So 04-01-26 Wenn der Sekt nicht länger schreckt

Wenn der Sekt nicht länger schreckt …

Manchmal – nicht allzu oft, aber doch immer mal wieder – kommt Bolle sich vor wie ein Idiot. An und für sich ist das ja nicht weiter bedenklich, weil nur wirkliche Idioten sich niemals als solche fühlen. Aber gleichwohl: Was auf unserem Bildchen so unscheinbar aussieht – das eingekringelte Gläschen Sekt nämlich – hat eine längere Vorgeschichte. Zwar ist die Geschichte an sich nicht allzu lang – allein sie ist schon lange her.

Damals war Bolle in seinem Homeoffice – wie man das heute pseudoanglizistisch nennen würde – jeglicher Büromöbel abhold. Sowas kam ihm mitnichten ins Haus. Und so begab es sich, daß Bolles nigelnagelneuer Laptop (derlei gab es damals schon, wenn auch noch nicht weitverbreitet) auf Teppichhöhe residierte – und ein Gläschen Sekt in unmittelbarer Nachbarschaft.

Es kam, wie es kommen mußte: Schwupps, ein flotter Schwung aus dem Handgelenk – und das wohlgefüllte Gläschen Sekt befand sich stante pede in der Horizontalen. Zwar hatte das Glas an sich den Positionswechsel bestens überstanden – allein der Sekt wollte mit des Rechners Innenleben nicht wirklich harmonieren. Futschikado! Rien n‘allait plus! Und so war unvermittelt Schluß mit Homeoffice in jener Nacht. Genügend Sekt war aber noch da. Ein Glück! Auch wollte der Computerhändler den Laptop umgehend und kostenfrei durch einen neuen ersetzen. Schließlich – doch das nur am Rande – war die Firma, für die Bolle seinerzeit als Chefeinkäufer tätig war, ein Premium-Kunde. Bis auf 100 ml vergossenen Sektes war also nichts passiert.

Gleichwohl fühlte Bolle sich veranlaßt, den Vorfall zu evaluieren: (1) Sekt schmeckt – das sowieso. (2) Sekt schreckt – zumindest, was sensible Maschinchen angeht. Als unmittelbare praktische Konsequenz gab es seitdem bei Bolle Sekt nur noch aus Senfgläsern – natürlich sehr formschönen Senfgläsern, of course. Zwar waren die nicht ganz so dünnwandig, und auch nicht so edel – dafür aber waren sie ausgesprochen standfest. Bolle hatte damals eigens eine mittlere Menge Senf minderer Güte gekauft und in den Abfluß gespült – nur um die Gläser zu haben. Und so war es bis vor wenigen Tagen geblieben.

Die Senf-Sektgläser hat Bolle übrigens heute noch ohne jeden wie auch immer gearteten Abgang. Bei entsprechend pfleglicher Behandlung (keine Spülmaschine, stets einigermaßen aufgeräumte Küche, etc. pp.) haben sie sich als quasi unkaputtbar erwiesen. Die Sektflöten von damals – also die, die Bolle wirklich mag (vgl. dazu Do 04-12-25 Das vierte Türchen: Tempi passati) haben sich umständehalber neulich auch wieder eingefunden. Warum also nicht das Funktionale mit dem Ästhetischen verbinden? Und so kommt es, daß Bolle sich für seinen Sekt eigens einen Logenplatz ausgedacht hat – in Armeslänge zum Küchenstuhl (der Bolle als Arbeitsplatz dient) und trotzdem technisch himmelweit entfernt von sämtlichen sensiblen Gerätschaften. Da sollte eigentlich nichts mehr passieren dürfen.

Allein Bolle wäre nicht Bolle, wenn er der Sache nicht mathematisch auf den Grund gegangen wäre: Und so kam es denn heraus, daß bei den Sektflöten ein Neigungswinkel von gerade mal 15° (gerechnet in üblichen Altgrad mit 360° als Vollwinkel) ausreicht – und das Glas liegt auf der Nas‘. Und das bei einem Schwerpunkt, der sich in so luftigen Gefilden wie zwei Dritteln der Glaseshöhe – zumindest aber der Füllstandshöhe – befindet. Zum Winkel stelle man sich ein Tortenstück vor, das nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Zwölftel einer Torte ausmacht, und das dann noch einmal halbiert. 15° sind also wirklich nicht viel – und so ist es gar nicht schwör mit dem Malheur. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 01-01-26 Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

GuMo New Year! (Bolle featuring Kathrein 2015).

So schnell kann’s gehen. Schon wieder hat die Erde unsere Sonne einmal komplett umrundet. Und zwar mit einem Affenzahn. Kein Wunder, daß das dann so schnell geht. Immerhin waren dabei – da sind die Experten dieser Welt sich überwiegend einig – stattliche 940 Millionen Kilometer zurückzulegen. Und das in einem einzigen Jahr. So etwas ist natürlich nur zu schaffen, wenn man sich tüchtig sputet. Zum Glück tut die Erde das ja auch – und zwar mit 30 Kilometern pro Sekunde. Oder – was aufs gleiche hinausläuft – mit über 100.000 Kilometern pro Stunde. Da kann der stärkste Polenböller (mit einer vergleichsweise albernen Explosionsgeschwindigkeit von nur etwa einem einzigen läppischen Kilometer pro Sekunde) bei weitem nicht mithalten. Daher ist es vermutlich oft auch so zugig, wenn man vor die Türe geht. Aber was weiß Bolle schon?

Zunächst dachte Bolle ja auch, Kathreins Ablichtung des jungen Neujahrsmorgens in den hiesigen Häuserschluchten sei heute genau 10 Jahre alt geworden. Allein das wäre Grund genug gewesen, sie für unser heutiges neujährliches Sonntagsfrühstückchen auszuwählen. Aber schon wieder falsch. Heute – da muß Bolle sich erst noch dran gewöhnen – schreiben wir ja schon das Jahr 2026 (!). Also ist es doch schon wieder ölf Jahre alt, das Bild. Nun denn: Besser spät als nie – und warum überhaupt sollte man einer übertriebenen Hingabe an das Dezimalsystem frönen? Nur weil man zufälligerweise zehn Finger hat? Man ist, doch dies nur ganz am Rande, versucht zu sagen: Immer noch – trotz aller Polenböller in der Silvesternacht. Nachzählen nützt im Zweifelsfalle!

Richtig ist dagegen, daß dieses unser gegenwärtiges Jahrhundert hier und heute schon wieder zu einem vollen Viertel abgelaufen ist. Da beißt die Maus kein‘ Faden ab. Unsere Urgroßeltern übrigens befanden sich damals, vor 100 Jahren, zumindest hier in Berlin, inmitten der Goldenen Zwanziger (1924–1929). War’s besser? War’s schlechter? Oder ist das alles ohnehin nur ein Ringelspiel – mit unsereinem mittendrin? Nun, auf jeden Fall sollte es seinerzeit recht bald rapide schlechter werden. Da können wir nur hoffen, daß sich Geschichte nicht allzu dolle wiederholt – aller zweifelhaften Classe politique zum Trotze. Kieken wa ma. Humor ist schließlich, wenn man trotzdem lacht.

Und? Wo bleibt das Positive? Das Positive ist: Morgen ist schon wieder Wochenende. So gesehen fängt das Jahr gut an. Und da sage noch einer, alles sei schlecht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 28-12-25 Luja, sog i

Luja, sog i. (Bolle featuring Traudl und Walter Reiner 1970).

Tja – so kann’s gehen. Kaum haben wir das letzte Türchen unseres diesjährigen agnostisch-kontemplativen Adventskalenders geöffnet, da rücken auch schon wieder die Sonntagsfrühstückchen heran. Et voilà. Immerhin ist es das letzte für dieses Jahr – und Bolle verspürt wenig Neigung, jetzt schon wieder in die laute und lärmende Welt da draußen einzutauchen. Zwischen den Jahren herrsche bitteschön Ruhe. Das war bei Bolle schon immer ein sozusagen geheiligter Grundsatz. Halten wir es also mit Erich Kästner. Der nämlich hat sich in seinem ›Die 13 Monate‹ 1955 schon einen Reigen durch das Jahr gereimt. Für ›Dezember‹ heißt es dort:

Das Jahr wird alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Dabei schließt er seine Dezember-Elegie mit den Worten:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

Bolle findet, das passe doch recht trefflich zu unserem diesjährigen unterschwelligen ›Last Christmas‹-Tenor – vergleiche dazu nicht zuletzt Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas.

Wer noch etwas wohlig-wärmendes sucht für die ja erst noch kommenden kälteren Wintermonate, der möge es vielleicht mit Ashley Davis‘ ›Songs of the Celtic Winter‹ (2012) probieren. Dort findet sich als letztes Lied auch eine sehr schöne Fassung von ›Auld Lang Syne‹. Zum einen handelt es sich dabei um ein traditionelles – in den keltischen Regionen der Insel geradezu unverzichtbares – Lied zum Jahresausklang. Bei sensibleren Gemütern soll damit aber auch der im zurückliegenden Jahre Verstorbenen gedacht werden. So gesehen findet Bolle es sehr stimmig. Eine unserer Leserinnen (nein, diesmal nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit einer gewissen Affinität zum Althergebrachten hat uns darauf aufmerksam gemacht. Besten Dank dafür.

Unser heutiges Bildchen stammt übrigens aus dem Kurz- und Kultfilm ›Ein Münchner im Himmel‹ (1970 / gezeichnet von Traudl und Walter Reiner, gesprochen von Adolf Gondrell) nach einem Text von Ludwig Thoma (1911). Es erzählt die Geschichte von Alois Hingerl, ehemals Dienstmann Nr. 172 auf dem Münchner Hauptbahnhof, der, einmal entleibt, als Engel Aloisius seine liebe Not hatte im Zwiespalt zwischen himmlischer Hausordnung und bairischer Lebenslust. Aber der Herrgott wäre nicht der Herrgott, wenn er nicht qua göttlichen Ratschlusses eine Lösung gefunden hätte. Und Aloisius wäre nicht Aloisius, wenn die Lösung denn auch funktioniert hätte. Könnt ja ma kieken. Gibt’s in der Mediathek. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 24-12-25 Das vierundzwanzigste – und für dieses Jahr letzte – Türchen: Last Christmas

GuMo – urbi et orbi. (Symbolbild, of course).

So sah er heute aus, Bolles allererster Blick auf den noch jungen Weihnachtstag. Dazu durfte ein aufmunterndes Wort in seinem geistigen Ohre natürlich nicht fehlen – wie etwa: ›Auf, auf, der Herr. Große Taten warten.‹ Bolle ist nämlich manchmal etwas förmlich im Umgang mit sich selbst. Aber allemal besser als zu nachlässig – findet Bolle.

Letztes Jahr hatten wir das erste Türchen unseres agnostisch-kontemplativen Adventskalenders mit ›Last Christmas …?‹ übertitelt (vgl. So 01-12-24 Das 1. Türchen – der 1. Advent: Last Christmas …?) und das als kleine Memento-Mori-Mahnung verstanden wissen wollen. Schließlich – so hatten wir festgestellt, könne einem keine Macht der Welt garantieren, daß man auch nur weitere fünf Minütchen werde zu leben haben auf diesem Erdenrund.

Wenn man schon nicht jeden Tag daran denken kann oder mag, daß ebendieser Tag der letzte gewesen sein könnte: wenigstens einmal im Jahr daran zu denken scheint Bolle beileibe nicht übertrieben. Warum also nicht auch und vor allem in den nach Möglichkeit ja eher stillen Weihnachtstagen? Nun – im verronnenen Jahr war es bei Bolle so, daß das letzte Weihnachten für gleich zwei seiner Lieben in der Tat das letzte Weihnachten war. Mehr noch: Insgesamt haben sich bei ihm in den vergangenen zweieinhalb Jahren immerhin fünf Heimgänge ergeben. Das gibt einem doch zu denken. Man könnte – in Anlehnung an einen Italo-Western (I/F 1968 / Regie: Sergio Corbucci / mit Jean Louis Trintignant und Klaus Kinski) glatt sagen: ›Leichen pflastern seinen Weg‹. Das klingt jetzt zwar nicht sonderlich pietätvoll – und auch nicht furchtbar weihnachtlich –, scheint aber dennoch so zu sein. Conditio humana, eben. Verdrängen nützt da wenig.

Laßt uns das möglichst nie vergessen – ohne daß es uns jemals über die Maßen verdrießen soll. Eine Frage des Gleichgewichtes – zwischen dem Wunder, ein Mensch zu sein, und dem Schrecken, ein Mensch zu sein. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Frohe Weihnachten also, Euch allen! Und den Menschen auf Erden – was auch immer sie glauben mögen, oder eben auch nicht – ein Wohlgefallen!

Di 23-12-25 Das dreiundzwanzigste Türchen: Weihnachtsmarkt im Dörfchen

Weihnachtsmarkt im Dörfchen.

Nein, nein, nein – das kann nicht sein! Was wäre ein agnostisch-kontemplativer Adventskalender ohne einen einzigen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt im Dörfchen? Am letzten Sonntag, dem vierten Advent, hat es Bolle immerhin zum zweiten mal schon in diesem Jahr geschafft.

Und das kam so: Bolle wollte – last minute, of course, wie so oft trotz aller Vorwarnzeiten seit Hallowe’en – einen Weihnachtsgruß per Post abschicken. Früher – ja früher – ging das so: Die meisten Briefkästen wurden zwei mal täglich geleert. Und viele – die nämlich mit einem roten Punkt – auch nachts. Wenn es flott gehen sollte, mußte man sich – was man nich im Kopp hat, muß man in die Beene ham – eben zu einem Verteilerknotenpunkt begeben. Ganz früher war das Bahnhof Zoo, später dann der Lehrter Bahnhof – aus dem im Zuge mannigfaltiger Optimierungen bei der Bahn heute übrigens ein nichtssagender „Hauptbahnhof“ geworden ist. Manchmal, wenn Bolle mit dem Taxi unterwegs ist und auch entsprechend kesser Stimmung, wünscht er zum Lehrter Bahnhof gefahren zu werden. Manch älterem Taxifahrer – zumindest Bolle scheint das so zu sein – wird dabei ganz wehmütig zumute. Bei den jüngeren – und vor allem auch bei den Zugereisten – muß man allerdings flott ein erläuterndes ›Hauptbahnhof‹ nachschieben – sonst kommt man niemals an.

Nun denn: Bolle war auf dem Weg zum Lehrter Bahnhof, weil die einschlägigen Internet-Seiten der Post meinten, dort werde ganz sicher sonntags abends gegen neun geleert. Pusteblume! Klarer Fall von Denkste! Die letzte – und natürlich auch die erste – Leerung am Sonntag erfolgt dort um neun Uhr in der Früh. Irgendwie sieht Bolle ja ein, daß nichts so bleiben kann wie es ist. Aber warum muß deshalb alles immer schlechter werden? Und daß die Post es nicht mal fertigbringt, die wenigen Leerungszeiten auf ihren Internet-Seiten einzugestehen, will Bolle so rein gar nicht einleuchten. Da gibt’s nur eines: Schneller schreiben – und vor allem schneller abschicken, of course. Allein: auch hier hat sich was in eine ungute Richtung entwickelt. Während nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein Brief in aller Regel am nächsten – spätestens aber am übernächsten Tag – recht zuverlässig beim Empfänger war, meint die optimierte Post, drei bis vier Tage seien auch sehr hübsch und müßten ja wohl genügen.

So jedenfalls kam es, daß Bolle auf dem Rückweg vom Lehrter Bahnhof einen Abstecher auf seinen Weihnachtsmarkt im Dörfchen machen konnte. Die Wärmepumpen nach alter Väter Sitte – siehe unser Bildchen – gibt’s da jedenfalls nach wie vor. Und da sage noch einer, moderne Zeiten und Sitten seien ausschließlich schlecht. Wieder weit gefehlt. Irgendwo hat wohl alles sein Gutes – wenn auch oft nur sehr, sehr, sehr versteckt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 22-12-25 Das zweiundzwanzigste Türchen: Hin und weg

Wahrlich, ich sage Euch …

Strenggenommen könnte man jetzt – wie weiland der schwer angeheiterte Brander in Auerbachs Keller (Goethe 1808) – natürlich sagen: Pfui! schon wieder ein politisch Lied! Man könnte aber auch – durchaus milder – einfach auf ein Weihnachtslied erkennen. So gesehen will es Bolle gar nicht mal so unpassend erscheinen. Immerhin konnten wir Bolle davon überzeugen, dieses hier nicht zu unserem vierundzwanzigsten Türchen zu machen – jenem Datum nämlich, da der ›Weihnachtsspruch‹ (so der Titel des Original-Gedichtes) wirklich spruchreif ist. Und das ist – da hat Bolle völlig Recht – nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nun mal erst am Heiligen Abend der Fall. Dann nämlich erst brennen die Lichter am Weihnachtsbaume. Vorher nicht. Durchsetzen konnte sich schließlich das Argument, man müsse der geneigten Leserschaft ja doch ein wenig Zeit einräumen, den Text zu repetieren und zu internalisieren – um ihn unterm Weihnachtsbaume dann gekonnt zu präsentieren.

Im Untertitel heißt es ›Häresie und Heilserwartung‹. Beides stimmt natürlich nur bedingt, of course. Wir finden, eigentlich ist es ja eher prophetisch. Was bitte soll denn daran lästerlich sein, jemandem, der sich mit markigen Sprüchen – Links ist vorbei / Mit mir die Migrationswende / Es wird keine neuen Schulden geben / und so weiter, und so fort – ins Amt gemogelt hat, zu prophezeien, daß er nicht allzu alt werden wird in ebendiesem Amte? Auch ist Bolle mehr als skeptisch, was die Heilserwartung angeht – abgesehen davon, daß es sich hierbei ohnehin um einen recht hochtrabenden Begriff handeln dürfte. Wer es allen Recht machen will, wird es im Ergebnis niemandem Recht machen können. In Bolles Kreisen nennt man so etwas ein No-go-Polylemma: eine Situation, die weder mathematisch noch sonstwie jemals aufgehen kann.

Richtig dagegen ist zumindest die erste Zeile: ›Gar manchem schien es zu Nutz und Frommen‹. Das waren jene, die naiverweise meinten, mit einem Kreuzchen bei der richtigen Partei ließe sich endlich der über Jahre aufgetürmte Mehltau, der über dem Lande liegt, mit einem Wusch mal eben abschütteln – und alles werde sich zum Besseren wenden. Und zwar rucki-zucki: Herbst der Reformen, und so. Kennen wa ja. Andere wollten dem Braten nicht trauen: Sie ahnten einen Trick dahinter. Sie sollten, wie’s aussieht, völlig Recht behalten. Bolle vermutet hier ein Kreuzchen bei einer der – nach der gegenwärtigen Logik – eher randständigen Parteien. Mit den sonstigen Parteien der selbsternannten „Mitte“ – sind wir nicht alle ein bißchen mitte? – ist ja wohl definitiv kein Staat zu machen. Man schaue sich nur um in der politischen Landschaft.

Zugegeben: Die Konstruktivisten – also jene, die sich mit Fleiß darin üben, den Leuten und vor allem auch sich selber in bester Orwell’scher Manier und nach allen Regeln der Kunst ein X für ein U vorzumachen – haben derzeit durchaus Oberwasser. Allein, was währt schon ewig? Bolle ist ja im Kern Optimist. Und so hält er es durchaus für denkbar, daß die disruptiven Kräfte – oder sind es nicht doch eher die konstruktiven? – über kurz oder lang die Oberhand gewinnen und Schluß machen mit dem Spuk. Wohl nicht mehr in dieser Weihnachtszeit. Allerdings ist Rom auch nicht an einem Tage abgebrannt. Kieken wa ma. Immerhin haben wir jetzt eine weitere Strophe ›Am Weihnachtsbaume‹. Bolle summt es öfters vor sich hin, wenn er hier durch die Gänge schleicht. Bolle kann nämlich – wir wollen ihm das gerne glauben – summen und dabei den Text im Ohre haben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-12-25 Das einundzwanzigste Türchen – der vierte Advent: Am Himmel hoch da flog ich her

Am Himmel hoch … (Symbolbild, of course).

Eigentlich – ja eigentlich … wollten wir uns mit unserem kleinen agnostisch-kontemplativen Adventskalender dieses Jahr aus der lauten und lärmenden Welt ja möglichst raushalten. Bolle findet aber, das hier paßt doch trefflich in die Weihnachtszeit – vor allem, wenn man Martin Luthers Weihnachtslied (1535/39) textlich ein wenig kontemporär adaptiert:

Am Himmel hoch, da flog ich her.
Ich sucht‘ nach guter neuer Mär,
Der guten Mär sucht‘ ich so viel,
Wovon ich hier nichts sagen will.

Ist das nicht ein trefflich zur Weihnachtszeit passendes Hohelied auf einen Spionagesatelliten? Wie kommt Bolle auf sowas? Nun, Anfang dieses Monats war die Aufregung in der Presse mal wieder ausgesprochen riesengroß. Russische Satelliten, so hieß es, überflögen Deutschland nicht nur gelegentlich, sondern sogar „mehrmals am Tag“. Bolle meinte nur: ach guck! Wie aufdringlich die Russen doch sind. Was aber soll ein Satellit in einer Umlaufbahn denn sonst tun? Von geostationären Himmelskörpern einmal abgesehen – das sind die allerwenigsten – umkreisen Satelliten nun mal die Erde. Und wer die Erde umkreist, kommt nun mal nicht umhin, auch verschiedene Länder zu überfliegen. Viele Länder. Jeden Tag. Mehrmals.

Dürfen die Russen das denn? Sie dürfen. Zur Zeit umkreisen, wie man hört, mehr als 13.000 Satelliten die Erde – ausgediente Dinger, Weltraumschrott und Trümmerteile natürlich nicht mitgerechnet, of course. Und jemand wie Elon Musk plant, deren Zahl in absehbarer Zeit sogar noch zu verdoppeln. Seit dem ersten Satelliten Sputnik 1, der sich 1957 schon in luftige Höhen aufgeschwungen hatte – das waren übrigens auch wieder mal die Russen –,  ist doch einiges passiert. Dabei hat es die Menschheit glatt geschafft, den „Weltraum“ – gemeint ist der erdnahe Orbit, of course – nicht minder zu vermüllen als die Meere. Wie es scheint, neigt unsere Spezies sehr dazu, alles, womit auch immer sie zu tun hat, nach Kräften zu vermüllen. Bolle erinnert das entfernt an Pig-Pen, eine der weniger prominenten Figuren aus Charles M. Schulz‘ ›Peanuts‹. Der aber ist wenigstens sympathisch auf seine liederliche Art. Doch das nur ganz am Rande.

Fassen wir zusammen: Satelliten umkreisen die Erde. Darum heißen sie so. Von geostationären Ausnahmen abgesehen, kommen sie dabei nicht umhin, Länder zu überfliegen, und zwar, aus rein physikalischen Gründen, sogar mehrmals am Tag. Die Zentrifugalkraft muß nämlich exaktemente gleich der Zentripetalkraft sein (F↑ != F↓), sonst fliegen sie aus der Bahn oder stürzen ab. Das geht allen Satelliten so – und hat mit Russen rein gar nichts zu tun. Das ist einfach Physik.

Gleichwohl waren aber natürlich sofort reichlich Weltraum-/Spionage-/Militär- und sonstige Allerweltsexperten zur Stelle, die dem wahlweise staunenden oder irritierten Publikum zu berichten wußten, wie sehr man doch „im freien Westen“ mal wieder „alles komplett verschlafen“ habe. Tja – man kann halt gar nicht genug auf der Hut sein, wenn der Russe kommt. Bolle fragt sich ja zuweilen, wo – tout au contraire – die ganzen „Experten“ plötzlich immer alle herkommen. Die Angelsachsen haben hierfür einen sehr schönen eingängigen Begriff: Sie nennen es mushrooming, ›wie Pilze aus dem Boden schießen‹ – etwa wie nach einem spätherbstlichen warmen Sommerregen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.

Sa 20-12-25 Das zwanzigste Türchen: Das Mirácoli-Mirakel

Das Mirácoli-Mirakel – am Beispiel Glühwein.

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die bleiben einfach haften im Hirn. Warum, weiß niemand. Zumindest Bolle weiß es nicht. Oft sind es regelrechte Belanglosigkeiten. So kann Bolle sich noch lebhaft an den Tag erinnern – an die genaue Szene sogar – da er das allererste mal eine Packung Mirácoli in Händen hielt. An seinen allerersten Kuß dagegen (oder so) kann Bolle sich rein gar nicht mehr erinnern. Das nur zum Vergleich.

Seinerzeit – das ist etwa hundert Jahre her – stand Bolle vor einem Supermarktregal und dachte, was ist das denn? Nudeln, Tomatensoße und selbst Parmesanpulver – alles in einem Packerl? Der tiefere Sinn wollte sich ihm – naiv, wie Bolle damals war, und zum Teil wohl heute auch noch ist – in keinster Weise erschließen. Warum, bei allen Propheten, kauft man nicht Nudeln, Tomatensoße und richtigen Parmesan in drei getrennten Packungen? Zumal, bis auf den Parmesan, ohnehin alles im gleichen Regal steht? Bolle war wirklich ratlos.

War es wenigstens ein Aha-Erlebnis? Nein – natürlich nicht. Dazu mangelte es schlechterdings am Erkennen eines wie auch immer gearteten Zusammenhanges. Allein Bolle war ratlos. Wie nur kann sowas sein? Spätere Nachforschungen – Bolle ist oft recht gründlich in derlei Dingen – brachten dann doch etwas Licht ins Dunkle. Das Geheimnis – so eine der Erklärungen – sei in der Tomatensoße zu suchen. Genaugenommen in der – ebenfalls im Packerl beiliegenden – Gewürzmischung. Das sei das Geheimnis. Aha!

Nun verhält es sich so, daß es nach Bolles Lebenserfahrung nicht allzu schwierig ist, eine leckere Tomatensoße anzurühren. Der Zutaten bedarf es nur einiger weniger. Und alles Sachen, die man ohnehin im Haus hat, und die sich auch ewig halten. Selbst Parmesan – also richtiger Parmesan am Stück – hält sich bei Bolle, in Butterbrotpapier gewickelt und bei Zimmertem­pe­ratur gelagert, wochenlang. Zwar wird er trockener, aber nicht minder lecker. Wie viele Wochen, weiß Bolle übrigens nicht zu sagen, weil ein Verderb noch niemals vorgekommen ist.

Kurzum: Bolle war immer noch ratlos – und ist es bis heute. Was aber hat das alles mit unserem heutigen Bildchen zu tun? Nun – neulich ist Bolle beim Einkaufsbummel das Glühweinsortiment im Supermarkt ins Auge gesprungen. Und glatt hatte er ein Déjà-vu – oder, besser gesagt, so eine Art Flashback. Sein bis heute ungeklärtes Mirácoli-Mirakel schoß ihm in den Sinn. Warum nur, warum, kaufen Leute fertig abgepampten Glühwein – statt eines guten Tropfens eigener Wahl? Die weiteren Zutaten, die man so braucht – etwas Zimt und etwas Nelken – könnte man ebenfalls immer im Hause haben. Auch Zucker, so man denn mag – Bolle mag übrigens nicht – dürfte in aller Regel verfügbar sein. Selbst Bolle hat eine gewisse Menge Zuckervorrates im Hause – für die lieben Gäste.

Kurzum: die Parallele ist frappant: Aufwand und Zubereitungszeit sind jeweils gleich, die Kosten nehmen sich nicht viel, allein Qualität und Variabilität liegen in der ›Selbst-ist-der-Mann‹-Variante (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) himmelweit höher. Es sollte sich also doch noch ein tieferer Grund finden lassen. Auf ›Allgemeines Hülsenfrüchtchen-Syndrom‹ würde Bolle nur im Notfalle zurückgreifen wollen – dafür ist er viel zu milde und viel zu humanistisch eingestellt. Welcher Grund das aber sein könnte, ist Bolle nach wie vor völlig schleierhaft. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Fr 19-12-25 Das neunzehnte Türchen: Die feindlichen Staaten von Amerika

Nein, nein, nein – das darf nicht sein!

Hier etwas – wenn schon nicht wirklich weihnachtliches – so doch recht niedliches am Rande. Zumindest sieht Bolle das so. Neulich meinte irgendein Nachrichtensprecher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – womöglich einer mit etwas nuscheliger Aussprache – irgendwas von den „feindlichen Staaten von Amerika“. Zumindest hatte Bolle es so verstanden. Nach Aktivierung seiner Plausibilitätsschaltkreise hatte sich dann herausgestellt, daß das unmöglich so gesagt gewesen sein konnte. Ein Nachlauschen hatte dann ergeben, daß doch eher von den „Vereinigten Staaten von Amerika“ die Rede gewesen sein mußte. Fein denn – alles wieder konsistent.

Aber wie kommt es zu solchen Verhörern? Das war Bolles nächster Gedanke. Nun – das Gegenstück zu Freud’schen Versprechern sind ja wohl – zumindest würde Bolle das einleuchten – Freud’sche Verhörer. Obwohl – das sieht Bolle ein – von derlei nie die Rede war bei Freud.

Aber wenn wir schon bei Verhörern sind: Was liegt da näher als an Hacke und Sowas ›Weißen Neger Wumbaba‹ (2004) zu denken? Immerhin handelt es sich dabei um das ›Handbuch des Verhörens‹. — In Matthias Claudius‘ ›Abendlied‹ (1779) heißt es:

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar:
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Der weiße Nebel wunderbar. Welch kraftvolles Bild! Wer allerdings noch nie bei Mondenschein auf der Pirsch war und mit diesem Bild rein gar nichts anzufangen weiß, für den wird daraus dann eben ›Der weiße Neger Wumbaba‹. Bolle findet, das leuchtet ein.

Vergleichen wir das mal: Bei einem Versprecher legt einem das Unbewußte etwas auf die Zunge, was zu sagen man sich so nie getraut hätte – was aber durchaus trefflich ist. Bei einem Verhörer dagegen drückt einem das Unbewußte etwas aufs Ohr, was durchaus Sinn macht – der jeweilige Sprecher so aber wohl nie gesagt haben dürfte. Auch dann nicht, wenn es Sinn macht. In diesem Falle eben ›die feindlichen Staaten von Amerika‹. Das Gehirn versucht das Gehörte nun mal mappa-mundi-mäßig einzuordnen. Ein völlig normaler Vorgang, das – wenn auch meist nicht ohne Witz – und gehört im weiteren Sinne in das weite Feld sozialpsychologischer Konsistenztheoreme: Das Gehirn sucht Sinn. Und wenn es keinen findet, dann findet es ihn anyway. Hauptsache, das Weltbild, die mappa mundi eben, bleibt stabil.

Wer also mit der in weiten Kreisen der Classe politique – nebst angeschlossenem Journalismus 2.0, of course – verbreiteten bräsigen und überschäumenden Selbstgefälligkeit wenig anzufangen weiß – Putin böse, Xi böse, und jetzt dann eben auch noch Trump böse –, der kann dann durchaus schon mal leicht was von den „feindlichen Staaten von Amerika“ zu hören kriegen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Do 18-12-25 Das achtzehnte Türchen: Mathematik ohne Sinn ist hohl

Alles gleich, das …?

Kant – der Kant, of course – meinte in seiner ›Kritik der reinen Vernunft‹ (1781/1787), daß Gedanken ohne Inhalt ja wohl leer seien und Anschauungen ohne Begriffe blind. Keine Sorge: darauf wollen wir hier und heute nicht weiter eingehen.

Allerdings hält Bolle es für angebracht, darauf hinzuweisen, daß Mathematik ohne Sinn durchaus hohl ist. Unser Bildchen zeigt in der ersten Zeile eine Funktion in ihrer Normalform y = f (x). Der Wert einer Zahl y hängt also davon ab, welchen Wert eine andere Zahl x jeweils annimmt – und nur davon. Wie hängt sie davon ab? Nun, wer öfters mal mit sowas zu tun hat, sieht, daß es sich um eine Logarithmusfunktion handelt – egal, was das denn schon wieder sein soll – und daß da noch verschiedene Parameter m, s, a und r im Spiel sind. Für was genau diese Parameter – Zahlen, die innerhalb einer gegebenen Aufgabe unveränderlich sind – stehen mögen, spielt im Moment keine Rolle.

Kurzum: die erste Zeile zeigt einen Zusammenhang auf, der uns – beziehungsweise niemandem: auch keinem Mathematiker – irgend etwas zu sagen vermag, solange wir nicht wissen, wofür die Parameter stehen und was sie bedeuten sollen. Kurzum, zum zweiten: wir müssen interpretieren. Dabei versteht man in Bolles Kreisen unter ›interpretieren‹ im Grunde nicht mehr als die ›Beimessung von Bedeutung‹. Was dabei für wen Bedeutung haben mag, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt.

In unserem Bildchen ist es so, daß durch vier einfache Umformungen, die mathematisch (bis auf ganze Kleinigkeiten) nicht zu beanstanden sind – Bolle hat nachgerechnet – eine Gleichung herauskommt, die an einen gebräuchlichen Weihnachtsgruß erinnert. Und schon haben wir Bedeutung! – und zwar in diesem Falle, ohne daß wir wissen müßten, wofür die Parameter stehen oder was es mit einer Logarithmusfunktion auf sich haben mag.

Kurzum: Mathematik ohne Sinn – also ohne hineininterpretierbare Bedeutung – ist hohl, und sagt nichts, wirklich rein gar nichts, aus. Da hilft es auch nicht zu lamentieren, das aber seien schließlich die „Fakten“. Das stimmt zwar – nützt aber nichts. Oder, um es – etwas kryptisch zwar, das sieht Bolle ein, aber bitteschön – mit einem Epigramm aus Bolles Sammlung ewiger Wahrheiten zu sagen:

Wenn der Kant kackt
auf dem Klo,
ist er nackt
rund um den Po.

Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.