So 06-09-26 Wenn Krüge vor den Brunnen brechen

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. (Eiselein 1840).

Was soll man sagen? Es wird Herbst. Unverkennbar. Als Bolle gestern abend in seiner Eckkneipe vor einem Feierabend-Bierchen saß, da war er doch sehr froh, daß er eine solide Tweet-Jacke anhatte und kein sommerliches Leinen-Jäckchen. Wie sagt man doch gleich auf der Insel? The best British clothing for the worst British weather. Doch das nur am Rande.

Politisch dagegen könnte es ein durchaus heißer Herbst sein beziehungsweise werden. Zwar nicht unbedingt ein ›Herbst der Reformen‹ – der ist letztes Jahr schon ausgefallen, und dieses Jahr sieht es kein bißchen besser aus. Aber so kann’s nun mal gehen, wenn zusammenwächst, was partout nicht zusammengehört. Überhaupt kann sich Bolle des Eindruckes nicht entbehren, daß die eigentliche Regierungsarbeit nur noch darin besteht, die Opposition zu bekämpfen. Mehr „Minimalkonsens“ läßt sich kaum noch finden.

Heute sind Wahlen im Lande Sachsen-Anhalt – und der Journalismus 2.0 dreht seit Wochen durch, wie’s scheint. Wir wollen hier nicht spekulieren, wie das alles enden wird. Der kluge Prophet wartet die Ereignisse ab. Heute abend wissen wir mehr.

Was wir aber jetzt schon sagen können: Die Völker der Welt schauen auf dieses Land (Bolle featuring Ernst Reuter 1948). Nicht weil es so bedeutsam wäre – das ist es nun mal nicht –, sondern weil hier etwas passieren könnte, das so rein gar nicht in die bräsigen Köppe der gegenwärtigen clique politique passen will: ein politischer Machtwechsel.

Eigentlich sollte man ja meinen, ein Machtwechsel sei das Normalste in einer Demokratie. Wer so denkt, hat aber nicht begriffen, daß wir hier in einer „unsere Demokratie“ leben – wie es immer so schön heißt. Und da geht sowas nun mal gar nicht. Zumindest ist es nicht vorgesehen.

Bislang lief das Spiel ja in etwa so: Die CDU baut Mist. Also wählen alle das nächste mal SPD. Die SPD baut Mist. Also wählen alle das nächste mal CDU. Die CDU baut Mist … Und so weiter, und so fort – ad libitum. Wir hatten diesen Punkt schon mal erwähnt (vgl. dazu etwa Do 19-12-24 Das 19. Türchen: Seid’s ihr deppert?). Demokratie als Partizipations-Placebo, halt.

Daß es für eine Regierung durchaus mehr zu tun geben könnte als nur die Opposition zu bekämpfen, sollte eigentlich einleuchten. Aber wie ist es bestellt um den – wie Bolle das nennt – kontemporär-kapitulativen Zustand der clique politique? Vielleicht in etwa so:

PLZ ohne diagnostische Kraft und ohne Ziel und ohne Plan.

Um planen zu können, braucht man so etwas wie prognostische Kraft – also ein Gespür dafür, was passieren wird, wenn ich dies oder jenes tue. Davon ist nicht viel zu spüren. Und bevor man sich daran macht, die Welt zum Besseren zu wenden, sollte man zu allererst wissen, wo man eigentlich steht. Bolle nennt das neuerdings diagnostische Kraft. Auch davon ist nicht viel zu spüren: Wenn also, nur pars pro toto, dem staunenden Wahlvolke verkündet wird, daß niemand in die Sozialsysteme einwandere, oder daß das Migrationsproblem im Wahlkampf keine Rolle mehr spiele, oder daß die AfD mit der CDU so rein gar nichts gemein habe, oder, oder, oder – dann muß man sich wirklich fragen: In welcher Welt leben die? Oder, konstruktiv gewendet: Wie wollen solche Leute irgendwelche sinnvollen Schritte unternehmen, wenn sie nicht mal wissen (oder gar nicht wissen wollen), wo sie stehen? Drittens schließlich – auch das kann schwerlich schaden – braucht es ein Ziel. Man muß wissen, wo man hinwill. Sonst ergeht es einem  leicht wie Alice in Wonderland (vgl. dazu Fr 04-12-20 Das vierte Türchen …):

– Könntest Du mir bitte sagen,
wie ich von hier aus am besten weiterkomme?
– Das hängt schwer davon ab, wo Du hinwillst …

Nun – mit allen dreien dieser Punkte ist es weiß Gott nicht zum Besten bestellt. Schaut Euch um auf dieser Welt. Aus einer gründlichst dissoziierten Perspektive – Bolle liebt ja derlei – könnte man, lyrisch werdend, durchaus sagen:

Da gibt es schleimige Gesellen
Gar mannigfaltiger Natur,
Die Recht und Geist vom Fuße auf die Köpfe stellen.
Wo aber bleibt dabei das Volk? Ja, wo zum Teufel bleibt es nur?

Tja – und dann wundert man sich, daß weite Teile des Volkes das zunehmend nicht mehr zu goutieren wissen und – völlig systemfremd, jedenfalls in  d i e s e m  System – nach ernsthaften Alternativen suchen. Wie heute in Sachsen-Anhalt und demnächst, wie’s scheint, auch anderswo. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-08-26 META – make everybody think again

So geht’s auch. Womöglich sogar besser …

Bolle hegt ja seit langem schon die Befürchtung, daß die eigentliche, die elementare Spaltung, die sich durchs Land zieht, jene ist zwischen den mächtig Dummen und den (nur) mäßig Dummen (vgl. dazu etwa So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem). Dort hieß es: Ein klitzekleines bißchen dumm sind wir ja wohl alle. Allein man sollte auch hier nichts übertreiben. Bolle meint, das kann so stehenbleiben.

Neulich hat es Bolle einen Beitrag der ›Agenda Austria‹ in die Timeline gespült (siehe unser Bildchen). Rein zufällig – wie das Leben halt so spielt. Agenda Austria versteht sich als Denkfabrik und existiert als solche seit immerhin 13 Jahren schon. Manchmal fragt sich Bolle durchaus, ob er noch auf der Höhe der Zeit ist. Wie meinte doch sein lieber guter alter Deutschlehrer seinerzeit schon in der Oberstufe? „Sie müssen Ihr Ohr immer am Puls der Zeit haben.“ Allein, was will man machen? Zu̅ groß die Welt – zu̅ kleen det Hirn.

Deren Leitspruch jedenfalls lautet: ›Make Austria think again‹. Bolle war entzückt. Dabei ist das alles so einfach. Man ersetze lediglich ›America durch ›Austria‹ und ›great‹ durch ›think‹. Ein minimalinvasiver Eingriff, also. Und schon entsteht Verblüffendes. Apropos Timeline: Agenda Austria hat sich 2013 gegründet – ›Make America great again‹ wurde allerdings erst 2015 als Donald Trumps zentrales Wahlkampfmotto allgemein bekannt. Die Auflösung: der Spruch ist sehr viel älter. Ronald Reagan hatte ihn 1980 schon in seinem Wahlkampf verwendet – wenn auch nicht in ganz so knackiger Form. Wie man sieht, kommt alles wieder. Nichts geht verloren – nicht in diesem Universum. Da ist sich Bolle mit den meisten Physikern völlig eins.

Bolle jedenfalls war so entzückt, daß er meinte, wir müßten das auf jeden Fall – bevor es im Mahlstrom der Zeiten untergehen kann – unter Hintanstellung anderer Themen aufgreifen für unser heutiges Sonntagsfrühstückchen. Und wir können ihm immer nur ganz schlecht was abschlagen. Vor allem dann nicht, wenn er Recht hat – was interessanterweise irritierend oft der Fall ist.

Auch ist der Rahmen denkbar schlicht gehalten: Ein Tisch, zwei Stühle – fertig. Kein Vergleich zu den üblichen gebührenfinanziert aufgedonnerten Öffi-Studios, in denen Glas und Plaste den Ton angeben, und oft eine Unzahl an Moderatoren (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu kaschieren versucht, was ist: Innerlich und äußerlich hohl – wie das in Bolles Kreisen zwar hart, aber durchaus herzlich gemeint zuweilen auch heißt. Dabei ist man sich natürlich der Tatsache wohl bewußt, daß eine Wendung wie ›äußerlich hohl‹ logisch ein wenig grenzwertig ist. Allein so geht nun mal subtiler Spott.

Wir haben den Beitrag – ein Gespräch mit Harald Martenstein – in den Anhang gepackt. Er dauert ein knappes dreiviertel Stündchen. Allein Bolle meint, es gebe unangenehmere Weisen, ein dreiviertel Stündchen zu verbringen. Denken wir nur an einen Zahnarzttermin oder ein Gespräch mit einem Versicherungsvertreter. Et voilà – nur zu! Und viel Vergnügen damit.

Zusammenfassend kann man wohl sagen, daß es in der Tat Formate zu geben scheint für die – bar jeder Despektierlichkeit – mächtig Dummen einerseits und die (nur) mäßig Dummen andererseits. Letzteres verdient natürlich verbreitet zu werden, of course. Wie heißt es doch in Bolles Kreisen? Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-08-26 Geschmack am Grusel: von Fake News und Ache News

Schlagende Argumente …

›Fake News‹ kennt jeder. Spätestens seit Donald Trumps Kampf um die Präsidentschaft (2016) ist das so. Allerspätestens aber seit seinem der CNN entgegengeschleuderten Statement ›You are fake news‹ (2017) ist der Begriff (nebst all seiner Derivate) fester Bestandteil der deutschen Sprache.

Was aber sind ›Ache News‹? Ache News – abgeleitet von angelsächsisch ›ache‹, was soviel wie ›Schmerz‹ bedeutet und sich aufs Feinste auf ›fake‹ reimt –, sind Nachrichten, die beim Rezipienten, wenn schon nicht direkte Schmerzen, so aber doch zumindest einen gewissen Grusel auslösen sollen. Und Grusel lieben die Leute nun mal. Vermutlich hat das was mit Aufmerksamkeitsökonomie zu tun: ›Sex sells‹ – das kennen wir seit jeher. Aber offenbar scheint auch zu gelten: ›Ache sells‹.

Der Unterschied zwischen Grusel und echter Gefahr: Bei echter Gefahr kann es einem schnell ans Leder gehen. Und wer will das schon? Beim Grusel dagegen bleibt man kuschelig dissoziiert. Man weiß, man ist nicht unmittelbar betroffen. Darum ja auch die vielen Krimis in den Öffis. Von den Splatter-Filmen, wo das Blut nur so spritzt, mal ganz zu schweigen. Niemand möchte das hautnah erleben. Aber kieken – ganz auf Entfernung – kann man ja mal. Grusel, eben. Aus dem wirklichen Leben kennen wir das Phänomen der Schaulustigen, der Gaffer gar, die von jedem Unglück angezogen werden die Fliegen von der sprichwörtlichen Scheiße.

Da wird aus einem, historisch gesehen, höchst harmlosen leichten Temperaturanstieg medial vermittelt eine dramatische „Erderhitzung“, da „entzünden“ sich die Wälder bei schlappen 40° C. Bolle fragt sich, wie es nur sein kann, daß es sein Kochlöffel seit geschätzten 100 Jahren aushält, ständig durch knapp 100° C warme Speisen gerührt zu werden, ohne je in Flammen aufzugehen? Aber bleiben wir sachlich.

Eine interessante Erklärung für die verbreitete Grusel-Affinität findet sich bei ›Matrix‹ (USA 1999 / Regie: Wachowski Brothers). Dort heißt es in einem Monolog des Agenten Smith:

Wußten Sie, daß die erste Matrix als perfektes Paradies geplant war? Ein Ort, an dem alle glücklich waren und niemand leiden mußte. Es war ein Desaster. Niemand akzeptierte das Programm. Ganze Ernten gingen uns verloren. Mittlerweile glaube ich, daß die Menschen ihre Realität durch Kummer und Leid definieren.

Kummer und Leid. Sagen wir so: Lieber Grusel als gar nichts spüren. Erinnert das alles nicht doch sehr an eine mappa mundi friata? (vgl. dazu So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt). Bolle meint: Womöglich doch ein Fehler in der Matrix – ein Fehler der tieferen Art?

Natürlich würde niemand sagen, daß er Leid und Elend braucht zum Leben. Im Gegenteil: Man strebt nach Glück – und hat sogar ein Recht darauf. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) finden wir das sogar schriftlich: ›Life, Liberty and the pursuit of Happiness‹. Allein – was redet Salomo? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-06-26 Der fliegende Konstruktivist

Der fliegende Konstruktivist: El Lissitzky 1923 (Symbolbild, of course).

Bekanntlich ist Bolle von vielen Formen konstruktivistischen Überschwanges ja nicht allzu überzeugt. Der Grund ist durchaus elementar: Bolle ist das einfach zu dumm. Umschreibt man nämlich ›Dummheit‹ mit dem ›kognitiven Unvermögen, Gegebenheiten beziehungsweise Zusammenhänge erkennen zu können‹, dann neigen Konstruktivisten dazu, hier noch eine Schippe draufzulegen: Es sei gar nicht nötig, Gegebenheiten oder Zusammenhänge erkennen zu können, da man selbige ja nach Belieben konstruieren könne. Natürlich sagt das keiner so. Das wäre, im besten Buddenbrook’schen Sinne, einfach nur albern. Allein, im Ergebnis läuft es nachgeradezu darauf hinaus.

Es gibt da einen alten Witz – und der geht so: Ein Konstruktivist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) fliegt aus dem 42. Stock eines Hochhauses. Warum ausgerechnet aus dem 42.? Nun, weil die Antwort ist nun mal 42 – und im übrigen geht der Witz halt so. Was denkt der Konstruktivist? Wenigstens 41½ Stockwerke lang ist er guter Dinge. Schließlich sei ja alle Realität sozial konstruiert – und bislang sei ja auch noch nichts Schlimmes passiert. Dann aber – Bruchteile von Sekunden später – ist er plötzlich platt. Ende Gelände. Ende vom Witz. Ende eines Konstruktivisten-Daseins.

Was will der Witz uns sagen? Nun, Witze soll man nicht erklären wollen. Fassen wir den Witz aber nicht als solchen, sondern eher als Analogie auf, dann bleibt zumindest festzuhalten: Es scheint Leute zu geben, denen die gute alte Realität offenbar zu gewöhnlich ist – zu altbacken oder zu hinderlich gar –, und die dazu zu neigen scheinen, sie im Überschwange ihrer stupenden Selbstherrlichkeit durch etwas flotteres, etwas „zeitgemäßeres“ zu ersetzen. Daß da was nicht stimmen kann – in Bolles Kreisen nennt man das auch ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – merkt manch strammer Konstruktivist erst mit dem Aufschlag, also wenn er nichts mehr merken kann. Also nie. Isch over! – wie Wolfgang Schäuble das angelsächsische ›Game over‹ 2015 mal so trefflich badenisiert hatte.

Nun mag das jeder halten, wie er mag. Des Menschen Weltbild ist schließlich sein Himmelreich. Allerdings gibt es neben dem, sagen wir, mehr oder weniger privaten Konstruktivismus noch so eine Art öffentliche, und dabei durchaus aggressive Spielart: In Bolles Kreisen nennt man das auch Konzertierter Konstruktivismus. Man könnte auch sagen: Konstruktivismus für andere – eine Darbietungsform, die natürlich ebenso unfruchtbar ist wie die herkömmliche und weitverbreitete ›Wahrheit für andere‹.

Dabei ist den Clique-politique-Paragonisten des konzertierten Konstruktivismus natürlich irgendwo und irgendwie schon klar, daß das alles so nicht stimmen kann, was da von ihnen den ganzen lieben langen Tag propagiert beziehungsweise gar halluziniert wird. Zumindest ist es  n o c h  nicht so – noch lange nicht. Allein: wozu hat man denn die feste Überzeugung, daß es ja wohl möglich sein müsse, die Wirklichkeit in die gewünschten Bahnen zu bringen und zu zwingen, wenn man nur ganz dolle daran glaubt und hartnäckig genug dranbleibt?

Abbruchbedingung? Fehlanzeige. Einmal in Fahrt, läuft das immer weiter – bis zum Aufschlag. Die Geschichte wird’s dann richten. Anschließend, post festum, nach der Party, die üblichen langen Gesichter. Aber vielleicht nicht mal das. „Das haben wir nicht wissen können.“ – wie es seit Corönchen so herrlich treudoof heißt. Bolle meint nur: Hättet ihr wohl! Etwas weniger konstruktivistischer Überschwang, etwas weniger Selbstverliebtheit – und dafür etwas mehr Realitätssinn und antikonstruktivistische Kontemplation hätten da Wunder gewirkt.

Ein einziges Beispiel mag für heute genügen: Wie man hört, können hierzulande mittlerweile um die 40 Prozent der 15-Jährigen kaum noch lesen, schreiben, rechnen. Und das in einem Land, das wenig in die Waagschale zu werfen hat außer seinem Humankapital. Na toll. Ob das stimmt, weiß Bolle natürlich nicht zu sagen. Aber wenn es stimmt – oder auch nur ungefähr: Wie lange, bitteschön, soll das denn dauern, bis sich das wieder ausgewachsen hat? Eine Generation? Eher zwei? Oder drei? Oder bis zum Aufschlag, eben?

Im Grunde erinnert das doch sehr an unseren Witz: Solange man noch fliegt als Konstruktivist, läßt sich jederzeit unwiderlegbar behaupten: Wieso? Ist doch noch nichts Schlimmes passiert, bislang.

Wir binden ja nur höchst selten ganze Videos ein. Das letzte mal wohl mit einem unter dem Weihnachtsbaum singenden und jubilierenden Gerald Groß (vgl. So 12-01-25 Tu felix Austria). Aber hier paßt es einfach zu̅ herrlich. Julian Reichelt, der Chefredaktor des Journalismus-3.0-Magazins ›Nius‹, hält (ab 5´55´´, und mit nur einer kurzen Eigenwerbung-Einlage) eine ›Hat nicht gestimmt‹-Philippika und bringt dabei in aller Kürze auf den Punkt, wie sehr sich doch die Konstruktivisten dieses Landes in ihr nur allzu alternatives Weltbild reingesteigert haben. Ein wenig erinnert das Bolle an Emil Zolas ›J’accuse…!‹ von 1898. Auch damals ging es um die Frage nach einer grundsätzlichen Ausrichtung der Republik – seinerzeit natürlich der französischen, of course. Allein das tut hier wenig zur Sache. Die Frage jedenfalls ist stets die gleiche: Konstruktivistischer Hype bis zum Aufschlag – oder besser mehr besonnene Bodenhaftung?

Das Video jedenfalls stellt in feinster Verdichtung zusammen, wie weit und wie gründlich sich namentlich in den letzten zehn, zwölf Jahren konzertierter Konstruktivismus und vorgeblich rückständige Realität auseinandergelebt haben. Wobei – da beißt die Maus kein‘ Faden ab – es immer die Realität ist, die in the long run Recht behalten wird. Wer also ein knappes Viertelstündchen – mehr Zeit braucht es nicht – erübrigen kann und mag, möge sich das als kleines Addendum zu unserem heutigen Sonntagsfrühstückchen gerne zu Gemüte führen.

Doch ist das alles denn auch wahr? Bolle findet, schon – na klar! Jedenfalls sind ihm keinerlei Kontrafaktizitäten aufgefallen. Aber ist es nicht zumindest furchtbar „rechts“ – wie viele ja zu meinen scheinen? Bolle ungerührt: definiere ›rechts‹. Falls Realität „rechts“ ist, dann natürlich Ja, of course (vgl. dazu etwa So 29-06-25 Rechtes Rechnen). Ansonsten: Falsche Frage. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Hat nicht gestimmt … (https://www.youtube.com/watch?v=Mq50L9rHIRI&list=WL&index=9&t=9s)

So 15-03-26 Lupenreine Demokraten

Die lupenreinen Demokraten …

Ach, wie oft hört man von guten
Demokraten lautstark tuten!
Wie zum Beispiel auch von diesen,
Die brave Bürgersleut‘ verdrießen;
Die, anstatt durch weise Lehren
Sich zum Rechten zu bekehren,
Oftmals noch darüber lachen
Und sich heimlich lustig machen.

So in etwa vielleicht könnte man Wilhelm Buschs Vorwort zu seiner ›Bubengeschichte in sieben Streichen‹ (1865) kontemporär adaptieren.

Natürlich machen sich manche Leute aus der clique politique nicht nur „heimlich“ lustig. Im Gegenteil: Statt „durch weise Lehren sich zum Rechten zu bekehren“ verfolgen sie mit bemerkenswerter Aggressivität alles und jeden, der  d e r e n  guten Sache nicht zu folgen gewillt ist – und sei es auch nur aus Versehen. Denken wir neben den vielen Namenlosen hier nur an durch und durch harmlose Zeitgenossen wie etwa Norbert Bolz, Jan Fleischhauer oder Rainer Zitelmann. Voll der starke Staat, das – auf Biegen und Brechen. Aus anderer Perspektive könnte man mit Mark Twain möglicherweise meinen: Nachdem sie die Orientierung verloren hatten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen. So ganz im Sinne des Erfinders – siehe unser Schildchen oben – scheint das alles  n i c h t  zu sein.

Da fragen wir uns doch: Flüchten die Leute samt politischer Anschauung in Scharen vom Teppich? Oder hat da jemand mit gehörigem Schwunge den Teppich zurechtgerückt? Wir hatten das vor geraumer Zeit schon einmal angesprochen (vgl. dazu Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein).

Voll auffem Teppich – mit Meilenstein.

Kurzum: Wir brauchen – um im Bild zu bleiben – einen Meilenstein. Dabei zeigt sich, wenn wir  i n t e r t e m p o r a l  vergleichen – und ohne daß man sich sonderlich Mühe geben müßte –, daß so ziemlich alles, was heute locker als No-Go durchgeht und dringend verfolgt werden muß, vor nicht allzu langer Zeit noch völlig „normal“ war. Auch im  i n t e r n a t i o n a l e n  Vergleich ergibt sich nichts anderes. So weit Bolle sehen kann, gibt es in ganz Europa – wenn nicht gar auf der ganzen Welt – kein Land, in dem sich nicht auch Leute rechts der Mitte finden ließen. Außer in Nordkorea, vielleicht. Aber wie heißt es doch so schön im ›Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland‹ – einem Bändchen, das seinerzeit (1943) vom Foreign Office herausgegeben und an alle Krieger zur Vorbereitung ihrer Resozialisierungsbemühungen verteilt wurde?

„Diese Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte zeugt nicht von einer ausgeglichenen Gemütsverfassung. Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff. Sie neigen zur Hysterie.“

Die Deutschen mögen ja hysterisch sein. Gleichwohl sind sie bisweilen aber auch äußerst raffiniert – zumindest aber so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in der clique politique. Statt Anschauung Anschauung sein zu lassen – wie es die Verfassung will –, treibt man in geradezu schamloser Weise – und dabei krass contra legem (siehe unser Schildchen oben) einen Keil ins Volk und erklärt alles, was – wie soll man sagen? – nicht links vom Lars ist, unter Ausnutzung eben dieser Hysterie zu Verfassungsfeinden.

Auch scheint dabei kein Keil zu grob. Da steckt eine abgewählte Innenministerin ihrem Amtsnachfolger buchstäblich auf den letzten Drücker, die Türklinke schon in der Hand, ein noch flugs in Auftrag gegebenes 1.100-Seiten-Dossier des Bundesamtes für Volkserziehung zu – aus dem schwarz auf weiß hervorgehen soll, wie böse, oh so böse so manche politischen Anschauungen doch seien. Mehr noch: Sie steckt es ihm nicht nur zu – sie macht auch noch ein richtiges Medien-Event daraus. In Bolles Kreisen nennt man das zuweilen ›Brute Force‹: 1.100 Seiten? Da  m u ß  doch was dran sein! Bolle ahnte damals schon: Muß es nicht! Und? Was steht drin? Ganz geheim, of course – wie es zunächst hieß. Ist ja schließlich ein  G e h e i m dienst. Das muß doch unmittelbar einleuchten – zumindest dem naiveren Teil des Volkes.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift es untertänigst auf – und baut es genüßlich in sein übliches Bösen-Bashing ein. Es war – nota bene und einmal mehr – der Journalismus 3.0, der dieses – wie soll man sagen? – Elaborat verdienstvollerweise umgehend veröffentlicht hatte. Und? Was steht nun drin? Heiße Luft – sonst nüscht.

Auch hat es ewig lang gedauert, bis zumindest den aufgeschlosseneren Zeitgenossen allmählich dämmerte, daß das Bundesamt für Volkserziehung eine  w e i s u n g s g e b u n d e n e  Behörde ist. Die schreiben – vor allem, wenn es sich um Auftragsarbeiten handelt – nolens volens genau das, was der jeweilige Dienstherr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nun mal gerne lesen möchte. Dabei ist der Dienstherr der Innenminister beziehungsweise, allgemeiner, die Regierung – und damit im Zweifel der politische Gegner. Natürlich ist auch das nicht ganz im Sinne des Erfinders. Allein so kann‘s gehen: Wenn wo̅kes Weltverbesserungsbegehr die Oberhand gewinnt, dann geht’s dem Recht im Zweifel schlecht.

Dann aber kam das Verwaltungsgericht Köln und hat – für manche überraschend – genau das entschieden, was beim gegebenen Sachverhalt zu entscheiden geboten war. Tenor: Leute – das ist Murks! (Natürlich hat sich das Gericht gewählter ausgedrückt. Allein als Tenor mag es hier angehen). Ein sauberes Stück solider Jurisprudenz (von iuris prudentia ›besonnene Rechtsanwendung‹). Keine Spur von Hysterie. Keine Spur von übertriebener Willfährigkeit. Daß es sowas auch noch gibt, scheint Bolle ebenso erfreulich wie erstaunlich.

Harald Martenstein übrigens hat die Lage in seinem Statement zum im Hamburger Thalia-Theater inszenierten ›Prozeß gegen Deutschland‹ (Regie: Milo Rau) letzten Monat erst auf seine ganz eigene Weise in wenigen Sätzen trefflich auf den Punkt gebracht:

Die AfD-Wähler, jedenfalls die meisten, wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas ähnliches wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu halten. Man müßte dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten Atemzug leugnen würden. Passen Sie die Migration an die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes an. Sorgen Sie für ein Sicherheitsniveau, wie wir es 2010 hatten. Sorgen Sie dafür, daß unsere Schulen funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muß es nicht sein. Ist das für Sie Faschismus?

Ist das Faschismus? Natürlich, of course. Wenn etwas funktioniert, dann  k a n n  es – so will’s die Hülsenfrüchtchen-Logik wohl – natürlich nur „rechts“ sein (vgl. dazu etwa So 11-01-26 Toleranz und Militanz). Ja, was denn sonst?

Übrigens läßt sich Bolle zur Zeit zum Einschlafen gern aus Ian Kershaws ›Höllensturz: Europa 1914 bis 1949‹ (2016) vorlesen. Dabei läßt sich kaum überhören, daß „die Rechten“ und „die Linken“ im Grunde stets desselben Geistes Kinder waren. Birds of a feather, sozusagen. Die mäßigenden Kräfte waren immer – das ganze halbe Jahrhundert hindurch, und wohl auch heutzutage noch – die Bürgerlichen beziehungsweise die Königstreuen, je nachdem. Aber wo sind sie denn, die braven Bürgersleut‘ (wie es oben in der Wilhelm-Busch-Adaption heißt)? Seitdem alle allesamt am liebsten links vom Lars sein sollen, kann man die mit der Lupe suchen. Bleibt dann doch nur AfD – und sei es allein aus Gründen der politischen Hygiene? Cordon sanitaire, à l’envers? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-03-26 No taxation without representation

The Boston Tea Party (Nathayel Corrier / Sarony & Major 1846).

Was da passiert ist in den letzten Jahren, das hätte nie passieren dürfen. So in etwa würde man Chruschtschows Statement gegenüber seinem Genossen und großem Vorsitzenden Stalin (vgl. dazu So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus) auf hier und heute übertragen können.

Was aber ist passiert? Nun, der altehrwürdige und einer Demokratie allein würdige Journalismus 1.0 hat sich schleichend, aber sicher – nachgeradezu „nachhaltig“ (um es mal in Hülsenfrüchtchen-Sprech zu sagen) – in einen, wie Bolle das nennt, Journalismus 2.0 verzwergt.

Lang, lang ist’s her, da hatte sich Hugh Greene, seinerzeit BBC-Journalist und später dann Chef von‘t Janze, veranlaßt gesehen, sich wie folgt zu äußern:

Nennen Sie mir ein Land
wo Journalisten und Politiker sich vertragen,
und ich sage Ihnen:
Das ist keine Demokratie.

Das war 1948. Nun ist Hugh Greene nicht irgendwer. Seinerzeit war er damit beauftragt, in den nördlicheren Gefilden von Nachkriegsdeutschland einen Rundfunk aufzubauen, der sein Salz auch wert ist – also das direkte Gegenteil von Hofberichterstattung. Dabei gilt er manchen nachgeradezu als „Vater“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – diesmal ausnahmsweise nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course.

Aber bleiben wir sachlich. Man könnte, um es auf den Punkt zu bringen, die Journalismen 1.0 und 2.0 anhand ihrer ganz grundsätzlichen Motivation auseinanderhalten:

Journalismus 1.0: Schreiben, was  i s t .
Journalismus 2.0: Schreiben, was  s o l l .

Ersteres entspricht natürlich Rudolf Augsteins Diktum, of course. Letzteres läuft darauf hinaus, was der jeweilige Journalist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) für wünschenswert hält. Im Lichte der Drei Töchter der Philosophie haben wir es hier also mit einem Unterschied zu tun, der wirklich einen Unterschied macht – dem Unterschied nämlich zwischen Schwester Logik und Schwester Ethik.

Die drei Töchter der Philosophie.

N o c h  größer könnte eine Kluft kaum sein. Da liegen wirklich Welten zwischen. Und wenn dann noch ein ebenso penetranter wie – wie soll man sagen? – dümmlicher Kuschelkurs mit den jeweils Mächtigen hinzukommt, ist das Faß vollends am Überlaufen.

Nun – der Journalismus 2.0 hat hierzulande mächtig überhand genommen in den letzten Jahren. Bolles ehrlichste Umschreibung für Public Relations beziehungsweise „Öffentlichkeitsarbeit“ ist ja schlicht und ergreifend ›Meinungsmache‹. Das hören die PR-Leute natürlich nicht gerne, of course. Gleichwohl scheint es Bolle so zu sein. Wenn sich aber die Journalisten 2.0 auch nur noch als Meinungsmacher verstehen statt als Tatsachenberichterstatter, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn zumindest der aufgewecktere Teil des Volkes ihnen kein Wort mehr glauben mag. Da nützt es auch nichts, großspurig von „Haltungsjournalismus“ zu fabulieren. Nein, das ist schlicht und ergreifend Gesinnungsjournalismus – und damit  g a r   k e i n  Journalismus, zumindest nicht im Sinne des Wortes. So etwas geht natürlich nie gut – jedenfalls nicht auf Dauer. Und so hatten wir letzte Woche, eher beiläufig, den Journalismus 3.0 erwähnt. Dessen Motivation:

Journalismus 3.0: Endlich wieder sagen, was ist – auch und gerade dann, wenn es so mancher nur höchst ungern hören mag.

Hierbei handelt es sich ganz offensichtlich um das Bestreben, sich der Hugh-Greene-Doktrin allmählich wieder anzunähern. Bolle jedenfalls fühlt sich nach zehn Minuten Journalismus 3.0 – inklusive einiger N:N-Medien wie etwa TwitteX, of course – sehr viel ehrlicher und gründlicher informiert als nach, sagen wir, zehn Stunden Journalismus 2.0. Informiert – nicht indoktriniert!

Aber ist das auch alles wahr, was man da zu hören kriegt? Hier sind wir unversehens beim Menschenbild: Bolle ist es weder Ziel noch Anspruch, die Wahrheit mundgerecht serviert zu bekommen. Was Bolle für wahr hält, möchte er bitteschön selber entscheiden – und zwar auf Grundlage aller auf die Schnelle verfügbaren Informationen. Vorgekaut ist was für Kühe – und als solche sieht Bolle sich nicht an. Wie heißt es doch so schön: Nur selber denken macht schlau. Oder, wie Kant es gesagt hätte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn.

Unser Bildchen übrigens zeigt die sogenannte Boston Tea Party – ein seinerzeit medial äußerst geschickt in Szene gesetztes Aufbegehren gegen das, was man im fernen London für gut und richtig hielt. Die Siedler in der Neuen Welt wollten von ihren zurückgebliebenen Landsleuten nämlich nicht länger ans Händchen genommen werden. Vor allem wollten sie dafür nicht auch noch bezahlen müssen. Bolle meint: die Parallele zum heutigen Rundfunkbeitrag ist nachgeradezu frappant.

Übrigens sind es ausschließlich Indianer, die die Teekisten sabotagemäßig über Bord werfen. Natürlich hatten die Indianer, egal welche, mit den Händeln zwischen Siedlern und Kolonialmacht rein gar nichts zu tun. Tatsächlich handelte es sich dabei um brave Bostoner Bürger in Camouflage, weil man offenbar damals schon aus sehr, sehr guten Gründen nicht viel von einer Klarnamenspflicht hielt. Von wegen „Augenhöhe“. England war groß und seine Justiz mächtig. Die Siedler waren nolens volens eher Untertanen. Wie sich doch die Bilder gleichen! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-02-26 Freie Rede oder Beiß weg, den Scheiß!

Auf den Punkt.

Wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) erst mal an der Macht ist, möchte er da gerne bleiben. Am liebsten natürlich für immer, of course. Versteht man ja. Wo sonst, wenn nicht an der Macht, könnte man sich so persistent in der erhebenden Gewißheit sielen, so viel gleicher zu sein als gleich? (Bolle featuring Orwell 1945: Farm der Tiere).

Allein – ein bißchen was muß man schon tun, an der Macht. Sonst fliegt die Chose auf. Nicht unbedingt sofort – aber irgendwann dann schon. Ein Machthaber – nennen wir ihn so, obwohl es sich dabei eigentlich um ein Oxymoron handelt – hat demnach regelmäßig genau eine Aufgabe und zwei Ziele. Die Aufgabe und das erste Ziel besteht darin, Probleme zu lösen oder – falls das nicht möglich sein sollte – die Probleme zumindest loszuwerden. Das zweite, unausgesprochene Ziel – so ist das bei Machthabern nun mal – besteht darin, möglichst lange an der Macht zu bleiben. Mit der designierten Aufgabe hat das natürlich wenig bis gar nichts zu tun.

Was aber, wenn einer auf Stelzen für die Sache dennoch zu kurz ist (Eiselein 1840)? In früheren, namentlich monarchistischen Zeiten blieb dem Volk nichts weiter über als Hoffen und Harren. Was sonst soll man machen? Der nächste König kommt bestimmt. Es lebe der König! Vielleicht wird dann ja alles besser. Heute dagegen, in postaufklärerischen Zeiten, könnte man zu kurz geratene Machthaber einfach abwählen. Könnte man.

Damit das nicht passiert – und das soll es ja nicht: schließlich wäre es ein krasser Verstoß gegen Ziel Numero Zwo –, haben sich bei den Machthabern dieser Welt im wesentlichen zwei Vorgehensweisen herausgemendelt.

Die erste Strategie: Statt Probleme zu lösen, werden sie einfach ignoriert – um nicht zu sagen: weggelächelt. Probleme? Was denn für Probleme? Garniert wird das ganze meist mit einem leutseligen Appell ans Volk, man möge dem Machthaber doch bitteschön Vertrauen schenken. Alles werde gut! Damit kommt man erfahrungsgemäß schon ziemlich weit – zumindest beim naiveren Teil des Wahlvolkes. Natürlich ist es an dieser Stelle wichtig, daß man genug Claqueure in den Redaktionsstuben sitzen hat. Das aber ist – den entsprechenden Zeitgeist vorausgesetzt – ein vergleichsweise geringes Problem.

Was aber, wenn Weglächeln auf Dauer nichts nützt? Wenn sich also immer unverhohlener zeigt, daß man der Sache einfach nicht gewachsen ist? Nun – dann greift Strategie Numero Zwo: Kill the messenger! Werden wir brutal! – wie es in ›Streit um Asterix 1970 schon heißt. Oder, mit Bolles derbem Binnenreim: Beiß weg den Scheiß! Natürlich sagt das so keiner. Man sagt es in bester EvE-Manier (Edel versus Eigentlich – also die eigentlichen Motive in höchst edle Verpackung gehüllt). Natürlich möchte man niemanden wegbeißen. Man möchte lediglich helfen, retten, schützen – aktuell zum Beispiel die Jugend. Auch hier könnt‘ Bolle kotzen, of course.

Wir hatten vor Jahren schon mal darauf hingewiesen, daß es sich bei „unserer“ Demokratie um eine Staatsorganisationsform mit institutionalisiertem Partizipations-Placebo handeln könnte (vgl. dazu Mi 14-12-22 Das vierzehnte Türchen … ). Auch hatten wir seinerzeit Henry Fords Bonmot erwähnt – und zwar gleich im Schildchen:

Ein Geheimnis des Erfolges ist es,
den Standpunkt des anderen
verstehen zu können.

Was aber, wenn der Standpunkt nur stört? Wenn der Standpunkt des anderen Ziel Numero Zwo ernstlich in Bedrängnis bringt? Dann ist Bolles derber Binnenreim wohl das Beste, was man tun kann: Beiß weg den Scheiß!

An dieser Stelle ist der Journalismus 3.0 – also das, was man nur auf YouTube und ähnlichen Kanälen von noch nicht eingebetteten Journalisten zu sehen und zu hören bekommt, selten aber in den Öffis – natürlich höchst hinderlich. Folglich sollte er tunlichst und nach Kräften unterbunden werden. Und so ist es nur natürlich, daß zur Zeit mit Fleiß eben genau daran gearbeitet wird.

Die Sache ist doch folgende: Wollen wir auf den Wettbewerb der Ideen vertrauen, wie das in den attischen Ekklesien – also den Vollversammlungen all jener, die die Sache was anging – vor 2.500 Jahren schon bewährte Praxis war? Oder wollen wir eine von den Machthabern einmal erkannte Wahrheit einkästeln, konservieren und gegen Anfechtungen aller Art nach Kräften immunisieren? So formuliert, beantwortet sich die Frage von selbst. Ein Wermutstropfen aber bleibt – zumindest aus der Sicht der Mächtigen. George Orwell hat es seinerzeit zeitlos knapp formuliert (siehe unser Schildchen oben):

Freie Rede heißt,
daß ich was sagen darf,
was Du nicht hören willst.

Könnte ja sein, daß ich Recht habe damit. Könnte aber auch sein, daß ich mich irre. Allein das mendelt sich absehbar raus. Bei freier Rede ist das so. Dem Wohl des Staates dient es allemal. Aber sagt das mal den Mächtigen mit ihren Pattex-Ärschen – wie man Ziel Numero Zwo etwas derbe, aber bitteschön, auch umschreiben könnte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus

Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit … (Symbolbild, of course / Penguin 2017).

„Lieber Genosse Stalin“, hob Chruschtschow an. „Ich würde vorschlagen, daß das, was dort passiert ist, einfach nicht passiert ist. Ich würde vorschlagen, daß Wladiwostok sofort von der Umwelt abgeschlossen wird, daß wir die Stadt geduldig wiederaufbauen und sie zur Basis für unsere Pazifikflotte machen, genau wie Genosse Stalin es geplant hat. Doch das Wichtigste ist: Was dort passiert ist, ist nicht passiert. Alles andere würde eine Schwäche verraten, die zu verraten wir uns nicht leisten können.“

So liest es sich in Jonas Jonassons ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ (2009). Die Szene muß sich am 4. März 1953 abgespielt haben – dem Vorabend von Stalins Tod. Allan Karlsson, der Held der Handlung, hatte – obwohl an sich äußerst genügsam – nach gut fünf Jahren sibirischen Lagerlebens das Schnäuzchen gestrichen voll, weil man, wie er meinte, da ja nicht mal irgendwo einen Schnaps bekäme. Und ein Schlückchen Schnaps  gelegentlich – sei es Brännvin, sei es Wodka – wollte ihm durchaus nicht übertrieben dünken. So beschloß er, etwas zu unternehmen. Sein Plan sah vor – Allan war autodidaktischer Meister im Umgang mit Sprengstoffen aller Art bis hin zur Atombombe –, das Lagerleben ein wenig aufzumischen und das sich dabei hoffentlich ergebende Tohuwabohu zur Flucht zu nutzen. Zwar war der Plan nicht wirklich ausgereift – hatte aber, aufgrund einer Verkettung äußerst glücklicher Umstände, trotzdem prächtig funktioniert. Und so kam es, daß nicht nur der gesamte Gulag in Flammen aufging, sondern ganz Wladiwostok (wörtlich: ›beherrsche den Osten‹) gleich mit. — Das war aus Sicht der sowjetischen Führung natürlich sehr, sehr unschön. Allein, Genosse Chruschtschow wußte Rat. Und so kam es zu der oben geschilderten Szene.

Überhaupt kann Bolle sich des Eindruckes nicht erwehren, daß es den Herrschenden dieser Welt ein probates Mittel zu sein scheint, Unliebsames schlicht und ergreifend wegzulügen. In Diplomatenkreisen hat sich dafür übrigens ganz offiziell der Begriff ›dementieren‹ eingespielt – was (von franz. mentir ›lügen‹) wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutet.

Dabei macht Dementieren aber vor allem dann und eigentlich nur dann Sinn, wenn man mit Fug und Recht erwarten kann, daß einem so schnell keiner auf die Schliche kommt – oder jedenfalls erst dann, wenn die Karawane längst weitergezogen ist. Kurzum: Chruschtschow und die Seinen konnten sich das leisten. Vielleicht war es sogar die klügste Option.

Sich aber – wie dieser Tage erst geschehen – in eine prominente Schnatterrunde (vulgo: Talkshow) zu setzen, dort von „Kontrolle“ (sprich: Zensur) beziehungsweise gar von einem Verbot unliebsamer Medien zu salbadern – um der verblüfften Öffentlichkeit hinterher dann zu erklären, daß das, was da passiert ist, gar nicht passiert sei –, das ist noch mal ganz was anderes. Mit der altehrwürdigen Kunst diplomatischen Dementierens hat das nicht mehr viel zu tun. Eher zeugt es – wie soll man sagen – von einem geradezu unerschütterlichen Urvertrauen in die Kraft des Konstruktivismus: Was lange währt, wird schließlich wahr. Man muß es nur oft genug und entschieden genug wiederholen. Oder, wie Simone Solga meinte: Die Phrase ist ihr eigener Beweis. Spötter behaupten gar, es fehle nicht mehr viel und demnächst werde es sogar heißen, man sei überhaupt nie in der Talkshow gewesen. Bei Stalin und Genossen wurde man schließlich auch gerne mal aus alten Photos einfach rausretuschiert. Bolle meint nur: Wegg is wegg!

Nun – jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), der’s gesehen hat, hat es nun einmal gesehen. Und wer’s nicht gesehen hat – oder meint, seinen eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu können: Wir haben Videobeweis! Das ist einer der Vorzüge des 21. Jahrhunderts. Man kann sich die einschlägige Szene wieder und wieder angucken – wobei man allerdings tunlichst auf die (auch nur knapp vier Minuten lange) ungeschnittene Version achten möge, of course. Sonst leidet die Wahrhaftigkeit doch sehr: Mit Schnittern ist gut Klittern – wie eine alte Journalistenweisheit weiß. Denken wir nur an Mr. Trumps angeblichen ›Sturm auf das Kapitol‹ seinerzeit, der sich, allerdings erst Jahre später, als rein medial mächtig multiplizierter BBC-„Schnittfehler“ herausgestellt hatte. Und wer’s dann immer noch nicht glauben mag: der möge halt selig werden mit seiner ganz speziellen mappa mundi. Ein Staat zu machen ist mit solchen Leuten dann wohl aber eher nicht.

Und? Was hätte Genosse Chruschtschow seinem Stalin unter diesen Umständen wohl geraten? Wir wissen es nicht. Obiges aber wohl sicher nicht. Genosse Chruschtschow war schließlich nicht dumm. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 19-12-25 Das neunzehnte Türchen: Die feindlichen Staaten von Amerika

Nein, nein, nein – das darf nicht sein!

Hier etwas – wenn schon nicht wirklich weihnachtliches – so doch recht niedliches am Rande. Zumindest sieht Bolle das so. Neulich meinte irgendein Nachrichtensprecher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – womöglich einer mit etwas nuscheliger Aussprache – irgendwas von den „feindlichen Staaten von Amerika“. Zumindest hatte Bolle es so verstanden. Nach Aktivierung seiner Plausibilitätsschaltkreise hatte sich dann herausgestellt, daß das unmöglich so gesagt gewesen sein konnte. Ein Nachlauschen hatte dann ergeben, daß doch eher von den „Vereinigten Staaten von Amerika“ die Rede gewesen sein mußte. Fein denn – alles wieder konsistent.

Aber wie kommt es zu solchen Verhörern? Das war Bolles nächster Gedanke. Nun – das Gegenstück zu Freud’schen Versprechern sind ja wohl – zumindest würde Bolle das einleuchten – Freud’sche Verhörer. Obwohl – das sieht Bolle ein – von derlei nie die Rede war bei Freud.

Aber wenn wir schon bei Verhörern sind: Was liegt da näher als an Hacke und Sowas ›Weißen Neger Wumbaba‹ (2004) zu denken? Immerhin handelt es sich dabei um das ›Handbuch des Verhörens‹. — In Matthias Claudius‘ ›Abendlied‹ (1779) heißt es:

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar:
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Der weiße Nebel wunderbar. Welch kraftvolles Bild! Wer allerdings noch nie bei Mondenschein auf der Pirsch war und mit diesem Bild rein gar nichts anzufangen weiß, für den wird daraus dann eben ›Der weiße Neger Wumbaba‹. Bolle findet, das leuchtet ein.

Vergleichen wir das mal: Bei einem Versprecher legt einem das Unbewußte etwas auf die Zunge, was zu sagen man sich so nie getraut hätte – was aber durchaus trefflich ist. Bei einem Verhörer dagegen drückt einem das Unbewußte etwas aufs Ohr, was durchaus Sinn macht – der jeweilige Sprecher so aber wohl nie gesagt haben dürfte. Auch dann nicht, wenn es Sinn macht. In diesem Falle eben ›die feindlichen Staaten von Amerika‹. Das Gehirn versucht das Gehörte nun mal mappa-mundi-mäßig einzuordnen. Ein völlig normaler Vorgang, das – wenn auch meist nicht ohne Witz – und gehört im weiteren Sinne in das weite Feld sozialpsychologischer Konsistenztheoreme: Das Gehirn sucht Sinn. Und wenn es keinen findet, dann findet es ihn anyway. Hauptsache, das Weltbild, die mappa mundi eben, bleibt stabil.

Wer also mit der in weiten Kreisen der Classe politique – nebst angeschlossenem Journalismus 2.0, of course – verbreiteten bräsigen und überschäumenden Selbstgefälligkeit wenig anzufangen weiß – Putin böse, Xi böse, und jetzt dann eben auch noch Trump böse –, der kann dann durchaus schon mal leicht was von den „feindlichen Staaten von Amerika“ zu hören kriegen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 09-12-25 Das neunte Türchen: Himmel und Erde

Sachen gibt’s …

In gewisser Weise hält Bolle einen kleinen Nachtrag zu unseren letzten beiden Türchen für angebracht: Schlafforscher, die nächtliche Insomnie bei Vollmondenschein mit der Helligkeit im Schlafgemach zu erklären versuchen, Ernährungsphysiologen, die Ballaststoffe erst für überflüssig halten und dann in höchsten Tönen hypen. Bolle findet: Is doch nicht seriös.

Grundsätzlich gesehen ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, daß Wissenschaft nicht alles weiß. So etwas erwarten wohl nur bildungsfernere Schichten. Bei Lichte betrachtet nämlich ist Nicht-Wissen sogar eine ihrer Existenzbedingungen. Sogar das Bundesverfassungsgericht hatte 1973 schon Wilhelm von Humboldts Wahrheitsbegriff als „etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“ zitiert, um dann später (1994) noch einmal zu bekräftigen: „Konstitutiv ist die Wahrheitssuche und die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Erkenntnisprozesses.“ Total so!

Eine alte Professoreneinsicht dagegen besagt: Wer schreibt, der bleibt! In der angelsächsischen Variante klingt das noch drastischer: publish or perish – schreibe oder gehe unter!

Die modernisierte Variante dieser Einsicht scheint dagegen zu lauten: Wer nicht schreit, der geit. Dabei übersetzt sich das norddeutsche ›geit‹ mit ›gehen‹, aber auch mit ›sterben‹ oder eben ›untergehen‹. Schreien statt schreiben, also. Ob das aber eine gottgefällige Entwicklung ist, wagt Bolle schwer zu bezweifeln. Heißt es doch bei Jesaja, dem ersten der prophetischen Bücher des Alten Testaments: Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. (Jes. 42, 2). In ›De Bibl auf Bairisch‹ klingt selbiges noch eindringlicher: Dös ist kain sölcherner Schreier, der wo auf dyr Straass umaynanderplerrt. Einen Vers zuvor heißt es dort: Siehe, das ist mein Knecht – ich erhalte ihn – und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. (Jesaja 42, 1). Bolle meint, aus all dem sollte man durchaus schließen dürfen, daß der Herr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wenig Gefallen an Schreihälsen findet.

Kurzum: Ein bißchen mehr Dehybrierung – Bolles neue Wortschöpfung: von Hybris ›frevelhafter Stolz, Übermut, frevelnde Selbstüberhebung‹ (DWDS) – stünde manchem Wissenschaftler prächtig zu Gesichte. Genaugenommen dem ganzen System einschließlich des gesamten angekoppelten Journalismus 2.0. Bolle sagt da nur: Corönchen! Allein in diesem Jammertale ist so manches nicht so, wie es sollte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.