So 13-09-26 Der Durchmarsch der Deppen

Küchenkonversation statt Kindergarten (The Ladies‘ home journal 1948).

Alle Menschen sind gleich! Denkste! Alle sind verschieden! So wird ein Schuh draus. Der eine ist dicker, der andere dünner, die eine ist schlauer, die andere dümmer, der eine ist länger, der andere dagegen reicht da nicht mal ran, selbst wenn er sich auf Stelzen stellte. Und so weiter, und so fort. Man nehme ein x-beliebiges Merkmal (wie das in Bolles Kreisen vornehm heißt), operationalisiere es (überführe es also in Zahlenwerte) und schwupps – schon hat man eine Gaußverteilung: Da gibt es den Durchschnitt (man könnte auch sagen: das Mittelmaß) mit etwa zwei Dritteln der Grundgesamtheit, und da gibt es Überdurchschnittliches und Unterdurchschnittliches (mit jeweils etwa einem Siebentel), und schließlich gibt es noch ›top‹ und ›ui‹ (wie das in Bolles Kreisen heißt). Dabei steht ›ui‹ für ›unterirdisch‹. Zusammengenommen machen top und ui allerdings nur knapp 5% aus. Demnach ergibt sich das folgende Bild – wie neuerdings immer mit Bolles Luftballöngern, um der Graphik ein wenig die Schärfe zu nehmen.

Ei, der Gauß …

Aber das ist ja furchtbar! Ist es das? Zumindest ist es mathematisch – und damit nur ganz schlecht zu ändern. Und zwar weder im Kapitalismus – und auch nicht in einem wie auch immer gearteten Sozialismus. Bolle meint, da kannste nüscht machen. Oder, wie Bolles liebe gute alte Großmama gelegentlich zu sagen pflegte: Jeder hat sein Päckchen zu tragen.

Zum Glück ist es ja nicht so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch die Bank weg top wäre oder eben ui. Der eine kann dies, der andere kann jenes gut oder zumindest gut genug, um es zur Grundlage eines erfüllten und nützlichen Lebens zu machen. Der Trick – falls man das so nennen mag – kann doch nur darin bestehen, das zu tun, was einem liegt, und alles andere ebenso tunlichst wie weise bleibenzulassen.

Aber macht das mal den Bildungspolitikern klar oder gar den Pädagogen. Offenbar sind 2.500 Jahre praktischer Erfahrung bei weitem noch nicht lang genug. Da stolpert man von einem „hochmodern kreativ-innovativen“ Ansatz zum nächsten und wundert sich, daß man nicht recht weiterkommt. Dieser Tage hat sich – etwa eine Generation nach der ersten einschlägigen Erhebung – in der sogenannten PISA-Studie einmal mehr gezeigt, daß es stetig steil bergab geht mit dem Lesen, Schreiben, Rechnen. Man könnte glatt sagen: Nie war man dümmer als heute. Bolle möchte lieber gar nicht so genau wissen, wie solche Studien zustandekommen. Beschränken wir uns hier und heute auf das Stichwort ›Bildungsgerechtigkeit‹: Es sei, so hört man, völlig ungerecht, daß Kinder aus „unterprivilegierten“ Schichten schlechter abschneiden als Kinder aus den höheren Schichten. Das müsse man natürlich ändern – und zwar sofort, of course. Allerdings meinte man das damals schon. Passiert ist allerdings herzlich wenig in den letzten 25 Jahren.

Die Entschlosseneren meinen ja, man müsse dem Leistungsprinzip wieder mehr zur Geltung verhelfen. Lernen sei nun mal kein Zuckerschlecken. Was ist da dran – falls überhaupt was dran ist? Nun – abgesehen davon, daß Bolle Zucker weder mag noch braucht, glaubt er – falls er überhaupt was glaubt – an Entwicklungspsychologie. Und da gibt es nun mal so etwas wie Zeitfenster beziehungsweise, neudeutsch, „windows of opportunity“. Man könnte auch sagen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Zumindest aber lernt Hans es nur mit einem völlig ungehörigen Aufwand.

Bei Bolle war das anders. Bei Bolle war es so, daß seine Frau Mama eine – wie man heute sagen würde – Tradwife war. Seinerzeit hieß das noch ›Hausfrau‹ und war ein durch und durch anerkannter und ehrenwerter Beruf. Und so kam es, daß Bolle – in der Küche auf dem Boden sitzend – seiner Frau Mama bei der Hauswirtschaft assistieren durfte. Dabei ist assistieren vielleicht ein wenig übertrieben. Schließlich hatte er wenig mehr zu tun als zuzuhören: „So – Mama schneidet jetzt die Kartoffeln. Dann kommen sie in den Topf …“. Und so weiter, und so fort. So ging das den ganzen Tag. Natürlich hatte Bolles Frau Mama nicht mit High Heels in der Küche gestanden. Auch war der Kühlschrank nicht so groß wie auf unserem Bildchen – und auch nicht so überschwenglich voll. Weniger amerikanisch, halt – dafür aber sehr viel gemütlicher. Vor allem aber: Mama war da und ansprechbar. Das war der wichtige Punkt – wie Bolle heute weiß.

Kurzum: Bolle ist von ganz klein an mit Sprache aufgewachsen. Er hatte sie den ganzen Tag im Ohr. Und irgendwann wurde ihm klar, daß es auch schriftliche Sprache gibt – die es natürlich zu entschlüsseln galt. Und zwar nicht etwa wegen irgendeines „Leistungsprinzips“, sondern allein aus Lust am Lesen, aus reinem Interesse. Bolle kann sich noch daran erinnern, wie er einst versucht hatte, die Aufschrift auf dem Klo-Spülknopf zu entziffern. Dort stand ›DAL‹ – der Markenname eines der damaligen Hersteller. Das ›A‹ kannte er schon. Daß in ›Wasser‹ ein ›A‹ vorkommt, war ihm ebenfalls klar. Und so gebot ihm die schiere Logik zu vermuten, daß dort ›Wasser‹ stehen  k ö n n t e . So macht Lesen lernen Spaß – und zwar ganz ohne jedes „Leistungsprinzip“.

Mit dem Schreiben verhielt es sich ähnlich. Bolle weiß heute noch, daß er stundenlang irgendwelche Buchstaben, die er schon kannte, nach dem Zufallsprinzip aneinandergereiht hatte und von seiner Frau Mama – die schließlich immer da war – wissen wollte, ob das was heiße, was da steht? Einmal war ihm, rein zufällig, ›BEIN‹ gelungen. Sein erster schriftlich gefaßter Begriff. Mama war entzückt – und Bolle stolz wie Bolle. Und so nahm es nicht weiter Wunder, daß er locker-lässig lesen konnte und auch schreiben – lange bevor ihm irgendwelche Pädagogen mit derlei auf die Pelle rücken konnten. Tja – mit der Hausfrau und der Küche ist es halt wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Aber wir waren bei Entwicklungspsychologie. Hier gilt: So etwas läßt sich nicht aufholen in späteren Jahren – nicht mit allem Geld der Welt. Never ever – wobei wir unter ›späteren Jahren‹ ein zartes Alter von vielleicht 6 oder 7 verstehen können und müssen. Soviel also zu „Bildungsgerechtigkeit“.

Natürlich kann einem leicht etwas langweilig werden, wenn die Pädagogen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit wenig Neuem aufzuwarten wissen. Allein Bolle wußte sich schon immer auch so zu beschäftigen. So beliebte sein Französischlehrer, wohl nicht ganz zu Unrecht, ihn stets mit „Monsieur le Rêveur“, also „Herr Träumer“, anzusprechen und ansonsten in Ruhe zu lassen. Aber immer noch besser als unter verhaltensgestörten – heute heißt das ja verhüllend „verhaltensauffälligen“ – und dabei naturgemäß lerngestörten Mitschülern zu sitzen, die man aus reinem pädagogischen ›Alle Menschen sind gleich‹-Impetus meint, „inklusiv“ unterrichten zu müssen. Oder unter Mitschülern, die nicht einmal die Sprache sprechen und also auch kein Wort verstehen, oder bestenfalls kaum. Kann das funktionieren? Natürlich nicht! Die armen Lehrer! Sind die Mitschüler deshalb schlechtere Menschen? Natürlich nicht! Nur sind sie eben völlig fehl am Platze. Es schadet allen und nützt keinem. Im Grunde verhält es sich wie mit unserem Mathildchen vom So 02-08-26 Einheit in Vielfalt? Oder EWA meets Mathe? Hier müssen wir auf der Ordinate nur ›common sense‹ durch ›Gedeihlichkeit‹ (der Lernerfahrung und des Lernerfolges) ersetzen. Sonst ändert sich nüscht.

Wie sich die Mathildchen gleichen …

Das nicht zu sehen – beziehungsweise gar nicht erst sehen zu  w o l l e n , nachgeradezu zu leugnen – das ist es, was Bolle zu unserer heutigen Überschrift angeregt hat: derb zwar, aber kommt durchaus von Herzen. Für eine Volkswirtschaft nämlich, die außer ihrem Humankapital – mit Lesen, Schreiben, Rechnen als essentialia educationis, als unverzichtbarer Grundlage also – wenig in die Waagschale zu werfen hat, könnte das ein richtig böses Erwachen geben. Kieken wa ma, was passiert. Allein, wie heißt es doch so schön in Bolles Kreisen?

Wir glühen, bis die ganze Welt
an der Wirklichkeit zerschellt
und in sich zusammenfällt.

In Anlehnung an ›Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz‹ (vgl. dazu So 30-08-26 META – make everybody think again) könnte man vielleicht sagen: Freude am Können sieht nur von unten aus wie Leistung. Ist die Freude erst einmal erweckt – und das geht nun mal nur in sehr, sehr jungen Jahren – dann ergibt sich der Rest wie von selbst. Jeder spätere Versuch, da irgendwas zurechtzustoppeln, ist allenfalls ›a very Ersatz‹ (wie die Yanks das trefflich nennen). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 24-08-25 Wissenschaft, die Wissen schafft

Die drei Daseins-Domänen.

Da sind sie wieder, unsere drei Daseins-Domänen – die Bolle ja meist zärtlich, aber wohl nicht weniger treffend, ›Die drei Töchter der Philosophie‹ nennt. Zuletzt verwendet hatten wir sie vor kurzem erst (vgl. So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem) und davor vor knapp einem Jahr (vgl. So 06-10-24 Propaganda). Mittlerweile neigt Bolle ja der Ansicht zu, daß sich der allergrößte Teil des alltäglichen Unsinns, der tagein, tagaus so über einen kommt, durchaus vermeiden ließe, wenn man nur ein etwa halbes Dutzend – Bolle hat nachgezählt – Modelle beachten würde. Non multa, sed multum (lieber viel als vielerlei), also – eine Ansicht, die schon der römische Rhetoriklehrer Quantilian (ca. 35 bis ca. 96 n. Chr.) vertreten haben soll, und die Goethe, unser Dichterfürst, in seinem ›West-oestlichen Divan‹ (1819) auf seine ureigenste, geradezu idiosynkratische Weise epigrammatisch wie folgt gefaßt hat:

Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.

Allein: Vergebens predigt Salomo. // Die Leute machen’s doch nicht so. (Wilhelm Busch).

Nun ist Wissenschaft – also die erste der drei Töchter – gegenwärtig schwer en vogue. Nüchtern betrachtet handelt es sich bei ›Wissenschaft‹ um ein gesellschaftliches Subsystem, das bestrebt ist, Gegebenheiten beziehungsweise Zusammenhänge zu erkennen. Das geschieht entweder (zumindest vordergründig) absichtslos oder aber zweckgerichtet. Ersteres nennen wir Grundlagenforschung, letzteres anwendungsorientierte Forschung. Dabei ist das, was wir ›Technik‹ nennen – zu der wir übrigens ohne weiteres auch die Medizin zählen können –, gewissermaßen die Krone der Anwendungsorientierung. Da wird ausprobiert, was funktioniert. Und wenn etwas funktioniert, dann nennen wir es ›wahr‹ im Sinne unseres Bildchens oben. Das ist dann einfach so. Und vielleicht liegen wir damit gar nicht mal so falsch – jedenfalls so lange nicht, wie wir nicht wirklich wissen, was Wahrheit an sich denn überhaupt sein soll.

Kant spricht hier gern vom ›Ding an sich‹ – dem jeglicher Beobachtung per se Unzugänglichen. Manche halten das gar für seinen wichtigsten Beitrag zur Philosophie. Im Kern kann Kant dabei nichts anderes meinen als das, was Bolle Welt I nennt.

Das Drei-Welten-Modell (3W)

In puncto Wahrheit jedenfalls scheint Bolle mit dem trichotomen WiWa-Modell (›Wirklich wahr?‹ // vgl. dazu zuletzt So 06-07-25 Kranksein – unser Preis fürs Dasein?) alles Wesentliche gesagt. Kieken wa ma. Vielleicht kommt ja noch mehr …

Wirklich wahr (WiWa) trichotom.

›Wissen‹ – also die Einsicht in Gegebenheit beziehungsweise Zusammenhänge – läßt sich nur einigermaßen gesichert erwerben, wenn man die Möglichkeit hat, etwas wieder und wieder und wieder zu überprüfen. Vornehm nennt man das übrigens ›verifizieren›‹ beziehungsweise, seit Popper (1902–1994) noch sehr viel vornehmer, das Gegenteil von etwas zu falsifizieren. Aber derlei hat mit Wissenschaft wenig zu tun und lenkt nur ab vom Wesentlichen.

Die Überprüfung vermuteten Wissens aber funktioniert nur ausnahmsweise und bei weitem nicht in allen Disziplinen, die sich „Wissenschaft“ nennen. Bolles Lieblingsbeispiel hier ist die „Entdeckung“ des Higgs-Bosons. Das Higgs-Boson ist ein schon 1964 von Peter Higgs und anderen theoretischen Physikern postuliertes Teilchen, das dafür verantwortlich sein soll, daß es so etwas wie Schwerkraft gibt.

Um zu vermeiden, daß man etwas glaubt (true), was dann möglicherweise doch nicht so ist (neg), mußte man erst einmal leistungsfähige Teilchenbeschleuniger entwickeln – und dann testen, testen, testen … Das ganze hat sich bis 2012 hingezogen – also fast 50 Jahre. Dann erst nämlich sollte der experimentelle Nachweis eines Higgs-Bosons gelingen. Wobei ›Nachweis‹ durchaus als Euphemismus durchgehen kann. Tatsächlich ist es nämlich so, daß besagtes Teilchen (nur) mit einem Signifikanzniveau von 5 σ nachgewiesen werden konnte. In der Graphik wäre das die Fläche unter der Kurve bei x =  5. Wir haben darauf verzichtet, das einzuzeichnen, weil ja bereits bei x = 4 nicht mehr viel los ist. Damit man sich das besser vorstellen kann: Die Wahrscheinlichkeit, daß man irrtümlich ein Higgs-Boson „entdeckt“ hat, entspricht der Wahrscheinlichkeit, mit einer Münze 22 (!) mal in Folge Kopf zu werfen (oder Zahl – ist egal). Viel Spaß beim experimentellen Überprüfen!

Ei, der Gauß …

Zum Vergleich: In den meisten sozial orientierten Wissenschaften begnügt man sich dagegen mit einem Signifikanzniveau von gerade einmal 5 Prozent. Das entspricht der Wahrscheinlichkeit, bescheidene 5 (!) mal hintereinander Kopf (oder Zahl) zu werfen. Das hat Bolle tatsächlich ausprobiert – und gerade einmal 17 Würfe gebraucht, um 5 mal hintereinander ›Zahl‹ zu erzielen.

Kurzum: die meisten Wissenschaften wissen nichts. Was sie allerdings nicht davon abhält, so zu tun, als wüßten sie was. Bolle meint: ›Wissenschaft, die Wissen schafft‹ geht anders. Um das breite Publikum zu bluffen, reicht es indessen allemal.

Um hier etwas Klarheit reinzubringen, unterscheidet Bolle zwischen Repro-Disziplinen und Non-Repro-Disziplinen. Dabei sind erstere Wissenschaften, in denen es möglich ist, ein und denselben Zusammenhang wieder und wieder zu überprüfen – solange, bis man nach menschlichem Ermessen einigermaßen sicher sein kann, daß es „wirklich“ so ist. Das übliche Unwort „exakte Wissenschaften“ – also Wissenschaften, wo man etwas rechnen kann – mag Bolle dagegen gar nicht in den Mund nehmen. Aus der Möglichkeit, etwas in Zahlen oder Formeln zu verpacken, folgt nämlich keineswegs, daß das ganze damit auch nur einen Deut wahrer würde. Bestenfalls wird es beeindruckender für das breite Publikum. Bolle sieht hier den – durchaus verständlichen – Wunsch der Paragonisten der Non-Repro-Disziplinen, doch bitteschön auch als „echte“ Wissenschaft anerkannt zu werden. Viel mehr als einen eingefleischten Minderwertigkeitskomplex (Alfred Adler 1912) vermag Bolle hier aber nicht zu erkennen.

Alles andere ist natürlich auch ehrenwert – aber eben nicht repro. „Wissen schaffen“ läßt sich so nicht. Philosophieren allerdings läßt sich sehr wohl. Folglich haben wir es hier mit Sozialphilosophie zu tun: Die jeweiligen Wissenschaftler meinen, etwas sei so (oder so) – entziehen sich dabei aber jeglicher Nachprüfbarkeit. Kann sein, kann nicht sein. Wer weiß …?

Das alles wäre gar nicht weiter schlimm – würden solche Wissenschaftler nur nicht wie gekränkte Kinder darauf bestehen wollen, daß sie Wissen schaffen. Sie tun es nicht.

Ganz schlimm ist es übrigens bei den Juristen. Die Rechtswissenschaft hat mit ›Wissenschaft, die Wissen schafft‹ rein gar nichts zu tun. Das ergibt sich bereits aus ihrer Zugehörigkeit zu der Daseins-Domäne Schwester Ethik. Wir haben es hier mit einem Set von Sollens-Aussagen zu tun – und keinesfalls mit Ist-Aussagen (Schwester Logik). Allerdings muß man den Juristen zugute halten, daß sie sich (seinerzeit jedenfalls) sehr ernsthaft mit der Frage beschäftigt haben, ob es sich bei ihrer Disziplin denn überhaupt um eine Wissenschaft handele. Die naheliegende Antwort – Nein – ist dann allerdings irgendwie auf dem Schutthaufen der Geschichte untergegangen.

So richtig peinlich wird es allerdings, wenn Vertreter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ausgerechnet dieser Zunft meinen, ihre „Wissenschaftlichkeit“ hervorheben zu müssen (vgl. dazu So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem). Auf wirkliche Wissenschaftler kann derlei natürlich nur nachgerade lächerlich wirken, of course.

Kurzum: was solchen Disziplinen fehlt, ist eine solide schnelle Feedback-Schleife.

Der Problemlösungszirkel (PLZ).

Es hapert hier also am Soll/Ist-Abgleich. Wenn ich – dies als ebenso naheliegendes wie hoffentlich anschauliches Beispiel – ein Programm programmiere und der Interpreter (also das Programm, das meine Programmierung maschinenlesbar machen soll) spuckt immer wieder „Error“ aus, dann weiß ich, daß ich sprichwörtlich Scheiße programmiert habe und werde es umgehend ändern – und zwar so lange, bis es funktioniert. Oder aber, ich lasse davon ab (Pfeil b) und behellige die Menschheit nicht weiter damit.

In der Sozialphilosophie fehlt ein solcher präziser Feedback-Mechanismus. So könnten wir uns bis heute (und in alle Zukunft) trefflich streiten, ob das, was (nur zum Beispiel) Karl Marx meinte, in irgendeiner Weise wahr gewesen sein mag – oder eben nicht. Dem Philosoph ist nun mal nichts zu doof. Er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mag dazu beitragen, sich ein Bild von der Welt zu machen (siehe oben Welt III). Das ist durchaus ehrenwert – und vermutlich auch unverzichtbar. Schließlich zählt das Orientierungsbedürfnis zu den vier kognitiven Grundbedürfnissen (SOSS). Mit ›Wissen schaffen‹ aber hat es nichts zu tun.

So – damit hätten wir immerhin fünf von derzeit sechs Modellen in unser heutiges agnostisch-kontemplatives Sonntagsfrühstückchen eingebaut. Falls einem das alles nicht auf Anhieb restlos klar sein sollte. Don’t worry – be happy. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Darauf vielleicht erstmal einen Schnaps zum Frühstück. Bolle jedenfalls macht das so. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-06-25 Wenn Glocken richtig rocken

Ei, der Gauß …

Nach den doch eher etwas fluffigeren Sujets der letzten Sonntagsfrühstückchen wollen wir uns diesmal wieder einem strikteren Gegenstand zuwenden. Kenner werden es sogleich erkannt haben: Wir reden hier von der Gauß’schen Glockenkurve. Ersonnen hat sie Carl Friedrich Gauß (1777–1855), der zu Lebzeiten schon als Princeps mathematicorum, also Erster seiner Zunft galt, seinerzeit im Jahre 1809.

Was will uns Gauß damit sagen?

Stellen wir uns ein Weizenfeld vor (etwaige Allergiker, beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course, mögen sich mit einem Dinkelfeld begnügen). Nehmen wir an, die Halme seien im Mittel 100 cm hoch (in der Graphik entspricht das der 0) und hätten eine sogenannte Standardabweichung von ±10 cm (in der Graphik entspricht das dem Bereich zwischen –1 und +1). Das bedeutet, daß wir erwarten können, daß 2/3 der geernteten Halme zwischen 90 und 110 cm lang sein werden und damit „Mittelmaß“. Natürlich werden sich auch Halme finden, die zwischen 110 cm und 120 cm hoch sein werden. Allerdings, das sagt uns die Glockenkurve, wird das nur rund 1/7 der Halme sein. Noch größer als 120 cm – auch das kommt vor – werden nur noch 1/44, also knapp 2,5% der Halme sein (in der Graphik das Feld ›top‹). Das Gegenstück ›ui‹ übrigens steht für ›unterirdisch‹ – obwohl das, zugegebenermaßen, bei Halmlängen ein schiefes Bild ergibt. Oder – auch das sagt die Graphik aus – um zum oberen Drittel zu gehören, müßte ein Halm wenigstens gut 104 cm lang sein (rote Linie). Damit wäre er zwar immer noch Mittelmaß – allerdings schon leicht überdurchschnittlich.

Wer nun meint, was interessieren mich Weizen- oder Dinkelfelder? Mehl kommt mir aus der Tüte beziehungsweise Brot gibt’s beim Bäcker – dem sei gesagt, daß sich die Gauß’sche Glockenkurve auf erstaunlich viele Bereiche im wirklichen Leben anwenden läßt – unter anderem auf so weizenferne Felder wie Leistungsfähigkeit und -bereitschaft (also etwa Schulnoten, wenn sie denn gerecht vergeben würden) oder eben auch auf das, was wir hier politische Urteilskraft nennen wollen.

Übertragen bedeutet das: Unter den Bedingungen einer Demokratie werden Leute mit guter oder sehr guter politischer Urteilskraft schwerlich regieren können – einfach, weil sie nicht in der Mehrheit sind. Selbst für eine sogenannte Sperrminorität (rote Linie) wird es absehbar eng, weil es dafür nötig wäre, einen gehörigen Teil des Mittelmaßes zu gewinnen. Die Vorzüge einer Demokratie können also nur woanders liegen. In der Gauß’schen Glockenkurve jedenfalls liegen sie nicht.

Was aber soll das überhaupt sein, politische Urteilskraft? Die einfachste und ganz naheliegende Antwort wäre wohl: Politische Urteilskraft hat in meinen Augen, wer die Partei wählt, die ich selber auch wählen würde. Easy – aber führt zu nichts. Drehen wir den Spieß also um: Was würde nahelegen, daß es einem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) an selbiger mangelt? Im Wesentlichen wohl, daß er nicht wirklich in der Lage ist, sich ein Bild zu machen von den jeweiligen Paragonisten (neudeutsch: Akteuren) oder Gegebenheiten. Da bricht einer alle Wahlversprechen, gelobt kurz vor der Wahl Besserung – er habe es schließlich nicht besser wissen können – und wirbt treuherzig um „Vertrauen“. Und die Leute wählen ihn wieder. Da werden im Vorfeld einer Wahl regelmäßig regelrechte Plakatschlachten veranstaltet – und mancher Wähler läßt sich, wie’s scheint, davon dann doch irgendwie beeindrucken. Da postet einer schicke Reels auf Insta – und kriegt dafür (!) die Stimme. Da gibt es Last-Minute-Wähler, die zehn Minuten vor der Stimmabgabe noch immer nicht wissen, was sie wählen wollen – als hätten sie nicht Monate und Jahre Zeit gehabt, sich ein solides Bild zu machen und zu einem fundierten politischen Urteil zu kommen. Schließlich gibt es auch noch Wähler, die wählen sowieso immer, was sie schon immer gewählt haben – egal, was auch immer die Paragonisten veranstalten mögen: Traditionales Verhalten, halt. Kurzum: Mangelnde politische Urteilskraft scheint ein Spezialfall von mangelnder prognostischer Kompetenz zu sein: Die Unfähigkeit zu erahnen, was passieren wird, wenn dieses oder jenes so weitergeht. Kognitive Kurzsichtigkeit also. Oder, wie Bolle das womöglich resümieren würde:

Kurzum –
Und dabei völlig ohne Hohn:
Ein klitzekleines bißchen dumm
Wirkt das alles dann doch schon.

Und so sucht, entgegen dem völlig anderslautenden Paratickma, auch kein Aas das angeblich bessere Argument, sondern lediglich die bessere Agitation. Auch hier scheint, einmal mehr, ›Luhmanns Law‹ zu gelten. In Bolles Fassung lautet es (vgl. dazu Mo 12-12-22 Das zwölfte Türchen …):

Das System erzeugt die Elemente,
aus denen es besteht,
mittels der Elemente,
aus denen es besteht.

Wir haben es hier also wohl einfach nur mit zielgruppengerechter Ansprache zu tun – wobei die Zielgruppe das Mittelfeld ist, also der Bereich zwischen –1 und +1. Und die Medien mischen munter mit. Daher womöglich auch der geradezu heilige Zorn gegen alles, was sich davon nicht einfangen lassen will, geschweige denn unterhaken – und damit das Idyll einer Schönwetter-Demokratie trübt. Im Überschwange geht das dann so weit, daß manche ernstlich meinen, Einigkeit sei eine demokratische (!) Tugend. Hört, hört! Mit derlei wird man leben müssen – und gegebenenfalls auch leiden. Abhilfe ist nicht in Sicht – und zwar aus rein mathematischen Gründen nicht. Was aber rein mathematisch nicht funktioniert, kann auch in der besten aller möglichen Welten (Voltaire 1759) nicht funktionieren. Eine damit oft verbundene regelrechte ideologische Überhöhung aber – 🎶 Im Westen, im Westen, da ist‘s ja wohl am besten, Fidirallala, … 🎶 – können wir getrost den Hülsenfrüchtchen überlassen.

Eines aber wollen wir dabei – Bolle featuring Marx/Engels 1848 – nicht vergessen: Die Parlamentarier haben nichts zu verlieren als ihre Buletten. Sie haben ihre Welt zu gewinnen. Parlamentarier aller Länder, vereinigt Euch! – namentlich gegen Wahlvolk mit mittelmäßiger politischer Urteilskraft. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.