Sa 13-12-25 Das dreizehnte Türchen: Abendrot im Rauchverbot

Abendrot im Rauchverbot.

Manche warten auf die Post. Andere auf die Bahn. Der wesentliche Unterschied scheint Bolle darin zu bestehen, daß man auf die Post immerhin in der warmen Stube, hinter dem Ofen gewissermaßen, warten kann. Auf Züge dagegen wartet man in aller Regel auf zugigen Bahnsteigen.

Allein auch das kann recht romantisch sein: Dann nämlich, wenn es Sommer ist, der Bahnsteig überhaupt nicht zugig – und die Fügung einem eine regelrechte Sonnenuntergangsidylle direkt vor die Kamera spielt. Für unser heutiges Bildchen mußte sich Bolle seinerzeit nicht einmal bücken – im übertragenen Sinne. Tatsächlich mußte er nicht einmal auf der Bank am Bahnsteig hin oder her rutschen oder sonstige Anstalten machen, die Szene einzufangen. Sitzen und knipsen – das war’s. Das sind Momente, in denen Bolle – aller ausgeprägten Agnostik zum Trotze – doch dazu zu glauben neigt, daß es ein Universum gibt. Um ein Zigarettchen zu rauchen, hätte er sich, zumindest wenn es nach der Bahn geht, dagegen allen Ernstes in eine der einschlägig eingekästelten „Bereiche“ begeben müssen. Schon ist die Skepsis wieder da.

Bei der Bahn gibt es ja die Regel, die besagt, daß ein Zug dann und nur dann als verspätet gilt, wenn er sechs Minuten (genauer: 5‘59‘‘) oder mehr hinter dem Fahrplan herhinkt. Als ob es der Bahn ansonsten jemals auf ein Sekündchen ankäme. So oder so – Bolle hält das für ein recht kurioses Konzept von Pünktlichkeit.

Übrigens wäre nach dieser Definition auch das eingefangene Sonnenlicht verspätet gewesen – und zwar um gut acht Minuten sogar. Und das bei völlig freier Strecke zwischen Sonne und Erde – und praktisch ohne jede Masse im Wege, die die schnurgerade Bahn des Lichtes würde übergebührlich zu krümmen vermögen.

Selbst wenn wir Bolles Theorem – Das Universum existiert – würden folgen wollen: Einfach ist das alles nicht – nicht in diesem Universum. So ist Bolle angelegentlich im Netz über einen Nutzer gestolpert, der von einer KI wissen wollte, wieviel Jahre denn ein Lichtjahr sei? – und dem völlig zutreffend zur Antwort ward, daß ein Lichtjahr irritierenderweise leider keine Zeiteinheit sei. Bolle meint, jetzt fehlte nur noch, daß so einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Ingenieur wird und bei der Bahn für die Fahrpläne verantwortlich zeichnet. So leicht und lässig nämlich könnten sich letzte Fragen lösen, wenn man nur genauer hinguckt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 11-12-25 Das elfte Türchen: Hirnschmalz und Humor

Der Absatz vom Schuh vom Kanu vom Manitu.

Zugegeben: so richtig weihnachtlich ist auch unser heutiges Türchen nicht. Allerdings meint Bolle, ein bißchen was zum Kontemplieren, zumindest aber doch zum Reflektieren, könne wohl kaum schaden – auch nicht in der Weihnachtszeit.

Bolle hatte sich seit Oberstufenzeiten schon gefragt, woher es wohl kommen könne, daß exaktemente genau die Leute, die Bolle in durchaus etwas arroganter Manier – gleichwohl aber mit einem gerüttelt Maß an Demut, of course  –  für ein wenig denkbehindert hält, sich gleichzeitig durch eine augenfällige Humorlosigkeit auszeichnen. Gibt es womöglich einen verborgenen, nachgeradezu okkulten gar, Zusammenhang zwischen Hirnschmalz und Humor?

Wie das Leben so spielt, hat es Bolle neulich die Programmabkündigung für ›Das Kanu des Manitu‹ (D 2025 / Regie: Michael ›Bully‹ Herbig) – einem, wie soll man sagen, Aufguß von ›Der Schuh des Manitu‹ (D 2001) – in die Timeline gespült. Das Original gilt immerhin als einer der erfolgreichsten deutschen Filme seit 1945. Was den Humorgehalt der beiden Streifen angeht, möchte Bolle lieber stille schweigen, of course.

Ganz großes Kino dagegen ist das zu unserem Bildchen gehörige Statement der Betreiber. Dort heißt es, man nehme den Film aus dem Programm, da es sich dabei um eine kulturelle Aneignung handele, die im übrigen auch nicht mehr zeitgemäß sei. Bolle meint ja immer, ›nicht zeitgemäß‹ sei das neue ›nicht gottgefällig‹, mit dem Pfaffen aller Couleur ihre Schäfchen jahrhundertelang zur Ordnung gerufen haben. Auch entschuldige man sich für eventuelle emotionale Verletzungen, die sich womöglich bereits durch den Trailer oder das bloße Lesen des Filmtitels gar ergeben haben könnten.

Allen Ernstes. So steht das da. Bekanntlich ist das gemeine Hülsenfrüchtchen ja sowas von sensibel. Weiterhin heißt es, man verstehe sich als sicheren Raum – schon wieder so ein humoriges Highlight – in dem keine, so wörtlich, unbeaufsichtigte Pointen geduldet würden.

Eine ›unbeaufsichtigte Pointe‹. Da muß man erst mal drauf kommen. Ganz großes Kino, wie gesagt. Daß in der Abkündigung vom ›Kanu des Manitou‹ statt, wie der Filmtitel nun mal heißt, vom ›Kanu des Manitu‹ die Rede ist, sei nur am Rande erwähnt – kann Bolles Verdacht einer möglichen kognitiven Mangellage aber nur unterfüttern. Doch laßt uns nicht kleinlich sein. Irren ist nun mal menschlich.

Roger Köppel, der große Journalist der kleinen Schweizer Zeitung, hat in diesem Zusammenhang für einen Anstoß gesorgt, als er meinte, jedweder Humor benötige eine gewisse Fallhöhe. Wenn aber der Geist der Zeiten will, daß alles und ein jegliches (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) per se unterschiedslos gleich zu sein habe – Bolle würde das im Ergebnis glatt ›niveaulos‹ nennen –, dann sei es eben Essig mit Fallhöhen jedweder Art – und damit auch mit Humor. Das übrigens würde umstandslos erklären, warum auf die Spitze getriebener Sozialismus – hier im Sinne von ›Gleichmacherei‹ – notwendigerweise humorlos sein muß. Ob er daneben auch noch witzlos ist, sei hier mal dahingestellt.

Kurzum: Macht alles platt, was sich in irgendeiner Weise abhebt: Nein, nein, nein – das darf nicht sein. Und wenn es schon nicht so ist, dann tut wenigstens so. Alles andere wäre schließlich diskriminierend (wörtlich – und entlarvend harmlos: ›unterscheidend‹) und könnte so manch Sensibelchen doch arg verdrießen in seiner durchplanierten Welt. Das durchzuhalten ist zwar wenig praktikabel – aber immerhin ist es humorlos. Und was tut man nicht alles für ein besseres Universum? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 10-12-25 Das zehnte Türchen: Langmut und Latenz

Hülsenfrüchtchens Hauptproblem − eines von ganz vielen …

Eigentlich sollte das heutige Schildchen ja schon in unseren agnostisch-kontemplativen Adventskalender vor zwei Jahren Eingang finden. Allein: ars longa vita brevis – lang ist die Kunst, kurz der Kalender. Diesmal aber paßt es aufs Feinste zu unseren Türchen der letzten Tage: Wer nicht schreit, der geit – wie wir uns veranlaßt gesehen hatten festzustellen. Zwar gilt lautes Lärmen nicht gerade als wissenschaftliche Kardinaltugend. Allein die Verhältnisse sind nun mal so.

Und soll nicht auch Martin Luther (1483-1546) schon, eine seiner vielen Reden einleitend, proklamiert haben: ›Mach’s Maul auf, tritt fest auf, hör bald auf‹? Namentlich die ersten beiden dieser Punkte scheinen sich bei manchem Wissenschaftler ins kollektive Credo eingefressen zu haben.

Bolle hatte sich als Oberstufenschüler schon gefragt, wie es sein kann, daß manche Wissenschaften, allen voran die Physik, von Erfolg zu Erfolge eilen, während andere Disziplinen – allen voran zum Beispiel Erziehungswissenschaften, Soziologie, und manches andere mehr – hilflos auf der Stelle oszillieren. Genderforschung und dergleichen – doch dies nur am Rande – gab’s damals noch nicht. Mehr als ephemere Moden vermochte Bolle in derlei schon damals nicht zu erkennen. Und daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: schlimmer geht immer.

Woran wird’s wohl liegen? Heute unterscheidet man in Bolles Kreisen streng zwischen Repro- und Non-Repro-Disziplinen. Dabei sind Repro-Disziplinen solche, in denen man so lange und so hartnäckig ein und dieselbe Frage an die Natur stellen kann, bis sie geneigt ist nachzugeben. Wenn also jemand – wie Galileo (1564–1642) das getan hat – eine Kugel so lange schiefe Ebenen verschiedener Neigungswinkel herunterrollen läßt, dann wird irgendwann klar, wie die Dinge sich verhalten. Und wer’s nicht glauben mag, der kann das gerne überprüfen. Kurzum: wir reden hier von kurzen Feedbackschleifen.

In den Non-Repro-Disziplinen ist das anders. Hier ist es praktisch unmöglich, ein und dieselbe Versuchsbedingung jemals wieder zu reproduzieren. Wenn also, um mal ein ausgesprochen tragisches Beispiel herauszugreifen, ein Karl Marx (1818–1883) meinte, wenn dies oder jenes geschehe, dann werde sich dies oder jenes ergeben. Kaum war die Tinte trocken, hatte sich die Welt schon weitergedreht – und alles war vergebens. Vanitas – eitler Schein! Alles, bis auf die Wirkungsmacht solcher Ideen. Heute, fast 200 Jahre später, meint so manches Hülsenfrüchtchen immer noch, da müsse doch was dran sein an der Lehre.

Natürlich soll Karl Marx nur exemplarisch sein, of course. Am Prinzip – tröten, ohne wirklich was zu wissen – ändert sich aber nichts, wenn zum Beispiel jemand behauptet, das Licht sei verantwortlich für die Insomnie bei Vollmond oder Ballaststoffe seien reiner Ballast. Das Prinzip ist gleich – nur die Wirkungsmacht ist nicht so drastisch.

Obwohl: wenn Bolle die geradezu kultische Hingabe betrachtet, mit der manche – sagen wir: Veganer – im Labor angerührte Plempe goutieren oder weite Kreise meinen, ein Jahrmillionen altes Immunsystem mal eben flott „optimieren“ zu können, ist er sich da gar nicht mal mehr so sicher, was die Wirkungsmacht angeht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 09-12-25 Das neunte Türchen: Himmel und Erde

Sachen gibt’s …

In gewisser Weise hält Bolle einen kleinen Nachtrag zu unseren letzten beiden Türchen für angebracht: Schlafforscher, die nächtliche Insomnie bei Vollmondenschein mit der Helligkeit im Schlafgemach zu erklären versuchen, Ernährungsphysiologen, die Ballaststoffe erst für überflüssig halten und dann in höchsten Tönen hypen. Bolle findet: Is doch nicht seriös.

Grundsätzlich gesehen ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, daß Wissenschaft nicht alles weiß. So etwas erwarten wohl nur bildungsfernere Schichten. Bei Lichte betrachtet nämlich ist Nicht-Wissen sogar eine ihrer Existenzbedingungen. Sogar das Bundesverfassungsgericht hatte 1973 schon Wilhelm von Humboldts Wahrheitsbegriff als „etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“ zitiert, um dann später (1994) noch einmal zu bekräftigen: „Konstitutiv ist die Wahrheitssuche und die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Erkenntnisprozesses.“ Total so!

Eine alte Professoreneinsicht dagegen besagt: Wer schreibt, der bleibt! In der angelsächsischen Variante klingt das noch drastischer: publish or perish – schreibe oder gehe unter!

Die modernisierte Variante dieser Einsicht scheint dagegen zu lauten: Wer nicht schreit, der geit. Dabei übersetzt sich das norddeutsche ›geit‹ mit ›gehen‹, aber auch mit ›sterben‹ oder eben ›untergehen‹. Schreien statt schreiben, also. Ob das aber eine gottgefällige Entwicklung ist, wagt Bolle schwer zu bezweifeln. Heißt es doch bei Jesaja, dem ersten der prophetischen Bücher des Alten Testaments: Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. (Jes. 42, 2). In ›De Bibl auf Bairisch‹ klingt selbiges noch eindringlicher: Dös ist kain sölcherner Schreier, der wo auf dyr Straass umaynanderplerrt. Einen Vers zuvor heißt es dort: Siehe, das ist mein Knecht – ich erhalte ihn – und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. (Jesaja 42, 1). Bolle meint, aus all dem sollte man durchaus schließen dürfen, daß der Herr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wenig Gefallen an Schreihälsen findet.

Kurzum: Ein bißchen mehr Dehybrierung – Bolles neue Wortschöpfung: von Hybris ›frevelhafter Stolz, Übermut, frevelnde Selbstüberhebung‹ (DWDS) – stünde manchem Wissenschaftler prächtig zu Gesichte. Genaugenommen dem ganzen System einschließlich des gesamten angekoppelten Journalismus 2.0. Bolle sagt da nur: Corönchen! Allein in diesem Jammertale ist so manches nicht so, wie es sollte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.

So 14-09-25 Wenn’s doch der Wahrheitsfindung dient

Wittgenstein und Wichtelein …

Leute brauchen Orientierung. Das bedeutet nicht zuletzt zu wissen, was wahr ist und was nicht. Dabei wird – zumindest Bolle scheint das so zu sein – das Wissen um die Wahrheit nach einem mehr oder weniger gründlichen Modellierungsprozeß anhand aller jemals gewonnenen Eindrücke (Welt II) als Weltbild (mappa mundi) abgelegt (Welt III) und ist fürderhin handlungsleitend. Wobei bereits die Einsicht, daß das Weltbild nur ein Bild ist und mitnichten die Welt an sich (Welt I), offenbar nur fortgeschritteneren Gemütern – Agnostikern etwa – vorbehalten ist.

Welt im Bild …

Alle anderen verbringen ihr halbes, wenn nicht gar ihr ganzes Leben damit, andere von ihrem Wirklichkeitsmodell zu überzeugen – notfalls auch mit Gewalt: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich Dir den Schädel ein.“ (Bernhard von Bülow 1903 in einer Reichstagsrede).

Wer meint, Recht zu haben, sucht sich zuvörderst „Fakten“ – so will es der Zeitgeist. Je mehr Fakten, desto Recht – wie manche ja zu meinen scheinen. Zwar sind ›Fakten‹ kaum mehr als ›Wahrheit aus der Froschperspektive‹ oder, wie Don Quixote de la Mancha (1605/1615) es seinerzeit gefaßt hat: „Tatsachen, mein lieber Sancho, sind die Feinde der Wahrheit.“

Wer‘s noch etwas dicker mag, der stützt sich gern auf Studien – als so einer Art Fakten-Bazooka:  „Seht her, hier steht’s. Die Studie hat ergeben.“ Zweifel ausgeschlossen. Bolle meint nur: Amen! Dann wird es wohl so sein.

Neulich hat eine Tageszeitung, die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, getitelt, daß sich „Füße hoch“ doch nicht lohne, da das Einkommen selbst bei Mindestlohn deutlich höher sei als bei Bürgergeldbezug. In der Kellerzeile (Bolles Gegenstück zur Dachzeile) hieß es ausführend, dies habe eine „neue deutschlandweite Studie“ ergeben. Arbeiten sei also „immer attraktiver“ – man habe schließlich „bis zu 662 Euro“ mehr.

Da hegt und pflegt jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in seiner Welt III die Ansicht, daß sich Arbeiten für ihn nicht lohne, etwa weil es bei seiner bescheidenen Ausbildung und einer entsprechend kläglichen Einkommenserwartung unter den gegebenen Umständen einfach keinen Sinn mache. Doch halt: nun kommt die Studie und verkündet, daß es, tout au contraire, für ihn (!) eben doch Sinn mache. Wer hat Recht? Die Antwort ist müßig, of course.

Ob es „attraktiver“ ist, bis zu 662 Euro mehr im Monat zu haben, entscheidet allein der potentielle Arbeitnehmer – und nicht etwa die Autoren einer Studie. In Bolles Kreisen nennt man das Konsum/Freizeit-Präferenz: Der Arbeitnehmer – und nur der – entscheidet, wieviel seiner Lebenszeit ihm zusätzliche Konsummöglichkeiten wert sind.

Im übrigen bedeuten 662 Euro mehr – man beachte hier vor allem auch den Fleiß und die Gründlichkeit der Autoren: alles präzise auf den Euro genau durchstudiert – gerade mal 22 Euro pro Kalendertag. Die aber ließen sich – so könnte man das durchaus sehen – bei sorgfältiger, umsichtiger und methodischer Haushaltsführung (in Bolles Kreisen heißt das ›SUM‹) leicht und locker wieder einspielen – etwa, indem man selber kocht, selber backt, und überhaupt so manches selber macht.

Von all dem aber schweigt der Studie Bräsigkeit. Allein das ist höchst charakteristisch für Studien aller Art. Sie belichten und beleuchten irgendeinen isolierten Teilaspekt des Daseins und geben das dann als die wirkliche Wahrheit aus. Bolle meint nur: Pustekuchen! Augen auf beim Weltbild-Basteln. Mit Fakten fressen und Studien schlucken jedenfalls ist es wirklich nicht getan.

Übrigens: Von Kümmern um Kinder und so – Marx hat das seinerzeit ›Reproduktion‹ genannt – war hier überhaupt noch gar nicht die Rede. Wenn etwa Mutti (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich auf Arbeit vergleichsweise sinnlos und schlechtbezahlt plagt,  derweil die lieben kleinen Schlüsselkinder mangels Zuwendung und unter tüchtiger Beihilfe von so manchem TV-Format zuhause systematisch verblöden, dann ist das sicher auch nicht ganz im Sinne des Erfinders. Auch hierzu weiß die Studie nichts zu sagen. Kurzum: Es ist offenbar gar nicht so einfach, auch nur einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen – schon gar nicht, wenn es um Wahrheit für andere geht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-06-25 Immer auffem Sprung

Immer auffem Sprung.

Unser Bildchen heute zeigt eine Szene aus Bolles derzeitiger Vogelwarte, die sich praktischerweise direktemang auf dem Balkon befindet. Die Entfernung von A nach B – also von Amsel nach Bolle – beträgt dabei gerade mal 2 Meter Luftlinie.

Warum machen Amseln – und auch andere Gefiederte, also Drossel, Fink und Star und der ganze Rest der Vogelschar – sowas? Von eher kitschigen Erklärungen wie „Die mögen halt die Menschen“ einmal abgesehen, haben wir es hier wohl mit dem unabänderlichen Spannungsverhältnis zweier elementarer Bedürfnisse zu tun: dem physiologischen Grundbedürfnis nach Nahrung einerseits und dem Bedürfnis nach Sicherheit andererseits. Beides sind wohl Aspekte des – letztlich natürlich sinnlosen – Versuches zu überleben. Wenn das Bedürfnis nach Nahrung Überhand nimmt, dann muß man das schützende Nest eben vorübergehend verlassen. Gleichwohl bleibt man tunlichst immer auf der Hut – jederzeit bereit, die Prios anzupassen. Was nützt das schönste Futter, wenn man am Ende selber zu Selbigem wird? Daß Bolle keine Katze hat, kann Amsel ja nicht ahnen.

Wie friedlich und wie harmonisch aber könnte die Welt doch sein – ein alternatives Grundkonzept vorausgesetzt. So findet sich als Umschlagsillustration auf Bolles alter Kinderbibel eine Szene, die wohl das Paradies darstellen soll. Löwen und Gazellen liegen da friedlich und einträchtig Seit‘ an Seit‘ im Grase, zusammen mit manch Blümelein. Hosianna, Hallelujah, halt. Selbst in Bolles Kinderaugen schien das damals schon nicht das realistischste aller Konzepte – und zwar lange, bevor er je etwa von Ludwig Thomas ›Der Münchner im Himmel‹ (1911) gehört hatte: „Luja sog i.“

O nein, die Welt ist weiß Gott kein friedlicher Ort. Und das wird sich auch nicht ändern, solange Leute was zu futtern brauchen oder sonstige Interessen meinen verfolgen zu müssen: big fish eats small fish. Oder, wie Woody Allen in seinem ›Die letzte Nacht des Boris Gruschenko‹ (USA 1975 / Originaltitel: Love and Death) im Rahmen einer tiefschürfenden philosophischen Debatte über den Sinn des Lebens und den ganzen Rest zu seiner angehimmelten Sonja meinte: „Mir kommt das alles vor wie ein großes Restaurant.“

Allein auf diesen Umstand hinzuweisen kann einem in Deutschland allerdings schon mal leicht als Billigung eines Angriffskrieges ausgelegt werden und, wenn’s dumm läuft, bis zu 3 Jahren Knast einbringen (§§ 140 Nr. 2, 138 I Nr. 5 StGB i.V.m. § 13 VStGB). Dabei kann eine vergleichsweise harmlose Aufmunterung wie zum Beispiel „Bravo Putin“ – zumindest, wenn es nach dem LG München I gegangen wäre (Urteil vom 2. August 2023) – durchaus schon genügen, um ernstlich mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

Interessant wird es indessen, wenn man anfängt, Parallelen zu ziehen – was nach Hülsenfrüchtchens Heuristik natürlich strikt verboten ist und gerne mit der Argumentationsattrappe ›Whataboutism‹ pariert zu werden pflegt. Parallelen zu ziehen, Dinge einzuordnen überhaupt, ist nach dieser Vorstellung tunlichst zu unterlassen – zumindest aber höchst unerwünscht. Derlei mache die Dinge nur unnötig „komplex“ – im Sinne von ›dann blick ich nicht mehr durch‹.

Beispiel gefällig? Eines für alles mag hier genügen. Da bombt seit längerem schon ein Land auf ein anderes ein – und Politik und Presse überschlagen sich förmlich und unaufhörlich mit „Kriegsverbrecher“-Krakeele. Nun bombt neuerdings ein anderes Land auf ein anderes ein, nur weil ihm dessen Politik nicht paßt – und schon heißt es, das sei schließlich vorbeugende Selbstverteidigung beziehungsweise, vornehmer formuliert, Präventivnotwehr. Schließlich habe man ein Existenzrecht zu verteidigen – und im übrigen sei das eine Demokratie. Bolle meint nur: Ach herrje!

Völkerrecht ist, allem gutgemeinten Gedusel zum Trotze, im Wesentlichen noch immer Faustrecht – mit Betonung auf Faust und weniger auf Recht. Das war eines der ersten Dinge, die Bolle beim Studium dieses Faches helle wurden. Und allen Bestrebungen, das zum Besseren zu wenden, war bislang nur höchst mäßiger Erfolg beschieden. Hinzu kommt: Recht ist, nach allem, im Wesentlichen ja kaum mehr als geronnene Macht. Folglich empfiehlt Bolle, lieber die Füße ein wenig stiller zu halten, gleichwohl aber auf dem Sprung zu bleiben. Klingt doch fast schon nach Zen – und damit vielleicht nicht ganz unrealistisch. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-06-25 Rauchen wie Gott in Frankreich

Twins – Zwillinge (1988).

Um es mal mit Obelix zu sagen: Die spinnen, die Franzosen. Aber nicht nur die. Bei Lichte betrachtet sind es wohl eher die Zeiten an sich, die spinnen. Bolle meint ja, wie so oft, als erstes: Definiere ›spinnen‹. Probieren wir es mit einer Umschreibung: Vielleicht ist ›Spinnen‹ ja nur so eine Art „Realitätsunwilligkeit“ – wie Roger Köppel, der große Journalist der kleinen Schweizer Zeitung, das neulich mal genannt hat.

Was ist passiert? Die Grande Nation hat sich zu der Idee verstiegen, Rauchen ab demnächst nicht nur mehr in geschlossenen Räumen verbieten zu wollen, sondern weitestgehend auch unter freiem Himmel – also in Parks und öffentlichen Gärten, aber auch an Bushaltestellen, bei Sport und Spiel auf den Tribünen, und natürlich in der Nähe von Schulen, of course.

Wo Kinder sind, da muß der Tabak weichen. Soweit die Argumentations-Attrappe. Es gebe nun mal ein Recht der Kinder auf saubere Luft. Im Freien! Hört, hört! Bolle meint, hier durchaus einen Hauch von Hysterie ausmachen zu können, und – let’s go crazy – auch einen Hauch von Filigran-Faschismus, der definitionsgemäß ja will, daß alle gleich sein wollen sollen. Von wegen liberté toujours. Die ganze Liberté-Idee scheint Bolle mittlerweile ja ohnehin so eine Art Auslaufmodell zu sein. Wie nur kann es möglich sein, daß die Grande Nation sehenden Auges im Kern zu einer Grande Imitation, also einem seelenlosen Abklatsch ihrer selbst, verkommt? Aber vielleicht hängt Bolle das alles auch einfach nur zu hoch. Wer weiß?

Im übrigen handelt es sich hier auch um einen Fall von ›Edel versus Eigentlich‹, also Bolles EvE-Theorem: Jedes eigentliche Vorhaben, und sei es noch so schändlich, läßt sich bei hinreichender konstruktivistischer Kreativität locker mit einem Zuckerguß edler Absichten glasieren. Alles für die lieben Kleinen. Und die Freiheit? Die stirbt natürlich unterm Zuckerguß.

Und wie schnell das alles ging und geht – zumindest in der Rückschau im Schnelldurchlauf. Unser Bildchen zeigt eine Szene aus ›Twins – Zwillinge‹ (USA 1988 / Regie: Ivan Reitman / mit Arnold Schwarzenegger, Danny DeVito, Kelly Preston und Chloe Webb). Dort hatten sich die beiden Zwillingsschwestern bei einem Einkaufsbummel im Supermarkt – also drinnen – noch ganz entspannt ein Zigarettchen brüderlich geteilt. Im Supermarkt! So weit hat es Bolle nie getrieben. Und das alles ist gerade mal knapp 40 Jahre her – also nur etwa gut eine Generation. Was nur mag da schiefgelaufen sein bei der Aufzucht der kleinen Racker (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)? Wie nur kann es sein, daß ›Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll‹ zu ›Veganismus, Laktose-Intoleranz und Helene Fischer‹ verkümmern konnten? (Womit natürlich mitnichten irgendwas gegen Helene Fischer gesagt sein soll, of course). Und wie kann es sein, daß sich Lucky Luke etwa – im Nachdruck der Hefte auch rückwirkend, versteht sich – mit einem Grashalm im Mäulchen begnügen muß statt mit ‘ner ehrlichen selbstgedrehten Ziggi?

Seinerzeit, das weiß Bolle noch ganz genau, gab es im ›Schwarzen Café‹ am Savignyplatz noch ein ›Schwarzes Frühstück‹ für Minimalisten (oder vielleicht auch Existentialisten) zu haben. Eine Tasse schwarzen Kaffees mit einer schwarzen Zigarette. Sapienti sat – Der Philosoph wird davon satt.

Aber muß man denn unbedingt rauchen? Natürlich nicht. Ein jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mag das halten, wie es ihm zu Nutz und Frommen scheinen mag. Auf die Frage einer Studentin, warum er denn rauche, ist es Bolle – ohne nachzudenken, also so richtig zenmäßig – in einer großen Pause einmal rausgerutscht: „Weil ich irgend etwas brauche im Leben, das völlig sinnlos ist.“ Ansonsten käme er sich vor wie der Arbeitsgaul ›Boxer‹ in Orwells ›Animal Farm‹ (1945) oder wie einer dieser deprimierend derangierten Borgs aus ›Star Trek‹. Bolle hatte sich immer schon gefragt, worin die wohl ihren Lebenssinn sehen mögen. Indes: am klügsten ist es wohl, wenn man erst gar nicht fragt. Immerhin: Bolles Begründung hatte, wie es schien, durchaus einiges an Überzeugungskraft – wie das mit Zen-Sprech ja öfters mal so ist. Jedenfalls war diesbezüglich Ruhe im Karton.

Übrigens: Frankreichs private Terrassen sollen „selbstverständlich“ von der Regelung ausgenommen bleiben, of course. Bolle meint, dann is ja jut. Kieken wa ma, was die Zukunft bringen mag. Beim Zeitgeist weiß man schließlich nie. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 20-04-25 Frohe Ostern, urbi et orbi!

Ei forbibbsch.

Kaum ist Weihnachten vorbei – die Menschwerdung des Heilandes der Christenmenschen –, da rüsten die Gläubigen auch schon zum Osterfeste – in Erinnerung an das Ereignis, da der Erlöser denen, die da glaubten, zugerufen hatte:

Zwar habt Ihr Menschen mich am Kreuze vom Leben zum Tode gebracht. Aber sehet: Hier stehe ich – voll unkaputtbar. So gehet denn hin in alle Welt und verkündiget die Frohe Botschaft.

Allerdings hatte der Heiland es vorgezogen, auch seinen Anhängern nur noch höchst ghostly zu erscheinen – um dann, am 40. Tage, endgültig vom Antlitz der Erde zu verschwinden. Leibhaftig in diesem Jammertale aufgetaucht ist er dann erst wieder in jüngerer Zeit – zumindest, wenn man David Safiers Roman ›Jesus liebt mich‹ (2008) Glauben schenken mag. Hier ein kleiner Auszug aus einem Dialog zwischen Joshua (Jesus‘ nom de guerre auf Erden) und Marie, einem höchst irdischen Wesen, in einer Kirche in Malente, einem Städtchen in Ostholstein. Jesus hatte berichtet, daß er es seinerzeit als Kind schon nicht leicht gehabt habe – zum Beispiel was seine Erziehung anging. Aus Maries Perspektive verlief das Gespräch wie folgt:

– „Wie erzieht man denn Jesus?“, fragte ich erstaunt.
– „Mit Strenge. Josef verbot mir eine Zeitlang, vor die Tür zu gehen.“
– „Was hast Du denn angestellt?“
– „Ich habe mit fünf Jahren am Sabbat zwölf Spatzen aus Lehm geformt.“
– „Und warum war das so schlimm …?“
– „Weil man am Sabbat so etwas nicht tun darf. Und weil ich die Spatzen zum Leben erweckt habe.“

So hat jeder seine Sorgen. Allein – Marie, dem höchst irdischen Wesen, war klar, daß es für Maria und Josef seinerzeit schon nicht ganz leicht gewesen sein dürfte, so etwas den Nachbarn zu erklären.

Bolle meint: Leute sind halt sonderbar. Vor allem aber sind sie sklerotisch. Kaum ist etwas auch nur etwas anders als gewohnt, werden sie rappelig. Das geht schon los, wenn die Aktienkurse mal ein bißchen hin und her hüpfen (vgl. dazu letzte Woche, So 13-04-25 Die sklerotische Gesellschaft). Bei zum Leben erweckten Spatzen setzt dann natürlich alles aus.

Was tun, sprach Zeus? Ein erster Schritt in die richtige Richtung könnte es sein, hin und wieder ein wenig in sich zu gehen und sich ernstlich zu fragen:

Um was kümmern? Um was nicht?

Dabei wird man – so jedenfalls Bolles Eindruck – sehr schnell feststellen, daß vieles – wenn nicht gar fast alles – mit dem man sich tagein, tagaus befaßt, durchaus belanglos ist. Vanitas. Eitler Schein. Das letzte Hemd hat nun mal keine Taschen – wie Bolle seit frühester Kindheit weiß. Was also, könnte man sich fragen, braucht es für eine veritable Auferstehung? Wenn schon nicht von den Toten – so vielleicht doch zumindest von den Tölpeln? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel. Frohe Ostern!

So 06-04-25 Wie bei Muttern

🎶 Always look at the bright side of life 🎶

Mel Brooks‘ Einsicht, daß einem vieles nicht mehr möglich ist, wenn man selber nicht mehr ist, findet sich in seiner Komödie ›Das Leben stinkt‹ (USA 1991), für die er in Tausendsassa-Manier das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, das Ganze selber produziert und – zusammen mit Lesley Ann Warren – auch noch die Hauptrolle gespielt hat.

Man mag den Film finden, wie man will. An der Einsicht an sich führt aber wohl kein Weg vorbei – da beißt die sprichwörtliche Maus kein‘ Faden ab. Allerdings läßt sie sich durchaus auch umkehren – gewissermaßen ins Optimistische wenden: Kaum ein Ärgernis in diesem Jammertale, das sich nicht mit größter Nonchalance hinnehmen ließe.

Die Synthese – so kann man wohl meinen – findet sich in der höchst lebenspraktischen alten Indianerregel, daß man den Tod als Ratgeber annehmen möge, da auf diese Weise ungeheuer viel Belangloses von einem abfallen werde.

In Monty Pythons ›Das Leben des Brian‹ (UK 1979 / Regie: Terry Jones) heißt es dazu – und wohl nicht ganz unzutreffend:

For life is quite absurd
And death’s the final word
You must always face the curtain with a bow.
Forget about your sin – give the audience a grin
Enjoy it – it is your last chance anyhow.

Das ist mal wieder – wie wohl so vieles – ganz schlecht übersetzbar. Hier ein Versuch:

Das Leben? Recht absurd.
Der Tod? Die letzte Furt.
Verbeug Dich, wenn der Vorhang für Dich fällt.
Jetzt bloß nicht schwächeln – gönn uns ein Lächeln.
Was sonst mag bleiben einem Held?

Und so finden wir uns unversehens und stante pede im Agnostisch-Kontemplativen wieder. Vanitas – eitler Schein. Oder eben ›Eh scho Wuascht‹ – so heißt ein Würstelstand am Wiener Zentralfriedhof. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 05-01-25 Lieb Herzelein, magst stille sein

Herzelein, magst stille sein.

Es tut sich was auf der Welt. Schleichend zwar – im Zeitraffer aber doch recht deutlich. Und wann, wenn nicht um diese Jahreszeit, könnte man besser kurz innehalten und ein wenig Abstand nehmen, um sich Rechenschaft zu geben, wie man zu den Dingen stehen mag? Ist es nicht gerade das junge, das taufrische Jahr? Und wohnt nicht jedem Zauber auch ein Anfang inne?

Es ist fast auf den Tag genau 6 Jahre her, daß Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Beifall der Weltöffentlichkeit – vor allem aber natürlich der Medien dieser Welt (vgl. dazu Mi 18-12-24 Das 18. Türchen: Vox populi – vox quojus?) – verkündete, sie wolle, daß wir Panik schieben: I want you to panic!

Bolle war damals schon nicht wohl dabei. Steht das doch in krassem Gegensatz zur Grundaussage des Anhalters durch die Galaxis, wo es spätestens seit 1978 schon auf dem Buchdeckel geschrieben steht, und zwar in großen, freundlichen Lettern: Bloß keine Panik! Bolle kann sich des Eindruckes nicht erwehren, daß da mächtig was untergegangen ist im Laufe von nur gut einer Generation – auch, wenn es möglicherweise die letzte sein mag.

Vor allem will Bolle nicht einleuchten, daß man ein Problem – irgendein x-beliebiges Problem – besser, schneller, leichter oder überhaupt lösen kann, indem man Panik schiebt. Bolle war, vor Jahren schon, einmal Zeuge einer dieser Wie-nicht-bestellt-und-doch-abgeholt-Lektionen, mit denen das Universum nicht oft, aber doch gelegentlich, aus heiterem Himmel aufzuwarten beliebt. Bolle befand sich auf einer Party im kleinen Kreise in einem der sozialistischen Plattenbauten – die mit der herkömmlichen Berliner Traufhöhe (22 Meter) wenig am Hut hatten, und zwar in einem der obersten Stockwerke. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, gab es plötzlich einen Wohnungsbrand: Lodernde Flammen und mächtig viel Rauch. Im Grunde war es wie im Kino: unverstellte, aber sichere Sicht auf das Malheur vis-à-vis. – Lalülala, of course. Und? Was haben die Feuerwehrleute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gemacht? Sie haben seelenruhig und gemessenen Schrittes die Lage gepeilt, ihre Ausrüstung ausgerollt und das Nötige in die Wege geleitet. Von Hektik – oder Panik gar – nicht die Spur. Bolle hatte fast den Eindruck, daß man eher schlendert als hetzt oder hechelt. Es gibt Momente im Leben, da bleibt es nicht aus, an den Anhalter durch die Galaxis samt seiner Buchdeckel-Weisheit denken zu müssen.

Auch war das wohl kein Ausnahme-Phänomen. Jahre später hat Bolle mal eine Doku über einen dieser Katastrophen-Helfer/Retter/Schützer-Vorabend-Filme gesehen. Da waren sowohl der Schauspieler als auch der „echte“ Retter im Gespräch – und man war sich völlig einig, daß es in real life eher so läuft wie in Bolles Beobachtung. Panik völlig fehl am Platze. Da man den Zuschauern aber ein gehöriges Maß an Action bieten will, werden solche Filme dann eben panisch aufgepeppt. Nun, denn.

Kurzum: Jedem, der beruflich mit sowas zu tun hat, ist klar, daß Panik das letzte ist, was hilft. Daß sich jemand wie Greta Thunberg gleichwohl ein gehöriges Maß selbiger wünscht, mag ihrer jugendlichen und auch ihrer professionellen Unerfahrenheit geschuldet sein. Daß aber die Medien dieser Welt derlei Unsinn hysterisch hochgehyped haben – und selbiges noch immer tun, und zwar unvermindert – egal, ob es ums Klima geht, um Kriege oder Katastrophen aller Art, mag da schon bedenklicher stimmen. Und so kommt Bolle nicht umhin, sich zu wünschen, daß mehr gedacht werden möge. Gedacht – und dann gemacht. Das Herzelein mag derweil stille schweigen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.