Do 07-01-21 Journalismus 2.0

Journalismus 2.0.

Es reißt nicht ab mit den „Breaking News“. Nach Fr 25-12-20 Breaking News und gerade erst gestern, Mi 06-01-21 Breaking News, zum zweiten …, hier der dritte einschlägige Fall in schneller Folge. Was ist passiert? Bolle guckt gerade eine „Dokumentation & Reportage“ über Hans Albers – da schleicht sich schon wieder einer dieser Kriechtexte durchs Bild: „Aus aktuellen Gründen brechen wir den Film demnächst ab.“ Immerhin: dieses mal mit Ansage. Um was ging’s? Corönchen, schon wieder? Mitnichten. Dieses mal ging es um eine handvoll verärgerter Republikaner, die sich erfrecht hatten, eine Begehung des Kapitols (neudeutsch: walk-in) zu veranstalten. Das wurde in den „Breaking News“ dann glatt zum „Sturm aufs Kapitol“ bzw. gar zum „Alptraum für die amerikanische Demokratie“ hochgehyped. Wie wir weiter erfahren durften, lagen gar „kaputte Dinge auf den Gängen“. Bolle meint: Geht’s noch? Habt Ihr’s nicht ne Nummer kleiner?

Das beste kommt indes zum Schluß: Hans Albers wurde abgebrochen, um der Live-Berichterstattung Raum zu geben. Die Live-Berichterstattung indes wurde abgebrochen, weil „es kommen Menschenmengen“. Bolle meint: Immer rinn ins Jewühle, mittenmang. Dann habt Ihr wenigstens endlich mal wirklich was authentisch zu berichten, statt nur dumme Prefab-Presse-Briefings zu verkünden – und denkt dabei an Journalisten alter Schule wie etwa Churchill oder Hemingway. Die nämlich waren mittenmang da, wo die action ist – da, wo’s wirklich was zu berichten gibt. Heute dagegen wird man – so von Hasenfuß-Journalist zu Hasenfuß-Journalist – dafür gelobt, daß man „die Schalte zum Glück beendet und sich in Sicherheit gebracht“ hat. Bolle hält es da mit Faust (Zeile 534–537):

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen,
Wenn es nicht aus der Seele dringt
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwingt. […]

Nun: Mit „Wir müssen abbrechen. Es kommen Menschenmengen“ lassen sich schwerlich Hörerherzen zwingen. Zu gefährlich? Möglich. Indes: Es gibt noch andere Jobs, die man tun kann. Obwohl: vgl. dazu nicht zuletzt Di 22-12-20 Das zweiundzwanzigste Türchen …. Aber das ist vielleicht schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 06-01-21 Breaking News, zum zweiten …

Breaking News, zum zweiten …

Wir hatten uns bereits am 25. Dezember, also mittenmang in den Weihnachtstagen, kurz mit dem Thema befaßt (Fr 25-12-20 Breaking News). Damals ging es darum, daß sich staatliche Sendeanstalten erfrechen, mitten in einer Weihnachtskomödie einen Kriechtext einzublenden – der ebenso störend wie belanglos war. Natürlich läßt sich alles toppen, wenn man es drauf anlegt. So geschehen gestern abend. Da ging es um ein heiteres Ratespiel. Wenige Minuten vor dem Ende der Sendung – also kurz vor der Auflösung, welches Team denn gewonnen haben wird – kam, wuusch und mit dem üblichen Täterätä, eine komplette Nachrichten-Sendung als „Breaking News“. Inhalt? Völlig uninteressant — irgendwas mit Corönchen halt. Und selbst wenn: Wenige Minuten später hätte man das alles auf einem Partnersender ebenso gut im Rahmen des regulären Programms verfolgen können, so einem denn danach lechzt. Das ganze wurde obendrein damit anmoderiert, daß das ja wohl „alle“ interessiere. Nein, tut es nicht. Zumindest Bolle interessiert das nicht die Bohne. Und allein damit ist „alle“ logisch widerlegt. Aber das ist wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 05-01-21 Gleichzeitig zeitgleichig?

Gleichzeitige Zeitgleichigkeit?

Hier ein kleiner Beitrag zum allgegenwärtigen sprachlichen Sondermüll. Eine einzelne Quelle zu isolieren macht an dieser Stelle wenig Sinn. Die Konfusion hat mittlerweile „viral“ – wie es neudeutsch so schön heißt – um sich gegriffen. Fassen wir uns kurz.

»Gleichzeitigkeit« bedeutet, daß zwei Ereignisse zum gleichen Zeitpunkt stattfinden oder stattgefunden haben. »Zeitgleichigkeit« dagegen bedeutet, daß zwei Ereignisse den gleichen Zeitraum – das ist der Abstand zwischen zwei Zeitpunkten – in Anspruch genommen haben. Wenn also zum Beispiel zwei Sportler eine Minute zeitversetzt starten und dabei exaktemente die gleiche Zeit brauchen, um ins Ziel zu kommen, dann ist das zeitgleich. Allerdings kommen sie dabei nicht gleichzeitig ins Ziel – sondern eben eine Minute zeitversetzt. Kämen sie gleichzeitig ins Ziel, dann wäre der später gestartete Sportler eine Minute schneller gewesen – und eben nicht „zeitgleich“. Nun könnte man sagen: Haben wir denn sonst keine Probleme? Oder, sachlicher: Sprache entwickelt sich eben. Was Bolle indes Sorgen macht, ist der Unterschied zwischen „anders und anders“ (Variabilität) einerseits und „präziser vs. schlampiger“ (Qualität) andererseits. Wenn es nun aber auf der formalen Ebene überhaupt einen Unterschied macht, der einen Unterschied macht (Gregory Bateson 1985), dann ist es der zwischen Variabilität und Qualität: „anders“ geht, wenn’s denn sein muß, noch in Ordnung – „let them have their fun“ –, „schlampiger“ mitnichten. Und wenn etwas auf der inhaltlichen Ebene einen Unterschied macht, der einen Unterschied macht, dann ist es der zwischen Zeitpunkten und Zeiträumen. Wir sollten das tunlichst nicht konfundieren. Und falls doch, dann sollten wir uns zumindest nicht wundern, wenn das aufgeschlossenere Schichten nicht mehr so recht ernst nehmen können und werden. Alors, journaille de la Patrie. Ihr habt diesen Unsinn in die Welt gesetzt und „viral“ gemacht. Zeit für eine „Wende“ – noch so ein Wortwitz, übrigens. Bolle indes meint das ganz im kanonischen Sinne: 180 Grad zurück marsch, marsch! In seiner Peinlichkeit nämlich steht jeder – ähnlich wie im Tode – ganz für sich allein. Aber das ist dann schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 04-01-21 Letzte Fragen — total so!

Letzte Fragen — total so!

Hier – wie auch schon gestern – ein wirklicher britischer Klassiker. Jedes Kind auf der Insel kennt das. Was aber soll es bedeuten? Wir wissen es nicht. Gleichwohl wäre es doch schade, wenn ausgerechnet das im Gewühle dieser lauten, lärmenden Welt unterginge. Schön ist es nämlich schon. Auch muß man Kunst nicht immer erklären wollen …

Letztlich ist es auch nicht so richtig übersetzbar. Greifen wir also auf die DeepL-Übersetzung zurück. Die geht so:

„Die Zeit ist gekommen“, sagte das Walross,
„um von vielen Dingen zu reden:
Von Schuhen – und Schiffen – und Siegellack –
Von Kohlköpfen – und Königen –
Und warum das Meer kochend heiß ist –
Und ob Schweine Flügel haben.“

Fragen über Fragen. Aber irgendwie, will Bolle scheinen, paßt es noch immer in die Zeiten. Warum nur? Aber das ist vielleicht schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-01-21 Step by step …

Step by step …

Heute wollen wir uns in aller Kürze einem britischen Klassiker zuwenden. Das Sprichwort ist so was von klassisch, daß man es heute nicht mal mehr bei Google finden kann –  wenn wir von einem einzigen vereinzelten Eintrag, der überdies zu nichts weiter führt, einmal absehen wollen. Wie kann das sein? Wir wissen es nicht.

In der Entwurfsfassung des Art. 2 I GG heißt es sinngemäß: Jeder kann tun und lassen, was er will, solange er die Rechte anderer nicht verletzt …  Das klingt doch wirklich freiheitlich. „Die Rechte anderer …“ – da liegt natürlich der Hase im Pfeffer. Wenn man nämlich eines der „Rechte anderer“, namentlich das Recht auf Leben (Art. 2 II GG), über alles stellt und jede mögliche Gefährdung (nicht etwa Verletzung), und sei sie noch so abstrakt und noch so mittelbar, absolut setzt, dann sieht es mit dem Recht, zu tun und zu lassen, was man will, denknotwendig ziemlich finster aus. Kurzum: Das Grundrecht läuft hohl.

So kann es kommen, daß folgendes passiert: Junge Leute feiern in der Bretagne eine Silvesterparty – unter weniger widrigen Umständen das normalste der Welt – und finden sich nach Ansicht einer Sprecherin des französischen Innenministeriums unversehens und allen Ernstes in der Kategorie „Straftäter“ wieder. Warum? „Weil sie die Regeln mißachten“. In entspannteren Zeiten mußte man, falls Bolle sich recht erinnert, sehr viel schwerere Geschütze auffahren als nur eine Silvesterparty zu feiern, um als „Straftäter“ zu enden. Aber genau so funktioniert „step by step“. Und keiner hat’s gemerkt. Auch versteht Bolle nicht, wieso unter diesen Umständen zum Beispiel Autofahren immer noch erlaubt sein soll. So richtig einleuchtend findet er das nicht. Aber das ist wohl ein anderes Kapitel.

Sa 02-01-21 Hype und Hybris

Hype und Hybris.

Wer sich – auch und nicht zuletzt in Corönchen-Zeiten – davon angesprochen fühlen mag, sei an dieser Stelle dahingestellt. Bolle hält L’art pour l’art für ein hinreichendes Motiv, das hier anzubringen. Auch möchte er dem Verdacht begegnen, daß er überwiegend oder fast völlig nur in fernöstlichen Weisheiten bewandert ist.

Das Bild ist einfach herrlich prägnant – bringt es doch in wenigen Worten auf den Punkt, was es über Hybris zu wissen gilt. In real life begegnet ist es Bolle übrigens nur ein einziges mal – und zwar in Ulrich Schamonis zeitlos schönem und wohl auch ein wenig subversivem Film ›Chaupeau claque‹ (D 1974). Doch das ist wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 01-01-21 Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

Der Drops ist gelutscht.

Ein gutes Neues Jahr Euch allen. Mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Belassen wir es also bei einem nüchternen „gut“. Mehr ist umständehalber wohl kaum zu erwarten. Aber Schluß mit der finsteren Weltsicht. Schließlich wollen wir vereinbarungsgemäß agnostisch-kontemplativ sein, was die Grundhaltung angeht.

Der wesentliche outcome, den das Jahr 2020 – allen Widernissen zum Trotze – mit sich gebracht hat, ist, Corönchen sei Dank, die Einsicht, daß wir Menschen sterblich sind. Zwar war das schon immer so – und ist insofern alles andere als neu. Allerdings braucht es zuweilen eine gewisse Wucht (neudeutsch: impact), damit das – an sich selbstverständliche – auch dem letzten unter uns helle wird.

Hier ein weiteres Exempel aus Bolles schier unerschöpflichem adaptierten Zitatenschatz fernöstlicher Weisheiten: „Jede Reise – und sei es die längste – beginnt mit einem ersten Funken an Haltung.“ Beachtet in diesem Zusammenhang bitte die Sorgfalt, mit der der gelutschte Drops auf dem Aschenbecher plaziert wurde. Bolle meint: That’s the spirit. So kommen wir weiter – und möchte sich an dieser Stelle ausdrücklich bei seiner Studentin mit der besten Haltungsnote ever bedanken. So gesehen war 2020 gar nicht soo schlecht. Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

Do 31-12-20 Guten Rutsch! Und bessert Euch!

Silvester 2017 in Berlin Prenzlauer Berg.

Hier die Silvesternacht 2017 in Prenzlauer Berg. In 2018 und 2019 hatte sich Bolle nach »Dinner for One« gleich wieder hingelegt und damit seine photographischen Ambitionen hintan gestellt. Ob es dieses Jahr möglich sein wird, ein Last Minute Pic zu schießen und rechtzeitig ins Netz zu stellen, ist corönchen-bedingt eher fraglich. Auch ist das Bild krass verpixelt. Aber so ist das nun mal im Spätimpressionismus.

Dann wollen wir mal hoffen, daß das kommende Jahr erquicklicher wird als das doch etwas betrübliche 2020. Ob das so wird, hängt natürlich weniger von der Zahl an sich ab als vielmehr davon, was wir draus machen. Wer noch Anregungen zur Neu-Besinnung sucht, möge sich, falls er mag (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), von unserem agnostisch-kontemplativen Adventskalender inspirieren lassen.

Guten Rutsch, fürs erste. Nächstes Jahr wissen wir mehr …

Mi 30-12-20 Komplex, komplexer, und so richtig „hochkomplex“

Komplexität am Himmel.

»Komplex«, man kann das kaum anders sagen, ist ein Modewort – so ähnlich wie früher vielleicht „aufoktroyieren“. »Oktroyieren« heißt ›aufdrängen‹. Was bitteschön, soll dann „auf-oktroyieren“ bedeuten? Sinnentkernt – seinerzeit aber in aller Progressiven Munde. In Bolles defätistischem Wörterbuch steht »komplex« einfach nur für ›blicke nicht mehr durch‹. Was wäre dann „hochkomplex“? ›Blicke überhaupt nicht mehr durch‹, vermutlich. Liegt das nun daran, daß die Dinge so wenig „übersichtlich“ sind – schon wieder so ein dummes Modewort – oder nicht doch eher daran, daß es manchem einfach nur an Durchblick mangelt? Bolle befürchtet letzteres.

Ähnlich verhält es sich übrigens mit „hochbegabt“ – normal begabte Kinder gibt es anscheinend gar nicht mehr – oder auch „hochqualifiziert“. Ein dreifach Hoch also auf die galoppierende Sprach-Inflationierung. Aber das ist wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 29-12-20 Und nun? Was tun?

Bolles Arbeitslogik nebst Ethik.

Übermorgen ist Silvester. Zeit für gute Vorsätze – zumindest aber keine schlechte Gelegenheit, sich ein wenig nachweihnachtlich zu besinnen und sich zu fragen, was man denn sonst noch so vorhat mit seinem Leben. Von Banalitäten wie etwa „Weniger rauchen und mehr Sport“ wollen wir mal absehen. Es soll uns hier nicht um Kleinkram gehen, sondern um die grundsätzliche Ausrichtung dessen, was einer tut.

Unter projektives Tun (von franz. projeter ›nach vorne werfen‹) fällt alles, was einen sprichwörtlich voran bringt. Das kann ein Kunstwerk sein, die Lösung einer mathematischen Gleichung, eine richtungsweisende Erfindung, und vieles mehr. Defensives Tun (von lat. defendere ›abwehren‹) ist alles, was nun mal getan werden muß, allein um nicht zurückzufallen. Da derlei Dinge immer wieder aufs neue getan werden müssen, reden wir zu Recht auch von repetitiv (von lat. repetere ›wieder auf etwas losgehen‹). Weiter kommt man damit nicht. Beispiele wären etwa die Betten machen, den Müll runterbringen, und wiederum sehr, sehr vieles mehr. Wenn nun jemand – sagen wir Leonardo da Vinci – sein Leben überwiegend mit der Schaffung von Werken verbringt, dann wird er einen anderen Blick auf sich und sein Leben haben als jemand, der sein Leben mit Müll runterbringen verbracht hat oder mit der immergleichen Büroroutine.

Mit regressivem Tun (von lat. regredi ›zurückschreiten‹) schließlich ist die Beschäftigung mit Dingen gemeint, die in der Vergangenheit liegen und damit per se unabänderlich sind. Es macht nun mal sprichwörtlich keinen Sinn, verschüttete Milch zu beklagen. Neue Werke entstehen so nicht – und auch der Müll bleibt da, wo er nicht hingehört. Aber soll man denn aus der Vergangenheit gar nichts lernen? Doch, natürlich – dann aber bitteschön zukunftsorientiert im Rahmen projektiven Tuns. Jammern jedenfalls nützt nüscht. Um das ganze knackig zu fassen, könnte man vielleicht auch sagen: Projektives Tun ist auf die Zukunft gerichtet, defensiv-repetitives Tun auf die Gegenwart, und regressives Tun auf die Vergangenheit. Damit dürfte in der Tat alles abgedeckt sein. Der ethische Aspekt, also die letzte Zeile des Zitats, läßt sich ähnlich knackig fassen: Defensiv macht depressiv. Und was das projektive Tun angeht: Es muß ja nicht immer gleich im Leonardo- oder im Einstein-Format sein. Auch Kleinkunst macht Mut. Aber das ist dann wohl schon wieder ein anderes Kapitel.