Noch kocht er nicht, noch ist nicht Schicht // Ward er noch mal gesehn …? (Bolle featuring Goethe 1778: Der Fischer // Netzfund: Lurch 2025)
Eigentlich wollte Bolle unsere geneigte Leserschaft heute ja mit einem Mathildchen – also der dritten im Bunde neben Schildchen und Bildchen – zum Thema ›Die Entdeckung der Gleichverteilung oder Anything goes‹ beglücken. Zum Glück konnten wir ihn gerade noch stoppen. Mathildchen nämlich haben – wie der Name schon erahnen läßt – immer irgendwas mit Mathe zu tun. Und das muß heute wirklich nicht sein. Nicht, wenn draußen vor der Türe die Klimakatastrophe tobt. Manch stumpfere Gemüter finden ja, das sei einfach nur der Sommer. Aber erklärt das mal ’nem Hülsenfrüchtchen – oder gar ’nem Glühwürmchen.
Immerhin hat Bolle durchsetzen können, in seinen heutigen Titel einen Quadrupel- beziehungsweise, je nach Zählung, gar einen Quintupel-Reim einbauen zu dürfen. Soviel Kompromiß muß sein.
Bei den Briten heißt es ja schon immer: Liberty dies step by step. Übersetzt also in etwa: Die Freiheit, die geht scheibchenweise vor die Hunde. Das funktioniert natürlich nur, wenn und weil es keiner merkt – jedenfalls nicht mehrheitlich.
Aber wie dem auch sei. Bolle fühlt sich an die Frosch-Experimente im 19. Jahrhundert erinnert. Damals hatte man – durch „Studien“, of course; was sonst? – herausgefunden, daß Frösche zwar zu̅ heißes Wasser meiden und der Situation entfliehen, wenn sie können. Daß aber die gleichen Frösche, wenn sie nur ganz allmählich gekocht werden, nichts merken und brav sitzenbleiben.
Das fand Bolle schon immer ein wenig unplausibel: so dumm ist kein Frosch. Und so haben seine Recherchen denn auch ergeben, daß man – aus welchen Gründen auch immer – den Fröschen zuvor das Gehirn amputiert hatte. Bolle findet: das erklärt’s! Auch die Sache mit der Freiheit. Die Sache mit dem fehlenden Gehirn dagegen hat nie so richtig durchdringen können bis zu den Rezipienten der Studie. Genau so, meint Bolle, entstehen studiengestützte Mythen und Märchen der Neuzeit. Daran hat sich bis in die Gegenwart wenig geändert.
Allerdings – und das soll hier nicht unerwähnt bleiben – gab es auch Studien, in denen die Frösche (also Frösche m i t Gehirn) wirklich zu̅ dumm waren zu entfleuchen. Dann nämlich, wenn die Wassertemperatur nur e x t r e m langsam angehoben wurde – also allenfalls 1° C alle 5 Minuten. Bolle findet, auch das erklärt’s: Vor allem auch die Frage mit der Freiheit.
Halten wir für heute fest: Wenn Veränderungen nur langsam genug vonstattengehen, dann ist es Essig mit dem üblichen Reiz/Reaktions-Mechanismus. Egal ob Frösche oder Freunde der Freiheit: Man merkt erst was, wenn’s nichts mehr zu merken gibt.
Ob sich etwas langsam genug verändert, um unter der Reiz/Reaktions-Schwelle zu bleiben, ist natürlich eine Frage der kognitiven Kapazitäten der Leute. Es gibt nun mal schnellere und nicht ganz so schnelle Kerzen auf der Torte. Aus Sicht des Spitzenvolkes – Bolles neuem Synonym für die ›clique politique‹ – reicht es dabei völlig, sich an den Standard-Kerzen zu orientieren: Der Rest vom Volk – die Leute also, auf die es eigentlich ankäme – wird schon noch kleinzukriegen sein: alles Verschwörungsschwurbler! Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Stupide ou perfide? Pas très solide, en tout cas. (französisch klingt das alles immer gleich viel freundlicher …)
Einstein hat einmal gemeint: Raffiniert ist der Herrgott schon, aber boshaft ist er nicht – und hat darin so eine Art Richtschnur gesehen, in welche Richtung es sich lohnt zu suchen in den unendlichen Weiten der Gegebenheiten und Zusammenhänge der Physik. Ganz analog meint Bolle: Raffiniert sind diese Leute schon, aber tüchtig sind sie nicht – und meint damit die namentlich in der clique politique vorzufindende bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der wohl nicht zu leugnenden Unfähigkeit, Probleme zu lösen, die zu lösen einem überantwortet wurde und der nicht minder offenkundigen Gabe, sich die Dinge so zurechtzudrehen, daß man selber immer möglichst fein bei wegkommt. Vielleicht sieht Bolle das zu̅ krass: Gleichwohl will es ihm so scheinen.
Verstehen wir unter ›tüchtig‹, daß einer Willens und in der Lage ist, die an ihn gestellten Aufgaben zur allgemeinen oder doch zumindest zur ganz überwiegenden Zufriedenheit – ein paar Nörgler werden sich wohl immer finden – zu erfüllen.
Und genau hier liegt wohl der Hase im Pfeffer. Daß es mit der Fähigkeit, gegebene Probleme zu lösen, in weiten Kreisen der gegenwärtigen clique politique nicht allzu weit her ist, dürfte unmittelbar jedem helle sein, der nicht gerade an ›Long Tagesschau‹ leidet (wie das bei manchen durchaus frechen Zeitgenossen mittlerweile heißt). Das in etwa ist es, was Bolle mit ›stupide‹ meint.
Wenn es aber darum geht, ihre ureigensten Interessen – also jene, die zu verfolgen eben und gerade n i c h t zu den ›an sie gestellten Aufgaben‹ zählen, entwickeln diese Leute, tout au contraire, eine nachgeradezu perfide Kreativität. Wie aber, so fragt sich Bolle, lassen sich Stupidität und Perfidität so geschmeidig unter einen Hut kriegen?
Bolle war vor Jahren schon auf irgendeiner Litfaßsäule eine Werbung für irgendeine ›Frau im Schmerz‹-Postille untergekommen. Dort hieß es wörtlich: „Hass ist keine Meinung“. Bolle fand das damals schon äußerst bemerkenswert. Auch schwante ihm durchaus nichts Gutes. Die Logik jedenfalls – falls man das so nennen mag – geht wohl in etwa wie folgt:
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten …“. So weit befinden wir uns mit Art. 5 I GG fest auf dem Boden der Verfassung.
(2) Wenn aber – und hier wird es wirklich perfide – die Meinung gar keine M e i n u n g ist – sondern eine wie auch immer geartete und näher zu bestimmende Aussage eigener Art? Dann kann und darf das natürlich n i c h t gelten, of course. Dann muß das wegg! Auf die Spitze getrieben läuft das dann haargenau auf die Wendung oben in unserem Schildchen hinaus.
Natürlich würde so etwas so niemand unterschreiben wollen, nicht einmal laut sagen – von ein paar äußerst hartgesottenen Hülsenfrüchtchen vielleicht mal abgesehen. Genau das aber macht es ja so stupide – also bar jeglichen prognostischen Einfühlungsvermögens. Gleichzeitig aber ist es – das läßt sich wohl kaum leugnen – auch durch und durch perfide. Wenn nämlich im Volke erst mal überwiegend akzeptiert ist, was Meinung ist und was dagegen ›Hass und Hetze‹, dann öffnen sich unversehens und unmittelbar die Tore zu einer endlich wirklich schönen Neuen Welt – zumindest für die auf der jeweils richtigen Seite. Alle Menschen werden Brüder. Oder nicht doch eher Schwestern? Vielleicht auch einfach nur Seinspersonen? Oder wie und was auch immer. Und Muttermilch wird Menschenmilch. Der Beispiele fänden sich weit mehr als wir hier unterbringen können. Zwar löst sich so kein einziges ernstliches Problem. Aber Hauptsache, daß sich um Gottes Willen bloß niemand zurückgesetzt fühlt oder gar diskriminiert.
Hier ein Fun-Fact am Rande: ›Diskriminieren‹ hieß ursprünglich mal ›unterscheiden‹. Unterscheiden aber ist der Kern jeglicher seriösen Auseinandersetzung mit der Welt, egal ob in Wissenschaft, Technik oder Politik – und damit nicht die schlechteste Grundlage dafür, eine an einen gestellte Aufgabe zu erfüllen.
Auch scheinen manche zu meinen, eine Verfassung sei so eine Art Kochbuch: Da steht, wie’s geht. Müsse man nur getreulich anwenden, und zwar im Sinne des Erfinders – dann werde alles gut. An dieser Stelle ist sich Bolle gar nicht mal so sicher, ob das nun in die Kategorie Stupidität oder Perfidität fallen soll? Bolle befürchtet: beides! Und zwar gleichzeitig.
Für Stupidität spricht: Wenn das alles so klar wäre wie ein Kochrezept – wozu bräuchte man dann (seit 1952) mittlerweile über 161 dicke Bände Bundesverfassungsgerichtsentscheidungen? Für Perfidität spricht die in einschlägigen Kreisen ausgesprochene Neigung, sich die Verfassung so zurechtzulegen, daß sie sich aufs Feinste ins jeweils favorisierte Weltbild fügt. So läßt sich etwa – um nur ein einziges aktuelles Beispiel herauszugreifen – unter höchst extensiver Auslegung von Art. 1 I GG (Menschenwürde) im Ergebnis Art. 5 I GG (Meinungsfreiheit) und so manches an Grundrechten mehr im Ergebnis vollständig aushebeln. Man muß es nur ganz dolle wollen. Oder, in Bolles Diktion: Man muß nur perfide genug sein dafür. Auch scheint es – und das macht das ganze besonders perfide – nach oben keinerlei Grenzen mehr zu geben. Just dieser Tage, kurz vor unserem Redaktionsschluß, hat die NZZ getitelt:
„Unmenschlich“ und „menschenverachtend“: Die entgrenzte Sprache der vermeintlichen Mitte — SPD und Grüne brandmarken Reformvorhaben immer häufiger als Angriff auf die Menschenwürde. Es ist ein populistisches Geschäft.
Bolle meint: Was heißt hier populistisch? Ist es nicht einfach nur perfide? Nicht wissen wollen, wo man steht. Keine Ahnung, wo man hinwill. Selbst wenn man beides wüßte: Null Plan, wie das dann gehen könnte. Das nämlich wäre, falls es n i c h t so wäre, solide. Aber tüchtig auf die Kacke hauen: das geht natürlich immer, of course. In der Tat wird die Menschenwürde, wie’s scheint, immer mehr und immer perfider zur Allzweckwaffe aufgerüstet – nachgeradezu zum Hexenhammer der Gegenwart hochgehyped. Dafür braucht es nicht allzu viel Hirn (Stupidity reicht völlig) – und funktioniert prächtig, solange das Volk das nicht durchschaut (Perfidy). — Was soll man dazu sagen? Vielleicht das?
Stupidity and perfidy – living in perfect harmony
Bolle lehnt sich hier an Paul McCartney & Stevie Wonder (1982) an, of course. So was wie Solidity, also die mit Fleiß und Tüchtigkeit herbeigeführte Lösung ernstlicher Probleme, muß dabei leider draußen bleiben – wie früher die Hundchen vor den Fleischereien (als es noch welche gab). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Zugegeben: Totgesagte leben oft viel länger als erwartet. Oder – wie Mark Twain das seinerzeit (1897) mal gefaßt hat: Die Gerüchte über mein Ableben scheinen mir stark übertrieben. Aber irgendwann ist irgendwie dann doch mal wirklich Schluß.
Das ist vor allem dann der Fall, wenn eine Sache im Kern völlig verkorkst ist – multiples Systemversagen, sozusagen. Eher harmlose Wendungen wie ›da ist ja wohl der Wurm drin‹ jedenfalls scheinen Bolle kaum noch eine adäquate Zustandsbeschreibung zu sein. Aber vielleicht sieht Bolle das ja auch nur zu̅ pessimistisch. Immerhin hat er sich die Mühe gemacht, die real existiert-habenden Republiken mal durchzuzählen.
Da hätten wir zunächst die 1. Republik, die Weimarer (1918–1933). Die war bekanntlich so kaputt im Kern, daß sie gerade mal 15 Jahre hat durchhalten können: keinen Kaiser mehr – dafür die Alleinschuld an allem. So jedenfalls steht es in Artikel 231 des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 – übrigens voll zufälligerweise exakt dem 5. Jahrestag des Attentates von Sarajewo (vgl. dazu So 27-12-20 Oh Zeiten, oh Sitten!). Nun kann man trefflich und langanhaltend (nachgeradezu ewig) darüber streiten, ob die 1. Republik von den Nazis zerschlagen wurde oder ob sie nicht eher an innerer Auszehrung – an grundsätzlichem „Wurm-drin-Sein“ – in sich zusammengefallen ist, nachgeradezu implodiert. In diesem Lichte scheint es durchaus reizvoll, sich zu fragen, was denn passiert wäre, wenn nicht die Nazis, sondern, tout au contraire, der harte kommunistische Kern (Rotfront und Antifa – die gab’s also damals schon) den Straßenkampf gewonnen hätte. Unsere Vorfahren wären wohl direkt von der Kaiserzeit in eine Diktatur stalinistischer Prägung geschlittert. Die erst 1922 gegründete Sowjetunion war für die Weimaraner also unmittelbare weltgeschichtliche Gegenwart – einschließlich ihrer angestrebten „Weltrevolution“.
In den folgenden 12 Jahren (1933-1945) lebten die Deutschen offiziell immer noch in einer „Republik“. Allein hier schweigt des Sängers Höflichkeit … Vor allem soll der Zähler schweigen.
Im Anschluß – mit 4 Jahren Übergangsphase (1945–1949), in denen mit Fleiß darum gestritten wurde, was (aus westlicher Sicht) aus Deutschland werden soll: Blockfreiheit oder Westbindung? – hatten wir dann die 2. Republik, die Bonner beziehungsweise, im Ostteil des Landes, die Deutsche Demokratische (1949–1990). Die beiden haben immerhin jeweils 41 Jahre überdauert.
Allein, nichts währet ewig. Und so kam es dann zur 3. Republik, der Berliner (ab 1990). Wie lange die noch wird durchhalten können, weiß Bolle natürlich auch nicht zu sagen, of course. Bislang sind es immerhin 36 Jahre. Damit hätten wir in 5 Jahren die veritable Chance, den ›Längste-Republik-Ever‹-Rekord zu knacken. Allerdings spricht einiges dafür, daß sie jetzt schon ähnlich ausgezehrt sein könnte – innerlich voll hohl (Achtung: Oxymoron!) beziehungsweise wurm-drin-mäßig – wie seinerzeit die 1. Republik.
Mittlerweile nämlich sind wir mit unserer 3. Republik so weit, daß man schon Ärger mit den Ordnungshütern – wenn nicht gar mit dem BfV (Bundesamt für Volkserziehung) – kriegen kann, wenn man nur ein Deutschland-Fähnchen schwenkt. Läßt sich eine solide staatliche Sinnkrise noch trefflicher illustrieren?
In Bolles Kreisen heißt es ja immer: Ein Volk ohne Sinn ist ein sinnloses Volk. Aber sind wir nicht letztlich alle ein bißchen sinnlos? Sicherlich. Wenn aber Sinnlosigkeit ins Suizidale lappt, ist das doch sicher etwas übertrieben (vgl. dazu So 08-03-26 Einmal lieb für böse sein). Allein, wie sag ich’s meinem Hülsenfrüchtchen …?
Übrigens gibt es einen ganz herrlichen Film, den völlig unverdienterweise fast keiner kennt. ›Finsterworld‹ (D 2013 / Regie: Frauke Finsterwalder). Wer ihn sehen will: läßt sich via amazon für wohlfeile 4 Euro ausleihen oder für 10 Euro käuflich erwerben. Dort sinniert ein Oberstufenschüler nach einem geschwänzten Klassenausflug ins KZ:
Und damit sowas in Deutschland nie wieder passieren kann, ist eben hier alles extra-häßlich. Richtig häßlich, eben. Und nichts sollte mehr gut aussehen. Auch die Fahne nicht. Und deswegen kann sich hier keiner mehr mit irgend etwas identifizieren (1 h 7´ 18´´). — Seine Zuhörerschaft fand das – zumindest on second thought – durchaus einleuchtend.
Das jedenfalls ist eine Passage, die Bolle seit damals nicht mehr aus dem Sinn hat gehen wollen. Und so hat er anläßlich unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens schon mal eine mögliche Flagge der kommen-müssenden 4. Republik entworfen und sich dabei hart an die Vorlage gehalten (vgl. unser Bildchen). Aber ist das auch verfassungsmäßig? Wie heißt es doch gleich in Art. 22 II GG? Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold. Bolle, ungerührt: Wieso? Ist doch schwarz-rot-gold – nur eben nicht so häßlich. Die Uniformfarben des Lützow’schen Freikorps (1813–1814) – letztlich dem Inspirator für die Deutsche Flagge – waren schwarz und rot. Lediglich die Knöpfe waren golden (beziehungsweise messingfarben). Und so fand Bolle es hohe Zeit, das alles mal in rechte Proportionen zu rücken: ein dezenter Nadelstreifen muß genügen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Der fliegende Konstruktivist: El Lissitzky 1923 (Symbolbild, of course).
Bekanntlich ist Bolle von vielen Formen konstruktivistischen Überschwanges ja nicht allzu überzeugt. Der Grund ist durchaus elementar: Bolle ist das einfach zu dumm. Umschreibt man nämlich ›Dummheit‹ mit dem ›kognitiven Unvermögen, Gegebenheiten beziehungsweise Zusammenhänge erkennen zu können‹, dann neigen Konstruktivisten dazu, hier noch eine Schippe draufzulegen: Es sei gar nicht nötig, Gegebenheiten oder Zusammenhänge erkennen zu können, da man selbige ja nach Belieben konstruieren könne. Natürlich sagt das keiner so. Das wäre, im besten Buddenbrook’schen Sinne, einfach nur albern. Allein, im Ergebnis läuft es nachgeradezu darauf hinaus.
Es gibt da einen alten Witz – und der geht so: Ein Konstruktivist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) fliegt aus dem 42. Stock eines Hochhauses. Warum ausgerechnet aus dem 42.? Nun, weil die Antwort ist nun mal 42 – und im übrigen geht der Witz halt so. Was denkt der Konstruktivist? Wenigstens 41½ Stockwerke lang ist er guter Dinge. Schließlich sei ja alle Realität sozial konstruiert – und bislang sei ja auch noch nichts Schlimmes passiert. Dann aber – Bruchteile von Sekunden später – ist er plötzlich platt. Ende Gelände. Ende vom Witz. Ende eines Konstruktivisten-Daseins.
Was will der Witz uns sagen? Nun, Witze soll man nicht erklären wollen. Fassen wir den Witz aber nicht als solchen, sondern eher als Analogie auf, dann bleibt zumindest festzuhalten: Es scheint Leute zu geben, denen die gute alte Realität offenbar zu gewöhnlich ist – zu altbacken oder zu hinderlich gar –, und die dazu zu neigen scheinen, sie im Überschwange ihrer stupenden Selbstherrlichkeit durch etwas flotteres, etwas „zeitgemäßeres“ zu ersetzen. Daß da was nicht stimmen kann – in Bolles Kreisen nennt man das auch ›Die Rechnung ohne die Realität machen‹ – merkt manch strammer Konstruktivist erst mit dem Aufschlag, also wenn er nichts mehr merken kann. Also nie. Isch over! – wie Wolfgang Schäuble das angelsächsische ›Game over‹ 2015 mal so trefflich badenisiert hatte.
Nun mag das jeder halten, wie er mag. Des Menschen Weltbild ist schließlich sein Himmelreich. Allerdings gibt es neben dem, sagen wir, mehr oder weniger privaten Konstruktivismus noch so eine Art öffentliche, und dabei durchaus aggressive Spielart: In Bolles Kreisen nennt man das auch Konzertierter Konstruktivismus. Man könnte auch sagen: Konstruktivismus für andere – eine Darbietungsform, die natürlich ebenso unfruchtbar ist wie die herkömmliche und weitverbreitete ›Wahrheit für andere‹.
Dabei ist den Clique-politique-Paragonisten des konzertierten Konstruktivismus natürlich irgendwo und irgendwie schon klar, daß das alles so nicht stimmen kann, was da von ihnen den ganzen lieben langen Tag propagiert beziehungsweise gar halluziniert wird. Zumindest ist es n o c h nicht so – noch lange nicht. Allein: wozu hat man denn die feste Überzeugung, daß es ja wohl möglich sein müsse, die Wirklichkeit in die gewünschten Bahnen zu bringen und zu zwingen, wenn man nur ganz dolle daran glaubt und hartnäckig genug dranbleibt?
Abbruchbedingung? Fehlanzeige. Einmal in Fahrt, läuft das immer weiter – bis zum Aufschlag. Die Geschichte wird’s dann richten. Anschließend, post festum, nach der Party, die üblichen langen Gesichter. Aber vielleicht nicht mal das. „Das haben wir nicht wissen können.“ – wie es seit Corönchen so herrlich treudoof heißt. Bolle meint nur: Hättet ihr wohl! Etwas weniger konstruktivistischer Überschwang, etwas weniger Selbstverliebtheit – und dafür etwas mehr Realitätssinn und antikonstruktivistische Kontemplation hätten da Wunder gewirkt.
Ein einziges Beispiel mag für heute genügen: Wie man hört, können hierzulande mittlerweile um die 40 Prozent der 15-Jährigen kaum noch lesen, schreiben, rechnen. Und das in einem Land, das wenig in die Waagschale zu werfen hat außer seinem Humankapital. Na toll. Ob das stimmt, weiß Bolle natürlich nicht zu sagen. Aber wenn es stimmt – oder auch nur ungefähr: Wie lange, bitteschön, soll das denn dauern, bis sich das wieder ausgewachsen hat? Eine Generation? Eher zwei? Oder drei? Oder bis zum Aufschlag, eben?
Im Grunde erinnert das doch sehr an unseren Witz: Solange man noch fliegt als Konstruktivist, läßt sich jederzeit unwiderlegbar behaupten: Wieso? Ist doch noch nichts Schlimmes passiert, bislang.
Wir binden ja nur höchst selten ganze Videos ein. Das letzte mal wohl mit einem unter dem Weihnachtsbaum singenden und jubilierenden Gerald Groß (vgl. So 12-01-25 Tu felix Austria). Aber hier paßt es einfach zu̅ herrlich. Julian Reichelt, der Chefredaktor des Journalismus-3.0-Magazins ›Nius‹, hält (ab 5´55´´, und mit nur einer kurzen Eigenwerbung-Einlage) eine ›Hat nicht gestimmt‹-Philippika und bringt dabei in aller Kürze auf den Punkt, wie sehr sich doch die Konstruktivisten dieses Landes in ihr nur allzu alternatives Weltbild reingesteigert haben. Ein wenig erinnert das Bolle an Emil Zolas ›J’accuse…!‹ von 1898. Auch damals ging es um die Frage nach einer grundsätzlichen Ausrichtung der Republik – seinerzeit natürlich der französischen, of course. Allein das tut hier wenig zur Sache. Die Frage jedenfalls ist stets die gleiche: Konstruktivistischer Hype bis zum Aufschlag – oder besser mehr besonnene Bodenhaftung?
Das Video jedenfalls stellt in feinster Verdichtung zusammen, wie weit und wie gründlich sich namentlich in den letzten zehn, zwölf Jahren konzertierter Konstruktivismus und vorgeblich rückständige Realität auseinandergelebt haben. Wobei – da beißt die Maus kein‘ Faden ab – es immer die Realität ist, die in the long run Recht behalten wird. Wer also ein knappes Viertelstündchen – mehr Zeit braucht es nicht – erübrigen kann und mag, möge sich das als kleines Addendum zu unserem heutigen Sonntagsfrühstückchen gerne zu Gemüte führen.
Doch ist das alles denn auch wahr? Bolle findet, schon – na klar! Jedenfalls sind ihm keinerlei Kontrafaktizitäten aufgefallen. Aber ist es nicht zumindest furchtbar „rechts“ – wie viele ja zu meinen scheinen? Bolle ungerührt: definiere ›rechts‹. Falls Realität „rechts“ ist, dann natürlich Ja, of course (vgl. dazu etwa So 29-06-25 Rechtes Rechnen). Ansonsten: Falsche Frage. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Hat nicht gestimmt … (https://www.youtube.com/watch?v=Mq50L9rHIRI&list=WL&index=9&t=9s)