So 14-06-26 Isch over – ma wieder …?

Zeit für ’ne 4. Republik …?

Zugegeben: Totgesagte leben oft viel länger als erwartet. Oder – wie Mark Twain das seinerzeit (1897) mal gefaßt hat: Die Gerüchte über mein Ableben scheinen mir stark übertrieben. Aber irgendwann ist irgendwie dann doch mal wirklich Schluß.

Das ist vor allem dann der Fall, wenn eine Sache im Kern völlig verkorkst ist – multiples Systemversagen, sozusagen. Eher harmlose Wendungen wie ›da ist ja wohl der Wurm drin‹ jedenfalls scheinen Bolle kaum noch eine adäquate Zustandsbeschreibung zu sein. Aber vielleicht sieht Bolle das ja auch nur zu̅ pessimistisch. Immerhin hat er sich die Mühe gemacht, die real existiert-habenden Republiken mal durchzuzählen.

Da hätten wir zunächst die 1. Republik, die Weimarer (1918–1933). Die war bekanntlich so kaputt im Kern, daß sie gerade mal 15 Jahre hat durchhalten können: keinen Kaiser mehr – dafür die Alleinschuld an allem. So jedenfalls steht es in Artikel 231 des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 – übrigens voll zufälligerweise exakt dem 5. Jahrestag des Attentates von Sarajewo (vgl. dazu So 27-12-20 Oh Zeiten, oh Sitten!). Nun kann man trefflich und langanhaltend (nachgeradezu ewig) darüber streiten, ob die 1. Republik von den Nazis zerschlagen wurde oder ob sie nicht eher an innerer Auszehrung – an grundsätzlichem „Wurm-drin-Sein“ – in sich zusammengefallen ist, nachgeradezu implodiert. In diesem Lichte scheint es durchaus reizvoll, sich zu fragen, was denn passiert wäre, wenn nicht die Nazis, sondern, tout au contraire, der harte kommunistische Kern (Rotfront und Antifa – die gab’s also damals schon) den Straßenkampf gewonnen hätte. Unsere Vorfahren wären wohl direkt von der Kaiserzeit in eine Diktatur stalinistischer Prägung geschlittert. Die erst 1922 gegründete Sowjetunion war für die Weimaraner also unmittelbare weltgeschichtliche Gegenwart – einschließlich ihrer angestrebten „Weltrevolution“.

In den folgenden 12 Jahren (1933-1945) lebten die Deutschen offiziell immer noch in einer „Republik“. Allein hier schweigt des Sängers Höflichkeit … Vor allem soll der Zähler schweigen.

Im Anschluß – mit 4 Jahren Übergangsphase (1945–1949), in denen mit Fleiß darum gestritten wurde, was (aus westlicher Sicht) aus Deutschland werden soll: Blockfreiheit oder Westbindung?  – hatten wir dann die 2. Republik, die Bonner beziehungsweise, im Ostteil des Landes, die Deutsche Demokratische (1949–1990). Die beiden haben immerhin jeweils 41 Jahre überdauert.

Allein, nichts währet ewig. Und so kam es dann zur 3. Republik, der Berliner (ab 1990). Wie lange die noch wird durchhalten können, weiß Bolle natürlich auch nicht zu sagen, of course. Bislang sind es immerhin 36 Jahre. Damit hätten wir in 5 Jahren die veritable Chance, den ›Längste-Republik-Ever‹-Rekord zu knacken. Allerdings spricht einiges dafür, daß sie jetzt schon ähnlich ausgezehrt sein könnte – innerlich voll hohl (Achtung: Oxymoron!) beziehungsweise wurm-drin-mäßig – wie seinerzeit die 1. Republik.

Mittlerweile nämlich sind wir mit unserer 3. Republik so weit, daß man schon Ärger mit den Ordnungshütern – wenn nicht gar mit dem BfV (Bundesamt für Volkserziehung) – kriegen kann, wenn man nur ein Deutschland-Fähnchen schwenkt. Läßt sich eine solide staatliche Sinnkrise noch trefflicher illustrieren?

In Bolles Kreisen heißt es ja immer: Ein Volk ohne Sinn ist ein sinnloses Volk. Aber sind wir nicht letztlich alle ein bißchen sinnlos? Sicherlich. Wenn aber Sinnlosigkeit ins Suizidale lappt, ist das doch sicher etwas übertrieben (vgl. dazu So 08-03-26 Einmal lieb für böse sein). Allein, wie sag ich’s meinem Hülsenfrüchtchen …?

Übrigens gibt es einen ganz herrlichen Film, den völlig unverdienterweise fast keiner kennt. ›Finsterworld‹ (D 2013 / Regie: Frauke Finsterwalder). Wer ihn sehen will: läßt sich via amazon für wohlfeile 4 Euro ausleihen oder für 10 Euro käuflich erwerben. Dort sinniert ein Oberstufenschüler nach einem geschwänzten Klassenausflug ins KZ:

Und damit sowas in Deutschland nie wieder passieren kann, ist eben hier alles extra-häßlich. Richtig häßlich, eben. Und nichts sollte mehr gut aussehen. Auch die Fahne nicht. Und deswegen kann sich hier keiner mehr mit irgend etwas identifizieren (1 h 7´ 18´´). — Seine Zuhörerschaft fand das – zumindest on second thought – durchaus einleuchtend.

Das jedenfalls ist eine Passage, die Bolle seit damals nicht mehr aus dem Sinn hat gehen wollen. Und so hat er anläßlich unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens schon mal eine mögliche Flagge der kommen-müssenden 4. Republik entworfen und sich dabei hart an die Vorlage gehalten (vgl. unser Bildchen). Aber ist das auch verfassungsmäßig? Wie heißt es doch gleich in Art. 22 II GG? Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold. Bolle, ungerührt: Wieso? Ist doch schwarz-rot-gold – nur eben nicht so häßlich. Die Uniformfarben des Lützow’schen Freikorps (1813–1814) – letztlich dem Inspirator für die Deutsche Flagge – waren schwarz und rot. Lediglich die Knöpfe waren golden (beziehungsweise messingfarben). Und so fand Bolle es hohe Zeit, das alles mal in rechte Proportionen zu rücken: ein dezenter Nadelstreifen muß genügen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt

Mappae mundi variae – Die verschiedenen Weltbild-Typen, mit denen man so leben kann oder muß …

Wir hatten gelegentlich und schon öfters mal darauf hingewiesen. Ohne hier auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest eingehen zu müssen – deren Antwort ja bekanntlich 42 ist –, liegen wir wohl nicht allzu falsch, wenn wir uns selber als super-winzige, nachgeradezu mikroskopisch-miniskule Wesen auffassen – in einem unerhört gigantischen Universum. Dabei kann es nur darauf ankommen, irgendwie damit klarzukommen. Aber was heißt schon klarkommen?

›Klarkommen‹ soll bedeuten, dergestalt handelnd auf die Welt (Welt I) einzuwirken, daß das Ergebnis des eigenen Handelns wenigstens halbwegs dem entspricht, was zu bezwecken beabsichtigt war. Das klingt kompliziert – und das ist es auch.

Mach Er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich nur ein Bild …

Die wesentliche Voraussetzung hierfür ist, daß die Welt (Welt I) in etwa so funktioniert, wie einer sich  v o r s t e l l t , daß sie funktioniert. Diese Vorstellung aber ist nicht mehr als ein Bild von der Welt – mehr als ein Bild ist nun mal nicht drin –, das wir hier als Welt III (Weltbild oder mappa mundi) skizziert haben.

Dabei kann so einiges schiefgehen. Versuchen wir also eine kleine Systematisierung. Die mappa mundi, die einer pflegt, kann einigermaßen intakt sein (mappa mundi intacta / grün unterlegt). Das ist ein höchst erfreulicher Zustand – aber leider eher die Ausnahme. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß die mappa mundi mehr oder weniger fehlerhaft ist (mappa mundi vitiosa) oder, in der Steigerung, grob fehlerhaft (mappa mundi friata). Nie passiert das, was passieren soll! Die Welt ist schlecht – gar ungerecht, wie es dann munter und mitunter heißt. Das kann man dann auf eine schwere Kindheit schieben, auf die Gesellschaft, auf den Kapitalismus, oder auf sonstwas. Allein, es wird nichts nützen: Welt I ist außerordentlich vorwurfsresistent und nur ganz schwer zu beeindrucken. Einfacher wäre es – sofern man hier überhaupt von „einfach“ sprechen kann – sich um die Errichtung eines Weltbildes zu kümmern, das zumindest halbwegs funktioniert.

Wie das? Im Grunde geht das nur mit Versuch und Irrtum (trial and error). Um aber nicht ganz bei Null (ab ovo) anfangen zu müssen: Es sollten sich durchaus ein paar bewährte Faustregeln finden lassen – Dinge also, die herkömmlicherweise Sitten oder Gebräuche oder wie auch immer genannt werden. Was sich bewährt hat, eben, und was nicht. Manche nennen das „Dos and Don’ts“ – doch das führt hier auch nicht weiter. Natürlicherweise lernt man sowas im Rahmen der eigenen Sozialisation – so denn eine solche stattfindet. Ein Vorgang also, den man früher ganz altmodisch „Erziehung“ genannt hat. So gibt es etwa – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – bewährterweise zwei Geschlechter. Wem das zu wenig ist – wer sich also nachgeradezu eingeengt fühlt, der mag sich gern beschweren. Die nächste Beschwerdestelle, soweit Bolle weiß, ist gleich hinter Proxima centauri – also nur wenige Lichtjahre von hier. Auch ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht auszuschließen, daß mitunter weite Kreise von derlei infiziert werden. Aber was sind schon weite Kreise in den Weiten des Universums? Von all dem nämlich zeigt sich Welt I regelmäßig recht unbeeindruckt. Zumindest in Bolles mappa mundi ist das so. — Doch nun zur Systematik:

Mit mappa mundi antiqua ist ein Weltbild gemeint, das den Umgang mit Welt I konsequent-irrigerweise allein auf  V o r i g e s  stützt. Bei solchen Leuten ist es – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – immer „kurz vor 1933“. Folglich muß alles, was tatsächlich oder auch nur vermeintlich in diese Richtung weist, konsequent und „mit allen Mitteln“ bekämpft werden. So soll etwa ein Geschichtslehrer auf die Frage eines genervten Schülers, warum man denn zum hundertsten male das Dritte Reich durchnehme und von sonstiger Geschichte rein gar nichts mitkriege, geantwortet haben: „Damit das, was damals passiert ist, nicht noch einmal passiert.“ Na toll! So geht Konzentration auf das Wesentliche – wenn es denn das Wesentliche wäre. Was ansonsten alles passieren kann, wenn man weitgehend geschichtsblinde Schüler heranzieht, das klären wir dann später. In dieses Weltbild jedenfalls paßt das nun mal nicht rein. Na toll, zum Zweiten!

Daneben gibt es die mappa mundi hysterica. Das ist was für Leute, für die es – egal wie spät es jeweils sein mag – immer „kurz vor zwölf“ ist. Bei jedem Pups ist immer gleich die „Demokratie in Gefahr“ oder die letzte Patrone im Lauf oder was auch immer. Egal ob bei Corönchen, beim Klima oder im „Umgang“ mit der Opposition: der Tenor ist immer der gleiche: „Wir werden alle sterben.“ Stimmt. Das werden wir. Allerdings auch ohne mappa mundi hysterica.

Schließlich haben wir noch – auch sehr beliebt – die mappa mundi manichaea. Hier geht es darum, alles stramm nach Gut und Böse einzuteilen. Das Credo: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Egal, um was es gehen mag: Es ist doch immer gut zu wissen, wer die Guten sind und wer die Bösen. Kompliziert wird es hier, wenn die Guten böse Sachen machen, oder umgekehrt. Allein, sowas sprengt den Rahmen dieses Weltbildes bei weitem.

Sagen wir so: wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein kaputtes Weltbild hat – sei es ziemlich kaputt (mappa mundi vitiosa) oder sei es völlig kaputt (mappa mundi friata), etwa in einer der Spielarten antiqua, hysterica oder manichaea oder weiteren, noch zu isolierenden –, dann ist das schlimm genug. Er wird mit allem, was er tut, sich und den Seinen Probleme bereiten – und nichts als Probleme. Warum? Weil die Welt nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Und wenn dieser jenige nicht nur sein eigenes Leben miß-managed, sondern ein Unternehmen oder gar ein ganzes Land, dann wird er absehbar in großem Maßstabe Probleme erzeugen und niemals, wirklich niemals, zu einem erwünschten oder auch nur erwarteten Ergebnis kommen. Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 24-05-26 Der Wurm im Ventilator

When the shit hits the fan …

Ja, was ist  d a s  denn schon wieder für ein Titel? Nun, daß hier und heute gehörig der Wurm drin ist, hatten wir ja verschiedentlich schon erwähnt – zuletzt wohl erst im Februar (vgl. So 08-02-26 Könner versus Kasper (KvK)). Dieser Tage mußte Bolle einmal mehr an das herrlich drastisch-plastische Bild bei ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro) denken – so wie es sich in unserem heutigen Schildchen in Bolles Auf-den-Punkt-gebracht-Übersetzung findet. Außerdem gibt es, namentlich bei den Yanks, die anschauliche Wendung ›When the shit hits the fan‹ – also in etwa ›Wenn die Scheiße durch den Lüfter fliegt‹. Man kann sich das gar nicht drastisch/plastisch genug vorstellen. Es ist fast so krass wie manche der Zustände selbst. Und so kam Bolle nach dem dritten Bier auf die Idee, beides in so einer Art alliterativen Metaphern-Melange zu verquirlen und den ›Wurm im Ventilator‹ draus zu machen. Damit wäre das also auch geklärt.

Man stelle sich vor, man wäre ein Klempner – oder man sähe einem Klempner auch nur bei der Arbeit zu. Man muß nämlich selber nicht unbedingt Handwerker sein, um erkennen zu können, ob einer seinen Job ordentlich macht – oder ob er die nötigen Bedingungen dafür setzt, daß einem bald die Scheiße um die sprichwörtlichen Ohren fliegen wird.

Bolle hatte mal ein einschlägiges Erlebnis. Das ist zwar schon in etwa hundert Jahre her – aber jene Begebenheiten damals – rein zufällig just im Wonnemonat Mai – sollten ihm unvergeßlich im Gedächtnis bleiben. Die Therme war im Eimer. Heißes Wasser? Dusche? Wannenbad? Alles Fehlanzeige. Heizung? Braucht zum Glück kein Mensch im Mai. Allein, der Hausmeister wußte Rat. Er kam mit einem seiner Kumpels vorbeigeschneit. Der Kumpel meinte genau zu wissen, was in etwa zu tun sei. Und so werkelte er an der Therme hin, und so werkelte er her. Hin und her. Trial and error. Bolle fand sich derweil assistierenderweise mit einer Baby-Badewanne in luftiger Höhe auf einer Leiter wieder, um weisungsgemäß die Wasserrohre gefühlt hektoliterweise zu entlüften – derweil der Kumpel an der Therme fröhlich weiter am Werkeln war. So ging das mindestens zwei Stunden. Nur gut, daß Bolle seinerzeit nicht von der Leiter geflogen ist mitsamt seiner dreiviertels gefüllten Baby-Badewanne. Irgendwann jedenfalls wurde dem Hausmeister – und selbst dem Kumpel – dann doch irgendwie helle, daß das alles so nicht funktionieren kann und wird. Und so wurde – damals ging das noch binnen weniger Tage – ein echter Könner einbestellt. Könner statt Kumpel. Verkleidung von der Therme ab, ein paar Läppchen ausgebreitet, um die Anrichte nicht zu beschmutzen, Meßgeräte raus, Check hier, Check dort. Es war eine Freude zuzusehen. Nach etwa einem Viertelstündchen verkündete der Meister sein Verdikt: „Systemelement XY is ausjefallen und muß ausjetauscht werden. Ick hab noch eens im Wagen.“ Sprach’s, ging runter auf die Straße, kam mit dem Teil zurück, tauschte es mit wenigen gekonnten Handgriffen aus – und die Therme war wieder wie neu. Ohne Akrobatik auf der Leiter, ohne Baby-Badewanne, ohne jeden Blödsinn. — Bolle war entzückt. Einem Meister bei der Arbeit zuzusehen hat etwas geradezu Erhebendes. Allerdings sollte man dabei tunlichst andächtig schweigen. Gequatsche nämlich mögen Meister bei der Arbeit gar nicht. Zum Glück war Bolle das damals schon klar.

Von hier aus aber ist es nur ein Katzensprung zum Straßenkehrer-Theorem (vgl. dazu etwa So 16-11-25 Disruptive dolle Dinger). Im Kern geht es dabei um die Sichtbarkeit der Unfähigkeit: Je einfacher eine Verrichtung, desto leichter läßt sich erschließen, ob einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seinen Job kann oder ob er nicht möglicherweise drauf und dran ist, die sprichwörtliche Kacke demnächst zum Dampfen zu bringen. Bei komplizierteren Verrichtungen merkt man das naturgemäß erst sehr viel später – falls überhaupt. Und dann ist es womöglich zu spät.

Und weil das so ist, braucht man – zumindest hierzulande ist das so – für alles und jedes eine einschlägige Ausbildung. Nichts soll man tun dürfen, wenn man‘s nicht gelernt hat – und zwar rein gar nichts. Auf diese Weise will man Sorge tragen, daß kein Hülsenfrüchtchen furioserweise überschnappen möge. Besser isset wohl – zumindest im Ansatz.

Allein – es gibt ein paar gewichtige Ausnahmen: Kinder großziehen zum Beispiel darf jeder Depp – ohne auch nur einen Hauch von Ahnung, Einsicht, Lebenserfahrung oder sonstwas zu haben. Geschäfte führen darf ebenfalls jeder – der Markt wird’s hoffentlich schon richten. Und – nicht ganz unwichtig und nicht ganz zuletzt– ein Land regieren darf natürlich auch jeder. Ob der das kann, sehen wir dann. Die Geschichte wird’s ganz sicher richten. Post festum nämlich, nach der Party, ist es naturgemäß zu spät. Dann hat das Volk halt Pech gehabt! Sagen wir so: es ist zum Mäusemelken.

Kurzum: Bolle hat das sehr, sehr ungute Gefühl, daß es sich bei einem großen Teil des gegenwärtigen hochgespülten ›Wir-schaffen-das‹-Polit-Personals um Leute handeln könnte, die man unter normalen Umständen – und um im Bilde zu bleiben – nicht einmal damit betrauen wollte, auch nur den Hof zu fegen. Aber regieren? Kann ja wohl jeder, wenn er sich nur erfolgreich durch den Parteien-Proporz durchgewuselt hat. Könnte man meinen. Könnte man aber auch betrüblich finden. Aber vielleicht sieht Bolle das alles ja auch einfach nur viel zu streng. Indes: Lasziv-leistungslose Arroganz war noch nie so recht nach seinem Geschmack. Da nützt es auch nichts, das eigene Unvermögen mit imposanter Geste verbal gehörig aufzuhübschen beziehungsweise gar aufzubauschen – ganz nach dem Motto: Labern makes the world go round (Bolle featuring Liza Minnelli 1972). Tut es nicht! Und falls doch, dann nur höchst vorübergehend. Oder, featuring Buddha: Leben heißt labern. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-05-26 Und sie bewegt sich doch – die Volkswirtschaft?

Traum-Jobs.

Bolle hatte einen Traum. An sich ist das nicht weiter ungewöhnlich. Viele Leute träumen öfters mal – nicht nur nächtens. In Bolles Traum aber ging es um eine staatliche Stellenausschreibung. Skurril genug. Wir haben, so gut es uns eben möglich war versucht, diese nächtliche Begebenheit in unserem heutigen Schildchen zu verdichten. In Bolles Traum ging es, soweit er sich erinnern kann, um alle möglichen Job-Angebote – in alphabetischer Reihenfolge also von Brandmaurern bis hin zu Wahrheitspächtern. Vollständig ist die Liste sicher nicht – aber darauf soll es uns hier nicht ankommen.

Kann das alles – auf einer tieferen Ebene womöglich gar – irgendwie Hand und Fuß haben? Ohne in eine wie immer geartete Traumdeutung einsteigen zu wollen: Bolle meint ja, daß er im großen und ganzen schon dazu neigt, vergleichsweise strukturiert zu denken. Warum sollte er also nicht auch halbwegs strukturiert zu träumen wissen?

Nun – selbst bei flüchtiger Sichtung der Liste fällt auf, daß es sich hierbei durch die Bank weg um Tätigkeitsprofile handeln dürfte, die kein Mensch jemals brauchen kann – zumindest nicht bei nüchterner Betrachtung. Und so plagen Bolle, wenn er seinen eigenen Traum reflektiert, durchaus Zweifel, ob sich mit derlei Jobs die wirtschaftliche Depression, die seit vielen Jahren hartnäckig wie Mehltau über der Volkswirtschaft liegt, in irgendeiner Weise zum Besseren wird wenden lassen. Vermutlich nicht.

Zumindest handelt es sich bei dem Traumbild samt und sonders um konsumtive Jobs: Bolle würde niemandem empfehlen, sich mit derlei auf dem sogenannten Freien Markt betätigen zu wollen. Eine entsprechende Geschäftsidee würde wohl spätestens beim Gründungsberater oder allerspätestens bei der potentiell kreditgebenden Bank scheitern. Und dennoch scheint es – zumindest in Bolles Traum war das so – eine potentielle Nachfrage nach derlei zu geben.

Adam Smith etwa war sich in seinem ›Wohlstand der Nationen‹ (1789) schon sicher: Wohlhabend wird, wer viele Arbeiter beschäftigt, arm hingegen, wer sich viele Dienstboten hält. Das ist natürlich arg streng gesehen – obschon es im Kern durchaus richtig sein mag. Und so hat sich nicht zuletzt Ernst Engel, ein königlich-preußischer Statistiker (und damals schon alter Schule und heute noch von einiger Bedeutung, zumindest für die Aufgeschlosseneren in der Zunft) 1887 – also nur rund 100 Jahre nach Adam Smith – für die Anerkennung nicht-materieller Güter starkgemacht:

Denn der Lehrer, der Sittenprediger, der Richter, der Soldat, der Gelehrte, der Künstler, der Arzt, sie sind alle Producenten. Während man sagt, daß der Landwirth, der Müller, der Bäcker Brod produciren, verhindert nur die Ungewohnheit daß man sage, daß ein Lehrer Bildung, ein Beamter Rechtsschutz, ein Soldat öffentliche Sicherheit u.s.w. producire. Darauf, daß Nahrung, Kleidung, Geräthe u.s.w. tauschbare Gegenstände sind, während jene immateriellen Güter es nicht sind, kann nichts ankommen, sondern das Moment ist entscheidend, daß geistige Bildung, Sittlichkeit, öffentliche Sicherheit u.s.w. eben so nöthig im Leben sind, wie Kleidung und Nahrung.

Bolle meint an dieser Stelle: Lehrer, Beamte, Soldaten – das mag alles seine Berechtigung haben. Aber soll das auch für Brandmaurer, Luftschlosser und Wahrheitspächter gelten?

Verstehen wir unter ›Gütern‹ nicht mehr als ›das, was  d i e   L e u t e  haben wollen‹ – was sich dadurch äußert, daß sie bereit sind, dafür einen Preis zu bezahlen –, dann gibt es daneben eben auch Güter, die die Leute zwar nicht unmittelbar haben wollen, deren Nachfrage  d u r c h   d e n   S t a a t  aber nolens volens hingenommen und dabei via Steuern finanziert wird. Stillschweigende Voraussetzung ist dabei aber, daß die Leute davon ausgehen – und auch ausgehen dürfen –, daß der Staat schon wissen wird, was er tut – daß die Staatsnachfrage also nicht in heillosem Verplempern der Steuereinnahmen münden wird. Brandmaurer, Luftschlosser und Wahrheitspächter heben das alles aber – im Gegensatz zu Lehrern, Beamten und Soldaten – auf eine Art ›next level‹. Dazu paßt – zumindest in Bolles Traum war das so –, daß solche Traum-Jobs in aller Regel zwar gut bis bestens dotiert sind, dabei aber völlig qualifikationsfrei und voraussetzungslos vergeben werden sollen. Der Staat hat’s ja. Das stimmt zwar nicht: Alles, was der Staat „hat“, muß er seinem Staatsvolk zunächst erstmal in Form von Steuern – populistisch ausgedrückt – abpressen.

Übrigens äußert Adam Smith in seinem fabulösen Werk von 1789 – Bolle hat das damals zwar nicht unter der sprichwörtlichen Bettdecke, aber doch am Badestrand geradezu verschlungen – die hoffnungsfrohe Erwartung, daß sich, so wörtlich (und zum Entsetzen manch ultra-liberaler Ökonomen), in einem  g u t   r e g i e r t e n   S t a a t  alles zum Besten der Bürger entwickeln werde. Allein Bolle befürchtet, daß es hier bereits an der Prämisse scheitern könnte. Gut regiert? Da lachen ja die Hühner! Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-05-26 Die Grenzen des Konstruktivismus

Flußdiagrammatische Verdichtung …

Zugegeben – unser heutiges Mathildchen ist nicht wirklich neu. Wir hatten es vor knapp zwei Jahren schon mal verwendet (vgl. dazu So 25-08-24 Denkmal zur Wahl). Aber ist es deswegen überholt? Oder auch nur weniger wahr? Schwerlich. Neu ist immerhin die Bezeichnung ›Mathildchen‹ – als Dritte im Bunde, neben ›Schildchen‹ und ›Bildchen‹. Dabei sind ›Schildchen‹ die gelben Dinger, ›Bildchen‹ sind Photos, und ›Mathildchen‹ ist alles, was im weitesten Sinne mit Mathe zu tun hat. Übrigens hat es bei Bolle Wochen gedauert, bis ihm das endlich eingefallen war. Doch das soll hier und heute nicht unser Thema sein.

Früher hat sich Bolle ja rein gar nicht um Politik geschert. Die einen wollten’s halt ein bißchen konservativer – und haben CDU gewählt. Andere wollten’s ein bißchen progressiver – und haben SPD gewählt: „Mehr Demokratie wagen“, zum Beispiel. Und dann gab es noch eine Handvoll sogenannte Liberale – oder zumindest solche, denen ihr Hemd näher war als die Jacke. Die haben dann eben die FDP als ihre Klientelpartei gewählt. War Deutschland also „gespalten“? Nach heutigen Kriterien: definitiv! Allerdings war seinerzeit ein gewisser Hang zur Hysterie noch lange nicht so ausgeprägt wie heute.

Mit dem Aufkommen – oder sollte man sagen: Aufkeimen? –  der strickpullover- und turnschuhbestückten Grünen 1983 im Bundestag hatte sich das eingespielte Gefüge dann erstmal gründlich durchgeschüttelt. Immerhin war das die erste Neuerung dieser Art seit Bestehen des Hohen Hauses 1949. Sowas war man wirklich nicht gewöhnt in „unserer Demokratie“ – die damals allerdings noch nicht so hieß.

Aber nicht nur das. Der durchaus höchst erfolgreiche „Marsch durch die Institutionen“ hat im Laufe der Jahrzehnte dazu geführt, daß es Leute in politische Verantwortung gespült hat, die mit Volk und Vaterland (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im herkömmlichen Sinne rein gar nichts am Hut hatten und bis heute nicht haben. Sprüche wie etwa „Deutschland verrecke – damit wir leben können“ sind da wohl nur die rhetorische Spitze des Eisberges. Kann man ja so sehen. Aber was hat man mit einem solch eklatanten Mangel an „commitment“ in der Politik zu suchen?

Jedenfalls hat es dem ganzen Land, wie das bei e-Funktionen nun mal der Fall ist, erst schleichend, dann mehr oder weniger von heute auf morgen, den Teppich unter den Füßen weggezogen (vgl. dazu etwa Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein).

Voll neben dem Teppich.

Allerdings nicht unbedingt nach links – und nach rechts sowieso nicht – sondern irgendwo hin in eine völlig neue Richtung – wenn nicht gar in eine neue Dimension. Klassisch-konservativ war damit ebenso obsolet wie klassisch-progressiv, und in der Mitte klaffte ein gigantisches Loch. Plötzlich waren  a l l e  links oder sollten es zumindest sein – aber nicht etwa in einem herkömmlich-sozialdemokratischen Sinne, sondern auf ganz neue Art und Weise: nennt es ›queer‹, nennt es ›woke‹, nennt es wie ihr wollt.

Da das so nicht angehen kann, hat sich die clique politique in bester Konstruktivistenmanier selber zur Mitte  e r k l ä r t . Eine Mitte, die alles, wirklich alles umfaßt – von ehemals konservativen Parteien wie der CDU bis hin zu ehemals Progressiven wie der SPD. Da das immer noch nicht hat reichen wollen – die selbsternannte „Mitte“ war immer noch zu schwach, hat man auch alles andere, was sich so finden ließ in der politischen Landschaft, ebenfalls als ›Mitte‹ deklariert. Es kann nur eine geben! Die randständigste Mitte also, die man sich nur denken kann.

Bolle hält derlei Bestrebungen für geradezu  r e l i g i ö s e  Inbrunst. Wie heißt es doch bei Matt. 17, 20?

Denn wahrlich ich sage euch:
So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn,
so mögt ihr sagen zu diesem Berge:
Hebe dich von hinnen dorthin!
so wird er sich heben;
und euch wird nichts unmöglich sein.

Am Glauben scheint es also nicht zu mangeln. Man meint, wie’s scheint, alles werde wahr, wenn man nur ganz dolle daran glaubt. Allein hier kommt Winston Churchill ins Spiel, der gesagt haben soll:

However beautiful the strategy,
you should occasionally look at the results.

Also: ›Wie herrlich Deine Strategie auch sein mag: Gelegentlich solltest Du gucken, was dabei rauskommt.‹ Und? Wer hat Recht? Sagen wir so: Solange zumindest die hochgespülten Paragonisten der clique politique noch nicht überzeugend übers Wasser wandeln können, würde Bolle dazu neigen, sich vorerst an Churchill zu halten.

Und so liegt hier manches im Argen – und es wird, wie’s scheint, von Woche zu Woche weniger erquicklich. Genau das ist es, was Bolle ›Die Grenzen des Konstruktivismus‹ zu nennen geneigt ist.

Der Wirtschaft jedenfalls – sowohl der Industrie als auch dem Mittelstand –, dämmert es anscheinend allmählich – spät zwar, aber immerhin –, daß auch die wohlmeinendste Wolkenkuckucksheimeligkeit unmöglich kaufmännische Vernunft ersetzen kann – jedenfalls nicht auf längere Sicht. Jeder Gemüsehändler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) merkt sofort, wenn seine Kalkulation nicht aufgeht. Und falls er’s  n i c h t  merkt, wird‘s ihm die Bank schon sagen. Bei Staaten dauert das regelmäßig sehr viel länger. Da kann man sich schon mal ein ganzes Weilchen munter in die Tasche lügen.

Im übrigen: eine Regierung, deren Hauptanliegen darin zu bestehen scheint, die Opposition zu bekämpfen, statt sich auf vernünftige Politik zu kaprizieren, mag ja ganz apart sein. Aber doch nicht in einer Demokratie!

Wie meinte doch gleich Harald Martenstein in seiner Apologie im Thália-Theater? (vgl. dazu So 15-03-26 Lupenreine Demokraten).

Die AfD-Wähler, jedenfalls die meisten, wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas ähnliches wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu halten. Man müßte dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten Atemzug leugnen würden. Passen Sie die Migration an die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes an. Sorgen Sie für ein Sicherheitsniveau, wie wir es 2010 hatten. Sorgen Sie dafür, daß unsere Schulen funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muß es nicht sein. Ist das für Sie Faschismus?

Mehr muß es nicht sein. Weise Worte. Aber wie vernehmen, wenn man sich im Käfig des Konstruktivismus gemütlich eingekuschelt hat? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland

Et credo et censeo.

Das ›ceterum censeo‹ des älteren Cato (234–149 v. Chr.) gilt bis heute vielen als sprichwörtliches Sinnbild für überzeugungsgetragene Hartnäckigkeit: ›Im übrigen finde ich, daß wir Karthago plattmachen müssen.‹ Senator Cato soll damit drei Jahre lang jede, wirklich jede, Rede abgeschlossen haben – egal, worum es in der Rede jeweils ging. Stilistisch handelt es sich dabei um einen schicken AcI (Akkusativus cum Infinitivo) – dem Schrecken fast aller Lateinschüler.

Heute würde man sowas so nicht mehr sagen. Die Sitten haben sich verfeinert. Nach Jahrhunderten eines ›Prozesses der Zivilisation‹ (Norbert Elias 1939) geht man heute inhaltlich sehr viel feiner vor. Der Kern aber läßt sich sehr wohl rezyklieren. In der clique politique scheint derzeit folgendes konsens- und anschlußfähig: ›Ceterum censemus populum esse regendum – Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß.‹

Das Volk? Das Volk muß regiert werden? Welch groteske Perversion! Aber nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 D a s   L a n d  muß regiert werden. Zugegeben. Schließlich kann sich das Volk nicht um alles kümmern. Dazu braucht es halt Vertreter. Aber diese Vertreter haben das Volk zu  v e r t r e t e n  – und nicht etwa zu „regieren“. Noch klarer wird es, wenn wir das ›esse regendum‹ unseres Schildchens modifizieren. Das ›regere‹ nämlich kann nicht nur ›regieren‹ bedeuten, sondern auch ›zurechtweisen‹ oder – werden wir brutal – gar ›gängeln‹. Das Volk muß demnach zumindest auf den rechten Pfad geführt werden – und zwar im Namen „unserer Demokratie“, versteht sich. Also erzogen statt vertreten. Das ist bitter – aber schaut Euch um im Lande. Wie das mit dem Konzept eines Souveräns zusammenpassen soll – oder gar mit Demokratie –, ist Bolle leider auch nicht ganz klar.

Außerdem ist nicht ganz klar, woher solche Leute diesen Impetus nehmen. Am ehesten würde Bolle hier so eine Art ›Hilflose Helfer‹-Syndrom (Schmidbauer 1977) einleuchten. Man könnte fast sagen: Politik als Chance. Wo sonst ließe sich mit einer oft derart mäßigen Ausbildung – etwa in Soziopolitistik oder sonstwo, falls überhaupt – und einer Lebens- und Berufserfahrung „im richtigen Leben“, die oft genug gegen Null zu gehen scheint, so tüchtig Geld verdienen wie in der Politik?

Jedenfalls hat sich mittlerweile, wie’s scheint, eine clique politique etabliert, die definitiv  v o n  der Politik lebt und nicht etwa  f ü r  die Politik – um es mal mit Max Weber (1919) zu sagen. Die meisten würden beim gegebenen Ausbildungsstand und gegebener Qualifikation „im richtigen Leben“ nicht im Entferntesten so gut verdienen beziehungsweise so gut leben, wie sie das als Berufspolitiker tun. Das führt natürlich zu gehörigen Abhängigkeiten. Man könnte auch sagen: Ohne den Job sind die aufgeschmissen. Genau darum sind sie ja auch so handzahm. Allein: was hat das Volk davon?

Ein einziges Beispiel mag an dieser Stelle genügen: Als im Dezember letzten Jahres die sogenannte ›Junge Gruppe‹ in der CDU versucht hatte, gegen die Rentenpläne der Regierung aufzumucken, wurde sie ganz schnell wieder eingefangen und auf Parteilinie gebracht. Das schlagende Argument: So ein lukrativer Listenplatz, wie wir ihn Dir gewähren, kann ganz schnell weg sein – futsch, perdu. Also paß bloß uff! Und dann müßte man schließlich richtig arbeiten für sein Geld. Welch grauenhafte Vorstellung!

Wer das alles nicht wahrhaben will, dem sei Joana Cotars jüngst erschienenes Bändchen ›Inside Bundestag‹ (2026) zur gelegentlichen Lektüre oder zum Vorlesenlassen empfohlen. Es trägt den Untertitel ›Wie ich in acht Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor‹ und sagt so ziemlich alles, was man wissen muß, um die ganze Tragik zu erahnen.

Ein wenig erinnert das alles an Dieter Nuhrs alten Gag: Deswegen haben wir uns dann ja auch für das Lehramt eingeschrieben: Ist doch eh egal und wenn schon keine Zukunft, dann wenigstens nachmittags frei.

Um das alles ansatzweise zu verstehen, hilft hier die Heider-Relation – ein Theorem, das postuliert, daß bei allem, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) tut, Sein und Sollen einigermaßen zusammenpassen müssen: Man macht, was man für richtig hält. Könnte man meinen. Man könnte das Ganze aber auch umkehren: Man hält für richtig, was man macht. Das klingt zunächst einmal befremdlich – ergibt sich aber unmittelbar aus dem Theorem. Ein Beispiel mag genügen: Wenn jemand etwa mit seinem Job nicht zufrieden ist (also mit dem, was er macht), ergeben sich genau drei Möglichkeiten zu reagieren: (1) Man ändert nichts – und bleibt unzufrieden. Das ist natürlich keine wirkliche „Lösung“, of course. (2) Man sucht sich einen Job, mit dem man sich besser fühlt – paßt also das Sein an das Sollen an. Oder (3) man findet sich mit seinem Job ab – hält also für richtig, was man macht – paßt also, tout au contraire, das Sollen an das Sein an. Interessanterweise ist die dritte Lösung die kognitiv sparsamste – also mit dem geringsten Aufwand verbunden. Und darum setzt sie sich meist durch: Man säuselt sich die Sache schön.

Da hätten wir also unser Volksvertreterlein (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), das, gegängelt durch Sachzwänge von Fraktionsdisziplin bis zu EU-Vorgaben, nicht mehr ein weiß noch aus. Was liegt da näher, als das Ganze letztlich gut und richtig zu finden? Schon hat die liebe Seele Ruh. Ob das aber noch im Sinne des Erfinders ist, ist eine ganz andere Frage. Hauptsache Ruhe – und Hauptsache gesichertes Einkommen.

Ein wenig erinnert das an die Lemmlinge, zumindest jene in Disneys ›Weiße Wildnis‹ (1958). Bolle sagt übrigens immer ›Lemmlinge‹, mit einem ›l‹ in der Mitte, weil das, wie er findet, den ganzen Unsinn besser auf den Punkt bringt: Hier lang, Leute! Wer kein Schwurbler sein will, folgt mir nach! Avanti, avanti! Alles wird gut!

Das ›Ceterum censemus populum esse regendum‹ unseres Schildchens oben – ›Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß‹ – gründet somit weniger in persönlicher Überzeugung des Einzelnen. Vielmehr ist es, ganz nach Lemmling-Art, durch und durch systemisch.

Von innen heraus wird sich da wohl kaum was ändern können. Im Gegenteil. So haben etwa, pars pro toto, die letzten Wahlrechtsreformen dazu geführt, daß vom Volk  d i r e k t   g e w ä h l t e  Abgeordnete nicht in den Bundestag einziehen durften, weil da der Parteienproporz vor war. Listenplatz sticht Direktmandat. Wie heißt es doch im ›Lied der Partei‹ (Louis Fürnberg 1950)?

Die Partei, die Partei, die hat immer recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.

Sowas  k a n n  man sich nicht ausdenken als nüchterner Demokrat (vgl. dazu So 28-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie zweiter Teil).

Und? Was macht der Souverän? Verhält sich alles andere als souverän (vgl. dazu etwa Mi 21-12-22 Das einundzwanzigste Türchen …). Vielmehr spielt er deutsches Roulette. Und das geht so: Partei A, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd herausgestellt. Also wähle ich diesmal Partei B. – 4 Jahre später: Partei B, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd erwiesen. Also wähle ich diesmal Partei A – und so weiter, und so fort, ad libitum … Und da sage noch einer, der Wähler habe keine Alternative. Hat er wohl: A oder B. Sancta simplicitas! Bolle findet ja, bei klassisch-russischem Roulette sind die Überlebenschancen deutlich höher.

Der Untertitel unseres heutigen Schildchens übrigens, ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe‹ – ist von all dem natürlich meilenweit entfernt, of course. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Ostersonntag 05-04-26 Frohe Ostern, urbi et orbi

Falscher Hase? False Flag?

Incora imparo – Ich lerne noch. So soll Michelangelo (1475–1564) – übrigens ein Zeitgenosse Martin Luthers (1483–1546) – in seinen reiferen Jahren in schönstem landesprachlichem Italienisch (und nicht etwa auf Latein) in charmant-entwaffnender Weise mitunter auf kleinliche Mäkeleien seiner Kritiker reagiert haben. Die Haltung an sich – selbst falls nur zum Zwecke der Entwaffnung vorgetragen – hat jedenfalls so einiges für sich. Bolles liebe gute alte Großmama zum Beispiel meinte gelegentlich: Und wirste so alt wie ne Kuh – lernste doch immer noch was dazu. Bolle war damals schon, in jungen Kinderjahren, klar, daß es sich hierbei um einen reinen Reim handelt. Allein die ›Kuh‹ fand er inhaltlich doch etwas – wie soll man sagen? – bemüht. Eine Schildkröte etwa hätte ihm eher eingeleuchtet. Aber versucht mal, ›Schildkröte‹ auf ›dazu‹ zu reimen. Es wird nicht gelingen. Auf ›Schildkröte‹ nämlich reimt sich rein gar nichts.

Da wir gerade beim Reimen sind, und es mit dem Osterfest der Christenmenschen zu tun haben: Es heißt, nicht einmal Goethe – der Dichterfürst, der Princeps poetarum – konnte sich seinerzeit einen Reim auf Ostern machen. Aber was kann ein Dichterfürst, und sei’s der größte, schon tun, wenn die Sprache nun mal was nicht hergibt? Allerdings haben sich im Zuge der anglizistischen Wörterwanderung mittlerweile immerhin gleich  z w e i  halbwegs reine Reime einfinden wollen. Man könnte heute also zum Beispiel durchaus dichten:

Bis gestern nur auf manchen Postern
Ist es heute doch soweit:
Am Frühstückstisch, auf beiden Toastern
Liegen Eier griffbereit.
Man ißt – und wünscht sich Frohe Ostern!

Auch wollen wir hier Sinn und Unsinn der Poesie nicht weiter vertiefen. Das Ganze fällt wohl am ehesten in die ›Kuh/dazu‹-Kategorie. Allein // es reimt sich, und zwar rein. — Doch nun zu Bolles Dazulern-Erfolg:

Der Christus der Christenmenschen, der zu Lebzeiten noch schlicht Jesus hieß, soll sich – so zumindest der Vorwurf – als „Gottes Sohn“ bezeichnet haben. Ja, was denn sonst? Sind wir nicht letztlich  a l l e  Gottes Söhne (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? In aufgeklärteren Regionen der damaligen Welt – sei es in Rom, sei es in Athen, oder sei es sonstwo irgendwo im Römischen Reich, etwa in Lutetia (Paris) – wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Die Römer hatten hierzu sogar einen passenden Spruch: Deorum iniuriae diis curae – um Gotteslästerungen sollen sich die Götter kümmern. Da halten wir uns raus. Das römische Recht war also durchaus vergleichsweise modern – und ist es heute noch, verglichen mit so mancher hülsenfruchtig-postmodernen Anwandlung wie etwa der Aufweichung der Unschuldsvermutung oder Bestrebungen zur Beweislastumkehr. Schaut Euch um auf dieser Welt!

Die alttestamentarischen Kleriker dagegen hatten eine durchaus „alternative“ Sicht auf die Dinge: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben; denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. So lautet die Regel: Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen (3. Mose 24, 16). Das 3. Buch Mose heißt übrigens auch ›Leviticus‹. Vielleicht kommt daher ja die Wendung ›Jemandem die Leviten lesen‹?

Das allerdings war leichter gesagt als getan. Seit der Eroberung von ganz Palästina – das damals noch  ›Judäa‹ hieß – durch die Römer im Jahre 63 vor der Geburt des späteren Heilandes – galt dort kein alttestamentarisches Recht mehr, sondern vielmehr das vergleichsweise moderne römische Recht – und das sah Gotteslästerungen als Straftatbestand schlechterdings nicht vor – und Steinigungen als Rechtsfolge sowieso nicht. Und so meinte denn Pontius Pilatus, seinerzeit Statthalter in Judäa, konsequenterweise, er könne keine Schuld bei Jesus finden.

Da ein solches Ergebnis absehbar war – Gotteslästerung war nun mal kein Straftatbestand nach römischem Recht – fühlten sich die alttestamentarischen Kleriker veranlaßt nachzulegen und kaprizierten sich auf die Behauptung, Jesus habe verschiedentlich geäußert, daß er der König der Juden sei. Ein selbsterklärter König aber – mitten im römischen Reich? Das wäre auch den Römern – alles, was Recht ist – dann doch zu weit gegangen. Delegitimierung des Staates – wie man das heute nennen würde – war ein Kapitalverbrechen und durchaus der Todesstrafe wert. Daß das alles mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogen war – Mein Reich ist nicht von dieser Welt (Johannes 18, 36) –, ist dann im Prozeßgetümmel schlechterdings untergegangen.

Und so kam es, daß Jesus mitnichten wegen Gotteslästerung verurteilt wurde, und auch nicht gesteinigt. Vielmehr war er wegen Delegitimierung des Staates dran, und wurde nach römischen Recht gekreuzigt. So stand es dann auch auf dem Kreuze: INRI – Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum (Jesus von Nazareth, der König der Juden). Und selbst darum gab es noch Streit mit den Klerikern: Denen nämlich ging das „nicht weit genug“. Doch das führt hier zu weit.

Im Ergebnis jedenfalls wurde Jesus unter falscher Flagge angeklagt und verurteilt. Allein, wenn’s doch der guten Sache dient – wie etwa, seinerzeit, „unserer“ Theokratie beziehungs­weise, heutzutage irritierend ähnlich, „unserer“ Demokratie? Letztlich geht es doch schlicht und ergreifend allein um  u n s e r e   H e g e m o n i e . Hier macht das Possessivpronomen wenigstens Sinn, findet Bolle. Und da muß man nun mal Opfer bringen – zumindest aus der Sicht der jeweils Herrschenden. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-02-26 Könner versus Kasper (KvK)

Mein Gott – schon wieder Mathe …

Nichts läuft mehr richtig rund im Lande. Überall ist der sprichwörtliche Wurm drin. Zumindest  k ö n n t e  man das so sehen. In Bolles Kreisen spricht man hier auch keck von ›multiplem Systemversagen‹. Wenn aber etwas nicht so läuft, wie es soll, dann nennt man das nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Problem. Dabei wollen wir unter ›Problem‹ nichts weiter verstehen als eine ›Soll/Ist-Diskrepanz mit momentaner Transformationsbarriere‹ (Bolle featuring Dietrich Dörner 1979) – wobei ›Transformationsbarriere‹ lediglich meint, daß nicht wirklich klar ist, wie man von einem unerwünschten Ist-Zustand in einen angestrebten Soll-Zustand kommen soll. Daran ändert sich übrigens auch dann nichts, wenn man das Problem  – ebenso großspurig wie verhüllend, aber bitteschön – „Herausforderung“ heißt.

Wir hatten diesen Punkt vor knapp einem Jahr schon einmal aufgegriffen (vgl. So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan) und uns damals naheliegenderweise an Bolles Problemlösungszirkel (kurz ›PLZ‹) orientiert – einem Standardprocedere, das stets zur Lösung eines gegebenen Problems führt, oder aber zum Abbruch der Bestrebungen. Probleme nämlich, die man nicht lösen kann, sollte man tunlichst irgendwie loswerden. Komplizierter ist das alles nicht.

Der Problemlösungszirkel oder De arte solvendi.

Dumm nur, wenn man nicht weiß, wo man steht – und es womöglich auch lieber gar nicht so genau wissen will (Ist-Analyse), und (oder oder) einem auch gar nicht so recht klar ist, wo man eigentlich hinwill (Ziel-Definition) – von mehr Wohlstand, Freiheit, Demokratie beziehungsweise auch mehr Friede, Freude, Eierkuchen und dergleichen einmal abgesehen, of course. In Bolles Kreisen spricht man hier übrigens von ›nicht-wohldefinierten Zielen‹. Kein Wunder, daß Bolle dabei schon mal leicht unwohl werden kann.

Nun – in dieser Lage kann man als heillos überfordertes Hülsenfrüchtchen dann schon mal leicht auf die Idee verfallen, daß es doch zumindest nicht schaden könne, erst mal ganz viele Phantastilliarden ins System zu pumpen. Dann nämlich müsse es doch richtig rucken. Wäre ja gelacht! Bolle meinte damals schon: Denkste – muß es keineswegs! Und das hat es nach allem auch nicht – wie wir heute ziemlich sicher sagen können. Zwar sind die Phantastilliarden nicht wirklich weg. Sie sind nur anderswo – etwa auf den Forderungskonten sehr viel klügerer Paragonisten. Jedenfalls sind sie mitnichten da, wo sie ihre Wirkung entfalten sollten. Wie auch – bei  d e m  Plan? Und so wollen wir es Bolle auch nicht allzusehr verübeln, wenn er sich an dieser Stelle einmal mehr veranlaßt sieht, seine schönste Siehste!-Miene aufzusetzen – zumal er sich dabei ja stets stringent dezent zu halten pflegt.

Aber nehmen wir mal an – ebenso spaßeshalber wie kontrafaktisch –, soweit sei alles klar: Es existiere eine solide Ist-Analyse und auch ein wohldefiniertes Ziel. Da kann immer noch einiges dazwischenkommen auf dem Weg von Ist nach Soll. Bolle nennt es das KvK-Phänomen – wobei KvK für ›Könner versus Kasper‹ stehen soll. Dabei seien ›Könner‹ Leute, die wissen, was sie tun, und ›Kasper‹ – wie wir sie zärtlich nennen wollen – ganz entsprechend und tout au contraire Leute, die genau das eben  n i c h t  wissen.

Unsere Graphik zeigt den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Ressourcen und der sich daraus ergebenden Performance. Dabei wollen wir unter ›Ressourcen‹ (oder schlicht ›Mitteln‹) das verstehen, was man von außen in Anspruch nehmen muß. ›Performance‹ stehe ganz allgemein für ›irgendwas gebacken kriegen‹. Das geht schon im Kleinsten los: Stellen wir uns zum Beispiel vor, wir wollten ein Regal anbringen. Ganz ohne Werkzeug (R = 0) wird das schwierig. Da wäre auch der pfiffigste Handwerker hilflos. Mit einer minimalen Ausrüstung aber (Rmini)  – also Hammer, Bohrer, Schraubenzieher – läßt sich das Problem immerhin anpacken und auch leidlich zufriedenstellend lösen (A1). Mit Bohrmaschine und Akkuschrauber geht‘s dann noch viel geschmeidiger (A2 und A3) –  w e n n  man denn damit umgehen kann. Aber irgendwann – und zwar recht schnell schon – macht weiterer Mitteleinsatz keinen Sinn mehr: Der Könner hat alles, was er braucht, damit das Werk gelinge.

Anders verhält es sich mit der Kasperkurve. Ein minimaler Einsatz von Ressourcen (Rmini) führt hier zu wenig befriedigender Performance (vgl. A1 zu B1) – sei es, daß das Werk gar nicht gelingen will, sei es, daß es viel zu lange dauert. Eine Erhöhung des Mitteleinsatzes führt absehbar zu etwas besseren Ergebnissen – bleibt aber regelmäßig weit hinter der Könnerperformance zurück.

Fassen wir zusammen: Könner vermögen mit geringsten Mitteln Erstaunliches zu leisten. Kasper dagegen kriegen selbst mit erheblichen Mitteln nur wenig zustande. Aber sagt mal einem Kasper, daß er nun mal kein Könner sei. Er wird Euch hassen und bekämpfen! Besser werden seine Leistungen dadurch allerdings  n i c h t . Da ist Regel #2 unseres Yoga-Tripletts vor (vgl. dazu So 01-02-26 Yoga für Agnostiker): Wirkung braucht nun mal Zeit. Und was Hänschen nicht gelernt hat, das lernt der Hans halt nimmermehr.

Genau das scheint Bolle übrigens auch der Grund zu sein, warum Nichts- beziehungsweise Wenigkönner – Kasper eben – dazu neigen, sich erstens immer gleich beleidigt zu fühlen, und zweitens, stets nach mehr und immer noch mehr Mitteln zu schreien. Kann man ja auch verstehen: Wer wollte schon gerne sein eigenes unabänderliches Nichts-Können beklagen, wenn er doch alles auf seine relative Mittellosigkeit schieben kann (vornehm: attribuieren)? Also müssen immer mehr Phantastilliarden her. Damit werde endlich alles gut.

Hier noch ein Fun-Fact am Rande: Die Kasperkurve konvergiert gegen die gestrichelte Linie. Das bedeutet, daß die Kasper dieser Welt mit einem (im mathematischen Sinne) buchstäblich unendlichen Mitteleinsatz gerade mal so viel gebacken kriegen wie ein Könner mit minimalen Mitteln (Rmini). Bolle meint, dann wäre das ja auch geklärt. Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-02-26 Yoga für Agnostiker

Komplizierter isset nich …

Bolle ist aufgefallen, daß wir seit vor Weihnachten schon kein einziges Schildchen mehr als Entrée verwendet haben. Immer nur Bildchen statt Schildchen. Nicht daß die Bildchen keine gefällige Aufnahme gefunden hätten – ganz im Gegenteil. Allein Bolle liebt es nun mal, die Dinge epigrammatisch oder doch zumindest aphoristisch auf den Punkt zu bringen – und ist davon nur ganz schlecht abzubringen. Lassen wir den Schildchen also ihre „Existenzberechtigung“ – wie man das dusseldenkisch gelegentlich zu nennen beliebt: als ob es ein Recht auf Existenz gäbe! Fragt mal den Wurm, der dem frühen Vogel zum Frühstück ward. Was es aber wohl gibt, ist der (letztlich natürlich kindische) Glaube an den sinnlosen Sinn des Überlebens – wie nicht zuletzt Juli Zeh das in ihrem ›Spieltrieb‹ (2004) einmal gefaßt hat.

Und damit wären wir mitten im Thema. ›Kraft reagiert auf Kraft‹ – wie die dritte Regel unseres Yoga-Tripletts apodiktisch konstatiert. Wenn die Kraft nicht länger reicht, dann war’s das eben mit der Existenz – und mit einer womöglichen „Berechtigung“ natürlich gleich mit, of course.

Bolle fragt sich hin und wieder, was, bei allen Patriarchen, daran denn so schwierig sein mag, elementare Regeln, die, soweit Bolle sehen kann, seit Menschengedenken (und vermutlich sehr viel länger schon) nachgerade unumstößlich sind, einfach mal zur Kenntnis zu nehmen – oder gar danach zu handeln? Guckt Euch um auf dieser Welt – bis hin in höchste Regierungskreise. Da agiert man mitunter – wenig weise, witzlos gar – gerne gemäß der Attitude: Wir wollen alles – und zwar sofort! Ohnmächtig sind wir außerdem! Also ein klarer Fall von Ignoranz aller drei Regeln zusammen. Natürlich sagt das keiner ausdrücklich so. Doch wer Ohren hat zu hören – und die Kraft, sich ein Urteil zu bilden –, dem kann das kaum verborgen bleiben. Bolle meint nur: Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie!

Zugegeben – die Regeln sind etwas abstrakt. Das mag einen unmittelbaren Zugang erschweren. Auch ist ihr Bezug zu ›Yoga‹ nicht minder abstrakter Natur. Immerhin: Man muß sich keiner wie auch immer gearteten esoterischen Übungen befleißigen, um einer möglichen Einsicht näherzukommen – das sowieso nicht. Dranbleiben allerdings sollte man schon – wie Regel #2 ja schließlich nahelegt.

Zumindest schon mal vom Titel her ist übrigens Christy Turlington dem, was Bolle hier meint, erfrischend nahegekommen. Ihr Buch heißt ›Living Yoga‹ (2002) und trägt den Untertitel ›Creating a Life Practice‹. Dabei kann ›Living Yoga‹ feinsinnigerweise einerseits ›Yoga leben‹ bedeuten, andererseits aber auch ›Lebendiges Yoga‹ – was durchaus nicht das gleiche ist. Der Untertitel ›Creating a Life Practice‹ – wörtlich vielleicht ›Das Leben ganz grundsätzlich gestalten‹ paßt aufs Feinste zu unseren ersten beiden Regeln: ›Ziele brauchen Raum‹ und ›Wirkung braucht Zeit‹.

In der deutschen Übersetzung heißt das Werk übrigens ›Living Yoga – Mein Weg zu Ausgeglichenheit und Schönheit‹. Nun – ›Living Yoga‹ einzudeutschen hat man sich offenbar nicht getraut. Im Untertitel ist dafür so ziemlich alles danebengegangen, was nur danebengehen kann. Um Ausgeglichenheit – und vor allem gar um Schönheit (Christy Turlington war eines der sogenannten Top-Five-Models der 1990er Jahre) – geht es nämlich nicht einmal am Rande. Bolle vermutet hier eine der vielen Spielarten zielgruppengerechter Ansprache: hohl zwar, aber populär. Nun denn – Marketing eben.

Unser heutiger Beitrag ist übrigens einem großen Yogi gewidmet, der heute seinen Geburtstag hätte feiern können – wenn er ihn denn erlebt hätte. Natürlich nur ein klitzekleiner großer Yogi, of course – aber sind wir das nicht alle? Bolle meint nur: definiere ›groß‹. Nichtsdestotrotz: Allet Jute zum Jeburtstach! Hoch soller leben! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan

Der Problemlösungszirkel (PLZ) oder De arte solvendi.

Sie haben es tatsächlich getan. Of course, möchte man ergänzen. Sie haben – obwohl doch längst schon abgewählt – in den letzten Zügen ihrer Agonie dem Volke noch mal eben eine Phantastilliarde Sonderschulden aufs Auge gedrückt. Schulden, an denen die sprichwörtlichen kommenden Generationen noch ein ganzes Weilchen werden zu knabbern haben.

Damit das alles aber gleich viel freundlicher klingt, warten die gedungenen Sprachdesigner mit dem Begriff „Sondervermögen“ auf – einer Wortschöpfung, die eigentlich nur Sinn macht, wenn man ein entsprechendes kognitives Sondervermögen – dumm geboren, nichts dazugelernt, Rest vergessen – auf Seiten der Rezipienten unterstellt. Namentlich beim Journalismus 2.0 macht sich Bolle da nicht allzuviel Sorgen.

Macht das alles wenigstens Sinn? Aber Ja doch. Schließlich stehe demnächst mal wieder der Russe vor der Tür. Heute gehört ihm Rußland – und morgen die halbe Welt. Im übrigen müsse dringend das Klima gerettet werden und vor allem der Niedergang „unserer“ Demokratie. Sancta simplicitas!

Aber versuchen wir, uns Schritt für Schritt mit der dahinterstehenden Logik vertraut zu machen: Ist-Analyse: Wir haben zu wenig Geld. Ziel: Wir brauchen viel, gaanz viel Geld. Plan / Check der Mittel: Laßt uns ein tüchtiges Husarenstück auflegen. Das war wohl der Plan. Ein Check der Mittel erübrigt sich an dieser Stelle – schließlich ist die Akquisition der Phantastilliarden ja originärer Gegenstand des Problemlösungszirkels.

Das wirft natürlich mit Wucht die ›Ja, und nun‹-Frage auf. Phantastilliarden zu akquirieren ist die eine Sache. Was damit anfangen eine ganz andere. Da aber schweigt der Fürsten Törichtkeit. Die Details, so heißt es gut und gerne, seien natürlich noch zu klären, of course.

Geld allein macht nicht glücklich, wie der Volksmund weiß. Auch bringt Geld allein noch lange nichts zustande, wie Bolle zu ergänzen weiß. Ohne Geld ist es schwierig, irgend etwas zu bewirken, irgendein Ergebnis zu erzielen. Daraus folgt rein aussagenlogisch, daß, sofern einer was bewirkt hat, ein Mindesmaß an Mitteln im Spiel gewesen sein muß – vergleiche dazu ›Check der Mittel‹ in unserem Bildchen.

Daraus folgt aber nicht – und wirklich rein gar nicht – daß der Einsatz von Mitteln zu einem Ergebnis führen muß oder auch nur wird. In Bolles Kreisen notiert man derlei in etwa wie folgt:

Hier steht G für Geld beziehungsweise aktivierbare Ressourcen im weitesten Sinne, E steht für ein angestrebtes Ergebnis, „→“ für eine Implikation (wenn, dann) und das Häkchen schließlich steht für eine Verneinung. Mehr muß man dazu gar nicht wissen. Im Grunde also ist es mit Geld wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Um aber was draus machen zu können, wäre es vielleicht keine dumme Idee, mit sich selber über die folgenden drei Punkte ins Reine zu kommen.

Erstens: Wie konnte es überhaupt zu den gegenwärtigen Zuständen kommen? Mit „zuwenig Geld“ würde sich Bolle nur ungern zufriedengeben wollen. Ob sich unter diesen Umständen mit „mehr Geld“ entscheidend was wird reißen lassen, bleibt daher eher fraglich.

Zweitens wäre es wohl hohe Zeit, endlich mal das Modewort „Investition“ begrifflich wieder auf den Teppich zu holen. Bei einer Investition handelt es sich herkömmlicher- und richtigerweise um eine Sachkapitalerhöhung (Anlagen, Maschinen, Werkzeuge, sowie wirtschaftlich wirksame Infrastruktur) mit der Absicht, die Arbeit leichter und vor allem schneller zu machen und so mehr Güter in kürzerer Zeit herstellen zu können. Zur Zeit aber ist es so, daß jede Verschleuderung von Geldmitteln als „Investition“ deklariert wird: Schleifchen drum. Merkt ja keiner. Wenn man lange genug – also zum Beispiel über Jahrzehnte – so verfährt, beantwortet sich unser erster Punkt praktisch von selbst: Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort: Genau so! Beim Humankapital – doch das nur am Rande – gestalten sich die Verhältnisse noch sehr viel krasser: Klassenräume voller sekundärer Analphabeten, die lediglich tüchtig mit Tablets geflutet werden müßten – und alles werde sich zum Guten wenden. Weia!

Drittens schließlich sollte man sich darüber Rechenschaft ablegen, wo man überhaupt hinwill als Volkswirtschaft – oder gar als Land. Warum? Weil, wenn Du nicht weißt, wo Du hinwillst, mußt Du dich nicht wundern, wo Du ankommst. Darum. Das aber bedeutet zu gestalten – statt nur Probleme zu verwalten. Zu wissen, wo man hinwill, bedeutet übrigens zugleich, zu wissen, wo überall man eben nicht hinwill beziehungsweise zumindest nicht hin kann – weil es schlechterdings unmöglich beziehungsweise unsäglich dümmlich ist, auf jeder x-beliebigen Hochzeit weltweit tanzen zu wollen.

Bei allen dreien dieser Punkte aber hapert es derzeit aufs Heftigste. Mit weiteren Phantastilliarden wird sich das nicht lösen lassen. Als Kind schon war Bolle vertraut mit der höchst anschaulichen Wendung „Da ist der Wurm drin“. Was tun? Wurmkur oder Segel streichen? Beim gegenwärtig verfügbaren Polit-Personal – ganz überwiegend ohne jeden Hauch von Ritterehre – würde Bolle ganz unoptimistisch eher auf Segel streichen tippen. Für eine Wurmkur müßte es zunächst einmal so richtig rappeln im Karton. Aber wer weiß, wer weiß …?

The time has come, the Walrus said,
To talk of many things:
Of shoes – and ships – and sealing wax –
Of cabbages – and kings –
And why the sea is boiling hot –
And whether pigs have wings.

So hat es Lewis Caroll in seinem ›Through the Looking-Glass‹ 1871 schon gefaßt. Eine Übersetzung wollen wir uns hier sparen, weil die Weisheit im Nonsense liegt. Wer es dennoch wissen will, möge unter Mo 04-01-21 Letzte Fragen – total so! nachschlagen. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.