Sa 24-04-21 Von das kommt das

Herr und Knecht.

Beziehungen, genauer gesagt die Rollenverteilungen in einer Beziehung, gestalten sich nach allem, was wir wissen, strikt komplementär. Der eine schlägt, der andere duckt sich weg. Das klingt erst mal sehr vernünftig. Lassen sich doch so, zumindest für den Moment, weitere Schläge vermeiden. Dumm nur, daß sich auf diese Weise das komplementäre Verhalten habitualisiert. Man gewöhnt sich dran – beide gewöhnen sich daran –, daß das so ist. Und schon haben wir die schönste Rollenverteilung.

Natürlich muß man das mit den Schlägen nicht immer ganz wörtlich nehmen. Arma et verba vulnerant – Waffen und auch Worte können verletzen. Oder auch Abmahnungen. Bolle zum Beispiel hatte mal einen Vorgesetzten, der seine Freude daran hatte, seinen Unterworfenen – auch wenn man solche Leute heute für gewöhnlich meist „Mitarbeiter“ nennt – hin und wieder mal eine Abmahnung zukommen zu lassen. Gerecht? Mitnichten. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Was dann? Es ging einfach nur darum, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wer hier der Herr ist und wer der Knecht. Und gemeinhin funktioniert das auch recht prächtig: der Mitarbeiter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) duckt sich weg, um, zumindest für den Moment, weitere Schläge zu vermeiden. Daß er damit seine eigene Unterworfenheit zementiert, scheint für den Augenblick erst mal egal.

Aber ist es denn immer so einfach? Prügelnder Chef, geduckter Mitarbeiter? Natürlich nicht. Das gibt dem ganzen ja erst seinen Pfiff. Hier ein Beispiel aus einem Konfliktbereinigungsgespräch, wie es Bolle kürzlich erst erlebt hat. In seiner Rolle als Mediator hatte er es mit einem Medianten zu tun, der sich, rein zivilrechtlich gesehen, durchaus ein wenig danebenbenommen hatte, sich dabei aber keiner Schuld bewußt sein wollte. Im Gegenteil. Seine Haltung – also die Rolle, die er für sich selber vorgesehen hatte – war in etwa die folgende: Du bist hier der Mediator, also klär das mal. Schließlich wirst Du dafür bezahlt. Aber halt mich da raus. Wenn – Betonung auf wenn – Bolle sich darauf, etwa durch übertrieben freundliches Entgegenkommen, eingelassen hätte: die Mediation wäre mausetot gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Also mußte Bolle zuschlagen – hart, aber gerecht – und seinen Medianten erst mal so richtig auf den Topf setzen. Gewissermaßen als Arbeitsgrundlage. Und? Das Ende vom Lied? Die Mediation hat zu einem für alle Beteiligten zufriedenstellenden Ergebnis geführt. So soll es ja auch sein. Im Nachgespräch übrigens meinte besagter Mediant, anfangs habe er sich schon etwas hart angegangen gefühlt. Im Ergebnis sei das aber okay gewesen. Sein Schmunzeln behielt Bolle strikt für sich.

Was hat das mit hier und heute und mit uns zu tun? Wir müssen uns fürs erste mit einem zarten Hinweis begnügen: Die einschlägigen Stichwörter – zwei der einschlägigen Stichwörter – lauten „Identitätspolitik“ und „cancel culture“. Da reißen interessierte und vor allem auch entschlossene Kreise so richtig die Klappe auf und der Rest – duckt sich weg. Kann man machen. Nur muß man sich dann nicht wundern, wohin das führen wird. Zu einer „gerechteren“ Gesellschaft, da ist sich Bolle sicher, sicher nicht. Zu einer „einigeren“ übrigens auch nicht. Aber das ist, jedenfalls für heute, dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

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