Mo 22-12-25 Das zweiundzwanzigste Türchen: Hin und weg

Wahrlich, ich sage Euch …

Strenggenommen könnte man jetzt – wie weiland der schwer angeheiterte Brander in Auerbachs Keller (Goethe 1808) – natürlich sagen: Pfui! schon wieder ein politisch Lied! Man könnte aber auch – durchaus milder – einfach auf ein Weihnachtslied erkennen. So gesehen will es Bolle gar nicht mal so unpassend erscheinen. Immerhin konnten wir Bolle davon überzeugen, dieses hier nicht zu unserem vierundzwanzigsten Türchen zu machen – jenem Datum nämlich, da der ›Weihnachtsspruch‹ (so der Titel des Original-Gedichtes) wirklich spruchreif ist. Und das ist – da hat Bolle völlig Recht – nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nun mal erst am Heiligen Abend der Fall. Dann nämlich erst brennen die Lichter am Weihnachtsbaume. Vorher nicht. Durchsetzen konnte sich schließlich das Argument, man müsse der geneigten Leserschaft ja doch ein wenig Zeit einräumen, den Text zu repetieren und zu internalisieren – um ihn unterm Weihnachtsbaume dann gekonnt zu präsentieren.

Im Untertitel heißt es ›Häresie und Heilserwartung‹. Beides stimmt natürlich nur bedingt, of course. Wir finden, eigentlich ist es ja eher prophetisch. Was bitte soll denn daran lästerlich sein, jemandem, der sich mit markigen Sprüchen – Links ist vorbei / Mit mir die Migrationswende / Es wird keine neuen Schulden geben / und so weiter, und so fort – ins Amt gemogelt hat, zu prophezeien, daß er nicht allzu alt werden wird in ebendiesem Amte? Auch ist Bolle mehr als skeptisch, was die Heilserwartung angeht – abgesehen davon, daß es sich hierbei ohnehin um einen recht hochtrabenden Begriff handeln dürfte. Wer es allen Recht machen will, wird es im Ergebnis niemandem Recht machen können. In Bolles Kreisen nennt man so etwas ein No-go-Polylemma: eine Situation, die weder mathematisch noch sonstwie jemals aufgehen kann.

Richtig dagegen ist zumindest die erste Zeile: ›Gar manchem schien es zu Nutz und Frommen‹. Das waren jene, die naiverweise meinten, mit einem Kreuzchen bei der richtigen Partei ließe sich endlich der über Jahre aufgetürmte Mehltau, der über dem Lande liegt, mit einem Wusch mal eben abschütteln – und alles werde sich zum Besseren wenden. Und zwar rucki-zucki: Herbst der Reformen, und so. Kennen wa ja. Andere wollten dem Braten nicht trauen: Sie ahnten einen Trick dahinter. Sie sollten, wie’s aussieht, völlig Recht behalten. Bolle vermutet hier ein Kreuzchen bei einer der – nach der gegenwärtigen Logik – eher randständigen Parteien. Mit den sonstigen Parteien der selbsternannten „Mitte“ – sind wir nicht alle ein bißchen mitte? – ist ja wohl definitiv kein Staat zu machen. Man schaue sich nur um in der politischen Landschaft.

Zugegeben: Die Konstruktivisten – also jene, die sich mit Fleiß darin üben, den Leuten und vor allem auch sich selber in bester Orwell’scher Manier und nach allen Regeln der Kunst ein X für ein U vorzumachen – haben derzeit durchaus Oberwasser. Allein, was währt schon ewig? Bolle ist ja im Kern Optimist. Und so hält er es durchaus für denkbar, daß die disruptiven Kräfte – oder sind es nicht doch eher die konstruktiven? – über kurz oder lang die Oberhand gewinnen und Schluß machen mit dem Spuk. Wohl nicht mehr in dieser Weihnachtszeit. Allerdings ist Rom auch nicht an einem Tage abgebrannt. Kieken wa ma. Immerhin haben wir jetzt eine weitere Strophe ›Am Weihnachtsbaume‹. Bolle summt es öfters vor sich hin, wenn er hier durch die Gänge schleicht. Bolle kann nämlich – wir wollen ihm das gerne glauben – summen und dabei den Text im Ohre haben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

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