Do 29-04-21 Patsch! Peng!

Hier spricht der Dichter.

Manchmal muß man bis zum Nachmittage zuwarten, bis das Leben einem was wirklich feines und erfrischendes zuspielt. So geschehen heute, als wir erfahren durften, daß, einmal mehr, das Bundesverfassungsgericht in geradezu klassischer Prägnanz klargestellt hat, was es mit Bolles Managementzirkel auf sich hat – und vor allem auch, was nicht. Wir hatten den Zirkel des öfteren schon angesprochen. Um dem geneigten Leser das Blättern zu ersparen, sei er hier noch einmal abgebildet.

Der Managementzirkel.

Wenn man, wie es beim Thema »Klima« in der Natur der Sache liegt, ein Ziel verfolgt, bei dem man erst in einigen Jahrzehnten wird beurteilen können, ob und inwiefern man was erreicht hat, dann macht es schlechterdings keinen Sinn, erst mal nur auf 2030 zu zielen beziehungsweise auch nur zu schielen und das ganze mit einer ebenso jovialen wie unausgesprochenen Fußnote zu garnieren: „Na, und denn? Denn kieken wa ma.“ Bolle sagt, aus strikt professioneller Perspektive, ausdrücklich „zielen“. Von »Planung« im Sinne des Zirkels einschließlich obligatorischem »Check der Mittel« kann bislang ja ohnehin noch keine Rede sein. Doch das nur am Rande.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Ausnahmsweise und wenigstens ausschnittsweise mal eine gute Figur. Zwar ist den Premium-Nachrichtensendungen mal wieder nicht mehr eingefallen als die übliche „Ohrfeige“ beziehungsweise, in der furiosen Fassung, die „schallende Ohrfeige“. Auf Phoenix allerdings wurde das Thema mit „Patsch! Peng!“ eröffnet. Total so! Bolle war entzückt.

Was aber hat das ganze mit Nash-Gleichgewichten zu tun? Wir erinnern uns: von Nash-Gleichgewichten spricht man, wenn – obwohl jeder das macht, was für ihn das beste ist – unterm Strich nur dummes Zeug bei rauskommt – was dann natürlich so niemand gewollt hat (vgl. Fr 23-04-21 Vive la France!). Auflösen lassen sich Nash-Gleichgewichte – auch dieser Hinweis findet sich an besagter Stelle – allein durch eine regelsetzende und durchsetzende Instanz. Wobei diese Rolle, zumindest was das Regelsetzen angeht, im vorliegenden Falle beim Bundesverfassungsgericht hängengeblieben ist. Und? Was macht die Politprominenz? Ergießt sich in Zustimmung. „Gebremst?  I wo. Wir doch nicht! Im Gegenteil – wir waren schon immer dafür, mehr fürs Klima zu tun. Der politische Gegner hat’s versemmelt, of course.“ Aber so ist das nun mal bei Nash-Gleichgewichten unter Rudeltieren.

Übrigens: Bolle hat den Eindruck, daß Oscar Blumenthal, der Schöpfer einer ganzen Reihe von Kurzgedichten sowie mancher Schach-Miniatur, einer von den Guten ist. Oder was sonst soll man von einem sagen, der seinen eigenen Grabstein mit einem eigenen Gedicht aus seinem selbstverfaßten »Buch der Sprüche« ziert?

Oft wehte mirs der Herbstwind her:
„Die Bahn so kurz! Der Weg so schwer!“
Doch eine ferne Stimme rief:
„Das Ziel so nah! Die Rast so tief!“

Ist das nicht ein hochfeiner Kontrapunkt in der gesamten Corönchen-Kakophonie? Letztlich aber ist das dann doch schon wieder wohl ein anderes Kapitel.

Mo 26-04-21 Corönchen 2.0 — oder 2:0 für Corönchen?

Sich regen bringt nicht immer Segen.

Hinterher ist man immer schlauer. Der kluge Prophet wartet die Ereignisse ab. Im Volksmund wimmelt es nur so vor einschlägigen Weisheiten. Selbst die Pythia in Delphi hat es regelmäßig vorgezogen, mit ihren Orakelsprüchen lieber kuschelig im Ungefähren zu verbleiben. Man kann ja nie wissen. Allein Kassandra mußte immer gleich mit allem rausplatzen – und hatte dabei auch noch regelmäßig Recht. Allerdings war hier auch göttliche Magie in Gestalt des Apollon im Spiel.

Bolle jedenfalls kann sich noch sehr gut erinnern, wie vor etwa einem Jahr ein Medienschaffender berichtete, die Chinesen hätten ganz Wuhan, immerhin eine Stadt mit 8 Millionen Einwohnern, abgesperrt. Eine Maßnahme, die in westlich-freiheitlichen Ländern selbstredend völlig ausgeschlossen sei. So kann man danebenliegen als Prophet.

Kurzum: Seitdem ist einiges passiert. Man staunt, was alles möglich ist. Und man staunt, worüber sich alles staunen läßt. Rein medizinisch gesehen, und völlig frei von möglicher unzureichender Empathie mit den schwer Betroffenen, ist Corönchen ja wohl wirklich nicht die schlimmste aller möglichen Malaisen. Immerhin bemerkt der Löwenanteil der Infizierten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nicht mal, daß er sich infiziert hat.

Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen dagegen reichen, wie wir alle wissen, sehr viel weiter – und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Noch hat Corönchen deutlich die Nase vorn: „2:0“ sozusagen, oder schlimmer. Zwar gibt es manche, die meinen, man müsse demnächst erst mal alle testen, um dann – Betonung auf „dann“ – wieder „Freiheit leben“ zu können. Bolle meint: „Freiheit leben“, das klingt ziemlich grün – und so war es denn ja auch.

So verständlich der Wunsch nach „back to normal“ auch sein mag: Ein wirklich tragfähiges Konzept ist das noch nicht. Da nützt es auch nichts, wenn man diesbezüglich die Anstrengungen verdoppelt. Wie spricht er gleich, der Dichter Wilhelm Busch? „Ist Leidenschaft das Wesen der Welt, so werden Schläge wohl mehr wirken als Worte. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 21-04-21 Nulla dies sine linea

Nachdenken nützt.

Da setzt man mal einen einzigen Tag zum Frühstück aus – was wir hiermit getreulich nachholen wollen – und schon hat man seine geneigte Leserschaft am Halse.  Tenor: „Nicht mit mir, mein lieber Vampir.“ Bolle meint ja immer „willste gelten, mach dir selten“. Andererseits ist natürlich das Diktum des Apelles (ca. 370–300 v. Chr.) Nulla dies sine linea (laß keinen Tag verstreichen, ohne dich in deiner Kunst zu üben) auch nicht ganz von der Hand zu weisen (vgl. dazu Do 10-12-20 Das zehnte Türchen …). Aber manche Tage machen es einem wirklich nicht leicht. Das gilt auch für die Medienschaffenden. Immerhin konnten wir aus der unbefangeneren Auslandspresse erfahren, daß die EU „Speerspitze bei künstlicher Intelligenz“ werden will. Bolle meint: Na ja – besser künstlich als gar keine. Ein jeder wie er kann. Ist ja auch am einfachsten. Immerhin – auch das konnten wir in Erfahrung bringen, gedenkt die EU der KI dann doch ein wenig auf die Finger zu schauen, was „Programme zur Personaleinstellung“ angeht. Nicht, daß die Software am Ende noch 30 Jahre Gleichstellung wegprozessiert und womöglich Leute einstellt, nur weil sie den Job absehbar gut können. Aber erstens klingt hier wohl nur Bolles chauvinistische Rückständigkeit an und zweitens wäre das wohl auch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 19-04-21 Pastorale Eile

Jeder wie er kann.

Gestern morgen ist Bolle eher zufällig und ganz am Rande eine Predigt zu Gehör gekommen. Dazu muß man wissen, daß er nie wirklich hinhört, was das soziale Hintergrundrauschen angeht. Außer, es wird interessant. Und so war es diesmal auch. Bolle kam die Stimme des Pastors irgendwie bekannt vor. Da er sonst nicht viel mit Pastoren zu tun hat, war das dann doch ungewöhnlich. Und siehe da: Der durchaus pastoral vorgetragene Text kam gar nicht aus dem Munde eines berufenen Pastors. Vielmehr war es der Bundespräsident höchstselbst, der da sprach. Kiek ma eener an. Da schlummern doch verborgene Talente, die nur der Erweckung harren.

Was meinte unser Talent, vom pastoralen Duktus einmal abgesehen? Da ging es um Menschen, die aus dem Leben gerissen wurden. Bolle findet das jetzt nicht so ungewöhnlich, daß man eigens darauf hinweisen müßte. Im Grunde geht uns das wohl allen so, früher oder später. Conditio humana, eben. Interessanter war die pastorale Erwähnung des versteckten und einsamen Sterbens. Hat Bolle da einen Seitenhieb auf Corönchen herausgehört? Corönchen soll schuld sein, daß Menschen versteckt und einsam sterben? Eher würden ihm die sozialen Bangbüchs-Standards als eigentlicher Grund einleuchten. Aber so ist das nun mal, wenn eine Gesellschaft nach gehöriger Güterabwägung kollektiv zu dem Ergebnis kommt, daß Leben letztlich Würde sticht. Ob man das mit salbungsvollen Reden wieder raushauen kann? Bolle hat da seine Zweifel.

Hinzu kommt das hurtige Timing. Im Grunde sollte man ja meinen, daß eine Gedenkveranstaltung dem Gedenken dient und sich damit rein begrifflich auf Vergangenes bezieht und folglich erst post festum, also nach der Party, wirklich Sinn macht. Mitten in der Schlacht der Schlacht gedenken? Da muß man erst mal drauf kommen – und sich das dann auch noch trauen. So richtig plausibel ist es jedenfalls nicht.

Und? Was meint der Journalismus 2.0? Lobt die Rede als gefühlvoll und zugewandt. Nun, jedem das Seine. Auch habe sie eine Pause zum Nachdenken geboten. Pause für was? Pause von was? Wir kontemplativen Agnostiker pflegen ja tagtäglich Zeit für ein entsprechendes Päuschen zu finden – und nicht erst, wenn das Kind bereits im Brunnen liegt. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 17-04-21 Der Bismarck unter den Heringen

Trotz allem.

Da blättert man, eher absichtslos, in einem schmalen Bändchen – in diesem Falle Kästners »Kurz und bündig« – und schon wird man fündig. Das Epigramm paßt aber auch aufs feinste ins aktuelle Hier und Jetzt.

Nun, was ein rechter Elephant ist – Bolle bevorzugt nach wie vor die kanonische Rechtschreibung, doch das nur am Rande –, der kann schon mal ein wenig poltern im Porzellangeschäft. Allerdings macht es wenig Sinn, ihm daraus einen Vorwurf zu machen. Eher ist das Umfeld schuld: zu empfindlich, zu zerbrechlich – viel zu Mimimi. Im Elephantenhaus, oder gar in freier Wildbahn, poltern Elephanten wohl weit weniger.

Wie verhält es sich im umgekehrten Falle – wenn also eine Tasse sich ins Elephantenhaus verirrt? Nun, poltern wird sie sicher nicht. Eher wird sie sich verwundern, wie sie denn dahin geraten konnte. Mimimi oder nicht: auf jeden Fall wird sie absehbar keine allzu gute Figur machen – was bei den gegebenen Größen- und Kräfteverhältnissen wiederum nicht weiter verwundern kann.

Und? Was würden wir vom Journalismus 2.0 erwarten? Er würde sich wohl, wie so oft, mit den Schwachen und Entrechteten solidarisieren und das alles ganz gemein finden: „Was macht der Elephant denn auch im Elephantenhaus? Hatte er nicht neulich noch versprochen, sich fernzuhalten? Die arme Meißner Tasse. So klein noch und schon so gefährdet.“ So viel Solidarität muß sein. Obwohl: Bolle meint ja immer, daß es nur ein schmaler Grat ist zwischen Gefühlsjournalismus und lediglich gefühltem Journalismus. Doch auch das nur am Rande.

Kommen wir zur wesentlichen Frage. Was, wenn Elephantenhäuser Wahllokale wären? Das Volk könnte sich, um im Bild zu bleiben, vermutlich eher vorstellen, von einem Elephanten regiert zu werden als von einem Täßchen Meißner Porzellan. Irgendwie wirkt der souveräner. Ob er dann auch wirklich besser regieren würde, sei ausdrücklich dahingestellt. Erstens weiß man das erst hinterher und zweitens, bedenklicher noch, fehlt es notwendigerweise am Vergleich. Man kann nun mal nur einen wählen – und den hat man dann am Halse.

Ein Schelm, wer jetzt an Kanzlerkandidaten denkt. Auch wäre das schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 12-04-21 Journalismus als Beruf?

Erde, wem Erde gebührt.

Keine Sorge – mit dem ganzen »Laschet gegen Goliath«-Geflatter (vgl. So 11-04-21 Laschet gegen Goliath) wollen wir uns nicht befassen. „Oh Gott, welch’ Überraschung“, hieß es heute, wenig überraschend, quer durch die gesamte Medienlandschaft.

Werfen wir also einen Blick auf die Spannungen, die der Journalismus 2.0, wie’s scheint, mit seinem eigenen Gegenstand hat. Mit Politikern kann man ja noch leben. Aber das Volk? Alles Covidioten – und bringt wohl gar die Pressefreiheit in Gefahr (vgl. dazu auch Do 07-01-21 Journalismus 2.0). Wozu haben wir denn Art 5 I 2 GG?

Das Argument der Medienschaffenden geht dabei in etwa wie folgt: Wir wollen doch nur, friedlich und objektiv, of course, berichten. Das Volk aber wirft, wie gemein ist das denn, mit Gegenständen nach uns. Was für Gegenstände das waren, konnten wir auf die Schnelle leider nicht recherchieren. So ist das nun mal, wenn man auf der Flucht ist.

Das Volk dagegen meckert ob der Oberflächlichkeit und fühlt sich in seinem tiefen Sehnen nicht gesehen. Maske auf? Abstand eingehalten? Alles klar. Korrekte Demo. Brave Demonstranten. Gute Bilder. Das eigentliche Anliegen, also das, worum es geht und was die Leute interessieren könnte, gerät dabei sehr leicht ins Hintertreffen.

Daß man sich im Freien nicht anstecken – und auch andere nicht anstecken kann, erfahren wir, nach nunmehr immerhin zwei Jahren „Pandemie“, eher beiläufig. Bolle meint: Da hätte man schon früher mal einen Physiker fragen können, was es mit Aerosolen so auf sich hat. Aber wenn man doch nun mal so herrlich auf Virologen eingeschossen ist?

Und? Was macht der Journalismus 2.0 statt dessen? Berichtet allen Ernstes von möglichem Fehlverhalten der Ordnungshüter bei einer Demo in Stuttgart. Viel zu lasch – überhaupt nicht wehrhaft und nicht staatstragend genug. Übrigens: Die Demo fand im Freien statt.

Tucholsky, oder auch Kästner, haben sich seinerzeit noch höchstpersönlich die Mühe gemacht, durch Berliner Kneipen zu ziehen – und zwar sowohl durch Nazi- als auch durch Kommunistenkneipen –, sich Aug’ in Auge mit den Leuten unterhalten, um so der Leserschaft die Lage gehörig zu erhellen. Richtiger Journalismus, eben. Was die beiden, um das klarzustellen, dagegen nicht getan haben: Sie haben nicht etwa ihre Ausrüstung aufgebaut – schon gar nicht vor der Kneipe. Auch haben sie keine „Schalte“ aufgemacht, um dann mit aufgeregtem Gestus zu berichten, was drinnen in der Kneipe vor sich geht. Bei so viel journalistischem Feingefühl hätten sie sich übrigens auch nicht wundern müssen, wenn sie ab und an mal eine aufs Maul gekriegt hätten. Soweit zur Hauptstadtberichterstattung. Von Hemingway oder Churchill – also echten Kriegsberichterstattern – wollen wir hier gar nicht reden. Möglicherweise hat Bolle ein übermäßig idealistisches Bild von echtem Journalismus. Indes: schlimmer geht immer.

Eigens für den Irakkrieg hatten die Amerikaner 2003 den Embedded Journalism erfunden – wohl um zu vermeiden, daß sich wehrkraftzersetzende Bilder wie jene aus dem Vietnamkrieg wiederholen können. Die Medienschaffenden wurden dabei mit einem Panzer in Frontnähe spazierengefahren und durften dann darüber berichten – und zwar nur darüber. Friedrich Nowottny, der vormalige Intendant des WDR, fand das damals schon (bzw. noch) wenig kunstgerecht: „Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr groß.“ Alte Schule, eben.

Dennoch ist die Grundidee mittlerweile recht salonfähig geworden. Heute würden, falls Bolle nicht ganz falsch liegt, manche Medienschaffenden ihre Demo-Berichterstattung wohl am liebsten vom Polizeipanzer aus erledigen – zumindest aber umgeben von einer schützenden Hundertschaft. Pressefreiheit – frei von jedem Risiko?

Den Medienschaffenden immer gleich eine aufs Maul zu hauen ist natürlich auch keine Art. Aber das macht ja im Grunde auch keiner. Eher haben wir es hier mit „gefühlter“ Bedrohung zu tun, wenn überhaupt. Gleichwohl sind ausgeprägte Mimimichen wohl eher falsch am Platze. Also Augen auf bei der Berufswahl! Mit einem „Irgendwas-mit-Medien“-Studium ist es nach allem wohl nicht getan. Also doch ein Feld allein für halbwegs harte Männer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 08-04-21 Notbremse — oder eher Tempomat?

Not kennt kein Gebot.

Bolle war gestern kurz unterwegs. Nur kurz: reinrocken, durchrocken, rausrocken. Total so! Nun ist es für einen wie Bolle völlig unmöglich, beim Anblick einer schicken ICE-Notbremse nicht sofort an die verschiedensten Corönchen-Notbremsen zu denken, mit denen Bund und Länder seit Wochen und Monaten mit schönster Regelmäßigkeit aufwarten. Was aber hat das eine mit dem anderen zu tun?

»Not« ist, man kann es kaum anders sehen, eine aufdringliche Form von Soll/Ist-Diskrepanz mit momentaner Transformationsbarriere – definitionsgemäß also ein Problem (vgl. dazu Mo 22-03-21 Plan, Prognose, Plausibilität). Gleichzeitig ist »Not« aber auch ein Teekesselchen – und zwar eines der tückischen Art, also mit hohem Konfusionspotential. So kann sich »Not« auf eine gegenwärtige, aktuelle Gefahr beziehen, oder aber auch auf einen bis auf weiteres andauernden Zustand.

Wir haben es hier mit einem Unterschied zu tun, der einen Unterschied macht – dem Unterschied zwischen Zeitpunkt versus Zeitraum (vgl. dazu Di 05-01-21 Gleichzeitig zeitgleichig?).

Wenn also zum Beispiel ein frühneuzeitlicher Bauer irgendwann zwischen 1618 und 1648, also mitten im 30-jährigen Krieg, von „großer Not“ gesprochen hat, dann ist das etwas völlig anderes als wenn jemand die Notbremse zieht, etwa weil er seinen Koffer aus Versehen auf dem Bahnsteig hat stehen lassen – oder gar seine Liebsten, wie Heiner Lauterbach in ›Charly & Louise‹, einer sehr niedlichen Neuverfilmung von Kästners ›Doppelten Lottchen‹ (D 1994 / R: Joseph Vilsmaier).

Auch der Gesetzgeber unterscheidet inhaltlich fein säuberlich zwischen Notstand im Sinne von andauernden Gefahrenlagen, etwa in Art. 35 GG oder Art. 91 GG, und Notfall im Sinne einer ›gegenwärtigen Gefahr‹, etwa in den §§ 34, 35 StGB – auch wenn er die Unterscheidung semantisch nicht sauber durchhält. Indes: nobody is perfect.

Wie verhält es sich nun mit der „Corönchen-Notbremse“? Wir haben es definitiv mit einer andauernden Gefahrenlage zu tun. Folglich macht es wenig Sinn, hier irgendwelche „Notbremsen“ zu ziehen. Gemeint ist im Grunde doch eher ein Tempomat – also eine Vorrichtung, die verhindert, daß man plötzlich, upps!, unbedacht zu schnell wird.

Ist das nicht nur Wortgeklingel? Mitnichten. Wenn wir darauf bestehen wollen, daß Sprache die Mutter des Gedanken sein soll, und nicht etwa dessen Magd (Karl Kraus), dann geht das ganze Durcheinander hier schon los – auch wenn es nicht gleich augenfällig wird. Nutzen wir die Sprache als Frühwarnsystem! Damit wäre schon einiges gewonnen. Bolle jedenfalls hatte seinen Koffer nicht vergessen. Er hatte gar keinen dabei. Und so konnte es angesichts der Notbremse beim Photo Shooting bleiben. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 06-04-21 Kompaß alle?

Leonardos Bilder.

Ab heute wollen wir ja Ostern hinter uns lassen und uns wieder weltlicheren Themen zuwenden. In allem Ernst. „In allem Ernst“ – diese Wendung hat Bolle allen Ernstes gestern abend in einer Qualitäts-Nachrichtensendung aufschnappen müssen. Machen wir uns nichts vor: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Bastian Sick wußte das schon 2004. Aber was will man machen in einer Welt unterschwelliger Analphabeten, die sich längst angeschickt haben, „barrierefreies“ Lesen und Schreiben zur Kardinaltugend zu erheben?  Und der Genitiv ist nun mal so was von ganz und gar nicht barrierefrei. Doch das nur am Rande.

Wenn Leonardo vom Menschen als Augenwesen spricht, der das Bild brauche, hat er das vermutlich wörtlich gemeint: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Daneben gibt es allerdings auch sprachliche Bilder – namentlich Topoi, Metaphern und nicht zuletzt auch Gleichnisse.

In jüngerer Zeit finden sich aber zunehmend auch sprachliche Zerrbilder. Bolle spricht hier gern von »Blubbersprech« und versteht darunter amorphe verbale Gebilde, deren vornehmste Eigenschaft es ist, völlig formbefreit und sinnentleert zu sein. Amorph eben.

Das vielleicht hübscheste Beispiel aus den letzten Tagen ist die Klage, man habe die Chance verpaßt, den Kompaß auf Zukunft zu stellen. Weder ist Bolle klar, was ein Kompaß mit Zeit zu tun haben soll, noch, seit wann Kompasse „gestellt“ werden. Uhren können gestellt werden, gegebenenfalls auch Weichen. Wobei eine Wendung wie „Weichen auf Zukunft stellen“ schon ins Grenzwertige lappen würde. Aber Kompasse? Geht gar nicht.

Allerdings ist nichts so dumm, daß es nicht doch zu etwas gut sein könnte – etwa als Anregung zu Bolles lustigem Blubbersprech-Generator. Eine handvoll Substantive – also etwa Kompaß, Batterie, Uhr, und Weiche –, und eine handvoll Verben – wie zum Beispiel allemachen, stellen, ausrichten – reichen für den Anfang völlig aus. Damit können wir nicht nur Kompasse stellen, sondern auch Uhren ausrichten, oder Weichen, oder all das schlichtweg allemachen – anstatt nur Batterien. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Bei Bedarf müssen wir einfach nur die Listen verlängern – und schon geht’s munter weiter mit dem Blubbersprech. Die Kombinatorik mit ihren schier unerschöpflichen Möglichkeiten ist auf unserer Seite.

Bolle findet übrigens, daß Blubbersprech als verbaler Überbau zu gefühlter Demokratie paßt wie die Faust aufs Auge. Vielleicht ist es daher so erfolgreich und beliebt. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Karfreitag 02-04-21 Immer feste feiern?

Unselige Agnostiker? Da ist die Logik vor.

Worum geht es den Christenmenschen im Kern an diesem Tage, dem Karfreitag? Die Schlüsselszene findet sich bei Johannes im 19. Kapitel. Dort sprach Pilatus, der Statthalter der römischen Provinz Judäa, zu dem auf Sturm gebürsteten Volke: „Nehmet ihr ihn hin und kreuzigt ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm.“ Ein Punkt, den die, so wörtlich, „Juden“ indes ganz anders sehen wollten: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben; denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Und in der Tat läßt sich, zumindest mit etwas Phantasie, ein entsprechendes Gesetz finden. So lautet die Regel: Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen (3. Mose 24, 16). Nun wirft der Sachverhalt zumindest zwei juristische Fragen auf. Lästert man, rein tatbestandlich, des Herren Namen, nur weil man sich zu seinem Sohn erklärt? Und was die Rechtsfolge angeht, so wäre ja eigentlich eine Steinigung angesagt gewesen – und nicht etwa eine Kreuzigung. Kurzum: Hier geraten das, zumindest seinerzeit, moderne römische Recht und das auch damals schon eher archaische Recht in einer für Gottes Sohn eher ungünstigen Weise über Kreuz. Und so endet die Geschichte dann ja auch: über Kreuz.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Verabschiedet sich im Rahmen einer Qualitäts-Nachrichtensendung von seinen Zuschauern allen Ernstes mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Karfreitag.“ Bolle meint: Geht’s noch? Wenn überhaupt, gläubig oder nicht, irgend etwas so rein gar nicht zum Karfreitag der Christenmenschen passen will, dann ja wohl die Erwartung, „angenehm“ sein zu sollen. So Ihr’s nicht glauben wollet: Fraget den Herrn.

Übrigens feiern in jüngerer Zeit die „Gläubigen“ fröhlich Urständ in den Medien. Man könnte geradezu, der Jahreszeit entsprechend, von einer massenmedial vermittelten Wiederauferstehung reden. Bolle will gar nicht so genau wissen, ob, was, wie und wie tief die glauben mögen. Gerade in Corönchenzeiten wäre das durchaus eine Frage wert. Sein Vorschlag zur Güte: Laßt uns diese Leute im Interesse sprachlicher Abrüstung doch schlicht und ergreifend einfach als „Kirchgänger“ (jedweder Konfession, of course) bezeichnen.  Das täte in den Ohren eines aufrechten Agnostikers weniger weh. Muß ja nicht jeder leiden heute. Wahrer wäre es vermutlich ohnehin. Allerdings ist das dann doch schon wieder ein anderes Kapitel. Im übrigen verweisen wir gerne auf Fr 26-02-21 Sprache als Handwerk?

Mo 29-03-21 Osterruhe ohne Ende

Jenseits von Max und Moritz.

Manchmal ist es aber auch vertrackt. Eigentlich war unser Beitrag vom letzten Dienstag (Di 23-03-21 Hinterm Argument geht’s weiter …) ja nur als kleiner Zwischenruf gedacht. Und dann so was. Erst hat die Kanzlerin öffentlich Asche über ihr Haupt gestreut – nur um dann, in einer exklusiv gehaltenen Talkshow zur besten bildungsbürgerlichen Sendezeit, verschärft inhaltlich zu werden. Ob der Renitenz mancher Landesfürsten sei sie wahrlich not amused. Ihr Amtseid gebiete ihr, da gegebenenfalls ordnend einzuwirken. Der Journalismus 2.0, der qua Profession wohl gerne mal die sprichwörtlichen Flöhe husten hört, hat das in eine offene „Drohung“ umgemünzt, eine „Breitseite“ bzw. eine „Kampfansage“ gar – und gefolgert, die Kanzlerin wolle offenbar „mehr Kompetenzen an sich ziehen“ bzw. denke darüber nach, den Ländern „klare Ansagen“ zu machen.

Daß das nicht ganz einfach werden wird, hatten wir gestern bereits erwähnt (So 28-03-21 Die Osterruhe vor dem Sturm). Verschärfend hinzu kommen demokratie-typische Nebenbedingungen, die mit der Sache an sich rein gar nichts zu tun haben: Die Kanzlerin ist auf dem Ritt in die Abendsonne, während immerhin zwei der Landesfürsten in den Startlöchern stehen und gerne selber Kanzler werden wollen.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Wünscht sich in fester Kanzlerinnen-Treue ein „hartes Durchgreifen“ und nutzt ansonsten den „Flickenteppich“ munter als Fußabtreter. Geschichte? Wozu? Wir haben doch Corönchen.

David Ricardo, ein Volkswirt klassischer Provenienz, sah sich schon 1811 veranlaßt anzumerken, daß er Leuten, die überwiegend auf den Augenblick schielen, mit Skepsis begegne. Solche Leute seien notwendigerweise leichtgläubig, da sie kein Bezugssystem hätten, um ihre Fakten zu sortieren.

Und so müssen wir hören, daß sich der Föderalismus als dysfunktional erwiesen habe. Also weg damit? Das gleiche Argument allerdings ließe sich – let’s go crazy – ohne weiteres auch gegen die Demokratie, zumindest aber gegen die Gewaltenteilung an sich, vorbringen.

Zwar ist das, hoffentlich, so nicht gemeint. Aber das Muster dahinter stimmt schon bedenklich. Hier ein gegebenes Problem, das nach einer Lösung schreit. Und in der Tat ist eine Lösung in Sicht. Problem gelöst. Sollte man meinen. Wenn da nur nicht Tobin’s Argument mit dem over-all climate wäre (vgl. etwa Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln). Die Abschaffung bzw. Einschränkung des Föderalismus könnte sehr leicht zu einem ganz ähnlich gelagerten Problem an irgendeiner anderen Stelle führen.

Ein Mitglied der schreibenden Zunft hat übrigens den sprichwörtlichen Vogel abgeschossen, als er, mit empörter Stimme, über Ministerpräsidenten berichtete, die tun würden, was sie für richtig halten. Ja, was denn sonst? Nur, um dann hinzuzufügen: Selbst die von der CDU. Bolle hält das in der Tat für empörend – meint dabei aber die aus berufenem Munde doch etwas seltsam anmutende Vorstellung über die Rolle von Staat und Partei in einer Demokratie. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.