Mi 23-10-19 Rente mit 70

Reaktion auf Forderung nach Rente mit 69: Der CDU-Wirtschaftsrat begrüßte die Forderung der Bundesbank, das Renteneintrittsalter bis zum Jahr 2070 auf mehr als 69 Jahre zu erhöhen: Man müsse das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern durch längere Lebensarbeitszeit halbwegs im Lot halten.

So liest sich das heute in der Tagesspiegel Morgenlage. „Man müsse“. Hört, hört! Bolle meint: Wenn ich den Renten-Text gestern [siehe dort] richtig verstanden habe, spielt das „Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern“ überhaupt keine Rolle. Im übrigen liege das „natürliche“ Verhältnis offenbar bei 1 zu 1 bzw., wenn wir die Erwerbstätigen auf die Gesamtbevölkerung beziehen, bei 1 Erwerbstätigen auf 3 Einwohner (einschließlich aller Kinder und Jugendlichen). Das entspricht einer Erwerbstätigenquote von gerade mal 33%. Zur Zeit liegen wir bei rund 50%. Vielen – vor allem der EU-Bürokratie – ist selbst das noch viel zu wenig. „Ja dann wird wieder in die Hände gespuckt / Wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Das war 1982. Bolle fragt sich, ob Geier Sturzflug damals geahnt hat, daß die seinerzeit schon zweifelhafte Idee einer „industriellen Reservearmee“ noch einmal eine solche Renaissance erleben würde. Je mehr Leute auf den Arbeitsmarkt drücken, desto niedriger fallen die Löhne aus. So geht nun mal Marktwirtschaft (vgl. dazu auch »Do 10-10-19 Märkte und Zünfte«). Das heißt aber nicht, daß diese Leute dann auch was sinnvolles tun würden. Jedes Produktionssystem – egal ob im Sozialismus oder im Kapitalismus – kennt so etwas wie „Absorptionsresistenz“. Wieviel Arbeit gebraucht – und damit potentiell nachgefragt – wird, entscheiden die realwirtschaftlichen Bedingungen – und nicht etwa der Markt. Stellen Sie sich vor, Sie seien Bäckermeister oder -meisterin. Würden Sie jemanden einstellen, den Sie gar nicht brauchen – nur weil er billig zu haben ist? Natürlich nicht! Falls doch, würden Sie dafür, wenn Sie können, jemand anderen rausschmeißen. Ein zusätzlicher Arbeitsplatz wäre damit also nicht entstanden: Absorptionsresistenz, eben. Das Prinzip gilt, soweit wir sehen können, ganz allgemein – und ist seit Mitscherlich bestens erforscht. Oder würden Sie Ihre Lieblings-Zimmerpflanze mit Dünger zubomben, nur weil er gerade wohlfeil im Angebot ist? Natürlich nicht! Kurzum: Die Nachfrage nach „Produktionsfaktoren“, egal ob Arbeitskraft oder Düngemitteln, wird vom Systemverhalten bestimmt – und nicht vom Markt. Kenner sprechen hier ganz zutreffend von „abgeleiteter Nachfrage“ – von der sich alle Produzenten leiten lassen. Was denn sonst? Mag ja sein, daß Sie als Konsument (!) mehr Tomaten kaufen, weil sie gerade „im Angebot“ sind. Als Restaurantbesitzer und damit als Produzent (!) aber werden Sie genau so viele Tomaten kaufen, wie Sie für den Betrieb Ihres Restaurants benötigen. Das ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht – der sich allerdings und gleichwohl noch nicht allgemein herumgesprochen hat. Auch nicht in der Ökonomen-Zunft. Kurzum: Je mehr Leute auf einen Arbeitsmarkt drücken, der keine zusätzliche Arbeitskraft braucht, desto mehr knicken die Löhne ein. Zusätzliche Arbeit entsteht dabei mitnichten. Folglich macht es auch keinen Sinn, „das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern durch längere Lebensarbeitszeit halbwegs im Lot“ halten zu wollen, wie es im Originalbetrag (siehe oben) so schön heißt.

Aber ist es denn nicht auch wahr, was ein bekannter Baumarkt sehr erfolgreich zu seinem Werbeslogan erhoben hat: „Es gibt immer was zu tun?“ Natürlich. Es gibt immer was zu tun. Wir könnten zum Beispiel mehr Lehrer brauchen, mehr Sheriffs vielleicht, mehr Krankenpfleger und, vor allem in Berlin, auch mehr Bus- und Bahnfahrer. Allein: Solchen „Luxus“ kann oder will sich die Gesellschaft offenbar nicht leisten. Im Grunde ist es ja nicht allzu kompliziert: (1) Menschen haben praktisch unendlich viel Bedürfnisse. (2) Daraus folgt praktisch unendlicher Bedarf. (3) Daraus folgt aber mitnichten praktisch unendliche Nachfrage. Warum nicht? Weil erst Bedarf, der mit Kaufkraft ausgestattet ist – also der Fähigkeit und der Bereitschaft – eben diesen Bedarf (bzw. diese Bedürfnisse) zu bedienen, zu tatsächlicher Nachfrage und damit auch zu tatsächlicher Arbeitsnachfrage führt. Bolle meint: Hier gibt es wohl noch einiges zu tun. Recht hat er! Und in der Tat regt sich auch, geradezu reflexhaft, Widerstand. An gleicher Stelle lesen wir:

Dagegen kritisierte der Vizechef der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, den Vorschlag als Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Viele Arbeitnehmer erreichten schon heute das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht und seien daher finanziell auf Hartz IV angewiesen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil warnte davor, Menschen zu zwingen, bis 70 zu arbeiten, um eine vernünftige Rente zu bekommen. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer lobte den Bundesbank-Vorstoß als wichtigen Impuls in der Debatte um Generationengerechtigkeit.

„Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft“. Starker Tobak. „Menschen zu zwingen, bis 70 zu arbeiten, um eine vernünftige Rente zu bekommen“. Bolle meint: Definiere „vernünftige Rente“. Alles über Hartz-IV-Niveau? Aber immerhin handelt es sich hierbei um einen „wichtigen Impuls in der Debatte um Generationengerechtigkeit“. Das klingt gut. Das klingt staatstragend. Gemeint ist aber wohl: Wir sollten die Rentner nicht zu sehr mästen. Das könnten uns die Jüngeren übelnehmen. Was dabei übersehen wird: Auch die Jüngeren werden demnächst Rentner sein. Bolle meint: Von einem staatstragenden Politiker könnte man durchaus erwarten, daß er das gelegentlich mal klarstellt, statt die einen gegen die anderen aufzuwiegeln – von wegen „Generationengerechtigkeit“. Aber das ist ein anderes Kapitel.

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