
Nein, nein, nein – das kann nicht sein! Was wäre ein agnostisch-kontemplativer Adventskalender ohne einen einzigen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt im Dörfchen? Am letzten Sonntag, dem vierten Advent, hat es Bolle immerhin zum zweiten mal schon in diesem Jahr geschafft.
Und das kam so: Bolle wollte – last minute, of course, wie so oft trotz aller Vorwarnzeiten seit Hallowe’en – einen Weihnachtsgruß per Post abschicken. Früher – ja früher – ging das so: Die meisten Briefkästen wurden zwei mal täglich geleert. Und viele – die nämlich mit einem roten Punkt – auch nachts. Wenn es flott gehen sollte, mußte man sich – was man nich im Kopp hat, muß man in die Beene ham – eben zu einem Verteilerknotenpunkt begeben. Ganz früher war das Bahnhof Zoo, später dann der Lehrter Bahnhof – aus dem im Zuge mannigfaltiger Optimierungen bei der Bahn heute übrigens ein nichtssagender „Hauptbahnhof“ geworden ist. Manchmal, wenn Bolle mit dem Taxi unterwegs ist und auch entsprechend kesser Stimmung, wünscht er zum Lehrter Bahnhof gefahren zu werden. Manch älterem Taxifahrer – zumindest Bolle scheint das so zu sein – wird dabei ganz wehmütig zumute. Bei den jüngeren – und vor allem auch bei den Zugereisten – muß man allerdings flott ein erläuterndes ›Hauptbahnhof‹ nachschieben – sonst kommt man niemals an.
Nun denn: Bolle war auf dem Weg zum Lehrter Bahnhof, weil die einschlägigen Internet-Seiten der Post meinten, dort werde ganz sicher sonntags abends gegen neun geleert. Pusteblume! Klarer Fall von Denkste! Die letzte – und natürlich auch die erste – Leerung am Sonntag erfolgt dort um neun Uhr in der Früh. Irgendwie sieht Bolle ja ein, daß nichts so bleiben kann wie es ist. Aber warum muß deshalb alles immer schlechter werden? Und daß die Post es nicht mal fertigbringt, die wenigen Leerungszeiten auf ihren Internet-Seiten einzugestehen, will Bolle so rein gar nicht einleuchten. Da gibt’s nur eines: Schneller schreiben – und vor allem schneller abschicken, of course. Allein: auch hier hat sich was in eine ungute Richtung entwickelt. Während nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Brief in aller Regel am nächsten – spätestens aber am übernächsten Tag – recht zuverlässig beim Empfänger war, meint die optimierte Post, drei bis vier Tage seien auch sehr hübsch und müßten ja wohl genügen.
So jedenfalls kam es, daß Bolle auf dem Rückweg vom Lehrter Bahnhof einen Abstecher auf seinen Weihnachtsmarkt im Dörfchen machen konnte. Die Wärmepumpen nach alter Väter Sitte – siehe unser Bildchen – gibt’s da jedenfalls nach wie vor. Und da sage noch einer, moderne Zeiten und Sitten seien ausschließlich schlecht. Wieder weit gefehlt. Irgendwo hat wohl alles sein Gutes – wenn auch oft nur sehr, sehr, sehr versteckt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
