Ostermontag 18-04-22 Frohe Ostern, urbi et orbi!

De homine sapiente disjuncto.

So, Ihr Lieben – so ziemlich auf den allerletzten Drücker, ein kleiner Ostergruß. Um Euch die anstehende Frühjahrsmüdigkeit zu versüßen – hier ein kleiner agnostisch-kontemplativer Impuls. Darüber nachdenken könnt Ihr dann selber.

Seit Jahren schon unterscheidet Bolle, was die menschliche Art angeht, sauber zwischen dem homo sapiens lubens und dem homo sapiens cogitans. Die Weisheit, sapientia, führen beide im Namen. Wir wollen ja niemandem unnötig auf die Füße treten – schon gar nicht jetzt zum christlichen Osterfeste. Das indes ist aber beinahe auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten. Beim homo cogitans handelt es sich um jene Unterart, die, grob gesagt, besser denken kann als fühlen. Beim homo lubens – nicht zu verwechseln mit dem homo ludens, dem spielenden Menschen – ist es umgekehrt. Er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) kann deutlich besser fühlen als denken.

Zugegeben: Eine solche Unterscheidung ist schon ein wenig krass – wenn auch nicht ganz unsubstantuiert. Von daher ist Bolle froh, daß kein geringerer als Blaise Pascal den Zusammenhang so trefflich auf den Punkt gebracht – und damit gleichzeitig eine regelrechte Steilvorlage für „Bolles Senf dazu“ geliefert hat.

Wer davon ist der „bessere“ Mensch? Wer richtet mehr Unheil an auf der Welt? Wer tut mehr Gutes? Das können und wollen wir – aus der Perspektive des homo cogitans – so nicht entscheiden. Hier soll es uns allein darum gehen, die Begriffe einzuführen. Auffällig ist allerdings, daß der homo lubens in jüngerer Zeit enorm an Boden zu gewinnen scheint. Die – wie Bolle das zu nennen pflegt – wahrlich weltbewegten Besser-Bürger mit ihrem ausgeprägtem „Gutmensch 2.0-Impetus“ sind stets spontan bereit, zu „helfen, retten, schützen“, was das Zeug hält. Ob überhaupt und wie das funktionieren kann, klären wir dann später. So mancher homo cogitans könnt‘ darob kotzen.

Aber ist das alles auch wahr? Bolle meint, hier reiche ein flüchtiger Blick in eine x-beliebige kontemporäre Nachrichtensendung. Da geht es zunehmend gar nicht mehr um Nachrichten im engeren Sinne: Was ist? (Schwester Logik). Vielmehr geht es oft und überwiegend nur noch darum, wie „schlimm“ das alles sei, wie sehr die Beteiligten leiden würden – und daß die „Täter“ unbedingt „schnellstmöglich“ zur Verantwortung zu ziehen seien (Schwester Ethik). Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob wir hier von Corönchen reden, der Klima-Krise, von „Putins Krieg“, von „Frieren für den Frieden“ oder von was auch immer. Das Muster ist stets dasselbe: Erst mal fliegt das Herz voran. Der Verstand kann sehen, wo er bleibt. Warten wir ab, was die Wirklichkeit dazu sagen wird.

Abschließend ein Hinweis in eigener Sache: Die „Phibel“ – das kleine Vademecum für ambitionierte Autoren (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – macht mächtig Fortschritte. Aber eben auch mächtig Arbeit. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 20-01-22 Bolles Dichotom

Die Geschmäcker sind verschieden …

Bolle hätte es ja nie für möglich gehalten, daß er auf seine alten Tage rein vernunftvermittelt noch mal richtig gläubig werden würde. Insbesondere einem Agnostiker steht das schließlich schlecht zu Gesichte.

Auf die Frage „Glaubst Du an Gott?“ sollte jede auch nur halbwegs entwickelte Seele (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) unvermittelt mit „Definiere Gott“ antworten müssen. Alles andere macht wirklich wenig Sinn – um nicht zu sagen: gar keinen.

Die Frage hingegen „Glaubst Du an Studien?“ würde nolens volens jede noch so niedrig liegende Latte intellektuellen Anstandes reißen. Hier wird es allen Ernstes wirklich albern. Aber genau das passiert zur Zeit – zumindest wenn man dem, was in kontemporären Talk Shows Abend für Abend verbraten wird, auch nur einen Hauch von Glauben schenken mag.

Da wird von „Faktenverdrossenen“ schwadroniert bzw., als stilistische Variante, von Leuten, die „keine Lust auf Fakten“ hätten. Man muß sich das mal klar vor Augen führen: Was, bitteschön, haben „Fakten“ denn mit „Lust“ zu tun? Wie es scheint, hat da so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) jegliche Distanz zu bzw. jegliche Einsicht in „Blubbersprech“ verloren. Was bleibt, ist arrogante Attitüde – die Wahrheit für andere. Die aber manifestiert sich konsequenterweise um so vehementer. Irgendwas muß einem ja bleiben im Leben …

Soll man denn gar nichts mehr glauben dürfen? Natürlich nicht. Allerdings man sollte, falls die Frage das erfordert, die Kurve zum „me“ nicht verfehlen: Wer bin ich, darauf zu antworten? (vgl. dazu, einmal mehr, unsere Grundlagen-Graphik bzw., zuletzt, Fr 10-12-21 Das zehnte Türchen …).

Wirklich wahr?

Also lieber ein bescheidener, demütiger Agnostiker als ein arroganter, besserwisserischer und hochmütiger Klugscheißer – stets redlich bestrebt, andere mit der eigenen Wahrheit zu beglücken. Bolle jedenfalls sieht das so.

Zugegeben: Es hat schon finsterere Zeiten gegeben – mit noch sehr viel durchgeknallteren Potentaten, die – egal ob im demo- oder autokratischen Gewande – von vaterlandskonformen Zeitgenossen sehr viel mehr als nur einen „Pieks“ erwartet und gefordert haben. Aber erstens sollte uns derlei nicht unbedingt als Vorbild dienen und zweitens wäre das dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Di 21-12-21 Das einundzwanzigste Türchen …

Quergedacht — oder abgeklärt …?

Was meinst Du, Bolle? Raus damit oder doch lieber für uns behalten? Eigentlich hatten wir dieses Türchen ja schon für unseren virtuellen Adventskalender im letzten Jahr vorgesehen. Damals fanden wir es dann aber doch etwas zu heftig und hatten darauf verzichtet. Allein die Verhältnisse, sie sind halt so …

Nach den dann doch etwas finsteren, dabei aber strikt agnostisch-kontemplativ gemeinten Türchen der letzten Tage finden wir, daß es sich hierbei allerdings durchaus um einen würdigen Abschluß unserer doch etwas thanatosösen Mini-Serie handelt. Auch wollen wir uns für heute kurz fassen. Kontemplation in Kürze, sozusagen.

Eine Frage am Rande können und wollen wir uns dann aber doch nicht verkneifen: Darf man Einstein heutzutage und in dieser Welt eigentlich noch als „Querdenker“ bezeichnen – oder bringt man dann gleich wieder die Sitte gegen sich auf? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Mo 20-12-21 Das zwanzigste Türchen …

So kann’s gehen …

Seit wir unserer geneigten Leserschaft versprochen haben, uns nicht länger übermäßig auf den ganzen Corönchen-Kappes zu kaprizieren, bleibt deutlich mehr Luft für die würdigeren Aspekte des Lebens. Würdiger – aber durchaus nicht unwichtiger. Wohl gar im Gegenteil.

Da wir uns größte Mühe geben wollen, die Dinge zu durchschauen und den Leser nach Möglichkeit zu erbauen und auch Beweise (oder zumindest Argumente) nicht leichtfertig schuldig zu bleiben, sehen wir uns veranlaßt, unseren Beitrag von gestern ein wenig zu präzisieren. Et voilà.

Ausgangspunkt war ein Imperativ: „Bedenke, daß Du sterblich bist.“ Übersetzt in den Indikativ heißt das: „Du bist sterblich“ bzw., in der 1. Person Singular: „Ich bin sterblich.“ Das kann man für zutreffend halten – oder auch nicht. Wir befinden uns also voll und ganz in der Domäne von Schwester Logik.

Im Bereich von Schwester Ethik ergibt sich das folgende: Hier könnte man sich auf die Wertung versteifen: „Find ick aber doof“ – also ›soll nicht‹. Nun hat jemand, der sich selbst faktisch für sterblich hält, das einstellungsmäßig aber ablehnt, naturgemäß ein Problem. Etwas abzulehnen, was nun mal so ist, ist per se witzlos, weil krass kontrafaktisch. So etwas kann nur zu allen möglichen Formen von vegetativer Dystonie führen, wie etwa permanenter Verspannung mit allen möglichen Nebenerscheinungen wie Kopfschmerzen, Streßsymptomen aller Art, wöchentlichen Arztbesuchen bis hin zur Neigung exzessiven Dahinvegetierens unter intensivmedizinischer Betreuung – und weiß der Teufel, was alles noch.

Was bleibt, ist, die Tatsachen hinzunehmen und die Haltung entsprechend auszurichten: „Ich weiß, daß ich sterblich bin – also lebe ich entsprechend“. Den Weisen dieser Welt (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) war das übrigens schon immer klar. Genau so, wie es Friedrich von Logau vor nunmehr über 350 Jahren so trefflich auf den Punkt gebracht hat (vgl. Sa 18-12-21 Das achtzehnte Türchen …).

Leb ich / so leb ich!
Dem Herren hertzlich;
Dem Fürsten treulich;
Dem Nechsten redlich;
Sterb ich / so sterb ich!

Obwohl: was ist, wenn man sich geirrt hat – und doch unsterblich ist? Nun, dann hätte man sein gesamtes (und überdies nicht enden wollendes Leben) mit einer zumindest überflüssigen Haltung verbracht. Wirklich schwerwiegend will Bolle das aber nicht erscheinen. Irren ist nun mal menschlich – und eine würdige Haltung kann selbst dann nicht schaden, wenn sie an und für sich und bei Lichte betrachtet überflüssig ist. Schwester Ethik denkt nun mal nicht in solchen Kategorien – falls sie überhaupt jemals denkt. Derlei überläßt sie lieber ihrer großen Schwester, der Logik. Im übrigen aber wäre das dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-12-21 Das neunzehnte Türchen — der vierte Advent …

Memento mori.

Und immer wieder sind es die Dichter, die den dichtesten Durchblick an den Tag legen …  Ist memento mori („Sei Dir Deiner Sterblichkeit bewußt“) ein Fakt? Oder nicht vielleicht doch eher ein Fake? Weder noch. Sowohl Fakt als auch Fake gehören in die Domäne von Schwester Logik, der Ersten Tochter der Philosophie – und da geht es um ›wahr?‹ oder ›nicht wahr?‹ – und sonst rein jar nüscht. Was dann? Nun, memento mori ist, um im Versmaß zu bleiben und wenn wir es aus dem Imperativ zurückübersetzen, ein „Find“. Ein Find in der Bedeutung von ›ich finde aber / ich meine aber / mir ist klar, daß / mir scheint es so zu sein‹ – und damit eine Frage der Einstellung bzw. der Werte (im Sinne von ›allgemeines Für-Richtig-Halten‹). Damit aber sind wir der Ebene der Logik vollends enthoben. Vielmehr befinden wir uns mittenmang im Hoheitsgebiet von Schwester Ethik, der Zweiten Tochter (vgl. dazu grundlegend So 24-01-21 Dreschflegel bzw. anwendungsbezogen Do 16-12-21 Das sechzehnte Türchen …). Und die ist durchaus souverän und läßt sich von ihrer großen Schwester mitnichten in die Suppe spucken.

Wenn nun also jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) etwas „findet“, kann man ihm das ganz schlecht ausreden, schon gar nicht und erst recht nicht mit den Mitteln der Logik – Fakt oder Fake hin oder her.

Wir wollen hier und heute nicht allzu dick auftragen – schließlich feiern die Christenmenschen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) heute ihren vierten Advent. Gleichwohl: ein bißchen Kontemplation kann, wie eigentlich fast immer, überhaupt nicht schaden. Aber letztlich ist das dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Sa 18-12-21 Das achtzehnte Türchen …

Hört auf Lehrer Lämpel — hört auf die Wissenschaft!

Bei unserem heutigen Türchen handelt es sich um den Kern vom »Schluß« von Wilhelm Buschs »Max und Moritz«, of course. Ein Wunder, daß das noch nicht auf dem Index steht – von wegen etwa der vierte Streich mit der Explosion von Lehrer Lämpels Meerschaumpfeife:

Nase, Hand, Gesicht und Öhren
Sind so schwarz als wie die Möhren.

Das ist zwar inhaltlich nicht gaanz richtig – Möhren sind eher gelb-orange – aber bitteschön. Wenn’s den kontemporären Befindlichkeiten dient …  Und ist nicht schon Wilhelm Busch im Namen von Schwester Ästhetik recht freizügig mit der Sprache umgegangen? Bolle meint: Was der Ästhetik recht ist, ist der Ethik billig. Oder etwa nicht?

Neulich hat Bolle, ganz am Rande nur, natürlich, mit einem Öhr in eine Talkshow reingehört. Da saßen sie alle, die alten weißen Männer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) und konnten sich vor seliger Selbstgerechtigkeit gar nicht einkriegen zu betonen, wie unverständlich doch das Unverständnis der Unwilligen sei. In Bolles Kreisen nennt man so etwas „mangelnde Akkuratesse der Sozialperspektivität“ – das völlige Unvermögen, sich eine andere als die eigene Perspektive auch nur vorstellen zu können. Eine Fähigkeit übrigens, die unter Primatenforschern als Zeichen von Intelligenz gilt. Daß man überdies anderen Perspektiven unmöglich mit Argumenten beikommen kann, hatten wir neulich schon (vgl. Do 16-12-21 Das sechzehnte Türchen …) anhand eines sehr schlichten Exempels geklärt. Doch weiter mit unserer Talkshow: Dort hieß es, man müsse dem „mit allen Mitteln des Rechtsstaates entschlossen entgegentreten“. Schließlich gelte:

In Gefahr und großer Noth
Bringt der Mittel-Weg den Tod.

Wenn das kein hübsches Motto für eine verhagelte Schönwetterdemokratie ist …  Der Spruch stammt aus Friedrich von Logaus (1605–1655) umfangreicher Epigramme-Sammlung. Da steht übrigens durchaus noch einiges mehr – wie etwa:

Leb ich / so leb ich!
Dem Herren hertzlich;
Dem Fürsten treulich;
Dem Nechsten redlich;
Sterb ich / so sterb ich!

Das hätte ohne weiteres auch vom Erlöser der Christenmenschen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) stammen können – wenn auch vielleicht etwas gleichnishafter formuliert. Von Logau für sein Teil war vom 30-jährigen Krieg (1618–1648) gestählt und hatte offenkundig noch Koordinaten im Kopp. Bolle meint: Mit solchen Leuten in Talkshows würd ick doch glatt mit mehr als nur nem halben Öhr hinhören. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel …

Do 16-12-21 Das sechzehnte Türchen …

Recht so! zum zweiten …

Nachdem wir gestern mitten in den Gender Dynamics steckengeblieben sind, hier ein weiteres kleines weihnachtliches Überraschungs-Ei zum vor- und nachdenken.

Nehmen wir an, jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), den wir hier Aurelius nennen wollen, habe einen 30-Stunden-Job, der ihm 2.500 Silbermuscheln im Monat einbringt. Wer sich mit „Aurelia“ besser identifizieren kann: bitteschön. Auf die genauen Zahlen kommt es hier ebensowenig an wie auf die Währung oder das Geschlecht.

Nehmen wir weiter an, Aurelius stünde vor der Wahl,
            a) seinen Job zu behalten oder
            b) einen 60-Stunden-Job anzunehmen, der ihm 5.000 Silbermuscheln pro Monat einbringen würde.

30 / 60 / 2.500 / 5.000. Das sind die nackten Fakten.

Nun? Was tun? Den alten Job behalten oder den neuen Job annehmen? Here’s a flash: Das läßt sich aufgrund der Faktenlage nicht entscheiden – jedenfalls nicht, soweit Bolle bekannt ist. Was dann?

Nun, Aurelius muß die Fakten bewerten. Das heißt, er muß sich überlegen, ob ihm ein zusätzliches Einkommen von 2.500 Silbermuscheln einen zusätzlichen Zeitaufwand von 30 Stunden wert ist. Falls Ja, dann wechselt er den Job – falls Nein, dann nicht.

Was hat das mit uns zu tun? Nun – falls jetzt irgendein, mit Verlaub, Klugscheißer daherkommt und behauptet, 5.000 Silbermuscheln sei doch deutlich mehr als nur 2.500, dann hat er faktisch recht. Das ist in der Tat so. Wenn er aber überdies behauptet, Aurelius sei folglich unvernünftig oder, je nach Sprachregister, irrational, wenn er den neuen Job nicht annimmt, dann ist er richtig schief gewickelt – trotz aller Fakten. Falls unser Klugscheißer darüber hinaus auf die Idee verfallen sollte zu meinen, Aurelius müsse überzeugt werden oder gar „mitgenommen“ auf dem Weg zu höherem Wohlstand, dann wird es in der Tat übergriffig – und Aurelius täte gut daran, „dergleichen Strolche“, wie Wilhelm Busch das nennt, nach Möglichkeit zu meiden.

Leider ist es so, daß solche Klugscheißer in aller Regel gleichzeitig auch noch „Gutscheißer“ sind. Sie wollen doch nur helfen (!) bei Aurelius’ Weg ins Glück. Bolle meint: Get lost – schert Euch zum Teufel.

Kurzum: Was Aurelius für richtig hält und was nicht, liegt im Bereich von Schwester Ethik, der zweiten Tochter der Philosophie (vgl. dazu kurz und bündig So 24-01-21 Dreschflegel). Was dagegen wahr ist und was nicht – die „Fakten“ also –  liegen in der Domäne von Schwester Logik, der ersten Tochter. Jemanden aufgrund seiner Präferenzen, wie es oft vornehm heißt, für „unvernünftig“ bzw. „irrational“ zu erklären, ist demnach im Kern so was von absurd, daß einem glatt die Spucke wegbleiben könnte – scheint aber dem gegenwärtigen Stand der Zivilisation zu entsprechen.

Bislang hatten wir unser Beispiel so gewählt, daß es nur um eine Zeit- / Einkom­mens­abwä­gung ging. Der Stundenlohn (knapp 20 Silbermuscheln) blieb dabei unverändert. Wie wäre es, wenn Aurelius eine dritte Option hätte, nämlich

            c) einen 30-Stunden-Job, der ihm 5.000 Silbermuscheln (statt nur 2.500) einbringen würde?

Wäre es wenigstens jetzt gerechtfertigt, Aurelius „irrational“ zu schelten, wenn er ablehnt? Denkt mal drüber nach, so Ihr Zeit und Muße findet. Was hat das mit Corönchen zu tun? Auch das ist womöglich eine agnostisch-kontemplative Mußestunde wert. Ansonsten aber ist das dann doch schon wieder ein anderes Kapitel …

Di 14-12-21 Das vierzehnte Türchen …

Banal exponential.

Bolle hat jüngst erfahren, daß sich die Ansteckungen mit Corönchen in der Spielart ›Omikron‹ im Vereinigten Königreich (UK) alle zwei bis drei Tage verdoppeln würden – versehen mit dem Zusatz: „So etwas haben wir noch nie beobachtet.“ Natürlich hat Bolle nachgerechnet.

Wenn wir seriösen Schätzungen folgen und von aktuell 1.000 bis 2.000  Corönchen-Positiven ausgehen (auf die genaue Zahl kommt es überhaupt nicht an), dann würde es bei einer Verdopplungszeit von drei Tagen nur etwa 45 Tage dauern, bis auch der letzte Brite corönchen-positiv ist – mithin also schon Ende Januar! So schnell kann kein Politiker folgen – und selbst dem Journalismus 2.0 bliebe da glatt die Spucke weg.

Dabei sind mit ›Corönchen-Positiven‹ nach Bolles jüngster Definition Leute gemeint, bei denen aus medizinischer Sicht irgendwas nachweisbar ist – was aber weder mit Symptomatik noch mit Spreader-Potential auch nur das geringste zu tun haben muß. Bolle findet nämlich, daß an dieser Stelle allmählich etwas mehr Klarheit dringend geboten ist.

Betrachten wir unsere Graphik: Auf der Abszisse (x-Achse) findet sich die Zeit und auf der Ordinate (y-Achse) der Anteil der Positiven in Prozent. Dabei beschreibt die blaue Kurve eine „echte“ Exponentialfunktion, die wir den gegenwärtigen Verhältnissen im UK nachgebildet haben: Nach 45 Tagen sind wir demnach bei 100%. Ja, und dann? Da unmöglich mehr als 100% der Briten corönchen-positiv sein können, kann die Funktion so nicht stimmen. Corönchen vermehrt sich eben nicht exponentiell – jedenfalls nicht lange.

In Bronstein’s Taschenbuch der Mathematik – der Bibel der Mathematiker – heißt es dazu lakonisch:

Prozesse mit konstanter Wachstumsgeschwindigkeit
sprengen im Laufe der Zeit jede Schranke
und führen bereits nach relativ kurzer Zeit
zu einer Katastrophe.

Kurzum: Prozesse mit konstanter Wachstumsgeschwindigkeit (Prozesse, die Exponentialfunktionen folgen), haben in der Natur keinen Bestand. Sie haben eine ausgesprochene Neigung zur Selbstzerstörung – was Bronstein mit „Katastrophe“ umschreibt.

Was dann? Die Corönchen-Positivität folgt vielmehr der grünen Kurve. Dabei handelt es sich um eine von Bolle didaktisch geschmeidig angepaßte Sigmoid- bzw. Schwanenhalsfunktion. Das Ansteckungsgeschehen geht hier laangsam, gaanz langsam los, nimmt dann richtig Fahrt auf, um sich schließlich wieder zu beruhigen und der 100%-Grenze anzunähern. Mehr als 100% ist nämlich nicht zu schaffen – auch nicht für das mieseste und fieseste Corönchen.

Heißt das, wir können uns entspannen? Natürlich nicht. Schließlich erreicht auch die grüne Kurve die 100%-Marke, nur eben auf anderem Wege. So let’s go crazy: Warum steht in der Meldung „Verdoppelung alle zwei bis drei Tage“ – und nicht zum Beispiel: „Ende Januar sind alle Briten tot“ – und dann irgendwo im laufenden Text: „ … oder zumindest infiziert oder ganz zumindest corönchen-positiv“? Vielleicht noch versehen mit dem aufmunternden Spruch aus dem Anhalter durch die Galaxis: „Don’t panic“ – in großen, freundlichen Lettern, of course (vgl. dazu auch Do 03-12-20 Das dritte Türchen …). Das wäre doch viel zeitgemäßer und würde auch aufs feinste zu anderen Überschriften passen wie etwa: „Im Kampf gegen Omikron hoffen die Briten auf das zweite Impfwunder“. „Wunder“ – das klingt doch wirklich wunderbar weihnachtlich. Fehlt nur noch der „Impfzauber zur Heiligen Nacht“. Allerdings ist das dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel …

Mo 13-12-21 Das dreizehnte Türchen …

Vox populi.

Das „Trotz- und Klagelied“ ist ein Epigramm von Oscar Blumenthal und stammt aus dem Jahre 1880. Bolle findet es immer wieder faszinierend, wie sich die Bilder gleichen – auch über längere Zeiträume hinweg. Wir reden hier von immerhin 140 Jahren. Allerdings heißt es bei Blumenthal nicht „Trotz- und Klagelied eines Impfskeptikers“, sondern »Vox populi«, also „Stimme des Volkes“. Wenn da nur die Volksvertreter nicht wären …  Ganz kürzlich erst hat ein Exemplar dieser Spezies zur besten bildungsbürgerlichen Sendezeit im Rahmen der corönchen-induzierten „Meine Freiheit, Deine Freiheit“-Debatte zum wiederholten male ernstlich argumentiert, man dürfe ja schließlich auch nicht Auto fahren ohne Führerschein. Der Führerschein als legitime staatliche Freiheitseinschränkung für Autofahrer und solche, die es werden wollen. Daß das so sein muß bzw. zumindest nicht ganz unvernünftig ist, versteht schließlich jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Aber was soll uns das sagen? Der Impfnachweis als „Bürgerschein“, ohne den man nicht mehr auf die Straße gehen darf? Mehr noch. Man dürfte sich ja – so man dem Argument folgen will – nicht mal mehr in der eigenen Wohnung aufhalten ohne Bürgerschein. Damit erhält  der Bürgerschein den Rang einer Allgemeinen Existenzberechtigungsplakette. Schließlich kann es ja wohl wirklich nicht angehen, daß Leute in dieser verhagelten Schönwetter-Demokratie einfach wild existieren. So ist ja auch etwa wild campen nicht erlaubt. Wir dürfen gespannt sein, was da noch so alles kommen mag an kreativem Überschwange. Wie meint Bolle immer? Wo ein Wille ist, da ist auch ein Argument. Oder zumindest etwas, das so tut als ob. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel …

Mi 08-12-21 Das achte Türchen …

Bolle zu Statistik und Sterblichkeit.

Wir würden es ja wirklich gerne langsam weihnachtlicher angehen lassen. Doch die Verhältnisse, sie sind leider nicht so …  (Brecht’s Dreigroschenoper).

Nach formaler Logik (So 05-12-21 Das fünfte Türchen — der 2. Advent …) und Vorschlägen zur Verfeinerung der Verfassung (Mo 06-12-21 Das sechste Türchen — Nikolausi …) hier ein Grundsatzbeitrag zur Statistik – mit dem wir die Trilogie hoffentlich vorläufig abschließen können.

Das Risiko zu versterben liegt bei etwa 100 Prozent. Ein erfreulicheres Ergebnis hat sich Bolle, aller statistischen Raffinesse zum Trotze, nicht darstellen wollen. Umgekehrt bedeutet das: Die Chance, an dieser Stelle etwas zum besseren zu wenden, liegt ziemlich genau bei Null.

Das Risiko, als würdeloses Würmchen zu verenden, läuft derzeit in der Tendenz in exaktemente die gleiche Richtung – ein Punkt, der Bolle durchaus mit Sorge erfüllt. Die gute Nachricht: An dieser Stelle könnte man durchaus etwas reißen.

Wir haben also die Wahl: Wir könnten versuchen, ein potentiell unlösbares Problem zu lösen, oder wir können darauf hinwirken, wenn schon nicht das Leben, so doch zumindest die Würde zu retten (oder was davon in einer im Kern wenig kontemplativen Gesellschaft noch übrig sein mag) – und unsere Lieben nicht isoliert und einsam unter einem Berg von Plaste-Müll, umringt von undurchsichtigen Helfergestalten in Vollkörper-Kondomen verscheiden zu lassen. Zwar wird das nicht in jedem Fall gelingen: Rechtzeitig in Würde mit seinem Leben abzuschließen ist nun mal nicht jedem gegeben. Der sprichwörtliche Kapitalismus hält manche einfach zu sehr beschäftigt. Keine Zeit für Kontemplation – never ever. Das rächt sich natürlich irgendwann, of course. Aber zumindest ergeben sich hier die weitaus besseren Erfolgsaussichten. Größer Null geht praktisch immer. Vor allem aber dürfte sich das für die Dahinscheidenden sehr viel besser anfühlen als letztlich witzlose medizinische Rundum-Vollversorgung. Last-minute-Kontemplation auf der letzten Meile, sozusagen. Früher hat man so etwas schlicht und ergreifend „Trost spenden“ oder auch einfach „Abschied nehmen“ genannt.

Und nun? Was tun? Lasset uns besinnen. Besser spät als nie. Übrigens: gegen unnötig unangenehmes Ableben gibt es Happy Pills. Wir wollten diesen Punkt an dieser Stelle nur pointieren und zu ernstlicher Kontemplation anregen. Professor Dumbledore hat es in »Harry Potter and the Philosopher’s Stone« auf den Punkt gebracht: „After all, to the well-organised mind, death is but the next great adventure.“ (Für kontemplativ ausgerichtete Wesen ist der Tod nichts weiter als das nächste große Abenteuer). Soweit das. Alles weitere wäre dann definitiv doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.