Mo 04-01-21 Letzte Fragen — total so!

Letzte Fragen — total so!

Hier – wie auch schon gestern – ein wirklicher britischer Klassiker. Jedes Kind auf der Insel kennt das. Was aber soll es bedeuten? Wir wissen es nicht. Gleichwohl wäre es doch schade, wenn ausgerechnet das im Gewühle dieser lauten, lärmenden Welt unterginge. Schön ist es nämlich schon. Auch muß man Kunst nicht immer erklären wollen …

Letztlich ist es auch nicht so richtig übersetzbar. Greifen wir also auf die DeepL-Übersetzung zurück. Die geht so:

„Die Zeit ist gekommen“, sagte das Walross,
„um von vielen Dingen zu reden:
Von Schuhen – und Schiffen – und Siegellack –
Von Kohlköpfen – und Königen –
Und warum das Meer kochend heiß ist –
Und ob Schweine Flügel haben.“

Fragen über Fragen. Aber irgendwie, will Bolle scheinen, paßt es noch immer in die Zeiten. Warum nur? Aber das ist vielleicht schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 29-12-20 Und nun? Was tun?

Bolles Arbeitslogik nebst Ethik.

Übermorgen ist Silvester. Zeit für gute Vorsätze – zumindest aber keine schlechte Gelegenheit, sich ein wenig nachweihnachtlich zu besinnen und sich zu fragen, was man denn sonst noch so vorhat mit seinem Leben. Von Banalitäten wie etwa „Weniger rauchen und mehr Sport“ wollen wir mal absehen. Es soll uns hier nicht um Kleinkram gehen, sondern um die grundsätzliche Ausrichtung dessen, was einer tut.

Unter projektives Tun (von franz. projeter ›nach vorne werfen‹) fällt alles, was einen sprichwörtlich voran bringt. Das kann ein Kunstwerk sein, die Lösung einer mathematischen Gleichung, eine richtungsweisende Erfindung, und vieles mehr. Defensives Tun (von lat. defendere ›abwehren‹) ist alles, was nun mal getan werden muß, allein um nicht zurückzufallen. Da derlei Dinge immer wieder aufs neue getan werden müssen, reden wir zu Recht auch von repetitiv (von lat. repetere ›wieder auf etwas losgehen‹). Weiter kommt man damit nicht. Beispiele wären etwa die Betten machen, den Müll runterbringen, und wiederum sehr, sehr vieles mehr. Wenn nun jemand – sagen wir Leonardo da Vinci – sein Leben überwiegend mit der Schaffung von Werken verbringt, dann wird er einen anderen Blick auf sich und sein Leben haben als jemand, der sein Leben mit Müll runterbringen verbracht hat oder mit der immergleichen Büroroutine.

Mit regressivem Tun (von lat. regredi ›zurückschreiten‹) schließlich ist die Beschäftigung mit Dingen gemeint, die in der Vergangenheit liegen und damit per se unabänderlich sind. Es macht nun mal sprichwörtlich keinen Sinn, verschüttete Milch zu beklagen. Neue Werke entstehen so nicht – und auch der Müll bleibt da, wo er nicht hingehört. Aber soll man denn aus der Vergangenheit gar nichts lernen? Doch, natürlich – dann aber bitteschön zukunftsorientiert im Rahmen projektiven Tuns. Jammern jedenfalls nützt nüscht. Um das ganze knackig zu fassen, könnte man vielleicht auch sagen: Projektives Tun ist auf die Zukunft gerichtet, defensiv-repetitives Tun auf die Gegenwart, und regressives Tun auf die Vergangenheit. Damit dürfte in der Tat alles abgedeckt sein. Der ethische Aspekt, also die letzte Zeile des Zitats, läßt sich ähnlich knackig fassen: Defensiv macht depressiv. Und was das projektive Tun angeht: Es muß ja nicht immer gleich im Leonardo- oder im Einstein-Format sein. Auch Kleinkunst macht Mut. Aber das ist dann wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 26-12-20 Corönchens Werk und Gottes Beitrag

Berlin, 24. Dezember 2020, kurz vor Ladenschluß.

Zu Corönchen kann man stehen, wie man will. Von „Killervirus“ bis „grippaler Infekt“ – alles ist möglich. Nachdem die Bundeskanzlerin schon im Mai von einer „Zumutung für die Demokratie“ gesprochen hatte – was auch immer damit gemeint sein soll – hat jetzt der Bischof von Limburg und Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, noch eins draufgesetzt und von einer „Gefahr für die Menschenwürde“ gesprochen.

Hier ist nicht der Platz, das Thema auszuloten. Weder wissen wir, was genau sich die Kanzlerin unter „Demokratie“ vorstellen mag, noch, was sich der Bischof unter „Menschenwürde“ vorstellt. Nur so viel: Offenbar bringt Corönchen eingefleischte Gewißheiten ins Wanken. Was gestern noch sicher schien, gerät heute ins Schleudern.

Ist Demokratie „gottgegeben“? Die Menschenwürde? Kann man alles so sehen – muß man aber nicht. Oder ist das alles Menschenwerk – und funktioniert nur so lange, wie nichts da­zwischenkommt – Corönchen etwa? Oder ist es gar „Teufelswerk“? Damit wären wir unvermittelt bei der alten Frage nach der Allmacht Gottes. Wenn nämlich Gott (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) allmächtig ist, dann ist ihm Corönchen zuzurechnen. Falls er zwar allmächtig ist, dabei aber nicht übermäßig machtbesessen – indem er etwa dem Teufel oder auch den Menschen selbst einen gewissen Spielraum für allerlei Schabernack läßt – dann ist so etwas wie Corönchen zumindest nicht sonderlich entgegenkommend, was seine Schäfchen anbelangt. Möglicherweise wird er seine Gründe haben. Vorläufig bleibt festzuhalten: Vielleicht ist Corönchen ja nur so eine Art Weckruf – um uns anzuregen, echte Probleme von Luxusproblemen zu scheiden und fein säuberlich der Reihe nach anzugehen. So zumindest könnte ein Masterplan eines allmächtigen Gottes aussehen. Bolle würde das einleuchten. Das aber ist ein anderes Kapitel.

Mi 23-12-20 Das dreiundzwanzigste Türchen …

Hier das 23. virtuelle Türchen …

Hier noch ein letztes Beispiel aus Bolles schier unerschöpflichem Fundus chinesischer Weisheiten. Dabei könnte das auch uns im Westen durchaus klar sein – wenn auch vielleicht in weniger geschmeidiger Formulierung. Hier nennt man das Phänomen „Opportunitätskosten“ – welch gruseliges Wort. Selbst DeepL ist da weiter, wenn es als Übersetzung von opportunity costs ›Optionskosten‹ vorschlägt. Alles, was man tut – jede Entscheidung, die man fällt –, ist mit Aufwand im weitesten Sinne (also Geld, Zeit, Nervenkraft, und was auch immer) verbunden. Kurzum: Alles hat seinen Preis. Von wegen „alles ist möglich“ (vgl. dazu das achzehnte Türchen). Mag sein, daß alles möglich ist. Aber es ist eben nicht alles möglich – schon gar nicht gleichzeitig oder gar zum Nulltarif.

Was hat das mit uns bzw. mit hier und heute zu tun? In dieser herrlich entgrenzten Welt – heute hier, morgen dort, bin kaum da, muß ich fort – dämmert uns langsam, namentlich in Corönchen-Zeiten, daß auch das seinen Preis hat. Strafe Gottes? Gott behüte. Einfach nur eine Antwort des Systems. Systeme sind selbst-stabilisierend und damit geduldig. Allerdings soll man auch hier nichts übertreiben. Wenn ein System mit seiner Geduld am Ende ist, dann sagen wir „es kippt“ und wundern uns. Liegt das nun am System oder nicht doch eher an uns selber? Soweit zur letzten Kontemplations-Anregung in diesem unserem agnostischen Adventskalender. Das aber ist dann letztlich doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 21-12-20 Das einundzwanzigste Türchen …

Hier das 21. virtuelle Türchen …

Wird es nicht langsam wirklich weihnachtlich in unserem kontemplativen Adventskalender? Kann man so sehen – oder auch nicht. Wirklich weihnachtlich will es ja nicht werden in diesem Jahr. Bolle vermißt vor allem den Glühwein und das Gewusel auf den Weihnachtsmärkten. Ein Geschenk auf amazon zu erlegen ist ja ooch nicht das gleiche. Vor allem aber findet Bolle es höchst unchristlich, die „Dosen“ mit der gleichen Freude und Zuversicht als Heilsbringer zu erwarten, wie es eigentlich nur dem Erlöser der Christenmenschen vorbehalten sein sollte: „Komme, oh Impfstoff, oh komme doch bald … // Lasset uns preisen in frommen Weisen // Halleluja …“ Bei aller weihnachtlichen Liebe: Ein bißchen bigott ist das schon. Zumal auch die Pfaffen mehrheitlich auf der Tour reiten. Von wegen „Heim ins Himmelreich“. Aber vielleicht ist das bereits ein anderes Kapitel.

So 20-12-20 Das zwanzigste Türchen — der 4. Advent …

Hier das 20. virtuelle Türchen …

Heute wollen wir uns – nach den ganzen Kontemplations-Anstrengungen der letzten Wochen – zur Abwechslung mit einem „leichten“ Türchen begnügen bzw. vergnügen. Die Originalfassung war Bolle dann aber erstens doch ein wenig zu apodiktisch und zweitens zu „victorian underground“. Unter der sittenstrengen Victoria I. nämlich hatten (nicht nur) die Bohémiens und Freidenker so manches Problem, das sich heute so kaum mehr vermitteln läßt – was sich nicht zuletzt in der Literatur niedergeschlagen hat. Belassen wir es also für heute bei Bolles fröhlich-paradoxer Version – und lassen uns die Kekse und die Stolle schmecken. Auf die Waage stellen können wir uns auch in 2021 noch. Doch das ist schon ein anderes Kapitel.

Sa 19-12-20 Das neunzehnte Türchen …

Hier das 19. virtuelle Türchen …

Das „ideale Gasgesetz“ beschreibt das Verhalten eines idealen Gases und sagt aus, daß sich Druck mal Volumen proportional zu Teilchenzahl mal Temperatur verhält: p × V =  k × N × T. Der Proportionalitätsfaktor (k) ist dabei die Boltzmann-Konstante. Müssen wir das wissen? Natürlich nicht. Die Thermodynamik von Gasen versteht ohnehin fast niemand. Nur so viel: Wenn sich Gas ausdehnt, wird es in aller Regel (1) dünner und (2) kälter. Nach diesem Prinzip funktioniert jeder Kühlschrank. Auf die soziale Welt übertragen bedeutet das – zumindest, falls Bolle nicht ganz falsch liegt: Wenn sich Freiheit ausdehnt, werden die Leute in aller Regel (1) dümmer und (2) cooler – ganz ähnlich wie Gase. Die Parallele ist frappierend. Glücklicher werden sie damit, so wie’s aussieht, allerdings nicht. Aber vielleicht ist das schon ein anderes Kapitel.

Fr 18-12-20 Das achzehnte Türchen …

Hier das 18. virtuelle Türchen …

Wenn man das Credo einer hybriden Gesellschaft auf den Punkt bringen wollte, dann wohl so: Alles ist möglich. Im Grunde ergibt sich das bereits aus dem Begriff – der sich aus gr. hybris ›Frevel, Anmaßung, Übermut‹ ableitet. Das war früher – als die Leute noch ernstlich an Götter glaubten und an gottgewollte Grenzen menschlichen Strebens. Nicht zuletzt in der Bibel, gleich in der Genesis, finden sich zahlreiche Beispiele: Von Evas Apfel im Paradies (1. Mose 3, 1 ff.) über den Turmbau zu Babel (1. Mose 11, 1 ff.) bis hin zu Sodom und Gomorra (1. Mose 18, 20 ff.; 19, 1 ff.) – um nur einige zu nennen. Ähnliche Geschichten finden sich in wohl allen Erzählungen aller Kulturen.

Und heute? Heute hält die hybride Gesellschaft »hybrid« für eine voll tolle Sache. Wir haben hybride Pflanzen, hybride Tiere, hybride Motoren, hybride Systeme – und weiß der Teufel, was noch. Von Zurückhaltung keine Spur.

Dabei sollte eigentlich klar sein, daß es völlig unmöglich ist, alles schaffen zu können. Allein die Vorstellung an sich ist frevelhaft. Es gibt nun mal so etwas wie Zielkonflikte. Jeder Entscheider weiß das. Aktuell zeigt sich das nicht zuletzt bei corönchen-bedingten möglichen Triage-Anforderungen. Viele Leute hegen allen Ernstes die Erwartung, daß die Wissenschaft bzw. die Medizin ja wohl in der Lage sein müsse, alles und jeden zu retten – egal wie alt oder wie vorerkrankt er auch sein mag. Und auch egal, wie aussichtslos das, auf längere Sicht, ohnehin sein wird.

Und so kommt es, daß sich hinter der hybriden Haltung kaum mehr verbirgt als Entscheidungsfaulheit bzw., klarer noch, Entscheidungsfeigheit: Wenn eben nicht alles möglich ist, dann müssen wir uns entscheiden, was aus vielerlei Möglichkeiten wir möglich machen wollen – und was wir einfach hinnehmen müssen. Um es auf den Punkt zu bringen: »Barrieren« – im Sinne von ›Hindernisse gegenüber menschlichem Streben‹, und sei das Streben noch so gut gemeint – gibt es und wird es vermutlich immer geben. Da nützt es auch nichts, wenn die demokratisch gesinnte hybride Mehrheit dagegen ist. Leute, kommt damit klar – und besinnt Euch. Aber das ist wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 17-12-20 Das siebzehnte Türchen …

Hier das 17. virturelle Türchen …

Zugegeben: das ist kein wirklich weihnachtliches Thema. Gleichwohl: ist es nicht der Kern dessen, was uns plagt? Kaum schickt sich einer an, unsere »Friede, Freude, Eierkuchen«-Idylle zu stören, fühlen wir uns angepißt. Mächtig angepißt. Aber ist es nicht so, daß Werden und Vergehen untrennbar zusammengehören – zumindest in diesem Universum? Eigentlich ist das ja wohl auch klar. Warum tun wir uns dann so schwer damit? Warum wollen wir einfach nicht wahrhaben, daß wir vergängliche Wesen sind? Daß alles vergänglich ist? Selbst das Universum an sich ist nach allem, was wir wissen, vergänglich. Leute, kommt damit klar. Aber wenn man es so deutlich unter die Nase gerieben kriegt wie der Faust aus dem Munde des Mephistopheles, dann regt sich natürlich Widerspruch, wenn nicht gar Empörung. Aber gibt es ein brauchbares Argument dagegen? Nicht in diesem Universum. Ob indessen das, was entsteht, „wert“ ist, zugrunde zu gehen, wie Mephistopheles meint – oder ob das, völlig wertfrei, einfach so ist, scheint Bolle eine gänzlich andere Frage. Und damit auch ein anderes Kapitel.

Mi 16-12-20 Das sechzehnte Türchen …

Hier das 16. virtuelle Türchen …

Der erste Satz steht so in Art. 1 des Grundgesetzes. Der zweite Satz ist abgeleitet aus Art. 2. Beides also an recht exponierter Stelle. In Art 2 heißt es wörtlich: „Jeder hat das Recht auf Leben …“.

Nun sind Grundrechte im Kern Abwehrrechte gegen den aus historischen Gründen als im Zweifel übermächtig empfundenen Staat. Der Staat soll seine Bürger also nicht aktiv vom Leben zum Tode befördern, jedenfalls nicht ohne Not. Soweit ist das klar. Soll der Staat aber auch dafür sorgen (müssen), daß niemand – also auch Corönchen nicht – das Leben seiner Bürger „antastet“? Das zu meinen wäre erstens albern, zweitens hybrid, und drittens ohnehin nicht zu schaffen. Soll er also nicht. Warum tut er dann so, als müsse er in allererster Linie „Leben retten“? Wir wissen es nicht. Mit der Würde steht es ganz ähnlich: Natürlich ist sie nicht faktisch „unantastbar“ – das Grundgesetzt drückt sich gerne „würdig“ aus. Sie soll nur – im rechtsstaatlichen Ideal – als unantastbar angesehen werden. Der Staat soll also, ganz analog, nicht unnötig die Würde seiner Bürger mit Füßen treten. Auch das ist klar. Was aber, wenn es zwischen (dem nach allem ohnehin aussichtslosen) Lebensschutz und dem (durchaus möglichen) Schutz der Würde zum Zielkonflikt kommt? Die Antwort liegt – wie erfrischend ist das denn – bereits in der Fragestellung: Wer sich anschickt, um einer Unmöglichkeit willen das Mögliche zu unterlassen, hat es im Ansatz nicht verdient, ernstlich ernst genommen zu werden.

Was bedeutet das konkret? Macht hoch die Tür, die Tor macht weit – wie Christenmenschen seit dem 18. Jhd. in der Adventszeit zu singen pflegen. Laßt doch die Alten in den Pflegeheimen und die Kranken selber entscheiden, ob ihnen ihre Würde oder ihr Leben wichtiger ist. Ob sie lieber im Kreise ihrer Lieben sterben wollen oder vor den Keimen ihrer Lieben geschützt jämmerlich und einsam von hinnen scheiden? Falls die Meinungen auseinandergehen sollten: Jedem das Seine. Bolle denkt, es kann ja wohl kein Problem sein, die Betroffenen in Einrichtungen mit Schwerpunkt Würde und solche mit Schwerpunkt „möglichst lange leben“ umzuverteilen. Doch das ist wohl schon ein anderes Kapitel.