Di 29-12-20 Und nun? Was tun?

Bolles Arbeitslogik nebst Ethik.

Übermorgen ist Silvester. Zeit für gute Vorsätze – zumindest aber keine schlechte Gelegenheit, sich ein wenig nachweihnachtlich zu besinnen und sich zu fragen, was man denn sonst noch so vorhat mit seinem Leben. Von Banalitäten wie etwa „Weniger rauchen und mehr Sport“ wollen wir mal absehen. Es soll uns hier nicht um Kleinkram gehen, sondern um die grundsätzliche Ausrichtung dessen, was einer tut.

Unter projektives Tun (von franz. projeter ›nach vorne werfen‹) fällt alles, was einen sprichwörtlich voran bringt. Das kann ein Kunstwerk sein, die Lösung einer mathematischen Gleichung, eine richtungsweisende Erfindung, und vieles mehr. Defensives Tun (von lat. defendere ›abwehren‹) ist alles, was nun mal getan werden muß, allein um nicht zurückzufallen. Da derlei Dinge immer wieder aufs neue getan werden müssen, reden wir zu Recht auch von repetitiv (von lat. repetere ›wieder auf etwas losgehen‹). Weiter kommt man damit nicht. Beispiele wären etwa die Betten machen, den Müll runterbringen, und wiederum sehr, sehr vieles mehr. Wenn nun jemand – sagen wir Leonardo da Vinci – sein Leben überwiegend mit der Schaffung von Werken verbringt, dann wird er einen anderen Blick auf sich und sein Leben haben als jemand, der sein Leben mit Müll runterbringen verbracht hat oder mit der immergleichen Büroroutine.

Mit regressivem Tun (von lat. regredi ›zurückschreiten‹) schließlich ist die Beschäftigung mit Dingen gemeint, die in der Vergangenheit liegen und damit per se unabänderlich sind. Es macht nun mal sprichwörtlich keinen Sinn, verschüttete Milch zu beklagen. Neue Werke entstehen so nicht – und auch der Müll bleibt da, wo er nicht hingehört. Aber soll man denn aus der Vergangenheit gar nichts lernen? Doch, natürlich – dann aber bitteschön zukunftsorientiert im Rahmen projektiven Tuns. Jammern jedenfalls nützt nüscht. Um das ganze knackig zu fassen, könnte man vielleicht auch sagen: Projektives Tun ist auf die Zukunft gerichtet, defensiv-repetitives Tun auf die Gegenwart, und regressives Tun auf die Vergangenheit. Damit dürfte in der Tat alles abgedeckt sein. Der ethische Aspekt, also die letzte Zeile des Zitats, läßt sich ähnlich knackig fassen: Defensiv macht depressiv. Und was das projektive Tun angeht: Es muß ja nicht immer gleich im Leonardo- oder im Einstein-Format sein. Auch Kleinkunst macht Mut. Aber das ist dann wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 12-12-20 Das zwölfte Türchen …

Hier das 12. virtuelle Türchen …

Die „Kreativen“ dieser Welt meinen ja oft, sie seien schon deshalb kreativ, weil sie Ideen haben. Andy Warhol dagegen meint, man sei erst dann kreativ, wenn man etwas verwirklicht hat – also buchstäblich geschaffen. Und? Wer hat Recht? Von der Wortbedeutung her natürlich Andy Warhol – wobei sich die Quelle, wie so manches Wesentliche – im Dunkel der Zeiten verliert. Schließlich leitet sich »Kreativität« ab von lat. creare ›schöpfen, schaffen‹. Formal gesehen haben wir es mit einem zweistufigen Prozeß zu tun: Die Idee ist notwendige Bedingung für die Schöpfung. Hinreichend ist aber erst das vollendete Werk – ein Zusammenhang, der übrigens erst in der hier vorliegenden Bolle’schen Fassung in Descartes’scher Manier klar und deutlich (clare et distincte) zum Ausdruck kommt. Aber das ist schon ein anderes Kapitel.

Fr 11-12-20 Das elfte Türchen …

Hier das 11. virtuelle Türchen …

Hier ist er wieder – der Weise aus dem fernen Morgenland. Wer mag, mag das im Rahmen unserer Kontemplationsbestrebungen gerne mal mit unserem 7. Türchen vergleichen. Gemeinsamkeiten? Unterschiede? Nicht ganz einfach – zugegeben. Aber auch nicht ganz unmöglich. Wir werden darauf zurückkommen. Aber das ist dann schon ein anderes Kapitel.

Do 10-12-20 Das zehnte Türchen …

Hier das 10. virtuelle Türchen …

Heute zur Entspannung bzw. zur Unterstützung der Kontemplation ein weniger existentielles Türchen. Obwohl: für so manchen ist Schreiben „existentiell genug“. Nulla dies sine linea soll das Motto des griechischen Malers Apelles gewesen sein. Kein Tag ohne Pinselstrich. Man kann das Motiv umstandslos auf die „Textproduktion“ übertragen – Latein ist da flexibel – und übersetzen: Kein Tag ohne Zeile. Zwar kann das manchmal mächtig mühsam sein – aber so bleibt man in Wallung. Von nüscht kommt nun mal nüscht.

William Forrester (gespielt von Sean Connery) ist der Protagonist in dem äußerst sehenswerten Film Finding Forrester (UK / USA 2000; Regie: Gus Van Sant / der deutsche Titel lautet „Forrester – Gefunden!“). Es geht dabei um einen zurückgezogen lebenden Star-Literaten, der die Schriftstellerei allerdings schon Jahrzehnte zuvor an den Nagel gehängt hatte und eigentlich gar nichts mehr tut – bis er, quasi schicksalhaft, auf den ebenso begabten wie unterprivilegierten Schüler Jamal Wallace trifft und dessen Mentor wird. Klingt erst mal nicht übertrieben spannend – aber soll ja auch kein James Bond sein. Der Sinnspruch oben bringt den Kern des Schreibens auf den Punkt – und hat viele Jahre lang halb mahnend, halb ermunternd Bolles Schreibtisch halb geziert und halb gewürzt. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Mo 07-12-20 Das siebte Türchen …

Hier das 7. virtuelle Türchen …

Es könnte alles so einfach sein, meint Bolle. Menschen haben – neben ihren physiologischen Bedürfnissen wie essen, trinken, schlafen, und so weiter – auch kognitive Bedürfnisse. Eines davon ist das Problemlösungsbedürfnis: Es fühlt sich gut an weiterzukommen. Der „ehrwürdige Meister Kong“ (Kong Fu Zi bzw., latinisiert, Konfuzius) wußte das schon vor 2.500 Jahren. Höchste Zeit, daß auch die Pädagogen der Neuzeit das langsam mal zur Kenntnis nehmen. Wir können also – und tun das ja auch überwiegend – den „Stoff“ in „Module“ und „Lerninhalte“ zerschreddern, um abschließend den „bausteinbezogenen Qualifikationsstand [zu] messen“. „Listen-Lernen und wieder auskotzen“ nennt Bolle das. Wir könnten aber auch, und zwar sehr viel geschmeidiger und vor allem fruchtbarer, „Lernen als Leistung“ durch „Lust am Lernen“ ersetzen – und zwar ersatzlos und rückstandsfrei. Brauchen wir dazu übertriebenen Digital-Schnickschnack? Natürlich nicht.

Daß die Schredder-Technik nicht unbedingt Sinn macht, war nicht nur Konfuzius klar, sondern, unter vielen anderen, zum Beispiel auch Goethe, dem Dichterfürsten. In seinem Faust I (Zeile 1936-1939) läßt er Luzifer in Gestalt des Mephistopheles luzid ablästern:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.

Zur Erhellung hier ein kleiner Mikro-Dialog, wie er sich in einer Mathematikstunde allen Ernstes zugetragen haben soll:

Schüler: Wozu brauchen wir das?
Lehrer: Keine Ahnung. Steht so im Lehrplan.

Na toll. That leaves no room for discussion, indeed. Könnte das, bitteschön, mal jemand den Lehrenden dieser Welt – von der Kita bis zur Uni – beibiegen? Wäre langsam an der Zeit. Aber das ist ein anderes Kapitel.

So 03-11-19 Die Quadratur des Kreises

Die »Quadratur des Kreises« steht sprichwörtlich für ein unlösbares Problem – so ähnlich wie vielleicht „die Quellen des Nils suchen“ aus der Römerzeit (caput Nili quaerere) oder „einen Pudding an die Wand nageln“. Und? Handelt es sich hierbei in der Tat um ein „unlösbares Problem“ – oder liegt der Hase ganz woanders im Pfeffer?

Man nehme einen Kreis und mache sich bewußt, daß er über seinen Radius vollständig definiert ist: Ein gegebener Kreis kann sich von einem anderen Kreis allein über seinen Radius unterscheiden. Dann nehme man eben diesen Radius und multipliziere ihn mit einer ebenso handlichen wie eleganten Zahl wie der Wurzel aus Pi und schwupps – schon hat man die Seitenlänge des gesuchten Quadrates. Noch einfacher geht’s nicht.

Entfernt erinnert die Darstellung übrigens an eine auf das geometrisch unverzichtbare runtergebrochene Version von Leonardo da Vincis »Mensch«. Doch das nur am Rande.

Was hat es also mit der sprichwörtlichen Unlösbarkeit auf sich? Es sei nun mal, hört Bolle immer wieder, unmöglich, mit Zirkel und Lineal (also geometrisch) ein flächengleiches Quadrat zu konstruieren. Na und?, fragt Bolle. Ein Problem ist doch nicht schon deshalb „unmöglich“ zu lösen, weil es nicht mit jedem beliebigen Mittel zu lösen ist. So würde ja auch niemand auf die Idee kommen, einen Nagel mit einem Stück Emmentaler als Faustkeil-Ersatz in die Wand hauen zu wollen. Ist es deshalb „unmöglich“, einen Nagel in die Wand zu hauen? Natürlich nicht – zumindest solange man nicht versucht, damit einen Pudding an die Wand zu nageln. Was mit den Mitteln der Geometrie nicht geht, geht dann eben mit den Mitteln der Algebra. Wir erinnern uns: Kreativität ist die Kunst, nichtvorhandene Probleme zu ignorieren. Aber das ist ein anderes Kapitel.