Do 29-04-21 Patsch! Peng!

Hier spricht der Dichter.

Manchmal muß man bis zum Nachmittage zuwarten, bis das Leben einem was wirklich feines und erfrischendes zuspielt. So geschehen heute, als wir erfahren durften, daß, einmal mehr, das Bundesverfassungsgericht in geradezu klassischer Prägnanz klargestellt hat, was es mit Bolles Managementzirkel auf sich hat – und vor allem auch, was nicht. Wir hatten den Zirkel des öfteren schon angesprochen. Um dem geneigten Leser das Blättern zu ersparen, sei er hier noch einmal abgebildet.

Der Managementzirkel.

Wenn man, wie es beim Thema »Klima« in der Natur der Sache liegt, ein Ziel verfolgt, bei dem man erst in einigen Jahrzehnten wird beurteilen können, ob und inwiefern man was erreicht hat, dann macht es schlechterdings keinen Sinn, erst mal nur auf 2030 zu zielen beziehungsweise auch nur zu schielen und das ganze mit einer ebenso jovialen wie unausgesprochenen Fußnote zu garnieren: „Na, und denn? Denn kieken wa ma.“ Bolle sagt, aus strikt professioneller Perspektive, ausdrücklich „zielen“. Von »Planung« im Sinne des Zirkels einschließlich obligatorischem »Check der Mittel« kann bislang ja ohnehin noch keine Rede sein. Doch das nur am Rande.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Ausnahmsweise und wenigstens ausschnittsweise mal eine gute Figur. Zwar ist den Premium-Nachrichtensendungen mal wieder nicht mehr eingefallen als die übliche „Ohrfeige“ beziehungsweise, in der furiosen Fassung, die „schallende Ohrfeige“. Auf Phoenix allerdings wurde das Thema mit „Patsch! Peng!“ eröffnet. Total so! Bolle war entzückt.

Was aber hat das ganze mit Nash-Gleichgewichten zu tun? Wir erinnern uns: von Nash-Gleichgewichten spricht man, wenn – obwohl jeder das macht, was für ihn das beste ist – unterm Strich nur dummes Zeug bei rauskommt – was dann natürlich so niemand gewollt hat (vgl. Fr 23-04-21 Vive la France!). Auflösen lassen sich Nash-Gleichgewichte – auch dieser Hinweis findet sich an besagter Stelle – allein durch eine regelsetzende und durchsetzende Instanz. Wobei diese Rolle, zumindest was das Regelsetzen angeht, im vorliegenden Falle beim Bundesverfassungsgericht hängengeblieben ist. Und? Was macht die Politprominenz? Ergießt sich in Zustimmung. „Gebremst?  I wo. Wir doch nicht! Im Gegenteil – wir waren schon immer dafür, mehr fürs Klima zu tun. Der politische Gegner hat’s versemmelt, of course.“ Aber so ist das nun mal bei Nash-Gleichgewichten unter Rudeltieren.

Übrigens: Bolle hat den Eindruck, daß Oscar Blumenthal, der Schöpfer einer ganzen Reihe von Kurzgedichten sowie mancher Schach-Miniatur, einer von den Guten ist. Oder was sonst soll man von einem sagen, der seinen eigenen Grabstein mit einem eigenen Gedicht aus seinem selbstverfaßten »Buch der Sprüche« ziert?

Oft wehte mirs der Herbstwind her:
„Die Bahn so kurz! Der Weg so schwer!“
Doch eine ferne Stimme rief:
„Das Ziel so nah! Die Rast so tief!“

Ist das nicht ein hochfeiner Kontrapunkt in der gesamten Corönchen-Kakophonie? Letztlich aber ist das dann doch schon wieder wohl ein anderes Kapitel.

Mi 28-04-21 Schöner shoppen

Schöner shoppen.

Nach dem für manche dann doch eher etwas harschen Beitrag von gestern hier zur Entspannung was aus dem ganz normalen Leben in Corönchen-Zeiten. Als Bolle neulich „schöner shoppen“ war, wurde er gleich beim Eingang des Warenhauses gefragt, wo er denn hin wolle. Die Antwort: Lebensmittel. Bolle brauchte nämlich mal wieder Orangenmarmelade und ist dabei, was den Hersteller angeht, recht schnücksch. „By Appointment by her Majesty the Queen“ ist nun mal the real thing. „Alles klar“. Der Einlaß wurde „gewährt“. Dann allerdings, und jetzt wird es interessant, fiel Bolle ein, daß er ja auch noch einen neuen Pullover brauchen könnte – möglichst ebenfalls britischer Provenienz, weil die verstehen was von Wolle. Einen Pullover zu kaufen wäre ohne tagesaktuellen negativen Corönchen-Test allerdings voll illegal gewesen. Zwar ist Bolle aus Prinzip so was von „negativ“ – und hätte das ausnahmsweise mal auch tagesaktuell belegen können. Allerdings wollte das dann überhaupt niemand mehr wissen. Einmal drin im Warenhaus – immer drin. Da zudem fast niemand sonst zugegen war, wurde das dann zum Einkaufserlebnis ganz eigener Art. Wann hat man schon mal ein ganzes Warenhaus für sich alleine? Ob das auf die Dauer wirtschaftlich wirklich Sinn macht, kann Bolle auch nicht sagen. Allerdings ist und bleibt er diesbezüglich eher skeptisch. Übrigens: bereits um 18 Uhr war Ladenschluß – so wie früher. Bolle findet ja, das reicht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 26-04-21 Corönchen 2.0 — oder 2:0 für Corönchen?

Sich regen bringt nicht immer Segen.

Hinterher ist man immer schlauer. Der kluge Prophet wartet die Ereignisse ab. Im Volksmund wimmelt es nur so vor einschlägigen Weisheiten. Selbst die Pythia in Delphi hat es regelmäßig vorgezogen, mit ihren Orakelsprüchen lieber kuschelig im Ungefähren zu verbleiben. Man kann ja nie wissen. Allein Kassandra mußte immer gleich mit allem rausplatzen – und hatte dabei auch noch regelmäßig Recht. Allerdings war hier auch göttliche Magie in Gestalt des Apollon im Spiel.

Bolle jedenfalls kann sich noch sehr gut erinnern, wie vor etwa einem Jahr ein Medienschaffender berichtete, die Chinesen hätten ganz Wuhan, immerhin eine Stadt mit 8 Millionen Einwohnern, abgesperrt. Eine Maßnahme, die in westlich-freiheitlichen Ländern selbstredend völlig ausgeschlossen sei. So kann man danebenliegen als Prophet.

Kurzum: Seitdem ist einiges passiert. Man staunt, was alles möglich ist. Und man staunt, worüber sich alles staunen läßt. Rein medizinisch gesehen, und völlig frei von möglicher unzureichender Empathie mit den schwer Betroffenen, ist Corönchen ja wohl wirklich nicht die schlimmste aller möglichen Malaisen. Immerhin bemerkt der Löwenanteil der Infizierten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nicht mal, daß er sich infiziert hat.

Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen dagegen reichen, wie wir alle wissen, sehr viel weiter – und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Noch hat Corönchen deutlich die Nase vorn: „2:0“ sozusagen, oder schlimmer. Zwar gibt es manche, die meinen, man müsse demnächst erst mal alle testen, um dann – Betonung auf „dann“ – wieder „Freiheit leben“ zu können. Bolle meint: „Freiheit leben“, das klingt ziemlich grün – und so war es denn ja auch.

So verständlich der Wunsch nach „back to normal“ auch sein mag: Ein wirklich tragfähiges Konzept ist das noch nicht. Da nützt es auch nichts, wenn man diesbezüglich die Anstrengungen verdoppelt. Wie spricht er gleich, der Dichter Wilhelm Busch? „Ist Leidenschaft das Wesen der Welt, so werden Schläge wohl mehr wirken als Worte. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 22-04-21 Das Volk der Dichter und Diener

Dienen nützt.

Zugegeben: Heinrich Heine versteht »dienen« hier in einem eher weiteren Sinne. Weit genug, daß ein jeder Esel sich einschlägig nützlich machen kann – und sei es auch nur im Kontrast. Andererseits – auch das müssen wir einräumen – war es mit Madame de Staëls [sprich: Stahl, mit norddeutscher Aussprache] Beschreibung der Deutschen als ›Volk der Dichter und Denker‹ auch nicht sehr viel weiter her. Madame de Staël galt, im Lande eines Molière oder auch Voltaire, als eher mäßig begabte Schriftstellerin – und so wurde ihr 1810 frisch verlegter Reisebericht »Über Deutschland« in Frankreich auch gleich wieder verbrannt und die Autorin zwecks Besserung erst mal des Landes verwiesen. Und? Was hat sie so gemeint? Sie hatte von einer „eigentümlichen Stille und Verschlossenheit“ der Leute berichtet und meinte, sie hockten des Abends bei Kerzenlichte in ihren engen Stuben und warteten darauf, daß es Zeit werde, schlafen zu gehen. Dichter und Denker, eben. Die Deutschen indessen fühlten sich durchaus geschmeichelt – und sind bis heute dabei geblieben.

Seit das, siehe nicht zuletzt Corönchen, mit dem Denken aber nicht mehr ganz so gut klappen will, muß eine frische Komplementärtugend her. Und da scheinen die Deutschen das Dienen wiederzuentdecken. Alle wollen dienen. Und wenn die Job Description das nicht hergibt – wir reden hier schließlich von Dienen auf höchstem Niveau, wie weiland Friedrich Zwo –, dann doch zumindest helfen, schützen oder retten, oder ganz zumindest fördern. Ein ganzes Volk hilfreicher Helfer. Kennen wa ja. Doch das führt hier zu weit.

Den aktuellen Vogel abgeschossen hat dabei mal wieder der Chef-Philosoph der Grünen. Er hätte, so läßt er verlauten, der Republik so gerne doch als Kanzler dienen wollen. Seine Ladies-First-Galanterie (vgl. dazu den Beitrag von vorgestern, Di 20-04-21 Na, nu wird’s Tach!) sei für ihn, allen Ernstes, der schmerzhafteste Tag seiner politischen Laufbahn gewesen. Bolle meint: Och Mensch. Mir is jottsjämmerlich zumute. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 20-04-21 Na, nu wird’s Tach!

Na, nu wird’s Tach!

Mehr als das war Bolle angesichts der gestrigen Ereignisse beim besten Willen nicht zu entlocken. Da hatten wir auf der einen Seite zwei Cowboys, alte weiße Männer gar, die sich vor lauter Beflissenheit, wer von ihnen denn, wie weiland Friedrich Zwo von Preußen, den nächsten ersten Diener ihres Staates geben darf, gar nicht mehr einkriegen konnten. Und dann? Irgendwie war plötzlich die Luft raus. Der eine soll’s halt machen, der andere dann eben nicht. Justamente am gleichen Tage, wenn auch in völlig anderer Färbung, das gleiche Schauspiel bei den Grünen. „Laß die mal machen“, sprach der oberste amtierende Partei-Philosoph. Ich würde’s ja auch selber machen – aber bitteschön. Ladies first. Hier mußte die Luft gar nicht erst raus. Hier war überhaupt nie welche drin. Bolle meint: Mehr „Hinterzimmer“ (Markus Söder) geht nicht. Aber was soll’s. Wenn alle damit zufrieden sind?

Jetzt könnte folgendes passieren: Die Grünen geben sich in den nächsten fünf Monaten zum Entzücken der Wähler weiterhin strikt staatstragend und streng ungefähr – während die CDU nebst Schwesterlein auch weiterhin den Schuß nicht hört. Erstaunlicherweise sind die nächsten Wahlen ja schon bald – da merkt man vor lauter Corönchen gar nichts von. Dann fehlt nur noch, daß die FDP, oder wer auch immer, dann doch lieber irgendwie regieren will als gar nicht, und schon haben wir – das kann bei einer solchen Verkettung der Umstände durchaus passieren – ein Bundes-Baerchen am Start. Kanzlerin kann schließlich jeder. In Bereitschaft sein ist alles. Auch Frau Merkel hat ja mal klein angefangen. Allerdings war sie damals wenigstens schon mal Ministerin gewesen – für was genau, spielt in solch luftigen Höhen ja ohnehin keine Rolle mehr. Auch muß das überhaupt kein Schaden sein – darauf legt Bolle großen Wert. Und überhaupt: War es nicht Willy Brandt, der 1969 schon mal mehr Phantasie wagen wollte?

Wir werden sehen. Auf jeden Fall aber soll keiner behaupten, Zeitgeschichte habe keinen Sinn für Humor. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 19-04-21 Pastorale Eile

Jeder wie er kann.

Gestern morgen ist Bolle eher zufällig und ganz am Rande eine Predigt zu Gehör gekommen. Dazu muß man wissen, daß er nie wirklich hinhört, was das soziale Hintergrundrauschen angeht. Außer, es wird interessant. Und so war es diesmal auch. Bolle kam die Stimme des Pastors irgendwie bekannt vor. Da er sonst nicht viel mit Pastoren zu tun hat, war das dann doch ungewöhnlich. Und siehe da: Der durchaus pastoral vorgetragene Text kam gar nicht aus dem Munde eines berufenen Pastors. Vielmehr war es der Bundespräsident höchstselbst, der da sprach. Kiek ma eener an. Da schlummern doch verborgene Talente, die nur der Erweckung harren.

Was meinte unser Talent, vom pastoralen Duktus einmal abgesehen? Da ging es um Menschen, die aus dem Leben gerissen wurden. Bolle findet das jetzt nicht so ungewöhnlich, daß man eigens darauf hinweisen müßte. Im Grunde geht uns das wohl allen so, früher oder später. Conditio humana, eben. Interessanter war die pastorale Erwähnung des versteckten und einsamen Sterbens. Hat Bolle da einen Seitenhieb auf Corönchen herausgehört? Corönchen soll schuld sein, daß Menschen versteckt und einsam sterben? Eher würden ihm die sozialen Bangbüchs-Standards als eigentlicher Grund einleuchten. Aber so ist das nun mal, wenn eine Gesellschaft nach gehöriger Güterabwägung kollektiv zu dem Ergebnis kommt, daß Leben letztlich Würde sticht. Ob man das mit salbungsvollen Reden wieder raushauen kann? Bolle hat da seine Zweifel.

Hinzu kommt das hurtige Timing. Im Grunde sollte man ja meinen, daß eine Gedenkveranstaltung dem Gedenken dient und sich damit rein begrifflich auf Vergangenes bezieht und folglich erst post festum, also nach der Party, wirklich Sinn macht. Mitten in der Schlacht der Schlacht gedenken? Da muß man erst mal drauf kommen – und sich das dann auch noch trauen. So richtig plausibel ist es jedenfalls nicht.

Und? Was meint der Journalismus 2.0? Lobt die Rede als gefühlvoll und zugewandt. Nun, jedem das Seine. Auch habe sie eine Pause zum Nachdenken geboten. Pause für was? Pause von was? Wir kontemplativen Agnostiker pflegen ja tagtäglich Zeit für ein entsprechendes Päuschen zu finden – und nicht erst, wenn das Kind bereits im Brunnen liegt. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 15-04-21 Von Eise befreit sind Strom und Bäche …

Frühling im Dörfchen.

Das Dörfchen präsentiert sich in seinem schönsten Gewande. Da möchte man doch gerne raus und, wenn schon nicht unter Linden, so doch zumindest unterm Kirschbaum weilen. Und wieder einmal ist es Faust, der des Volkes Frühlingsgefühl auf den Punkt bringt:

Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Daß dabei so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)  eher an die Werbebotschaft seines Drogeriemarktes denken wird, soll uns hier nicht weiter bekümmern. Aber möglichst nicht mehr raus zu sollen – jedenfalls nicht aus so trivialen Gründen wie jauchzen oder einfach Mensch zu sein und dabei auch noch zu meinen, das müsse man ja dürfen dürfen –  das muß dann doch bedenklich stimmen.

Was bei dem ganzen Corönchen-Gedröhnchen verloren zu gehen droht, ist nicht weniger als der gute alte common sense – hier also etwas so elementares wie der Unterschied zwischen drinnen und draußen. Ein Unterschied also, der durchaus einen Unterschied macht. Werfen wir also einen Blick auf das Grundsätzliche.

Die Lunge, das ist ihre Aufgabe, tauscht sich so richtig fleißig aus mit der Umwelt. Wir atmen ein, wir atmen aus, wir atmen wieder ein … Auf diese Weise kommen wir auf in etwa einen halben Kubikmeter Luftaustausch pro Stunde. Hinzu kommt, daß wir nicht nur Luft austauschen, sondern eben auch Feuchtigkeit – neudeutsch: Aerosole. Das weiß jeder, der schon mal einen Spiegel angehaucht hat. Im Freien verteilt sich das. In geschlossenen Räumen eher nicht. Der eine (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) atmet ein, was der andere vorher ausgeatmet hat. Der Punkt ist: Wir sind an diesen Austausch gewöhnt! Das kann nicht anders sein. Das muß geradezu so sein. Wären wir es nicht, wären wir längst ausgestorben bzw. hätten uns gar nicht erst entwickeln können und die Welt würde den Viren gehören. Tut sie aber nicht.

Stellen wir spaßeshalber eine kleine Extremfall-Betrachtung an und nehmen wir an, jemand atme ein einziges vereinzeltes Corönchen ein. Ist der jetzt „infiziert“? Corönchen-Positiv? Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Plausibler ist, das dieses eine einzige Corönchen vom Immunsystem so auf die Mütze kriegt, daß ihm Hören und Sehen vergeht.

Wie verhält es sich bei 2, 3, oder 10 Corönchen? Wahrscheinlich ändert sich nicht viel. Wie ist es bei 100? Bei 1.000 gar? Irgendwann wird vermutlich ein Punkt erreicht sein, wo sich das Immunsystem überrumpelt fühlt und dann doch ein wenig schwächelt. Wer sich also an einem einzigen Abend und auf einen Schlag die volle Ischgl-Dröhnung gibt, muß sich nicht weiter wundern, wenn er sich schlimmerenfalls auf einer Intensivstation wiederfindet.

Bei einer feinverteilten Aufnahme könnte das ganze allerdings ganz anders aussehen: Das Immunsystem kommt mit den Corönchen nicht nur klar – es „lernt“ auch, daß da was im Anmarsch ist. Der Effekt könnte der gleiche sein wie bei einer herkömmlichen Impfung. Eine abgeschwächte Viruslast bereitet das Immunsystem auf höhere Viruslasten vor. Bio Protection, sozusagen – ganz natürlich und völlig ohne Pieks.

Umgekehrt bedeutet das: Wenn einer empfehlungskonform peinlichst darauf achtet, mit Corönchen gar nicht erst in Kontakt zu kommen, dann steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit ernorm, daß bei erstbester Gelegenheit die volle Ischgl-Packung auf sein völlig unvorbereitetes Immunsystem trifft – und zwar mit allen unerfreulichen Konsequenzen. „Je zivilisierter, desto sterilisierter“ – die Schlafschul-Weisheit aus Huxley’s ›Schöne Neuer Welt‹ (1932), vgl. dazu  Sa 23-01-21 In vino veritas – ist nach allem wohl bei weitem nicht der Weisheit letzter Schluß. Was dann? „Die Welt wohldosiert berühren“, nennt das der alte Indianer. Wohl dosiert. Berühren. Also nicht mitten reinplatschen  – und auch nicht schreiend davonlaufen oder sich unterm Sofa verkriechen (duck and cover). Aber vielleicht ist das einfach viel zu einfach, um einzuleuchten.

Ob das alles so stimmt, kann Bolle natürlich auch nicht sagen. Nur einleuchten würde es ihm halt. Bevor es jemand ausprobieren mag, sollte er vielleicht doch besser zunächst seinen Arzt oder Apotheker fragen. Vielleicht weiß der ja mehr. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 10-04-21 Wir müssen leider draußen bleiben

Auf den Hund gekommen.

Früher war Shopping. Im Gegensatz zum gezielten Einkauf des täglichen Bedarfs, oft mit regelrechtem Einkaufszettel, ging es dabei darum, einfach nur so durch den einen oder anderen Konsumtempel beziehungsweise die einschlägigen Einkaufsmeilen zu schlendern und zu gucken, was die Warenwelten so zu bieten haben. Der Gütererwerb stand dabei eher im Hintergrund – was nicht heißen soll, daß er gelegentlich nicht doch Überhand nehmen konnte. So mancher übervolle Schuhschrank läßt grüßen.

Warum wirkt Shopping auf manchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) so entspannend? Vielleicht handelt es sich dabei ja um eines der Spiele des homo ludens – des spielenden Menschen. Wenn Johan Huizinga mit seinem gleichnamigen Werk, das war übrigens schon 1938, nicht völlig falsch liegt, dann ist das Spiel, neben der Arbeit, so richtig wichtig für das menschliche Sein und Werden. Auch Tierbabys spielen, ohne wirklich zu müssen. Sozialpsychologen nennen so etwas „selbstbelohnend“ – und meinen damit die „nachhaltigste“ und unkaputtbarste Form der Motivation.

Wenn man die Jagd nach Lebensnotwendigem im weitesten Sinne als „Arbeit“ einstufen will, dann ist das spielerische Erbeuten von mehr oder weniger Überflüssigem etwas ganz anderes. Selbst Bolle hat auf diese Weise,  und zwar in eben diesem Laden, auf die Jahre verteilt schon schöne Dinge wie etwa eine Ablage für seine Paraphernalia (Schreibtisch-Utensilien), Blechdöschen oder auch Salzstreuer gefunden, deren Löcher so groß sind, daß sie auch bei Biosalz nicht gleich verstopfen. Alles Dinge also, die man nicht suchen kann, sondern nur finden. Kurzum: Collecting verhält sich zu Shopping wie Arbeit zu Spiel. Schon die Maske dämpft das Vergnügen bis zur Unkenntlichkeit. Aber vorher auch noch ins Testlabor? Dann setzt sich Bolle lieber an den Schreibtisch. Das macht mehr Spaß.

Das Problem bei Corönchen, vielleicht sogar das Hauptproblem, besteht doch darin, daß man einem die Ansteckungsfähigkeit nicht an der Nasenspitze ansehen kann – erst recht nicht, wenn die Nasenspitze hinter einer Maske versteckt ist. Das macht es nicht eben leichter, hygienische oder, je nachdem, auch hysterische Maßnahmen einzuleiten. Also täglich testen? Vielleicht würde es ein sogenannter Thermal-Scanner, also so eine Art Wärmebild-Kamera, ja auch tun. Wer Fieber hat, gehört ohnehin ins Bett – und nicht etwa auf die Einkaufsmeile. Aber ist das auch sicher? Sagen wir so: nichts ist wirklich sicher im Leben. Im übrigen geht probieren oft genug über studieren.

Eigens Einlaß begehren will Bolle jedenfalls nicht. Dabei ist er froh, daß er soweit wunschlos glücklich ist. Sokrates (469–399 v. Chr.) übrigens soll sich beim Anblick einer antiken Schaufensterauslage seinerzeit höchst diplomatisch geäußert haben: „Ich finde es immer wieder erstaunlich, was die Athener alles brauchen.“ Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 08-04-21 Notbremse — oder eher Tempomat?

Not kennt kein Gebot.

Bolle war gestern kurz unterwegs. Nur kurz: reinrocken, durchrocken, rausrocken. Total so! Nun ist es für einen wie Bolle völlig unmöglich, beim Anblick einer schicken ICE-Notbremse nicht sofort an die verschiedensten Corönchen-Notbremsen zu denken, mit denen Bund und Länder seit Wochen und Monaten mit schönster Regelmäßigkeit aufwarten. Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun?

»Not« ist, man kann es kaum anders sehen, eine aufdringliche Form von Soll/Ist-Diskrepanz mit momentaner Transformationsbarriere – definitionsgemäß also ein Problem (vgl. dazu Mo 22-03-21 Plan, Prognose, Plausibilität). Gleichzeitig ist »Not« aber auch ein Teekesselchen – und zwar eines der tückischen Art, also mit hohem Konfusionspotential. So kann sich »Not« auf eine gegenwärtige, aktuelle Gefahr beziehen, oder aber auch auf einen bis auf weiteres andauernden Zustand.

Wir haben es hier mit einem Unterschied zu tun, der einen Unterschied macht – dem Unterschied zwischen Zeitpunkt versus Zeitraum (vgl. dazu Di 05-01-21 Gleichzeitig zeitgleichig?).

Wenn also zum Beispiel ein frühneuzeitlicher Bauer irgendwann zwischen 1618 und 1648, also mitten im 30-jährigen Krieg, von „großer Not“ gesprochen hat, dann ist das etwas völlig anderes als wenn jemand die Notbremse zieht, etwa weil er seinen Koffer aus Versehen auf dem Bahnsteig hat stehen lassen – oder gar seine Liebsten, wie Heiner Lauterbach in ›Charly & Louise‹, einer sehr niedlichen Neuverfilmung von Kästners ›Doppelten Lottchen‹ (D 1994 / R: Joseph Vilsmaier).

Auch der Gesetzgeber unterscheidet inhaltlich fein säuberlich zwischen Notstand im Sinne von andauernden Gefahrenlagen, etwa in Art. 35 GG oder Art. 91 GG, und Notfall im Sinne einer ›gegenwärtigen Gefahr‹, etwa in den §§ 34, 35 StGB – auch wenn er die Unterscheidung semantisch nicht sauber durchhält. Indes: nobody is perfect.

Wie verhält es sich nun mit der „Corönchen-Notbremse“? Wir haben es definitiv mit einer andauernden Gefahrenlage zu tun. Folglich macht es wenig Sinn, hier irgendwelche „Notbremsen“ zu ziehen. Gemeint ist im Grunde doch eher ein Tempomat – also eine Vorrichtung, die verhindert, daß man plötzlich, upps!, unbedacht zu schnell wird.

Ist das nicht nur Wortgeklingel? Mitnichten. Wenn wir darauf bestehen wollen, daß Sprache die Mutter des Gedanken sein soll, und nicht etwa dessen Magd (Karl Kraus), dann geht das ganze Durcheinander hier schon los – auch wenn es nicht gleich augenfällig wird. Nutzen wir die Sprache als Frühwarnsystem! Damit wäre schon einiges gewonnen. Bolle jedenfalls hatte seinen Koffer nicht vergessen. Er hatte gar keinen dabei. Und so konnte es angesichts der Notbremse beim Photo Shooting bleiben. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 07-04-21 Bridge over troubled water

Laschet, der Landesvater.

Es muß dringend was geschehen, sprach der Kommunikations-Berater. Sonst kacken wir ab und können die Kanzlerschaft knicken. Nur was? Hart muß es sein, um Führungsqualität zu zeigen. Und lichtvoll muß es sein, von wegen Ende des Tunnels. Grübel, grübel, grübel … Stunden später: Wie wär’s mit einer Brücke? Klingt doch ganz nach Kanzlerin.

Bolle kann sich das entsprechende Brain Storming lebhaft vorstellen. Jemandem eine Brücke bauen: Wie entgegenkommend ist das denn? Wir denken an den Überbrückungskredit von der Bank an unserer Seite. Die alteingesessenen Berliner denken bis heute an die Luftbrücke mit ihren Rosinenbombern, damals 1948. Und nicht zuletzt gibt es da auch noch die Bridge over troubled water – die Brücke über wilde Wasser. Kennen wa alle. Wie ging das gleich noch mal?

Du fühlst Dich müde – paßt!
Fühlst Dich klein – aber holla! nach Monaten sozialer Deprivation!
Hast Tränen in den Augen – kein Wunder bei den vielen Masken!
Ich trockne sie und
Werde bei Dir sein – Bingo! klingt doch voll seriös nach Landesvater und Kanzlerkandidat.

Der Senior ist begeistert. Noch Einwände? Ein Junior Manager meldet sich zu Wort: Ist das Bild nicht doch etwas schief? Setzt eine Brücke nicht voraus, daß das andere Ufer wenigstens in Sicht ist? Daß man weiß, wohin man bauen will? Sollten wir nicht besser von einem Schlauchboot-Lockdown sprechen? Von wegen „irgendwie weiterkommen“?

Sachlich und fachlich völlig richtig, junger Freund, entgegnet der Senior wohlwollend. Weckt aber völlig falsche Assoziationen. Die können wir hier nicht gebrauchen. Schlecht für die Kommunikation. Noch weitere Einwände? Keine? Dann nüscht wie raus damit. Deadline in zwei Stunden. Und kümmere sich jemand um die Rechte am Song.

Und so kam es, daß der Brücken-Lockdown das Licht der Welt erblickt hat. Die Staatskanzlei in München ist highly amused – wenn auch nur in aller Stille. Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.