So 19-07-26 De arte subtrahendi – Weniger ist mehr

Die Kunst des Weglassens.

Ein heikles Thema heute – das ist Bolle klar. Allein: was soll’s? Haben nicht auch heikle Themen ihre Existenzberechtigung? Als Kate Moss 2009 mit ihrem Spruch herauskam, war die allgemeine Empörung größer als sie es wohl hatte ahnen können. ›Sie rede der Magersucht das Wort‹ war wohl noch eine der harmloseren Reaktionen. Allein darum soll es uns hier gar nicht gehen. Soll doch jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) machen, was er will. Bolle hält sich da tunlichst raus.

Gleichwohl scheint es so zu sein, daß der Umgang mit Kargheit evolutionär angelegt ist. Daß es jeden Tag was zu futtern gibt, mehrmals täglich sogar, ist entwicklungsgeschichtlich sozusagen der neueste Schrei. Da muß man sich erst dran gewöhnen. Nur wie?

Bolle ist ja eher minimalistisch inspiriert. Im übrigen hat er einen gewissen Hang zu exzentrischer Ästhetik. Und so kam es, daß er eines Tages feststellen mußte, daß bei seinem Lieblingsgürtel, den er seit rund hundert Jahren täglich anhat, das erste Loch auszufransen drohte. Als er ihn seinerzeit gekauft hatte, war das fünfte und letzte Loch das passende. An solchen Kleinigkeiten merkt Bolle, fernab aller Kalorienzählerei, daß sich da auf die ganz lange Sicht doch etwas in eine ganz falsche Richtung zu bewegen scheint. Um es mit Reinhard Meys ›Das Geheimnis im Hefeteig oder der Schuß im Backofen‹ (1971) lyrisch zu fassen:

🎶 Soweit ich mich noch erinnern kann
Fing alles mit meinem Gürtel an
Meinen Gürtellöchern, genauer gesagt
An einem 12. war’s, an einem Donnerstag 🎶

Jedenfalls hat Bolle seinen Lieblingsschuster aufgesucht, sich bitter beklagt und um Abhilfe gebeten. Der Schuster, ein durchaus frecher, aber grundehrlicher Sachse, strich sich über sein wohlentwickeltes Bäuchlein – wohl um damit anzudeuten, daß da die Wurzel allen Übels liegen und jede Schusterkunst an ihre Grenzen stoßen könnte. Bolle hatte verstanden.

Was tun? Nun, angesichts seiner rudimentären anthropogenetischen Grundkenntnisse fühlte er sich glatt veranlaßt, seinen Senf zu Kate Moss’ Spruch dazuzutun (siehe unser Schildchen) – und vor allem fürderhin zu beherzigen.

Und? Die Moral von der Geschicht? Sagen wir so: Das Universum reagiert. Oder: Yoga funktioniert. Oder wie auch immer. Zwar soll man auch hier nichts übertreiben. Eine gewisse langmütige Entschlossenheit – Creating a Life Practice, wenn auch mit gelegentlichen Unterbrechungen (vgl. dazu So 01-02-26 Yoga für Agnostiker) – bleibt aber offenbar nicht ohne Wirkung. Das eitle Problem mit dem ersten Gürtelloch jedenfalls hat sich zwischenzeitlich erledigt. Bolle steuert munter auf das fünfte zu. Wäre ja gelacht! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-03-26 Dringlich, oh so dringlich sein

Dringlich, oh so dringlich sein …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens ist angelehnt an das – zumindest nach Bolles Befund – ebenso inoffizielle wie zeitlos knackige Motto der Erstausgabe der ›Titanic‹ vom November 1979: Böse, oh so böse sein! Das allerdings ist mittlerweile auch schon wieder länger her. Aber so ist das nun mal mit der Rezyklierbarkeit von Klassikern: Einer geht noch! Nicht immer, aber öfters mal.

Auch wollen wir uns – nach den doch etwas schwereren Frühstückchen der letzten Wochen – heute wieder mehr der leichten Muse zuwenden und dabei – rein aus Gründen der Äquilibristik – zur Abwechslung mal wieder etwas kürzer fassen.

Vielleicht ist Bolle ja einfach nur zu empfindlich. Allein es gibt Dinge – durchaus auch Kleinigkeiten –, die stoßen ihm doch eher übel auf. So etwa die Meldung, die einem aufs Handy gespült wird, wenn man einen Blick auf sein Postbank-Konto werfen will. Das Procedere geht wie folgt: Man meldet sich mit seinen Benutzernamen („ID“) an und muß dann – so viel Sicherheit muß sein – via Handy ein Paßwort eingeben, um damit ins System zu kommen.

So weit, so gut. Allein – was soll das ›Dringlich‹ in unserem Schildchen? Handelt es sich doch um ein und denselben Arbeitsschritt. Man  w e i ß  doch, daß man sich anmelden will. Jetzt! Umgekehrt: Was würde passieren, wenn man die Paßwort-Eingabe, von wegen abgelenkt sein oder so, schlichtweg versemmelt – die Dringlichkeit also schlechterdings ignoriert? Eben. Nichts. Man erhält die Meldung ›BestSign Freigabe abgebrochen‹ und muß sich dann halt erneut anmelden – und zwar dieses mal richtig. Gemessen an dem Aufwand, den man mit dem Procedere ohnehin hat, ist das durchaus eine Petitesse.

Und so hat Bolle den Eindruck, daß es sich hierbei eher um so eine Art von habitualisiertem Unter-Strom-Stehen handeln könnte. Die halbe Welt krankt daran – zumindest die westliche Hemisphäre.

Mit ›vita contemplativa‹ – einem besinnlichen beziehungsweise gar besonnenen durchs Leben schweben – hat das so rein gar nichts mehr zu tun. Auch nicht mit seinem Gegenstück ›vita activa‹, dem tätigen Leben – ein Begriff, den Hannah Arendt mit dem deutschen Titel ihres Hauptwerkes (1958/1960) repopularisiert hat. Man  t u t  ja im Grunde nichts – außer wie ein Blatt im Winde von Dringlichkeit zu Dringlichkeit zu wirbeln. Bolle meint, das alles lappe doch schon sehr in so eine Art ›vita furiosa‹ – ein durchhuschtes oder gar durchhecheltes Leben. Nun denn – jeder, wie er kann und mag.

Diese drei – wie soll man sagen? – Lebensformen trefflich auf den Punkt gebracht hat übrigens die auch schon wieder über hundert Jahre alte typisch Berliner Proposition ›Raste nie und haste nie, sonst haste die Neurasthenie‹ (vgl. dazu etwa So 15-09-24 Volk unter Strom). Und laß Dich vor allem nicht von Dringlichkeiten durchdringen – wie Bolle hier ergänzen möchte.

Die Chinesen – wie die meisten fernöstlichen Philosophien überhaupt – haben hierfür ein sehr schönes Bild: ›Seine Mitte verlieren‹ beziehungsweise ›Seine Mitte verloren haben‹. Bolle meint, dann muß man sie halt wiederfinden. Etwa, indem man sich getreulich der 12chen annimmt – Stichwort ›Living Yoga‹ (vgl. dazu unsere vier Beiträge aus Dezember 2023 – aufzufinden unter dem nämlichen Suchbegriff). Man möchte fast sagen: Nicht nur Lidl lohnt sich. Doch verklickert das mal einem Hülsenfrüchtchen oder, nicht minder dramatisch, einem Glühwürmchen: Wie bitte? Welche Mitte? Da kannste nu ma nüscht machen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 01-02-26 Yoga für Agnostiker

Komplizierter isset nich …

Bolle ist aufgefallen, daß wir seit vor Weihnachten schon kein einziges Schildchen mehr als Entrée verwendet haben. Immer nur Bildchen statt Schildchen. Nicht daß die Bildchen keine gefällige Aufnahme gefunden hätten – ganz im Gegenteil. Allein Bolle liebt es nun mal, die Dinge epigrammatisch oder doch zumindest aphoristisch auf den Punkt zu bringen – und ist davon nur ganz schlecht abzubringen. Lassen wir den Schildchen also ihre „Existenzberechtigung“ – wie man das dusseldenkisch gelegentlich zu nennen beliebt: als ob es ein Recht auf Existenz gäbe! Fragt mal den Wurm, der dem frühen Vogel zum Frühstück ward. Was es aber wohl gibt, ist der (letztlich natürlich kindische) Glaube an den sinnlosen Sinn des Überlebens – wie nicht zuletzt Juli Zeh das in ihrem ›Spieltrieb‹ (2004) einmal gefaßt hat.

Und damit wären wir mitten im Thema. ›Kraft reagiert auf Kraft‹ – wie die dritte Regel unseres Yoga-Tripletts apodiktisch konstatiert. Wenn die Kraft nicht länger reicht, dann war’s das eben mit der Existenz – und mit einer womöglichen „Berechtigung“ natürlich gleich mit, of course.

Bolle fragt sich hin und wieder, was, bei allen Patriarchen, daran denn so schwierig sein mag, elementare Regeln, die, soweit Bolle sehen kann, seit Menschengedenken (und vermutlich sehr viel länger schon) nachgerade unumstößlich sind, einfach mal zur Kenntnis zu nehmen – oder gar danach zu handeln? Guckt Euch um auf dieser Welt – bis hin in höchste Regierungskreise. Da agiert man mitunter – wenig weise, witzlos gar – gerne gemäß der Attitude: Wir wollen alles – und zwar sofort! Ohnmächtig sind wir außerdem! Also ein klarer Fall von Ignoranz aller drei Regeln zusammen. Natürlich sagt das keiner ausdrücklich so. Doch wer Ohren hat zu hören – und die Kraft, sich ein Urteil zu bilden –, dem kann das kaum verborgen bleiben. Bolle meint nur: Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie!

Zugegeben – die Regeln sind etwas abstrakt. Das mag einen unmittelbaren Zugang erschweren. Auch ist ihr Bezug zu ›Yoga‹ nicht minder abstrakter Natur. Immerhin: Man muß sich keiner wie auch immer gearteten esoterischen Übungen befleißigen, um einer möglichen Einsicht näherzukommen – das sowieso nicht. Dranbleiben allerdings sollte man schon – wie Regel #2 ja schließlich nahelegt.

Zumindest schon mal vom Titel her ist übrigens Christy Turlington dem, was Bolle hier meint, erfrischend nahegekommen. Ihr Buch heißt ›Living Yoga‹ (2002) und trägt den Untertitel ›Creating a Life Practice‹. Dabei kann ›Living Yoga‹ feinsinnigerweise einerseits ›Yoga leben‹ bedeuten, andererseits aber auch ›Lebendiges Yoga‹ – was durchaus nicht das gleiche ist. Der Untertitel ›Creating a Life Practice‹ – wörtlich vielleicht ›Das Leben ganz grundsätzlich gestalten‹ paßt aufs Feinste zu unseren ersten beiden Regeln: ›Ziele brauchen Raum‹ und ›Wirkung braucht Zeit‹.

In der deutschen Übersetzung heißt das Werk übrigens ›Living Yoga – Mein Weg zu Ausgeglichenheit und Schönheit‹. Nun – ›Living Yoga‹ einzudeutschen hat man sich offenbar nicht getraut. Im Untertitel ist dafür so ziemlich alles danebengegangen, was nur danebengehen kann. Um Ausgeglichenheit – und vor allem gar um Schönheit (Christy Turlington war eines der sogenannten Top-Five-Models der 1990er Jahre) – geht es nämlich nicht einmal am Rande. Bolle vermutet hier eine der vielen Spielarten zielgruppengerechter Ansprache: hohl zwar, aber populär. Nun denn – Marketing eben.

Unser heutiger Beitrag ist übrigens einem großen Yogi gewidmet, der heute seinen Geburtstag hätte feiern können – wenn er ihn denn erlebt hätte. Natürlich nur ein klitzekleiner großer Yogi, of course – aber sind wir das nicht alle? Bolle meint nur: definiere ›groß‹. Nichtsdestotrotz: Allet Jute zum Jeburtstach! Hoch soller leben! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.