelender Probleme alles andere als erste Wahl ist. Solange es nur schwelt, neigen Demokraten zu einer „Kieken wa ma“-Einstellung. Erst wenn die Hütte brennt – oder gar die Jacke – beginnt das große Flattern. Corönchen ist da wohl das beste Beispiel. Bolle meint: So kann man zwar Symptome bekämpfen, aber keine Probleme lösen – und verweist kühl auf unseren Beitrag von gestern nebst dem Verweis auf Tobin (Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln). Also, was tun? Demokratie abschaffen? Das wohl lieber nicht. Aber eine gewisse Feinjustierung kann vielleicht nicht schaden. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 07-02-21 Shit happens

Shit happens.

Es gibt Regeln, die sind so elementar, daß sie unmittelbar jedem einleuchten sollten. Eine dieser Regeln – vielleicht die Regel überhaupt – postuliert, daß nicht immer alles so läuft, wie wir uns das wünschen mögen. Shit happens, halt. Trotzdem tun sich viele schwer damit, das einsehen zu wollen. Solange wir im Ungefähren bleiben – Shit happens, schon klar – mag die Einsicht noch vergleichsweise hoch sein. Sobald es aber konkret wird – Hey, shit is happen­ing to you, and it’s happening right now – ist es mit der Einsicht schnell vorbei. Why me, me, me? Mein Gott, warum gerade ich? Die Antwort: Weil Du eine zu vernachlässigende Größe in Gottes großem Schöpfungsplan bist. Darum. Komm damit klar.

Waren die Leute immer schon so doof? Vermutlich Ja – zumindest mehrheitlich. Natürlich gab es in der Geschichte der Philosophie auch immer Leute, die sich selber intellektuell nicht so billig abspeisen wollten – in erster Linie wohl die Kyniker (mit Diogenes und seinem Faß) und vor allem auch die Stoiker (mit Marc Aurel, dem römischen Philosophenkaiser). Für diese Leute war die Anerkennung der „Shit happens“-Regel eine agnostisch-kontemplative Selbstverständlichkeit – zumindest aber Notwendigkeit.

Und? Was machen wir heute? Wir nennen einen Kyniker einen „Zyniker“ – und heißen ihn einen schlechten Menschen. Wie kann sich einer dem Elend der Welt nur so verschließen? Aus der Einsicht vielleicht, daß es schlechterdings keinen Sinn macht, sich über Dinge aufzuregen, die man ohnehin nicht ändern kann? Daß man klugerweise einfach lernen sollte, manche Dinge auszuhalten – wenn man sie schon nicht ändern kann? Zugegeben: In einer Welt, die den herkömmlichen (und zugegebenerweise höchst zweifelhaften) Heldenkult nonchalant durch einen (im übrigen nicht weniger zweifelhaften) Opferkult ausgetauscht hat, ist das eine durchaus anfechtbare Position.

Im Rahmen unserer agnostisch-kontemplativen Bestrebungen sollte es uns aber weniger darum gehen, ob und inwieweit unsere Position anfechtbar ist – was stört’s den Mond, wenn ihn der Mops anbellt – sondern vielmehr darum, ob wir sie für uns, nach Prüfung aller Fürs und Widers (neudeutsch: pros und cons), für gut und richtig halten: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ (Luther 1521). Leute, tut was. Aber denkt daran: Bevor Ihr Euch daran macht, die Welt zu verbessern: Kehret dreimal vor Eurer eigenen Tür – auf daß Ihr nicht als klugscheißerischer mainstream-konformer Dummdödel enden möget (vgl. dazu auch Sa 05-12-20 Das fünfte Türchen …). Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.