Do 28-01-21 Sozialisation. Wird schon? Oder Hohn?

Bolles Definition von Sozialisation.

Zugegeben: Eine regelrechte Definition im aristotelischen Sinne, von wegen „omni definitio fit per genus proximum et differentiam specificam“, ist das natürlich nicht. Bolle mag sie trotzdem. Bleiben wir also dabei – und suchen wir uns einen cartesianischen Ausgangspunkt. Clare et distincte, eben. Den zu finden ist allerdings gar nicht allzu schwer.

Erstens: Man kann es, egal was man tut, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene unmöglich allen recht machen – es sei denn, alle sind per se der gleichen Meinung bzw. haben eine ähnliche Vorstellung davon, was eine „gute“ Gesellschaft ausmacht. Davon allerdings können wir weiß Gott nicht ausgehen.

Zweitens: Je „homogener“ eine Gesellschaft, desto wahrscheinlicher ist es, daß die Vorstellungen von einer „guten“ Gesellschaft einigermaßen deckungsgleich und damit politisch handhabbar sind. Sowohl die Werte als auch das Verhalten und nicht zuletzt auch das Erscheinen bilden sich – und zwar von Kindertagen an – in der Auseinandersetzung mit den jeweils Anderen. Niemand, wirklich niemand, entwickelt sein Weltbild out of thin air.

Drittens: In einer „heterogenen“ Gesellschaft ist das grundsätzlich anders. Hier treffen nicht selten Leute, die die Verfassung sprichwörtlich unterm Arm tragen, auf Leute, die – nur zum Beispiel – die Sharia für verbindlich halten. Dürfen die das? Aber Ja doch. Jeder mag nach seiner Façon glücklich werden – das hat der Alte Fritz vor über 250 Jahren schon so gesehen. Allein: Eine gelingende Sozialisation – i.S.v. „Du wirst so wie die Leute um Dich herum“ – ist auf diese Weise nicht möglich. Warum nicht? Weil „Die Leute um Dich herum“ einfach nicht mehr definiert sind.

Daraus folgt, viertens: Je heterogener eine Gesellschaft aufgestellt ist, desto heftiger wird sich ein Teil der Gesellschaft in ihrer Freiheit eingeschränkt bzw. in ihren Werten (i.S.v. ›allgemeines Für-richtig-halten‹) verraten fühlen.

Damit stellt sich die Frage, wie eine „Mehrheitsgesellschaft“ mit so etwas umgehen soll. Die naheliegendste Möglichkeit wäre ein Art von Werte-Relativismus („Macht doch, was Ihr wollt“). Eine charmante Idee – nur läßt sich darauf kaum eine Gesellschafts- und schon gar nicht eine Rechtsordnung aufbauen. Demnach haben wir es hier also mit einer „Null-Lösung“ zu tun: fein – aber nicht funktional.

Die anthropologisch bzw. sogar biologisch seit Jahrmillionen eingeführten „Konflikt-Bereinigungsstrategien“  sind Unterwerfung, Vertreibung und schließlich auch Vernichtung – in dieser Reihenfolge (Schwarz’sche Konfliktlösungsstufen). Guckt Ihr denn nie Tierfilme? Oder glaubt Ihr etwa, das sei nicht vergleichbar und homo sapiens stünde über den Dingen? In diesem Falle würde Bolle Darwin gerne herzlich grüßen lassen.

Kurzum: daß in einer Gesellschaft verschiedene Werte vorherrschen, ist unabänderlich. Dabei gilt: Je heterogener, desto verschiedener. Einfach laufen lassen ist dabei keine Option – jedenfalls nicht auf längere Sicht. Für die drei restlichen Optionen brauchen wir dringend – um in der Tierreich-Analogie zu bleiben – so eine Art Beißhemmung. Nicht alles, was technokratisch „zielführend“ scheint, ist humanistisch auch vertretbar und könnte – um auf Darwin zurückzukommen – einen evolutionären Rückschritt um einige Millionen Jahre bedeuten. Es sei denn, wir finden eine sophistischere Definition von Evolution. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Auch und vor allem die Frage, was das alles mit dem 76. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu tun haben soll, ist so was von ein anderes Kapitel, daß wir an dieser Stelle unmöglich darauf eingehen können.

Do 21-01-21 Heil everybody

Heal the world …

Wenn ein alter weißer Mann – bzw. auch, wie hier, ein deutlich jüngerer, originär schwarzer Mann – von „healing“ redet, dann klingt das doch gleich sehr viel sympathischer als wenn ein derangierter Österreicher „Heil“ im Munde führt. Dabei ist der Begriff an sich ebenso alt wie unschuldig: Von „Heile, heile Gänschen“ bis hin zum Heiland der Christenmenschen – überall kommt er vor. Nur ist er im deutschen Sprachgebrauch halt völlig verbrannt. „Heal“ kommt da sehr viel unverfänglicher rüber. Doch das ist gar nicht unser Thema heute.

Jetzt haben die Vereinigten Staaten also endlich einen großen weißen – vielleicht sogar ja weisen? – Heiler am Start. Was indes das „Heilen“ oder auch nur – geht’s ne Nummer kleiner? – das „Einen“ angeht: Die Amerikaner hatten dafür nunmehr 400 Jahre Zeit. Und doch ist das Land heute noch immer ähnlich zerrissen wie das England der nach-elisabethanischen Zeit, dem die Pilgram Fathers (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) 1620 auf der Suche nach einem besseren Leben entflohen waren. 400 Jahre – das entspricht 13 Generationen und damit geradezu biblischen Maßstäben. Viel mehr kommen selbst im Alten Testament nicht zusammen.

Was läuft da schief? Nun – erst mal haben die zugereisten Amerikaner stolze 250 Jahre (von 1620 bis 1865) gebraucht, um auch nur die Sklaverei abzuschaffen. Und das auch erst nach einem regelrechten Bürgerkrieg – in dem es übrigens bestenfalls am Rande um die Sklavenfrage ging. Einheit der Nation? Bis zur (zumindest offiziellen) Aufhebung der Rassentrennung in Jahre 1964 sollte es übrigens noch weitere 100 Jahre dauern.

Daß es ausgerechnet jetzt darum gehe, „das zerrissene Land“ wieder „zu versöhnen“, hält Bolle daher mehr für professionelle Polit-PR und weniger für historische Gegebenheit. Und daß ausgerechnet der abgewählte 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Mr. Donald Trump, mit albernen vier Jahren Regierungsverantwortung für die „Spaltung des Landes“ verantwortlich sein soll, ist durch die historische Brille betrachtet schon ziemlich naiv. Immerhin durfte J.Lo im Rahmen der Inauguration (Wörter gibt’s, die kennt keener …) This land is made for you and me zum besten geben – einen Woody-Guthrie-Song von 1940. Bei Lichte betrachtet war das seinerzeit wie heute mehr Wunsch als Wirklichkeit.

Hier die Gretchenfrage: Was ist, wenn es „for you and for me“ einfach nicht reicht – zumindest „gefühlt“ nicht? Dann kommt, das würde viel erklären, ein anderes ur-amerikanisches Leitmotiv ins Spiel: The winner takes it all – was sich übrigens bis heute im amerikanischen Wahlrecht unangenehm bemerkbar macht. „Einen“ oder gar „heilen“ – da ist sich Bolle sicher – läßt sich unter solchen Leitlinien kaum. Indes – das sind halt immer noch die alten Cowboys. Kurzum: The land of the free ist noch lange nicht the place to be – jedenfalls nicht für die unteren Schichten, die aus eigener Kraft eigentlich kaum eine Möglichkeit haben, sich aus ihrer Lage zu befreien – zumindest nicht in der Breite. Eine Chance zu haben ist die eine Sache. Diese Chance auch verwirklichen zu können, eine völlig andere. Aber genau darauf – diesen Unterschied nicht zu kapieren – baut der „amerikanische Traum“ auf. Bolle meint: Träumt weiter.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Rückt den Healer in bedenkliche Nähe zum Heiland der Christenmenschen. Das könnte durchaus als gottlos durchgehen – auch wenn das so wohl nicht gemeint sein mag. Aber so kann es gehen, wenn ein ganzer Berufsstand von jeglichem Ausbildungserfordernis freigestellt ist und dabei Leute anlockt, die professionelle Distanz für „nicht mehr zeitgemäß“ halten. Von wegen „Schreiben, was ist“ (Rudolf Augstein).

Im übrigen: Wenn ein alter weißer Mann als „Healer“ auftritt – wie sonst nur indigene Schamanen –, dann ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis jemand von der Sittenpolizei mit „kultureller Aneignung“ um die Ecke kommt. Wir werden sehen. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 17-01-21 Real existierender Kapitalismus …

Schlange stehen im Kapitalismus.

Schlange stehen im Kapitalismus? Machen wa doch gerne. Wenn’s dem Wachstum dient … Wir haben es hier mit einem klitzekleinen Vorstadt-Laden zu tun – in dem, falls Bolle sich recht erinnert, noch nie so viele Leute waren, wie diese Schlange suggeriert.

Daneben fühlt sich Bolle allerdings ein wenig an Oberstufen-Zeiten erinnert. Damals hieß es aus dem Munde des Gesellschaftslehre-Pädagogen: Schlange stehen? So etwas gebe es nur im Sozialismus. Bolle hatte seinerzeit nachgehakt und wollte wissen, ob er das richtig verstehe: Im Sozialismus kriegen die die knappen Güter, die die meiste Zeit mitbringen. Im Kapitalismus kriegen die die Güter, die das meiste Geld mitbringen. Eine wie immer geartete Systemüberlegenheit hatte er daraus nicht ableiten wollen. Es hätte nicht viel gefehlt und der Pädagoge hätte ihm, mangels besserer Argumente, eine gescheuert. So weit zur klassischen Pädagogik.

War sonst noch was los? Ach Ja. Die CDU hat sich eine neue Vorsitzende gewählt. Das war auch nötig – nach dem seinerzeit dann doch etwas mißglückten Versuch mit Anneglet Klamp-Kallenbauel. (Bolle hat entfelnt asiatische Wulzeln und tut sich sehl schwel damit, ein „R“ oldendlich auszusplechen, vgl. dazu den Eintlag von volgesteln: Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen. Ist el deswegen ein schlechtel Mensch? Deswegen sichel nicht. Fühlt el sich lassitisch diskliminielt? Da lachen ja die Hühnel.)

Und? Was macht del Joulnalismus 2.0? [Doch nun genug beblödelt]. Erklärt uns, daß die Online-Wahl „aus rechtlichen Gründen“ erst noch durch eine Briefwahl bestätigt werden müsse. Das aber sei „reine Formsache“. Bolle fragt sich: Was, wenn nicht? Was, wenn sich das Premium-Parteivolk besinnt und der eine oder die andere, on second thought, sich doch noch anders entscheidet? Können die das? Vermutlich – wenn die Online-Wahl geheim war. Dürfen die das? Freie Willensbildung – warum nicht? Werden die das? Lieber nicht. Falls Ja, dann ist der Teufel los. Einen waahnsinnig fetten Vorsprung hat der neue große Vorsitzende dann ja wohl doch nicht. Warten wir es ab. Schließlich wäre das ohnehin ein anderes Kapitel.