So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland

Et credo et censeo.

Das ›ceterum censeo‹ des älteren Cato (234–149 v. Chr.) gilt bis heute vielen als sprichwörtliches Sinnbild für überzeugungsgetragene Hartnäckigkeit: ›Im übrigen finde ich, daß wir Karthago plattmachen müssen.‹ Senator Cato soll damit drei Jahre lang jede, wirklich jede, Rede abgeschlossen haben – egal, worum es in der Rede jeweils ging. Stilistisch handelt es sich dabei um einen schicken AcI (Akkusativus cum Infinitivo) – dem Schrecken fast aller Lateinschüler.

Heute würde man sowas so nicht mehr sagen. Die Sitten haben sich verfeinert. Nach Jahrhunderten eines ›Prozesses der Zivilisation‹ (Norbert Elias 1939) geht man heute inhaltlich sehr viel feiner vor. Der Kern aber läßt sich sehr wohl rezyklieren. In der clique politique scheint derzeit folgendes konsens- und anschlußfähig: ›Ceterum censemus populum esse regendum – Im übrigen sind wir der Ansicht, daß das Volk regiert werden muß.‹

Das Volk? Das Volk muß regiert werden? Welch groteske Perversion! Aber nicht ganz aus der Luft gegriffen.

 D a s   L a n d  muß regiert werden. Zugegeben. Schließlich kann sich das Volk nicht um alles kümmern. Dazu braucht es halt Vertreter. Aber diese Vertreter haben das Volk zu  v e r t r e t e n  – und nicht etwa zu „regieren“. Noch klarer wird es, wenn wir das ›esse regendum‹ unseres Schildchens modifizieren. Das ›regere‹ nämlich kann nicht nur ›regieren‹ bedeuten, sondern auch ›zurechtweisen‹ oder – werden wir brutal – gar ›gängeln‹. Das Volk muß demnach zumindest auf den rechten Pfad geführt werden – und zwar im Namen „unserer Demokratie“, versteht sich. Also erzogen statt vertreten. Das ist bitter – aber schaut Euch um im Lande. Wie das mit dem Konzept eines Souveräns zusammenpassen soll – oder gar mit Demokratie –, ist Bolle leider auch nicht ganz klar.

Außerdem ist nicht ganz klar, woher solche Leute diesen Impetus nehmen. Am ehesten würde Bolle hier so eine Art ›Hilflose Helfer‹-Syndrom (Schmidbauer 1977) einleuchten. Man könnte fast sagen: Politik als Chance. Wo sonst ließe sich mit einer oft derart mäßigen Ausbildung – etwa in Soziopolitistik oder sonstwo, falls überhaupt – und einer Lebens- und Berufserfahrung „im richtigen Leben“, die oft genug gegen Null zu gehen scheint, so tüchtig Geld verdienen wie in der Politik?

Jedenfalls hat sich mittlerweile, wie’s scheint, eine clique politique etabliert, die definitiv  v o n  der Politik lebt und nicht etwa  f ü r  die Politik – um es mal mit Max Weber (1919) zu sagen. Die meisten würden beim gegebenen Ausbildungsstand und gegebener Qualifikation „im richtigen Leben“ nicht im Entferntesten so gut verdienen beziehungsweise so gut leben, wie sie das als Berufspolitiker tun. Das führt natürlich zu gehörigen Abhängigkeiten. Man könnte auch sagen: Ohne den Job sind die aufgeschmissen. Genau darum sind sie ja auch so handzahm. Allein: was hat das Volk davon?

Ein einziges Beispiel mag an dieser Stelle genügen: Als im Dezember letzten Jahres die sogenannte ›Junge Gruppe‹ in der CDU versucht hatte, gegen die Rentenpläne der Regierung aufzumucken, wurde sie ganz schnell wieder eingefangen und auf Parteilinie gebracht. Das schlagende Argument: So ein lukrativer Listenplatz, wie wir ihn Dir gewähren, kann ganz schnell weg sein – futsch, perdu. Also paß bloß uff! Und dann müßte man schließlich richtig arbeiten für sein Geld. Welch grauenhafte Vorstellung!

Wer das alles nicht wahrhaben will, dem sei Joana Cotars jüngst erschienenes Bändchen ›Inside Bundestag‹ (2026) zur gelegentlichen Lektüre oder zum Vorlesenlassen empfohlen. Es trägt den Untertitel ›Wie ich in acht Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor‹ und sagt so ziemlich alles, was man wissen muß, um die ganze Tragik zu erahnen.

Ein wenig erinnert das alles an Dieter Nuhrs alten Gag: Deswegen haben wir uns dann ja auch für das Lehramt eingeschrieben: Ist doch eh egal und wenn schon keine Zukunft, dann wenigstens nachmittags frei.

Um das alles ansatzweise zu verstehen, hilft hier die Heider-Relation – ein Theorem, das postuliert, daß bei allem, was einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) tut, Sein und Sollen einigermaßen zusammenpassen müssen: Man macht, was man für richtig hält. Könnte man meinen. Man könnte das Ganze aber auch umkehren: Man hält für richtig, was man macht. Das klingt zunächst einmal befremdlich – ergibt sich aber unmittelbar aus dem Theorem. Ein Beispiel mag genügen: Wenn jemand etwa mit seinem Job nicht zufrieden ist (also mit dem, was er macht), ergeben sich genau drei Möglichkeiten zu reagieren: (1) Man ändert nichts – und bleibt unzufrieden. Das ist natürlich keine wirkliche „Lösung“, of course. (2) Man sucht sich einen Job, mit dem man sich besser fühlt – paßt also das Sein an das Sollen an. Oder (3) man findet sich mit seinem Job ab – hält also für richtig, was man macht – paßt also, tout au contraire, das Sollen an das Sein an. Interessanterweise ist die dritte Lösung die kognitiv sparsamste – also mit dem geringsten Aufwand verbunden. Und darum setzt sie sich meist durch: Man säuselt sich die Sache schön.

Da hätten wir also unser Volksvertreterlein (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), das, gegängelt durch Sachzwänge von Fraktionsdisziplin bis zu EU-Vorgaben, nicht mehr ein weiß noch aus. Was liegt da näher, als das Ganze letztlich gut und richtig zu finden? Schon hat die liebe Seele Ruh. Ob das aber noch im Sinne des Erfinders ist, ist eine ganz andere Frage. Hauptsache Ruhe – und Hauptsache gesichertes Einkommen.

Ein wenig erinnert das an die Lemmlinge, zumindest jene in Disneys ›Weiße Wildnis‹ (1958). Bolle sagt übrigens immer ›Lemmlinge‹, mit einem ›l‹ in der Mitte, weil das, wie er findet, den ganzen Unsinn besser auf den Punkt bringt: Hier lang, Leute! Wer kein Schwurbler sein will, folgt mir nach! Avanti, avanti! Alles wird gut!

Das ›Ceterum censemus populum esse regendum‹ unseres Schildchens oben – ›außerdem sind wir der Meinung, daß das Volk regiert werden muß‹ – gründet somit weniger in persönlicher Überzeugung des Einzelnen. Vielmehr ist es, ganz nach Lemmling-Art, durch und durch systemisch.

Von innen heraus wird sich da wohl kaum was ändern können. Im Gegenteil. So haben etwa, pars pro toto, die letzten Wahlrechtsreformen dazu geführt, daß vom Volk  d i r e k t   g e w ä h l t e  Abgeordnete nicht in den Bundestag einziehen durften, weil da der Parteienproporz vor war. Listenplatz sticht Direktmandat. Wie heißt es doch im ›Lied der Partei‹ (Louis Fürnberg 1950)?

Die Partei, die Partei, die hat immer recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.

Sowas  k a n n  man sich nicht ausdenken als nüchterner Demokrat (vgl. dazu So 28-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie zweiter Teil).

Und? Was macht der Souverän? Verhält sich alles andere als souverän (vgl. dazu etwa Mi 21-12-22 Das einundzwanzigste Türchen …). Vielmehr spielt er deutsches Roulette. Und das geht so: Partei A, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd herausgestellt. Also wähle ich diesmal Partei B. – 4 Jahre später: Partei B, die ich das letzte mal gewählt habe, hat sich als nicht allzu prickelnd erwiesen. Also wähle ich diesmal Partei A – und so weiter, und so fort, ad libitum … Und da sage noch einer, der Wähler habe keine Alternative. Hat er wohl: A oder B. Sancta simplicitas! Bolle findet ja, bei klassisch-russischem Roulette sind die Überlebenschancen deutlich höher.

Der Untertitel unseres heutigen Schildchens übrigens, ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe‹ – ist von all dem natürlich meilenweit entfernt, of course. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

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