So 02-11-25 Plapper und Fallensteller

Vermintes Gelände …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens bezieht sich natürlich auf Zeiten, als Bolle noch Trappern und Fallenstellern wie etwa Sam Hawkens mit seiner tausendmal überflickten Weste nacheifern konnte, oder edlen Wilden wie Winnetou – ohne daß irgend jemand auch nur den geringsten Anstoß daran genommen hätte. Warum auch?

Heute scheint das alles ganz anders zu sein. Heutzutage ist es so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zwar immer noch machen kann, was er will. Allerdings sollte er tunlichst darauf achten, bloß nicht in eines der oben skizzierten Fettnäpfchen zu tappen. Keinesfalls nämlich darf man rassistisch sein oder sexistisch beziehungsweise frauenfeindlich gar oder, oder, oder … Nicht einmal ›menschenverachtend‹ ist drin – obwohl es hierfür mehr als gute Gründe gäbe.

Bolle liebt es ja, die Dinge mit den Methoden der Mathematik präzise auf den Punkt zu bringen – und das ganze dann möglichst auch noch so darzustellen, daß es eigentlich jedem einleuchten sollte, sofern er nicht völlig vernagelt ist. Die Graphik oben ist übrigens bereits älteren Datums und hat bislang schon so manchen Studenten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu einigem Nachdenken angeregt. Allerdings stand in den einzelnen Fettnäpfchen-Feldern bislang lediglich „Grrr!“–  als Ausdruck sozial verordneten Widerwillens.

Wenn wir uns also darauf verständigen, daß alles, was sich in den verschiedenen Feldern befindet, rein gar nicht geht, dann bleiben allein die dunkler unterlegten Felder am Rande. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Aber eben nur hier und nirgends sonst. Zugegeben: viel Spielraum bleibt da nicht.

Und genau so sieht sie denn auch aus, die dürftige und durchaus platte Debatte, die sich dem Volke hier und heute mit progressiver Tendenz darbietet. Da muß nur einer etwa ›Kleine Paschas‹ sagen oder ›Stadtbildoder ähnliches zum Besten geben – und schon ist wochenlang der Teufel los im Blätterwald. Da drängt sich doch die Frage auf: cui bono – wem zum Teufel soll das nützen?

Betrachten wir dazu das sozialpsychologische Muster, das hinter all dem stecken könnte, an einem historischen Beispiel. Dabei bietet sich jemand wie Luther geradezu an. Zum einen war justamente vorgestern erst Reformationstag – der den Jüngeren allerdings eher als Hallowe’en bekannt sein dürfte –, jener Tag also, an dem Luther 1517 seine 97 Thesen am Hauptportal der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen haben soll. Zum anderen ist das alles so lange her, daß sich hier und heute wohl kaum einer übermäßig auf die Füße getreten fühlen dürfte.

Heider-Dreieck mit Ad-Hominem-Anwandlung (AHA).

Die Graphik zeigt ein sogenanntes Heider-Dreieck, von dem wir eigentlich nur wissen müssen, daß es genau dann stabil ist, wenn in ihm entweder gar keine oder genau zwei Minuszeichen vorkommen. Mehr noch: Wenn wir zwei Vorzeichen kennen – hier also die Beziehung von Luther zu seinem eigenen Argument (+) und die Beziehung von Antonius zu Luther (–), dann können wir auf die Ausprägung der dritten Beziehung (also Antonius zum Argument) schlußfolgern.

Luther hat ein Argument, egal welches (+). Und nun kommt sein Mitbruder Antonius oder – schlimmer noch – Papst Leo X (1475–1521), ein geborener Medici-Machtmensch, auf die Idee, Luther sei ja wohl ketzerisch – nachgeradezu häretisch also. Zwar hat der Einwand mit Luthers Argument im Kern rein gar nichts zu tun – aber bitteschön. Die dahinterstehende Logik: Weil (!) Luther Häretiker ist, sei folglich (⇒) sein Argument zu verwerfen (–). Allgemeiner, und lutherisch-derb auf den Punkt gebracht: Luther scheiße, also Argument scheiße. Der stilisierte rötliche Blitz soll dabei andeuten, daß das alles mögliche sein mag – nur eben keine Logik in einem wie auch immer gearteten Sinne. Darum wollen wir das auch nicht als Argument gelten lassen. Vielmehr wollen wir von einer Anwandlung sprechen – einem gedanklichen Konstrukt also, das sich nicht mit Luthers Argument auseinandersetzt (ad rem – auf die Sache bezogen), sondern mit Luther als Person an sich (ad hominem). In der Graphik haben wir es dementsprechend auch als Ad-Hominem-Anwandlung bezeichnet, kurz AHA.

Gleichwohl erfreut sich derlei – immerhin 500 Jahre nach Luther – ungebrochener Beliebtheit. Wer erst einmal als rassistisch, sexistisch, oder gar völkisch etc. pp. (siehe unser Bildchen oben) gelabelt ist, hat nach dieser Logik keine, wirklich gar keine Chance, irgend etwas vorzubringen, das auch nur im Entferntesten zustimmungsfähig wäre. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer, aus dem Munde des Mephistopheles? Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie.

Abschließend bleibt natürlich die Frage: wer labelt da? Wer hat ein Interesse daran, eine sachliche Auseinandersetzung (ad rem) durch sozialpsychologische Spielchen (ad hominem) zu ersetzen? Zuvörderst wohl jene, die sehr genau wissen, daß sie für eine offen und ehrliche Ad-Rem-Auseinandersetzung kein allzu gutes Blatt auf der Hand halten. Dann doch lieber die Ad-Hominem-Anwandlung (AHA) als Argumentationsersatz. Auch muß man hier nicht so viel denken – was manchem durchaus entgegenkommen mag. Einen der Dröhnsprechbegriffe von unserem Schildchen in die Diskussion geworfen – und schon ist man im Spiel. Nicht mal definieren muß man sie. Hauptsache laut und lärmend und langanhaltend. Neil Postman übrigens hat sich diesem Phänomen in seinem ›Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹ (1985) vor nunmehr 40 Jahren schon recht ausführlich gewidmet. Allein: Vergebens predigt Salomo … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 26-10-25 Putin klaut die Kronjuwelen

Kryptisch, oh so kryptisch sein …
[Mabit1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons]

Das hat gerade noch gefehlt. Jetzt klaut Putin auch noch Kronjuwelen. Und dann auch noch ausgerechnet die von Napoleon. Zwar handelt es sich hierbei nicht wirklich um Kronjuwelen. Allein die Geste aber ist bedenklich genug. Was soll das werden? Eine späte Revanche für 1812, als Napoleon mit einer für damalige Verhältnisse spektakulär großen Armee von 600.000 Mann völkerrechtswidrig – wie man heute sagen würde – meinte Rußland überfallen zu müssen? Oder handelt es sich vielleicht um einen eher präemptiven – auch das übrigens ein Begriff, wie ihn überhaupt erst George W. Busch 2002 in die Welt gesetzt hat – Gegenschlag gegen die von der EU nach moderner Robin-Hood-Manier geplante Beschlagnahme von rund 200 Milliarden russischen Vermögens, das zur Zeit bei Euroclear in Brüssel lagert und aus EU-Sicht einer sinnvollen Verwendung harret – wie zum Beispiel dem Wiederaufbau der Ukraine?

Manche trauen Putin ja alles zu. Aber eine Revanche nach über 200 Jahren vermag Bolle nicht wirklich zu überzeugen. Und für einen präemptiven Gegenschlag wären die Klunker bei weitem nicht wertvoll genug. Genau genommen wären es nicht einmal die sprichwörtlichen Peanuts. 88 Millionen, so der geschätzte Wert der Preziosen, macht nämlich gerade mal 0,04 (!) Prozent von 200 Milliarden aus.

Allerdings soll das hier und heute gar nicht unser Thema sein. Im Gegenteil: Bolle meint, es sei hohe Zeit, sich selber auch mal in der Kunst zu üben, kontrafaktische Fake-News mit prägnantem propitiösem Potential zu produzieren. Immerhin sieht Bolle ein, daß ein Begriff wie ›propitiös‹ der Erläuterung bedarf: es handelt sich hierbei einfach nur um eine Eindeutschung des angelsächsischen propitious ›verheißungsvoll‹.

In der Tat hat Bolle eine entsprechende Meldung bislang schwer vermißt. Üblicherweise läuft es ja so, daß – wenn man schon keine Tatsachen zu berichten weiß, etwa nach Augsteins Credo ›Schreiben, was ist‹ – sich doch irgendwo ein „Experte“ sollte finden lassen, der das jeweils Gewünschte in die Manege munkelt. Und schon ist es eine echte Meldung. Schließlich hat er, der Experte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) es ja in der Tat gesagt. Das muß im Zweifel genügen.

Und wenn das Gewünschte erst mal in der Welt ist, dann wird es seitens geneigter Kollegen aufgegriffen, abgeschrieben und so lange reproduziert, bis es schließlich wirklich wahr wird – denken wir nur an den Virus-Wahn, einen Spätausläufer des Corönchen-Kappes, oder an die Hobbytaucher-Hypothese im Zusammenhang mit Nordstream 2. Nichts genaues weiß man nicht. Aber wenn’s doch täglich in der Zeitung steht …?

So gesehen verwundert Bolle das alles doch sehr. Wer sich demnächst halb Europa unter den Nagel reißen will – manch Experte weiß heute schon, bis wann das spätestens der Fall sein wird –, warum sollte der vor ein paar Klunkern zurückschrecken?

Und überhaupt – let’s go crazy. Was ist mit der Mona Lisa? Da war doch mal was – und zwar ebenfalls im Louvre. Nachtigall, ick hör dir trapsen!

Putin selber kommt hoffentlich kaum in Betracht – dafür ist 1911 viel zu lange her. Das würde wohl selbst der dümmste Zeitungsleser nicht ohne weiteres glauben wollen. Aber wie wär’s mit dem Prinzip Putin – der Inkarnation aller Schlechtigkeiten dieser Welt? War Vincenzo Peruggia, der geständige Täter, nicht doch ein russischer Agent? Diente der Mona-Klau womöglich der Vorbereitung der russischen Revolution 1917? Und wieso nur 7 Monate Knast? Hatte da womöglich die Kampforganisation der russischen Sozialrevolutionäre ihre Finger im Spiel?

Und ist die Fibonacci-Spirale in unserem Bildchen, wenn man es vertikal an der Mittelsenkrechten spiegelt, nicht klar und deutlich ein stilisiertes P? Also P wie Putin – oder zumindest doch wie Putinismus?

Bolle meint, hier müßte sich – de oratione ferenda, also im Rahmen künftiger journalistischer Betätigung – durchaus noch einiges machen lassen. Alles nur eine Frage der Kreativität. Kieken wa ma. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-10-25 Der Geist des Kapitalismus

Der Geist des Kapitalismus – mit postsozialistischem Einschlag.

Unser Bildchen heute zeigt original Ostberliner Industrie-Design, wie es sich nicht mehr allzu häufig findet in der Stadt. Vor zwanzig Jahren noch – ja damals – waren von Maschinengewehrfeuer gelöcherte Fassaden durchaus noch normal im Stadtbild. Immerhin: bei Bolle vor der Haustür gibt’s das noch.

Nun ist Bolle durchaus kein Architekturhistoriker. Aber da es sich hierbei erkennbar nicht um einen Plattenbau handelt, dürfte das Gebäude durchaus älter sein als die damalige DDR. Ob es aber im oder schon vor dem tausendjährigen Reich errichtet wurde, weiß Bolle nicht zu sagen. Die ästhetischen „Verfeinerungen“ an der Fassade allerdings dürften definitiv aus postsozialistischen Zeiten stammen.

Dabei sind am rechten Bildrand schon erste, zaghafte Modernisierungsbestrebungen zu erkennen: die Fenster wurden, so wie’s aussieht, durch energieeffizientere Plaste-Fenster ausgetauscht. Unter ästhetischen Gesichtspunkten wohl eher fraglich, findet Bolle. Aber wenn’s dem Fortschritt dient … Bolle – mit den hiesigen Verhältnissen durchaus einigermaßen vertraut –, vermutet, daß da einer den Energieeffizienz-Fördermitteln nebst Umlage-Möglichkeit auf die Mieter nicht widerstehen konnte.

Bei Thomas Manns ›Buddenbrooks‹ (1901) hatte sich folgendes zugetragen: Tony Buddenbrook – höhere Tochter aus dem eher calvinistischen Norden – hatte es ehestandshalber ins katholische München verschlagen. Dort war man weniger ehrgeizig – und dafür umso gemütlicher. Und so mußte sich Tony, kurz nach der Hochzeit schon, von ihrem Göttergatten folgendes anhören:

„Tonerl“ – er nannte sie Tonerl – „Tonerl, mir war’s gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab’ mi allweil g’schunden, und jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten’s Parterre und die zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und können a Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi z’sammrichten und aufdrahn … und am Abend hab’ i ‘s Hofbräuhaus. I bin ka Prozen net und mag net allweil a Göld z’ammscharrn; i mag mei G’müatlichkeit! Von morgen ab mach’ i Schluß und werd’ Privatier!“

Privatier! Sein ›Tonerl‹ –zuhause bekannt als ›Tony‹ beziehungsweise eigentlich ›Antonie‹ – war entsetzt. Wie kann man nur mit einem solch eklatanten Mangel an Ehrgeiz durchs Leben laufen?

Sind nun die hanseatischen Großbürger die besseren Menschen? Oder nicht doch eher die Münchner? Natürlich ist die Frage sinnlos. Sie sind einfach nur anders drauf. Seinerzeit bedurfte es offenbar durchaus noch einer gewissen „interkulturellen Kompetenz“, um sich auch nur zwischen nördlicheren und südlicheren Gefilden des Deutschen Bundes zurechtzufinden.

Einer der ersten, die deutlich auf diesen Umstand hingewiesen haben, war wohl Max Weber mit seinem ›Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus‹ (1904/05), der meinte, daß es neben rein ökonomischen Aspekten durchaus auch eines gewissen religiös „fundamentierten“ innerweltlich-asketischen Berufsethos bedürfe.

Kurzum: Es kommt doch sehr darauf an, wie die Leute – als Population – ticken. Unter dem gegenwärtigen multikulturell-ultraintegrativen Einheitsbrei-Paratickma haben derlei Ideen derzeit allerdings keine Chance. Gleichwohl wird Bolle den Verdacht nicht los, daß eine Gesellschaft ohne ein gewisses Maß an Gruppenkohäsion (vulgo: Wir-Gefühl) nicht funktionieren kann und wird – nicht einmal wirtschaftlich. Allein: wer steckt’s den herrschenden Schichten – die ja zu meinen scheinen, daß es lediglich einer gehörigen Portion „Sondervermögens“ nebst einer nicht minder gehörigen Portion Propaganda bedürfe, und alles werde gut. Bei den Buddenbrooks jedenfalls wurde noch in ehrlichen Kuranttalern gerechnet. Und wenn die alle waren, dann war eben Schicht im Schacht – und man mußte „Bankeröttchen“ machen, wie es seinerzeit hieß. In Bolles Kreisen nennt man derlei ›Kurze Feedback-Schleife‹. Deren reine Existenz hat den unschätzbaren Vorzug, einen vor übertrieben optimistischen Ambitionen – man könnte auch sagen: Traumtänzereien – zu bewahren. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 12-10-25 Die Urständ der Urkonstruktivisten

Strafrechtliche Flurbereinigung.

Neulich hat Bolle im Netz in einem jener Magazine geblättert, die sich selber solide journalistisch finden, im Wesentlichen aber stramm aktivistisch sind. Der Unterschied in nuce: Die einen versuchen zumindest zu sagen, was ist. Die anderen camouflieren das, was ihrer Ansicht nach doch bitteschön zu sein habe – Ja, nachgeradezu sein muß –, als reinsten Journalismus. Nun ja: jeder, wie er kann. Ist ja auch am einfachsten.

In dem Beitrag ging es darum, ob es nicht weiterhin ›Bürgergeld‹ heißen solle beziehungsweise gar müsse, oder ob mit ›Grundsicherung‹ nicht nämliches hinreichend umschrieben sei. Dabei lege – so der Autor – der Begriff ›Bürgergeld‹ nahe, daß die Betroffenen zwar arm, aber deswegen mitnichten weniger bürgerlich seien. ›Grundsicherung‹ dagegen insinuiere, daß es sich um Leute handele, die nicht in der Lage seien, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft sicherzustellen.

Nun – letzteres ist zweifellos der Fall. Allein ersteres klingt natürlich besser, of course  – selbst wenn es sich bei einem Großteil der Betroffenen nicht einmal um Bürger – etwa im Sinne von ›Staatsangehörige‹ – handelt.

Ähnliches gelte unter anderem für Begriffe wie ›Zwangsbeiträge‹ für die an die Öffis  abzudrückenden Tribute, oder die Frage, ob vegetarische Schnitzel ›Schnitzel‹ heißen dürfen.

Allgemein: Darf ein Schraubenzieher ›Schraubenzieher‹ heißen, wo er doch mitnichten Schrauben zieht, sondern vielmehr dreht? Darf ein Zollstock ›Zollstock‹ heißen, wo er doch regelmäßig in Zentimeter unterteilt ist? Darf das Alte Testament so heißen? Oder könnte das – wie manche meinen – antijudaistische Assoziationen evozieren?

Dürfen die Deutschen ihre Handys hartnäckig ›Handy‹ nennen – wo es doch dieses Wort in dieser Bedeutung so sonst nirgendwo auf der Welt gibt?

Bolle geht diese ganze Dürfen-Debatte gehörig auf den Keks. Was dann? Bolle plädiert entschieden für alte Rechte. Wenn etwas jahrhundertelang gut genug war als Wort: warum dann plötzlich auf den Müll damit? Weil’s dem zivilisatorischen Fortschritt dient? Bolle bleibt da durchaus skeptisch.

Konnte James Tobin – nämlicher Tobin mit der Tobin-Tax, und im übrigen Wirtschaftsnobelpreisträger 1981 – im Jahre 1965 in einer amerikanischen Fachzeitschrift noch darüber nachdenken, wie sich die wirtschaftliche Lage der schwarzen Bevölkerung verbessern ließe (›On Improving the Economic Status of the Negro‹), wäre das heute, nur zwei Generationen später – ein Fanal zum Skandal. Warum eigentlich? Von etwaiger Abwertung des Negers kann in dem Beitrag wirklich keine Rede sein – im Gegenteil.

Auch hat sich Bolle bei seinem Lieblings-Pausenbrot nie von einem Neger geküßt gefühlt – oder auch nur im Entferntesten die Empfindung gehabt, einem Mohren den Kopf abzubeißen. Vor allem aber hat sich niemand – weder Bolle noch seine Peers –  beim Pennäler-Pausenbrot je moralisch über- oder unter- oder sonstwie gelegen gefühlt. Um es mit Gertrude Stein zu sagen: Ein Mohrenkopf ist ein Mohrenkopf ist ein Mohrenkopf – egal wie er nun heißen mag (vgl. dazu vor allem So 23-03-25 Konfuzius reloaded).

Ist es nicht vielleicht so, daß die Wirklichkeit nur sprachlich ins rechte Licht gerückt werden muß, um wirklich wahr zu werden? Das war immer schon der Traum aller Urkonstruktivisten – angefangen bei zum Beispiel Berger/Luckmann, die mit ihrer ›Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit‹ (1966) nämliches für möglich hielten, wenn nicht gar für wahrscheinlich.

Ist also Sprache dazu da, die Wirklichkeit zu beschreiben? Oder soll sie dazu da sein, die Wirklichkeit zu gestalten? In Bolles Kreisen unterscheidet man soziale –, brachiale –, sowie juristische Normen. Ersteres meint das, was die Leute so ganz allgemein für richtig und für angemessen halten. Das zweite meint das, was der Journalismus 2.0 ganz im Geiste des Konstrukt­ivismus meint, den Leuten in die Köppe hämmern zu müssen – und zwar so lange, bis sie es, zumindest nolens volens, für richtig und für angemessen halten. Gesiegt hat das konstruktivistische Kalkül allerdings erst dann, wenn es gelingt, die brachiale Norm in den Rang einer juristischen Norm zu erheben. Fürderhin ist es nämlich regelrecht verboten (!), die Norm nicht zu beachten: aus Konstruktion wird Wirklichkeit.

Goethe übrigens, der alte Dichterfürst, der Princeps poetarum, meinte in seinen posthum herausgegebenen ›Gedichten‹ (1836) –

Die Sprache bleibt ein reiner Himmelshauch
Empfunden nur von stillen Erdensöhnen.

– wobei wir ›Erdensöhne‹ natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts verstanden wissen wollen, of course, und kommt dabei zu folgendem Schluß:

Wer fühlend spricht, beschwätzt nur sich allein …

Vielleicht müßte man heute präzisierend ergänzen: sich allein – und seine Bubble weltbewegter Bessermenschen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 05-10-25 Drama Queen

Ja, eure Reden, die so blinkend sind …

Und immer wieder erreichen uns Briefe,
in denen der ein oder andere schreibt:
„Treibt’s nicht zu arg mit der geistigen Tiefe,
damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt.“

Das Epigramm lehnt sich natürlich an an ›Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?‹ (1930). Allerdings meint Bolle, hier passe es auch ganz gut. Laßt es uns also – zumindest öfters mal – etwas geruhsamer angehen und ›Polit/Presse/Populus – Der Tragödie dritter Teil‹ fürs erste zurückstellen. Aufgeschoben ist ja bekanntlich mitnichten aufgehoben. Auch wollen wir uns etwas knapper fassen, da den letzten Sonntagsfrühstückchen ja ein gewisser Hang zum Überschwang eigen war. Wohlan, denn!

Unser Schildchen zeigt eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – die wir natürlich via Augenbalken anonymisiert haben, da es uns stets nur um die Strukturen gehen soll und nie um einzelne Personen – bei einer Rede anläßlich irgendeines Anlasses. Offenbar ergriffen und bewegt von den eigenen Worten fing besagte Person auf offener Bühne und vor laufender Kamera an, ein wenig aus der Form zu fallen: Schmerzverzerrtes Gesicht inmitten der Rede – und womöglich Tränchen gar. So genau wollte Bolle das gar nicht wissen – dafür ist er nun mal zu dezent.

Das allererste indes, was Bolle dazu einfallen wollte, war eine Stelle aus ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro).

Räuspern und ein Schlücken Wasser …

Im Film sollte der Präsident eine Rede halten – natürlich wie üblich vom Teleprompter abgelesen. Interessant fand Bolle, daß da nicht nur der reine Text steht, sondern auch regelrechte Regieanweisungen – ähnlich wie etwa die Anweisung ›pesante‹ (getragen), wie man es aus Partituren kennt. Hier also „sich räuspern und ein Schlückchen Wasser nippen“. Wer’s nicht glauben mag: Die Szene findet sich im Film an der Stelle 58´58´´. Und nun sage keiner, das sei eben Hollywood – mitnichten aber das wirkliche Leben. Hollywood bringt es womöglich nur auf den Punkt, das wirkliche Leben. Wir hatten es schon öfters mal erwähnt: Alle ein, zwei Jahre mal wieder diesen Film zu gucken, rein zur Auffrischung, scheint Bolle nachgerade eine Frage der geistigen Hygiene zu sein, eine Art Immunisierung gegen schädliche Einflüsse vielerlei Art  – so ähnlich wie Zähneputzen, nur eben nicht ganz so oft.

Aber vielleicht ist das alles ja auch gar nicht so. Vielleicht war besagte Person in der Tat von ihrer eigenen Rede so angegriffen (wie man bei unseren südlichen Nachbarn sagt) beziehungsweise so aufgewühlt, daß es halt kein Halten mehr gab. Unwahrscheinlich – aber möglich wär’s. Allein Bolle mag‘s nicht glauben.

Im übrigen: Der Sommer war sehr groß – wenn auch mitnichten der vom Journalismus 2.0 herbeihysterisierte Superhöllenhitzesommer mit fast 50 Grad im Schatten. Und in einem Monat schon beginnt – zumindest bei Bolle ist das so – die Weihnachtszeit und damit der besinnlichere Teil des Jahres. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie zweiter Teil

So schräg kann’s liegen – immer noch …

Die Beziehung Polit→Populus ist, man kann das wohl kaum anders sagen, nicht weniger kaputt als die Polit/Presse-Symbiose – die ja eigentlich gar keine sein sollte (vgl. dazu So 21-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie erster Teil). Das wird auch dann nicht besser, wenn wir ›kaputt‹ durch das nüchternere ›schräglagig‹ (neudeutsch: biassed) ersetzen.

Die politische Klasse ist eine Blase für sich. Zumindest hat sie sich im Laufe der letzten gut 75 Jahre – also innerhalb von nur zweieinhalb Generationen – langsam, aber sehr, sehr sicher dahin entwickelt.

Am Anfang war das Wort. Und das Wort besagte, daß alle Staatsgewalt vom Volke ausgehe, und daß selbige von selbigem „in Wahlen und Abstimmungen“ ausgeübt werde, unterstützt durch „besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung“. So wäre das in Ordnung und so steht es auch wörtlich und ausdrücklich in Art. 20 II GG.

Dabei gehen Wahlen nach allgemeiner Auffassung durchaus in Ordnung. Wäre es anders, ließe sich das Paratickma von der heiligen Kuh ›Demokratie‹ – der allgemein gemeinten Wegscheide zwischen den Guten und den Bösen – auch nicht vernünftig begründen. Allerdings – und das ist wichtig – wird doch sehr darauf geachtet, daß selbige nicht ernstlich was verändern. Wie heißt es doch beim Volk in Lästerlaune? Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten (vgl. dazu auch So 11-12-22 Das elfte Türchen − der 3. Advent …).

Aber Abstimmungen? Das geht natürlich gar nicht – jedenfalls so lange nicht, wie es die Polit-Sphäre mit einem ihrer Ansicht nach schwererziehbaren Populus zu tun hat. Wer weiß, was denen alles einfallen könnte? Also lieber nicht. Daß Abstimmungen entgegen dem ausdrücklichen Wortlaut des Art. 20 II GG ausdrücklich nicht „mitgemeint“ sein sollen, das hat die sogenannte herrschende Lehre (h.L.) unter den Juristen sehr frühzeitig schon sehr deutlich klargestellt. Wo kämen wir denn da hin? Zustände wie in der Schweiz vielleicht? Das grenzte doch glatt an Anarchie.

Das Mißtrauen gegen das Volk sitzt tief – und im Grunde war das so von Anfang an. „Nie wieder“ hieß die Losung. Nie wieder Krieg – nie wieder Auschwitz – und natürlich auch nie wieder Nazis, of course. Da befinden sich ganze Generationen im permanenten Ausnüchterungsrausch – falls man das so sagen mag. Obwohl: mit dem Krieg sieht man das zurzeit nicht ganz so eng, wie’s scheint. Wenn’s doch der guten Sache dient – der „richtigen“ Seite der Geschichte, gar. Bolles O-Ton: Sancta simplicitas!

Kurzum: das Volk mußte und muß nach wie vor von möglicher Machtausübung tunlichst ferngehalten werden – aus rein erzieherischen Gründen. Und so kann es nur wenig verwundern, daß hochgespülte Vertreter der Classe politique in Schnatterrunden (neudeutsch: Talkshows) allen Ernstes zum Besten geben, daß so ziemlich alle wichtigen Entscheidungen – von der Westbindung über die Abschaffung der D-Mark, und was sonst noch so alles angestanden haben mag – gegen den Willen des Volkes, zumindest aber gegen den Willen der Mehrheit durchgesetzt wurden. Und das sei ja wohl auch alles ganz richtig gewesen. Kurzum: die Polit-Sphäre befindet sich, gewissermaßen von Anfang an, in einem Dauerzustand überlegenen Durchblicks – zumindest ihrer Meinung nach.

Von Hans Rimbert Hemmer, einem Entwicklungsökonomen, stammt das sogenannte Zweikreis-Theorem. Es besagt im Kern, daß es keinen Sinn mache, zwischen einzelnen Ländern als Interessengruppen zu unterscheiden. Die jeweils oberen Schichten beliebiger Länder – einschließlich aller Entwicklungsländer – seien einander sehr viel näher als die jeweiligen Völker sich unterscheiden. Prada-Taschen zum Beispiel werden in Timbuktu genauso angeboten und nachgefragt wie etwa in Paris, in Moskau oder eben Mailand. Bolle vermutet, daß es sich mit dem Polit-Personal aller Länder ganz ähnlich verhält. Mit dem Volk an sich hat man – einmal in der Blase etabliert – nur noch recht wenig zu tun. Man könnte das durchaus als eine Art von „Blasenschwäche“ sehen – mit der es sich aus der Sicht des Polit-Establishments allerdings höchst trefflich leben läßt. Wie sonst sollte man es interpretieren, wenn in so manch Schnatterrunde unfreiwillig komisch von den „Die Menschen da draußen im Lande“ die Rede ist?

Kurzum: Das Volk an sich, der Populus, wird leicht zur Randerscheinung im Polit-Getriebe – eine Art notwendiges Übel. Im günstigsten Falle ist es harmlos – völlig harmlos. Falls nicht, muß es eben auf Linie gebracht werden. Und ist es nicht willig, so braucht‘s halt Gewalt. Wenn’s doch zu Nutz und Frommen aller ist …

Dabei könnte auch hier alles so schön sein: Das Volk entscheidet – und zwar Wahlkreis für Wahlkreis – von wem es vertreten werden will. Und die Vertreter wären ihrem Wahlvolk verpflichtet, und niemandem sonst – und schon gar nicht ihrer Partei. Allerdings läuft die Entwicklung genau in die  Gegenrichtung: Mit der letzten Wahlrechtsreform ist es so weit gekommen, daß im Zweifel statt der per Erststimme gewählten (!) Volksvertreter via Zweitstimme irgendwelche Apparatschiks in den Bundestag einziehen, die niemandem verpflichtet sind außer ihrer eigenen Partei. Max Weber übrigens hat in seinem ›Politik als Beruf‹ 1919 schon unterschieden zwischen Leuten, die für die Politik leben und solchen, die von der Politik leben. Apparatschiks aller Art jedenfalls leben, wie’s scheint, von der Politik – und das meistens gar nicht mal so schlecht.

Wäre derlei womöglich verfassungswidrig? Natürlich nicht. Genau so nämlich steht es in Art. 38 I GG. Dort heißt es: Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

Man beachte hier das „nur“. Von einem Parteienstaat mit seiner Entartung „Fraktionsdisziplin“ – wie es immer so schön beschönigend heißt – ist da überhaupt keine Rede. Im Gegenteil: In Art. 21 I GG heißt es klipp und klar: Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.

Man beachte hier das Wörtchen „mit“. Bolle ist es einigermaßen unverständlich, wie es bei der gegebenen Grundgesetzeslage zu einem Parteienstaat kommen konnte, in dem die einzelnen Volksvertreter nichts, die Parteien dagegen alles zu entscheiden haben – bis hin zur Kanzler- und Ministerwahl, also der Entscheidung darüber, wer das Volk regieren soll. Allein: Wenn sich’s doch lohnt? Dann weiter so! (Homans‘ Theorem Nr. 1 in Bolles Fassung). Es lebe die Blase!

Noch schöner wäre es natürlich, wenn das Volk nicht nur entscheiden könnte, von wem es vertreten sein will – also echten Kandidaten und nicht etwa herz-, hirn- und seelenlosen Parteien –, sondern auch und vor allem, von wem es regiert werden will. In den USA zum Beispiel ist genau das der Fall: Exekutive (der Präsident) und Legislative (der Kongreß mit Senat und Repräsentantenhaus) werden dort getrennt und völlig unabhängig voneinander (um jeweils zwei Jahre versetzt) gewählt. Bolle will das durchaus deutlich demokratischer anmuten. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie erster Teil

So schräg kann’s liegen …

Zwar ist es nicht unbedingt so, daß alles mit allem zusammenhinge – aber doch immerhin so manches mit manchem. Das Ob und Wie ist dabei – wie es in Bolles Kreisen vornehm heißt – eine Frage der Ballungsebene. Wie dicht wollen wir ranzoomen an die Fülle der Erscheinungen der Welt? Zoomen wir zu nah, sehen wir jeden einzelnen Baum – verlieren dabei aber den Wald aus dem Blick. Und umgekehrt. Bei der Wahrheitssuche kommt es also nicht zuletzt darauf an, was genau man wissen will.

Unser Schildchen heute zeigt die Elemente ›Polit‹, ›Presse‹ und ›Populus‹ in einer ausgesprochenen Fernzoom-Perspektive – also richtig grob und holzschnittartig. Die einzelnen Bäume – um im Bild zu bleiben – sollen uns hier nicht weiter interessieren.

Dabei sei ›Polit‹ die gesamte politische Sphäre im weitesten Sinne – bis hin zu einschlägigen NGOs und auch einzelnen Paragonisten. Unter ›Presse‹ sei alles verstanden, was „irgendwie mit Medien“ zu tun hat – wobei wir uns allerdings auf den Mainstream beschränken können. ›Populus‹ schließlich sei schlicht und ergreifend das staunende Volk, das all das über sich ergehen lassen muß.

Damit wären unsere Systemelemente hinreichend genau bestimmt. Kommen wir zu den Beziehungen – also dem, was sich zwischen den Elementen abspielt. Dabei wollen wir unterscheiden zwischen dem Ist-Zustand und einem Soll- beziehungsweise Sollte-Zustand. Ersteres haben wir in schwarzer Schrift notiert, letzteres rötlich (und jeweils mit Ausrufezeichen versehen – Bolles üblicher Notation für Soll-Aussagen).

Gegenwärtig – also im Ist-Zustand – läßt sich die Beziehung Presse→Polit wohl am ehesten mit ›einschleimen‹ umschreiben. Welch wohlige Wonne im Dunstkreis der Macht! In der Gegenrichtung, also Polit→Presse, könnte man kurz und knackig auf ›einseifen‹ erkennen.

Das mag ein wenig hart und herzlos klingen. Allein so ist das nun mal auf hoher Ballungsebene: keine Zeit für Höflichkeit. Hier nämlich geht es vornehmlich darum, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Verfeinern kann man schließlich immer noch.

Zu Bolles Oberstufenzeiten – das ist ja durchaus schon ein Weilchen her – war es Mode zu argumentieren, man müsse (dieses oder jenes) „differenziert“ sehen. Bolle war damals schon entschieden der Ansicht, daß ›differenzieren‹ niemals ein Ersatz für integrieren sein kann – also die Dinge im Zusammenhang zu sehen. Das Modewort ›ganzheitlich‹ gab es damals übrigens noch nicht – jedenfalls nicht daß Bolle wüßte.

Um die ›Polit→Presse‹-Beziehung zu illustrieren, gibt es wohl kaum feineres Anschauungsmaterial als ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro): Nachdem der Präsident eine Pfadfinderin gevögelt hatte und daher um seine Wiederwahl (in 11 Tagen schon) bangen mußte, zaubert eine eigens eingesetzte Under-Cover-Special-Task-Force einen nicht-existierenden ›B 3-Bomber‹ aus dem sprichwörtlichen Hut – und schon redet alles nur noch über einen möglichen Krieg. Die Pfadfinderin verschwindet dabei von den Titelseiten. Derweil heißt es bei den PR-Strategen: „Now they get it – Jetzt kapieren sie es.“ Treffer – versenkt!

Kurzum: Die Polit/Presse-Beziehung ist, wie sie sich derzeit darstellt, eine ausgesprochene Mesalliance (um mal einem wunderschönen alten Wort einen neuen Sinn zu geben), die zu niemandes Nutz und Frommen ist – am allerwenigsten des Populus‘.

Dabei könnte alles so schön sein. In einer von Bolle imaginierten besseren aller möglichen Welten (Voltaire 1759) sollte es möglich sein, daß die Presse der Polit-Sphäre gründlich auf die Finger schaut – wenn nicht sogar tüchtig klopft. Ein dummer Spruch, ein törichter Soundso-viel-Punkte-Plan, ein lächerliches Insta-Reel – und schon sollte es Häme hageln, daß es nur so rappelt in der Kiste. Schließlich sind die Paragonisten der Polit-Sphäre auch nur Menschen und agieren allzu gerne nach dem Motto: Wenn sich’s doch lohnt? Dann weiter so! (Homans‘ Theorem Nr. 1 in Bolles Fassung). Wenn sich’s aber, umgekehrt, nicht lohnen täte, weil man so richtig schnell und gründlich auf die Mütze kriegen würde, dann wäre wohl der Spuk mit einem Schlag vorbei – und der Weg frei für politische Umgangsformen, die den Namen auch verdienen würden. Das allerdings gehört wohl eher schon zur ›Polit→Populus‹-Beziehung.

Im Grunde würde es schon reichen, sich hin und wieder an Hanns Joachim Friedrichs‘ (1927–1995) Diktum zu erinnern und daran zu denken, daß man einen guten Journalisten daran erkennt, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten.

Umgekehrt – also im Verhältnis von Polit zu Presse – sollte es so sein, daß man letztere regelrecht fürchtet! – und zwar wie der Teufel das Weihwasser. Ganz nach dem Motto: „Ich sehe schon die Schlagzeile morgen in der Zeitung. Weia!“ – Kurzum: Jede Polit/Presse-Kumpanei sollte sich per se verbieten. Anders macht der Spruch von der Vierten Gewalt auch rein gar keinen Sinn – was allerdings die Presse-Sphäre mitnichten davon abhält, sich nach wie vor und im Brusttone der Überzeugung als solche zu gerieren.

So aber ergänzen sich ›einschleimen‹ und ›einseifen‹ aufs Feinste zu etwas, was die Angel­sachsen so trefflich-alliterativ ›slippery slope‹ nennen – einen schlüpfrig-glitschigen Abhang, an dem es nur eine Richtung geben kann: abwärts! – Und da sage noch einer, Fernzoom mache keinen Sinn.

Bleiben noch die Beziehungen ›Polit→Populus‹ und ›Presse→Populus‹ zu klären. Das aber ist dann doch schon wieder – jedenfalls für heute – ein ganz anderes Kapitel. Fortsetzung folgt!

So 14-09-25 Wenn’s doch der Wahrheitsfindung dient

Wittgenstein und Wichtelein …

Leute brauchen Orientierung. Das bedeutet nicht zuletzt zu wissen, was wahr ist und was nicht. Dabei wird – zumindest Bolle scheint das so zu sein – das Wissen um die Wahrheit nach einem mehr oder weniger gründlichen Modellierungsprozeß anhand aller jemals gewonnenen Eindrücke (Welt II) als Weltbild (mappa mundi) abgelegt (Welt III) und ist fürderhin handlungsleitend. Wobei bereits die Einsicht, daß das Weltbild nur ein Bild ist und mitnichten die Welt an sich (Welt I), offenbar nur fortgeschritteneren Gemütern – Agnostikern etwa – vorbehalten ist.

Welt im Bild …

Alle anderen verbringen ihr halbes, wenn nicht gar ihr ganzes Leben damit, andere von ihrem Wirklichkeitsmodell zu überzeugen – notfalls auch mit Gewalt: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich Dir den Schädel ein.“ (Bernhard von Bülow 1903 in einer Reichstagsrede).

Wer meint, Recht zu haben, sucht sich zuvörderst „Fakten“ – so will es der Zeitgeist. Je mehr Fakten, desto Recht – wie manche ja zu meinen scheinen. Zwar sind ›Fakten‹ kaum mehr als ›Wahrheit aus der Froschperspektive‹ oder, wie Don Quixote de la Mancha (1605/1615) es seinerzeit gefaßt hat: „Tatsachen, mein lieber Sancho, sind die Feinde der Wahrheit.“

Wer‘s noch etwas dicker mag, der stützt sich gern auf Studien – als so einer Art Fakten-Bazooka:  „Seht her, hier steht’s. Die Studie hat ergeben.“ Zweifel ausgeschlossen. Bolle meint nur: Amen! Dann wird es wohl so sein.

Neulich hat eine Tageszeitung, die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, getitelt, daß sich „Füße hoch“ doch nicht lohne, da das Einkommen selbst bei Mindestlohn deutlich höher sei als bei Bürgergeldbezug. In der Kellerzeile (Bolles Gegenstück zur Dachzeile) hieß es ausführend, dies habe eine „neue deutschlandweite Studie“ ergeben. Arbeiten sei also „immer attraktiver“ – man habe schließlich „bis zu 662 Euro“ mehr.

Da hegt und pflegt jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in seiner Welt III die Ansicht, daß sich Arbeiten für ihn nicht lohne, etwa weil es bei seiner bescheidenen Ausbildung und einer entsprechend kläglichen Einkommenserwartung unter den gegebenen Umständen einfach keinen Sinn mache. Doch halt: nun kommt die Studie und verkündet, daß es, tout au contraire, für ihn (!) eben doch Sinn mache. Wer hat Recht? Die Antwort ist müßig, of course.

Ob es „attraktiver“ ist, bis zu 662 Euro mehr im Monat zu haben, entscheidet allein der potentielle Arbeitnehmer – und nicht etwa die Autoren einer Studie. In Bolles Kreisen nennt man das Konsum/Freizeit-Präferenz: Der Arbeitnehmer – und nur der – entscheidet, wieviel seiner Lebenszeit ihm zusätzliche Konsummöglichkeiten wert sind.

Im übrigen bedeuten 662 Euro mehr – man beachte hier vor allem auch den Fleiß und die Gründlichkeit der Autoren: alles präzise auf den Euro genau durchstudiert – gerade mal 22 Euro pro Kalendertag. Die aber ließen sich – so könnte man das durchaus sehen – bei sorgfältiger, umsichtiger und methodischer Haushaltsführung (in Bolles Kreisen heißt das ›SUM‹) leicht und locker wieder einspielen – etwa, indem man selber kocht, selber backt, und überhaupt so manches selber macht.

Von all dem aber schweigt der Studie Bräsigkeit. Allein das ist höchst charakteristisch für Studien aller Art. Sie belichten und beleuchten irgendeinen isolierten Teilaspekt des Daseins und geben das dann als die wirkliche Wahrheit aus. Bolle meint nur: Pustekuchen! Augen auf beim Weltbild-Basteln. Mit Fakten fressen und Studien schlucken jedenfalls ist es wirklich nicht getan.

Übrigens: Von Kümmern um Kinder und so – Marx hat das seinerzeit ›Reproduktion‹ genannt – war hier überhaupt noch gar nicht die Rede. Wenn etwa Mutti (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich auf Arbeit vergleichsweise sinnlos und schlechtbezahlt plagt,  derweil die lieben kleinen Schlüsselkinder mangels Zuwendung und unter tüchtiger Beihilfe von so manchem TV-Format zuhause systematisch verblöden, dann ist das sicher auch nicht ganz im Sinne des Erfinders. Auch hierzu weiß die Studie nichts zu sagen. Kurzum: Es ist offenbar gar nicht so einfach, auch nur einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen – schon gar nicht, wenn es um Wahrheit für andere geht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-09-25 Durch Grenzen gegängelt – Von Inbordern und Transbordern

Bevor Du dich daran machst, die Welt zu verbessern: Kehre drei mal vor Deiner eigenen Tür. (Chinesisch).

Mitunter ist es gar nicht mal so leicht, sich auf der Welt zurechtzufinden. Was die politischen Sphären angeht, haben wir uns daran gewöhnt, die verschiedenen Systeme, die so im Angebot sind, etwas phantasielos – aber bitteschön – dichotom und grob in „links“ und „rechts“ zu unterteilen.

Ob das allerdings noch „zeitgemäß“ ist (wie es immer so schön heißt) darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Schließlich geht die Unterteilung zurück auf die Auseinandersetzungen zwischen Royalisten und bürgerlich Fortschrittsbewegten während der Französischen Revolution. Als sich das mit den Royalisten dann mangels Royals – die kommen heute nur noch in Postillen wie etwa ›Frau im Schmerz‹ und ähnlichen vor – erledigt hatte, blieben die Begriffe der Welt gleichwohl erhalten.

Dabei wurden die Plätze der Königstreuen durch Konservative eingenommen – wenn nicht gar durch Kapitalisten – und die Plätze der Fortschrittsbewegten durch … Fortschrittsbewegte. Nur waren die nicht länger bürgerlich, sondern eben sozialistisch. So gesehen macht das alles sogar Sinn – vor allem, wenn wir uns klarmachen, daß zwischen der Französischen Revolution 1789 und, sagen wir, dem Kommunistischen Manifest 1848 gerade mal zwei Generationen lagen. Man hatte die Ereignisse also durchaus noch frisch im Kopf.

Aber auch das ist heute nicht mehr wirklich aktuell. Und tatsächlich hat Bolle Anfang dieses Jahres in der taz (!) einen Beitrag gefunden, der mit der durchaus berechtigten Frage schließt, ob es heute noch sinnvoll sei, die politische Welt mit Vermessungsgeräten aus dem 18. Jahrhundert kartographieren zu wollen? Bolle meint, wohl eher nicht.

Sehr beliebt im Hier und Jetzt ist die Unterscheidung Demokratie versus Autokratie – wobei es sich bei Demokratien natürlich um die per se Guten handelt und bei Autokratien um die eher Bösen. Aber auch hier kann man leicht ins Schleudern kommen – namentlich dann, wenn ein Volk es sich einfallen läßt, aller Berieselung zum Trotze plötzlich völlig falsch zu wählen. Ein prominentes Beispiel aus jüngerer Zeit dürfte dabei Donald Trumps Wahl zum 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten sein. Sind die USA jetzt noch demokratisch – oder nicht doch eher schon autokratisch? Manch politischer Beobachter meint sich derlei ja fragen zu müssen. Hierzulande übrigens haben wir mit der AfD das gleiche Problem in Grün: Ist das denn noch demokratisch, wenn das Volk wählt, was es will – und nicht etwa, was es soll?

Falls Demokratie überhaupt irgendeinen Sinn machen soll, dann ja wohl den, daß das Volk das Recht haben muß zu entscheiden, von wem es regiert werden will, und daß es vor allem auch das Recht haben muß, seine Regierung abzusetzen – und zwar ohne daß das, wie in früheren Zeiten, immer gleich in ein Blutbad ausarten muß. So jedenfalls hat es Karl Popper in seiner ›Offenen Gesellschaft‹ 1945 bereits trefflich auf den Punkt gebracht.

Überhaupt hat Bolle den Eindruck, daß – gleichviel ob Links versus Rechts oder Demokratie versus Autokratie – hier ein ewiger Kampf Gut gegen Böse stattzufinden scheint. Dabei wollen die Guten stets das Wünschenswerte – was immer das im Einzelfall auch sein mag. Was demnach wohl die Bösen wollen: etwa das Verabscheuenswürdige, vielleicht? Wir wissen es nicht. Bolle ist noch immer und mit Fleiß damit befaßt, sich auf dem Wege künstlicher Kognitionsreduktion (KK) in Hülsenfrüchtchens Lebens- und Erlebenswelt hineinzufühlen. Aber laßt uns sachlich bleiben:

Das Leben ist kein Wunschkonzert – wie eine Kalenderweisheit weiß. Und so gibt es neben der an sich höchst ehrenwerten Dimension ›Wünschenswert?‹ mit den dichotomen Ausprägungen Ja oder Nein noch die Dimension ›Funktioniert?‹, wiederum mit den Ausprägungen Ja oder Nein. Und schon sind wir bei der Gretchenfrage. Angenommen, wir hätten die Wahl zwischen einem höchst wünschenswerten Zustand, der aber leider nicht funktioniert (wōk), und einem weniger wünschenswerten Zustand, der aber den Vorzug hat, realitätskompatibel zu sein (square). Was wird sich wohl auf Dauer durchsetzen? Mit dieser an und für sich doch recht schlichten Frage hat Bolle schon öfters mal ganze Scharen von weltbewegten Seminarteilnehmern (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) so richtig tüchtig ins Schleudern gebracht – und dabei natürlich auch zum Nachdenken, versteht sich.

Kurzum: Bolle würde im Lichte der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen die Unterscheidung Inborder versus Transborder noch am ehesten einleuchten. Dabei seien Transborder Leute, die in ihrem Weltbild (ihrer mappa mundi, ihrer Welt III) die Vorstellung hegen und pflegen, daß die Welt eine bessere wäre, wenn es nur keine Grenzen gäbe.

It ain’t easy …

Ja, wenn … Wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätt‘ er den Hasen gefangen – wie Bolles liebe gute alte Großmama in solchen Zusammenhängen regelmäßig anzumerken pflegte.

Inborder dagegen neigen, tout au contraire, der Ansicht zu, daß Systeme eine Außenhaut brauchen und wohldefinierte (und dabei möglichst schmale und robuste) Schnittstellen zu ihrer jeweiligen Systemumgebung. So was lernt man, wenn man Programmieren lernt. Wenn etwa Wasser in ein U-Boot läuft, dann macht ein Kapitän, der sein Salz wert ist, die Schotten dicht – selbst dann, wenn das bedeuten würde, den einen oder anderen Seemann opfern zu müssen. Ja, was denn sonst? Die Alternative wäre, den ganzen Kahn mit Mann und Maus absaufen zu lassen. Schön ist das alles nicht – und alles andere als wünschenswert. Allein es ist das einzige, was funktioniert.

Nun hegt Bolle die böse Befürchtung, daß sich Transborder mit statistisch bedenklicher Häufung im ›Wōk‹-Feld wiederfinden – während Inborder sich bevorzugt im ›Square‹-Feld tummeln. Die einen halten es halt mit funktionabel, andere mögen es lieber wolkenkuckucksheimelig.

Gönnen wir uns abschließend einen kühnen, aber wohl nicht ganz unberechtigten Sprung und assoziieren wir Transborder mit Sozialismus-Affinität und bleiben wir dabei unserer Vermutung treu, daß solche Leute zu wolkenkuckucksheimeligen Lösungen neigen. Das würde umstandslos erklären, wieso derlei noch nie, wirklich noch nie, funktioniert hat. Fragt die Chinesen. Die übliche Ausflucht – die wir gerade dieser Tage einmal mehr von politprominenter Seite zu hören bekommen haben: Das sei dann eben kein „wahrer“ Sozialismus gewesen. Wahrer Sozialismus funktioniere, of course. Muß! Und ewig träumt das Murmeltier. Bolle jedenfalls würde solche Leute lieber nicht in politischer Verantwortung sehen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 31-08-25 Iustitia als Seherin

Iustitia voll ausstaffiert (nach einer Vorlage von Özgür Karabulut).

Nachdem unser letztes agnostisch-kontemplatives Sonntagsfrühstückchen ja durchaus etwas üppig geraten war, wollen wir uns heute wieder mit schmalerer Kost bescheiden – allerdings ohne dabei zu versäumen, unsere neue Kategorie ›Schlaglicht‹ einzuführen.

Neulich hat Bolle eine kleine Notiz zum Thema ›Sven Liebich‹ gefunden. Sven Liebig heißt jetzt Marla-Svenja Liebich, „liest“ sich neuerdings als Frau – und muß beziehungsweise darf eine verhängte Haftstrafe von immerhin 18 Monaten dementsprechend korrekterweise in einem Frauenknast antreten.

Verurteilt wurde Frau Liebich übrigens wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB), Billigung eines Angriffskrieges (§ 140 StGB), Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz, übler Nachrede (§ 186 StGB) und Beleidigung (§ 185 StGB). Wenn man bedenkt, daß man heutzutage wegen einer Aufmunterung wie etwa „Bravo, Putin“ bereits Gefahr läuft, wegen Billigung eines Angriffskrieges gemäß § 140 StGB rechtskräftig verurteilt zu werden (vgl. dazu So 15-06-25 Immer auffem Sprung), dann dürfte es sich bei Frau Liebig um einen nicht wirklich schweren Jungen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) handeln. Eher müffelt das ein wenig nach Ruhigstellung unliebsamer Zeitgenossen. In weniger demokratisch gesinnten Gesellschaften als der unseren würde man derlei durchaus mit politischer Justiz attribuieren können. An dieser Stelle aber laufen wir leicht Gefahr, daß sich die Schlaglichter regelrecht überschlagen. Lassen wir es für heute also lieber ruhig angehen und kommen wir zu unserem eigentlichen Thema ›Iustitia‹.

Iustitia, die Göttin des Rechtes beziehungsweise besser noch: der Gerechtigkeit, ist mit ihren mindestens 2.000 Jahren durchaus schon eine elderly lady. In den meisten Darstellungen gehören Augenbinde, Waage und Schwert zu ihren essentiellen Paraphernalia. Dabei soll die Waage für gründliches Abwägen stehen – letztlich also für Urteilskraft –, das Schwert für die Fähigkeit und die Bereitschaft, das für Recht erkannte auch durchzusetzen, und die Augenbinde schließlich für eine Rechtsfindung ohne Ansehen der Person – letztlich also gleiches Recht für alle.

Daß es sich hierbei um ein Ideal handelt, das es in der rauhen Wirklichkeit eher schwer haben dürfte, sieht Bolle natürlich ein, of course. Nicht umsonst kursiert unter Juristen ja der folgende Witz: „Der Richter ist der Mann, der entscheidet, welche Partei den besseren Anwalt hat.“ Indes: Ideale zu canceln mit der Begründung, es seien ja ohnehin „nur“ Ideale, scheint Bolle jetzt auch nicht wirklich ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.

Kommen wir zu unserem Schlaglicht: Neulich begab es sich, da meinte einer aus der Gilde der Meinungsmacher, daß es ja wohl möglich sein müsse, einen „notorischen Neonazi“ – gemeint ist Frau Liebich – am „Mißbrauch“ eines Gesetzes zu hindern, ohne gleich das ganze Gesetz in Bausch und Bogen zu verwerfen. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, daß sich besagter Journalist selber als eher „rechts“ bezeichnen würde und im übrigen durchaus als „Edelfeder“ gelten darf – also einer, der in der journalistischen Nahrungskette, zumindest was sein Gehalt angeht, recht weit oben residiert.

Auf unsere Göttin übertragen würde das nicht mehr und nicht weniger als folgendes bedeuten: Iustitia lupft ihre Augenbinde, sieht, wen sie da so vor sich hat, und erklärt feierlich – und womöglich gar im Namen des Volkes: „Ahh! Frau Liebig! Sind Sie nicht der notorische Neonazi? Sorry – aber unsere Gesetze gelten nur für die Guten.“ Ob sie dabei „unsere“ gedanklich, möglicherweise gar in ironischer Absicht, in Tüddelchen setzt, sei hier einmal dahingestellt.

Übertrieben? Leider, leider nicht. Denken wir nur an Ludwigshafen – wo dieser Tage ein höchst aussichtsreicher Kommunalpolitiker allein deshalb nicht zu den Guten zählen und sich daher nicht wählen lassen darf, weil er die Nibelungensage mag. Sehr viel substantuierter war die Begründung hinter dem üblichen Polit-Palaver in der Tat und allen Ernstes nicht. Der Beispiele fänden sich gar einige. Und? Was machen die Juristen? Machen – wie schon öfters mal in der Geschichte – immer feste mit! Nieder mit Iustitias Augenbinde! Gleiches Recht für alle? Wo kämen wir da hin? Allein: Iustitia als Seherin – als Göttin der Guten, sozusagen – ist jedenfalls ein Widerspruch in sich. Immerhin paßt das alles gar aufs Feinste zu Hülsenfrüchtchens Horizont. Oder, um es epigrammatisch zu fassen – Bolle liebt ja Epigramme:

Wenn die Guten tüchtig tuten
Statuten jämmerlich verbluten –
Dann ist es nicht mehr allzu weit
zu Hülsenfrüchtchens Herrlichkeit.

Das alles aber ist – wir ahnen es bereits – dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.