Sa 23-12-23 Das dreiundzwanzigste Türchen …

Weihnachtlich windige Warnung …

Es gibt Dinge, die wollen – abhold hin, abhold her – dann doch noch Erwähnung finden, zumindest am Rande. Und der 22. Dezember (siehe Bildchen) ist schließlich so ziemlich am Rande, was unseren agnostisch-kontemplativen Adventskalender angeht. Dabei wirkt das Bildchen recht kühl – gefühlt wie –2°, sozusagen – und gar nicht wirklich weihnachtlich.

Das bemerkenswerte aber ist die Windwarnung – verziert mit einem Ausrufezeichen auf rotem Grund, auf daß es bloß niemand übersehen möge. Auch ist das Schildchen keineswegs tagesaktuell – das wollten wir ja lassen in diesem Jahr. Im Gegenteil: Derlei flattert Bolle alle paar Tage auf sein Handy. Dabei wollen wir hier gar nicht aufzählen, vor was alles gewarnt wird: Hitze, Kälte, Schnee, Regen, Eis, Trockenheit, überhaupt Wetter allgemein – und dann natürlich eben auch Wind. Wind!

Nun sind Warnungen weit verbreitet – und das zuweilen auch nicht ganz zu Unrecht. Schon im antiken Pompeji etwa waren Cave-Canem-Fußmatten ein beliebter Schmuck an der Eingangstür. Wörtlich also „Meide den Hund“ beziehungsweise, freier übersetzt; „Vorsicht! Bissiger Köter!“ Nun ist Pompeji bereits im Jahre 79 nach der Geburt des Erlösers der Christenmenschen in der Asche des Vesuvs wortwörtlich untergegangen, falls Bolle in Geschichte aufgepaßt hat. Davor indessen hatte niemand gewarnt: Von Cave-Vesuvium-Schildern ist zumindest nichts überliefert. Soweit zu den Prioritäten.

Was will uns das alles sagen? Wenn wir uns die Mühe machen und auf die Warnung klicken, heißt es: Achtung. Bereiten Sie sich gemäß den Anweisungen vor. Aha! Bolles – zugegebenerweise recht freie – Übersetzung würde lauten: Die Welt ist wild und gefährlich. Aber keine Sorge. Die Regierung kümmert sich um Dich. You never blow alone, sozusagen. Du mußt nur immer schön brav sein und stets die Anweisungen befolgen. Alles wird gut …

Auch würde Bolle überhaupt kein Aufhebens wegen solcher Cave-Ventulum-Geschichten machen (wörtlich: Hüte Dich vor dem Lüftchen) – würden ihm da nicht 3 Jahre Corönchen-Hysterie noch mächtig in den Knochen stecken. Hieß das überhaupt so? Irgendwas mit „ieeh“ jedenfalls war’s  – das weiß Bolle noch ganz genau.

Auch erinnert das alles doch sehr an Äsops Gleichnis von dem Hirtenjungen und den Wölfen (6. Jhd. v. Chr). Der Hirtenjunge hatte – wohl um etwas Abwechslung in seinen eintönigen Alltag zu bringen – laut vernehmlich „Hilfe, Hilfe, der Wolf kommt“ gerufen. Das ganze Dorf eilte ihm zu Hilfe. Allein, da war kein Wolf. Einige Zeit später – und da war dann wirklich ein Wolf, und zwar ein ganzes Rudel – verhallte sein Hilferuf ungehört und er endete, samt seiner Schafe, wie Rotkäppchens Großmutter. Allerdings ohne Happy Ending.

Was Bolle aber wirklich Sorgen machen würde, falls er zu derlei neigen würde, ist das Menschenbild, das dahinter vermutet werden darf bzw. gar muß. Einer Gesellschaft voller schutzbedürftiger Schäfchen würde Bolle beim besten Willen keine allzu prickelnde Sozialprognose ausstellen wollen. Wer mag, mag die fünfteilige Trilogie vom letzten Jahr noch einmal als Weihnachtslektüre der etwas anderen Art nachlesen. Sie findet sich unter dem Schlagwort ›Schrat und Staat‹. Im fünften und letzten Teil (Mi 21-12-22 Das einundzwanzigste Türchen …) heißt es dort, daß für einen Souverän, der sein Salz wert ist, eine hinreichende Freiheit von Bangbüchsigkeit (beziehungsweise, derber formuliert, Freiheit von Schissertum) wünschenswert, wenn nicht nachgerade unverzichtbar wäre. Von wegen Cave Ventulum. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 22-12-23 Das zweiundzwanzigste Türchen …

Knopf im Ohr …

Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt // Weihnacht naht; wir eilen mit. Natürlich nur, soweit sich das mit unseren Kontemplationsbestrebungen in Einklang bringen läßt, of course. Das mit dem Sauseschritt stammt natürlich aus Wilhelm Buschs ›Julchen‹. Wir haben es nur der Jahreszeit entsprechend angepaßt. Zweimal werden wir noch wach …

Ist Euch aufgefallen, daß wir uns dieses Jahr strikte zurückgehalten haben, was die Kommentierung des alltäglichen Unsinns angeht, der natürlich auch vor der Weihnachtszeit nicht Halt macht? Bolle fand, man müsse derlei nicht immer auch noch verstärken. Bolles Biedermeier, sozusagen … Daß dabei trotz allem manches liegengeblieben ist, soll uns hier nicht weiter bekümmern.

Unser Bildchen zeigt Bärchen in zeitgenössischer Fasson, wie Bolle sie neulich in einer weihnachtlichen Auslage in Nürnberg entdeckt hat. Was haben die Bärchen gemeinsam? Den Knopf im Ohr – klar, das. Vor allem aber ihre Schlabber-Labber-Form – falls man hier überhaupt noch von „Form“ sprechen mag.

Bolles Bärchen seinerzeit war noch eine gewisse Festigkeit eigen. Auch hatte er noch den für Bären typischen Höcker am Nacken. Ein Höcker, der wie ein Buckel wirkt, dabei aber aus schierer Muskelmasse besteht und, wie man hört, sehr nützlich sein soll beim Lachse-Fangen.

Moderne Bärchen dagegen wirken eigentümlich weichgespült – geradezu „vegan“. Ist das jetzt schon wieder ein Omen? (vgl. dazu Do 21-12-23 Das einundzwanzigste Türchen …). Möglich wär’s.

Bolles Bärchen seinerzeit war übrigens schon immer einbeinig – not unlike Long John Silver aus Stevensons Schatzinsel (1881). Bolle hält das für geradezu allegorisch: Form mit Fehlern versus heiles Schlabber-Labber. Und so kam Bolle seinerzeit, als es darum ging, ein erstes selbstgekauftes Bärchen zu erstehen, nicht umhin, auf eine Replika aus den 1930er-Jahren zurückzugreifen – als Bären noch Bären waren.

Übrigens soll die Wendung ›ein Knöpfchen dranmachen‹ für „eine Sache ordentlich abschließen“ in der Tat auf den Knopf im Ohr der Steiff-Bärchen zurückgehen. Zwar gibt es das Knöpfchen nach wie vor. Das „ordentlich abschließen“ aber schmeckt eher schal – zumindest nach Bolles Geschmack. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 21-12-23 Das einundzwanzigste Türchen …

Zeichen und Wunder …

Auf der Suche nach Zeichen und Wundern muß Bolle meist nicht lange warten. Sie ergeben sich einfach. Und so soll es ja auch sein. Ansonsten wär‘ das Wunderbare ja wohl schwer geschmälert.

So auch gestern abend. Auf dem Weihnachtsmarkt in Bolles angestammtem Habitat – oder Kiez, wie das bei Zugereisten meist heißt – gab es an einem Stand zwar keinen richtigen roten Glühwein, sondern lediglich „Weiß & Heiß“. Dafür aber gab es Glühwürmchen (!)-Punsch. Nicht, daß Bolle so was trinken würde. Gleichwohl: Ein Begriff setzt sich durch. Gut, daß Bolle alle Rechte hält.

Gestern ist Bolle bei der Durchsicht seiner Weihnachtspost eine Art Liebeserklärung aus dem 18. Jahrhundert an ein „Polygraphum“ unter die Augen gekommen. Gemeint damit war ein Vielschreiber (und nicht etwa ein Lügendetektor).  Dort heißt es: „o nein! du schreibst nur, um zu schreiben.“ Das war durchaus als Kompliment gemeint. Allerdings meint Bolle, man solle auch hier nichts übertreiben. Und so wollen wir uns nach den oft doch sehr ausführlichen Kalendertürchen der letzten Tage heute etwas knapper fassen. Schließlich ist bald Weihnachten.

Übrigens glaubt Bolle nicht wirklich an Omen. Aber in der wunderbaren Weihnachtszeit mag das ausnahmsweise angehen. Und überhaupt: gelegentlich muß ja auch ein Agnostiker mal was glauben dürfen. Die Mischung macht’s. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 20-12-23 Das zwanzigste Türchen …

Weniger mag manchmal mehr sein …

Neulich hatte Bolle ein vorweihnachtliches Telephongespräch mit einem befreundeten älteren Herrn, der langsam, aber sicher auf die 80 zugeht. In Bolles Jugendtagen waren es die Großväter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), die in einem solchen Alter waren – falls nicht längst von hinnen geschieden.

Nach einem einleitenden Bericht über altersbedingte Zipperlein und auch ernsthaftere Beschwerden fühlte sich Bolle veranlaßt zu fragen: Und? Was planst Du so für die nächsten 80 Jahre? Der ebenso freche wie subtile Humor – so war die Frage zumindest gemeint – blieb indessen vollends unerkannt, of course.

Bolle kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß es bei den meisten Leuten so eine Art eingebaute kognitive Sperre gibt gegen das Offenkundige: Wir werden geboren, wirbeln ein Weilchen mehr oder minder sinnlos durchs Leben – und verteilen uns dann ganz stieke wieder im Rest des Universums. Zum Glück, meint Bolle, kommt da nichts weg. Also kein Grund zur Panik. Das sehen in aller Regel selbst hartgesottene Agnostiker ein.

Technisch ausgedrückt: Manchen fehlt die Abbruchbedingung in der Kalkulation. Die Logik dahinter stellt sich Bolle in etwa wie folgt vor: Bis jetzt habe ich noch immer den jeweils folgenden Tag erlebt. Und weil das bislang immer so war, sehe ich keinen Grund anzunehmen, daß das heute anders sein sollte. Folglich werde ich den morgigen Tag erleben. Und morgen gilt nämliches. Folglich werde ich auch den auf morgen folgenden Tag erleben. Und so weiter, und so fort – ad infinitum. In Bolles Kreisen nennt man so etwas übrigens vollständige Induktion – ein bewährtes mathematisches Beweisverfahren, das allerdings außerhalb der Mathematik nur eingeschränkte Gültigkeit beanspruchen kann.

Bolle dagegen – um sich das alles besser vorstellen zu können – teilt das Leben anschaulich in vier Jahreszeiten ein, also Frühling, Sommer, Herbst und Winter, und ordnet jeder Jahreszeit pi mal Daumen 20 Jahre zu. Mit 60 wäre somit Winteranfang, sozusagen. Im Grunde Zeit, sich in seine Mupfel zurückzuziehen und ein wenig zu meditieren – statt zu sagen: Da geht doch noch mehr, eye! Mag ja sein. Muß aber nicht. Kurzum: bei solider kaufmännischer Kalkulation könnte man den Winter des Lebens als eine Art Draufgabe betrachten und als solche genießen, soweit der oft zunehmend erschlaffende Leib das zuläßt. Keinesfalls aber als etwas, auf das man einen wie auch immer gearteten Anspruch meint erheben zu können.

Im Grunde geht es also um Abrundung des Lebens als kontemplatives Ziel – statt kindisch zu quäken: Bääh! Will aber nicht! Gib mir mehr davon!

In eine wirklich feine epigrammatische Form gebracht – und dabei noch eins draufgesetzt – hat das übrigens Oscar Blumenthal (vgl. dazu Fr 24-12-21 Das vierundzwanzigste — und für dieses Jahr letzte — Türchen …)

Nun bin ich ledig aller Erdenplag‘ –
Mich kann kein Glück, kein Hoffen mehr betrügen.
Und wenn einst naht der Auferstehungstag –
Ich bleibe liegen.

Total so! Bolle meint: So geht gelungene Kontemplation, wenn nicht gar gelungene Integration in den Schöpfungsplan – für den sich Bolle im übrigen in keinster Weise verantwortlich fühlt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 19-12-23 Das neunzehnte Türchen …

12chen (Suchbild)

Nach unseren recht ausführlichen Ausführungen gestern hier, rein nachfragebedingt, noch ein kleiner Nachtrag zum Thema. Diesmal wollen wir uns aber kurz fassen.

Ein Einwand lief auf die Bequemlichkeit hinaus: Es könne ja wohl nicht angehen, zu jeder vollen Stunde einmal unter den Schreibtisch zu krabbeln. Das allerdings war nur symbolisch gemeint – zumal unter Schreibtischen meist viel zu wenig Platz ist, um darunter aufrecht und bequem (sthira-sukham) sitzen zu können.

Ein zweiter Einwand lief auf das Zeitmanagement hinaus: Ob es denn nicht eine kolossale Zeitverschwendung sei, von jeder einzelnen Stunde 5 Minuten abzuknapsen? Schließlich habe man zu tun. Die Antwort in Kürze und ohne Anspruch auf argumentative Ausgefeiltheit: Ach, i wo. Eher ist das Gegenteil der Fall. Das aber will empirisch erprobt sein.

Ein dritter Einwand war schon schwerwiegender: Ob es denn wirklich immer genau zur vollen Stunde sein müsse. Natürlich nicht. Gewisse Vorteile hat es dann ja doch, Agnostiker zu sein. Auch geht die Welt nicht unter, wenn mal ein 12chen ausfällt – einfach weil Zeit und Umstände es nicht zulassen. Hauptsache, die Richtung stimmt – wie Bolle in solchen Fällen zu sagen pflegt.

Schließlich allerdings gibt es durchaus Betätigungsfelder, wo es wirklich schwierig wird, sich angemessen um seine 12chen zu kümmern. Vergleiche dazu nicht zuletzt unser Suchbild oben. Im übrigen sind die 12chen seit Oktober 1995 – mehr oder weniger getreulich eingehalten – Bestandteil von Bolles kontemplativem Alltag. Unmöglich ist es also nicht! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 18-12-23 Das achtzehnte Türchen …

Das 12chen (Symbolbild, of course …)

Wir hatten am letzten Mittwoch, eher beiläufig, die 12chen erwähnt (vgl. Mi 13-12-23 Das dreizehnte Türchen …). Nun ist es mit Andeutungen ähnlich wie mit Gerüchten: Sie wecken mitunter mehr Aufmerksamkeit als eigentlich beabsichtigt war. Dabei geht es hier mitnichten um Geheimes Know-How – auch nicht im weiteren Sinne. Und da wir ohnehin unter uns sind, soll es an ein paar klärenden Worten nicht fehlen.

Die 12chen heißen 12chen, weil sie den 12. Teil der wachen Lebenszeit in Anspruch nehmen. Das ergibt sich rein arithmetisch: 5 min pro voller Stunde (entsprechend 60 min) ergibt nun mal ein zwölftel. Demnach müßten sie eigentlich, wenn es nicht sinnlos sperrig wäre, Zwölftelchen heißen. Tun sie aber nicht. Allein das soll uns hier nicht weiter bekümmern, denn erstens kommt es darauf nicht an, und zweitens ist Sprache ohnehin selten sonderlich logisch.

Worauf es dagegen ankommt, ist, zumindest nach Bolles Ansicht, einen gewissen kontemplativen Abstand zu wahren zu der um einen herum wogenden Welt (vornehm: vita activa). Ansonsten nämlich kriegt man leicht einen Knall – zumindest auf Dauer.

Technisch gesehen sind die 12chen alles andere als anspruchsvoll. Abstand nehmen – und nur das – ist der Dreh- und Angelpunkt. Das erreicht man, indem man in eben jenen 5 Minuten etwas grundsätzlich anderes macht als in der restlichen Stunde seines aktiven Lebens. Dabei empfiehlt es sich, zumindest einen Raum-Anker zu setzen (wie die NLP-Leute das nennen würden). Wer also beispielsweise den ganzen Tag am Schreibtisch verbringt, sollte sich – so viel Zeit muß sein – in einen Nebenraum begeben. Wer keinen Nebenraum zur Hand hat, könnte sich – das ist durchaus eine Möglichkeit –  zum Beispiel unter den Schreibtisch setzen. Hauptsache weg!

Und? Was tut man dann da unter dem Schreibtisch? Eigentlich nur Abstand nehmen. Wer unbedingt was zu tun braucht, mag es mit Atmen probieren. Atmen und zählen, zum Beispiel. Bolle für sein Teil würde bis 10 zählen – zehn mal einatmen, zehn mal ausatmen … Und schon sind die 5 Minuten um.

Wie sitzen? Eigentlich wie immer für solche Zwecke: aufrecht und bequem. Die Alten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) übrigens nennen das seit jeher sthira-sukham-asanam. Aber auch darauf kommt es nicht weiter an. Sitzen, das kann der Fersensitz sein – mit oder ohne Yoga-Bänkchen –, der Schneidersitz oder auch ein halber Lotus (mit oder ohne Pölsterchen für das Popöchen). Wer auf diese Weise unmöglich bequem sitzen kann, mag sich notfalls mit einem Stuhl begnügen. Allerdings sollte das (siehe oben) nicht der Stuhl sein, auf dem man ohnehin die ganze Stunde gesessen hat – von wegen Abstand, Raum-Anker.

Wem nach einer Stunde am Schreibtisch nach ein wenig Recken und Strecken zumute ist: Bitteschön. Dann atmet man eben nur 5 mal, bis die 5 Minuten um sind.

Ach so: Eieruhr stellen nicht vergessen. Schließlich wollen wir wissen, wann es wieder Zeit ist für das aktive Leben, ohne zwischendurch auf eine Uhr schielen zu müssen. Aber wer ein Handy hat, hat auch eine Eieruhr.

Ein Moslem – die machen ganz ähnliche Dinge, wenn auch mit sehr viel mehr Vorgaben verbunden – hat es Bolle bei einer Taxifahrt durch Kairo einmal wie folgt erklärt: „Ich komme gar nicht so recht dazu, was Schlechtes zu tun. Kaum will ich damit anfangen, ist schon wieder Zeit für mein Gebet. Und danach kann ich unmöglich so weitermachen.“ Wie man sieht – Abstand hilft. In jeder Hinsicht. Egal, unter welcher Flagge. Warum also nicht auch agnostisch? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-12-23 Das siebzehnte Türchen – der 3. Advent …

Weihnachtsvorbereitungen …

Heute ist der dritte – und dabei im Grunde auch schon letzte Advent. Die vielleicht finale Gelegenheit also, sich vorweihnachtlich zu besinnen. Denn wer wollte sich am kommenden Sonntag am Nachmittag auf die Ankunft des Herren (meinetwegen beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) vorbereiten, wenn selbige ohnehin am gleichen Abend noch ins Haus steht – und die lieben Kleinen womöglich schon mit den Füßen scharren?

Vorgestern war Bolle im Rahmen seiner festlichen Vorbereitungen auf dem Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg (oder ist es Wilmersdorf? das weiß hier keiner mehr so genau) – also justamente dort, wo vor sieben Jahren ein islamistisch inspiriertes Glühwürmchen meinte, das Gleichgewicht dieser Welt ein wenig zum Besseren wenden zu müssen, indem es eine handvoll Christenmenschen kurz vor dem Feste noch zur Hölle schickt – oder wie auch immer sein diesbezügliches Konzept ausgesehen haben mag.

Bolle indes sieht derlei ganz pragmatisch-kontemplativ. Falls dies meine letzte Tat auf Erden sein sollte (vgl. dazu Mi 13-12-23 Das dreizehnte Türchen …) – dann wenigstens mit einem guten Grog. Glühwein geht ja nimmer (wie man in Österreich sagt), seit man sich von doch eher unappetitlichem Diethylenglykol (C2H6O2) auf schlichten Haushaltszucker (Saccharose, C12H22O11) als Hauptbestandteil des Glühweines verständigt hat. Bolle dagegen würde ja ganz klassisch für Wein als Hauptbestandteil plädieren. Ein ehrlicher Grog dagegen – ehrlichen Rum vorausgesetzt, und gerade die günstigeren und damit auf Weihnachtsmärkten wohl verwendeten Sorten sind in diesem Sinne ehrlich – ist praktisch zuckerfrei. Womöglich gar vegan? Da fühlte sich Bolle – von grundsätzlicheren Zweifeln einmal abgesehen – gleich auf der „richtigen Seite der Geschichte“.

Passend zum Grog hat Bolle von seiner charmanten Begleitung noch ein Anekdötchen erfahren zum Thema Zucker und Überzeugung. Daß so etwas wie Zuckerwatte aus Zucker – und im Grunde nur aus Zucker – besteht, dürfte allgemein klar sein. Aber sonst? Dem Anekdötchen zufolge soll – anderenorts, also nicht auf dem Breitscheidplatz – ein Händler mit gewisser Menschenkenntnis Zuckerwatte „normal“ verkauft haben und daneben auch „vegane“ Zuckerwatte, zum doppelten Preis. Übrigens kamen beide Sorten – doch dies nur am Rande – aus ein und derselben Maschine. Wenn es aber doch besser ist, sprach das weltbewegte Glühwürmchen der Anekdote zufolge, und griff mit heißem Herzen zu der veganen Variante. Nun müssen Anekdoten nicht unbedingt wahr sein. Trefflich reicht. Wenn wir uns aber umgucken auf der Welt, dann finden wir ganz Ähnliches zuhauf. Denken wir nur zum Beispiel an russisches Öl oder Gas aus Indien (das ist schließlich eine Demokratie!) und manches andere mehr. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sa 16-12-23 Das sechzehnte Türchen …

Wer nicht fragt, bleibt dumm …

Und wieder gibt es Anlaß zu einer Jubelmeldung in eigener Sache: agenda 2028 feiert heute ihren 10. Geburtstag als juristisch vollwertiger Mensch, sozusagen. (vgl. dazu So 15-01-23 agenda 2028: 11 Jahre nun schon – and still going strong …).

Als Schildchen haben wir zur Feier des Tages einen Schnipsel gewählt, den Bolle vor einiger Zeit schon rein zufällig bei einem Party-Smalltalk aufgeschnappt hatte.

Zu einem solchen Anlaß sollte man vielleicht einmal mehr einen Schritt Abstand nehmen von der lauten und lärmenden Welt und sich fragen: Was tun wir hier eigentlich? Oder eben, deutlicher noch im Duktus: Wie verdödeln wir so unser Leben?

Die Frage nach dem guten, oder gar gottgefälligen Leben ist uralt, of course. Von Echnaton, der schon um 1.350 v. Chr. eine monotheistische Religion durchsetzen wollte – und damit womöglich Mose schwer beeindruckt hat – über Buddha (um 500 v. Chr.) bis zum Erlöser der Christenmenschen, of course, und weiter noch bis hin zu Mohammed (um 600 n. Chr.).

Von den vielen Philosophen, die sich parallel zu den Religionsstiftern einschlägig betätigt haben, wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Es sind derer einfach zu viele.

Apropos viele: Ob viel dabei herausgekommen ist bei all diesen Bestrebungen, mag wohl im Auge des Betrachters liegen. Bolle jedenfalls beschleicht regelmäßig der Verdacht, daß selbst über Ziel und Zweck des guten Lebens bislang wenig Einigkeit besteht. Soll es darum gehen, möglichst munter und recht froh durchs Leben zu laufen – ganz viel Spaß zu haben, wie das heutzutage heißt? Hören wir, wie Mephistopheles das sieht:

Den schlepp ich durch das wilde Leben,
Durch flache Unbedeutenheit,
Er soll mir zappeln, starren, kleben,
Und seiner Unersättlichkeit
Soll Speis und Trank vor gier’gen Lippen schweben;
Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
Und hätt er sich auch nicht dem Teufel übergeben,
Er müßte doch zugrunde gehn!

Oder soll es, glühwürmchen-like, darum gehen, die jeweiligen Werte – etwa Friede, Freude, Eierkuchen, Demokratie und Fortschritt – mit aller Macht zu verteidigen? Kurzum: das Böse in der Welt nach Kräften auszurotten? Sancta simplicitas, meint Bolle da nur.

Oder geht es gar darum, ein Leben für die Ewigkeit zu leben? Etwa indem man wichtige Werke hinterläßt? Möglichst hochbegabte Kinder? Oder zumindest ewige Höllenqualen vermeidet? Die Menschheit nachhaltig beglücket? Wir wissen es nicht.

Wenn’s zum Schwur kommt, neigt Bolle ja dazu, mit den drei Töchtern der Philosophie zu flirten:

Die Wahrheit liegt –
kaum anders als die Schönheit –
im Auge des Betrachters.
Und so nach allem auch die Ethik.

Kurzum: Die Welt ist letztlich ein Gefühl. Umgekehrt bedeutet das: Gar nichts, oder nur sehr wenig fühlen kann es demnach auch nicht sein. Darum ja der gelegentliche Abstand, die Kontemplation – was immer auch dabei herauskommen mag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 15-12-23 Das fünfzehnte Türchen …

Witz vergeht, Humor besteht …

Neulich ist Bolle ein kommerzieller Weihnachtsgruß auf den Schreibtisch geflattert. Als bildungsbürgerlichen Einstieg hatte man eines der berühmteren Bonmots von Werner Heisenberg gewählt:

Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat.

Das klingt natürlich geradezu zen-mäßig. Zumindest aber wirft es die Frage auf, wozu dann überhaupt jemand jemals irgend etwas lernen sollte, wenn doch nach Abzug des Gelernten – gleichviel, wieviel es war – ohnehin Bildung übrigbleibt? So allerdings wird Heisenberg das sicherlich nicht gemeint haben. Schließlich stammt der Spruch aus einer Rede zu einer 100-Jahrfeier eines Gymnasiums.

Im Kleingedruckten des Weihnachtsgrußes heißt es dann: „Die Herausforderungen unseres Alltags werden komplexer und wandeln sich immer schneller.“ Was ist davon zu halten? Nun, übersetzen wir ›Herausforderungen‹ nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) durch ›Probleme‹ und definieren wir ›Problem‹ mit Dietrich Dörner als ›Soll/Ist-Diskrepanz mit momentaner Transformationsbarriere‹ (vgl. dazu etwa Mo 22-03-21 Plan, Prognose, Plausibilität). Etwas ist nicht so, wie es sein soll, und wir haben keine Ahnung, wie wir das auf die Schnelle ändern könnten. So hat das ganze gleich mehr Witz. Umschreiben wir schließlich ›komplex‹ noch mit ›Ich blicke nicht mehr durch‹, dann macht das alles auch noch richtig Sinn.

Auch sind Wendungen wie „unser Alltag“ (als womöglich lieb gemeinter Pluralis communitatis bzw. Gemeinschaftsplural) rein stilistisch natürlich immer etwas bedenklich. Bei Bolle jedenfalls regt sich da sofort ein gewisser Reaktanz-Reflex. Das äußert sich so, daß er ganz humorlos meint: Mich wollt ihr damit ja wohl nicht meinen. Laßt mich doch mit Eurem Alltag in Frieden. Macht das bitteschön mit Euch selber aus. Von manchen Konzepten nämlich hält sich Bolle tunlichst fern. Und Alltag ist eines davon.

Weiter heißt es im Text: Bildung hört nie auf. Das paßt jetzt aber wirklich rein gar nicht mehr zu Heisenbergs Umschreibung. Versteht man unter ›Lernen‹ einen Prozeß (im Sinne von ›Veränderung in der Zeit‹), dann kann hier nur „Lernen hört nie auf“ gemeint sein. Alles andere wär‘ wirklich witzlos.

Was will Bolle damit sagen? Wenn man dermaßen liederlich mit Wörtern umgeht, dann muß man sich nicht wundern, wenn die Welt, in der man sich befindet, in der Tat immer „komplexer“ wird und man immer mehr das Gefühl entwickelt, überhaupt nicht mehr durchzublicken. ›Überhaupt nicht mehr‹ heißt dann gemeinhin „hochkomplex“. Das aber liegt womöglich nicht vornehmlich an der Welt, sondern eher am Zustand des eigenen Hirns. Womit wir bei den Glühwürmchen (Homines candentes vulgares) wären. Aus der Sicht des Homo cogitans ein äußerst betrüblicher Zustand. Völlig witzlos, das – und wohl wirklich nur noch mit Humor zu nehmen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 14-12-23 Das vierzehnte Türchen …

Schöner scheißen.

Gestern war Bolle bummeln. Und wie es manchmal so gehen mag, entdeckt man Dinge, die kannte man bislang noch nicht. Zum Beispiel einen Basketball-Korb fürs Häusl (wie man das in Österreich zu nennen pflegt).

Als erstes kam Bolle natürlich Sokrates in den Sinn: „Ich finde es immer wieder erstaunlich, was die Athener alles brauchen.“ (vgl. dazu auch Sa 10-04-21 Wir müssen leider draußen bleiben). Dann, gewissermaßen on second thought, mußte Bolle an Moshé Feldenkrais denken. Der meinte seinerzeit in seinem ›Bewußtheit durch Bewegung – Der aufrechte Gang‹ (1967), daß sich so ziemlich alle menschlichen Betätigungen in drei Stufen unterteilen lassen: die natürliche Art und Weise, wie einer etwas macht, die individuelle Herangehensweise und schließlich die systematische, professionalisierte Methode. Dabei, so Feldenkrais weiter, sei es so, daß je fundamentaler eine Tätigkeit sei, desto später gelange sie in das systematische Stadium. Als Beispiel nennt er dabei „Gehen, Stehen und andere fundamentale Tätigkeiten“. Wenn Bolle das richtig verstanden hat, wäre hier ›scheißen‹ unbedingt noch anzufügen.

Unter kontemplativen Gesichtspunkten will es Bolle mehr als fraglich erscheinen, das stille Örtchen in eine Mini-Basketball-Arena zu verwandeln. Auf daß man ja nie jemals zu sich kommen möge.

Entschiedener noch sind da, einmal mehr, die Zen-Leute. Hier die einschlägige Szene aus Janwillem van de Weterings ›Der leere Spiegel – Erfahrungen in einem japanischen Zen-Kloster‹ (1972). Dort meinte der Vorsteher (also so eine Art Obermönch):

„Was du auch tust, tu es, so gut du kannst. Und sei dir bewußt, was du tust. Tu nicht zwei Dinge auf einmal, zum Beispiel pissen und dir die Zähne putzen.“

Nun, Zen-Geist ist Anfänger-Geist. Und so ließe sich das Tun auf dem Häusl wohl ohne weiteres als Vorstufe zu den 12chen auffassen. (vgl. dazu den Eintrag von gestern, Mi 13-12-23 Das dreizehnte Türchen …). Rein zeitlich – und möglicherweise auch vom Kontemplationspotential her – kommt es ja so ziemlich hin. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.