Mo 01-03-21 Keine Besserung in Sicht?

Keine Besserung in Sicht.

Was meinst Du, Bolle? Wollen wir darauf eingehen? Oder besser jar nich ignorieren? Zwei Gründe sprechen für eine kurze Einlassung. Erstens kam es heute morgen richtig dicke, und zweitens hat sich, wie’s scheint, in den letzten 20 Jahren wenig zum Besseren gewendet – eher im Gegenteil.

Auf ›Wissen Drei‹, der Online-Hochschul-Plattform der ZEIT, findet sich ein Beitrag zum Thema „Besser promovieren“. Da geht’s schon los. Nein: man „promoviert“ nicht – man wird promoviert. Passiv! Vielleicht erhellt sich das besser, wenn wir ›promovieren‹ ausnahmsweise mal eindeutschen, statt umgekehrt. Nun, ›promovieren‹, von lat. promovere ›vorwärts bewegen‹, heißt schlicht und ergreifend ›befördern‹. „Befördert“ aber wird man – und zwar von seiner Fakultät – aufgrund nachgewiesener Leistung in Form einer Dissertation nebst, im Regelfall, Verteidigung derselben im Rahmen eines Fachgespräches (vornehm: Disputation). Das ist das einzige, was ein armer Doktorand aktiv zu seiner Promotion beitragen kann.

Weiter erfahren wir an gleicher Stelle von der „schlechten Betreuung“ der Doktoranden. Bolle meint: Hey Leute, Ihr seid erwachsen! Ihr wurdet ein ganzes Studium lang mehr oder weniger gut „betreut“. Eine Doktorarbeit soll dem Nachweis der Fähigkeit zu eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit dienen. Is nix mit „Betreuung“ – jedenfalls nicht im Regelfall, vom allfälligen wissenschaftlichen Austausch mit dem Doktorvater (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) einmal abgesehen.

Schließlich wird „hoher Publikationsdruck“ angemeckert. Bolle meint: Ihr wolltet’s doch nicht anders. Wer sich darauf einläßt, seine wissenschaftliche „Exzellenz“, wie es immer so schön hochtrabend heißt, über die schiere Menge seiner Veröffentlichungen messen zu lassen, der muß sich nicht wundern, daß der Publikationsdruck steigt. Wir haben es hier einmal mehr mit einem Nash-Gleichgewicht zu tun: Jeder muß auf Teufel komm raus publizieren, weil die anderen exaktemente das gleiche tun. Das absehbare Ergebnis? Goethe meinte, im West-östlichen Divan: „Getretner Quark // Wird breit, nicht stark.“ Bolle meint: So isset.

Dazu paßt, daß wir – immer noch an gleicher Stelle – erfahren, daß die Universität in Liverpool vorgesehene Entlassungen von Wissenschaftlern von deren Publikationsstärke (bzw. eher Publikationsschwäche) abhängig machen will – und das vornehm „Bibliometrie“ nennt. Bolle meint: Ja, was denn sonst? Wenn ein entsprechendes, im übrigen voll pseudo-objektives Kriterium für die Qualität der Forschung erst mal eingeführt ist, dann wird es früher oder später auch ge- bzw. mißbraucht.

Hätte man die Entwicklung wenigstens absehen können? Leider Ja. Wer mag, mag dazu den Text »Professorenbesoldung« lesen (Professorenbesoldung / Leistungsbewertung). An der Oberfläche geht es dabei um Besoldungsstrukturen – im Kern aber um Leistungsbewertung. Wohl kein ganz uninteressantes Thema in einer „Leistungsgesellschaft“. Der Text stammt aus der Frühzeit der Fehlentwicklung und ist nunmehr satte 20 Jahre alt. Die Ultra-Kurzfassung von nur 1 Seite findet sich in tabellarischer Form am Ende des Textes. Viel Spaß bei der Lektüre.

Und? Was machen die Betroffenen – also diejenigen, für die es sich demnächst ausgeforscht haben dürfte? Schreiben einen Protestbrief. Bolle meint: Erst denken, dann forschen. Und immer schön den Tellerrand im Blick behalten. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

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