So 28-02-21 Demokratischer Sozialkredit?

Demokratischer Sozialkredit?

Neulich hat Bolle am Rande in einen Wilsberg-Krimi reingehört: »Überwachen und belohnen« (1. Folge der 8. Staffel / die kommenden 12 Monate in der ZDF-Mediathek verfügbar / reinkieken lohnt). Dabei ging es darum, daß in Münster, dem üblichen Schauplatz der Serie, auf freiwilliger Basis ein Sozialkreditsystem eingeführt wurde, bei dem man, anders als etwa in China, mitmachen konnte oder auch nicht. Und? Haben die Leute mitgemacht? Aber Ja doch. Zum einen, weil sie meinten, daß sie sich ja schließlich nichts vorzuwerfen hätten – warum sich das dann nicht ganz nebenbei in Punkten entlohnen lassen? Zum anderen aber, weil sich herumgesprochen hatte, daß ein erfreulicher Punktestand sich durchaus günstig auf die eigene Karriere auswirken kann.

Kurzum: in einem Sozialkreditsystem kriegt man für alles, was man tut, umgehend die Rechnung präsentiert – oder eine Gutschrift. Was Bolle on second thought wirklich irritiert hat: Ist das nicht der „Markenkern“ des „Kapitalismus“? Brauchen wir dafür die Chinesen?

Steven Landsburg hat es bereits 1993 gleich zum Einstieg in sein Bändchen »The Armchair Economist« auf den Punkt gebracht: „Most of economics can be summarized in four words: ›People respond to incentives.‹ The rest is commentary.“ Übersetzen wir das besser: Der Gegenstand der Wirtschaftswissenschaften kann im wesentlichen mit vier Wörtern zusammengefaßt werden: ›Leute reagieren auf Anreize‹. Der Rest ist Kommentar.

Den Spruch könnte man ohne Bedenken zum Motto eines Sozialkreditsystems machen. Warum dann der Uffriß? Bolle meint, hier kommt wirklich einiges durcheinander, namentlich die Themenfelder »Freiheit und Verantwortung«, »Demokratie vs. Diktatur«, »Demokratie und Kapitalismus«, und nicht zuletzt auch »Sozialisation« an sich – also definitiv mehr, als wir uns für heute auf den Sonntag zumuten sollten.

Und überhaupt. Was ist mit der Wizarding World, also J. K. Rowling’s Welt der Zauberer? Da begegnet uns ganz offenkundig ein Sozialkreditsystem par excellence – geradezu ein Sozialisationssystem. Soweit Bolle sehen kann, hat das bislang noch keinen irritiert. Weil es hier nur um Fantasy geht? Oder weil es, von gelegentlichen Entgleisungen des Severus Snape einmal abgesehen, im großen und ganzen recht gut funktioniert? Fragen über Fragen. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

2 Antworten auf „So 28-02-21 Demokratischer Sozialkredit?“

  1. Sehr prägnant auf den Punkt gebracht…!
    Es gibt übrigens einen hübschen, dystopischen Roman von Sybille Berg („GRM“, 2019), wo ein entsprechendes System in angemessen tintenschwarzen Farben geschildert wird. (Leider ist nur die erste Hälfte des 640seitigen Schmökers gut, dann wird er zunehmend konfus, dann uninteressant und am Ende lästig – Folgen eines typischen Formproblems von Autoren mit Schlussfindungsstörungen.)

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