So 21-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie erster Teil

So schräg kann’s liegen …

Zwar ist es nicht unbedingt so, daß alles mit allem zusammenhinge – aber doch immerhin so manches mit manchem. Das Ob und Wie ist dabei – wie es in Bolles Kreisen vornehm heißt – eine Frage der Ballungsebene. Wie dicht wollen wir ranzoomen an die Fülle der Erscheinungen der Welt? Zoomen wir zu nah, sehen wir jeden einzelnen Baum – verlieren dabei aber den Wald aus dem Blick. Und umgekehrt. Bei der Wahrheitssuche kommt es also nicht zuletzt darauf an, was genau man wissen will.

Unser Schildchen heute zeigt die Elemente ›Polit‹, ›Presse‹ und ›Populus‹ in einer ausgesprochenen Fernzoom-Perspektive – also richtig grob und holzschnittartig. Die einzelnen Bäume – um im Bild zu bleiben – sollen uns hier nicht weiter interessieren.

Dabei sei ›Polit‹ die gesamte politische Sphäre im weitesten Sinne – bis hin zu einschlägigen NGOs und auch einzelnen Paragonisten. Unter ›Presse‹ sei alles verstanden, was „irgendwie mit Medien“ zu tun hat – wobei wir uns allerdings auf den Mainstream beschränken können. ›Populus‹ schließlich sei schlicht und ergreifend das staunende Volk, das all das über sich ergehen lassen muß.

Damit wären unsere Systemelemente hinreichend genau bestimmt. Kommen wir zu den Beziehungen – also dem, was sich zwischen den Elementen abspielt. Dabei wollen wir unterscheiden zwischen dem Ist-Zustand und einem Soll- beziehungsweise Sollte-Zustand. Ersteres haben wir in schwarzer Schrift notiert, letzteres rötlich (und jeweils mit Ausrufezeichen versehen – Bolles üblicher Notation für Soll-Aussagen).

Gegenwärtig – also im Ist-Zustand – läßt sich die Beziehung Presse→Polit wohl am ehesten mit ›einschleimen‹ umschreiben. Welch wohlige Wonne im Dunstkreis der Macht! In der Gegenrichtung, also Polit→Presse, könnte man kurz und knackig auf ›einseifen‹ erkennen.

Das mag ein wenig hart und herzlos klingen. Allein so ist das nun mal auf hoher Ballungsebene: keine Zeit für Höflichkeit. Hier nämlich geht es vornehmlich darum, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Verfeinern kann man schließlich immer noch.

Zu Bolles Oberstufenzeiten – das ist ja durchaus schon ein Weilchen her – war es Mode zu argumentieren, man müsse (dieses oder jenes) „differenziert“ sehen. Bolle war damals schon entschieden der Ansicht, daß ›differenzieren‹ niemals ein Ersatz für integrieren sein kann – also die Dinge im Zusammenhang zu sehen. Das Modewort ›ganzheitlich‹ gab es damals übrigens noch nicht – jedenfalls nicht daß Bolle wüßte.

Um die ›Polit→Presse‹-Beziehung zu illustrieren, gibt es wohl kaum feineres Anschauungsmaterial als ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro): Nachdem der Präsident eine Pfadfinderin gevögelt hatte und daher um seine Wiederwahl (in 11 Tagen schon) bangen mußte, zaubert eine eigens eingesetzte Under-Cover-Special-Task-Force einen nicht-existierenden ›B 3-Bomber‹ aus dem sprichwörtlichen Hut – und schon redet alles nur noch über einen möglichen Krieg. Die Pfadfinderin verschwindet dabei von den Titelseiten. Derweil heißt es bei den PR-Strategen: „Now they get it – Jetzt kapieren sie es.“ Treffer – versenkt!

Kurzum: Die Polit/Presse-Beziehung ist, wie sie sich derzeit darstellt, eine ausgesprochene Mesalliance (um mal einem wunderschönen alten Wort einen neuen Sinn zu geben), die zu niemandes Nutz und Frommen ist – am allerwenigsten des Populus‘.

Dabei könnte alles so schön sein. In einer von Bolle imaginierten besseren aller möglichen Welten (Voltaire 1759) sollte es möglich sein, daß die Presse der Polit-Sphäre gründlich auf die Finger schaut – wenn nicht sogar tüchtig klopft. Ein dummer Spruch, ein törichter Soundso-viel-Punkte-Plan, ein lächerliches Insta-Reel – und schon sollte es Häme hageln, daß es nur so rappelt in der Kiste. Schließlich sind die Paragonisten der Polit-Sphäre auch nur Menschen und agieren allzu gerne nach dem Motto: Wenn sich’s doch lohnt? Dann weiter so! (Homans‘ Theorem Nr. 1 in Bolles Fassung). Wenn sich’s aber, umgekehrt, nicht lohnen täte, weil man so richtig schnell und gründlich auf die Mütze kriegen würde, dann wäre wohl der Spuk mit einem Schlag vorbei – und der Weg frei für politische Umgangsformen, die den Namen auch verdienen würden. Das allerdings gehört wohl eher schon zur ›Polit→Populus‹-Beziehung.

Im Grunde würde es schon reichen, sich hin und wieder an Hanns Joachim Friedrichs‘ (1927–1995) Diktum zu erinnern und daran zu denken, daß man einen guten Journalisten daran erkennt, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten.

Umgekehrt – also im Verhältnis von Polit zu Presse – sollte es so sein, daß man letztere regelrecht fürchtet! – und zwar wie der Teufel das Weihwasser. Ganz nach dem Motto: „Ich sehe schon die Schlagzeile morgen in der Zeitung. Weia!“ – Kurzum: Jede Polit/Presse-Kumpanei sollte sich per se verbieten. Anders macht der Spruch von der Vierten Gewalt auch rein gar keinen Sinn – was allerdings die Presse-Sphäre mitnichten davon abhält, sich nach wie vor und im Brusttone der Überzeugung als solche zu gerieren.

So aber ergänzen sich ›einschleimen‹ und ›einseifen‹ aufs Feinste zu etwas, was die Angel­sachsen so trefflich-alliterativ ›slippery slope‹ nennen – einen schlüpfrig-glitschigen Abhang, an dem es nur eine Richtung geben kann: abwärts! – Und da sage noch einer, Fernzoom mache keinen Sinn.

Bleiben noch die Beziehungen ›Polit→Populus‹ und ›Presse→Populus‹ zu klären. Das aber ist dann doch schon wieder – jedenfalls für heute – ein ganz anderes Kapitel. Fortsetzung folgt!

So 14-09-25 Wenn’s doch der Wahrheitsfindung dient

Wittgenstein und Wichtelein …

Leute brauchen Orientierung. Das bedeutet nicht zuletzt zu wissen, was wahr ist und was nicht. Dabei wird – zumindest Bolle scheint das so zu sein – das Wissen um die Wahrheit nach einem mehr oder weniger gründlichen Modellierungsprozeß anhand aller jemals gewonnenen Eindrücke (Welt II) als Weltbild (mappa mundi) abgelegt (Welt III) und ist fürderhin handlungsleitend. Wobei bereits die Einsicht, daß das Weltbild nur ein Bild ist und mitnichten die Welt an sich (Welt I), offenbar nur fortgeschritteneren Gemütern – Agnostikern etwa – vorbehalten ist.

Welt im Bild …

Alle anderen verbringen ihr halbes, wenn nicht gar ihr ganzes Leben damit, andere von ihrem Wirklichkeitsmodell zu überzeugen – notfalls auch mit Gewalt: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich Dir den Schädel ein.“ (Bernhard von Bülow 1903 in einer Reichstagsrede).

Wer meint, Recht zu haben, sucht sich zuvörderst „Fakten“ – so will es der Zeitgeist. Je mehr Fakten, desto Recht – wie manche ja zu meinen scheinen. Zwar sind ›Fakten‹ kaum mehr als ›Wahrheit aus der Froschperspektive‹ oder, wie Don Quixote de la Mancha (1605/1615) es seinerzeit gefaßt hat: „Tatsachen, mein lieber Sancho, sind die Feinde der Wahrheit.“

Wer‘s noch etwas dicker mag, der stützt sich gern auf Studien – als so einer Art Fakten-Bazooka:  „Seht her, hier steht’s. Die Studie hat ergeben.“ Zweifel ausgeschlossen. Bolle meint nur: Amen! Dann wird es wohl so sein.

Neulich hat eine Tageszeitung, die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, getitelt, daß sich „Füße hoch“ doch nicht lohne, da das Einkommen selbst bei Mindestlohn deutlich höher sei als bei Bürgergeldbezug. In der Kellerzeile (Bolles Gegenstück zur Dachzeile) hieß es ausführend, dies habe eine „neue deutschlandweite Studie“ ergeben. Arbeiten sei also „immer attraktiver“ – man habe schließlich „bis zu 662 Euro“ mehr.

Da hegt und pflegt jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in seiner Welt III die Ansicht, daß sich Arbeiten für ihn nicht lohne, etwa weil es bei seiner bescheidenen Ausbildung und einer entsprechend kläglichen Einkommenserwartung unter den gegebenen Umständen einfach keinen Sinn mache. Doch halt: nun kommt die Studie und verkündet, daß es, tout au contraire, für ihn (!) eben doch Sinn mache. Wer hat Recht? Die Antwort ist müßig, of course.

Ob es „attraktiver“ ist, bis zu 662 Euro mehr im Monat zu haben, entscheidet allein der potentielle Arbeitnehmer – und nicht etwa die Autoren einer Studie. In Bolles Kreisen nennt man das Konsum/Freizeit-Präferenz: Der Arbeitnehmer – und nur der – entscheidet, wieviel seiner Lebenszeit ihm zusätzliche Konsummöglichkeiten wert sind.

Im übrigen bedeuten 662 Euro mehr – man beachte hier vor allem auch den Fleiß und die Gründlichkeit der Autoren: alles präzise auf den Euro genau durchstudiert – gerade mal 22 Euro pro Kalendertag. Die aber ließen sich – so könnte man das durchaus sehen – bei sorgfältiger, umsichtiger und methodischer Haushaltsführung (in Bolles Kreisen heißt das ›SUM‹) leicht und locker wieder einspielen – etwa, indem man selber kocht, selber backt, und überhaupt so manches selber macht.

Von all dem aber schweigt der Studie Bräsigkeit. Allein das ist höchst charakteristisch für Studien aller Art. Sie belichten und beleuchten irgendeinen isolierten Teilaspekt des Daseins und geben das dann als die wirkliche Wahrheit aus. Bolle meint nur: Pustekuchen! Augen auf beim Weltbild-Basteln. Mit Fakten fressen und Studien schlucken jedenfalls ist es wirklich nicht getan.

Übrigens: Von Kümmern um Kinder und so – Marx hat das seinerzeit ›Reproduktion‹ genannt – war hier überhaupt noch gar nicht die Rede. Wenn etwa Mutti (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich auf Arbeit vergleichsweise sinnlos und schlechtbezahlt plagt,  derweil die lieben kleinen Schlüsselkinder mangels Zuwendung und unter tüchtiger Beihilfe von so manchem TV-Format zuhause systematisch verblöden, dann ist das sicher auch nicht ganz im Sinne des Erfinders. Auch hierzu weiß die Studie nichts zu sagen. Kurzum: Es ist offenbar gar nicht so einfach, auch nur einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen – schon gar nicht, wenn es um Wahrheit für andere geht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 07-09-25 Durch Grenzen gegängelt – Von Inbordern und Transbordern

Bevor Du dich daran machst, die Welt zu verbessern: Kehre drei mal vor Deiner eigenen Tür. (Chinesisch).

Mitunter ist es gar nicht mal so leicht, sich auf der Welt zurechtzufinden. Was die politischen Sphären angeht, haben wir uns daran gewöhnt, die verschiedenen Systeme, die so im Angebot sind, etwas phantasielos – aber bitteschön – dichotom und grob in „links“ und „rechts“ zu unterteilen.

Ob das allerdings noch „zeitgemäß“ ist (wie es immer so schön heißt) darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Schließlich geht die Unterteilung zurück auf die Auseinandersetzungen zwischen Royalisten und bürgerlich Fortschrittsbewegten während der Französischen Revolution. Als sich das mit den Royalisten dann mangels Royals – die kommen heute nur noch in Postillen wie etwa ›Frau im Schmerz‹ und ähnlichen vor – erledigt hatte, blieben die Begriffe der Welt gleichwohl erhalten.

Dabei wurden die Plätze der Königstreuen durch Konservative eingenommen – wenn nicht gar durch Kapitalisten – und die Plätze der Fortschrittsbewegten durch … Fortschrittsbewegte. Nur waren die nicht länger bürgerlich, sondern eben sozialistisch. So gesehen macht das alles sogar Sinn – vor allem, wenn wir uns klarmachen, daß zwischen der Französischen Revolution 1789 und, sagen wir, dem Kommunistischen Manifest 1848 gerade mal zwei Generationen lagen. Man hatte die Ereignisse also durchaus noch frisch im Kopf.

Aber auch das ist heute nicht mehr wirklich aktuell. Und tatsächlich hat Bolle Anfang dieses Jahres in der taz (!) einen Beitrag gefunden, der mit der durchaus berechtigten Frage schließt, ob es heute noch sinnvoll sei, die politische Welt mit Vermessungsgeräten aus dem 18. Jahrhundert kartographieren zu wollen? Bolle meint, wohl eher nicht.

Sehr beliebt im Hier und Jetzt ist die Unterscheidung Demokratie versus Autokratie – wobei es sich bei Demokratien natürlich um die per se Guten handelt und bei Autokratien um die eher Bösen. Aber auch hier kann man leicht ins Schleudern kommen – namentlich dann, wenn ein Volk es sich einfallen läßt, aller Berieselung zum Trotze plötzlich völlig falsch zu wählen. Ein prominentes Beispiel aus jüngerer Zeit dürfte dabei Donald Trumps Wahl zum 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten sein. Sind die USA jetzt noch demokratisch – oder nicht doch eher schon autokratisch? Manch politischer Beobachter meint sich derlei ja fragen zu müssen. Hierzulande übrigens haben wir mit der AfD das gleiche Problem in Grün: Ist das denn noch demokratisch, wenn das Volk wählt, was es will – und nicht etwa, was es soll?

Falls Demokratie überhaupt irgendeinen Sinn machen soll, dann ja wohl den, daß das Volk das Recht haben muß zu entscheiden, von wem es regiert werden will, und daß es vor allem auch das Recht haben muß, seine Regierung abzusetzen – und zwar ohne daß das, wie in früheren Zeiten, immer gleich in ein Blutbad ausarten muß. So jedenfalls hat es Karl Popper in seiner ›Offenen Gesellschaft‹ 1945 bereits trefflich auf den Punkt gebracht.

Überhaupt hat Bolle den Eindruck, daß – gleichviel ob Links versus Rechts oder Demokratie versus Autokratie – hier ein ewiger Kampf Gut gegen Böse stattzufinden scheint. Dabei wollen die Guten stets das Wünschenswerte – was immer das im Einzelfall auch sein mag. Was demnach wohl die Bösen wollen: etwa das Verabscheuenswürdige, vielleicht? Wir wissen es nicht. Bolle ist noch immer und mit Fleiß damit befaßt, sich auf dem Wege künstlicher Kognitionsreduktion (KK) in Hülsenfrüchtchens Lebens- und Erlebenswelt hineinzufühlen. Aber laßt uns sachlich bleiben:

Das Leben ist kein Wunschkonzert – wie eine Kalenderweisheit weiß. Und so gibt es neben der an sich höchst ehrenwerten Dimension ›Wünschenswert?‹ mit den dichotomen Ausprägungen Ja oder Nein noch die Dimension ›Funktioniert?‹, wiederum mit den Ausprägungen Ja oder Nein. Und schon sind wir bei der Gretchenfrage. Angenommen, wir hätten die Wahl zwischen einem höchst wünschenswerten Zustand, der aber leider nicht funktioniert (wōk), und einem weniger wünschenswerten Zustand, der aber den Vorzug hat, realitätskompatibel zu sein (square). Was wird sich wohl auf Dauer durchsetzen? Mit dieser an und für sich doch recht schlichten Frage hat Bolle schon öfters mal ganze Scharen von weltbewegten Seminarteilnehmern (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) so richtig tüchtig ins Schleudern gebracht – und dabei natürlich auch zum Nachdenken, versteht sich.

Kurzum: Bolle würde im Lichte der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen die Unterscheidung Inborder versus Transborder noch am ehesten einleuchten. Dabei seien Transborder Leute, die in ihrem Weltbild (ihrer mappa mundi, ihrer Welt III) die Vorstellung hegen und pflegen, daß die Welt eine bessere wäre, wenn es nur keine Grenzen gäbe.

It ain’t easy …

Ja, wenn … Wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätt‘ er den Hasen gefangen – wie Bolles liebe gute alte Großmama in solchen Zusammenhängen regelmäßig anzumerken pflegte.

Inborder dagegen neigen, tout au contraire, der Ansicht zu, daß Systeme eine Außenhaut brauchen und wohldefinierte (und dabei möglichst schmale und robuste) Schnittstellen zu ihrer jeweiligen Systemumgebung. So was lernt man, wenn man Programmieren lernt. Wenn etwa Wasser in ein U-Boot läuft, dann macht ein Kapitän, der sein Salz wert ist, die Schotten dicht – selbst dann, wenn das bedeuten würde, den einen oder anderen Seemann opfern zu müssen. Ja, was denn sonst? Die Alternative wäre, den ganzen Kahn mit Mann und Maus absaufen zu lassen. Schön ist das alles nicht – und alles andere als wünschenswert. Allein es ist das einzige, was funktioniert.

Nun hegt Bolle die böse Befürchtung, daß sich Transborder mit statistisch bedenklicher Häufung im ›Wōk‹-Feld wiederfinden – während Inborder sich bevorzugt im ›Square‹-Feld tummeln. Die einen halten es halt mit funktionabel, andere mögen es lieber wolkenkuckucksheimelig.

Gönnen wir uns abschließend einen kühnen, aber wohl nicht ganz unberechtigten Sprung und assoziieren wir Transborder mit Sozialismus-Affinität und bleiben wir dabei unserer Vermutung treu, daß solche Leute zu wolkenkuckucksheimeligen Lösungen neigen. Das würde umstandslos erklären, wieso derlei noch nie, wirklich noch nie, funktioniert hat. Fragt die Chinesen. Die übliche Ausflucht – die wir gerade dieser Tage einmal mehr von politprominenter Seite zu hören bekommen haben: Das sei dann eben kein „wahrer“ Sozialismus gewesen. Wahrer Sozialismus funktioniere, of course. Muß! Und ewig träumt das Murmeltier. Bolle jedenfalls würde solche Leute lieber nicht in politischer Verantwortung sehen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 31-08-25 Iustitia als Seherin

Iustitia voll ausstaffiert (nach einer Vorlage von Özgür Karabulut).

Nachdem unser letztes agnostisch-kontemplatives Sonntagsfrühstückchen ja durchaus etwas üppig geraten war, wollen wir uns heute wieder mit schmalerer Kost bescheiden – allerdings ohne dabei zu versäumen, unsere neue Kategorie ›Schlaglicht‹ einzuführen.

Neulich hat Bolle eine kleine Notiz zum Thema ›Sven Liebich‹ gefunden. Sven Liebig heißt jetzt Marla-Svenja Liebich, „liest“ sich neuerdings als Frau – und muß beziehungsweise darf eine verhängte Haftstrafe von immerhin 18 Monaten dementsprechend korrekterweise in einem Frauenknast antreten.

Verurteilt wurde Frau Liebich übrigens wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB), Billigung eines Angriffskrieges (§ 140 StGB), Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz, übler Nachrede (§ 186 StGB) und Beleidigung (§ 185 StGB). Wenn man bedenkt, daß man heutzutage wegen einer Aufmunterung wie etwa „Bravo, Putin“ bereits Gefahr läuft, wegen Billigung eines Angriffskrieges gemäß § 140 StGB rechtskräftig verurteilt zu werden (vgl. dazu So 15-06-25 Immer auffem Sprung), dann dürfte es sich bei Frau Liebig um einen nicht wirklich schweren Jungen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) handeln. Eher müffelt das ein wenig nach Ruhigstellung unliebsamer Zeitgenossen. In weniger demokratisch gesinnten Gesellschaften als der unseren würde man derlei durchaus mit politischer Justiz attribuieren können. An dieser Stelle aber laufen wir leicht Gefahr, daß sich die Schlaglichter regelrecht überschlagen. Lassen wir es für heute also lieber ruhig angehen und kommen wir zu unserem eigentlichen Thema ›Iustitia‹.

Iustitia, die Göttin des Rechtes beziehungsweise besser noch: der Gerechtigkeit, ist mit ihren mindestens 2.000 Jahren durchaus schon eine elderly lady. In den meisten Darstellungen gehören Augenbinde, Waage und Schwert zu ihren essentiellen Paraphernalia. Dabei soll die Waage für gründliches Abwägen stehen – letztlich also für Urteilskraft –, das Schwert für die Fähigkeit und die Bereitschaft, das für Recht erkannte auch durchzusetzen, und die Augenbinde schließlich für eine Rechtsfindung ohne Ansehen der Person – letztlich also gleiches Recht für alle.

Daß es sich hierbei um ein Ideal handelt, das es in der rauhen Wirklichkeit eher schwer haben dürfte, sieht Bolle natürlich ein, of course. Nicht umsonst kursiert unter Juristen ja der folgende Witz: „Der Richter ist der Mann, der entscheidet, welche Partei den besseren Anwalt hat.“ Indes: Ideale zu canceln mit der Begründung, es seien ja ohnehin „nur“ Ideale, scheint Bolle jetzt auch nicht wirklich ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.

Kommen wir zu unserem Schlaglicht: Neulich begab es sich, da meinte einer aus der Gilde der Meinungsmacher, daß es ja wohl möglich sein müsse, einen „notorischen Neonazi“ – gemeint ist Frau Liebich – am „Mißbrauch“ eines Gesetzes zu hindern, ohne gleich das ganze Gesetz in Bausch und Bogen zu verwerfen. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, daß sich besagter Journalist selber als eher „rechts“ bezeichnen würde und im übrigen durchaus als „Edelfeder“ gelten darf – also einer, der in der journalistischen Nahrungskette, zumindest was sein Gehalt angeht, recht weit oben residiert.

Auf unsere Göttin übertragen würde das nicht mehr und nicht weniger als folgendes bedeuten: Iustitia lupft ihre Augenbinde, sieht, wen sie da so vor sich hat, und erklärt feierlich – und womöglich gar im Namen des Volkes: „Ahh! Frau Liebig! Sind Sie nicht der notorische Neonazi? Sorry – aber unsere Gesetze gelten nur für die Guten.“ Ob sie dabei „unsere“ gedanklich, möglicherweise gar in ironischer Absicht, in Tüddelchen setzt, sei hier einmal dahingestellt.

Übertrieben? Leider, leider nicht. Denken wir nur an Ludwigshafen – wo dieser Tage ein höchst aussichtsreicher Kommunalpolitiker allein deshalb nicht zu den Guten zählen und sich daher nicht wählen lassen darf, weil er die Nibelungensage mag. Sehr viel substantuierter war die Begründung hinter dem üblichen Polit-Palaver in der Tat und allen Ernstes nicht. Der Beispiele fänden sich gar einige. Und? Was machen die Juristen? Machen – wie schon öfters mal in der Geschichte – immer feste mit! Nieder mit Iustitias Augenbinde! Gleiches Recht für alle? Wo kämen wir da hin? Allein: Iustitia als Seherin – als Göttin der Guten, sozusagen – ist jedenfalls ein Widerspruch in sich. Immerhin paßt das alles gar aufs Feinste zu Hülsenfrüchtchens Horizont. Oder, um es epigrammatisch zu fassen – Bolle liebt ja Epigramme:

Wenn die Guten tüchtig tuten
Statuten jämmerlich verbluten –
Dann ist es nicht mehr allzu weit
zu Hülsenfrüchtchens Herrlichkeit.

Das alles aber ist – wir ahnen es bereits – dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 24-08-25 Wissenschaft, die Wissen schafft

Die drei Daseins-Domänen.

Da sind sie wieder, unsere drei Daseins-Domänen – die Bolle ja meist zärtlich, aber wohl nicht weniger treffend, ›Die drei Töchter der Philosophie‹ nennt. Zuletzt verwendet hatten wir sie vor kurzem erst (vgl. So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem) und davor vor knapp einem Jahr (vgl. So 06-10-24 Propaganda). Mittlerweile neigt Bolle ja der Ansicht zu, daß sich der allergrößte Teil des alltäglichen Unsinns, der tagein, tagaus so über einen kommt, durchaus vermeiden ließe, wenn man nur ein etwa halbes Dutzend – Bolle hat nachgezählt – Modelle beachten würde. Non multa, sed multum (lieber viel als vielerlei), also – eine Ansicht, die schon der römische Rhetoriklehrer Quantilian (ca. 35 bis ca. 96 n. Chr.) vertreten haben soll, und die Goethe, unser Dichterfürst, in seinem ›West-oestlichen Divan‹ (1819) auf seine ureigenste, geradezu idiosynkratische Weise epigrammatisch wie folgt gefaßt hat:

Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.

Allein: Vergebens predigt Salomo. // Die Leute machen’s doch nicht so. (Wilhelm Busch).

Nun ist Wissenschaft – also die erste der drei Töchter – gegenwärtig schwer en vogue. Nüchtern betrachtet handelt es sich bei ›Wissenschaft‹ um ein gesellschaftliches Subsystem, das bestrebt ist, Gegebenheiten beziehungsweise Zusammenhänge zu erkennen. Das geschieht entweder (zumindest vordergründig) absichtslos oder aber zweckgerichtet. Ersteres nennen wir Grundlagenforschung, letzteres anwendungsorientierte Forschung. Dabei ist das, was wir ›Technik‹ nennen – zu der wir übrigens ohne weiteres auch die Medizin zählen können –, gewissermaßen die Krone der Anwendungsorientierung. Da wird ausprobiert, was funktioniert. Und wenn etwas funktioniert, dann nennen wir es ›wahr‹ im Sinne unseres Bildchens oben. Das ist dann einfach so. Und vielleicht liegen wir damit gar nicht mal so falsch – jedenfalls so lange nicht, wie wir nicht wirklich wissen, was Wahrheit an sich denn überhaupt sein soll.

Kant spricht hier gern vom ›Ding an sich‹ – dem jeglicher Beobachtung per se Unzugänglichen. Manche halten das gar für seinen wichtigsten Beitrag zur Philosophie. Im Kern kann Kant dabei nichts anderes meinen als das, was Bolle Welt I nennt.

Das Drei-Welten-Modell (3W)

In puncto Wahrheit jedenfalls scheint Bolle mit dem trichotomen WiWa-Modell (›Wirklich wahr?‹ // vgl. dazu zuletzt So 06-07-25 Kranksein – unser Preis fürs Dasein?) alles Wesentliche gesagt. Kieken wa ma. Vielleicht kommt ja noch mehr …

Wirklich wahr (WiWa) trichotom.

›Wissen‹ – also die Einsicht in Gegebenheit beziehungsweise Zusammenhänge – läßt sich nur einigermaßen gesichert erwerben, wenn man die Möglichkeit hat, etwas wieder und wieder und wieder zu überprüfen. Vornehm nennt man das übrigens ›verifizieren›‹ beziehungsweise, seit Popper (1902–1994) noch sehr viel vornehmer, das Gegenteil von etwas zu falsifizieren. Aber derlei hat mit Wissenschaft wenig zu tun und lenkt nur ab vom Wesentlichen.

Die Überprüfung vermuteten Wissens aber funktioniert nur ausnahmsweise und bei weitem nicht in allen Disziplinen, die sich „Wissenschaft“ nennen. Bolles Lieblingsbeispiel hier ist die „Entdeckung“ des Higgs-Bosons. Das Higgs-Boson ist ein schon 1964 von Peter Higgs und anderen theoretischen Physikern postuliertes Teilchen, das dafür verantwortlich sein soll, daß es so etwas wie Schwerkraft gibt.

Um zu vermeiden, daß man etwas glaubt (true), was dann möglicherweise doch nicht so ist (neg), mußte man erst einmal leistungsfähige Teilchenbeschleuniger entwickeln – und dann testen, testen, testen … Das ganze hat sich bis 2012 hingezogen – also fast 50 Jahre. Dann erst nämlich sollte der experimentelle Nachweis eines Higgs-Bosons gelingen. Wobei ›Nachweis‹ durchaus als Euphemismus durchgehen kann. Tatsächlich ist es nämlich so, daß besagtes Teilchen (nur) mit einem Signifikanzniveau von 5 σ nachgewiesen werden konnte. In der Graphik wäre das die Fläche unter der Kurve bei x =  5. Wir haben darauf verzichtet, das einzuzeichnen, weil ja bereits bei x = 4 nicht mehr viel los ist. Damit man sich das besser vorstellen kann: Die Wahrscheinlichkeit, daß man irrtümlich ein Higgs-Boson „entdeckt“ hat, entspricht der Wahrscheinlichkeit, mit einer Münze 22 (!) mal in Folge Kopf zu werfen (oder Zahl – ist egal). Viel Spaß beim experimentellen Überprüfen!

Ei, der Gauß …

Zum Vergleich: In den meisten sozial orientierten Wissenschaften begnügt man sich dagegen mit einem Signifikanzniveau von gerade einmal 5 Prozent. Das entspricht der Wahrscheinlichkeit, bescheidene 5 (!) mal hintereinander Kopf (oder Zahl) zu werfen. Das hat Bolle tatsächlich ausprobiert – und gerade einmal 17 Würfe gebraucht, um 5 mal hintereinander ›Zahl‹ zu erzielen.

Kurzum: die meisten Wissenschaften wissen nichts. Was sie allerdings nicht davon abhält, so zu tun, als wüßten sie was. Bolle meint: ›Wissenschaft, die Wissen schafft‹ geht anders. Um das breite Publikum zu bluffen, reicht es indessen allemal.

Um hier etwas Klarheit reinzubringen, unterscheidet Bolle zwischen Repro-Disziplinen und Non-Repro-Disziplinen. Dabei sind erstere Wissenschaften, in denen es möglich ist, ein und denselben Zusammenhang wieder und wieder zu überprüfen – solange, bis man nach menschlichem Ermessen einigermaßen sicher sein kann, daß es „wirklich“ so ist. Das übliche Unwort „exakte Wissenschaften“ – also Wissenschaften, wo man etwas rechnen kann – mag Bolle dagegen gar nicht in den Mund nehmen. Aus der Möglichkeit, etwas in Zahlen oder Formeln zu verpacken, folgt nämlich keineswegs, daß das ganze damit auch nur einen Deut wahrer würde. Bestenfalls wird es beeindruckender für das breite Publikum. Bolle sieht hier den – durchaus verständlichen – Wunsch der Paragonisten der Non-Repro-Disziplinen, doch bitteschön auch als „echte“ Wissenschaft anerkannt zu werden. Viel mehr als einen eingefleischten Minderwertigkeitskomplex (Alfred Adler 1912) vermag Bolle hier aber nicht zu erkennen.

Alles andere ist natürlich auch ehrenwert – aber eben nicht repro. „Wissen schaffen“ läßt sich so nicht. Philosophieren allerdings läßt sich sehr wohl. Folglich haben wir es hier mit Sozialphilosophie zu tun: Die jeweiligen Wissenschaftler meinen, etwas sei so (oder so) – entziehen sich dabei aber jeglicher Nachprüfbarkeit. Kann sein, kann nicht sein. Wer weiß …?

Das alles wäre gar nicht weiter schlimm – würden solche Wissenschaftler nur nicht wie gekränkte Kinder darauf bestehen wollen, daß sie Wissen schaffen. Sie tun es nicht.

Ganz schlimm ist es übrigens bei den Juristen. Die Rechtswissenschaft hat mit ›Wissenschaft, die Wissen schafft‹ rein gar nichts zu tun. Das ergibt sich bereits aus ihrer Zugehörigkeit zu der Daseins-Domäne Schwester Ethik. Wir haben es hier mit einem Set von Sollens-Aussagen zu tun – und keinesfalls mit Ist-Aussagen (Schwester Logik). Allerdings muß man den Juristen zugute halten, daß sie sich (seinerzeit jedenfalls) sehr ernsthaft mit der Frage beschäftigt haben, ob es sich bei ihrer Disziplin denn überhaupt um eine Wissenschaft handele. Die naheliegende Antwort – Nein – ist dann allerdings irgendwie auf dem Schutthaufen der Geschichte untergegangen.

So richtig peinlich wird es allerdings, wenn Vertreter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ausgerechnet dieser Zunft meinen, ihre „Wissenschaftlichkeit“ hervorheben zu müssen (vgl. dazu So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem). Auf wirkliche Wissenschaftler kann derlei natürlich nur nachgerade lächerlich wirken, of course.

Kurzum: was solchen Disziplinen fehlt, ist eine solide schnelle Feedback-Schleife.

Der Problemlösungszirkel (PLZ).

Es hapert hier also am Soll/Ist-Abgleich. Wenn ich – dies als ebenso naheliegendes wie hoffentlich anschauliches Beispiel – ein Programm programmiere und der Interpreter (also das Programm, das meine Programmierung maschinenlesbar machen soll) spuckt immer wieder „Error“ aus, dann weiß ich, daß ich sprichwörtlich Scheiße programmiert habe und werde es umgehend ändern – und zwar so lange, bis es funktioniert. Oder aber, ich lasse davon ab (Pfeil b) und behellige die Menschheit nicht weiter damit.

In der Sozialphilosophie fehlt ein solcher präziser Feedback-Mechanismus. So könnten wir uns bis heute (und in alle Zukunft) trefflich streiten, ob das, was (nur zum Beispiel) Karl Marx meinte, in irgendeiner Weise wahr gewesen sein mag – oder eben nicht. Dem Philosoph ist nun mal nichts zu doof. Er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mag dazu beitragen, sich ein Bild von der Welt zu machen (siehe oben Welt III). Das ist durchaus ehrenwert – und vermutlich auch unverzichtbar. Schließlich zählt das Orientierungsbedürfnis zu den vier kognitiven Grundbedürfnissen (SOSS). Mit ›Wissen schaffen‹ aber hat es nichts zu tun.

So – damit hätten wir immerhin fünf von derzeit sechs Modellen in unser heutiges agnostisch-kontemplatives Sonntagsfrühstückchen eingebaut. Falls einem das alles nicht auf Anhieb restlos klar sein sollte. Don’t worry – be happy. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Darauf vielleicht erstmal einen Schnaps zum Frühstück. Bolle jedenfalls macht das so. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-08-25 Wir tolerieren uns zu Tode

Rein — oder raus …?

Wir haben uns natürlich überlegt, ob wir Donald Trump heute mal auf unser Schildchen heben wollen. Schließlich soll es ja Leute geben, die durchaus der Ansicht sind, daß, egal was Mr. Trump so von sich gibt, das per se nicht stimmen könne. Mancher würde gar bestreiten, daß 2+2=4 ist, falls der das behaupten sollte. Bolle aber war dafür. Schließlich – so sein Argument – sei oft der Scherz ja wohl das Loch, durch das die Wahrheit pfeife. Vor allem aber fand er das alles ausgesprochen allegorisch. Im übrigen – das kam noch hinzu – war Bolles lieber guter alter Großpapa – Sanitätsoffizier in gleich zwei Weltkriegen – ganz ähnlich drauf. Bevor er sich hat irgendwo Essen servieren lassen, hatte er regelmäßig erst mal heimlich einen Blick in die Küche geworfen. Falls ihm die Zustände nicht zusagen wollten, dann blieb es halt beim Bier. Wer braucht schon Futter mit Bazillen?

Beim Titel haben wir uns von Neil Postmans ›Wir amüsieren uns zu Tode‹ anregen lassen. Es trägt den Untertitel ›Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹, ist schon 1985 – vor nunmehr 40 Jahren also – herausgekommen und noch immer (beziehungsweise gar schon wieder) ausgesprochen lesenswert. Mit Urteilskraft und Urteilsbildung ist es zur Zeit ja nicht allzuweit her, könnte man meinen.

Der letzte Satz des Gleichnisses meint natürlich die gegenwärtigen Aufräumarbeiten – falls man das so nennen mag – in Washington, D.C. Mr. President ist nämlich der Ansicht, daß es der Hauptstadt von God’s own country nicht schlecht zu Gesicht stünde, wenn sie keinen allzu verwahrlosten Eindruck machen und auch keinen Spitzenplatz im Mord- und Totschlag-Ranking einnehmen würde. Die rivalisierenden Demokraten, die dort mit überwältigender Mehrheit regieren, waren natürlich aufs blankeste entsetzt ob der präsidialen Einmischung in ihre – wie sie es sehen – inneren Angelegenheiten. Schließlich versteht man sich dort als durch und durch liberal – was sich am besten mit ›links‹ übersetzen läßt – und da legt man nun mal einen gewissen Wert auf ›anything goes‹ (Paul Feyerabend 1975). Nun aber könnte zwischen der wörtlichen Übersetzung ›Man kann alles machen‹ und der lebenspraktischen Aussicht ›Wird schon alles funktionieren‹ ein kleiner, aber feiner semantischer Unterschied liegen, der, so Bolles Vermutung, der „Liberal Crowd“ nicht immer voll bewußt zu sein scheint.

Damit aber wären wir dicht an der Allegorie. Garrett Hardin hatte, in etwa um die gleiche Zeit (1968), in seinem Aufsatz ›The Tragedy of the Commons‹ zum Thema Freiheit folgendes angemerkt:

Der Ruf nach „Rechten“ und nach „Freiheit“ liegt allenthalben in der Luft. Aber was bedeutet Freiheit? Als man übereingekommen war, zum Beispiel Raub unter Strafe zu stellen, wurden die Leute dadurch freier – und nicht etwa weniger frei.

Dem könnte man natürlich widersprechen, of course – so mancher Raubritter würde genau das tun –, muß man aber nicht. Spätestens seit Thomas Hobbes‘ ›Leviathan‹ (1651) dürfte den allermeisten einleuchten, daß ein Gemeinwesen, und sei es das liberalste (beziehungsweise freiheitlichste) einer gewissen inneren Ordnung bedarf, damit die Dinge eben nicht in Mord und Totschlag ausarten. Schließlich, so Hobbes, sei im Naturzustand der Mensch dem Menschen nun mal Wolf und neige dabei ›zum bellum omnium contra omnes‹ – dem Kriege aller gegen alle.

Aber schweifen wir nicht ab und beschränken wir uns für heute auf eine zumindest leidlich adrette Erscheinung als Parallele zu Trumps adretter Eingangstüre. So hat, wie man hört, die Mailänder Scala diesen Sommer erst eine explizite Kleiderordnung eingeführt: Wer sich untersteht, in Shorts, in Flip-Flops oder ärmellosen Hemdchen zu erscheinen, muß künftig leider draußen bleiben – ohne daß die Kosten für die Eintrittskarte in irgendeiner Form erstattet würden, versteht sich. Bolles liebe gute alte Großmama hätte in solchen Fällen nicht versäumt zu erwähnen, daß auf einen groben Klotz nun mal ein grober Keil gehöre.

Natürlich gab es umgehend Diskussionen – bis hin zu heftigem Protest. Aber was will man machen? ›Form follows function‹ ist nun mal nicht alles – auch wenn eine Menge Leute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) namentlich der jüngeren Generationen nichts anderes gelernt zu haben scheinen. Zu der ›Form‹ im Spruch gehört, wie Bolle ernstlich meinen will, nun mal auch eine gewisse Form.

Übrigens: Wie man weiterhin hört, sollen die Yanks den Ukrainern gesteckt haben, daß Selenski beim nächsten Treffen doch bitteschön im Anzug zu erscheinen habe. Anderenfalls fände leider kein Treffen statt. Ist das jetzt Powerplay? Arroganz der Macht? Oder Pflege guter Sitten und Wahrung bewährter Umgangsformen? The wind of change, womöglich gar? Fragen über Fragen. Apropos Selenski: Der Journalismus 2.0 ätzt zur Zeit aus allen Rohren ob des Treffens der beiden Präsidenten am Freitag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 10-08-25 Vom Geist der Zeiten

De spiritu temporum.

Ach herrje! Neulich hieß es aus Kreisen der politischen Pädagogik doch glatt, daß so etwas an und für sich Harmloses wie etwa ein Bierchen zu trinken künftig erst ab einem vergleichsweise hohen Alter von 18 Jahren erlaubt sein sollte. Zur Zeit ist es ja noch so, daß selbiges mit 16 Jahren in Ordnung geht und in Begleitung eines schon erwachsenen Säufers bereits mit 14. Nun könnte man derlei durchaus als typisches Sommerlochthema durchgehen lassen – ähnlich wie etwa Nessie aus Loch Ness oder Killerwelse beziehungsweise gar Killer-Krokodile in Bade- und Baggerseen. Könnte man. Man könnte hier aber auch – einen gewissen Grundpessimismus vorausgesetzt –Spuren einer gewissen Regelmäßigkeit erahnen.

Dieser Tage ist Bolle in den unendlichen Weiten des Internetzes das Folgende untergekommen:

Damals, damals – sagen die Leute … (André Heller 1978).

Die Aufzählung ist natürlich rein exemplarisch und bei weitem nicht vollständig. So fehlt zum Beispiel Bier. Ob und inwiefern sich jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) dabei an seine eigene Kindheit erinnert fühlt, dürfte in erster Linie vom jeweiligen Lebensalter abhängen: Man wächst nun mal einfach rein in die Verhältnisse und hat kaum eine andere Wahl als das jeweils Vorgefundene nolens volens als das „Normale“ anzusehen. Bolle jedenfalls fühlt sich diesbezüglich mittlerweile durchaus ein wenig „vintage“ – um nicht zu sagen regressiv (von lat. regredi ›zurückgehen‹) im wörtlichen Sinne. Im übrigen fühlt er sich, einmal mehr, an Faust erinnert:

Was Ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist der Leute eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Nun ist es ja wohl so, daß die Befindlichkeit, mit der jemand durchs Leben geht, sehr viel weniger davon abhängt, wie die Verhältnisse sind, als vielmehr davon, wie die Dinge sich gefühlt entwickeln. Zeitgeist als Vektor, sozusagen. Und hier kommt Bolle aus seiner Perspektive heraus kaum umhin zu meinen, daß sich die Dinge seit, sagen wir, 1990 in eine ganz grundsätzlich ungute Richtung entwickelt haben. Man könne hier geradezu von Kriegsfolgeschäden sprechen.

Was die jüngere Zeitgeschichte angeht, stellt sich der Trend in etwa wie folgt dar: Zunächst haben unsere Vorväter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) einen Weltkrieg versemmelt – den zweiten in Folge. So etwas ist natürlich unverzeihlich und hat in der Konsequenz zu einer Kriegskinder-Generation geführt, die man pi mal Daumen auf die Jahrgänge 1945 ± 5 datieren könnte, und die ihrem Unmut dann in der 1968er-Bewegung Luft verschafft hat. Möglich war das, weil deren Elterngeneration derart schuld- und schamzerfressen war, daß sie sich völlig unberufen fühlte, ihren Sprößlingen auch nur irgendwelche Vorschriften machen zu können – Stichwort ›permissive Gesellschaft‹.

Die wiederum haben ihre Kinder – die Kriegsenkel also, die wir ähnlich grob auf 1975 ± 5 datieren können – dann so richtig gründlich versaubeutelt. Herausgekommen ist dabei so etwas wie die von Florian Illies so trefflich beschriebene ›Generation Golf‹ (2000).

Von den Kriegsurenkeln (2005 ± 5) – der vorläufig sprichwörtlich letzten Generation –, aufgewachsen in einer Welt, in der es nur so wimmelt vor kleineren und größeren Katastrophen, mit denen offenbar, wie’s scheint, niemand so recht umzugehen weiß, soll hier noch gar nicht die Rede sein. Bolle meint nur: Kieken wa ma.

Alles in allem: Leben wir nun, verglichen mit „früher“ – um es mal mit Voltaires ›Candide ou l’optimisme‹ (1759) zu fassen –, in einer besseren aller möglichen Welten? Bolle jedenfalls meint, da sei – mit Bier oder ohne Bier– durchaus so mancher Zweifel angebracht, und fühlt sich doch sehr an den hinduistischen ›Tanz des Shiva‹ erinnert – der sich in der agnostisch-kontemplativen Form ja in etwa wie folgt fassen läßt:

Manchmal rauf und manchmal runter,
manchmal über, manchmal unter,
manchmal kunter, manchmal bunter.

Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem

Erst kommt das Weltbild — der Rest ist egal.

Man möcht‘ es nicht für möglich halten. Als Bolle unser heutiges Schildchen in die Redaktionsablage für spätere Verwendung geworfen hatte – anderthalb Jahre ist das jetzt her –, geschah das anläßlich eines gewissen Unmutes ob der doch oft recht hochnäsigen Haltung manch Schnatterrunden-Gastes, ganz nach dem Tenor: ›Ich bin Team Wissenschaft! Also hab ich recht mit allem, was ich sage.‹ Bolle meinte damals nur: Man beachte das ›also‹.

Auch hatten wir genügend Zeit, im Rahmen beiläufiger Feldforschung festzustellen, daß der Schiller bei weitem nicht mehr jedem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) auf Anhieb geläufig ist. Daher wollen wir hier die ersten Zeilen der ›Bürgschaft‹ nicht unerwähnt lassen. Die nämlich gehen so:

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Möros, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wütherich.

Es folgt ein Hohelied auf Freundschaft und Vertrauen, und endet nach 140 Verszeilen – ganz anders als so manch griechische Tragödie – nicht etwa mit dem Tode sämtlicher Paragonisten, sondern ganz im Gegenteil mit einem geläuterten Tyrannen. Allein das alles tut hier nichts zur Sache.

Die Überschrift – Bolle hat auf einer bildungsbürgerlichen Fassung bestanden – ist der Schwere der Situation geschuldet. Geschmeidig übersetzt heißt das einfach nur: ›Ihr werdet sein wie Gott, und wahr und falsch zu unterscheiden wissen‹ und ist angelehnt an ›Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum − Ihr werdet sein wie Gott und gut und böse unterscheiden können‹. So hat es Mephistopheles dem jugendlichen Schüler in sein „Stammbuch“ geschrieben – nicht ohne hinzuzufügen: Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange! Die Stelle findet sich übrigens, doch dies nur am Rande, bereits bei Adam und Eva im Paradiese (Genesis 3, 5) – ist also gewissermaßen Conditio humana von Anfang an.

So gesehen handelt es sich hierbei im Kern also um einen Transfer von Schwester Ethik zu Schwester Logik. Gut und böse meinen unterscheiden zu können ist das eine. Wahr und falsch indessen ist noch einmal ganz was anderes (vgl. dazu etwa So 06-10-24 Propaganda).

Die drei Töchter der Philosophie.

Der Untertitel unseres Schildchens schließlich lehnt sich an Brechts Dreigroschenoper (1928) an, of course. Dort heißt es unter anderem: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wie wir unschwer sehen können: Die Welt steckt voller Weiterungen. Doch nun zum Anlaß unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens.

Neulich begab es sich, daß ein Schnatterrunden-Gast in einer Stellungnahme von zufälligerweise genau 140 Sekunden – Bolle hat auf die Uhr geguckt – nicht weniger als 30 mal das Wort ›Wissenschaft‹ nebst seiner diversen Derivate (also Wissenschaftler, wissenschaftlich, etc. pp.) in den Mund genommen hat – wohl in der Hoffnung und Erwartung, damit überzeugend rüberzukommen. 30 mal in 140 Sekunden – das bedeutet alle knapp 5 Sekunden einmal und entspricht mithin einer Frequenz von 0,21 Hertz – mithin also einer veritablen Infraschallfrequenz. So etwas aber kann – da ist die Wissenschaft sich einig – durchaus Benommenheit, Ohrendruck und Übelkeit auslösen. Bei Bolle jedenfalls war das so.

Wahrlich, ich sage Euch: Ich bin Wissenschaftler und als solcher Eins mit der Wahrheit – und im übrigen so unfehlbar wie ansonsten nur der Papst (so das Dogma des Ersten Vatikanischen Konzils 1869–1870). Persönliches Befinden ist mir völlig ferne – da sei Gott vor! Private Meinung sowieso. Kurzum: Da fordert einer – ausgerechnet im Namen der Wissenschaft! – den rechten, orthodoxen Glauben ein. Bolle meint nur: Kaum zu glauben. In Hülsenfrüchtchen-Sprech könnte man hier glatt von einer Verhöhnung der Wissenschaft reden.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Glaubt dergleichen glatt. Zumindest hat der Schnatterrunden-Moderator eine professionell-interessierte Miene aufgesetzt und jedenfalls nicht in aller Klarheit eine wohl mehr als angemessene sprichwörtliche klare Kante gezeigt. Wäre Bolle der Moderator gewesen: Eine solche „Wissenschaftlerin“ wäre mit hochrotem Kopp heulend aus dem Studio gerannt. In der Tat ist Bolle der Ansicht, daß so etwas 200 Jahre nach der Aufklärung (man rechnet hier ganz grob von etwa 1650–1800 n. Chr.) mit ihrem Schlachtruf ›Sapere aude – Wage zu denken‹ wirklich nicht mehr „zeitgemäß“ sein sollte. Dabei ist Bolle natürlich klar, das Denken durchaus an rein faktische Grenzen stoßen könnte: Können vor Lachen, sozusagen.

Wenn also Wissenschaftler im 21. Jahrhundert sich anschicken, aus der Wissenschaft eine Religion zu machen, an die man bitteschön zu glauben habe, einschließlich ihrer Paragonisten, ihrer Vertreter auf Erden also – dann scheint hier wohl ganz offensichtlich etwas ganz grundsätzlich schiefzulaufen.

Bolle ist nach allem in der Tat drauf und dran, das Menetekel „Spaltung der Gesellschaft“ doch als realistische Möglichkeit in Betracht zu ziehen: Allerdings schwebt ihm da eher eine Spaltung in ›mächtig dumm‹ und (lediglich) ›mäßig dumm‹ vor. Ein klitzekleines bißchen dumm sind wir ja wohl alle. Allein man sollte auch hier nichts übertreiben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 27-07-25 Voll die Elite – oder doch eher Schiete?

Wenn einer, der mit Mühe kaum // Gekrochen ist auf einen Baum … (Wilhelm Busch 1894).

Reden wir über Eliten. Obwohl – ganz einfach ist das nicht. Bolle weiß kaum, wo er ansetzen soll. Probieren wir es mit Humor. Humor ist ja bekanntlich das, was übrigbleibt, wenn alles andere witzlos wird (vgl. dazu Fr 15-12-23 Das fünfzehnte Türchen …). In den unendlichen Weiten seiner Festplatte hat Bolle anläßlich eines Geburtstagsgrußes einen Netzfund passend zum Thema ausgegraben, der allerdings auch schon wieder drei Jahre alt ist. Dabei geht es um einen Kurzdialog eines Schweizer Fahrgastes mit seinem Zugschaffner kurz nach Antritt einer Fahrt von Zürich nach Stuttgart.

Fröhlich geht die Welt zugrunde …

Bolle kann aus eigener Lebenserfahrung versichern: Genau so geht Schweizer Humor. Doch ist der Scherz auch oft genug das Loch, durch das die Wahrheit pfeift – wie ein chinesisches Sprichwort weiß. Die Wahrheit ist, daß die Schweizer Bahn mitunter schon grenzüberschreitende Bahnverbindungen nach Deutschland eingestellt hat – zum Beispiel die Verbindung Zürich/München –, weil auf die Deutsche Bahn aus schweizerischer Sicht einfach kein Verlaß mehr ist. Umgekehrt war ›Mister Deutsche Bahn‹ im angelsächsischen Sprachgebrauch einmal eine stehende Redewendung für zuweilen als geradezu penetrant empfundene deutsche Pünktlichkeit. Vergleiche dazu etwa Adam Fletchers ›Make Me German – Wie ich einmal loszog, ein perfekter Deutscher zu werden‹ aus dem Jahre 2015. Allein das alles war wohl mal …

Auch soll es uns hier nicht um die Deutsche Bahn gehen – nicht im Allgemeinen und schon gar nicht im Speziellen. Vielmehr wird man – selbst bei gutmütigster und wohlwollendster Betrachtung – kaum umhinkommen können festzustellen, daß eigentlich rein gar nichts mehr funktioniert „in diesem unserem Lande“ (Helmut Kohl 1982). Allerdings war hundert Jahre früher schon – doch dies nur am Rande – Nietzsche mit seinem ›Zarathustra‹ (1883 ff.) schon recht dicht dran an dieser Wendung.

Gar nichts? „Welche drei Dinge laufen in Deutschland richtig gut?“ Genau das wurde jemand wie Alice Weidel im letzten ARD-Sommerinterview gefragt. Klarer Fall von trick question, of course. Natürlich wußte sie keine Antwort zu geben. Auch Bolle hätte durchaus passen müssen. Auf mehrmaliges Nachfragen – „Sie haben meine Frage nicht beantwortet“ – hätte sich Bolle vielleicht noch zu einem „Die Arroganz der selbstberauschten Eliten, vielleicht …?“ durchringen können. Das allerdings hätte wohl weit jenseits des vom Interviewer angelegten „Erwartungshorizontes“ gelegen – übrigens ein Unwort, das sich üblerweise angeblich schon seit den 1970er Jahren im schulischen und später dann auch im akademischen Prüfungskontext eingebürgert haben soll.

Bei nüchterner Betrachtung – Bolle liebt ja Selbstbezüglichkeiten – ist nicht einmal das Interview an sich „richtig gut“ gelaufen – und zwar nicht mal halbwegs gut. Genaugenommen sogar beispiellos schlecht. Warum? Nun, besorgte Demokraten hatten es für eine propere Form der politischen Auseinandersetzung erachtet, mit erheblichem technischem Aufwand halb Berlin Mitte dermaßen in einen Lärmteppich zu hüllen, daß man buchstäblich sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Worte verstehen zu können indes will Bolle als geradezu konstitutiv für ein Interview erscheinen. Dem war aber nicht so. Und bis heute – nach also nunmehr einer Woche – hat keine der schieten Eliten irgendeine Ahnung, wer da womöglich seinen Job nicht richtig verstanden hat. Die Redaktion des Qualitätsmediums etwa, die so getan hat als wär nix – und dem Volke das als lebensnahen Journalismus verkaufen wollte? Die Tontechnik, die nicht in der Lage gewesen sein will, die Hintergrundgeräusche – die stellenweise eher Vordergrundgeräusche waren – nach den gängigen Regeln der Kunst rauszufiltern oder zumindest um einige Dezibel zu dämpfen? Die Sheriffs gar, die öffentliche Ordnung offenbar ähnlich freizügig interpretiert haben wie zuletzt nur seinerzeit in Weimar? Vermutlich von allem etwas.

Das Problem ist natürlich mindestens so alt wie die alten Sokratiker – reicht also zurück bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. und ist damit immerhin in etwa zweitausendfünfhundert Jahre alt. Die Lösung seit jeher: Die Besten – wer auch immer das sein mag – sollen die Staatsgeschäfte führen. Nach anderer Lesart sollen das, wenn schon nicht die Besten, so doch die Auserwählten sein. Dabei drängt sich Bolle die Frage auf: Kann denn derartig viel dermaßen gründlich schiefgehen bei der Auswahl? Offenbar ist dem so. Und können sich die dergestalt Auserwählten – Elite kommt von electus ›ausgewählt‹ – mit derartig hybrider Selbstberauschung wirklich für die Besten halten? Oder sonnen sich solche Leute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – morgens vorm Spiegel etwa, und all dem Chaos, das sie gemeinhin anrichten, zum Trotze – in dem wonnigen Gefühl, wirklich so famos zu sein, wie ihre in der Regel völlig überzogenen Bezüge das nahelegen würden? Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 20-07-25 Friß wie früher

Regional, saisonal, natural, minimal — recht genial, im Grunde.

Die Überschrift unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens ist natürlich durchaus ein wenig lutherisch-derb geraten. Aber liegt die Wahrheit nicht häufig in der Klarheit? Immerhin ist sie – aller Derbheit zum Trotze – in eine recht memorable Alliteration gefaßt. Wir erwähnen das nur, weil Bolle selbst in Anbetracht eines beachtlichen bürgerlichen Buffets ob der Verwendung des Begriffes ›Futter‹ einmal aufs Heftigste gerügt worden ist. ›Futter‹ sei angesichts solch köstlicher Speise durchaus unangemessen – und angesichts menschlicher Nahrung erst recht. Bolle indes hält derlei für reine Anthropozentrik, of course. Auch will ihm der materielle Kern des ganzen sehr viel wichtiger erscheinen als so manch semantische Spielerei.

Dabei läßt sich der materielle Kern schlagwortartig recht genial zusammenfassen: friß regional, saisonal, natural, und minimal. Wie früher eben. Ob Du dabei speisest oder futtern tust, ist demnach durchaus sekundär. Von all dem sind wir hier und heute natürlich himmelweit entfernt, of course.

Beginnen wir mit regional: Angeblich soll es so gewesen sein, daß noch im Mittelalter 98 Prozent aller verbrauchten Güter eines Dorfes in einem Umkreis erzeugt wurden, den man von der Kirchturmspitze aus überblicken konnte. Das wäre wohl im wahrsten Sinne regional. Allerdings sollten die Dinge bald in Bewegung geraten. So soll etwa Friedrich II um 1750 herum schon gepoltert haben: Da geben sie sich die größte Mühe, mit viel Kosten Ananas und Bananen und dieses ganze exotische Zeug einzuführen. Man kann mir sagen, was man will, der Mensch ist wertvoller als alle Ananasse der Welt. Auf den Menschen soll man aufwenden!

Wie steht’s mit saisonal? Ist es nicht herrlich, praktisch das ganze Jahr hindurch Erdbeeren essen zu können? Bolle findet: ist es nicht. Erdbeeren schmecken nur deshalb so süß, weil es sie eben nicht jederzeit gibt. Auf den Punkt: Ein japanisches Sprichwort weiß, daß die Kirschblüte nur deshalb als so schön empfunden wird, weil sie nur drei Tage währt. Und wer‘s gar nicht lassen kann, mag sich halt mit Erdbeermarmelade trösten.

Kommen wir zu natural – dem eigentlichen Anlaß für heute. ›Natural‹ meint ›wenig beziehungsweise gar nicht industriell verarbeitet‹ – und ist im deutschen Sprachgebrauch bislang noch nicht geläufig, falls überhaupt bekannt. Es hat entfernt mit ›bio‹ zu tun – aber eben nur entfernt. Unter der aufmerksamkeitserheischenden Überschrift ›Fertiggerichte: Jeder siebte beißt früher ins Gras‹ hat Bolle in einem Medizin-Journal einen Beitrag gefunden, der methodisch sauber und plausibel dargelegt begründet, was genau das eigentliche Problem mit den nicht-naturalen Futterstoffen ist. Kalorien und die Menge der aufgenommenen plumpen Nährstoffe (Fette, Eiweiß und Kohlenhydrate) jedenfalls sind es nicht. Bolle hatte schon immer gemeint, daß, solange ihm kein Ernährungsphysiologe stichhaltig erläutern kann, wieso eine Hafermastgans so gänzlich anders schmeckt als eine mit Fischmehl gefütterte, oder warum man von Sekt anders besoffen wird als von Whisky, man ihm mit derlei Wissenschaft doch bitteschön vom Leibe bleiben möge. Andererseits weiß Bolle lobend wohl zu würdigen, daß man sich seitens der Wissenschaft allmählich dem anzunähern bereit ist, was Yogis vor 3.000 Jahren schon wußten. Stichwort ›Intervallfasten‹ etwa.

Bleibt minimal: Ernährungsphysiologisch scheint es so zu sein, daß ein Organismus im Zweifel mit Mangel weit besser zurechtkommt als mit Überfluß. Ein uraltes ägyptisches Sprichwort will wissen, daß wir ein Fünftel für uns selber essen und vier Fünftel für die Ärzte. Das ist natürlich ein recht tougher Standard. Aber auch hier ist wohl der Scherz das Loch, durch das die Wahrheit pfeift.

Kurzum: Wer durch einen stinknormalen Supermarkt streift – bio oder konventionell spielt hier keine Rolle – und einen flüchtigen Blick auf Herkunftsbezeichnung und Inhaltsstoffe wirft, wird sofort merken, daß 98 Prozent der sogenannten Lebensmittel eher dafür geeignet sind, die jeweilige Industrie am Leben zu erhalten – und weniger den armen Yogi. Mit regional, saisonal, und natural hat das alles wenig zu tun – nicht einmal mit minimal.

Besonders betroffen von all dem sind natürlich unsere Freunde, die Veganer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Dort gehört es offenbar zum Lifestyle, sich Plörre oder Pampe  aller möglichen Provenienz reinzupfeifen, daß es nur so rauscht – grad‘ so wie aus der Hexenküche, nur halt ohne echte Hexen. Und dort hält man derlei offenbar auch noch für einen nachahmenswerten Beitrag für eine bessere Welt. Ein Smoothie ist hier wohl noch das harmloseste Beispiel. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.