Ach, wie oft hört man die guten Demokraten lautstark tuten! Wie zum Beispiel auch von diesen, Die brave Bürgersleut‘ verdrießen; Die, anstatt durch weise Lehren Sich zum Guten zu bekehren, Oftmals noch darüber lachten Und sich heimlich lustig machten.
The Boston Tea Party (Nathayel Corrier / Sarony & Major 1846).
Was da passiert ist in den letzten Jahren, das hätte nie passieren dürfen. So in etwa würde man Chruschtschows Statement gegenüber seinem Genossen und großem Vorsitzenden Stalin (vgl. dazu So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus) auf hier und heute übertragen können.
Was aber ist passiert? Nun, der altehrwürdige und einer Demokratie allein würdige Journalismus 1.0 hat sich schleichend, aber sicher – nachgeradezu „nachhaltig“ (um es mal in Hülsenfrüchtchen-Sprech zu sagen) – in einen, wie Bolle das nennt, Journalismus 2.0 verzwergt.
Lang, lang ist’s her, da hatte sich Hugh Greene, seinerzeit BBC-Journalist und später dann Chef von‘t Janze, veranlaßt gesehen, sich wie folgt zu äußern:
Nennen Sie mir ein Land wo Journalisten und Politiker sich vertragen, und ich sage Ihnen: Das ist keine Demokratie.
Das war 1948. Nun ist Hugh Greene nicht irgendwer. Seinerzeit war er damit beauftragt, in den nördlicheren Gefilden von Nachkriegsdeutschland einen Rundfunk aufzubauen, der sein Salz auch wert ist – also das direkte Gegenteil von Hofberichterstattung. Dabei gilt er manchen nachgeradezu als „Vater“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – diesmal ausnahmsweise nicht beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course.
Aber bleiben wir sachlich. Man könnte, um es auf den Punkt zu bringen, die Journalismen 1.0 und 2.0 anhand ihrer ganz grundsätzlichen Motivation auseinanderhalten:
Journalismus 1.0: Schreiben, was i s t . Journalismus 2.0: Schreiben, was s o l l .
Ersteres entspricht natürlich Rudolf Augsteins Diktum, of course. Letzteres läuft darauf hinaus, was der jeweilige Journalist (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) für wünschenswert hält. Im Lichte der Drei Töchter der Philosophie haben wir es hier also mit einem Unterschied zu tun, der wirklich einen Unterschied macht – dem Unterschied nämlich zwischen Schwester Logik und Schwester Ethik.
Die drei Töchter der Philosophie.
N o c h größer könnte eine Kluft kaum sein. Da liegen wirklich Welten zwischen. Und wenn dann noch ein ebenso penetranter wie – wie soll man sagen? – dümmlicher Kuschelkurs mit den jeweils Mächtigen hinzukommt, ist das Faß vollends am Überlaufen.
Nun – der Journalismus 2.0 hat hierzulande mächtig überhand genommen in den letzten Jahren. Bolles ehrlichste Umschreibung für Public Relations beziehungsweise „Öffentlichkeitsarbeit“ ist ja schlicht und ergreifend ›Meinungsmache‹. Das hören die PR-Leute natürlich nicht gerne, of course. Gleichwohl scheint es Bolle so zu sein. Wenn sich aber die Journalisten 2.0 auch nur noch als Meinungsmacher verstehen statt als Tatsachenberichterstatter, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn zumindest der aufgewecktere Teil des Volkes ihnen kein Wort mehr glauben mag. Da nützt es auch nichts, großspurig von „Haltungsjournalismus“ zu fabulieren. Nein, das ist schlicht und ergreifend Gesinnungsjournalismus – und damit g a r k e i n Journalismus, zumindest nicht im Sinne des Wortes. So etwas geht natürlich nie gut – jedenfalls nicht auf Dauer. Und so hatten wir letzte Woche, eher beiläufig, den Journalismus 3.0 erwähnt. Dessen Motivation:
Journalismus 3.0: Endlich wieder sagen, was ist – auch und gerade dann, wenn es so mancher nur höchst ungern hören mag.
Hierbei handelt es sich ganz offensichtlich um das Bestreben, sich der Hugh-Greene-Doktrin allmählich wieder anzunähern. Bolle jedenfalls fühlt sich nach zehn Minuten Journalismus 3.0 – inklusive einiger N:N-Medien wie etwa TwitteX, of course – sehr viel ehrlicher und gründlicher informiert als nach, sagen wir, zehn Stunden Journalismus 2.0. Informiert – nicht indoktriniert!
Aber ist das auch alles wahr, was man da zu hören kriegt? Hier sind wir unversehens beim Menschenbild: Bolle ist es weder Ziel noch Anspruch, die Wahrheit mundgerecht serviert zu bekommen. Was Bolle für wahr hält, möchte er bitteschön selber entscheiden – und zwar auf Grundlage aller auf die Schnelle verfügbaren Informationen. Vorgekaut ist was für Kühe – und als solche sieht Bolle sich nicht an. Wie heißt es doch so schön: Nur selber denken macht schlau. Oder, wie Kant es gesagt hätte: sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn.
Unser Bildchen übrigens zeigt die sogenannte Boston Tea Party – ein seinerzeit medial äußerst geschickt in Szene gesetztes Aufbegehren gegen das, was man im fernen London für gut und richtig hielt. Die Siedler in der Neuen Welt wollten von ihren zurückgebliebenen Landsleuten nämlich nicht länger ans Händchen genommen werden. Vor allem wollten sie dafür nicht auch noch bezahlen müssen. Bolle meint: die Parallele zum heutigen Rundfunkbeitrag ist nachgeradezu frappant.
Übrigens sind es ausschließlich Indianer, die die Teekisten sabotagemäßig über Bord werfen. Natürlich hatten die Indianer, egal welche, mit den Händeln zwischen Siedlern und Kolonialmacht rein gar nichts zu tun. Tatsächlich handelte es sich dabei um brave Bostoner Bürger in Camouflage, weil man offenbar damals schon aus sehr, sehr guten Gründen nicht viel von einer Klarnamenspflicht hielt. Von wegen „Augenhöhe“. England war groß und seine Justiz mächtig. Die Siedler waren nolens volens eher Untertanen. Wie sich doch die Bilder gleichen! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Wenn einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) erst mal an der Macht ist, möchte er da gerne bleiben. Am liebsten natürlich für immer, of course. Versteht man ja. Wo sonst, wenn nicht an der Macht, könnte man sich so persistent in der erhebenden Gewißheit sielen, so viel gleicher zu sein als gleich? (Bolle featuring Orwell 1945: Farm der Tiere).
Allein – ein bißchen was muß man schon tun, an der Macht. Sonst fliegt die Chose auf. Nicht unbedingt sofort – aber irgendwann dann schon. Ein Machthaber – nennen wir ihn so, obwohl es sich dabei eigentlich um ein Oxymoron handelt – hat demnach regelmäßig genau eine Aufgabe und zwei Ziele. Die Aufgabe und das erste Ziel besteht darin, Probleme zu lösen oder – falls das nicht möglich sein sollte – die Probleme zumindest loszuwerden. Das zweite, unausgesprochene Ziel – so ist das bei Machthabern nun mal – besteht darin, möglichst lange an der Macht zu bleiben. Mit der designierten Aufgabe hat das natürlich wenig bis gar nichts zu tun.
Was aber, wenn einer auf Stelzen für die Sache dennoch zu kurz ist (Eiselein 1840)? In früheren, namentlich monarchistischen Zeiten blieb dem Volk nichts weiter über als Hoffen und Harren. Was sonst soll man machen? Der nächste König kommt bestimmt. Es lebe der König! Vielleicht wird dann ja alles besser. Heute dagegen, in postaufklärerischen Zeiten, könnte man zu kurz geratene Machthaber einfach abwählen. Könnte man.
Damit das nicht passiert – und das soll es ja nicht: schließlich wäre es ein krasser Verstoß gegen Ziel Numero Zwo –, haben sich bei den Machthabern dieser Welt im wesentlichen zwei Vorgehensweisen herausgemendelt.
Die erste Strategie: Statt Probleme zu lösen, werden sie einfach ignoriert – um nicht zu sagen: weggelächelt. Probleme? Was denn für Probleme? Garniert wird das ganze meist mit einem leutseligen Appell ans Volk, man möge dem Machthaber doch bitteschön Vertrauen schenken. Alles werde gut! Damit kommt man erfahrungsgemäß schon ziemlich weit – zumindest beim naiveren Teil des Wahlvolkes. Natürlich ist es an dieser Stelle wichtig, daß man genug Claqueure in den Redaktionsstuben sitzen hat. Das aber ist – den entsprechenden Zeitgeist vorausgesetzt – ein vergleichsweise geringes Problem.
Was aber, wenn Weglächeln auf Dauer nichts nützt? Wenn sich also immer unverhohlener zeigt, daß man der Sache einfach nicht gewachsen ist? Nun – dann greift Strategie Numero Zwo: Kill the messenger! Werden wir brutal! – wie es in ›Streit um Asterix‹ 1970 schon heißt. Oder, mit Bolles derbem Binnenreim: Beiß weg den Scheiß! Natürlich sagt das so keiner. Man sagt es in bester EvE-Manier (Edel versus Eigentlich – also die eigentlichen Motive in höchst edle Verpackung gehüllt). Natürlich möchte man niemanden wegbeißen. Man möchte lediglich helfen, retten, schützen – aktuell zum Beispiel die Jugend. Auch hier könnt‘ Bolle kotzen, of course.
Wir hatten vor Jahren schon mal darauf hingewiesen, daß es sich bei „unserer“ Demokratie um eine Staatsorganisationsform mit institutionalisiertem Partizipations-Placebo handeln könnte (vgl. dazu Mi 14-12-22 Das vierzehnte Türchen … ). Auch hatten wir seinerzeit Henry Fords Bonmot erwähnt – und zwar gleich im Schildchen:
Ein Geheimnis des Erfolges ist es, den Standpunkt des anderen verstehen zu können.
Was aber, wenn der Standpunkt nur stört? Wenn der Standpunkt des anderen Ziel Numero Zwo ernstlich in Bedrängnis bringt? Dann ist Bolles derber Binnenreim wohl das Beste, was man tun kann: Beiß weg den Scheiß!
An dieser Stelle ist der Journalismus 3.0 – also das, was man nur auf YouTube und ähnlichen Kanälen von noch nicht eingebetteten Journalisten zu sehen und zu hören bekommt, selten aber in den Öffis – natürlich höchst hinderlich. Folglich sollte er tunlichst und nach Kräften unterbunden werden. Und so ist es nur natürlich, daß zur Zeit mit Fleiß eben genau daran gearbeitet wird.
Die Sache ist doch folgende: Wollen wir auf den Wettbewerb der Ideen vertrauen, wie das in den attischen Ekklesien – also den Vollversammlungen all jener, die die Sache was anging – vor 2.500 Jahren schon bewährte Praxis war? Oder wollen wir eine von den Machthabern einmal erkannte Wahrheit einkästeln, konservieren und gegen Anfechtungen aller Art nach Kräften immunisieren? So formuliert, beantwortet sich die Frage von selbst. Ein Wermutstropfen aber bleibt – zumindest aus der Sicht der Mächtigen. George Orwell hat es seinerzeit zeitlos knapp formuliert (siehe unser Schildchen oben):
Freie Rede heißt, daß ich was sagen darf, was Du nicht hören willst.
Könnte ja sein, daß ich Recht habe damit. Könnte aber auch sein, daß ich mich irre. Allein das mendelt sich absehbar raus. Bei freier Rede ist das so. Dem Wohl des Staates dient es allemal. Aber sagt das mal den Mächtigen mit ihren Pattex-Ärschen – wie man Ziel Numero Zwo etwas derbe, aber bitteschön, auch umschreiben könnte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit … (Symbolbild, of course / Penguin 2017).
„Lieber Genosse Stalin“, hob Chruschtschow an. „Ich würde vorschlagen, daß das, was dort passiert ist, einfach nicht passiert ist. Ich würde vorschlagen, daß Wladiwostok sofort von der Umwelt abgeschlossen wird, daß wir die Stadt geduldig wiederaufbauen und sie zur Basis für unsere Pazifikflotte machen, genau wie Genosse Stalin es geplant hat. Doch das Wichtigste ist: Was dort passiert ist, ist nicht passiert. Alles andere würde eine Schwäche verraten, die zu verraten wir uns nicht leisten können.“
So liest es sich in Jonas Jonassons ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ (2009). Die Szene muß sich am 4. März 1953 abgespielt haben – dem Vorabend von Stalins Tod. Allan Karlsson, der Held der Handlung, hatte – obwohl an sich äußerst genügsam – nach gut fünf Jahren sibirischen Lagerlebens das Schnäuzchen gestrichen voll, weil man, wie er meinte, da ja nicht mal irgendwo einen Schnaps bekäme. Und ein Schlückchen Schnaps gelegentlich – sei es Brännvin, sei es Wodka – wollte ihm durchaus nicht übertrieben dünken. So beschloß er, etwas zu unternehmen. Sein Plan sah vor – Allan war autodidaktischer Meister im Umgang mit Sprengstoffen aller Art bis hin zur Atombombe –, das Lagerleben ein wenig aufzumischen und das sich dabei hoffentlich ergebende Tohuwabohu zur Flucht zu nutzen. Zwar war der Plan nicht wirklich ausgereift – hatte aber, aufgrund einer Verkettung äußerst glücklicher Umstände, trotzdem prächtig funktioniert. Und so kam es, daß nicht nur der gesamte Gulag in Flammen aufging, sondern ganz Wladiwostok (wörtlich: ›beherrsche den Osten‹) gleich mit. — Das war aus Sicht der sowjetischen Führung natürlich sehr, sehr unschön. Allein, Genosse Chruschtschow wußte Rat. Und so kam es zu der oben geschilderten Szene.
Überhaupt kann Bolle sich des Eindruckes nicht erwehren, daß es den Herrschenden dieser Welt ein probates Mittel zu sein scheint, Unliebsames schlicht und ergreifend wegzulügen. In Diplomatenkreisen hat sich dafür übrigens ganz offiziell der Begriff ›dementieren‹ eingespielt – was (von franz. mentir ›lügen‹) wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutet.
Dabei macht Dementieren aber vor allem dann und eigentlich nur dann Sinn, wenn man mit Fug und Recht erwarten kann, daß einem so schnell keiner auf die Schliche kommt – oder jedenfalls erst dann, wenn die Karawane längst weitergezogen ist. Kurzum: Chruschtschow und die Seinen konnten sich das leisten. Vielleicht war es sogar die klügste Option.
Sich aber – wie dieser Tage erst geschehen – in eine prominente Schnatterrunde (vulgo: Talkshow) zu setzen, dort von „Kontrolle“ (sprich: Zensur) beziehungsweise gar von einem Verbot unliebsamer Medien zu salbadern – um der verblüfften Öffentlichkeit hinterher dann zu erklären, daß das, was da passiert ist, gar nicht passiert sei –, das ist noch mal ganz was anderes. Mit der altehrwürdigen Kunst diplomatischen Dementierens hat das nicht mehr viel zu tun. Eher zeugt es – wie soll man sagen – von einem geradezu unerschütterlichen Urvertrauen in die Kraft des Konstruktivismus: Was lange währt, wird schließlich wahr. Man muß es nur oft genug und entschieden genug wiederholen. Oder, wie Simone Solga meinte: Die Phrase ist ihr eigener Beweis. Spötter behaupten gar, es fehle nicht mehr viel und demnächst werde es sogar heißen, man sei überhaupt nie in der Talkshow gewesen. Bei Stalin und Genossen wurde man schließlich auch gerne mal aus alten Photos einfach rausretuschiert. Bolle meint nur: Wegg is wegg!
Nun – jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), der’s gesehen hat, hat es nun einmal gesehen. Und wer’s nicht gesehen hat – oder meint, seinen eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu können: Wir haben Videobeweis! Das ist einer der Vorzüge des 21. Jahrhunderts. Man kann sich die einschlägige Szene wieder und wieder angucken – wobei man allerdings tunlichst auf die (auch nur knapp vier Minuten lange) ungeschnittene Version achten möge, of course. Sonst leidet die Wahrhaftigkeit doch sehr: Mit Schnittern ist gut Klittern – wie eine alte Journalistenweisheit weiß. Denken wir nur an Mr. Trumps angeblichen ›Sturm auf das Kapitol‹ seinerzeit, der sich, allerdings erst Jahre später, als rein medial mächtig multiplizierter BBC-„Schnittfehler“ herausgestellt hatte. Und wer’s dann immer noch nicht glauben mag: der möge halt selig werden mit seiner ganz speziellen mappa mundi. Ein Staat zu machen ist mit solchen Leuten dann wohl aber eher nicht.
Und? Was hätte Genosse Chruschtschow seinem Stalin unter diesen Umständen wohl geraten? Wir wissen es nicht. Obiges aber wohl sicher nicht. Genosse Chruschtschow war schließlich nicht dumm. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Hier etwas – wenn schon nicht wirklich weihnachtliches – so doch recht niedliches am Rande. Zumindest sieht Bolle das so. Neulich meinte irgendein Nachrichtensprecher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – womöglich einer mit etwas nuscheliger Aussprache – irgendwas von den „feindlichen Staaten von Amerika“. Zumindest hatte Bolle es so verstanden. Nach Aktivierung seiner Plausibilitätsschaltkreise hatte sich dann herausgestellt, daß das unmöglich so gesagt gewesen sein konnte. Ein Nachlauschen hatte dann ergeben, daß doch eher von den „Vereinigten Staaten von Amerika“ die Rede gewesen sein mußte. Fein denn – alles wieder konsistent.
Aber wie kommt es zu solchen Verhörern? Das war Bolles nächster Gedanke. Nun – das Gegenstück zu Freud’schen Versprechern sind ja wohl – zumindest würde Bolle das einleuchten – Freud’sche Verhörer. Obwohl – das sieht Bolle ein – von derlei nie die Rede war bei Freud.
Aber wenn wir schon bei Verhörern sind: Was liegt da näher als an Hacke und Sowas ›Weißen Neger Wumbaba‹ (2004) zu denken? Immerhin handelt es sich dabei um das ›Handbuch des Verhörens‹. — In Matthias Claudius‘ ›Abendlied‹ (1779) heißt es:
Der Mond ist aufgegangen Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar: Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar.
Der weiße Nebel wunderbar. Welch kraftvolles Bild! Wer allerdings noch nie bei Mondenschein auf der Pirsch war und mit diesem Bild rein gar nichts anzufangen weiß, für den wird daraus dann eben ›Der weiße Neger Wumbaba‹. Bolle findet, das leuchtet ein.
Vergleichen wir das mal: Bei einem Versprecher legt einem das Unbewußte etwas auf die Zunge, was zu sagen man sich so nie getraut hätte – was aber durchaus trefflich ist. Bei einem Verhörer dagegen drückt einem das Unbewußte etwas aufs Ohr, was durchaus Sinn macht – der jeweilige Sprecher so aber wohl nie gesagt haben dürfte. Auch dann nicht, wenn es Sinn macht. In diesem Falle eben ›die feindlichen Staaten von Amerika‹. Das Gehirn versucht das Gehörte nun mal mappa-mundi-mäßig einzuordnen. Ein völlig normaler Vorgang, das – wenn auch meist nicht ohne Witz – und gehört im weiteren Sinne in das weite Feld sozialpsychologischer Konsistenztheoreme: Das Gehirn sucht Sinn. Und wenn es keinen findet, dann findet es ihn anyway. Hauptsache, das Weltbild, die mappa mundi eben, bleibt stabil.
Wer also mit der in weiten Kreisen der Classe politique – nebst angeschlossenem Journalismus 2.0, of course – verbreiteten bräsigen und überschäumenden Selbstgefälligkeit wenig anzufangen weiß – Putin böse, Xi böse, und jetzt dann eben auch noch Trump böse –, der kann dann durchaus schon mal leicht was von den „feindlichen Staaten von Amerika“ zu hören kriegen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
In gewisser Weise hält Bolle einen kleinen Nachtrag zu unseren letzten beiden Türchen für angebracht: Schlafforscher, die nächtliche Insomnie bei Vollmondenschein mit der Helligkeit im Schlafgemach zu erklären versuchen, Ernährungsphysiologen, die Ballaststoffe erst für überflüssig halten und dann in höchsten Tönen hypen. Bolle findet: Is doch nicht seriös.
Grundsätzlich gesehen ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, daß Wissenschaft nicht alles weiß. So etwas erwarten wohl nur bildungsfernere Schichten. Bei Lichte betrachtet nämlich ist Nicht-Wissen sogar eine ihrer Existenzbedingungen. Sogar das Bundesverfassungsgericht hatte 1973 schon Wilhelm von Humboldts Wahrheitsbegriff als „etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“ zitiert, um dann später (1994) noch einmal zu bekräftigen: „Konstitutiv ist die Wahrheitssuche und die prinzipielle Unabgeschlossenheit des Erkenntnisprozesses.“ Total so!
Eine alte Professoreneinsicht dagegen besagt: Wer schreibt, der bleibt! In der angelsächsischen Variante klingt das noch drastischer: publish or perish – schreibe oder gehe unter!
Die modernisierte Variante dieser Einsicht scheint dagegen zu lauten: Wer nicht schreit, der geit. Dabei übersetzt sich das norddeutsche ›geit‹ mit ›gehen‹, aber auch mit ›sterben‹ oder eben ›untergehen‹. Schreien statt schreiben, also. Ob das aber eine gottgefällige Entwicklung ist, wagt Bolle schwer zu bezweifeln. Heißt es doch bei Jesaja, dem ersten der prophetischen Bücher des Alten Testaments: Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. (Jes. 42, 2). In ›De Bibl auf Bairisch‹ klingt selbiges noch eindringlicher: Dös ist kain sölcherner Schreier, der wo auf dyr Straass umaynanderplerrt. Einen Vers zuvor heißt es dort: Siehe, das ist mein Knecht – ich erhalte ihn – und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. (Jesaja 42, 1). Bolle meint, aus all dem sollte man durchaus schließen dürfen, daß der Herr (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) wenig Gefallen an Schreihälsen findet.
Kurzum: Ein bißchen mehr Dehybrierung – Bolles neue Wortschöpfung: von Hybris ›frevelhafter Stolz, Übermut, frevelnde Selbstüberhebung‹ (DWDS) – stünde manchem Wissenschaftler prächtig zu Gesichte. Genaugenommen dem ganzen System einschließlich des gesamten angekoppelten Journalismus 2.0. Bolle sagt da nur: Corönchen! Allein in diesem Jammertale ist so manches nicht so, wie es sollte. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel – und soll uns nicht die Weihnachtszeit verdrießen.
Heute ist Vollmond und die Nacht ruft nach mir // Komm mit mir tanzen, und ich küß dich dafür. So heißt es auf Nenas erstem Album (1983).
Zwar ist nicht gerade heute Vollmond – das war schon in der Nacht auf Freitag, unserem fünften Türchen. Auch hat Bolle niemanden rufen hören – und schon gar nicht die Nacht. Und tanzen? Küssen? Mädchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) womöglich gar? Da sei Gott vor – sprach der Agnostiker.
Immerhin war es ein „Supermond“ – wie der Journalismus 2.0 marktschreierisch zu vermelden wußte. „Der letzte des Jahres“, wie es weiter hieß. Bolle meint nur: Ja, was denn sonst? Vollmond – egal ob super oder normal – ist nun mal nur alle gut vier Wochen. Angesichts der Jahreszeit bleibt da wohl nicht mehr allzu viel Spielraum.
Jedenfalls war Bolle nach zwei Stunden tiefen Schlafes kurz nach Mitternacht plötzlich putzmunter. Wegen Vollmond? Kann sein – kann Zufall sein. Bolle findet es durchaus nicht abwegig, ersteres ernstlich ins Auge zu fassen. Seit Jahrhunderten behauptet das Volk in seiner Weisheit ja, daß es einen Zusammenhang gebe zwischen Vollmond und Schlaflosigkeit. Und zumindest seit Jahrzehnten halten Mediziner – gestützt auf empirische Daten aus sogenannten Schlaflaboren – dagegen, das sei ja wohl alles Humbug, und ziehen sich auf das zurück, was zu verstehen ihnen nahe liegt: das Licht! Bei Vollmond – und erst recht bei Supermond – sei es nun mal heller in der Nacht, und damit auch im Schlafgemach. Daß die Leute heute Jalousien haben? Paßt nicht zur Theorie – kann demnach also auch nicht sein. Daß Bolle nie im Dunkeln schläft – die Beleuchtung seines Schlafgemaches dürfte auch den krassesten Supermond um ein Vielfaches übertreffen – auch das will ganz und gar nicht passen.
Schiere Einbildung? „Heute ist Vollmond – und das heißt, die Nacht ruft nach mir“ will Bolle als wissenschaftliche Erklärung auch nicht so recht einleuchten. Im Grunde weiß er nicht einmal, ob er überhaupt mitgekriegt hat, daß gerade Vollmond ist. Bleibt die unbewußte Aufmerksamkeit: Irgendwie wird Bolle es schon gemerkt haben. Hier allerdings wird es allmählich recht windig mit den wissenschaftlichen Erklärungsversuchen.
Wie weiter? Bolle hält den Vollmond – und erst recht den Supermond – für ein höchst lebenspraktisches Beispiel für die Vorzüge der Agnostik. Statt nur in Kategorien wie ›Ist so / Ist nicht so‹ zu operieren, behält sich ein Agnostiker die Kategorie ›me‹ vor: „Wer bin ich, das zu entscheiden? Ich lasse das mangels hinreichender Datenlage einfach mal offen.“ (Wer kurz nachschlagen beziehungsweise auffrischen mag: vgl. etwa Fr 10-12-21 Das zehnte Türchen …).
Natürlich muß man sich das erst einmal trauen. Üblicherweise ist das Bedürfnis nach Klarheit ja sehr viel stärker ausgeprägt als das Bedürfnis nach Wahrheit – selbst dann, wenn sich die Wahrheit dem Suchenden hartnäckig zu verschließen beliebt. Ein schlichtes ›Wir wissen es nicht – ich zumindest nicht‹ ist durchaus nicht jedermanns Sache. Auch dann nicht, wenn sich damit hunderte von Fehlurteilen oder, ganz allgemein, eine gravierende Schräglage im Umgang mit der Welt vermeiden ließe. Wie heißt es doch gleich bei Mephistopheles: Spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
In Bolles Kreisen kennt man das Straßenkehrer-Theorem. Es besagt, daß, je schlichter und anspruchsloser eine Tätigkeit, desto einfacher ist es zu beurteilen, ob einer das, was er tut, auch kann. Der Begriff lehnt sich vermutlich an Beppo Straßenkehrers Kunst des Kehrens an: ›Schritt, Atemzug, Besenstrich‹ – die ihn erfolgreich durch so manch elend lange Straße getragen hat. Übrigens: wer lange nicht mehr Michael Endes ›Momo‹ (1973) gelesen oder zumindest gesehen hat (D/I 1986 / Regie: Johannes Schaaf): Warum nicht in der Weihnachtszeit mal wieder?
Umgekehrt gilt: Je höher eine Tätigkeit angesiedelt ist, um so schwieriger wird es, ihre Qualität zu beurteilen. Allenfalls post festum – also wenn es längst zu spät ist – läßt sich hierzu etwas sagen. Natürlich heißt ›schwierig‹ nicht ›unmöglich‹. Aber dazu bräuchte es so etwas wie prognostische Kompetenz beziehungsweise schlicht Urteilskraft – und das ist durchaus nicht jedermanns (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Sache.
Allerdings gibt es auch Phänomene, die man in Bolles Kreisen ›disruptive dolle Dinger‹ nennt. Hierbei handelt es sich um Ereignisse, die das Zeug haben, auch das hartgesottenste Hülsenfrüchtchen in seiner Wolkenkuckucksheimeligkeit tüchtig zu erschüttern – zumindest aber wenigstens vorübergehend ein wenig zu irritieren.
Ein derart disruptives dolles Ding dieser Tage waren die jüngsten Nachrichten um den sogenannten „Sturm auf das Kapitol“ vor vier Jahren.
Damals hatte Trump seine Fans aufgerufen, sich zum Kapitol zu begeben, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen – und zwar ausdrücklich „peacefully“. Das ›friedlich‹ wurde in der Version für die Weltöffentlichkeit allerdings tunlichst rausgeschnitten – und dafür „Wir werden kämpfen“ angehängt. Das hatte Trump in der Tat auch so gesagt – allerdings ungefähr eine Stunde später und in einem völlig anderen Zusammenhang. Und schon war der „Sturm auf das Kapitol“ pressegerecht angerichtet. So etwas nennt man üblicherweise – da gibt es kein Vertun – manifeste Manipulation.
Die eigentliche Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist aber: Wieso konnte es 4 (in Worten: vier) lange Jahre dauern, bis dieser Spuk dann endlich doch noch aufgeflogen ist?
Und? Wie geht der Journalismus 2.0 damit um? Nun – zum einen gab es den Versuch, den Leuten vorzugaukeln, hier habe es sich ja wohl um einen – so ebenso niedlich wie wörtlich – „Schnittfehler“ gehandelt. Zum zweiten gab und gibt es den Versuch, das alles auf der BBC abzuladen: Dort habe man sich bedauerlicherweise einen Schnittfehler geleistet. Der Rest der Weltpresse sei davon aber völlig unbeleckt. Bolle meint da nur: Echt jetzt? Und im übrigen habe die BBC sich ja auch „entschuldigt“. Damit sei ja wohl alles gut. Daß Trump die BBC gleichwohl auf 1 Milliarde Schadensersatz verklagen will, sei demnach ja wohl völlig unerhört. Bolle hört die Hosen schlottern. Und ist es nicht so, daß eine richtig schöne kalte Milliarden-Dusche für die ein oder andere Sendeanstalt ein durchaus probater Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Bräsigkeit sein könnte – um hier einmal Kant zu bemühen?
Bolle übrigens hat an den ganzen Spuk nicht einen Tag geglaubt. Daß das ganze Lug-und-Trug-Gespinste dann aber doch so offenkundig „an die Sonnen“ kam, ist dann doch erstaunlich – und wirft ein gewisses Schlaglicht auf den erzieherischen Impetus, mit dem so mancher „Haltungsjournalist“ meint, seine Gesinnung – denn was anderes wird es wohl kaum sein – systematisch in die Welt tröten zu müssen. Wer weiß, was da sonst noch so im Verborgenen schlummert? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens bezieht sich natürlich auf Zeiten, als Bolle noch Trappern und Fallenstellern wie etwa Sam Hawkens mit seiner tausendmal überflickten Weste nacheifern konnte, oder edlen Wilden wie Winnetou – ohne daß irgend jemand auch nur den geringsten Anstoß daran genommen hätte. Warum auch?
Heute scheint das alles ganz anders zu sein. Heutzutage ist es so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zwar immer noch machen kann, was er will. Allerdings sollte er tunlichst darauf achten, bloß nicht in eines der oben skizzierten Fettnäpfchen zu tappen. Keinesfalls nämlich darf man rassistisch sein oder sexistisch beziehungsweise frauenfeindlich gar oder, oder, oder … Nicht einmal ›menschenverachtend‹ ist drin – obwohl es hierfür mehr als gute Gründe gäbe.
Bolle liebt es ja, die Dinge mit den Methoden der Mathematik präzise auf den Punkt zu bringen – und das ganze dann möglichst auch noch so darzustellen, daß es eigentlich jedem einleuchten sollte, sofern er nicht völlig vernagelt ist. Die Graphik oben ist übrigens bereits älteren Datums und hat bislang schon so manchen Studenten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu einigem Nachdenken angeregt. Allerdings stand in den einzelnen Fettnäpfchen-Feldern bislang lediglich „Grrr!“– als Ausdruck sozial verordneten Widerwillens.
Wenn wir uns also darauf verständigen, daß alles, was sich in den verschiedenen Feldern befindet, rein gar nicht geht, dann bleiben allein die dunkler unterlegten Felder am Rande. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Aber eben nur hier und nirgends sonst. Zugegeben: viel Spielraum bleibt da nicht.
Und genau so sieht sie denn auch aus, die dürftige und durchaus platte Debatte, die sich dem Volke hier und heute mit progressiver Tendenz darbietet. Da muß nur einer etwa ›Kleine Paschas‹ sagen oder ›Stadtbild‹ oder ähnliches zum Besten geben – und schon ist wochenlang der Teufel los im Blätterwald. Da drängt sich doch die Frage auf: cui bono – wem zum Teufel soll das nützen?
Betrachten wir dazu das sozialpsychologische Muster, das hinter all dem stecken könnte, an einem historischen Beispiel. Dabei bietet sich jemand wie Luther geradezu an. Zum einen war justamente vorgestern erst Reformationstag – der den Jüngeren allerdings eher als Hallowe’en bekannt sein dürfte –, jener Tag also, an dem Luther 1517 seine 97 Thesen am Hauptportal der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen haben soll. Zum anderen ist das alles so lange her, daß sich hier und heute wohl kaum einer übermäßig auf die Füße getreten fühlen dürfte.
Heider-Dreieck mit Ad-Hominem-Anwandlung (AHA).
Die Graphik zeigt ein sogenanntes Heider-Dreieck, von dem wir eigentlich nur wissen müssen, daß es genau dann stabil ist, wenn in ihm entweder gar keine oder genau zwei Minuszeichen vorkommen. Mehr noch: Wenn wir zwei Vorzeichen kennen – hier also die Beziehung von Luther zu seinem eigenen Argument (+) und die Beziehung von Antonius zu Luther (–), dann können wir auf die Ausprägung der dritten Beziehung (also Antonius zum Argument) schlußfolgern.
Luther hat ein Argument, egal welches (+). Und nun kommt sein Mitbruder Antonius oder – schlimmer noch – Papst Leo X (1475–1521), ein geborener Medici-Machtmensch, auf die Idee, Luther sei ja wohl ketzerisch – nachgeradezu häretisch also. Zwar hat der Einwand mit Luthers Argument im Kern rein gar nichts zu tun – aber bitteschön. Die dahinterstehende Logik: Weil (!) Luther Häretiker ist, sei folglich (⇒) sein Argument zu verwerfen (–). Allgemeiner, und lutherisch-derb auf den Punkt gebracht: Luther scheiße, also Argument scheiße. Der stilisierte rötliche Blitz soll dabei andeuten, daß das alles mögliche sein mag – nur eben keine Logik in einem wie auch immer gearteten Sinne. Darum wollen wir das auch nicht als Argument gelten lassen. Vielmehr wollen wir von einer Anwandlung sprechen – einem gedanklichen Konstrukt also, das sich nicht mit Luthers Argument auseinandersetzt (ad rem – auf die Sache bezogen), sondern mit Luther als Person an sich (ad hominem). In der Graphik haben wir es dementsprechend auch als Ad-Hominem-Anwandlung bezeichnet, kurz AHA.
Gleichwohl erfreut sich derlei – immerhin 500 Jahre nach Luther – ungebrochener Beliebtheit. Wer erst einmal als rassistisch, sexistisch, oder gar völkisch etc. pp. (siehe unser Bildchen oben) gelabelt ist, hat nach dieser Logik keine, wirklich gar keine Chance, irgend etwas vorzubringen, das auch nur im Entferntesten zustimmungsfähig wäre. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer, aus dem Munde des Mephistopheles? Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie.
Abschließend bleibt natürlich die Frage: wer labelt da? Wer hat ein Interesse daran, eine sachliche Auseinandersetzung (ad rem) durch sozialpsychologische Spielchen (ad hominem) zu ersetzen? Zuvörderst wohl jene, die sehr genau wissen, daß sie für eine offen und ehrliche Ad-Rem-Auseinandersetzung kein allzu gutes Blatt auf der Hand halten. Dann doch lieber die Ad-Hominem-Anwandlung (AHA) als Argumentationsersatz. Auch muß man hier nicht so viel denken – was manchem durchaus entgegenkommen mag. Einen der Dröhnsprechbegriffe von unserem Schildchen in die Diskussion geworfen – und schon ist man im Spiel. Nicht mal definieren muß man sie. Hauptsache laut und lärmend und langanhaltend. Neil Postman übrigens hat sich diesem Phänomen in seinem ›Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹ (1985) vor nunmehr 40 Jahren schon recht ausführlich gewidmet. Allein: Vergebens predigt Salomo … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
Kryptisch, oh so kryptisch sein … [Mabit1, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons]
Das hat gerade noch gefehlt. Jetzt klaut Putin auch noch Kronjuwelen. Und dann auch noch ausgerechnet die von Napoleon. Zwar handelt es sich hierbei nicht wirklich um Kronjuwelen. Allein die Geste aber ist bedenklich genug. Was soll das werden? Eine späte Revanche für 1812, als Napoleon mit einer für damalige Verhältnisse spektakulär großen Armee von 600.000 Mann völkerrechtswidrig – wie man heute sagen würde – meinte Rußland überfallen zu müssen? Oder handelt es sich vielleicht um einen eher präemptiven – auch das übrigens ein Begriff, wie ihn überhaupt erst George W. Busch 2002 in die Welt gesetzt hat – Gegenschlag gegen die von der EU nach moderner Robin-Hood-Manier geplante Beschlagnahme von rund 200 Milliarden russischen Vermögens, das zur Zeit bei Euroclear in Brüssel lagert und aus EU-Sicht einer sinnvollen Verwendung harret – wie zum Beispiel dem Wiederaufbau der Ukraine?
Manche trauen Putin ja alles zu. Aber eine Revanche nach über 200 Jahren vermag Bolle nicht wirklich zu überzeugen. Und für einen präemptiven Gegenschlag wären die Klunker bei weitem nicht wertvoll genug. Genau genommen wären es nicht einmal die sprichwörtlichen Peanuts. 88 Millionen, so der geschätzte Wert der Preziosen, macht nämlich gerade mal 0,04 (!) Prozent von 200 Milliarden aus.
Allerdings soll das hier und heute gar nicht unser Thema sein. Im Gegenteil: Bolle meint, es sei hohe Zeit, sich selber auch mal in der Kunst zu üben, kontrafaktische Fake-News mit prägnantem propitiösem Potential zu produzieren. Immerhin sieht Bolle ein, daß ein Begriff wie ›propitiös‹ der Erläuterung bedarf: es handelt sich hierbei einfach nur um eine Eindeutschung des angelsächsischen propitious ›verheißungsvoll‹.
In der Tat hat Bolle eine entsprechende Meldung bislang schwer vermißt. Üblicherweise läuft es ja so, daß – wenn man schon keine Tatsachen zu berichten weiß, etwa nach Augsteins Credo ›Schreiben, was ist‹ – sich doch irgendwo ein „Experte“ sollte finden lassen, der das jeweils Gewünschte in die Manege munkelt. Und schon ist es eine echte Meldung. Schließlich hat er, der Experte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) es ja in der Tat gesagt. Das muß im Zweifel genügen.
Und wenn das Gewünschte erst mal in der Welt ist, dann wird es seitens geneigter Kollegen aufgegriffen, abgeschrieben und so lange reproduziert, bis es schließlich wirklich wahr wird – denken wir nur an den Virus-Wahn, einen Spätausläufer des Corönchen-Kappes, oder an die Hobbytaucher-Hypothese im Zusammenhang mit Nordstream 2. Nichts genaues weiß man nicht. Aber wenn’s doch täglich in der Zeitung steht …?
So gesehen verwundert Bolle das alles doch sehr. Wer sich demnächst halb Europa unter den Nagel reißen will – manch Experte weiß heute schon, bis wann das spätestens der Fall sein wird –, warum sollte der vor ein paar Klunkern zurückschrecken?
Und überhaupt – let’s go crazy. Was ist mit der Mona Lisa? Da war doch mal was – und zwar ebenfalls im Louvre. Nachtigall, ick hör dir trapsen!
Putin selber kommt hoffentlich kaum in Betracht – dafür ist 1911 viel zu lange her. Das würde wohl selbst der dümmste Zeitungsleser nicht ohne weiteres glauben wollen. Aber wie wär’s mit dem Prinzip Putin – der Inkarnation aller Schlechtigkeiten dieser Welt? War Vincenzo Peruggia, der geständige Täter, nicht doch ein russischer Agent? Diente der Mona-Klau womöglich der Vorbereitung der russischen Revolution 1917? Und wieso nur 7 Monate Knast? Hatte da womöglich die Kampforganisation der russischen Sozialrevolutionäre ihre Finger im Spiel?
Und ist die Fibonacci-Spirale in unserem Bildchen, wenn man es vertikal an der Mittelsenkrechten spiegelt, nicht klar und deutlich ein stilisiertes P? Also P wie Putin – oder zumindest doch wie Putinismus?
Bolle meint, hier müßte sich – de oratione ferenda, also im Rahmen künftiger journalistischer Betätigung – durchaus noch einiges machen lassen. Alles nur eine Frage der Kreativität. Kieken wa ma. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.