
Sachen gibt’s, die gibt’s fast gar nicht mehr. Dabei sind sie mitunter wirklich praktisch: Schnupftabak etwa. So ist zum Beispiel noch kein Hülsenfrüchtchen je auf die Idee gekommen, den Leuten das Schnupfen verbieten zu wollen – weder in Kneipen oder Restaurants noch sonstwo. Ein echtes Tummelfeld also für Micro-Resistance – wie das in Bolles Kreisen aufrührerisch heißt.
Apropos Micro-Resistance: Bolle liebt es geradezu, auf manchen Partys etwa eine – ganz unschuldige und ungestopfte – Tabakspfeife im Mäulchen zu führen. — „Hier ist Rauchen verboten“ hieß es einmal von hinterm Tresen. — „Wieso – ick rooch doch gar nich.“ Und schon war nolens volens Ende Gelände mit dem ebenso knappen wie unseligen Disput. Zwar hatte Bolle mitnichten geraucht – aber offenbar auch nicht so recht ins mancherseits erwünschte – wie soll man sagen? – Stadtbild gepaßt. Aber genau d a r u m ja! Allein es gibt an dieser Stelle auch Erfreuliches zu berichten: Am gleichen Ort, zur gleichen Stunde nämlich entzückte sich eine unbekannte Schöne – vermutlich Studentin: „Boah! Wie stilvoll kann man sein …“. Na also – soo verdorben scheint die Jugend dann wohl ja doch noch nicht.
Natürlich muß niemand rauchen wollen. Auch nicht schnupfen. Aber diese aufdringliche Permanenz, mit der manch Hülsenfrüchtchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seinen Mitmenschen damit auf die Nerven geht, was löblich sein soll für die Welt – Selbstschutz, Fremdschutz … Rundumschutz überhaupt und allerorten: namentlich in der Corönchen-Hysterie hatten sie uns damit bis zum Gehtnichtmehr in den Ohren gelegen –, muß man wirklich nicht goutieren. Helfen, retten, schützen … kotzen, halt. Da hilft wohl letztlich nur agnostisch-kontemplativer Gleichmut.
Was die hilfreich gemeinten Hinweise auf den Verpackungen angeht: Im Grunde kann Bolle das völlig wurscht sein. Für sowas hat man schließlich seine Paraphernalia – schlicht zwar, aber ästhetisch ansprechend und vor allem durch und durch belehrungsfrei. Der Rest kommt dahin, wo er hingehört: in den Mülli.
Diesmal aber wollte Bolle es genauer wissen und fühlte sich veranlaßt, auf einen alten Juristen-Trick zurückzugreifen: Wo steht das? Nun, beim zuständigen Bundesamt für Risikobewertung heißt es in der Stellungnahme Nr. 031/2013 – gleich in der Überschrift: ›Schnupftabak birgt ebenso hohes Suchtrisiko wie Zigaretten‹. Aha! Schaut man nun ins Kleingedruckte – auch das ein alter Juristentrick –, dann heißt es unter ›Wahrscheinlichkeit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung‹ frank und frei: ›Möglich‹. Aha! Und unter ›Aussagekraft der vorliegenden Daten‹ heißt es: ›Gering: Zahlreiche wichtige Daten fehlen oder sind widersprüchlich‹. Aha, zum Dritten! Nichts Genaues weiß man also nicht. Immerhin ist man insoweit ehrlich – zumindest im Kleingedruckten.
Das hält die Verantwortlichen aber natürlich nicht davon ab, erst mal ebenso knallige wie kontrafaktische Überschriften zu generieren beziehungsweise Schnupftabakverpackungen mit einschlägigen Warnhinweisen zu verunzieren. Wenn’s doch der guten Sache dient! Immerhin hat man sich Hinweise wie ›Schnupftabak ist tödlich‹ oder so wohl gerade noch verkneifen können.
Im übrigen kann Schnupftabak durchaus auch Leben retten – zumindest aber vorzeitiges Ableben verhindern. Fragt Friedrich II (1712–1786). Der nämlich – seines Zeichens ein großer Schnupfer vor dem Herrn – wurde mitten im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) in der Schlacht bei Kunersdorf (1759) von einer russischen oder habsburgerischen Kugel ereilt, die wohl tödlich gewesen wäre – wäre sie nicht von seiner Tabatière, die er im Waffenrock stets bei sich trug, abgefangen worden. Und so kam es, daß Friederich dank Schnupftabak die Schlacht bei Kunersdorf noch 27 Jahre überleben sollte. Soviel zu ›Rauchen ist tödlich‹. Und so bleibt es denn bei dem, was ein jeder aufrechte Agnostiker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seit alters her für wahr erachtet: Wir wissen es nicht. Und wir werden auch nie wissen, was im Leben einer individuellen Person jeweils das Richtige gewesen sein mag. Statistische Wahrscheinlichkeiten sind da nur eine schale Ausflucht – denn sie haben für den Einzelnen Null Komma Null Null Aussagekraft. Das ist auch jedem seriösen Statistiker klar. Allein wie sag ich’s meinem (in der Regel kollektivistisch inspirierten) Hülsenfrüchtchen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
