So 06-12-20 Das sechste Türchen — Nikolausi …

Hier das 6. virtuelle Türchen …

Eigentlich dachte Bolle ja immer, Demokratie sei die Herrschaft des Volkes. Da ist er wohl, wie’s scheint, seiner humanistischen Grundausbildung auf den Leim gegangen. Da lernt man zwar die ein oder andere altgriechische Vokabel – wie etwa demos ›Volk‹ und kratein ›herrschen‹ – aber leider nicht allzu viel über formale Logik und auch nicht über praktische Plausibilität. Was, wenn das  Volk „gespalten“ ist? Was, wenn es ausländischer Propaganda auf den Leim geht? Oder inländischer? Verschwörungstheorien? Was, wenn es überhaupt das „falsche Bewußtsein“ hat? Kann alles nicht sein? Kann es wohl! So geht es also nicht. Schon deshalb nicht, weil es „das Volk“ in dieser Klarheit nun mal ohnehin nicht gibt. Da war Rousseau, einer der Vordenker der französischen Revolution, 1755 (also vor stolzen 265 Jahren) schon weiter, als er fein säuberlich zwischen „allgemeinem Willen“ (volonté générale), der „Summe der Einzelinteressen“ (volonté de tous) und dem „Willen der Mehrheit“ (volonté de la majorité) unterschieden hat.

Der „Wille der Mehrheit“ ist klar – auch wenn er hin und wieder alberne Züge annehmen kann. Wenn eine handvoll Leute mehr für den Brexit sind, dann heißt es, „die Briten“ hätten „für den Brexit“ gestimmt. Wenn eine handvoll Leute mehr für „Sleepy Joe“ sind, dann heißt es, „die Amerikaner“ hätten „Donald Trump abgewählt“. Kann man so sehen – muß man aber nicht. Auf keinen Fall aber sollte man dem Volk den „Willen der Mehrheit“ als den „Willen des Volkes“ verkaufen. Etwas komplizierter ist das schon. Die „Summe der Einzelinteressen“ dagegen ist schon rein mathematisch nicht definiert. Excusez-moi, M. Rousseau.

Beim volonté générale schließlich, dem dritten Begriff aus Rousseaus Dreifaltigkeit, wird es endlich richtig weihnachtlich – oder doch zumindest richtig religiös. Der Begriff stammt aus der katholischen Gnadenlehre. Damals – 100 Jahre vor der Französischen Revolution – ging es um die Frage, ob ein allmächtiger Gott seine Schäfchen mit „absolutem Willen“ (volonté absolue) im Griff habe – was jegliche Willensfreiheit besagter Schäfchen per se ausschließen würde – oder ob sich der allmächtige Gott nicht vielmehr mit einem „allgemeinen Willen“ (volonté générale) bescheiden würde – was den Schäfchen immerhin einen gewissen Spielraum in puncto Willensfreiheit ließe.

Übertragen auf die weltliche Bühne würde das bedeuten, daß das Volk seiner Regierung einen gewissen Spielraum in ihrer Willensbildung einräumt. Nicht weiter brauchbar, aber durchaus raffiniert. Chaupeau, M. Rousseau. Bei so viel Entgegenkommen können wir auch gleich auf Bolles Umschreibung zurückgreifen: Demokratie ist die Herrschaft der Guten. Und wer die Guten sind, entscheidet … die Regierung, of course. So wird ein Schuh draus. Viel Spaß beim Nüsseknacken.

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