So 31-05-26 Mappae mundi variae – Was es doch alles gibt auf der Welt

Mappae mundi variae – Die verschiedenen Weltbild-Typen, mit denen man so leben kann oder muß …

Wir hatten gelegentlich und schon öfters mal darauf hingewiesen. Ohne hier auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest eingehen zu müssen – deren Antwort ja bekanntlich 42 ist –, liegen wir wohl nicht allzu falsch, wenn wir uns selber als super-winzige, nachgeradezu mikroskopisch-miniskule Wesen auffassen – in einem unerhört gigantischen Universum. Dabei kann es nur darauf ankommen, irgendwie damit klarzukommen. Aber was heißt schon klarkommen?

›Klarkommen‹ soll bedeuten, dergestalt handelnd auf die Welt (Welt I) einzuwirken, daß das Ergebnis des eigenen Handelns wenigstens halbwegs dem entspricht, was zu bezwecken beabsichtigt war. Das klingt kompliziert – und das ist es auch.

Mach Er (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich nur ein Bild …

Die wesentliche Voraussetzung hierfür ist, daß die Welt (Welt I) in etwa so funktioniert, wie einer sich  v o r s t e l l t , daß sie funktioniert. Diese Vorstellung aber ist nicht mehr als ein Bild von der Welt – mehr als ein Bild ist nun mal nicht drin –, das wir hier als Welt III (Weltbild oder mappa mundi) skizziert haben.

Dabei kann so einiges schiefgehen. Versuchen wir also eine kleine Systematisierung. Die mappa mundi, die einer pflegt, kann einigermaßen intakt sein (mappa mundi intacta / grün unterlegt). Das ist ein höchst erfreulicher Zustand – aber leider eher die Ausnahme. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß die mappa mundi mehr oder weniger fehlerhaft ist (mappa mundi vitiosa) oder, in der Steigerung, grob fehlerhaft (mappa mundi friata). Nie passiert das, was passieren soll! Die Welt ist schlecht – gar ungerecht, wie es dann munter und mitunter heißt. Das kann man dann auf eine schwere Kindheit schieben, auf die Gesellschaft, auf den Kapitalismus, oder auf sonstwas. Allein, es wird nichts nützen: Welt I ist außerordentlich vorwurfsresistent und nur ganz schwer zu beeindrucken. Einfacher wäre es – sofern man hier überhaupt von „einfach“ sprechen kann – sich um die Errichtung eines Weltbildes zu kümmern, das zumindest halbwegs funktioniert.

Wie das? Im Grunde geht das nur mit Versuch und Irrtum (trial and error). Um aber nicht ganz bei Null (ab ovo) anfangen zu müssen: Es sollten sich durchaus ein paar bewährte Faustregeln finden lassen – Dinge also, die herkömmlicherweise Sitten oder Gebräuche oder wie auch immer genannt werden. Was sich bewährt hat, eben, und was nicht. Manche nennen das „Dos and Don’ts“ – doch das führt hier auch nicht weiter. Natürlicherweise lernt man sowas im Rahmen der eigenen Sozialisation – so denn eine solche stattfindet. Ein Vorgang also, den man früher ganz altmodisch „Erziehung“ genannt hat. So gibt es etwa – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – bewährterweise zwei Geschlechter. Wem das zu wenig ist – wer sich also nachgeradezu eingeengt fühlt, der mag sich gern beschweren. Die nächste Beschwerdestelle, soweit Bolle weiß, ist gleich hinter Proxima centauri – also nur wenige Lichtjahre von hier. Auch ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht auszuschließen, daß mitunter weite Kreise von derlei infiziert werden. Aber was sind schon weite Kreise in den Weiten des Universums? Von all dem nämlich zeigt sich Welt I regelmäßig recht unbeeindruckt. Zumindest in Bolles mappa mundi ist das so. — Doch nun zur Systematik:

Mit mappa mundi antiqua ist ein Weltbild gemeint, das den Umgang mit Welt I konsequent-irrigerweise allein auf  V o r i g e s  stützt. Bei solchen Leuten ist es – um nur ein einziges Beispiel herauszugreifen – immer „kurz vor 1933“. Folglich muß alles, was tatsächlich oder auch nur vermeintlich in diese Richtung weist, konsequent und „mit allen Mitteln“ bekämpft werden. So soll etwa ein Geschichtslehrer auf die Frage eines genervten Schülers, warum man denn zum hundertsten male das Dritte Reich durchnehme und von sonstiger Geschichte rein gar nichts mitkriege, geantwortet haben: „Damit das, was damals passiert ist, nicht noch einmal passiert.“ Na toll! So geht Konzentration auf das Wesentliche – wenn es denn das Wesentliche wäre. Was ansonsten alles passieren kann, wenn man weitgehend geschichtsblinde Schüler heranzieht, das klären wir dann später. In dieses Weltbild jedenfalls paßt das nun mal nicht rein. Na toll, zum Zweiten!

Daneben gibt es die mappa mundi hysterica. Das ist was für Leute, für die es – egal wie spät es jeweils sein mag – immer „kurz vor zwölf“ ist. Bei jedem Pups ist immer gleich die „Demokratie in Gefahr“ oder die letzte Patrone im Lauf oder was auch immer. Egal ob bei Corönchen, beim Klima oder im „Umgang“ mit der Opposition: der Tenor ist immer der gleiche: „Wir werden alle sterben.“ Stimmt. Das werden wir. Allerdings auch ohne mappa mundi hysterica.

Schließlich haben wir noch – auch sehr beliebt – die mappa mundi manichaea. Hier geht es darum, alles stramm nach Gut und Böse einzuteilen. Das Credo: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Egal, um was es gehen mag: Es ist doch immer gut zu wissen, wer die Guten sind und wer die Bösen. Kompliziert wird es hier, wenn die Guten böse Sachen machen, oder umgekehrt. Allein, sowas sprengt den Rahmen dieses Weltbildes bei weitem.

Sagen wir so: wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein kaputtes Weltbild hat – sei es ziemlich kaputt (mappa mundi vitiosa) oder sei es völlig kaputt (mappa mundi friata), etwa in einer der Spielarten antiqua, hysterica oder manichaea oder weiteren, noch zu isolierenden –, dann ist das schlimm genug. Er wird mit allem, was er tut, sich und den Seinen Probleme bereiten – und nichts als Probleme. Warum? Weil die Welt nicht so funktioniert, wie er sich das vorstellt. Und wenn dieser jenige nicht nur sein eigenes Leben miß-managed, sondern ein Unternehmen oder gar ein ganzes Land, dann wird er absehbar in großem Maßstabe Probleme erzeugen und niemals, wirklich niemals, zu einem erwünschten oder auch nur erwarteten Ergebnis kommen. Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 24-05-26 Der Wurm im Ventilator

When the shit hits the fan …

Ja, was ist  d a s  denn schon wieder für ein Titel? Nun, daß hier und heute gehörig der Wurm drin ist, hatten wir ja verschiedentlich schon erwähnt – zuletzt wohl erst im Februar (vgl. So 08-02-26 Könner versus Kasper (KvK)). Dieser Tage mußte Bolle einmal mehr an das herrlich drastisch-plastische Bild bei ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro) denken – so wie es sich in unserem heutigen Schildchen in Bolles Auf-den-Punkt-gebracht-Übersetzung findet. Außerdem gibt es, namentlich bei den Yanks, die anschauliche Wendung ›When the shit hits the fan‹ – also in etwa ›Wenn die Scheiße durch den Lüfter fliegt‹. Man kann sich das gar nicht drastisch/plastisch genug vorstellen. Es ist fast so krass wie manche der Zustände selbst. Und so kam Bolle nach dem dritten Bier auf die Idee, beides in so einer Art alliterativen Metaphern-Melange zu verquirlen und den ›Wurm im Ventilator‹ draus zu machen. Damit wäre das also auch geklärt.

Man stelle sich vor, man wäre ein Klempner – oder man sähe einem Klempner auch nur bei der Arbeit zu. Man muß nämlich selber nicht unbedingt Handwerker sein, um erkennen zu können, ob einer seinen Job ordentlich macht – oder ob er die nötigen Bedingungen dafür setzt, daß einem bald die Scheiße um die sprichwörtlichen Ohren fliegen wird.

Bolle hatte mal ein einschlägiges Erlebnis. Das ist zwar schon in etwa hundert Jahre her – aber jene Begebenheiten damals – rein zufällig just im Wonnemonat Mai – sollten ihm unvergeßlich im Gedächtnis bleiben. Die Therme war im Eimer. Heißes Wasser? Dusche? Wannenbad? Alles Fehlanzeige. Heizung? Braucht zum Glück kein Mensch im Mai. Allein, der Hausmeister wußte Rat. Er kam mit einem seiner Kumpels vorbeigeschneit. Der Kumpel meinte genau zu wissen, was in etwa zu tun sei. Und so werkelte er an der Therme hin, und so werkelte er her. Hin und her. Trial and error. Bolle fand sich derweil assistierenderweise mit einer Baby-Badewanne in luftiger Höhe auf einer Leiter wieder, um weisungsgemäß die Wasserrohre gefühlt hektoliterweise zu entlüften – derweil der Kumpel an der Therme fröhlich weiter am Werkeln war. So ging das mindestens zwei Stunden. Nur gut, daß Bolle seinerzeit nicht von der Leiter geflogen ist mitsamt seiner dreiviertels gefüllten Baby-Badewanne. Irgendwann jedenfalls wurde dem Hausmeister – und selbst dem Kumpel – dann doch irgendwie helle, daß das alles so nicht funktionieren kann und wird. Und so wurde – damals ging das noch binnen weniger Tage – ein echter Könner einbestellt. Könner statt Kumpel. Verkleidung von der Therme ab, ein paar Läppchen ausgebreitet, um die Anrichte nicht zu beschmutzen, Meßgeräte raus, Check hier, Check dort. Es war eine Freude zuzusehen. Nach etwa einem Viertelstündchen verkündete der Meister sein Verdikt: „Systemelement XY is ausjefallen und muß ausjetauscht werden. Ick hab noch eens im Wagen.“ Sprach’s, ging runter auf die Straße, kam mit dem Teil zurück, tauschte es mit wenigen gekonnten Handgriffen aus – und die Therme war wieder wie neu. Ohne Akrobatik auf der Leiter, ohne Baby-Badewanne, ohne jeden Blödsinn. — Bolle war entzückt. Einem Meister bei der Arbeit zuzusehen hat etwas geradezu Erhebendes. Allerdings sollte man dabei tunlichst andächtig schweigen. Gequatsche nämlich mögen Meister bei der Arbeit gar nicht. Zum Glück war Bolle das damals schon klar.

Von hier aus aber ist es nur ein Katzensprung zum Straßenkehrer-Theorem (vgl. dazu etwa So 16-11-25 Disruptive dolle Dinger). Im Kern geht es dabei um die Sichtbarkeit der Unfähigkeit: Je einfacher eine Verrichtung, desto leichter läßt sich erschließen, ob einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) seinen Job kann oder ob er nicht möglicherweise drauf und dran ist, die sprichwörtliche Kacke demnächst zum Dampfen zu bringen. Bei komplizierteren Verrichtungen merkt man das naturgemäß erst sehr viel später – falls überhaupt. Und dann ist es womöglich zu spät.

Und weil das so ist, braucht man – zumindest hierzulande ist das so – für alles und jedes eine einschlägige Ausbildung. Nichts soll man tun dürfen, wenn man‘s nicht gelernt hat – und zwar rein gar nichts. Auf diese Weise will man Sorge tragen, daß kein Hülsenfrüchtchen furioserweise überschnappen möge. Besser isset wohl – zumindest im Ansatz.

Allein – es gibt ein paar gewichtige Ausnahmen: Kinder großziehen zum Beispiel darf jeder Depp – ohne auch nur einen Hauch von Ahnung, Einsicht, Lebenserfahrung oder sonstwas zu haben. Geschäfte führen darf ebenfalls jeder – der Markt wird’s hoffentlich schon richten. Und – nicht ganz unwichtig und nicht ganz zuletzt– ein Land regieren darf natürlich auch jeder. Ob der das kann, sehen wir dann. Die Geschichte wird’s ganz sicher richten. Post festum nämlich, nach der Party, ist es naturgemäß zu spät. Dann hat das Volk halt Pech gehabt! Sagen wir so: es ist zum Mäusemelken.

Kurzum: Bolle hat das sehr, sehr ungute Gefühl, daß es sich bei einem großen Teil des gegenwärtigen hochgespülten ›Wir-schaffen-das‹-Polit-Personals um Leute handeln könnte, die man unter normalen Umständen – und um im Bilde zu bleiben – nicht einmal damit betrauen wollte, auch nur den Hof zu fegen. Aber regieren? Kann ja wohl jeder, wenn er sich nur erfolgreich durch den Parteien-Proporz durchgewuselt hat. Könnte man meinen. Könnte man aber auch betrüblich finden. Aber vielleicht sieht Bolle das alles ja auch einfach nur viel zu streng. Indes: Lasziv-leistungslose Arroganz war noch nie so recht nach seinem Geschmack. Da nützt es auch nichts, das eigene Unvermögen mit imposanter Geste verbal gehörig aufzuhübschen beziehungsweise gar aufzubauschen – ganz nach dem Motto: Labern makes the world go round (Bolle featuring Liza Minnelli 1972). Tut es nicht! Und falls doch, dann nur höchst vorübergehend. Oder, featuring Buddha: Leben heißt labern. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-05-26 Und sie bewegt sich doch – die Volkswirtschaft?

Traum-Jobs.

Bolle hatte einen Traum. An sich ist das nicht weiter ungewöhnlich. Viele Leute träumen öfters mal – nicht nur nächtens. In Bolles Traum aber ging es um eine staatliche Stellenausschreibung. Skurril genug. Wir haben, so gut es uns eben möglich war versucht, diese nächtliche Begebenheit in unserem heutigen Schildchen zu verdichten. In Bolles Traum ging es, soweit er sich erinnern kann, um alle möglichen Job-Angebote – in alphabetischer Reihenfolge also von Brandmaurern bis hin zu Wahrheitspächtern. Vollständig ist die Liste sicher nicht – aber darauf soll es uns hier nicht ankommen.

Kann das alles – auf einer tieferen Ebene womöglich gar – irgendwie Hand und Fuß haben? Ohne in eine wie immer geartete Traumdeutung einsteigen zu wollen: Bolle meint ja, daß er im großen und ganzen schon dazu neigt, vergleichsweise strukturiert zu denken. Warum sollte er also nicht auch halbwegs strukturiert zu träumen wissen?

Nun – selbst bei flüchtiger Sichtung der Liste fällt auf, daß es sich hierbei durch die Bank weg um Tätigkeitsprofile handeln dürfte, die kein Mensch jemals brauchen kann – zumindest nicht bei nüchterner Betrachtung. Und so plagen Bolle, wenn er seinen eigenen Traum reflektiert, durchaus Zweifel, ob sich mit derlei Jobs die wirtschaftliche Depression, die seit vielen Jahren hartnäckig wie Mehltau über der Volkswirtschaft liegt, in irgendeiner Weise zum Besseren wird wenden lassen. Vermutlich nicht.

Zumindest handelt es sich bei dem Traumbild samt und sonders um konsumtive Jobs: Bolle würde niemandem empfehlen, sich mit derlei auf dem sogenannten Freien Markt betätigen zu wollen. Eine entsprechende Geschäftsidee würde wohl spätestens beim Gründungsberater oder allerspätestens bei der potentiell kreditgebenden Bank scheitern. Und dennoch scheint es – zumindest in Bolles Traum war das so – eine potentielle Nachfrage nach derlei zu geben.

Adam Smith etwa war sich in seinem ›Wohlstand der Nationen‹ (1789) schon sicher: Wohlhabend wird, wer viele Arbeiter beschäftigt, arm hingegen, wer sich viele Dienstboten hält. Das ist natürlich arg streng gesehen – obschon es im Kern durchaus richtig sein mag. Und so hat sich nicht zuletzt Ernst Engel, ein königlich-preußischer Statistiker (und damals schon alter Schule und heute noch von einiger Bedeutung, zumindest für die Aufgeschlosseneren in der Zunft) 1887 – also nur rund 100 Jahre nach Adam Smith – für die Anerkennung nicht-materieller Güter starkgemacht:

Denn der Lehrer, der Sittenprediger, der Richter, der Soldat, der Gelehrte, der Künstler, der Arzt, sie sind alle Producenten. Während man sagt, daß der Landwirth, der Müller, der Bäcker Brod produciren, verhindert nur die Ungewohnheit daß man sage, daß ein Lehrer Bildung, ein Beamter Rechtsschutz, ein Soldat öffentliche Sicherheit u.s.w. producire. Darauf, daß Nahrung, Kleidung, Geräthe u.s.w. tauschbare Gegenstände sind, während jene immateriellen Güter es nicht sind, kann nichts ankommen, sondern das Moment ist entscheidend, daß geistige Bildung, Sittlichkeit, öffentliche Sicherheit u.s.w. eben so nöthig im Leben sind, wie Kleidung und Nahrung.

Bolle meint an dieser Stelle: Lehrer, Beamte, Soldaten – das mag alles seine Berechtigung haben. Aber soll das auch für Brandmaurer, Luftschlosser und Wahrheitspächter gelten?

Verstehen wir unter ›Gütern‹ nicht mehr als ›das, was  d i e   L e u t e  haben wollen‹ – was sich dadurch äußert, daß sie bereit sind, dafür einen Preis zu bezahlen –, dann gibt es daneben eben auch Güter, die die Leute zwar nicht unmittelbar haben wollen, deren Nachfrage  d u r c h   d e n   S t a a t  aber nolens volens hingenommen und dabei via Steuern finanziert wird. Stillschweigende Voraussetzung ist dabei aber, daß die Leute davon ausgehen – und auch ausgehen dürfen –, daß der Staat schon wissen wird, was er tut – daß die Staatsnachfrage also nicht in heillosem Verplempern der Steuereinnahmen münden wird. Brandmaurer, Luftschlosser und Wahrheitspächter heben das alles aber – im Gegensatz zu Lehrern, Beamten und Soldaten – auf eine Art ›next level‹. Dazu paßt – zumindest in Bolles Traum war das so –, daß solche Traum-Jobs in aller Regel zwar gut bis bestens dotiert sind, dabei aber völlig qualifikationsfrei und voraussetzungslos vergeben werden sollen. Der Staat hat’s ja. Das stimmt zwar nicht: Alles, was der Staat „hat“, muß er seinem Staatsvolk zunächst erstmal in Form von Steuern – populistisch ausgedrückt – abpressen.

Übrigens äußert Adam Smith in seinem fabulösen Werk von 1789 – Bolle hat das damals zwar nicht unter der sprichwörtlichen Bettdecke, aber doch am Badestrand geradezu verschlungen – die hoffnungsfrohe Erwartung, daß sich, so wörtlich (und zum Entsetzen manch ultra-liberaler Ökonomen), in einem  g u t   r e g i e r t e n   S t a a t  alles zum Besten der Bürger entwickeln werde. Allein Bolle befürchtet, daß es hier bereits an der Prämisse scheitern könnte. Gut regiert? Da lachen ja die Hühner! Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 10-05-26 Muttertag

Vita fugit – Wusch und weg.

Hier unser immerhin schon viertes Sonntagsfrühstückchen in Folge zum Muttertage. So schnell kann’s gehen. Praktischerweise fällt der Muttertag ja immer auf einen Sonntag – so daß wir das gewissermaßen en passant berücksichtigen können.

Vita fugit – Das Leben flieht. Oder, in Bolles freier Übersetzung und dabei in Anlehnung an einen klassischen Werbeslogan für Küchentücher – den es übrigens seit 1972 schon gibt: Wusch und weg. Küchentücher und Muttertag: Bolle findet, das hat was – rein thematisch. Ist das mit den Küchentüchern an den restlichen 364 Tagen des Jahres doch ständige Übung für Muttern. Zumindest am Muttertage aber sollte man vielleicht doch eher darauf achten, die Frau Mama von Haushaltspflichten einschließlich aller Küchentücher möglichst fernzuhalten. Das scheint ja wohl der Sinn der Sache.

Unser Bildchen mag als Allegorie auf das Leben an sich verstanden werden. Stellen wir uns vor, wir säßen – völlig out of bounds, also losgelöst von allem und jedem – in einem dahinbrausenden Zug und würden dabei, als reiner Beobachter, einen Blick auf das Geschehen werfen – ein Geschehen, das wir bei weniger dissoziierter Perspektive „unser Leben“ zu nennen geneigt sind. Dabei würde unmittelbar klar, daß jede, wirklich jede Szene, die wir sehen, von einzigartiger Einzigartigkeit ist. Gerade haben wir zwei im Wald versteckte Windräder im Blick. Sekunden später aber schon ergeben sich ganz andere Bilder. Ein stetes Kommen und Gehen.

Natürlich kann kein Mensch im wirklichen Leben so leben. Leben – namentlich das vita activa, das übliche tätige Leben also – ist auf Kontinuität angelegt. Wenn ich zum Beispiel heute eine Verabredung treffe für in, sagen wir, zwei Wochen, dann will und muß ich davon ausgehen können, daß mein meeting mate (also mein Gesprächspartner) bis dahin auch noch unter den Lebenden weilen wird – und nicht etwa, wie die Windräder in unserem Bildchen, längst dem Diesseitigen enthoben ist. Daneben aber gibt es – oder sollte es zumindest geben – das in keinster Weise weniger wichtige vita contemplativa, das besinnlichere Leben. Dort gilt es selbiges in Rechnung zu stellen.  K e i n e  Macht der Welt nämlich kann uns garantieren, daß in vierzehn Tagen alles noch so ist, wie wir das heute erwarten würden. Nicht einmal in fünf Minuten – und auch nicht in einer einzigen. Bei „Bolle featuring Goethe“ klänge das in etwa wie folgt:

Wer nicht von diesen zwei Verfahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleibt im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

Dabei ist mit ›diesen zwei Verfahren‹ natürlich der allfällige switch zwischen vita activa und vita contemplativa gemeint, of course. Einem Agnostiker aber, und erst recht einem Mystiker – also einem, der seine Kontemplation ernst nimmt – sollte das Hin und Her zwischen den beiden Erlebensformen  („Verfahren“) mit zunehmender Übung immer besser gelingen. — Aber ist das alles nicht doch furchtbar anspruchsvoll? Sicherlich. Allein, was will man machen? Zwar ist vita contemplativa weiß Gott nicht alles – da ist vita activa vor – aber ohne vita contemplativa ist nun mal alles nichts. Und zwar rein gar nichts. Darum ja nicht zuletzt die 12chen, by the way … (zum Nachschlagen zu finden über die Suchfunktion).

Damals, bei unserem ersten einschlägigen Frühstückchen, hatten wir uns veranlaßt gesehen, abschließend anzumerken: Sic crustula friatur − wenn der Keks erst mal zerbröckelt ist −, dann ist es definitiv zu spät. Lasset also die Bräsigkeit fahren, und das Ego gleich mit − und bewegt Euren sprichwörtlichen Arsch. Nun ist es egal, ob wir von zerbröckelten Keksen reden oder von ab- oder vorübergefahrenen Zügen: Zu spät ist zu spät – da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Auch nützen da die sich nur allzu oft einstellenden langen Gesichter nichts mehr. Wie meinte doch Bolles lieber guter alter Guru stets?

Wer den Krug trägt, wenn er ihn trägt,
und die Scherben gelassen beiseite fegt
ist dem Weg nahe.

Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-05-26 Die Grenzen des Konstruktivismus

Flußdiagrammatische Verdichtung …

Zugegeben – unser heutiges Mathildchen ist nicht wirklich neu. Wir hatten es vor knapp zwei Jahren schon mal verwendet (vgl. dazu So 25-08-24 Denkmal zur Wahl). Aber ist es deswegen überholt? Oder auch nur weniger wahr? Schwerlich. Neu ist immerhin die Bezeichnung ›Mathildchen‹ – als Dritte im Bunde, neben ›Schildchen‹ und ›Bildchen‹. Dabei sind ›Schildchen‹ die gelben Dinger, ›Bildchen‹ sind Photos, und ›Mathildchen‹ ist alles, was im weitesten Sinne mit Mathe zu tun hat. Übrigens hat es bei Bolle Wochen gedauert, bis ihm das endlich eingefallen war. Doch das soll hier und heute nicht unser Thema sein.

Früher hat sich Bolle ja rein gar nicht um Politik geschert. Die einen wollten’s halt ein bißchen konservativer – und haben CDU gewählt. Andere wollten’s ein bißchen progressiver – und haben SPD gewählt: „Mehr Demokratie wagen“, zum Beispiel. Und dann gab es noch eine Handvoll sogenannte Liberale – oder zumindest solche, denen ihr Hemd näher war als die Jacke. Die haben dann eben die FDP als ihre Klientelpartei gewählt. War Deutschland also „gespalten“? Nach heutigen Kriterien: definitiv! Allerdings war seinerzeit ein gewisser Hang zur Hysterie noch lange nicht so ausgeprägt wie heute.

Mit dem Aufkommen – oder sollte man sagen: Aufkeimen? –  der strickpullover- und turnschuhbestückten Grünen 1983 im Bundestag hatte sich das eingespielte Gefüge dann erstmal gründlich durchgeschüttelt. Immerhin war das die erste Neuerung dieser Art seit Bestehen des Hohen Hauses 1949. Sowas war man wirklich nicht gewöhnt in „unserer Demokratie“ – die damals allerdings noch nicht so hieß.

Aber nicht nur das. Der durchaus höchst erfolgreiche „Marsch durch die Institutionen“ hat im Laufe der Jahrzehnte dazu geführt, daß es Leute in politische Verantwortung gespült hat, die mit Volk und Vaterland (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im herkömmlichen Sinne rein gar nichts am Hut hatten und bis heute nicht haben. Sprüche wie etwa „Deutschland verrecke – damit wir leben können“ sind da wohl nur die rhetorische Spitze des Eisberges. Kann man ja so sehen. Aber was hat man mit einem solch eklatanten Mangel an „commitment“ in der Politik zu suchen?

Jedenfalls hat es dem ganzen Land, wie das bei e-Funktionen nun mal der Fall ist, erst schleichend, dann mehr oder weniger von heute auf morgen, den Teppich unter den Füßen weggezogen (vgl. dazu etwa Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein).

Voll neben dem Teppich.

Allerdings nicht unbedingt nach links – und nach rechts sowieso nicht – sondern irgendwo hin in eine völlig neue Richtung – wenn nicht gar in eine neue Dimension. Klassisch-konservativ war damit ebenso obsolet wie klassisch-progressiv, und in der Mitte klaffte ein gigantisches Loch. Plötzlich waren  a l l e  links oder sollten es zumindest sein – aber nicht etwa in einem herkömmlich-sozialdemokratischen Sinne, sondern auf ganz neue Art und Weise: nennt es ›queer‹, nennt es ›woke‹, nennt es wie ihr wollt.

Da das so nicht angehen kann, hat sich die clique politique in bester Konstruktivistenmanier selber zur Mitte  e r k l ä r t . Eine Mitte, die alles, wirklich alles umfaßt – von ehemals konservativen Parteien wie der CDU bis hin zu ehemals Progressiven wie der SPD. Da das immer noch nicht hat reichen wollen – die selbsternannte „Mitte“ war immer noch zu schwach, hat man auch alles andere, was sich so finden ließ in der politischen Landschaft, ebenfalls als ›Mitte‹ deklariert. Es kann nur eine geben! Die randständigste Mitte also, die man sich nur denken kann.

Bolle hält derlei Bestrebungen für geradezu  r e l i g i ö s e  Inbrunst. Wie heißt es doch bei Matt. 17, 20?

Denn wahrlich ich sage euch:
So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn,
so mögt ihr sagen zu diesem Berge:
Hebe dich von hinnen dorthin!
so wird er sich heben;
und euch wird nichts unmöglich sein.

Am Glauben scheint es also nicht zu mangeln. Man meint, wie’s scheint, alles werde wahr, wenn man nur ganz dolle daran glaubt. Allein hier kommt Winston Churchill ins Spiel, der gesagt haben soll:

However beautiful the strategy,
you should occasionally look at the results.

Also: ›Wie herrlich Deine Strategie auch sein mag: Gelegentlich solltest Du gucken, was dabei rauskommt.‹ Und? Wer hat Recht? Sagen wir so: Solange zumindest die hochgespülten Paragonisten der clique politique noch nicht überzeugend übers Wasser wandeln können, würde Bolle dazu neigen, sich vorerst an Churchill zu halten.

Und so liegt hier manches im Argen – und es wird, wie’s scheint, von Woche zu Woche weniger erquicklich. Genau das ist es, was Bolle ›Die Grenzen des Konstruktivismus‹ zu nennen geneigt ist.

Der Wirtschaft jedenfalls – sowohl der Industrie als auch dem Mittelstand –, dämmert es anscheinend allmählich – spät zwar, aber immerhin –, daß auch die wohlmeinendste Wolkenkuckucksheimeligkeit unmöglich kaufmännische Vernunft ersetzen kann – jedenfalls nicht auf längere Sicht. Jeder Gemüsehändler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) merkt sofort, wenn seine Kalkulation nicht aufgeht. Und falls er’s  n i c h t  merkt, wird‘s ihm die Bank schon sagen. Bei Staaten dauert das regelmäßig sehr viel länger. Da kann man sich schon mal ein ganzes Weilchen munter in die Tasche lügen.

Im übrigen: eine Regierung, deren Hauptanliegen darin zu bestehen scheint, die Opposition zu bekämpfen, statt sich auf vernünftige Politik zu kaprizieren, mag ja ganz apart sein. Aber doch nicht in einer Demokratie!

Wie meinte doch gleich Harald Martenstein in seiner Apologie im Thália-Theater? (vgl. dazu So 15-03-26 Lupenreine Demokraten).

Die AfD-Wähler, jedenfalls die meisten, wollen keinen neuen Hitler. Sie wollen so etwas ähnliches wie einen neuen Helmut Schmidt. Es wäre ein Kinderspiel, die AfD klein zu halten. Man müßte dazu lediglich ein paar Probleme angehen, die echte Probleme sind und deren Existenz Sie vermutlich bis zu Ihrem letzten Atemzug leugnen würden. Passen Sie die Migration an die wirtschaftlichen Möglichkeiten dieses Landes an. Sorgen Sie für ein Sicherheitsniveau, wie wir es 2010 hatten. Sorgen Sie dafür, daß unsere Schulen funktionieren und die Wirtschaft konkurrenzfähig ist. Mehr muß es nicht sein. Ist das für Sie Faschismus?

Mehr muß es nicht sein. Weise Worte. Aber wie vernehmen, wenn man sich im Käfig des Konstruktivismus gemütlich eingekuschelt hat? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.