So 22-02-26 Freie Rede oder Beiß weg, den Scheiß!

Auf den Punkt.

Wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) erst mal an der Macht ist, möchte er da gerne bleiben. Am liebsten natürlich für immer, of course. Versteht man ja. Wo sonst, wenn nicht an der Macht, könnte man sich so persistent in der erhebenden Gewißheit sielen, so viel gleicher zu sein als gleich? (Bolle featuring Orwell 1945: Farm der Tiere).

Allein – ein bißchen was muß man schon tun, an der Macht. Sonst fliegt die Chose auf. Nicht unbedingt sofort – aber irgendwann dann schon. Ein Machthaber – nennen wir ihn so, obwohl es sich dabei eigentlich um ein Oxymoron handelt – hat demnach regelmäßig genau eine Aufgabe und zwei Ziele. Die Aufgabe und das erste Ziel besteht darin, Probleme zu lösen oder – falls das nicht möglich sein sollte – die Probleme zumindest loszuwerden. Das zweite, unausgesprochene Ziel – so ist das bei Machthabern nun mal – besteht darin, möglichst lange an der Macht zu bleiben. Mit der designierten Aufgabe hat das natürlich wenig bis gar nichts zu tun.

Was aber, wenn einer auf Stelzen für die Sache dennoch zu kurz ist (Eiselein 1840)? In früheren, namentlich monarchistischen Zeiten blieb dem Volk nichts weiter über als Hoffen und Harren. Was sonst soll man machen? Der nächste König kommt bestimmt. Es lebe der König! Vielleicht wird dann ja alles besser. Heute dagegen, in postaufklärerischen Zeiten, könnte man zu kurz geratene Machthaber einfach abwählen. Könnte man.

Damit das nicht passiert – und das soll es ja nicht: schließlich wäre es ein krasser Verstoß gegen Ziel Numero Zwo –, haben sich bei den Machthabern dieser Welt im wesentlichen zwei Vorgehensweisen herausgemendelt.

Die erste Strategie: Statt Probleme zu lösen, werden sie einfach ignoriert – um nicht zu sagen: weggelächelt. Probleme? Was denn für Probleme? Garniert wird das ganze meist mit einem leutseligen Appell ans Volk, man möge dem Machthaber doch bitteschön Vertrauen schenken. Alles werde gut! Damit kommt man erfahrungsgemäß schon ziemlich weit – zumindest beim naiveren Teil des Wahlvolkes. Natürlich ist es an dieser Stelle wichtig, daß man genug Claqueure in den Redaktionsstuben sitzen hat. Das aber ist – den entsprechenden Zeitgeist vorausgesetzt – ein vergleichsweise geringes Problem.

Was aber, wenn Weglächeln auf Dauer nichts nützt? Wenn sich also immer unverhohlener zeigt, daß man der Sache einfach nicht gewachsen ist? Nun – dann greift Strategie Numero Zwo: Kill the messenger! Werden wir brutal! – wie es in ›Streit um Asterix 1970 schon heißt. Oder, mit Bolles derbem Binnenreim: Beiß weg den Scheiß! Natürlich sagt das so keiner. Man sagt es in bester EvE-Manier (Edel versus Eigentlich – also die eigentlichen Motive in höchst edle Verpackung gehüllt). Natürlich möchte man niemanden wegbeißen. Man möchte lediglich helfen, retten, schützen – aktuell zum Beispiel die Jugend. Auch hier könnt‘ Bolle kotzen, of course.

Wir hatten vor Jahren schon mal darauf hingewiesen, daß es sich bei „unserer“ Demokratie um eine Staatsorganisationsform mit institutionalisiertem Partizipations-Placebo handeln könnte (vgl. dazu Mi 14-12-22 Das vierzehnte Türchen … ). Auch hatten wir seinerzeit Henry Fords Bonmot erwähnt – und zwar gleich im Schildchen:

Ein Geheimnis des Erfolges ist es,
den Standpunkt des anderen
verstehen zu können.

Was aber, wenn der Standpunkt nur stört? Wenn der Standpunkt des anderen Ziel Numero Zwo ernstlich in Bedrängnis bringt? Dann ist Bolles derber Binnenreim wohl das Beste, was man tun kann: Beiß weg den Scheiß!

An dieser Stelle ist der Journalismus 3.0 – also das, was man nur auf YouTube und ähnlichen Kanälen von noch nicht eingebetteten Journalisten zu sehen und zu hören bekommt, selten aber in den Öffis – natürlich höchst hinderlich. Folglich sollte er tunlichst und nach Kräften unterbunden werden. Und so ist es nur natürlich, daß zur Zeit mit Fleiß eben genau daran gearbeitet wird.

Die Sache ist doch folgende: Wollen wir auf den Wettbewerb der Ideen vertrauen, wie das in den attischen Ekklesien – also den Vollversammlungen all jener, die die Sache was anging – vor 2.500 Jahren schon bewährte Praxis war? Oder wollen wir eine von den Machthabern einmal erkannte Wahrheit einkästeln, konservieren und gegen Anfechtungen aller Art nach Kräften immunisieren? So formuliert, beantwortet sich die Frage von selbst. Ein Wermutstropfen aber bleibt – zumindest aus der Sicht der Mächtigen. George Orwell hat es seinerzeit zeitlos knapp formuliert (siehe unser Schildchen oben):

Freie Rede heißt,
daß ich was sagen darf,
was Du nicht hören willst.

Könnte ja sein, daß ich Recht habe damit. Könnte aber auch sein, daß ich mich irre. Allein das mendelt sich absehbar raus. Bei freier Rede ist das so. Dem Wohl des Staates dient es allemal. Aber sagt das mal den Mächtigen mit ihren Pattex-Ärschen – wie man Ziel Numero Zwo etwas derbe, aber bitteschön, auch umschreiben könnte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-02-26 Den Hülsenfrüchtchen nicht geheuer

Mogst a Bries?

Sachen gibt’s, die gibt’s fast gar nicht mehr. Dabei sind sie mitunter wirklich praktisch: Schnupftabak etwa. So ist zum Beispiel noch kein Hülsenfrüchtchen je auf die Idee gekommen, den Leuten das Schnupfen verbieten zu wollen – weder in Kneipen oder Restaurants noch sonstwo. Ein echtes Tummelfeld also für Micro-Resistance – wie das in Bolles Kreisen aufrührerisch heißt.

Apropos Micro-Resistance: Bolle liebt es geradezu, auf manchen Partys etwa eine – ganz unschuldige und ungestopfte – Tabakspfeife im Mäulchen zu führen. — „Hier ist Rauchen verboten“ hieß es einmal von hinterm Tresen. — „Wieso – ick rooch doch gar nich.“ Und schon war nolens volens Ende Gelände mit dem ebenso knappen wie unseligen Disput. Zwar hatte Bolle mitnichten geraucht – aber offenbar auch nicht so recht ins mancherseits erwünschte – wie soll man sagen? – Stadtbild gepaßt. Aber genau  d a r u m  ja! Allein es gibt an dieser Stelle auch Erfreuliches zu berichten: Am gleichen Ort, zur gleichen Stunde nämlich entzückte sich eine unbekannte Schöne – vermutlich Studentin: „Boah! Wie stilvoll kann man sein …“. Na also – soo verdorben scheint die Jugend dann wohl ja doch noch nicht.

Natürlich muß niemand rauchen wollen. Auch nicht schnupfen. Aber diese aufdringliche Permanenz, mit der manch Hülsenfrüchtchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seinen Mitmenschen damit auf die Nerven geht, was löblich sein soll für die Welt – Selbstschutz, Fremdschutz … Rundumschutz überhaupt und allerorten: namentlich in der Corönchen-Hysterie hatten sie uns damit bis zum Gehtnichtmehr in den Ohren gelegen –, muß man wirklich nicht goutieren. Helfen, retten, schützen … kotzen, halt. Da hilft wohl letztlich nur agnostisch-kontemplativer Gleichmut.

Was die hilfreich gemeinten Hinweise auf den Verpackungen angeht: Im Grunde kann Bolle das völlig wurscht sein. Für sowas hat man schließlich seine Paraphernalia – schlicht zwar, aber ästhetisch ansprechend und vor allem durch und durch belehrungsfrei. Der Rest kommt dahin, wo er hingehört: in den Mülli.

Diesmal aber wollte Bolle es genauer wissen und fühlte sich veranlaßt, auf einen alten Juristen-Trick zurückzugreifen: Wo steht das? Nun, beim zuständigen Bundesamt für Risikobewertung heißt es in der Stellungnahme Nr. 031/2013 – gleich in der Überschrift: ›Schnupftabak birgt ebenso hohes Suchtrisiko wie Zigaretten‹. Aha! Schaut man nun ins Kleingedruckte – auch das ein alter Juristentrick –, dann heißt es unter ›Wahrscheinlichkeit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung‹ frank und frei: ›Möglich‹. Aha! Und unter ›Aussagekraft der vorliegenden Daten‹ heißt es: ›Gering: Zahlreiche wichtige Daten fehlen oder sind widersprüchlich‹. Aha, zum Dritten! Nichts Genaues weiß man also nicht. Immerhin ist man insoweit ehrlich – zumindest im Kleingedruckten.

Das hält die Verantwortlichen aber natürlich nicht davon ab, erst mal ebenso knallige wie kontrafaktische Überschriften zu generieren beziehungsweise Schnupftabakverpackungen mit einschlägigen Warnhinweisen zu verunzieren. Wenn’s doch der guten Sache dient! Immerhin hat man sich Hinweise wie ›Schnupftabak ist tödlich‹ oder so wohl gerade noch verkneifen können.

Im übrigen kann Schnupftabak durchaus auch Leben retten – zumindest aber vorzeitiges Ableben verhindern. Fragt Friedrich II (1712–1786). Der nämlich – seines Zeichens ein großer Schnupfer vor dem Herrn – wurde mitten im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) in der Schlacht bei Kunersdorf (1759) von einer russischen oder habsburgerischen Kugel ereilt, die wohl tödlich gewesen wäre – wäre sie nicht von seiner Tabatière, die er im Waffenrock stets bei sich trug, abgefangen worden. Und so kam es, daß Friederich dank Schnupftabak die Schlacht bei Kunersdorf noch 27 Jahre überleben sollte. Soviel zu ›Rauchen ist tödlich‹. Und so bleibt es denn bei dem, was ein jeder aufrechte Agnostiker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seit alters her für wahr erachtet: Wir wissen es nicht. Und wir werden auch nie wissen, was im Leben einer individuellen Person jeweils das Richtige gewesen sein mag. Statistische Wahrscheinlichkeiten sind da nur eine schale Ausflucht – denn sie haben für den Einzelnen Null Komma Null Null Aussagekraft. Das ist auch jedem seriösen Statistiker klar. Allein wie sag ich’s meinem (in der Regel kollektivistisch inspirierten) Hülsenfrüchtchen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-02-26 Könner versus Kasper (KvK)

Mein Gott – schon wieder Mathe …

Nichts läuft mehr richtig rund im Lande. Überall ist der sprichwörtliche Wurm drin. Zumindest  k ö n n t e  man das so sehen. In Bolles Kreisen spricht man hier auch keck von ›multiplem Systemversagen‹. Wenn aber etwas nicht so läuft, wie es soll, dann nennt man das nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Problem. Dabei wollen wir unter ›Problem‹ nichts weiter verstehen als eine ›Soll/Ist-Diskrepanz mit momentaner Transformationsbarriere‹ (Bolle featuring Dietrich Dörner 1979) – wobei ›Transformationsbarriere‹ lediglich meint, daß nicht wirklich klar ist, wie man von einem unerwünschten Ist-Zustand in einen angestrebten Soll-Zustand kommen soll. Daran ändert sich übrigens auch dann nichts, wenn man das Problem  – ebenso großspurig wie verhüllend, aber bitteschön – „Herausforderung“ heißt.

Wir hatten diesen Punkt vor knapp einem Jahr schon einmal aufgegriffen (vgl. So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan) und uns damals naheliegenderweise an Bolles Problemlösungszirkel (kurz ›PLZ‹) orientiert – einem Standardprocedere, das stets zur Lösung eines gegebenen Problems führt, oder aber zum Abbruch der Bestrebungen. Probleme nämlich, die man nicht lösen kann, sollte man tunlichst irgendwie loswerden. Komplizierter ist das alles nicht.

Der Problemlösungszirkel oder De arte solvendi.

Dumm nur, wenn man nicht weiß, wo man steht – und es womöglich auch lieber gar nicht so genau wissen will (Ist-Analyse), und (oder oder) einem auch gar nicht so recht klar ist, wo man eigentlich hinwill (Ziel-Definition) – von mehr Wohlstand, Freiheit, Demokratie beziehungsweise auch mehr Friede, Freude, Eierkuchen und dergleichen einmal abgesehen, of course. In Bolles Kreisen spricht man hier übrigens von ›nicht-wohldefinierten Zielen‹. Kein Wunder, daß Bolle dabei schon mal leicht unwohl werden kann.

Nun – in dieser Lage kann man als heillos überfordertes Hülsenfrüchtchen dann schon mal leicht auf die Idee verfallen, daß es doch zumindest nicht schaden könne, erst mal ganz viele Phantastilliarden ins System zu pumpen. Dann nämlich müsse es doch richtig rucken. Wäre ja gelacht! Bolle meinte damals schon: Denkste – muß es keineswegs! Und das hat es nach allem auch nicht – wie wir heute ziemlich sicher sagen können. Zwar sind die Phantastilliarden nicht wirklich weg. Sie sind nur anderswo – etwa auf den Forderungskonten sehr viel klügerer Paragonisten. Jedenfalls sind sie mitnichten da, wo sie ihre Wirkung entfalten sollten. Wie auch – bei  d e m  Plan? Und so wollen wir es Bolle auch nicht allzusehr verübeln, wenn er sich an dieser Stelle einmal mehr veranlaßt sieht, seine schönste Siehste!-Miene aufzusetzen – zumal er sich dabei ja stets stringent dezent zu halten pflegt.

Aber nehmen wir mal an – ebenso spaßeshalber wie kontrafaktisch –, soweit sei alles klar: Es existiere eine solide Ist-Analyse und auch ein wohldefiniertes Ziel. Da kann immer noch einiges dazwischenkommen auf dem Weg von Ist nach Soll. Bolle nennt es das KvK-Phänomen – wobei KvK für ›Könner versus Kasper‹ stehen soll. Dabei seien ›Könner‹ Leute, die wissen, was sie tun, und ›Kasper‹ – wie wir sie zärtlich nennen wollen – ganz entsprechend und tout au contraire Leute, die genau das eben  n i c h t  wissen.

Unsere Graphik zeigt den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Ressourcen und der sich daraus ergebenden Performance. Dabei wollen wir unter ›Ressourcen‹ (oder schlicht ›Mitteln‹) das verstehen, was man von außen in Anspruch nehmen muß. ›Performance‹ stehe ganz allgemein für ›irgendwas gebacken kriegen‹. Das geht schon im Kleinsten los: Stellen wir uns zum Beispiel vor, wir wollten ein Regal anbringen. Ganz ohne Werkzeug (R = 0) wird das schwierig. Da wäre auch der pfiffigste Handwerker hilflos. Mit einer minimalen Ausrüstung aber (Rmini)  – also Hammer, Bohrer, Schraubenzieher – läßt sich das Problem immerhin anpacken und auch leidlich zufriedenstellend lösen (A1). Mit Bohrmaschine und Akkuschrauber geht‘s dann noch viel geschmeidiger (A2 und A3) –  w e n n  man denn damit umgehen kann. Aber irgendwann – und zwar recht schnell schon – macht weiterer Mitteleinsatz keinen Sinn mehr: Der Könner hat alles, was er braucht, damit das Werk gelinge.

Anders verhält es sich mit der Kasperkurve. Ein minimaler Einsatz von Ressourcen (Rmini) führt hier zu wenig befriedigender Performance (vgl. A1 zu B1) – sei es, daß das Werk gar nicht gelingen will, sei es, daß es viel zu lange dauert. Eine Erhöhung des Mitteleinsatzes führt absehbar zu etwas besseren Ergebnissen – bleibt aber regelmäßig weit hinter der Könnerperformance zurück.

Fassen wir zusammen: Könner vermögen mit geringsten Mitteln Erstaunliches zu leisten. Kasper dagegen kriegen selbst mit erheblichen Mitteln nur wenig zustande. Aber sagt mal einem Kasper, daß er nun mal kein Könner sei. Er wird Euch hassen und bekämpfen! Besser werden seine Leistungen dadurch allerdings  n i c h t . Da ist Regel #2 unseres Yoga-Tripletts vor (vgl. dazu So 01-02-26 Yoga für Agnostiker): Wirkung braucht nun mal Zeit. Und was Hänschen nicht gelernt hat, das lernt der Hans halt nimmermehr.

Genau das scheint Bolle übrigens auch der Grund zu sein, warum Nichts- beziehungsweise Wenigkönner – Kasper eben – dazu neigen, sich erstens immer gleich beleidigt zu fühlen, und zweitens, stets nach mehr und immer noch mehr Mitteln zu schreien. Kann man ja auch verstehen: Wer wollte schon gerne sein eigenes unabänderliches Nichts-Können beklagen, wenn er doch alles auf seine relative Mittellosigkeit schieben kann (vornehm: attribuieren)? Also müssen immer mehr Phantastilliarden her. Damit werde endlich alles gut.

Hier noch ein Fun-Fact am Rande: Die Kasperkurve konvergiert gegen die gestrichelte Linie. Das bedeutet, daß die Kasper dieser Welt mit einem (im mathematischen Sinne) buchstäblich unendlichen Mitteleinsatz gerade mal so viel gebacken kriegen wie ein Könner mit minimalen Mitteln (Rmini). Bolle meint, dann wäre das ja auch geklärt. Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-02-26 Yoga für Agnostiker

Komplizierter isset nich …

Bolle ist aufgefallen, daß wir seit vor Weihnachten schon kein einziges Schildchen mehr als Entrée verwendet haben. Immer nur Bildchen statt Schildchen. Nicht daß die Bildchen keine gefällige Aufnahme gefunden hätten – ganz im Gegenteil. Allein Bolle liebt es nun mal, die Dinge epigrammatisch oder doch zumindest aphoristisch auf den Punkt zu bringen – und ist davon nur ganz schlecht abzubringen. Lassen wir den Schildchen also ihre „Existenzberechtigung“ – wie man das dusseldenkisch gelegentlich zu nennen beliebt: als ob es ein Recht auf Existenz gäbe! Fragt mal den Wurm, der dem frühen Vogel zum Frühstück ward. Was es aber wohl gibt, ist der (letztlich natürlich kindische) Glaube an den sinnlosen Sinn des Überlebens – wie nicht zuletzt Juli Zeh das in ihrem ›Spieltrieb‹ (2004) einmal gefaßt hat.

Und damit wären wir mitten im Thema. ›Kraft reagiert auf Kraft‹ – wie die dritte Regel unseres Yoga-Tripletts apodiktisch konstatiert. Wenn die Kraft nicht länger reicht, dann war’s das eben mit der Existenz – und mit einer womöglichen „Berechtigung“ natürlich gleich mit, of course.

Bolle fragt sich hin und wieder, was, bei allen Patriarchen, daran denn so schwierig sein mag, elementare Regeln, die, soweit Bolle sehen kann, seit Menschengedenken (und vermutlich sehr viel länger schon) nachgerade unumstößlich sind, einfach mal zur Kenntnis zu nehmen – oder gar danach zu handeln? Guckt Euch um auf dieser Welt – bis hin in höchste Regierungskreise. Da agiert man mitunter – wenig weise, witzlos gar – gerne gemäß der Attitude: Wir wollen alles – und zwar sofort! Ohnmächtig sind wir außerdem! Also ein klarer Fall von Ignoranz aller drei Regeln zusammen. Natürlich sagt das keiner ausdrücklich so. Doch wer Ohren hat zu hören – und die Kraft, sich ein Urteil zu bilden –, dem kann das kaum verborgen bleiben. Bolle meint nur: Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie!

Zugegeben – die Regeln sind etwas abstrakt. Das mag einen unmittelbaren Zugang erschweren. Auch ist ihr Bezug zu ›Yoga‹ nicht minder abstrakter Natur. Immerhin: Man muß sich keiner wie auch immer gearteten esoterischen Übungen befleißigen, um einer möglichen Einsicht näherzukommen – das sowieso nicht. Dranbleiben allerdings sollte man schon – wie Regel #2 ja schließlich nahelegt.

Zumindest schon mal vom Titel her ist übrigens Christy Turlington dem, was Bolle hier meint, erfrischend nahegekommen. Ihr Buch heißt ›Living Yoga‹ (2002) und trägt den Untertitel ›Creating a Life Practice‹. Dabei kann ›Living Yoga‹ feinsinnigerweise einerseits ›Yoga leben‹ bedeuten, andererseits aber auch ›Lebendiges Yoga‹ – was durchaus nicht das gleiche ist. Der Untertitel ›Creating a Life Practice‹ – wörtlich vielleicht ›Das Leben ganz grundsätzlich gestalten‹ paßt aufs Feinste zu unseren ersten beiden Regeln: ›Ziele brauchen Raum‹ und ›Wirkung braucht Zeit‹.

In der deutschen Übersetzung heißt das Werk übrigens ›Living Yoga – Mein Weg zu Ausgeglichenheit und Schönheit‹. Nun – ›Living Yoga‹ einzudeutschen hat man sich offenbar nicht getraut. Im Untertitel ist dafür so ziemlich alles danebengegangen, was nur danebengehen kann. Um Ausgeglichenheit – und vor allem gar um Schönheit (Christy Turlington war eines der sogenannten Top-Five-Models der 1990er Jahre) – geht es nämlich nicht einmal am Rande. Bolle vermutet hier eine der vielen Spielarten zielgruppengerechter Ansprache: hohl zwar, aber populär. Nun denn – Marketing eben.

Unser heutiger Beitrag ist übrigens einem großen Yogi gewidmet, der heute seinen Geburtstag hätte feiern können – wenn er ihn denn erlebt hätte. Natürlich nur ein klitzekleiner großer Yogi, of course – aber sind wir das nicht alle? Bolle meint nur: definiere ›groß‹. Nichtsdestotrotz: Allet Jute zum Jeburtstach! Hoch soller leben! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.