So 16-11-25 Disruptive dolle Dinger

Kannste ma sehen …

In Bolles Kreisen kennt man das Straßenkehrer-Theorem. Es besagt, daß, je schlichter und anspruchsloser eine Tätigkeit, desto einfacher ist es zu beurteilen, ob einer das, was er tut, auch kann. Der Begriff lehnt sich vermutlich an Beppo Straßenkehrers Kunst des Kehrens an: ›Schritt, Atemzug, Besenstrich‹ – die ihn erfolgreich durch so manch elend lange Straße getragen hat. Übrigens: wer lange nicht mehr Michael Endes ›Momo‹ (1973) gelesen oder zumindest gesehen hat (D/I 1986 / Regie: Johannes Schaaf): Warum nicht in der Weihnachtszeit mal wieder?

Umgekehrt gilt: Je höher eine Tätigkeit angesiedelt ist, um so schwieriger wird es, ihre Qualität zu beurteilen. Allenfalls post festum – also wenn es längst zu spät ist – läßt sich hierzu etwas sagen. Natürlich heißt ›schwierig‹ nicht ›unmöglich‹. Aber dazu bräuchte es so etwas wie prognostische Kompetenz beziehungsweise schlicht Urteilskraft – und das ist durchaus nicht jedermanns (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Sache.

Allerdings gibt es auch Phänomene, die man in Bolles Kreisen ›disruptive dolle Dinger‹ nennt. Hierbei handelt es sich um Ereignisse, die das Zeug haben, auch das hartgesottenste Hülsenfrüchtchen in seiner Wolkenkuckucksheimeligkeit tüchtig zu erschüttern – zumindest aber wenigstens vorübergehend ein wenig zu irritieren.

Ein derart disruptives dolles Ding dieser Tage waren die jüngsten Nachrichten um den sogenannten „Sturm auf das Kapitol“ vor vier Jahren.

Damals hatte Trump seine Fans aufgerufen, sich zum Kapitol zu begeben, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen – und zwar ausdrücklich „peacefully“. Das ›friedlich‹ wurde in der Version für die Weltöffentlichkeit allerdings tunlichst rausgeschnitten – und dafür „Wir werden kämpfen“ angehängt. Das hatte Trump in der Tat auch so gesagt – allerdings ungefähr eine Stunde später und in einem völlig anderen Zusammenhang. Und schon war der „Sturm auf das Kapitol“ pressegerecht angerichtet. So etwas nennt man üblicherweise – da gibt es kein Vertun – manifeste Manipulation.

Die eigentliche Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist aber: Wieso konnte es 4 (in Worten: vier) lange Jahre dauern, bis dieser Spuk dann endlich doch noch aufgeflogen ist?

Und? Wie geht der Journalismus 2.0 damit um? Nun – zum einen gab es den Versuch, den Leuten vorzugaukeln, hier habe es sich ja wohl um einen – so ebenso niedlich wie wörtlich – „Schnittfehler“ gehandelt. Zum zweiten gab und gibt es den Versuch, das alles auf der BBC abzuladen: Dort habe man sich bedauerlicherweise einen Schnittfehler geleistet. Der Rest der Weltpresse sei davon aber völlig unbeleckt. Bolle meint da nur: Echt jetzt? Und im übrigen habe die BBC sich ja auch „entschuldigt“. Damit sei ja wohl alles gut. Daß Trump die BBC gleichwohl auf 1 Milliarde Schadensersatz verklagen will, sei demnach ja wohl völlig unerhört. Bolle hört die Hosen schlottern. Und ist es nicht so, daß eine richtig schöne kalte Milliarden-Dusche für die ein oder andere Sendeanstalt ein durchaus probater Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Bräsigkeit sein könnte – um hier einmal Kant zu bemühen?

Bolle übrigens hat an den ganzen Spuk nicht einen Tag geglaubt. Daß das ganze Lug-und-Trug-Gespinste dann aber doch so offenkundig „an die Sonnen“ kam, ist dann doch erstaunlich – und wirft ein gewisses Schlaglicht auf den erzieherischen Impetus, mit dem so mancher „Haltungsjournalist“ meint, seine Gesinnung – denn was anderes wird es wohl kaum sein – systematisch in die Welt tröten zu müssen. Wer weiß, was da sonst noch so im Verborgenen schlummert? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-11-25 Plapper und Fallensteller

Vermintes Gelände …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens bezieht sich natürlich auf Zeiten, als Bolle noch Trappern und Fallenstellern wie etwa Sam Hawkens mit seiner tausendmal überflickten Weste nacheifern konnte, oder edlen Wilden wie Winnetou – ohne daß irgend jemand auch nur den geringsten Anstoß daran genommen hätte. Warum auch?

Heute scheint das alles ganz anders zu sein. Heutzutage ist es so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zwar immer noch machen kann, was er will. Allerdings sollte er tunlichst darauf achten, bloß nicht in eines der oben skizzierten Fettnäpfchen zu tappen. Keinesfalls nämlich darf man rassistisch sein oder sexistisch beziehungsweise frauenfeindlich gar oder, oder, oder … Nicht einmal ›menschenverachtend‹ ist drin – obwohl es hierfür mehr als gute Gründe gäbe.

Bolle liebt es ja, die Dinge mit den Methoden der Mathematik präzise auf den Punkt zu bringen – und das ganze dann möglichst auch noch so darzustellen, daß es eigentlich jedem einleuchten sollte, sofern er nicht völlig vernagelt ist. Die Graphik oben ist übrigens bereits älteren Datums und hat bislang schon so manchen Studenten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu einigem Nachdenken angeregt. Allerdings stand in den einzelnen Fettnäpfchen-Feldern bislang lediglich „Grrr!“–  als Ausdruck sozial verordneten Widerwillens.

Wenn wir uns also darauf verständigen, daß alles, was sich in den verschiedenen Feldern befindet, rein gar nicht geht, dann bleiben allein die dunkler unterlegten Felder am Rande. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Aber eben nur hier und nirgends sonst. Zugegeben: viel Spielraum bleibt da nicht.

Und genau so sieht sie denn auch aus, die dürftige und durchaus platte Debatte, die sich dem Volke hier und heute mit progressiver Tendenz darbietet. Da muß nur einer etwa ›Kleine Paschas‹ sagen oder ›Stadtbildoder ähnliches zum Besten geben – und schon ist wochenlang der Teufel los im Blätterwald. Da drängt sich doch die Frage auf: cui bono – wem zum Teufel soll das nützen?

Betrachten wir dazu das sozialpsychologische Muster, das hinter all dem stecken könnte, an einem historischen Beispiel. Dabei bietet sich jemand wie Luther geradezu an. Zum einen war justamente vorgestern erst Reformationstag – der den Jüngeren allerdings eher als Hallowe’en bekannt sein dürfte –, jener Tag also, an dem Luther 1517 seine 97 Thesen am Hauptportal der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen haben soll. Zum anderen ist das alles so lange her, daß sich hier und heute wohl kaum einer übermäßig auf die Füße getreten fühlen dürfte.

Heider-Dreieck mit Ad-Hominem-Anwandlung (AHA).

Die Graphik zeigt ein sogenanntes Heider-Dreieck, von dem wir eigentlich nur wissen müssen, daß es genau dann stabil ist, wenn in ihm entweder gar keine oder genau zwei Minuszeichen vorkommen. Mehr noch: Wenn wir zwei Vorzeichen kennen – hier also die Beziehung von Luther zu seinem eigenen Argument (+) und die Beziehung von Antonius zu Luther (–), dann können wir auf die Ausprägung der dritten Beziehung (also Antonius zum Argument) schlußfolgern.

Luther hat ein Argument, egal welches (+). Und nun kommt sein Mitbruder Antonius oder – schlimmer noch – Papst Leo X (1475–1521), ein geborener Medici-Machtmensch, auf die Idee, Luther sei ja wohl ketzerisch – nachgeradezu häretisch also. Zwar hat der Einwand mit Luthers Argument im Kern rein gar nichts zu tun – aber bitteschön. Die dahinterstehende Logik: Weil (!) Luther Häretiker ist, sei folglich (⇒) sein Argument zu verwerfen (–). Allgemeiner, und lutherisch-derb auf den Punkt gebracht: Luther scheiße, also Argument scheiße. Der stilisierte rötliche Blitz soll dabei andeuten, daß das alles mögliche sein mag – nur eben keine Logik in einem wie auch immer gearteten Sinne. Darum wollen wir das auch nicht als Argument gelten lassen. Vielmehr wollen wir von einer Anwandlung sprechen – einem gedanklichen Konstrukt also, das sich nicht mit Luthers Argument auseinandersetzt (ad rem – auf die Sache bezogen), sondern mit Luther als Person an sich (ad hominem). In der Graphik haben wir es dementsprechend auch als Ad-Hominem-Anwandlung bezeichnet, kurz AHA.

Gleichwohl erfreut sich derlei – immerhin 500 Jahre nach Luther – ungebrochener Beliebtheit. Wer erst einmal als rassistisch, sexistisch, oder gar völkisch etc. pp. (siehe unser Bildchen oben) gelabelt ist, hat nach dieser Logik keine, wirklich gar keine Chance, irgend etwas vorzubringen, das auch nur im Entferntesten zustimmungsfähig wäre. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer, aus dem Munde des Mephistopheles? Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie.

Abschließend bleibt natürlich die Frage: wer labelt da? Wer hat ein Interesse daran, eine sachliche Auseinandersetzung (ad rem) durch sozialpsychologische Spielchen (ad hominem) zu ersetzen? Zuvörderst wohl jene, die sehr genau wissen, daß sie für eine offen und ehrliche Ad-Rem-Auseinandersetzung kein allzu gutes Blatt auf der Hand halten. Dann doch lieber die Ad-Hominem-Anwandlung (AHA) als Argumentationsersatz. Auch muß man hier nicht so viel denken – was manchem durchaus entgegenkommen mag. Einen der Dröhnsprechbegriffe von unserem Schildchen in die Diskussion geworfen – und schon ist man im Spiel. Nicht mal definieren muß man sie. Hauptsache laut und lärmend und langanhaltend. Neil Postman übrigens hat sich diesem Phänomen in seinem ›Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹ (1985) vor nunmehr 40 Jahren schon recht ausführlich gewidmet. Allein: Vergebens predigt Salomo … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 26-10-25 Putin klaut die Kronjuwelen

Kryptisch, oh so kryptisch sein …
[Mabit1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons]

Das hat gerade noch gefehlt. Jetzt klaut Putin auch noch Kronjuwelen. Und dann auch noch ausgerechnet die von Napoleon. Zwar handelt es sich hierbei nicht wirklich um Kronjuwelen. Allein die Geste aber ist bedenklich genug. Was soll das werden? Eine späte Revanche für 1812, als Napoleon mit einer für damalige Verhältnisse spektakulär großen Armee von 600.000 Mann völkerrechtswidrig – wie man heute sagen würde – meinte Rußland überfallen zu müssen? Oder handelt es sich vielleicht um einen eher präemptiven – auch das übrigens ein Begriff, wie ihn überhaupt erst George W. Busch 2002 in die Welt gesetzt hat – Gegenschlag gegen die von der EU nach moderner Robin-Hood-Manier geplante Beschlagnahme von rund 200 Milliarden russischen Vermögens, das zur Zeit bei Euroclear in Brüssel lagert und aus EU-Sicht einer sinnvollen Verwendung harret – wie zum Beispiel dem Wiederaufbau der Ukraine?

Manche trauen Putin ja alles zu. Aber eine Revanche nach über 200 Jahren vermag Bolle nicht wirklich zu überzeugen. Und für einen präemptiven Gegenschlag wären die Klunker bei weitem nicht wertvoll genug. Genau genommen wären es nicht einmal die sprichwörtlichen Peanuts. 88 Millionen, so der geschätzte Wert der Preziosen, macht nämlich gerade mal 0,04 (!) Prozent von 200 Milliarden aus.

Allerdings soll das hier und heute gar nicht unser Thema sein. Im Gegenteil: Bolle meint, es sei hohe Zeit, sich selber auch mal in der Kunst zu üben, kontrafaktische Fake-News mit prägnantem propitiösem Potential zu produzieren. Immerhin sieht Bolle ein, daß ein Begriff wie ›propitiös‹ der Erläuterung bedarf: es handelt sich hierbei einfach nur um eine Eindeutschung des angelsächsischen propitious ›verheißungsvoll‹.

In der Tat hat Bolle eine entsprechende Meldung bislang schwer vermißt. Üblicherweise läuft es ja so, daß – wenn man schon keine Tatsachen zu berichten weiß, etwa nach Augsteins Credo ›Schreiben, was ist‹ – sich doch irgendwo ein „Experte“ sollte finden lassen, der das jeweils Gewünschte in die Manege munkelt. Und schon ist es eine echte Meldung. Schließlich hat er, der Experte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) es ja in der Tat gesagt. Das muß im Zweifel genügen.

Und wenn das Gewünschte erst mal in der Welt ist, dann wird es seitens geneigter Kollegen aufgegriffen, abgeschrieben und so lange reproduziert, bis es schließlich wirklich wahr wird – denken wir nur an den Virus-Wahn, einen Spätausläufer des Corönchen-Kappes, oder an die Hobbytaucher-Hypothese im Zusammenhang mit Nordstream 2. Nichts genaues weiß man nicht. Aber wenn’s doch täglich in der Zeitung steht …?

So gesehen verwundert Bolle das alles doch sehr. Wer sich demnächst halb Europa unter den Nagel reißen will – manch Experte weiß heute schon, bis wann das spätestens der Fall sein wird –, warum sollte der vor ein paar Klunkern zurückschrecken?

Und überhaupt – let’s go crazy. Was ist mit der Mona Lisa? Da war doch mal was – und zwar ebenfalls im Louvre. Nachtigall, ick hör dir trapsen!

Putin selber kommt hoffentlich kaum in Betracht – dafür ist 1911 viel zu lange her. Das würde wohl selbst der dümmste Zeitungsleser nicht ohne weiteres glauben wollen. Aber wie wär’s mit dem Prinzip Putin – der Inkarnation aller Schlechtigkeiten dieser Welt? War Vincenzo Peruggia, der geständige Täter, nicht doch ein russischer Agent? Diente der Mona-Klau womöglich der Vorbereitung der russischen Revolution 1917? Und wieso nur 7 Monate Knast? Hatte da womöglich die Kampforganisation der russischen Sozialrevolutionäre ihre Finger im Spiel?

Und ist die Fibonacci-Spirale in unserem Bildchen, wenn man es vertikal an der Mittelsenkrechten spiegelt, nicht klar und deutlich ein stilisiertes P? Also P wie Putin – oder zumindest doch wie Putinismus?

Bolle meint, hier müßte sich – de oratione ferenda, also im Rahmen künftiger journalistischer Betätigung – durchaus noch einiges machen lassen. Alles nur eine Frage der Kreativität. Kieken wa ma. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 12-10-25 Die Urständ der Urkonstruktivisten

Strafrechtliche Flurbereinigung.

Neulich hat Bolle im Netz in einem jener Magazine geblättert, die sich selber solide journalistisch finden, im Wesentlichen aber stramm aktivistisch sind. Der Unterschied in nuce: Die einen versuchen zumindest zu sagen, was ist. Die anderen camouflieren das, was ihrer Ansicht nach doch bitteschön zu sein habe – Ja, nachgeradezu sein muß –, als reinsten Journalismus. Nun ja: jeder, wie er kann. Ist ja auch am einfachsten.

In dem Beitrag ging es darum, ob es nicht weiterhin ›Bürgergeld‹ heißen solle beziehungsweise gar müsse, oder ob mit ›Grundsicherung‹ nicht nämliches hinreichend umschrieben sei. Dabei lege – so der Autor – der Begriff ›Bürgergeld‹ nahe, daß die Betroffenen zwar arm, aber deswegen mitnichten weniger bürgerlich seien. ›Grundsicherung‹ dagegen insinuiere, daß es sich um Leute handele, die nicht in der Lage seien, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft sicherzustellen.

Nun – letzteres ist zweifellos der Fall. Allein ersteres klingt natürlich besser, of course  – selbst wenn es sich bei einem Großteil der Betroffenen nicht einmal um Bürger – etwa im Sinne von ›Staatsangehörige‹ – handelt.

Ähnliches gelte unter anderem für Begriffe wie ›Zwangsbeiträge‹ für die an die Öffis  abzudrückenden Tribute, oder die Frage, ob vegetarische Schnitzel ›Schnitzel‹ heißen dürfen.

Allgemein: Darf ein Schraubenzieher ›Schraubenzieher‹ heißen, wo er doch mitnichten Schrauben zieht, sondern vielmehr dreht? Darf ein Zollstock ›Zollstock‹ heißen, wo er doch regelmäßig in Zentimeter unterteilt ist? Darf das Alte Testament so heißen? Oder könnte das – wie manche meinen – antijudaistische Assoziationen evozieren?

Dürfen die Deutschen ihre Handys hartnäckig ›Handy‹ nennen – wo es doch dieses Wort in dieser Bedeutung so sonst nirgendwo auf der Welt gibt?

Bolle geht diese ganze Dürfen-Debatte gehörig auf den Keks. Was dann? Bolle plädiert entschieden für alte Rechte. Wenn etwas jahrhundertelang gut genug war als Wort: warum dann plötzlich auf den Müll damit? Weil’s dem zivilisatorischen Fortschritt dient? Bolle bleibt da durchaus skeptisch.

Konnte James Tobin – nämlicher Tobin mit der Tobin-Tax, und im übrigen Wirtschaftsnobelpreisträger 1981 – im Jahre 1965 in einer amerikanischen Fachzeitschrift noch darüber nachdenken, wie sich die wirtschaftliche Lage der schwarzen Bevölkerung verbessern ließe (›On Improving the Economic Status of the Negro‹), wäre das heute, nur zwei Generationen später – ein Fanal zum Skandal. Warum eigentlich? Von etwaiger Abwertung des Negers kann in dem Beitrag wirklich keine Rede sein – im Gegenteil.

Auch hat sich Bolle bei seinem Lieblings-Pausenbrot nie von einem Neger geküßt gefühlt – oder auch nur im Entferntesten die Empfindung gehabt, einem Mohren den Kopf abzubeißen. Vor allem aber hat sich niemand – weder Bolle noch seine Peers –  beim Pennäler-Pausenbrot je moralisch über- oder unter- oder sonstwie gelegen gefühlt. Um es mit Gertrude Stein zu sagen: Ein Mohrenkopf ist ein Mohrenkopf ist ein Mohrenkopf – egal wie er nun heißen mag (vgl. dazu vor allem So 23-03-25 Konfuzius reloaded).

Ist es nicht vielleicht so, daß die Wirklichkeit nur sprachlich ins rechte Licht gerückt werden muß, um wirklich wahr zu werden? Das war immer schon der Traum aller Urkonstruktivisten – angefangen bei zum Beispiel Berger/Luckmann, die mit ihrer ›Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit‹ (1966) nämliches für möglich hielten, wenn nicht gar für wahrscheinlich.

Ist also Sprache dazu da, die Wirklichkeit zu beschreiben? Oder soll sie dazu da sein, die Wirklichkeit zu gestalten? In Bolles Kreisen unterscheidet man soziale –, brachiale –, sowie juristische Normen. Ersteres meint das, was die Leute so ganz allgemein für richtig und für angemessen halten. Das zweite meint das, was der Journalismus 2.0 ganz im Geiste des Konstrukt­ivismus meint, den Leuten in die Köppe hämmern zu müssen – und zwar so lange, bis sie es, zumindest nolens volens, für richtig und für angemessen halten. Gesiegt hat das konstruktivistische Kalkül allerdings erst dann, wenn es gelingt, die brachiale Norm in den Rang einer juristischen Norm zu erheben. Fürderhin ist es nämlich regelrecht verboten (!), die Norm nicht zu beachten: aus Konstruktion wird Wirklichkeit.

Goethe übrigens, der alte Dichterfürst, der Princeps poetarum, meinte in seinen posthum herausgegebenen ›Gedichten‹ (1836) –

Die Sprache bleibt ein reiner Himmelshauch
Empfunden nur von stillen Erdensöhnen.

– wobei wir ›Erdensöhne‹ natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts verstanden wissen wollen, of course, und kommt dabei zu folgendem Schluß:

Wer fühlend spricht, beschwätzt nur sich allein …

Vielleicht müßte man heute präzisierend ergänzen: sich allein – und seine Bubble weltbewegter Bessermenschen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 05-10-25 Drama Queen

Ja, eure Reden, die so blinkend sind …

Und immer wieder erreichen uns Briefe,
in denen der ein oder andere schreibt:
„Treibt’s nicht zu arg mit der geistigen Tiefe,
damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt.“

Das Epigramm lehnt sich natürlich an an ›Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?‹ (1930). Allerdings meint Bolle, hier passe es auch ganz gut. Laßt es uns also – zumindest öfters mal – etwas geruhsamer angehen und ›Polit/Presse/Populus – Der Tragödie dritter Teil‹ fürs erste zurückstellen. Aufgeschoben ist ja bekanntlich mitnichten aufgehoben. Auch wollen wir uns etwas knapper fassen, da den letzten Sonntagsfrühstückchen ja ein gewisser Hang zum Überschwang eigen war. Wohlan, denn!

Unser Schildchen zeigt eine hochgestellte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – die wir natürlich via Augenbalken anonymisiert haben, da es uns stets nur um die Strukturen gehen soll und nie um einzelne Personen – bei einer Rede anläßlich irgendeines Anlasses. Offenbar ergriffen und bewegt von den eigenen Worten fing besagte Person auf offener Bühne und vor laufender Kamera an, ein wenig aus der Form zu fallen: Schmerzverzerrtes Gesicht inmitten der Rede – und womöglich Tränchen gar. So genau wollte Bolle das gar nicht wissen – dafür ist er nun mal zu dezent.

Das allererste indes, was Bolle dazu einfallen wollte, war eine Stelle aus ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro).

Räuspern und ein Schlücken Wasser …

Im Film sollte der Präsident eine Rede halten – natürlich wie üblich vom Teleprompter abgelesen. Interessant fand Bolle, daß da nicht nur der reine Text steht, sondern auch regelrechte Regieanweisungen – ähnlich wie etwa die Anweisung ›pesante‹ (getragen), wie man es aus Partituren kennt. Hier also „sich räuspern und ein Schlückchen Wasser nippen“. Wer’s nicht glauben mag: Die Szene findet sich im Film an der Stelle 58´58´´. Und nun sage keiner, das sei eben Hollywood – mitnichten aber das wirkliche Leben. Hollywood bringt es womöglich nur auf den Punkt, das wirkliche Leben. Wir hatten es schon öfters mal erwähnt: Alle ein, zwei Jahre mal wieder diesen Film zu gucken, rein zur Auffrischung, scheint Bolle nachgerade eine Frage der geistigen Hygiene zu sein, eine Art Immunisierung gegen schädliche Einflüsse vielerlei Art  – so ähnlich wie Zähneputzen, nur eben nicht ganz so oft.

Aber vielleicht ist das alles ja auch gar nicht so. Vielleicht war besagte Person in der Tat von ihrer eigenen Rede so angegriffen (wie man bei unseren südlichen Nachbarn sagt) beziehungsweise so aufgewühlt, daß es halt kein Halten mehr gab. Unwahrscheinlich – aber möglich wär’s. Allein Bolle mag‘s nicht glauben.

Im übrigen: Der Sommer war sehr groß – wenn auch mitnichten der vom Journalismus 2.0 herbeihysterisierte Superhöllenhitzesommer mit fast 50 Grad im Schatten. Und in einem Monat schon beginnt – zumindest bei Bolle ist das so – die Weihnachtszeit und damit der besinnlichere Teil des Jahres. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 21-09-25 Polit / Presse / Populus – Der Tragödie erster Teil

So schräg kann’s liegen …

Zwar ist es nicht unbedingt so, daß alles mit allem zusammenhinge – aber doch immerhin so manches mit manchem. Das Ob und Wie ist dabei – wie es in Bolles Kreisen vornehm heißt – eine Frage der Ballungsebene. Wie dicht wollen wir ranzoomen an die Fülle der Erscheinungen der Welt? Zoomen wir zu nah, sehen wir jeden einzelnen Baum – verlieren dabei aber den Wald aus dem Blick. Und umgekehrt. Bei der Wahrheitssuche kommt es also nicht zuletzt darauf an, was genau man wissen will.

Unser Schildchen heute zeigt die Elemente ›Polit‹, ›Presse‹ und ›Populus‹ in einer ausgesprochenen Fernzoom-Perspektive – also richtig grob und holzschnittartig. Die einzelnen Bäume – um im Bild zu bleiben – sollen uns hier nicht weiter interessieren.

Dabei sei ›Polit‹ die gesamte politische Sphäre im weitesten Sinne – bis hin zu einschlägigen NGOs und auch einzelnen Paragonisten. Unter ›Presse‹ sei alles verstanden, was „irgendwie mit Medien“ zu tun hat – wobei wir uns allerdings auf den Mainstream beschränken können. ›Populus‹ schließlich sei schlicht und ergreifend das staunende Volk, das all das über sich ergehen lassen muß.

Damit wären unsere Systemelemente hinreichend genau bestimmt. Kommen wir zu den Beziehungen – also dem, was sich zwischen den Elementen abspielt. Dabei wollen wir unterscheiden zwischen dem Ist-Zustand und einem Soll- beziehungsweise Sollte-Zustand. Ersteres haben wir in schwarzer Schrift notiert, letzteres rötlich (und jeweils mit Ausrufezeichen versehen – Bolles üblicher Notation für Soll-Aussagen).

Gegenwärtig – also im Ist-Zustand – läßt sich die Beziehung Presse→Polit wohl am ehesten mit ›einschleimen‹ umschreiben. Welch wohlige Wonne im Dunstkreis der Macht! In der Gegenrichtung, also Polit→Presse, könnte man kurz und knackig auf ›einseifen‹ erkennen.

Das mag ein wenig hart und herzlos klingen. Allein so ist das nun mal auf hoher Ballungsebene: keine Zeit für Höflichkeit. Hier nämlich geht es vornehmlich darum, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Verfeinern kann man schließlich immer noch.

Zu Bolles Oberstufenzeiten – das ist ja durchaus schon ein Weilchen her – war es Mode zu argumentieren, man müsse (dieses oder jenes) „differenziert“ sehen. Bolle war damals schon entschieden der Ansicht, daß ›differenzieren‹ niemals ein Ersatz für integrieren sein kann – also die Dinge im Zusammenhang zu sehen. Das Modewort ›ganzheitlich‹ gab es damals übrigens noch nicht – jedenfalls nicht daß Bolle wüßte.

Um die ›Polit→Presse‹-Beziehung zu illustrieren, gibt es wohl kaum feineres Anschauungsmaterial als ›Wag the Dog‹ (USA 1997 / Regie: Barry Levinson / mit Dustin Hoffmann und Robert de Niro): Nachdem der Präsident eine Pfadfinderin gevögelt hatte und daher um seine Wiederwahl (in 11 Tagen schon) bangen mußte, zaubert eine eigens eingesetzte Under-Cover-Special-Task-Force einen nicht-existierenden ›B 3-Bomber‹ aus dem sprichwörtlichen Hut – und schon redet alles nur noch über einen möglichen Krieg. Die Pfadfinderin verschwindet dabei von den Titelseiten. Derweil heißt es bei den PR-Strategen: „Now they get it – Jetzt kapieren sie es.“ Treffer – versenkt!

Kurzum: Die Polit/Presse-Beziehung ist, wie sie sich derzeit darstellt, eine ausgesprochene Mesalliance (um mal einem wunderschönen alten Wort einen neuen Sinn zu geben), die zu niemandes Nutz und Frommen ist – am allerwenigsten des Populus‘.

Dabei könnte alles so schön sein. In einer von Bolle imaginierten besseren aller möglichen Welten (Voltaire 1759) sollte es möglich sein, daß die Presse der Polit-Sphäre gründlich auf die Finger schaut – wenn nicht sogar tüchtig klopft. Ein dummer Spruch, ein törichter Soundso-viel-Punkte-Plan, ein lächerliches Insta-Reel – und schon sollte es Häme hageln, daß es nur so rappelt in der Kiste. Schließlich sind die Paragonisten der Polit-Sphäre auch nur Menschen und agieren allzu gerne nach dem Motto: Wenn sich’s doch lohnt? Dann weiter so! (Homans‘ Theorem Nr. 1 in Bolles Fassung). Wenn sich’s aber, umgekehrt, nicht lohnen täte, weil man so richtig schnell und gründlich auf die Mütze kriegen würde, dann wäre wohl der Spuk mit einem Schlag vorbei – und der Weg frei für politische Umgangsformen, die den Namen auch verdienen würden. Das allerdings gehört wohl eher schon zur ›Polit→Populus‹-Beziehung.

Im Grunde würde es schon reichen, sich hin und wieder an Hanns Joachim Friedrichs‘ (1927–1995) Diktum zu erinnern und daran zu denken, daß man einen guten Journalisten daran erkennt, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten.

Umgekehrt – also im Verhältnis von Polit zu Presse – sollte es so sein, daß man letztere regelrecht fürchtet! – und zwar wie der Teufel das Weihwasser. Ganz nach dem Motto: „Ich sehe schon die Schlagzeile morgen in der Zeitung. Weia!“ – Kurzum: Jede Polit/Presse-Kumpanei sollte sich per se verbieten. Anders macht der Spruch von der Vierten Gewalt auch rein gar keinen Sinn – was allerdings die Presse-Sphäre mitnichten davon abhält, sich nach wie vor und im Brusttone der Überzeugung als solche zu gerieren.

So aber ergänzen sich ›einschleimen‹ und ›einseifen‹ aufs Feinste zu etwas, was die Angel­sachsen so trefflich-alliterativ ›slippery slope‹ nennen – einen schlüpfrig-glitschigen Abhang, an dem es nur eine Richtung geben kann: abwärts! – Und da sage noch einer, Fernzoom mache keinen Sinn.

Bleiben noch die Beziehungen ›Polit→Populus‹ und ›Presse→Populus‹ zu klären. Das aber ist dann doch schon wieder – jedenfalls für heute – ein ganz anderes Kapitel. Fortsetzung folgt!

So 14-09-25 Wenn’s doch der Wahrheitsfindung dient

Wittgenstein und Wichtelein …

Leute brauchen Orientierung. Das bedeutet nicht zuletzt zu wissen, was wahr ist und was nicht. Dabei wird – zumindest Bolle scheint das so zu sein – das Wissen um die Wahrheit nach einem mehr oder weniger gründlichen Modellierungsprozeß anhand aller jemals gewonnenen Eindrücke (Welt II) als Weltbild (mappa mundi) abgelegt (Welt III) und ist fürderhin handlungsleitend. Wobei bereits die Einsicht, daß das Weltbild nur ein Bild ist und mitnichten die Welt an sich (Welt I), offenbar nur fortgeschritteneren Gemütern – Agnostikern etwa – vorbehalten ist.

Welt im Bild …

Alle anderen verbringen ihr halbes, wenn nicht gar ihr ganzes Leben damit, andere von ihrem Wirklichkeitsmodell zu überzeugen – notfalls auch mit Gewalt: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich Dir den Schädel ein.“ (Bernhard von Bülow 1903 in einer Reichstagsrede).

Wer meint, Recht zu haben, sucht sich zuvörderst „Fakten“ – so will es der Zeitgeist. Je mehr Fakten, desto Recht – wie manche ja zu meinen scheinen. Zwar sind ›Fakten‹ kaum mehr als ›Wahrheit aus der Froschperspektive‹ oder, wie Don Quixote de la Mancha (1605/1615) es seinerzeit gefaßt hat: „Tatsachen, mein lieber Sancho, sind die Feinde der Wahrheit.“

Wer‘s noch etwas dicker mag, der stützt sich gern auf Studien – als so einer Art Fakten-Bazooka:  „Seht her, hier steht’s. Die Studie hat ergeben.“ Zweifel ausgeschlossen. Bolle meint nur: Amen! Dann wird es wohl so sein.

Neulich hat eine Tageszeitung, die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, getitelt, daß sich „Füße hoch“ doch nicht lohne, da das Einkommen selbst bei Mindestlohn deutlich höher sei als bei Bürgergeldbezug. In der Kellerzeile (Bolles Gegenstück zur Dachzeile) hieß es ausführend, dies habe eine „neue deutschlandweite Studie“ ergeben. Arbeiten sei also „immer attraktiver“ – man habe schließlich „bis zu 662 Euro“ mehr.

Da hegt und pflegt jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in seiner Welt III die Ansicht, daß sich Arbeiten für ihn nicht lohne, etwa weil es bei seiner bescheidenen Ausbildung und einer entsprechend kläglichen Einkommenserwartung unter den gegebenen Umständen einfach keinen Sinn mache. Doch halt: nun kommt die Studie und verkündet, daß es, tout au contraire, für ihn (!) eben doch Sinn mache. Wer hat Recht? Die Antwort ist müßig, of course.

Ob es „attraktiver“ ist, bis zu 662 Euro mehr im Monat zu haben, entscheidet allein der potentielle Arbeitnehmer – und nicht etwa die Autoren einer Studie. In Bolles Kreisen nennt man das Konsum/Freizeit-Präferenz: Der Arbeitnehmer – und nur der – entscheidet, wieviel seiner Lebenszeit ihm zusätzliche Konsummöglichkeiten wert sind.

Im übrigen bedeuten 662 Euro mehr – man beachte hier vor allem auch den Fleiß und die Gründlichkeit der Autoren: alles präzise auf den Euro genau durchstudiert – gerade mal 22 Euro pro Kalendertag. Die aber ließen sich – so könnte man das durchaus sehen – bei sorgfältiger, umsichtiger und methodischer Haushaltsführung (in Bolles Kreisen heißt das ›SUM‹) leicht und locker wieder einspielen – etwa, indem man selber kocht, selber backt, und überhaupt so manches selber macht.

Von all dem aber schweigt der Studie Bräsigkeit. Allein das ist höchst charakteristisch für Studien aller Art. Sie belichten und beleuchten irgendeinen isolierten Teilaspekt des Daseins und geben das dann als die wirkliche Wahrheit aus. Bolle meint nur: Pustekuchen! Augen auf beim Weltbild-Basteln. Mit Fakten fressen und Studien schlucken jedenfalls ist es wirklich nicht getan.

Übrigens: Von Kümmern um Kinder und so – Marx hat das seinerzeit ›Reproduktion‹ genannt – war hier überhaupt noch gar nicht die Rede. Wenn etwa Mutti (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich auf Arbeit vergleichsweise sinnlos und schlechtbezahlt plagt,  derweil die lieben kleinen Schlüsselkinder mangels Zuwendung und unter tüchtiger Beihilfe von so manchem TV-Format zuhause systematisch verblöden, dann ist das sicher auch nicht ganz im Sinne des Erfinders. Auch hierzu weiß die Studie nichts zu sagen. Kurzum: Es ist offenbar gar nicht so einfach, auch nur einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen – schon gar nicht, wenn es um Wahrheit für andere geht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 31-08-25 Iustitia als Seherin

Iustitia voll ausstaffiert (nach einer Vorlage von Özgür Karabulut).

Nachdem unser letztes agnostisch-kontemplatives Sonntagsfrühstückchen ja durchaus etwas üppig geraten war, wollen wir uns heute wieder mit schmalerer Kost bescheiden – allerdings ohne dabei zu versäumen, unsere neue Kategorie ›Schlaglicht‹ einzuführen.

Neulich hat Bolle eine kleine Notiz zum Thema ›Sven Liebich‹ gefunden. Sven Liebig heißt jetzt Marla-Svenja Liebich, „liest“ sich neuerdings als Frau – und muß beziehungsweise darf eine verhängte Haftstrafe von immerhin 18 Monaten dementsprechend korrekterweise in einem Frauenknast antreten.

Verurteilt wurde Frau Liebich übrigens wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB), Billigung eines Angriffskrieges (§ 140 StGB), Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz, übler Nachrede (§ 186 StGB) und Beleidigung (§ 185 StGB). Wenn man bedenkt, daß man heutzutage wegen einer Aufmunterung wie etwa „Bravo, Putin“ bereits Gefahr läuft, wegen Billigung eines Angriffskrieges gemäß § 140 StGB rechtskräftig verurteilt zu werden (vgl. dazu So 15-06-25 Immer auffem Sprung), dann dürfte es sich bei Frau Liebig um einen nicht wirklich schweren Jungen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) handeln. Eher müffelt das ein wenig nach Ruhigstellung unliebsamer Zeitgenossen. In weniger demokratisch gesinnten Gesellschaften als der unseren würde man derlei durchaus mit politischer Justiz attribuieren können. An dieser Stelle aber laufen wir leicht Gefahr, daß sich die Schlaglichter regelrecht überschlagen. Lassen wir es für heute also lieber ruhig angehen und kommen wir zu unserem eigentlichen Thema ›Iustitia‹.

Iustitia, die Göttin des Rechtes beziehungsweise besser noch: der Gerechtigkeit, ist mit ihren mindestens 2.000 Jahren durchaus schon eine elderly lady. In den meisten Darstellungen gehören Augenbinde, Waage und Schwert zu ihren essentiellen Paraphernalia. Dabei soll die Waage für gründliches Abwägen stehen – letztlich also für Urteilskraft –, das Schwert für die Fähigkeit und die Bereitschaft, das für Recht erkannte auch durchzusetzen, und die Augenbinde schließlich für eine Rechtsfindung ohne Ansehen der Person – letztlich also gleiches Recht für alle.

Daß es sich hierbei um ein Ideal handelt, das es in der rauhen Wirklichkeit eher schwer haben dürfte, sieht Bolle natürlich ein, of course. Nicht umsonst kursiert unter Juristen ja der folgende Witz: „Der Richter ist der Mann, der entscheidet, welche Partei den besseren Anwalt hat.“ Indes: Ideale zu canceln mit der Begründung, es seien ja ohnehin „nur“ Ideale, scheint Bolle jetzt auch nicht wirklich ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.

Kommen wir zu unserem Schlaglicht: Neulich begab es sich, da meinte einer aus der Gilde der Meinungsmacher, daß es ja wohl möglich sein müsse, einen „notorischen Neonazi“ – gemeint ist Frau Liebich – am „Mißbrauch“ eines Gesetzes zu hindern, ohne gleich das ganze Gesetz in Bausch und Bogen zu verwerfen. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, daß sich besagter Journalist selber als eher „rechts“ bezeichnen würde und im übrigen durchaus als „Edelfeder“ gelten darf – also einer, der in der journalistischen Nahrungskette, zumindest was sein Gehalt angeht, recht weit oben residiert.

Auf unsere Göttin übertragen würde das nicht mehr und nicht weniger als folgendes bedeuten: Iustitia lupft ihre Augenbinde, sieht, wen sie da so vor sich hat, und erklärt feierlich – und womöglich gar im Namen des Volkes: „Ahh! Frau Liebig! Sind Sie nicht der notorische Neonazi? Sorry – aber unsere Gesetze gelten nur für die Guten.“ Ob sie dabei „unsere“ gedanklich, möglicherweise gar in ironischer Absicht, in Tüddelchen setzt, sei hier einmal dahingestellt.

Übertrieben? Leider, leider nicht. Denken wir nur an Ludwigshafen – wo dieser Tage ein höchst aussichtsreicher Kommunalpolitiker allein deshalb nicht zu den Guten zählen und sich daher nicht wählen lassen darf, weil er die Nibelungensage mag. Sehr viel substantuierter war die Begründung hinter dem üblichen Polit-Palaver in der Tat und allen Ernstes nicht. Der Beispiele fänden sich gar einige. Und? Was machen die Juristen? Machen – wie schon öfters mal in der Geschichte – immer feste mit! Nieder mit Iustitias Augenbinde! Gleiches Recht für alle? Wo kämen wir da hin? Allein: Iustitia als Seherin – als Göttin der Guten, sozusagen – ist jedenfalls ein Widerspruch in sich. Immerhin paßt das alles gar aufs Feinste zu Hülsenfrüchtchens Horizont. Oder, um es epigrammatisch zu fassen – Bolle liebt ja Epigramme:

Wenn die Guten tüchtig tuten
Statuten jämmerlich verbluten –
Dann ist es nicht mehr allzu weit
zu Hülsenfrüchtchens Herrlichkeit.

Das alles aber ist – wir ahnen es bereits – dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-08-25 Wir tolerieren uns zu Tode

Rein — oder raus …?

Wir haben uns natürlich überlegt, ob wir Donald Trump heute mal auf unser Schildchen heben wollen. Schließlich soll es ja Leute geben, die durchaus der Ansicht sind, daß, egal was Mr. Trump so von sich gibt, das per se nicht stimmen könne. Mancher würde gar bestreiten, daß 2+2=4 ist, falls der das behaupten sollte. Bolle aber war dafür. Schließlich – so sein Argument – sei oft der Scherz ja wohl das Loch, durch das die Wahrheit pfeife. Vor allem aber fand er das alles ausgesprochen allegorisch. Im übrigen – das kam noch hinzu – war Bolles lieber guter alter Großpapa – Sanitätsoffizier in gleich zwei Weltkriegen – ganz ähnlich drauf. Bevor er sich hat irgendwo Essen servieren lassen, hatte er regelmäßig erst mal heimlich einen Blick in die Küche geworfen. Falls ihm die Zustände nicht zusagen wollten, dann blieb es halt beim Bier. Wer braucht schon Futter mit Bazillen?

Beim Titel haben wir uns von Neil Postmans ›Wir amüsieren uns zu Tode‹ anregen lassen. Es trägt den Untertitel ›Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹, ist schon 1985 – vor nunmehr 40 Jahren also – herausgekommen und noch immer (beziehungsweise gar schon wieder) ausgesprochen lesenswert. Mit Urteilskraft und Urteilsbildung ist es zur Zeit ja nicht allzuweit her, könnte man meinen.

Der letzte Satz des Gleichnisses meint natürlich die gegenwärtigen Aufräumarbeiten – falls man das so nennen mag – in Washington, D.C. Mr. President ist nämlich der Ansicht, daß es der Hauptstadt von God’s own country nicht schlecht zu Gesicht stünde, wenn sie keinen allzu verwahrlosten Eindruck machen und auch keinen Spitzenplatz im Mord- und Totschlag-Ranking einnehmen würde. Die rivalisierenden Demokraten, die dort mit überwältigender Mehrheit regieren, waren natürlich aufs blankeste entsetzt ob der präsidialen Einmischung in ihre – wie sie es sehen – inneren Angelegenheiten. Schließlich versteht man sich dort als durch und durch liberal – was sich am besten mit ›links‹ übersetzen läßt – und da legt man nun mal einen gewissen Wert auf ›anything goes‹ (Paul Feyerabend 1975). Nun aber könnte zwischen der wörtlichen Übersetzung ›Man kann alles machen‹ und der lebenspraktischen Aussicht ›Wird schon alles funktionieren‹ ein kleiner, aber feiner semantischer Unterschied liegen, der, so Bolles Vermutung, der „Liberal Crowd“ nicht immer voll bewußt zu sein scheint.

Damit aber wären wir dicht an der Allegorie. Garrett Hardin hatte, in etwa um die gleiche Zeit (1968), in seinem Aufsatz ›The Tragedy of the Commons‹ zum Thema Freiheit folgendes angemerkt:

Der Ruf nach „Rechten“ und nach „Freiheit“ liegt allenthalben in der Luft. Aber was bedeutet Freiheit? Als man übereingekommen war, zum Beispiel Raub unter Strafe zu stellen, wurden die Leute dadurch freier – und nicht etwa weniger frei.

Dem könnte man natürlich widersprechen, of course – so mancher Raubritter würde genau das tun –, muß man aber nicht. Spätestens seit Thomas Hobbes‘ ›Leviathan‹ (1651) dürfte den allermeisten einleuchten, daß ein Gemeinwesen, und sei es das liberalste (beziehungsweise freiheitlichste) einer gewissen inneren Ordnung bedarf, damit die Dinge eben nicht in Mord und Totschlag ausarten. Schließlich, so Hobbes, sei im Naturzustand der Mensch dem Menschen nun mal Wolf und neige dabei ›zum bellum omnium contra omnes‹ – dem Kriege aller gegen alle.

Aber schweifen wir nicht ab und beschränken wir uns für heute auf eine zumindest leidlich adrette Erscheinung als Parallele zu Trumps adretter Eingangstüre. So hat, wie man hört, die Mailänder Scala diesen Sommer erst eine explizite Kleiderordnung eingeführt: Wer sich untersteht, in Shorts, in Flip-Flops oder ärmellosen Hemdchen zu erscheinen, muß künftig leider draußen bleiben – ohne daß die Kosten für die Eintrittskarte in irgendeiner Form erstattet würden, versteht sich. Bolles liebe gute alte Großmama hätte in solchen Fällen nicht versäumt zu erwähnen, daß auf einen groben Klotz nun mal ein grober Keil gehöre.

Natürlich gab es umgehend Diskussionen – bis hin zu heftigem Protest. Aber was will man machen? ›Form follows function‹ ist nun mal nicht alles – auch wenn eine Menge Leute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) namentlich der jüngeren Generationen nichts anderes gelernt zu haben scheinen. Zu der ›Form‹ im Spruch gehört, wie Bolle ernstlich meinen will, nun mal auch eine gewisse Form.

Übrigens: Wie man weiterhin hört, sollen die Yanks den Ukrainern gesteckt haben, daß Selenski beim nächsten Treffen doch bitteschön im Anzug zu erscheinen habe. Anderenfalls fände leider kein Treffen statt. Ist das jetzt Powerplay? Arroganz der Macht? Oder Pflege guter Sitten und Wahrung bewährter Umgangsformen? The wind of change, womöglich gar? Fragen über Fragen. Apropos Selenski: Der Journalismus 2.0 ätzt zur Zeit aus allen Rohren ob des Treffens der beiden Präsidenten am Freitag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem

Erst kommt das Weltbild — der Rest ist egal.

Man möcht‘ es nicht für möglich halten. Als Bolle unser heutiges Schildchen in die Redaktionsablage für spätere Verwendung geworfen hatte – anderthalb Jahre ist das jetzt her –, geschah das anläßlich eines gewissen Unmutes ob der doch oft recht hochnäsigen Haltung manch Schnatterrunden-Gastes, ganz nach dem Tenor: ›Ich bin Team Wissenschaft! Also hab ich recht mit allem, was ich sage.‹ Bolle meinte damals nur: Man beachte das ›also‹.

Auch hatten wir genügend Zeit, im Rahmen beiläufiger Feldforschung festzustellen, daß der Schiller bei weitem nicht mehr jedem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) auf Anhieb geläufig ist. Daher wollen wir hier die ersten Zeilen der ›Bürgschaft‹ nicht unerwähnt lassen. Die nämlich gehen so:

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Möros, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wütherich.

Es folgt ein Hohelied auf Freundschaft und Vertrauen, und endet nach 140 Verszeilen – ganz anders als so manch griechische Tragödie – nicht etwa mit dem Tode sämtlicher Paragonisten, sondern ganz im Gegenteil mit einem geläuterten Tyrannen. Allein das alles tut hier nichts zur Sache.

Die Überschrift – Bolle hat auf einer bildungsbürgerlichen Fassung bestanden – ist der Schwere der Situation geschuldet. Geschmeidig übersetzt heißt das einfach nur: ›Ihr werdet sein wie Gott, und wahr und falsch zu unterscheiden wissen‹ und ist angelehnt an ›Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum − Ihr werdet sein wie Gott und gut und böse unterscheiden können‹. So hat es Mephistopheles dem jugendlichen Schüler in sein „Stammbuch“ geschrieben – nicht ohne hinzuzufügen: Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange! Die Stelle findet sich übrigens, doch dies nur am Rande, bereits bei Adam und Eva im Paradiese (Genesis 3, 5) – ist also gewissermaßen Conditio humana von Anfang an.

So gesehen handelt es sich hierbei im Kern also um einen Transfer von Schwester Ethik zu Schwester Logik. Gut und böse meinen unterscheiden zu können ist das eine. Wahr und falsch indessen ist noch einmal ganz was anderes (vgl. dazu etwa So 06-10-24 Propaganda).

Die drei Töchter der Philosophie.

Der Untertitel unseres Schildchens schließlich lehnt sich an Brechts Dreigroschenoper (1928) an, of course. Dort heißt es unter anderem: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wie wir unschwer sehen können: Die Welt steckt voller Weiterungen. Doch nun zum Anlaß unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens.

Neulich begab es sich, daß ein Schnatterrunden-Gast in einer Stellungnahme von zufälligerweise genau 140 Sekunden – Bolle hat auf die Uhr geguckt – nicht weniger als 30 mal das Wort ›Wissenschaft‹ nebst seiner diversen Derivate (also Wissenschaftler, wissenschaftlich, etc. pp.) in den Mund genommen hat – wohl in der Hoffnung und Erwartung, damit überzeugend rüberzukommen. 30 mal in 140 Sekunden – das bedeutet alle knapp 5 Sekunden einmal und entspricht mithin einer Frequenz von 0,21 Hertz – mithin also einer veritablen Infraschallfrequenz. So etwas aber kann – da ist die Wissenschaft sich einig – durchaus Benommenheit, Ohrendruck und Übelkeit auslösen. Bei Bolle jedenfalls war das so.

Wahrlich, ich sage Euch: Ich bin Wissenschaftler und als solcher Eins mit der Wahrheit – und im übrigen so unfehlbar wie ansonsten nur der Papst (so das Dogma des Ersten Vatikanischen Konzils 1869–1870). Persönliches Befinden ist mir völlig ferne – da sei Gott vor! Private Meinung sowieso. Kurzum: Da fordert einer – ausgerechnet im Namen der Wissenschaft! – den rechten, orthodoxen Glauben ein. Bolle meint nur: Kaum zu glauben. In Hülsenfrüchtchen-Sprech könnte man hier glatt von einer Verhöhnung der Wissenschaft reden.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Glaubt dergleichen glatt. Zumindest hat der Schnatterrunden-Moderator eine professionell-interessierte Miene aufgesetzt und jedenfalls nicht in aller Klarheit eine wohl mehr als angemessene sprichwörtliche klare Kante gezeigt. Wäre Bolle der Moderator gewesen: Eine solche „Wissenschaftlerin“ wäre mit hochrotem Kopp heulend aus dem Studio gerannt. In der Tat ist Bolle der Ansicht, daß so etwas 200 Jahre nach der Aufklärung (man rechnet hier ganz grob von etwa 1650–1800 n. Chr.) mit ihrem Schlachtruf ›Sapere aude – Wage zu denken‹ wirklich nicht mehr „zeitgemäß“ sein sollte. Dabei ist Bolle natürlich klar, das Denken durchaus an rein faktische Grenzen stoßen könnte: Können vor Lachen, sozusagen.

Wenn also Wissenschaftler im 21. Jahrhundert sich anschicken, aus der Wissenschaft eine Religion zu machen, an die man bitteschön zu glauben habe, einschließlich ihrer Paragonisten, ihrer Vertreter auf Erden also – dann scheint hier wohl ganz offensichtlich etwas ganz grundsätzlich schiefzulaufen.

Bolle ist nach allem in der Tat drauf und dran, das Menetekel „Spaltung der Gesellschaft“ doch als realistische Möglichkeit in Betracht zu ziehen: Allerdings schwebt ihm da eher eine Spaltung in ›mächtig dumm‹ und (lediglich) ›mäßig dumm‹ vor. Ein klitzekleines bißchen dumm sind wir ja wohl alle. Allein man sollte auch hier nichts übertreiben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.