So 11-01-26 Toleranz und Militanz

Und? Wer hat’s gesagt? (Bolle featuring Wassili Grigorjewitsch Perow 1872).

Zugegeben – unser heutiges Sprüchlein ist etwas knallig. Gleichwohl, meint Bolle, bringt es die Dinge auf den Punkt. Ähnlich knallig waren wohl nur Statements wie etwa ›Hitler war ein Linker‹ und ähnliches. Weia! Da war was los! Warum? Nun – wenn wir mappa-mundi-mäßig von ›Links = gut‹ ausgehen und von ›Hitler = böse‹, dann stürzt bei einer solchen Melange natürlich unversehens Hülsenfrüchtchens Holosphäre ein. Warum? Weil – wir haben es schon öfters mal erwähnt …

Eine Wahrheit muß genügen.
Mehr hältste ja im Kopp nich aus.

Unser Bildchen zeigt einen „Post“, wie er sinngemäß in den N:N-Medien (vulgo: „soziale“ Medien) vor einigen Jahren schon mal „viral“ gegangen war. Allerdings hat Bolle der Ästhetik halber hier das Original-Gemälde verwendet – es handelt sich um ein Porträt Fjodor Michailowitsch Dostojewskis (1821–1881) von Wassili Grigorjewitsch Perow (1833–1882) –, das ganze ein wenig gefälliger gestaltet sowie die Orthographie kanonisiert. Da kennt Bolle nun mal nüscht.

Seinerzeit, als das Zitat die Runde machte, war bei manchen Nutzern natürlich der Teufel los, of course. Insinuiert es doch – zumindest könnte man das so verstehen –, daß es einen Zielkonflikt geben könnte zwischen Intelligenz und Toleranz: Intelligenteren Leuten nämlich ist unmittelbar helle, daß Toleranz, so sie denn zu einiger Blüte finden soll, sich in funktionablen Grenzen halten muß, während es, umgekehrt, übertrieben toleranten Leuten möglicherweise an Intelligenz mangeln könnte. Der bekannte Glühwürmchen-Phänotypus halt:

Wenn die Herzen heiß entflammen
und das Hirn hinkt hinterher …

Jedenfalls meint Bolle, das alles füge sich aufs Feinste in unsere ›Funktioniert/Wünschenswert‹-Tafel:

Es gibt immer 4 Möglichkeiten …

Wir hatten das Modell vor einem Jahr schon einmal vorgestellt (vgl. So 26-01-25 Das Elend der Wōkness), um zu erhellen, warum sich Hülsenfrüchtchen immer, immer, immer zu einer wünschenswerten Lösung hingezogen fühlen – und zwar ohne jede Rücksicht darauf, ob die denn auch funktioniert. In Bolles Welt dagegen ist alles, was nicht funktioniert, unvermittelt raus – und mag es noch so wünschenswert sein. Aber möglicherweise fehlt es Bolle ja einfach nur an der gebotenen Portion Phantasie, um die Segnungen des Konstruktivismus – „alles ist möglich: so glaubt mir doch“ – gebührend würdigen zu wissen.

Nun, wir haben das Modell spezifiziert und dabei ›wünschenswert‹ mit ›Toleranz‹ konkretisiert – wer wollte wohl nicht tolerant sein? – und ›funktioniert‹ mit ›Intelligenz‹. Schließlich erweist sich Intelligenz ja nicht zuletzt in der Fähigkeit, mit der Welt, wie sie sich einem darstellt, zumindest leidlich klarzukommen – mappa mundi intacta.

Dabei wäre es natürlich am schönsten, wenn alle intelligent wären und tolerant. In unserer 4-Felder-Tafel entspricht das dem grün unterlegten ›Fein!‹. Unintelligent und intolerant dagegen wäre durch und durch von Übel (das rötlich unterlegte ›Grrr!‹). Interessant sind also nur die beiden gelb unterlegten Felder. Was wäre, wenn ein Zielkonflikt bestünde zwischen Intelligenz und Toleranz? Wenn also Intelligenz geböte, nicht übertrieben tolerant zu sein (›square‹) – beziehungsweise übertriebene Toleranz bedeuten würde, daß es mit der Intelligenz nicht allzu weit her sein kann (›wo̅k‹)?

Beim viralen Tumult durften natürlich auch die Faktenchecker nicht fehlen. Von dort bekam man allerdings in bester Kindergartenmanier nur ein fröhliches „Stimmt ja gar nicht, stimmt ja gar nicht“ zu hören. Dostojewski habe das so nie gesagt. Allein was hat das mit dem Spruch und seiner Trefflichkeit zu tun? Ist es nicht völlig egal, ob ausgerechnet Dostojewski das gesagt hat oder ob es im Zweifel selbstersonnen ist? So leicht kann’s nämlich gehen und man befindet sich im Namen der Wahrhaftigkeit auf der völlig falschen Fährte. Bolle findet, hierbei handele es sich übrigens um eine herrliche Illustration zu Miguel de Cervantes‘ Anmerkung in ›Don Quixote de la Mancha‹ (1605/1615):

Tatsachen, mein lieber Sancho,
sind die Feinde der Wahrheit.

Soweit zu Bolle und den Faktencheckern. — Natürlich ist das alles nicht neu. Denken wir nur an ein Werk wie etwa ›Biedermann und die Brandstifter‹ (Max Frisch 1958), in dem ein Herr Biedermann – in dem Stück heißt er tatsächlich so – vor lauter Toleranz zwei zwielichtige Gestalten in sein Haus aufnimmt, obwohl allen, und natürlich auch ihm selbst, völlig klar war, daß die nur Unheil im Schilde führen. Und so heißt es im Untertitel auch: ›Ein Lehrstück ohne Lehre‹. Kurzum: Herr Biedermann war eher tolerant als intelligent – um es mal vorsichtig auszudrücken. Eine frühe Karikatur eines Hülsenfrüchtchens, also.

Gucken wir uns um auf der Welt: Je weniger einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gebacken kriegt – was einer ungefähren Umschreibung von unzureichender Intelligenz entsprechen mag –, desto eher wird er dazu neigen, sich beleidigt zu fühlen und dementsprechend ein hohes Maß an Toleranz einzufordern – gerne auch mit juristischen Mitteln: „Werden wir brutal!“ (Brutus in ›Streit um Asterix‹ 1970). Keine Toleranz den Intoleranten! Bolle meint, das würde auch umstandslos erklären, warum unsere tonangebende Politgarnitur so sehr auf woke Hülsenfrüchtchen-Wähler steht. Zwar kriegen die auch nichts gebacken – sind dafür aber Brüder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im Geiste. Von sowas läßt man sich doch gerne wählen. Und der denkendere Teil des Volkes, also der mit potentiellem Beleidigungspotential, der wird am besten ganz verboten – und nicht etwa nur sein Denken. Zwar wird davon rein gar nichts besser – aber wenigstens ist Ruhe im Karton: ›Lieb Vaterland, magst ruhig sein // Nichts soll je trüben deinen Schein.‹ Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao – bis zur nächsten mittleren Katastrophe, die so sicher kommen wird wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 19-12-25 Das neunzehnte Türchen: Die feindlichen Staaten von Amerika

Nein, nein, nein – das darf nicht sein!

Hier etwas – wenn schon nicht wirklich weihnachtliches – so doch recht niedliches am Rande. Zumindest sieht Bolle das so. Neulich meinte irgendein Nachrichtensprecher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – womöglich einer mit etwas nuscheliger Aussprache – irgendwas von den „feindlichen Staaten von Amerika“. Zumindest hatte Bolle es so verstanden. Nach Aktivierung seiner Plausibilitätsschaltkreise hatte sich dann herausgestellt, daß das unmöglich so gesagt gewesen sein konnte. Ein Nachlauschen hatte dann ergeben, daß doch eher von den „Vereinigten Staaten von Amerika“ die Rede gewesen sein mußte. Fein denn – alles wieder konsistent.

Aber wie kommt es zu solchen Verhörern? Das war Bolles nächster Gedanke. Nun – das Gegenstück zu Freud’schen Versprechern sind ja wohl – zumindest würde Bolle das einleuchten – Freud’sche Verhörer. Obwohl – das sieht Bolle ein – von derlei nie die Rede war bei Freud.

Aber wenn wir schon bei Verhörern sind: Was liegt da näher als an Hacke und Sowas ›Weißen Neger Wumbaba‹ (2004) zu denken? Immerhin handelt es sich dabei um das ›Handbuch des Verhörens‹. — In Matthias Claudius‘ ›Abendlied‹ (1779) heißt es:

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar:
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Der weiße Nebel wunderbar. Welch kraftvolles Bild! Wer allerdings noch nie bei Mondenschein auf der Pirsch war und mit diesem Bild rein gar nichts anzufangen weiß, für den wird daraus dann eben ›Der weiße Neger Wumbaba‹. Bolle findet, das leuchtet ein.

Vergleichen wir das mal: Bei einem Versprecher legt einem das Unbewußte etwas auf die Zunge, was zu sagen man sich so nie getraut hätte – was aber durchaus trefflich ist. Bei einem Verhörer dagegen drückt einem das Unbewußte etwas aufs Ohr, was durchaus Sinn macht – der jeweilige Sprecher so aber wohl nie gesagt haben dürfte. Auch dann nicht, wenn es Sinn macht. In diesem Falle eben ›die feindlichen Staaten von Amerika‹. Das Gehirn versucht das Gehörte nun mal mappa-mundi-mäßig einzuordnen. Ein völlig normaler Vorgang, das – wenn auch meist nicht ohne Witz – und gehört im weiteren Sinne in das weite Feld sozialpsychologischer Konsistenztheoreme: Das Gehirn sucht Sinn. Und wenn es keinen findet, dann findet es ihn anyway. Hauptsache, das Weltbild, die mappa mundi eben, bleibt stabil.

Wer also mit der in weiten Kreisen der Classe politique – nebst angeschlossenem Journalismus 2.0, of course – verbreiteten bräsigen und überschäumenden Selbstgefälligkeit wenig anzufangen weiß – Putin böse, Xi böse, und jetzt dann eben auch noch Trump böse –, der kann dann durchaus schon mal leicht was von den „feindlichen Staaten von Amerika“ zu hören kriegen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 15-12-25 Das fünfzehnte Türchen: Frohe Weihnachten – oder was?

Anachronistische Eierplage.

Eier liegen in der Luft, wie’s scheint: Ei is in the air (Bolle featuring John Paul Young 1977) – um das mal neuzudeutschen. Nachdem wir uns gestern mit Ei-risch Breakfast befaßt hatten, kommt nun dieses – eine durchaus anachronistische Eierplage – noch hinzu. Und überhaupt: steckt das Ei nicht auch in so harmlos klingenden Wörtern wie zum Beispiel und nicht zuletzt in W-ei-hnachten?

Um es, passend zur Jahreszeit, mit Professor Crey – dem aus der Feuerzangenbowle (Heinrich Spoerl 1933) – zu sagen: Bolle – sä send etwas albern. Also genug geblödelt. — Neulich beim Wochenendeinkaufsbummel wurde Bolle der Eier-Auslage unseres heutigen Bildchens angesichtig. Wie? Schon wieder Ostern? – war das allererste, was ihm, ohne weiter nachzudenken, blitzeschnelle durch die Sinne schoß. Aber Nein – noch sind wir ja mittenmang mit den Vorbereitungen auf die Menschwerdung des Erlösers der Christenmenschen befaßt. Andererseits: Wenn es Ende August schon Spekulatius gibt – warum sollte dann ein erwerbsfleißiger Einzelhandel Mitte Dezember keine Ostereier haben im Sortiment?

Aber weit gefehlt. Der eigentliche Grund ist dieser: Die gibt’s das ganze Jahr – wie Bolle aus fachkundigem Munde in Erfahrung bringen konnte. Aber warum nur – warum? Nun, offenbar gibt es Leute – und wohl gar nicht mal so wenige, sonst würde es das Angebot nicht geben: insofern ist auf den Kapitalismus Verlaß –, die zwischendurch gerne mal ein gekochtes Ei naschen – und zwar zu jeder Jahreszeit, und ohne jeweils eigens kochen und abkühlen lassen zu müssen. Ein dreifach Hoch auf die Spontaneität! Um nun nicht aus Versehen in ein rohes Ei zu beißen, macht es natürlich Sinn, daß erstere und letztere sich deutlich unterscheiden. Was liegt da näher, als sie farblich kräftig zu markieren? Und so kommt es, daß es Ostereier gibt, die mit Ostern rein gar nichts zu tun haben sollen: Buntes Ei gleich hartgekochtes Ei. Mehr Logik steckt da offenbar nicht drin.

Natürlich mußte Bolle sich fragen, warum ihm derlei nicht früher schon mal aufgefallen war. Aber so kann’s gehen, wenn man schwer fokussiert durch den Supermarkt stürzt – von wegen Einkaufserlebnis. Bolle möchte gar nicht wissen, was es da – neben Ostereier-Mimikry – noch so alles geben mag, dessen er noch wirklich niemals angesichtig wurde. Die Welt ist voller Wunder – durchaus nicht nur zur Weihnachtszeit. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 11-12-25 Das elfte Türchen: Hirnschmalz und Humor

Der Absatz vom Schuh vom Kanu vom Manitu.

Zugegeben: so richtig weihnachtlich ist auch unser heutiges Türchen nicht. Allerdings meint Bolle, ein bißchen was zum Kontemplieren, zumindest aber doch zum Reflektieren, könne wohl kaum schaden – auch nicht in der Weihnachtszeit.

Bolle hatte sich seit Oberstufenzeiten schon gefragt, woher es wohl kommen könne, daß exaktemente genau die Leute, die Bolle in durchaus etwas arroganter Manier – gleichwohl aber mit einem gerüttelt Maß an Demut, of course  –  für ein wenig denkbehindert hält, sich gleichzeitig durch eine augenfällige Humorlosigkeit auszeichnen. Gibt es womöglich einen verborgenen, nachgeradezu okkulten gar, Zusammenhang zwischen Hirnschmalz und Humor?

Wie das Leben so spielt, hat es Bolle neulich die Programmabkündigung für ›Das Kanu des Manitu‹ (D 2025 / Regie: Michael ›Bully‹ Herbig) – einem, wie soll man sagen, Aufguß von ›Der Schuh des Manitu‹ (D 2001) – in die Timeline gespült. Das Original gilt immerhin als einer der erfolgreichsten deutschen Filme seit 1945. Was den Humorgehalt der beiden Streifen angeht, möchte Bolle lieber stille schweigen, of course.

Ganz großes Kino dagegen ist das zu unserem Bildchen gehörige Statement der Betreiber. Dort heißt es, man nehme den Film aus dem Programm, da es sich dabei um eine kulturelle Aneignung handele, die im übrigen auch nicht mehr zeitgemäß sei. Bolle meint ja immer, ›nicht zeitgemäß‹ sei das neue ›nicht gottgefällig‹, mit dem Pfaffen aller Couleur ihre Schäfchen jahrhundertelang zur Ordnung gerufen haben. Auch entschuldige man sich für eventuelle emotionale Verletzungen, die sich womöglich bereits durch den Trailer oder das bloße Lesen des Filmtitels gar ergeben haben könnten.

Allen Ernstes. So steht das da. Bekanntlich ist das gemeine Hülsenfrüchtchen ja sowas von sensibel. Weiterhin heißt es, man verstehe sich als sicheren Raum – schon wieder so ein humoriges Highlight – in dem keine, so wörtlich, unbeaufsichtigte Pointen geduldet würden.

Eine ›unbeaufsichtigte Pointe‹. Da muß man erst mal drauf kommen. Ganz großes Kino, wie gesagt. Daß in der Abkündigung vom ›Kanu des Manitou‹ statt, wie der Filmtitel nun mal heißt, vom ›Kanu des Manitu‹ die Rede ist, sei nur am Rande erwähnt – kann Bolles Verdacht einer möglichen kognitiven Mangellage aber nur unterfüttern. Doch laßt uns nicht kleinlich sein. Irren ist nun mal menschlich.

Roger Köppel, der große Journalist der kleinen Schweizer Zeitung, hat in diesem Zusammenhang für einen Anstoß gesorgt, als er meinte, jedweder Humor benötige eine gewisse Fallhöhe. Wenn aber der Geist der Zeiten will, daß alles und ein jegliches (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) per se unterschiedslos gleich zu sein habe – Bolle würde das im Ergebnis glatt ›niveaulos‹ nennen –, dann sei es eben Essig mit Fallhöhen jedweder Art – und damit auch mit Humor. Das übrigens würde umstandslos erklären, warum auf die Spitze getriebener Sozialismus – hier im Sinne von ›Gleichmacherei‹ – notwendigerweise humorlos sein muß. Ob er daneben auch noch witzlos ist, sei hier mal dahingestellt.

Kurzum: Macht alles platt, was sich in irgendeiner Weise abhebt: Nein, nein, nein – das darf nicht sein. Und wenn es schon nicht so ist, dann tut wenigstens so. Alles andere wäre schließlich diskriminierend (wörtlich – und entlarvend harmlos: ›unterscheidend‹) und könnte so manch Sensibelchen doch arg verdrießen in seiner durchplanierten Welt. Das durchzuhalten ist zwar wenig praktikabel – aber immerhin ist es humorlos. Und was tut man nicht alles für ein besseres Universum? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-11-25 Der 1. Advent: Ich wär‘ so gerne auch mal wer

Sein oder Nichtsein …

So schnell kann’s gehen. Ist es doch gerade mal drei Wochen her, daß Bolle meinte, mit der Kunde aufwarten zu müssen, daß es wieder einmal weihnachte (vgl. dazu So 09-11-25 Es weihnachtet wieder). Mittlerweile allerdings dürfte auch dem letzten Christenmenschen aufgegangen sein, daß es in der Tat mal wieder soweit ist. Die Weihnachtsmärkte harren ihrer Kundschaft, die Poller stehen festvermauert in der Erden – oder doch zumindest so, daß möglichst alles für friedliche Weihnachten getan sein sollte. Kurzum: der Zauber kann beginnen.

Apropos Zauber: Eigentlich hat selbiger schon vor geraumer Zeit begonnen. Sagen wir 2015 – um dem ganzen mal einen Datumsstempel aufzudrücken. Seitdem ist eigentlich nur noch wenig, wie es einmal war. Und wer das nicht zu schätzen weiß – oder sich so ganz und gar nicht darauf freut – ist nazi, of course. Allerdings – das wollen wir nicht verhehlen – blättert hier der Lack allmählich doch ein wenig ab. Das entsprechende Labeling droht unter seiner eigenen Gravitation, verursacht durch langanhaltenden und völlig übermäßigen inflationären Gebrauch, allmählich in sich zusammenzufallen. Bolle meint ja: Wenn das Volk nur nicht immer so lange brauchen würde, um einzusehen, was einzusehen die Vernunft nun mal gebietet. All unsere Bestrebungen, Bolle klarzumachen, daß nun mal nicht jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) die schnellste Kerze auf der Torte sein kann, sind – wie soll man sagen – auf ein eher durchwachsenes Echo gestoßen. Im Kern sieht Bolle das ja ein – wenn auch nur eher nolens volens.

Das Volk folgt seinen Führern. Das leuchtet rein sozialpsychologisch ein. Was aber, wenn es sich bei den Führern – daß das Wort noch nicht verboten ist oder zumindest verpönt, wundert Bolle übrigens sehr – um ausgesprochene Egoshooter handelt? Leute also, die ach so gerne auch mal wer wären – und denen das Volk im engeren Sinne eigentlich so ziemlich am Allerwertesten vorbeigeht? Im Buch Jesus Sirach, Kapitel 3, Vers 22 (von der Demut) heißt es:

Strebe nicht nach dem,
was zu hoch ist für dich,
und frage nicht nach dem,
was deine Kraft übersteigt …

Eiseleins ›Sprichwörter und Sinnreden‹ (1840) übrigens hauen recht trefflich in die gleiche Kerbe:

Mancher auf Stelzen
ist für die Sache dennoch zu kurz.

Und Max Weber schließlich hält in seinem ›Politik als Beruf‹ (1919) die Eitelkeit für die größte Schwäche eines jeden, der sich zu Höherem berufen fühlt. Bolle meint ja, hierbei könnte es sich durchaus um ein Katz‘-und-Schwanz-Phänomen handeln.

Auch vermutet er, daß das Problem in einem dysfunktionalen Auswahlverfahren begründet liegen könnte. Die Möglichkeit nämlich, daß es sich bei dem, was es so an die Spitze spült, um das Beste handeln soll, was ein Volk im besten aristokratischen Sinne jeweils aufzubieten hat, will Bolle gar zu abwegig erscheinen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel. Jetzt ist erstmal Weihnachtszeit!

So 02-11-25 Plapper und Fallensteller

Vermintes Gelände …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens bezieht sich natürlich auf Zeiten, als Bolle noch Trappern und Fallenstellern wie etwa Sam Hawkens mit seiner tausendmal überflickten Weste nacheifern konnte, oder edlen Wilden wie Winnetou – ohne daß irgend jemand auch nur den geringsten Anstoß daran genommen hätte. Warum auch?

Heute scheint das alles ganz anders zu sein. Heutzutage ist es so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zwar immer noch machen kann, was er will. Allerdings sollte er tunlichst darauf achten, bloß nicht in eines der oben skizzierten Fettnäpfchen zu tappen. Keinesfalls nämlich darf man rassistisch sein oder sexistisch beziehungsweise frauenfeindlich gar oder, oder, oder … Nicht einmal ›menschenverachtend‹ ist drin – obwohl es hierfür mehr als gute Gründe gäbe.

Bolle liebt es ja, die Dinge mit den Methoden der Mathematik präzise auf den Punkt zu bringen – und das ganze dann möglichst auch noch so darzustellen, daß es eigentlich jedem einleuchten sollte, sofern er nicht völlig vernagelt ist. Die Graphik oben ist übrigens bereits älteren Datums und hat bislang schon so manchen Studenten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu einigem Nachdenken angeregt. Allerdings stand in den einzelnen Fettnäpfchen-Feldern bislang lediglich „Grrr!“–  als Ausdruck sozial verordneten Widerwillens.

Wenn wir uns also darauf verständigen, daß alles, was sich in den verschiedenen Feldern befindet, rein gar nicht geht, dann bleiben allein die dunkler unterlegten Felder am Rande. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Aber eben nur hier und nirgends sonst. Zugegeben: viel Spielraum bleibt da nicht.

Und genau so sieht sie denn auch aus, die dürftige und durchaus platte Debatte, die sich dem Volke hier und heute mit progressiver Tendenz darbietet. Da muß nur einer etwa ›Kleine Paschas‹ sagen oder ›Stadtbildoder ähnliches zum Besten geben – und schon ist wochenlang der Teufel los im Blätterwald. Da drängt sich doch die Frage auf: cui bono – wem zum Teufel soll das nützen?

Betrachten wir dazu das sozialpsychologische Muster, das hinter all dem stecken könnte, an einem historischen Beispiel. Dabei bietet sich jemand wie Luther geradezu an. Zum einen war justamente vorgestern erst Reformationstag – der den Jüngeren allerdings eher als Hallowe’en bekannt sein dürfte –, jener Tag also, an dem Luther 1517 seine 97 Thesen am Hauptportal der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen haben soll. Zum anderen ist das alles so lange her, daß sich hier und heute wohl kaum einer übermäßig auf die Füße getreten fühlen dürfte.

Heider-Dreieck mit Ad-Hominem-Anwandlung (AHA).

Die Graphik zeigt ein sogenanntes Heider-Dreieck, von dem wir eigentlich nur wissen müssen, daß es genau dann stabil ist, wenn in ihm entweder gar keine oder genau zwei Minuszeichen vorkommen. Mehr noch: Wenn wir zwei Vorzeichen kennen – hier also die Beziehung von Luther zu seinem eigenen Argument (+) und die Beziehung von Antonius zu Luther (–), dann können wir auf die Ausprägung der dritten Beziehung (also Antonius zum Argument) schlußfolgern.

Luther hat ein Argument, egal welches (+). Und nun kommt sein Mitbruder Antonius oder – schlimmer noch – Papst Leo X (1475–1521), ein geborener Medici-Machtmensch, auf die Idee, Luther sei ja wohl ketzerisch – nachgeradezu häretisch also. Zwar hat der Einwand mit Luthers Argument im Kern rein gar nichts zu tun – aber bitteschön. Die dahinterstehende Logik: Weil (!) Luther Häretiker ist, sei folglich (⇒) sein Argument zu verwerfen (–). Allgemeiner, und lutherisch-derb auf den Punkt gebracht: Luther scheiße, also Argument scheiße. Der stilisierte rötliche Blitz soll dabei andeuten, daß das alles mögliche sein mag – nur eben keine Logik in einem wie auch immer gearteten Sinne. Darum wollen wir das auch nicht als Argument gelten lassen. Vielmehr wollen wir von einer Anwandlung sprechen – einem gedanklichen Konstrukt also, das sich nicht mit Luthers Argument auseinandersetzt (ad rem – auf die Sache bezogen), sondern mit Luther als Person an sich (ad hominem). In der Graphik haben wir es dementsprechend auch als Ad-Hominem-Anwandlung bezeichnet, kurz AHA.

Gleichwohl erfreut sich derlei – immerhin 500 Jahre nach Luther – ungebrochener Beliebtheit. Wer erst einmal als rassistisch, sexistisch, oder gar völkisch etc. pp. (siehe unser Bildchen oben) gelabelt ist, hat nach dieser Logik keine, wirklich gar keine Chance, irgend etwas vorzubringen, das auch nur im Entferntesten zustimmungsfähig wäre. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer, aus dem Munde des Mephistopheles? Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie.

Abschließend bleibt natürlich die Frage: wer labelt da? Wer hat ein Interesse daran, eine sachliche Auseinandersetzung (ad rem) durch sozialpsychologische Spielchen (ad hominem) zu ersetzen? Zuvörderst wohl jene, die sehr genau wissen, daß sie für eine offen und ehrliche Ad-Rem-Auseinandersetzung kein allzu gutes Blatt auf der Hand halten. Dann doch lieber die Ad-Hominem-Anwandlung (AHA) als Argumentationsersatz. Auch muß man hier nicht so viel denken – was manchem durchaus entgegenkommen mag. Einen der Dröhnsprechbegriffe von unserem Schildchen in die Diskussion geworfen – und schon ist man im Spiel. Nicht mal definieren muß man sie. Hauptsache laut und lärmend und langanhaltend. Neil Postman übrigens hat sich diesem Phänomen in seinem ›Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹ (1985) vor nunmehr 40 Jahren schon recht ausführlich gewidmet. Allein: Vergebens predigt Salomo … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-10-25 Der Geist des Kapitalismus

Der Geist des Kapitalismus – mit postsozialistischem Einschlag.

Unser Bildchen heute zeigt original Ostberliner Industrie-Design, wie es sich nicht mehr allzu häufig findet in der Stadt. Vor zwanzig Jahren noch – ja damals – waren von Maschinengewehrfeuer gelöcherte Fassaden durchaus noch normal im Stadtbild. Immerhin: bei Bolle vor der Haustür gibt’s das noch.

Nun ist Bolle durchaus kein Architekturhistoriker. Aber da es sich hierbei erkennbar nicht um einen Plattenbau handelt, dürfte das Gebäude durchaus älter sein als die damalige DDR. Ob es aber im oder schon vor dem tausendjährigen Reich errichtet wurde, weiß Bolle nicht zu sagen. Die ästhetischen „Verfeinerungen“ an der Fassade allerdings dürften definitiv aus postsozialistischen Zeiten stammen.

Dabei sind am rechten Bildrand schon erste, zaghafte Modernisierungsbestrebungen zu erkennen: die Fenster wurden, so wie’s aussieht, durch energieeffizientere Plaste-Fenster ausgetauscht. Unter ästhetischen Gesichtspunkten wohl eher fraglich, findet Bolle. Aber wenn’s dem Fortschritt dient … Bolle – mit den hiesigen Verhältnissen durchaus einigermaßen vertraut –, vermutet, daß da einer den Energieeffizienz-Fördermitteln nebst Umlage-Möglichkeit auf die Mieter nicht widerstehen konnte.

Bei Thomas Manns ›Buddenbrooks‹ (1901) hatte sich folgendes zugetragen: Tony Buddenbrook – höhere Tochter aus dem eher calvinistischen Norden – hatte es ehestandshalber ins katholische München verschlagen. Dort war man weniger ehrgeizig – und dafür umso gemütlicher. Und so mußte sich Tony, kurz nach der Hochzeit schon, von ihrem Göttergatten folgendes anhören:

„Tonerl“ – er nannte sie Tonerl – „Tonerl, mir war’s gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab’ mi allweil g’schunden, und jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten’s Parterre und die zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und können a Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi z’sammrichten und aufdrahn … und am Abend hab’ i ‘s Hofbräuhaus. I bin ka Prozen net und mag net allweil a Göld z’ammscharrn; i mag mei G’müatlichkeit! Von morgen ab mach’ i Schluß und werd’ Privatier!“

Privatier! Sein ›Tonerl‹ –zuhause bekannt als ›Tony‹ beziehungsweise eigentlich ›Antonie‹ – war entsetzt. Wie kann man nur mit einem solch eklatanten Mangel an Ehrgeiz durchs Leben laufen?

Sind nun die hanseatischen Großbürger die besseren Menschen? Oder nicht doch eher die Münchner? Natürlich ist die Frage sinnlos. Sie sind einfach nur anders drauf. Seinerzeit bedurfte es offenbar durchaus noch einer gewissen „interkulturellen Kompetenz“, um sich auch nur zwischen nördlicheren und südlicheren Gefilden des Deutschen Bundes zurechtzufinden.

Einer der ersten, die deutlich auf diesen Umstand hingewiesen haben, war wohl Max Weber mit seinem ›Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus‹ (1904/05), der meinte, daß es neben rein ökonomischen Aspekten durchaus auch eines gewissen religiös „fundamentierten“ innerweltlich-asketischen Berufsethos bedürfe.

Kurzum: Es kommt doch sehr darauf an, wie die Leute – als Population – ticken. Unter dem gegenwärtigen multikulturell-ultraintegrativen Einheitsbrei-Paratickma haben derlei Ideen derzeit allerdings keine Chance. Gleichwohl wird Bolle den Verdacht nicht los, daß eine Gesellschaft ohne ein gewisses Maß an Gruppenkohäsion (vulgo: Wir-Gefühl) nicht funktionieren kann und wird – nicht einmal wirtschaftlich. Allein: wer steckt’s den herrschenden Schichten – die ja zu meinen scheinen, daß es lediglich einer gehörigen Portion „Sondervermögens“ nebst einer nicht minder gehörigen Portion Propaganda bedürfe, und alles werde gut. Bei den Buddenbrooks jedenfalls wurde noch in ehrlichen Kuranttalern gerechnet. Und wenn die alle waren, dann war eben Schicht im Schacht – und man mußte „Bankeröttchen“ machen, wie es seinerzeit hieß. In Bolles Kreisen nennt man derlei ›Kurze Feedback-Schleife‹. Deren reine Existenz hat den unschätzbaren Vorzug, einen vor übertrieben optimistischen Ambitionen – man könnte auch sagen: Traumtänzereien – zu bewahren. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-03-25 Schnullologie

Eine Dose ist eine Dose ist eine Dose.

Wie das Leben so spielt, hatte Bolle dieser Tage rein umständehalber mit Schnullerflaschen zu tun – das erste mal seit einigen Jahrzehnten. Damals war die Welt noch „überschaubar“ – um es einmal in Hülsenfrüchtchens Terminologie zu fassen. Milch (oder was auch immer) in die Flasche, trinken – fertig. An sonderliche Probleme jedenfalls kann Bolle sich beim besten Willen nicht erinnern.

Heute dagegen – eine ellenlange Gebrauchsanleitung in nicht weniger als 30 Sprachen. Damit das alles auf den ohnehin schon mörderisch dimensionierten Beipackzettel paßt, hat der Hersteller eine Schriftgröße gewählt, an der Bolle sich seinerzeit glatt die Augen verdorben hätte. Im Wesentlichen heißt es dort, so eine Nuckelflasche sei ein durchaus gefährliches Ding. Man müsse höllisch aufpassen, daß Baby stets nur unter Aufsicht eines Erwachsenen mit der Flasche in Berührung komme. Das Glas könne splittern, auch könne sich Baby unter Umständen strangulieren oder aufgrund mangelnder Hygiene gar einen unbotmäßig frühen Tod erleiden. Folglich müsse man … et cetera bla, bla.

Nun – es dauerte nicht lange, bis Bolle sich der Terminus ›Schnullologie‹ hatte aufdrängen wollen. Einmal in der Welt, wurden Bolle stante pede die unabweisbaren Weiterungen bewußt. Wenn Baby sich so wild und gefährlich durch die ersten Wochen und Monate seines jungen Lebens kämpfen muß – stets „gefühlt“ bedroht von splitterndem Glas und üblen Keimen –, dann muß man sich nicht wundern, wenn aus Baby später eine rechte Bangbüchs wird – stets gewillt, sich helfen, retten, schützen zu lassen. Baby kann dann alles werden – nur kein Souverän. Unter „demokratietheoretischen“ (so das jüngste Modewort) Gesichtspunkten scheint Bolle das alles mehr als bedenklich.

Aber kann man die Schnullologie dermaßen hochhängen? Bolle meint, man kann. Durchaus. Nicht zuletzt bei Aldous Huxley heißt es ja: „Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“ Eine solche Welt kann alles sein, nur – mangels souveränen Souveränen –, keine Demokratie.

Im übrigen gilt seit heute mal wieder die Sommerzeit. Was hatte man sich damals (1980) nicht alles davon versprochen? Energieersparnis ohne Ende – im Namen der Wissenschaft, of course. Heute, anderthalb Generationen später, weiß man, daß man eher nichts weiß – beziehungsweise noch immer nichts. Schnullologie, eben. Immerhin ist eines klar: Eine Dose ist eine Dose ist eine Dose (Bolle featuring Gertrude Stein). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 23-02-25 De ratione belli

Wie sich die Bilder gleichen …

De ratione belli? Vom Sinn des Krieges? Ja, kann ein Krieg denn sinnvoll sein?

Soweit Bolle das überblicken kann, würden die meisten – namentlich die sogenannten einfachen Leute – ein ruhigeres und friedliches Leben, gern auch mit kleineren Höhen und Tiefen, einer aufregenden beziehungsweise aufreibenden Existenz als Kriegsheld durchaus vorziehen.

Natürlich gibt es auch ganz andere. Als ebenso prominentes wie klassisches Beispiel mag uns Achilleus dienen. Vor die freie Wahl gestellt, ein kurzes, aber ruhmreiches Leben zu leben oder aber ein langes ohne sonderliche Fährnis und Gefahr, hatte er sich seinerzeit in jungen Jahren schon ausdrücklich für ersteres entschieden. Und so kam es dann auch. Obschon – ähnlich wie Sigfried in der Nibelungensage – praktisch unverwundbar, traf ihn vor den Toren von Troja der Pfeil des Paris – und zwar ausgerechnet an seiner sprichwörtlichen Achillesferse. Exitus. Heldentod.

Andererseits: Hätte Achilleus sein Leben in seiner thessalischen Heimat in ruhigen Bahnen verlebt, so wüßten wir heute rein gar nichts von ihm. Von hinnen geschieden wäre er, Stand hier und heute, allerdings so oder so.

Hatte also Bob Dylan nicht ganz Unrecht, als er 1963 seine Frage nebst sibyllinischer Antwort in die Welt geworfen hatte?

Yes, and how many times must the cannonballs fly
Before they’re forever banned?
The answer, my friend, is blowin‘ in the wind.
The answer is blowin‘ in the wind.

Nur wenig später – in den 1970er Jahren – kam Jane Goodall, eine britische Ethologin, dann aber mit ihren Schimpansenkriegen. Schimpansen bekriegen sich unter bestimmten Umständen kaum weniger mies und fies als wir Menschen in unserer Rolle als deren entwicklungsgeschichtliche Nachfahren. Einer von Goodalls Kollegen hat das wie folgt auf den Punkt gebracht: Wenn die Gewehre hätten – sie würden sie benutzen.

Unser Bildchen haben wir übrigens in Steingarts Morning-Briefing gefunden. Es ist offenkundig angelehnt an das „historische“ Bild der Jalta-Konferenz gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Für alle, denen das Original nicht unmittelbar vor Augen stehen sollte – hier ist es:

Jalta 1945 — mit Churchill, Roosevelt und Stalin.

Das Bild zeigt die seinerzeit wesentlichen Akteure Churchill, Roosevelt und Stalin. Von den Franzosen wollen wir hier stille schweigen. Vor allem aber Adi, der große Diktator, war damals ganz und gar nicht  dabei. Und so – genau so – ergeht es jetzt dem, wie die Yanks das neuerdings sehen, kleinen ukrainischen Diktator. Möglicherweise haben sie damit sogar Recht. Oder, wie Bolle manchmal zu bemerken pflegt: Augenhöhe gibt es nur unter gleichen.

Krieg ist Streit. Und Streite wollen entschieden sein. Alles andere führt zu einem nicht-enden-wollenden Hickhack. Dabei gibt es, grosso modo, rein sozialpsychologisch drei beziehungsweise vier Ebenen für einen Streit-Entscheid –

Streit-Entscheid-Ebenen.

… wobei die Ebenen in dieser Reihenfolge Wirkung entfalten. Wenn also zum Beispiel einer einen Streit argumentativ beziehungsweise kognitiv austragen will, der andere aber mit einer Tracht Prügel droht: Wer wohl wird sich durchsetzen?

Ist das schön? Oder gerecht? Natürlich nicht. Immerhin ist es klar. Und darin mag ein großer und nicht zu unterschätzender Vorzug liegen. Nichts anderes wohl hat Karl von Clausewitz gemeint mit seinem Diktum:

Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

An dieser Stelle wäre einiges zu vertiefen. Beschränken wir uns auf das Unverzichtbare: Wenn man es mit jemandem zu tun hat, der einem (um im Bild zu bleiben) eine Tracht Prügel (oder schlimmeres) androht, dann macht ein Rücksprung auf eine der höheren Ebenen so rein gar keinen Sinn. „Ich akzeptiere aber nicht, daß Du mich prügeln willst.“ Das wäre einfach nur lächerlich – und nichts als lächerlich.

Natürlich kann man ankündigen, den großen Bruder zu rufen, und der haut Dich dann. Das allerdings funktioniert, wenn überhaupt, nur dann und nur solange man einen großen Bruder zur Hand hat, der wirklich groß und stark ist und überdies aufgeschlossen mitzuspielen.

Hier hat sich, vergleiche unseren Beitrag letzte Woche (So 16-02-25 Die Erwachsenen sind zurück) über Nacht ganz Entscheidendes getan. Wieso und warum läßt sich vorläufig nur erahnen. Zeitgeist, vielleicht? Bei Clausewitz liest sich das so:

„Wir sehen also, wie von Hause aus das Absolute, das sogenannte Mathematische, in den Berechnungen der Kriegskunst nirgends einen festen Grund findet …“. Mit anderen Worten: Shit happens, mitunter.

Seit 1879 übrigens schon ist der folgende, meist fälschlicherweise Bismarck zugeschriebene Spruch belegt: Es wird nie mehr gelogen als vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd. Von ›Nach der Jagd‹ weiß Bolle wenig zu berichten. Von ›Während des Krieges‹ so einiges – und zwar seit 2008. Von ›Vor der Wahl‹?  Sagen wir so: Die professionellen Seelenmasseure (siehe die Übersicht ›Streit-Entscheid‹) sind rührig unter uns. Auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen: Wählt weise – zumindest aber wohlbedacht. Die Fakten liegen sämtlich auf dem Tisch – wenn auch gelegentlich durch eine Serviette mehr oder minder geschickt verdeckt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-02-25 Akkulturationsformen

Akkulturationsformen.

Alle reden von Integration. Alle? Natürlich nicht. Bolle etwa hat da so seine Zweifel.

Der erste Punkt – wie so oft: Definiere ›Integration‹. John W. Berry, ein kanadischer Sozialpsychologe, hatte dazu 1970 schon sein Konzept des ›Acculturative Stress‹ vorgestellt. Dabei hat er mögliche Ausprägungen in einer 4-Felder-Tafel mit den Dimensionen ›Ist es wünschenswert, daß die Zugereisten ihre kulturelle Identität bewahren?‹ und ›Ist es wünschenswert, daß die Einheimischen Kontakt zu den Zugereisten herstellen bzw. halten?‹ dichotomisiert.

Dabei hat er den Fall Ja/Ja – also ›Die Zugezogenen sollen ihre kulturelle Identität bewahren‹ und ›Die Einheimischen sollen Kontakt zu ihnen herstellen bzw. halten‹ als ›Integration‹ bezeichnet. Und nur das.

Kontakt zu halten, während die Zugereisten ihre kulturelle Identität aufgeben, hat er ›Assimilation‹ genannt. Wir kennen das von den Borg aus StarTrek: „Sie werden assimiliert. Widerstand ist zwecklos.“ Auch das ist eine Form der Akkulturation, of course.

Daneben gibt es noch die ›Separation‹ mit der Botschaft: „Du darfst so bleiben wie Du bist – allerdings wollen wir nichts mit Dir zu tun haben“ und, last but not least, die ›Marginalisation‹: „Paß Dich gefälligst an. Zu tun haben mit Dir wollen wir trotzdem nichts.“

Und? Wie sieht’s in der real existierenden Wirklichkeit aus?

Nachdem Deutschland – gemeint ist natürlich die vom Volk inaugurierte Polit-Prominenz – jahrzehntelang mit sich gehadert hatte, ob D denn nun ein „Einwanderungsland“ sei oder nicht, hat sich, so zumindest will es Bolle scheinen, die Jellinek’sche normative Kraft des Faktischen (vgl. dazu Mo 09-12-24 Das 9. Türchen: Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze) Bahn gebrochen – wie immer, wenn man handelt (oder gewähren läßt), ohne einen Plan im engeren Sinne zu haben.

In den 1960er Jahren wurden die damals für das Wirtschaftswunder in der Tat dringend benötigten Hilfskräfte – von Facharbeitern zu sprechen, wäre wohl durchaus übertrieben – noch verschämt oder vielleicht auch naiv als „Gastarbeiter“ bezeichnet. Gäste zum Arbeiten einzuladen fand Bolle damals schon zumindest sprachlich schief. Wie sich sehr schnell zeigen sollte, war es durchaus auch inhaltlich schief.

So richtig gerappelt im Karton hat es dann aber erst in jüngerer Zeit, nämlich 2015, als es hieß, was und wie auch immer, wir würden das schon schaffen. Deutschland sei schließlich … bla, bla, bla. Besonnenere – und wohl auch durchaus klügere – Ganz-Fast-Zeitgenossen wie etwa Peter Scholl-Latour (1924–2014), die meinten, wer halb Kalkutta aufnehme, werde nicht etwa Kalkutta retten, sondern selber zu Kalkutta werden, wurden dabei verlacht, verspottet und verhöhnt – zumindest aber blieben sie ungehört.

Während sich die gewählten Vertreter des Deutschen Volkes – sonst immer bei jeder popeligen Kleinigkeit auf das Ansehen des „Hohen Hauses“ bedacht – dieser Tage in aller Welt-Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgeben, brillieren Teile der Polit-Prominenz mit vielsagenden Buchtiteln wie etwa ›Mein Bach‹ oder ›Freizeit‹ – oder so ähnlich. Ist Deutschland also am sprichwörtlichen Arsch? Fast könnte es einem so scheinen. Allein: Bolle mit seinem agnostischen Optimismus will nicht mal an das Verderben glauben. Schließlich habe sich Deutschland schon öfters mal aus der sprichwörtlichen Scheiße rausgeritten. Daß sich die Deutschen jedesmal vorher überhaupt erst reingeritten hatten, ist natürlich Teil der Wahrheit – und soll hier nicht geleugnet werden.

Im übrigen läßt sich Berrys Modell recht gut mit Harris‘ ›Ich bin o.k. – Du bist o.k.‹ (1976) verknubbeln – vergleiche dazu den kleingedruckten Text in den vier Feldern. Dabei zeigt sich, wenn man es zu Ende modelliert, sehr leicht und recht mühelos, was von alledem funktionieren könnte – und was never ever. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.