Sa 30-01-21 Denken nützt …

Denken nützt.

Heute konnten wir in den bildungsbürgerlichen Medien erfahren, daß Statistiker ermittelt haben, daß die sogenannte „Übersterblichkeit“ in Deutschland zur Zeit bei 5% liegt – daß zur Zeit also 5% mehr Leute sterben als sonst. Kiek ma eener an, meint Bolle und verweist auf unseren Beitrag von neulich, Mo 25-01-21 Live forever? Dort hatten wir locker überschlagen, daß in Deutschland regelmäßig und sowieso Jahr für Jahr 1 Mio Leute sterben – wobei gegenwärtig etwa 50.000 Corönchen zugerechnet werden. Nun ist es so, daß 50.000 geteilt durch 1 Mio zufälligerweise justamente 5% ergibt. Dafür braucht man weiß Gott keine Statistiker – und erst recht keine Mathematiker. Das kann jeder Taschenrechner.

Natürlich möchte Bolle mitnichten „arrogant“ rüberkommen. Aber ein wenig verwundert ist er schon, mit welcher Gründlichkeit – um nicht zu sagen: Scheingenauigkeit – seit Monaten neben den regulären Nachrichten in ungezählten „Extras“ und „Spezials“ über R-Werte, Inzidenzwerte, Verstorbene, „Genesene“ und weiß der Teufel was sonst noch auf die Einerstelle genau (!) berichtet wird. Besonders pikant findet Bolle den regelmäßigen Hinweis, daß es sich hierbei nur um Datenmüll handeln kann (so sagt das natürlich keener – aber genau darauf läuft es hinaus), unter anderem, weil „am Wochenende weniger Daten gemeldet“ würden. Bolle meint: Wie man aus Daten schwankungsbereinigte Trends ermittelt, ist den Statistikern seit mindestens 100 Jahren klar. Warum dann das Volk Tag für Tag sinnlos zumüllen? Weil es „gefühlt“ mehr zu berichten gibt? Weil es die Leute in „gefühlter“ Dauer-Alarmbereitschaft hält? Wenn das mal gutgeht auf die Dauer … Aber das ist dann doch vielleicht schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sa 23-01-21 In vino veritas

Wahrer Wein und weiches Wasser.

Selbst der Erlöser der Christenmenschen fand offenbar, daß Wasser keine wirklich prickelnde Partydroge sei. Warum sonst hätte er bei der Hochzeit zu Kana (Joh. 2, 1–11) beträchtliche Mengen davon in Wein verwandeln sollen? Seine erste Wundertat, by the way.

Als das mit den Talk Shows seinerzeit auch im deutschen Fernsehen losging, saßen die Leute an so einer Art Küchentisch und haben sich, leicht alkoholisiert, alles mögliche um die Ohren gehauen. Außerdem wurde ohne Ende gequalmt. Das kam einer Show deutlich näher als alles, was wir heute erleben müssen. Heute halten sich weichgespülte Wichtigtuer in aufgemotzten Studios jeweils an einem Schlückchen Wasser fest – und verplempern die Hälfte der Sendezeit damit, ihrer „Besorgnis“ Ausdruck zu verleihen und zu betonen, wie entschieden sie doch die Ansichten der anderen „teilen“. Bolle meint: Fetzt überhaupt nicht. Wasser ist wohl wirklich nicht die Partydroge der Wahl – auch nicht für Talk Shows. Ist es wenigstens „gesünder“? Mag sein – wer weiß. Bolle indes beschleicht zunehmend der Eindruck, daß die Leute immer gesünder leben wollen und dabei immer kränker werden – und befürchtet, das könnte was mit dann doch nicht ganz leicht zu durchschauenden Autoimmunreaktionen zu tun haben. Wir sind nun mal aus einem Erdenkloß erschaffen (Genesis 2, 7) – und nicht etwa aus Plaste. Von wegen „Je zivilisierter, desto sterilisierter“ (Huxley’s ›Schöne neue Welt‹). Also doch lieber Wein?

Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich zwei grundsätzliche Beobachtungen ergeben: In vino veritas – im Wein liegt die Wahrheit, aber eben auch in vino feritas (letztlich schon Sprüche Salomos 20, 1) – im Wein liegt  das Ungestüm. Für eine Talk Show, die wenigstens ein wenig Wert auf den Show-Aspekt legt und nicht nur auf Talk, wäre beides keine schlechte Grundlage und beileibe kein Gegensatz. Der Satiriker Moritz Gottlieb Saphier hat es schon 1832 auf den Punkt gebracht: Der Wein und die Wahrheit sind sich insofern ähnlich, als man mit beiden anstößt. Na denn: Prost! Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 16-01-21 Wirklich wahr?

Wirklich wahr?

Nach den doch etwas härteren Beiträgen der letzten Tage hier was zur Entspannung. „Wahrheit“ entsteht regelmäßig als konsistenztheoretisches Bild im Kopf – und hat mit einer Ansammlung von „Fakten, Fakten, Fakten“ so gut wie gar nichts zu tun. Cervantes hat das vor nunmehr 500 Jahren trefflich auf den Punkt gebracht. Aber auch in jüngerer Zeit und aus streng wissenschaftstheoretischer Perspektive klingt das kaum anders – etwa bei Bertrand Russell in seiner ›Philosophie des Abendlandes‹ (1945):

Einfache Regeln nach der Formel „A ist die Ursache von B“ sind in der Wissenschaft wohl niemals zulässig, es sei denn in Form einer ersten Andeutung während der Anfangsstadien. Die Kausalgesetze, die in gut entwickelten Wissenschaften an die Stelle solcher einfachen Regeln treten, sind so kompliziert, daß niemand annehmen kann, sie seien durch Wahrnehmung gegeben; […] Sätze wie „A ist die Ursache von B“ sind immer unzulässig, und unsere Neigung, sie gelten zu lassen, erklärt sich aus Gewohnheits- und Assoziationsgesetzen.

Soweit zu „hört auf die Wissenschaft“. Ein wirklicher Wissenschaftler kriegt da glatt schlechte Laune. Um so erstaunlicher die Vehemenz, mit der sich die verschiedenen „Bilder im Kopf“-Fraktionen nach Art der Frösche (unterste Schublade, also) gegenseitig ihre „Fakten“ um die sprichwörtlichen Ohren hauen. Und? Was macht die Presse 2.0? Immer mittenmang dabei – wie Bolle (nicht unser Bolle, of course) seinerzeit in Pankow: Klare und unkaputtbare Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat – darum spricht Bolle ja gerne auch von „Hypno-Presse“ – flankiert durch eine „überschaubare“ Zahl eingeschworener „Experten“, die uns in bester Berger/Luckmann-Manier beteuern, daß wir wohl die wirklichste aller möglichen Welten bewohnen – Wahrheit inklusive.

Hinzu kommt das voluntative Element: Das Sein (und nicht etwa die „Fakten“) bestimmt das Bewußtsein  – und damit auch das Wahrheitsempfinden. Aber das – wie könnte es auch anders sein? – ist schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 04-01-21 Letzte Fragen — total so!

Letzte Fragen — total so!

Hier – wie auch schon gestern – ein wirklicher britischer Klassiker. Jedes Kind auf der Insel kennt das. Was aber soll es bedeuten? Wir wissen es nicht. Gleichwohl wäre es doch schade, wenn ausgerechnet das im Gewühle dieser lauten, lärmenden Welt unterginge. Schön ist es nämlich schon. Auch muß man Kunst nicht immer erklären wollen …

Letztlich ist es auch nicht so richtig übersetzbar. Greifen wir also auf die DeepL-Übersetzung zurück. Die geht so:

„Die Zeit ist gekommen“, sagte das Walross,
„um von vielen Dingen zu reden:
Von Schuhen – und Schiffen – und Siegellack –
Von Kohlköpfen – und Königen –
Und warum das Meer kochend heiß ist –
Und ob Schweine Flügel haben.“

Fragen über Fragen. Aber irgendwie, will Bolle scheinen, paßt es noch immer in die Zeiten. Warum nur? Aber das ist vielleicht schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-01-21 Step by step …

Step by step …

Heute wollen wir uns in aller Kürze einem britischen Klassiker zuwenden. Das Sprichwort ist so was von klassisch, daß man es heute nicht mal mehr bei Google finden kann –  wenn wir von einem einzigen vereinzelten Eintrag, der überdies zu nichts weiter führt, einmal absehen wollen. Wie kann das sein? Wir wissen es nicht.

In der Entwurfsfassung des Art. 2 I GG heißt es sinngemäß: Jeder kann tun und lassen, was er will, solange er die Rechte anderer nicht verletzt …  Das klingt doch wirklich freiheitlich. „Die Rechte anderer …“ – da liegt natürlich der Hase im Pfeffer. Wenn man nämlich eines der „Rechte anderer“, namentlich das Recht auf Leben (Art. 2 II GG), über alles stellt und jede mögliche Gefährdung (nicht etwa Verletzung), und sei sie noch so abstrakt und noch so mittelbar, absolut setzt, dann sieht es mit dem Recht, zu tun und zu lassen, was man will, denknotwendig ziemlich finster aus. Kurzum: Das Grundrecht läuft hohl.

So kann es kommen, daß folgendes passiert: Junge Leute feiern in der Bretagne eine Silvesterparty – unter weniger widrigen Umständen das normalste der Welt – und finden sich nach Ansicht einer Sprecherin des französischen Innenministeriums unversehens und allen Ernstes in der Kategorie „Straftäter“ wieder. Warum? „Weil sie die Regeln mißachten“. In entspannteren Zeiten mußte man, falls Bolle sich recht erinnert, sehr viel schwerere Geschütze auffahren als nur eine Silvesterparty zu feiern, um als „Straftäter“ zu enden. Aber genau so funktioniert „step by step“. Und keiner hat’s gemerkt. Auch versteht Bolle nicht, wieso unter diesen Umständen zum Beispiel Autofahren immer noch erlaubt sein soll. So richtig einleuchtend findet er das nicht. Aber das ist wohl ein anderes Kapitel.

Sa 02-01-21 Hype und Hybris

Hype und Hybris.

Wer sich – auch und nicht zuletzt in Corönchen-Zeiten – davon angesprochen fühlen mag, sei an dieser Stelle dahingestellt. Bolle hält L’art pour l’art für ein hinreichendes Motiv, das hier anzubringen. Auch möchte er dem Verdacht begegnen, daß er überwiegend oder fast völlig nur in fernöstlichen Weisheiten bewandert ist.

Das Bild ist einfach herrlich prägnant – bringt es doch in wenigen Worten auf den Punkt, was es über Hybris zu wissen gilt. In real life begegnet ist es Bolle übrigens nur ein einziges mal – und zwar in Ulrich Schamonis zeitlos schönem und wohl auch ein wenig subversivem Film ›Chaupeau claque‹ (D 1974). Doch das ist wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 01-01-21 Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

Der Drops ist gelutscht.

Ein gutes Neues Jahr Euch allen. Mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Belassen wir es also bei einem nüchternen „gut“. Mehr ist umständehalber wohl kaum zu erwarten. Aber Schluß mit der finsteren Weltsicht. Schließlich wollen wir vereinbarungsgemäß agnostisch-kontemplativ sein, was die Grundhaltung angeht.

Der wesentliche outcome, den das Jahr 2020 – allen Widernissen zum Trotze – mit sich gebracht hat, ist, Corönchen sei Dank, die Einsicht, daß wir Menschen sterblich sind. Zwar war das schon immer so – und ist insofern alles andere als neu. Allerdings braucht es zuweilen eine gewisse Wucht (neudeutsch: impact), damit das – an sich selbstverständliche – auch dem letzten unter uns helle wird.

Hier ein weiteres Exempel aus Bolles schier unerschöpflichem adaptierten Zitatenschatz fernöstlicher Weisheiten: „Jede Reise – und sei es die längste – beginnt mit einem ersten Funken an Haltung.“ Beachtet in diesem Zusammenhang bitte die Sorgfalt, mit der der gelutschte Drops auf dem Aschenbecher plaziert wurde. Bolle meint: That’s the spirit. So kommen wir weiter – und möchte sich an dieser Stelle ausdrücklich bei seiner Studentin mit der besten Haltungsnote ever bedanken. So gesehen war 2020 gar nicht soo schlecht. Ein gutes Neues Jahr Euch allen!

Do 31-12-20 Guten Rutsch! Und bessert Euch!

Silvester 2017 in Berlin Prenzlauer Berg.

Hier die Silvesternacht 2017 in Prenzlauer Berg. In 2018 und 2019 hatte sich Bolle nach »Dinner for One« gleich wieder hingelegt und damit seine photographischen Ambitionen hintan gestellt. Ob es dieses Jahr möglich sein wird, ein Last Minute Pic zu schießen und rechtzeitig ins Netz zu stellen, ist corönchen-bedingt eher fraglich. Auch ist das Bild krass verpixelt. Aber so ist das nun mal im Spätimpressionismus.

Dann wollen wir mal hoffen, daß das kommende Jahr erquicklicher wird als das doch etwas betrübliche 2020. Ob das so wird, hängt natürlich weniger von der Zahl an sich ab als vielmehr davon, was wir draus machen. Wer noch Anregungen zur Neu-Besinnung sucht, möge sich, falls er mag (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), von unserem agnostisch-kontemplativen Adventskalender inspirieren lassen.

Guten Rutsch, fürs erste. Nächstes Jahr wissen wir mehr …

So 27-12-20 Oh Zeiten, oh Sitten!

Vossische Zeitung vom 28. Juni 1914, am Vorabend des 1. Weltkrieges.

Hier das in den Medienwissenschaften immer wieder gerne herangezogene, geradezu „klassische“ Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll. Für diejenigen unter uns, die sich mit Frakturschrift schwertun, hier zunächst die Übertragung in Antiqua:

Sarajewo, 28. Juni (Telegramm unseres Korrespondenten). Als der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin, die Herzogin von Hohenberg, sich heute vormittag zum Empfange in das hiesige Rathaus begaben, wurde gegen das erzherzogliche Automobil eine Bombe geschleudert, die jedoch explodierte, als das Automobil des Thronfolgers die Stelle bereits passiert hatte. In dem darauffolgenden Wagen wurden der Major Graf Boos-Waldeck von der Militärkanzlei des Thronfolgers und Oberstleutnant Merizzi, der Personaladjudant des Landeshauptmanns von Bosnien, erheblich verwundet. Sechs Personen aus dem Publikum wurden schwer verletzt. Die Bombe war von einem Typographen namens Cabrinowitsch geschleudert worden. Der Täter wurde sofort verhaftet. Nach dem festlichen Empfang im Rathause setzte das Thronfolgerpaar die Rundfahrt durch die Straßen der Stadt fort. Unweit des Regierungsgebäudes schoß ein Gymnasiast der achten Klasse (Primaner) namens Princip aus Grabow aus einem Browning mehrere Schüsse gegen das Thronfolgerpaar ab. Der Erzherzog wurde im Gesicht, die Herzogin im Unterleib getroffen. Beide verschieden, kurz nachdem sie in den Regierungskonak gebracht worden waren, an den erlittenen Wunden. Auch der zweite Attentäter wurde verhaftet. Die erbitterte Menge hat die beiden Attentäter nahezu gelyncht.

Was war passiert? Das österreichische Thronfolgerpaar wurde erschossen. Das ist die Nachricht. Wider alle Regeln der Kunst erfährt man das beiläufig gegen Ende des Beitrages.

Was hat das mit uns zu tun? Nun — in diesen Weihnachtstagen, die ja eigentlich besinnlicher Natur sein sollten, hat die Presse augenscheinlich nichts besseres zu tun, als von einem „Wohnmobil“ zu berichten, das in Nashville, Tennessee, als Autobombe benutzt wurde. Was bitteschön, hat das mit „Wohnmobil“ zu tun? Oder damit, daß Nashville auch „Music City“ genannt wird? Hier die Nachricht, wie Bolle sie sich wünschen würde:

In Nashville, Tennessee, ist am Morgen des 25. Dezember eine Autobombe explodiert. Dabei haben die Täter Vorkehrungen getroffen, daß möglichst niemand zu Schaden kommt. Neben erheblichem Sachschaden ist weiter nichts passiert. Das Motiv ist noch unklar. Das FBI ermittelt.

Das wär’s gewesen. Ende der Durchsage. Frohe Weihnachten – und den Menschen auf Erden ein Wohlgefallen. Könnte es nicht sein, daß die Lust an der Sensation die Liebe zur Sachlichkeit bei weitem übersteigt? Aber das ist wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

So 20-12-20 Das zwanzigste Türchen — der 4. Advent …

Hier das 20. virtuelle Türchen …

Heute wollen wir uns – nach den ganzen Kontemplations-Anstrengungen der letzten Wochen – zur Abwechslung mit einem „leichten“ Türchen begnügen bzw. vergnügen. Die Originalfassung war Bolle dann aber erstens doch ein wenig zu apodiktisch und zweitens zu „victorian underground“. Unter der sittenstrengen Victoria I. nämlich hatten (nicht nur) die Bohémiens und Freidenker so manches Problem, das sich heute so kaum mehr vermitteln läßt – was sich nicht zuletzt in der Literatur niedergeschlagen hat. Belassen wir es also für heute bei Bolles fröhlich-paradoxer Version – und lassen uns die Kekse und die Stolle schmecken. Auf die Waage stellen können wir uns auch in 2021 noch. Doch das ist schon ein anderes Kapitel.