So 25-01-26 Lügenpossen oder Die Blüten des Konstruktivismus

Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit … (Symbolbild, of course / Penguin 2017).

„Lieber Genosse Stalin“, hob Chruschtschow an. „Ich würde vorschlagen, daß das, was dort passiert ist, einfach nicht passiert ist. Ich würde vorschlagen, daß Wladiwostok sofort von der Umwelt abgeschlossen wird, daß wir die Stadt geduldig wiederaufbauen und sie zur Basis für unsere Pazifikflotte machen, genau wie Genosse Stalin es geplant hat. Doch das Wichtigste ist: Was dort passiert ist, ist nicht passiert. Alles andere würde eine Schwäche verraten, die zu verraten wir uns nicht leisten können.“

So liest es sich in Jonas Jonassons ›Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand‹ (2009). Die Szene muß sich am 4. März 1953 abgespielt haben – dem Vorabend von Stalins Tod. Allan Karlsson, der Held der Handlung, hatte – obwohl an sich äußerst genügsam – nach gut fünf Jahren sibirischen Lagerlebens das Schnäuzchen gestrichen voll, weil man, wie er meinte, da ja nicht mal irgendwo einen Schnaps bekäme. Und ein Schlückchen Schnaps  gelegentlich – sei es Brännvin, sei es Wodka – wollte ihm durchaus nicht übertrieben dünken. So beschloß er, etwas zu unternehmen. Sein Plan sah vor – Allan war autodidaktischer Meister im Umgang mit Sprengstoffen aller Art bis hin zur Atombombe –, das Lagerleben ein wenig aufzumischen und das sich dabei hoffentlich ergebende Tohuwabohu zur Flucht zu nutzen. Zwar war der Plan nicht wirklich ausgereift – hatte aber, aufgrund einer Verkettung äußerst glücklicher Umstände, trotzdem prächtig funktioniert. Und so kam es, daß nicht nur der gesamte Gulag in Flammen aufging, sondern ganz Wladiwostok (wörtlich: ›beherrsche den Osten‹) gleich mit. — Das war aus Sicht der sowjetischen Führung natürlich sehr, sehr unschön. Allein, Genosse Chruschtschow wußte Rat. Und so kam es zu der oben geschilderten Szene.

Überhaupt kann Bolle sich des Eindruckes nicht erwehren, daß es den Herrschenden dieser Welt ein probates Mittel zu sein scheint, Unliebsames schlicht und ergreifend wegzulügen. In Diplomatenkreisen hat sich dafür übrigens ganz offiziell der Begriff ›dementieren‹ eingespielt – was (von franz. mentir ›lügen‹) wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutet.

Dabei macht Dementieren aber vor allem dann und eigentlich nur dann Sinn, wenn man mit Fug und Recht erwarten kann, daß einem so schnell keiner auf die Schliche kommt – oder jedenfalls erst dann, wenn die Karawane längst weitergezogen ist. Kurzum: Chruschtschow und die Seinen konnten sich das leisten. Vielleicht war es sogar die klügste Option.

Sich aber – wie dieser Tage erst geschehen – in eine prominente Schnatterrunde (vulgo: Talkshow) zu setzen, dort von „Kontrolle“ (sprich: Zensur) beziehungsweise gar von einem Verbot unliebsamer Medien zu salbadern – um der verblüfften Öffentlichkeit hinterher dann zu erklären, daß das, was da passiert ist, gar nicht passiert sei –, das ist noch mal ganz was anderes. Mit der altehrwürdigen Kunst diplomatischen Dementierens hat das nicht mehr viel zu tun. Eher zeugt es – wie soll man sagen – von einem geradezu unerschütterlichen Urvertrauen in die Kraft des Konstruktivismus: Was lange währt, wird schließlich wahr. Man muß es nur oft genug und entschieden genug wiederholen. Oder, wie Simone Solga meinte: Die Phrase ist ihr eigener Beweis. Spötter behaupten gar, es fehle nicht mehr viel und demnächst werde es sogar heißen, man sei überhaupt nie in der Talkshow gewesen. Bei Stalin und Genossen wurde man schließlich auch gerne mal aus alten Photos einfach rausretuschiert. Bolle meint nur: Wegg is wegg!

Nun – jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), der’s gesehen hat, hat es nun einmal gesehen. Und wer’s nicht gesehen hat – oder meint, seinen eigenen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu können: Wir haben Videobeweis! Das ist einer der Vorzüge des 21. Jahrhunderts. Man kann sich die einschlägige Szene wieder und wieder angucken – wobei man allerdings tunlichst auf die (auch nur knapp vier Minuten lange) ungeschnittene Version achten möge, of course. Sonst leidet die Wahrhaftigkeit doch sehr: Mit Schnittern ist gut Klittern – wie eine alte Journalistenweisheit weiß. Denken wir nur an Mr. Trumps angeblichen ›Sturm auf das Kapitol‹ seinerzeit, der sich, allerdings erst Jahre später, als rein medial mächtig multiplizierter BBC-„Schnittfehler“ herausgestellt hatte. Und wer’s dann immer noch nicht glauben mag: der möge halt selig werden mit seiner ganz speziellen mappa mundi. Ein Staat zu machen ist mit solchen Leuten dann wohl aber eher nicht.

Und? Was hätte Genosse Chruschtschow seinem Stalin unter diesen Umständen wohl geraten? Wir wissen es nicht. Obiges aber wohl sicher nicht. Genosse Chruschtschow war schließlich nicht dumm. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 18-01-26 L’État c’est moi oder Wir sind das Volk

Der Ludewig, der Ludewig … (Hyacinthe Rigaud 1701).

Nachdem unser letztes Sonntagsfrühstückchen ja etwas exzessiv geraten war – allein was will man machen? – wollen wir es heute wieder etwas ruhiger angehen lassen. Damit uns des Sonntags mehr Frohsinn bleibt (vgl. dazu So 05-10-25 Drama Queen).

Die Absolutisten sind zurück. In aller Pracht und Herrlichkeit. Dabei klingt ›Absolutisten‹ durchaus um einiges gefälliger als etwa ›Totalitaristen‹ oder gar ›Faschisten‹ – Begriffe, die einem in diesem Zusammenhang durchaus auch einfallen könnten, die aber viel zu finster sind, of course. Darum zieht es Bolle ja ohnehin vor, nur noch von Schafisten zu reden – mit ihrem Credo ›Alle sollen gleich sein wollen‹ (ausführlicher dazu So 22-06-25 Der Faschismus ist tot – Es lebe der Schafismus!). Ein Absolutist jedenfalls ist einer, der sich zu unumschränkter Herrschaft berufen fühlt – absolut eben. Fragt Ludewig, den Vierzehnten, von Frankreich und Navarra (1638–1715), der ja wohl bis heute unbestritten als der Primus inter Pares auf diesem Felde gelten darf.

Natürlich gibt es immer auch Häretiker, die das alles so nicht glauben wollen. So hatte es Ludewig seinerzeit anfänglich mit ernstlicher Opposition des französischen Adels zu tun – also Leuten, die so ganz und gar nicht konform gehen wollten mit den Ambitionen des angehenden Sonnenkönigs. Die Frondeure (wie sie alsbald heißen sollten) frondierten – gaben ihren Mißmut gegen Hof und Herrschaft also öffentlich kund. So etwas geht natürlich gar nicht, of course, wie Ludewig derzeit befand.

Seinerzeit übrigens hatte sich die Herrlichkeit des Absolutisten aus der Idee des Gottesgnadentumes abgeleitet. Wer ganz dolle mit Gott ist, der sollte kleinlicher weltlicher Kritik natürlich enthoben sein, of course. Bolle findet, das leuchtet ein.

Dabei läßt sich die Idee des Gottesgnadentums zurückverfolgen bis zu dem spätrömischen Kaiser Konstantin (ca. 279–337 n. Chr.). Unmittelbar vor einer wichtigen Schlacht soll ihm am Himmel ein leuchtendes Kreuz erschienen sein, verbunden mit der Aufmunterung: In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst Du siegen. Und so war es denn auch. Konstantin war fasziniert und wurde gewissermaßen der erste Kreuzritter im Namen des Herrn (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course).

So richtig Fahrt aufgenommen hat das Gottesgnadentum dann aber erst im 8. Jahrhundert mit den Karolingern, die darin eine treffliche Begründung ihrer eigenen Legitimität erkannt hatten – um dann schließlich von Ludewig zu voller Herrlichkeit entfaltet zu werden. Der Idee den vorläufigen Garaus gemacht hatte erst Napoleon Bonaparte (1769–1821) – ein dahergelaufener korsischer Parvenu, der so rein gar nichts Gottesgnadenhaftiges an sich hatte. So kann’s gehen, wenn man im falschen Bett geboren ist – also nicht „von Familie“, wie das damals hieß.

Natürlich funktioniert Gottesgnadentum nur, wenn und solange man es mit Schäfchen zu tun hat, die im Prinzip auch an die Hölle glauben. Das ist heute ganz überwiegend nicht mehr der Fall. Heute gibt es dafür so etwas wie ein Guru-Gnadentum. Zu diesem Behufe wurde – Bolle vermutet hier eine Meisterleistung unbewußter Schwarmintelligenz – eigens „die Wissenschaft“ als neue Hüterin ewiger Wahrheit und Wahrhaftigkeit ausgerufen. Wehe, einer wage es, dagegen etwas einzuwenden. Spätestens seit Corönchen (2020–2023) wissen wir: „Team Wissenschaft“ hat immer Recht. Das wiederum kann – völlig analog – nur funktionieren, wenn und solange die Leute an ihre eigene Unvernunft glauben. Allein dem scheint ja so zu sein. Soviel zur Aufklärung mit ihrem ›sapere aude – benutz‘ Dein Gehirn!‹. Doch das nur am Rande.

Kurzum: Absolutisten sind Leute, die meinen, wenn schon nicht die Weisheit, so doch zumindest die Wahrheit mit Löffeln gefressen zu haben. Widerspruch ist zwecklos – wie das etwa ein Borg (aus der Star-Trek-Mythologie) wohl formulieren würde. Im übrigen wäre Widerspruch natürlich auch häretisch und völlig unangemessen, of course. Schaut Euch um auf dieser Welt: Sie sind absolut unter uns, die Absolutisten – nebst Hofstaat samt Gefolge. Und das im 21. Jahrhundert.

Einen Unterschied zu damals gibt es allerdings doch: Während es die Leute im 17. Jahrhundert nur mit einem einzigen Sonnenkönig zu tun hatten, der tunlichst nicht zu kritisieren und schon gar nicht zu beleidigen war, haben wir es heute mit scharenweisen Sonnenkönigen zu tun – heißt es doch im kürzlich erst frisch renovierten Majestätsbeleidigungsparagraphen ausdrücklich: Das politische Leben des Volkes reicht bis hin zur kommunalen Ebene (§ 188 Abs. 1, Satz 2 StGB). Also Obacht, Ihr Frondeure! Paßt bloß uff! Big Bürgermeister is watching you. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 11-01-26 Toleranz und Militanz

Und? Wer hat’s gesagt? (Bolle featuring Wassili Grigorjewitsch Perow 1872).

Zugegeben – unser heutiges Sprüchlein ist etwas knallig. Gleichwohl, meint Bolle, bringt es die Dinge auf den Punkt. Ähnlich knallig waren wohl nur Statements wie etwa ›Hitler war ein Linker‹ und ähnliches. Weia! Da war was los! Warum? Nun – wenn wir mappa-mundi-mäßig von ›Links = gut‹ ausgehen und von ›Hitler = böse‹, dann stürzt bei einer solchen Melange natürlich unversehens Hülsenfrüchtchens Holosphäre ein. Warum? Weil – wir haben es schon öfters mal erwähnt …

Eine Wahrheit muß genügen.
Mehr hältste ja im Kopp nich aus.

Unser Bildchen zeigt einen „Post“, wie er sinngemäß in den N:N-Medien (vulgo: „soziale“ Medien) vor einigen Jahren schon mal „viral“ gegangen war. Allerdings hat Bolle der Ästhetik halber hier das Original-Gemälde verwendet – es handelt sich um ein Porträt Fjodor Michailowitsch Dostojewskis (1821–1881) von Wassili Grigorjewitsch Perow (1833–1882) –, das ganze ein wenig gefälliger gestaltet sowie die Orthographie kanonisiert. Da kennt Bolle nun mal nüscht.

Seinerzeit, als das Zitat die Runde machte, war bei manchen Nutzern natürlich der Teufel los, of course. Insinuiert es doch – zumindest könnte man das so verstehen –, daß es einen Zielkonflikt geben könnte zwischen Intelligenz und Toleranz: Intelligenteren Leuten nämlich ist unmittelbar helle, daß Toleranz, so sie denn zu einiger Blüte finden soll, sich in funktionablen Grenzen halten muß, während es, umgekehrt, übertrieben toleranten Leuten möglicherweise an Intelligenz mangeln könnte. Der bekannte Glühwürmchen-Phänotypus halt:

Wenn die Herzen heiß entflammen
und das Hirn hinkt hinterher …

Jedenfalls meint Bolle, das alles füge sich aufs Feinste in unsere ›Funktioniert/Wünschenswert‹-Tafel:

Es gibt immer 4 Möglichkeiten …

Wir hatten das Modell vor einem Jahr schon einmal vorgestellt (vgl. So 26-01-25 Das Elend der Wōkness), um zu erhellen, warum sich Hülsenfrüchtchen immer, immer, immer zu einer wünschenswerten Lösung hingezogen fühlen – und zwar ohne jede Rücksicht darauf, ob die denn auch funktioniert. In Bolles Welt dagegen ist alles, was nicht funktioniert, unvermittelt raus – und mag es noch so wünschenswert sein. Aber möglicherweise fehlt es Bolle ja einfach nur an der gebotenen Portion Phantasie, um die Segnungen des Konstruktivismus – „alles ist möglich: so glaubt mir doch“ – gebührend würdigen zu wissen.

Nun, wir haben das Modell spezifiziert und dabei ›wünschenswert‹ mit ›Toleranz‹ konkretisiert – wer wollte wohl nicht tolerant sein? – und ›funktioniert‹ mit ›Intelligenz‹. Schließlich erweist sich Intelligenz ja nicht zuletzt in der Fähigkeit, mit der Welt, wie sie sich einem darstellt, zumindest leidlich klarzukommen – mappa mundi intacta.

Dabei wäre es natürlich am schönsten, wenn alle intelligent wären und tolerant. In unserer 4-Felder-Tafel entspricht das dem grün unterlegten ›Fein!‹. Unintelligent und intolerant dagegen wäre durch und durch von Übel (das rötlich unterlegte ›Grrr!‹). Interessant sind also nur die beiden gelb unterlegten Felder. Was wäre, wenn ein Zielkonflikt bestünde zwischen Intelligenz und Toleranz? Wenn also Intelligenz geböte, nicht übertrieben tolerant zu sein (›square‹) – beziehungsweise übertriebene Toleranz bedeuten würde, daß es mit der Intelligenz nicht allzu weit her sein kann (›wo̅k‹)?

Beim viralen Tumult durften natürlich auch die Faktenchecker nicht fehlen. Von dort bekam man allerdings in bester Kindergartenmanier nur ein fröhliches „Stimmt ja gar nicht, stimmt ja gar nicht“ zu hören. Dostojewski habe das so nie gesagt. Allein was hat das mit dem Spruch und seiner Trefflichkeit zu tun? Ist es nicht völlig egal, ob ausgerechnet Dostojewski das gesagt hat oder ob es im Zweifel selbstersonnen ist? So leicht kann’s nämlich gehen und man befindet sich im Namen der Wahrhaftigkeit auf der völlig falschen Fährte. Bolle findet, hierbei handele es sich übrigens um eine herrliche Illustration zu Miguel de Cervantes‘ Anmerkung in ›Don Quixote de la Mancha‹ (1605/1615):

Tatsachen, mein lieber Sancho,
sind die Feinde der Wahrheit.

Soweit zu Bolle und den Faktencheckern. — Natürlich ist das alles nicht neu. Denken wir nur an ein Werk wie etwa ›Biedermann und die Brandstifter‹ (Max Frisch 1958), in dem ein Herr Biedermann – in dem Stück heißt er tatsächlich so – vor lauter Toleranz zwei zwielichtige Gestalten in sein Haus aufnimmt, obwohl allen, und natürlich auch ihm selbst, völlig klar war, daß die nur Unheil im Schilde führen. Und so heißt es im Untertitel auch: ›Ein Lehrstück ohne Lehre‹. Kurzum: Herr Biedermann war eher tolerant als intelligent – um es mal vorsichtig auszudrücken. Eine frühe Karikatur eines Hülsenfrüchtchens, also.

Gucken wir uns um auf der Welt: Je weniger einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gebacken kriegt – was einer ungefähren Umschreibung von unzureichender Intelligenz entsprechen mag –, desto eher wird er dazu neigen, sich beleidigt zu fühlen und dementsprechend ein hohes Maß an Toleranz einzufordern – gerne auch mit juristischen Mitteln: „Werden wir brutal!“ (Brutus in ›Streit um Asterix‹ 1970). Keine Toleranz den Intoleranten! Bolle meint, das würde auch umstandslos erklären, warum unsere tonangebende Politgarnitur so sehr auf woke Hülsenfrüchtchen-Wähler steht. Zwar kriegen die auch nichts gebacken – sind dafür aber Brüder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) im Geiste. Von sowas läßt man sich doch gerne wählen. Und der denkendere Teil des Volkes, also der mit potentiellem Beleidigungspotential, der wird am besten ganz verboten – und nicht etwa nur sein Denken. Zwar wird davon rein gar nichts besser – aber wenigstens ist Ruhe im Karton: ›Lieb Vaterland, magst ruhig sein // Nichts soll je trüben deinen Schein.‹ Bella ciao, bella ciao, bella ciao, ciao, ciao – bis zur nächsten mittleren Katastrophe, die so sicher kommen wird wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mo 22-12-25 Das zweiundzwanzigste Türchen: Hin und weg

Wahrlich, ich sage Euch …

Strenggenommen könnte man jetzt – wie weiland der schwer angeheiterte Brander in Auerbachs Keller (Goethe 1808) – natürlich sagen: Pfui! schon wieder ein politisch Lied! Man könnte aber auch – durchaus milder – einfach auf ein Weihnachtslied erkennen. So gesehen will es Bolle gar nicht mal so unpassend erscheinen. Immerhin konnten wir Bolle davon überzeugen, dieses hier nicht zu unserem vierundzwanzigsten Türchen zu machen – jenem Datum nämlich, da der ›Weihnachtsspruch‹ (so der Titel des Original-Gedichtes) wirklich spruchreif ist. Und das ist – da hat Bolle völlig Recht – nach alter Väter Sitte (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) nun mal erst am Heiligen Abend der Fall. Dann nämlich erst brennen die Lichter am Weihnachtsbaume. Vorher nicht. Durchsetzen konnte sich schließlich das Argument, man müsse der geneigten Leserschaft ja doch ein wenig Zeit einräumen, den Text zu repetieren und zu internalisieren – um ihn unterm Weihnachtsbaume dann gekonnt zu präsentieren.

Im Untertitel heißt es ›Häresie und Heilserwartung‹. Beides stimmt natürlich nur bedingt, of course. Wir finden, eigentlich ist es ja eher prophetisch. Was bitte soll denn daran lästerlich sein, jemandem, der sich mit markigen Sprüchen – Links ist vorbei / Mit mir die Migrationswende / Es wird keine neuen Schulden geben / und so weiter, und so fort – ins Amt gemogelt hat, zu prophezeien, daß er nicht allzu alt werden wird in ebendiesem Amte? Auch ist Bolle mehr als skeptisch, was die Heilserwartung angeht – abgesehen davon, daß es sich hierbei ohnehin um einen recht hochtrabenden Begriff handeln dürfte. Wer es allen Recht machen will, wird es im Ergebnis niemandem Recht machen können. In Bolles Kreisen nennt man so etwas ein No-go-Polylemma: eine Situation, die weder mathematisch noch sonstwie jemals aufgehen kann.

Richtig dagegen ist zumindest die erste Zeile: ›Gar manchem schien es zu Nutz und Frommen‹. Das waren jene, die naiverweise meinten, mit einem Kreuzchen bei der richtigen Partei ließe sich endlich der über Jahre aufgetürmte Mehltau, der über dem Lande liegt, mit einem Wusch mal eben abschütteln – und alles werde sich zum Besseren wenden. Und zwar rucki-zucki: Herbst der Reformen, und so. Kennen wa ja. Andere wollten dem Braten nicht trauen: Sie ahnten einen Trick dahinter. Sie sollten, wie’s aussieht, völlig Recht behalten. Bolle vermutet hier ein Kreuzchen bei einer der – nach der gegenwärtigen Logik – eher randständigen Parteien. Mit den sonstigen Parteien der selbsternannten „Mitte“ – sind wir nicht alle ein bißchen mitte? – ist ja wohl definitiv kein Staat zu machen. Man schaue sich nur um in der politischen Landschaft.

Zugegeben: Die Konstruktivisten – also jene, die sich mit Fleiß darin üben, den Leuten und vor allem auch sich selber in bester Orwell’scher Manier und nach allen Regeln der Kunst ein X für ein U vorzumachen – haben derzeit durchaus Oberwasser. Allein, was währt schon ewig? Bolle ist ja im Kern Optimist. Und so hält er es durchaus für denkbar, daß die disruptiven Kräfte – oder sind es nicht doch eher die konstruktiven? – über kurz oder lang die Oberhand gewinnen und Schluß machen mit dem Spuk. Wohl nicht mehr in dieser Weihnachtszeit. Allerdings ist Rom auch nicht an einem Tage abgebrannt. Kieken wa ma. Immerhin haben wir jetzt eine weitere Strophe ›Am Weihnachtsbaume‹. Bolle summt es öfters vor sich hin, wenn er hier durch die Gänge schleicht. Bolle kann nämlich – wir wollen ihm das gerne glauben – summen und dabei den Text im Ohre haben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Mi 03-12-25 Das dritte Türchen: Weihnachtswunder

Totschick …

Es gibt – das wollen wir nicht verhehlen, durchaus Weihnachtswunder der besonderen Art: Manchmal nämlich kann man sich einfach nur wundern. In Bolles Konsumtempel – das ist der mit den mickrigen Weihnachtsbäumchen (vgl. dazu Mo 01-12-25 Das erste Türchen: Früher war mehr Lametta) gibt es jetzt auch – wie soll man sagen? – Indoor-Poller. Zwar würden die keinen heranbrausenden LKW aufhalten können. Nicht mal einen PKW. Aber welches Kraftfahrzeug würde sich schon anschicken, eine Rolltreppe rauf (oder runter) düsen zu wollen? Bolle jedenfalls hat von derlei noch nie gehört.

Was soll das sein? Was soll das werden? Kurz: was soll das? Zunächst dachte Bolle ja, um vielleicht möglichen Gegenverkehr zu kanalisieren. Aber Gegenverkehr auf einer Rolltreppe? Unwahrscheinlich. Eher trifft man einen Geisterfahrer auf der Autobahn als einen Geistergeher auf der Rolltreppe. Um dicke Kundschaft von den höheren Etagen fernzuhalten? Das würde nur bei Treppauf-Pollern Sinn machen. Allerdings sind die Poller auch treppab installiert.  Das spricht – neben einigen anderen Erwägungen – gegen diese Vermutung.

Die Lösung – das hatte Bolle vergleichsweise flott eruiert – findet sich auf den ebenfalls recht schick gestylten – schrägen Pollerköpfen. Da heißt es nämlich in international verständlicher Bildersprache (neudeutsch: Piktogramm), man möge doch bitte weder mit Kinder- noch mit Einkaufswagen die Rolltreppe besteigen – weder auf noch ab. Aha! Und um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, hat ein fürsorgliches Konsumtempel-Management nun eben diese Poller angebracht. Sogleich kam Bolle Charly Chaplin in den Sinn. Der nämlich soll einmal gesagt haben: Ein Gag, der einmal ankommt, kommt immer an. Denkbar wär’s – in diesem bunten, wunderlichen Universum.

Nun hat Bolle noch nie – wirklich noch nie – erlebt, daß jemand derlei je hätte versucht zu unternehmen. Aber vielleicht mangelt es ihm ja einfach nur an gehöriger Erfahrung mit modernen Zeiten?

Und wie das Leben so spielt. Schon wenige Minuten nach der photographischen Dokumentation ergab sich ein kurzer Plausch mit einer Konsumtempel-Domestizitin, die meinte, das sei ja wohl voll diskriminierend – und sie werde sich beschweren. Ob damit jetzt Dickenfeindlichkeit, Kinderfeindlichkeit oder eine schlichte Einkaufswagenaversion gemeint sein sollte, hat sich Bolle nicht erschließen wollen. Wie gesagt: Es war ein kurzer Plausch. Im übrigen wär‘ das dann auch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-11-25 Der 1. Advent: Ich wär‘ so gerne auch mal wer

Sein oder Nichtsein …

So schnell kann’s gehen. Ist es doch gerade mal drei Wochen her, daß Bolle meinte, mit der Kunde aufwarten zu müssen, daß es wieder einmal weihnachte (vgl. dazu So 09-11-25 Es weihnachtet wieder). Mittlerweile allerdings dürfte auch dem letzten Christenmenschen aufgegangen sein, daß es in der Tat mal wieder soweit ist. Die Weihnachtsmärkte harren ihrer Kundschaft, die Poller stehen festvermauert in der Erden – oder doch zumindest so, daß möglichst alles für friedliche Weihnachten getan sein sollte. Kurzum: der Zauber kann beginnen.

Apropos Zauber: Eigentlich hat selbiger schon vor geraumer Zeit begonnen. Sagen wir 2015 – um dem ganzen mal einen Datumsstempel aufzudrücken. Seitdem ist eigentlich nur noch wenig, wie es einmal war. Und wer das nicht zu schätzen weiß – oder sich so ganz und gar nicht darauf freut – ist nazi, of course. Allerdings – das wollen wir nicht verhehlen – blättert hier der Lack allmählich doch ein wenig ab. Das entsprechende Labeling droht unter seiner eigenen Gravitation, verursacht durch langanhaltenden und völlig übermäßigen inflationären Gebrauch, allmählich in sich zusammenzufallen. Bolle meint ja: Wenn das Volk nur nicht immer so lange brauchen würde, um einzusehen, was einzusehen die Vernunft nun mal gebietet. All unsere Bestrebungen, Bolle klarzumachen, daß nun mal nicht jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) die schnellste Kerze auf der Torte sein kann, sind – wie soll man sagen – auf ein eher durchwachsenes Echo gestoßen. Im Kern sieht Bolle das ja ein – wenn auch nur eher nolens volens.

Das Volk folgt seinen Führern. Das leuchtet rein sozialpsychologisch ein. Was aber, wenn es sich bei den Führern – daß das Wort noch nicht verboten ist oder zumindest verpönt, wundert Bolle übrigens sehr – um ausgesprochene Egoshooter handelt? Leute also, die ach so gerne auch mal wer wären – und denen das Volk im engeren Sinne eigentlich so ziemlich am Allerwertesten vorbeigeht? Im Buch Jesus Sirach, Kapitel 3, Vers 22 (von der Demut) heißt es:

Strebe nicht nach dem,
was zu hoch ist für dich,
und frage nicht nach dem,
was deine Kraft übersteigt …

Eiseleins ›Sprichwörter und Sinnreden‹ (1840) übrigens hauen recht trefflich in die gleiche Kerbe:

Mancher auf Stelzen
ist für die Sache dennoch zu kurz.

Und Max Weber schließlich hält in seinem ›Politik als Beruf‹ (1919) die Eitelkeit für die größte Schwäche eines jeden, der sich zu Höherem berufen fühlt. Bolle meint ja, hierbei könnte es sich durchaus um ein Katz‘-und-Schwanz-Phänomen handeln.

Auch vermutet er, daß das Problem in einem dysfunktionalen Auswahlverfahren begründet liegen könnte. Die Möglichkeit nämlich, daß es sich bei dem, was es so an die Spitze spült, um das Beste handeln soll, was ein Volk im besten aristokratischen Sinne jeweils aufzubieten hat, will Bolle gar zu abwegig erscheinen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel. Jetzt ist erstmal Weihnachtszeit!

So 16-11-25 Disruptive dolle Dinger

Kannste ma sehen …

In Bolles Kreisen kennt man das Straßenkehrer-Theorem. Es besagt, daß, je schlichter und anspruchsloser eine Tätigkeit, desto einfacher ist es zu beurteilen, ob einer das, was er tut, auch kann. Der Begriff lehnt sich vermutlich an Beppo Straßenkehrers Kunst des Kehrens an: ›Schritt, Atemzug, Besenstrich‹ – die ihn erfolgreich durch so manch elend lange Straße getragen hat. Übrigens: wer lange nicht mehr Michael Endes ›Momo‹ (1973) gelesen oder zumindest gesehen hat (D/I 1986 / Regie: Johannes Schaaf): Warum nicht in der Weihnachtszeit mal wieder?

Umgekehrt gilt: Je höher eine Tätigkeit angesiedelt ist, um so schwieriger wird es, ihre Qualität zu beurteilen. Allenfalls post festum – also wenn es längst zu spät ist – läßt sich hierzu etwas sagen. Natürlich heißt ›schwierig‹ nicht ›unmöglich‹. Aber dazu bräuchte es so etwas wie prognostische Kompetenz beziehungsweise schlicht Urteilskraft – und das ist durchaus nicht jedermanns (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) Sache.

Allerdings gibt es auch Phänomene, die man in Bolles Kreisen ›disruptive dolle Dinger‹ nennt. Hierbei handelt es sich um Ereignisse, die das Zeug haben, auch das hartgesottenste Hülsenfrüchtchen in seiner Wolkenkuckucksheimeligkeit tüchtig zu erschüttern – zumindest aber wenigstens vorübergehend ein wenig zu irritieren.

Ein derart disruptives dolles Ding dieser Tage waren die jüngsten Nachrichten um den sogenannten „Sturm auf das Kapitol“ vor vier Jahren.

Damals hatte Trump seine Fans aufgerufen, sich zum Kapitol zu begeben, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen – und zwar ausdrücklich „peacefully“. Das ›friedlich‹ wurde in der Version für die Weltöffentlichkeit allerdings tunlichst rausgeschnitten – und dafür „Wir werden kämpfen“ angehängt. Das hatte Trump in der Tat auch so gesagt – allerdings ungefähr eine Stunde später und in einem völlig anderen Zusammenhang. Und schon war der „Sturm auf das Kapitol“ pressegerecht angerichtet. So etwas nennt man üblicherweise – da gibt es kein Vertun – manifeste Manipulation.

Die eigentliche Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist aber: Wieso konnte es 4 (in Worten: vier) lange Jahre dauern, bis dieser Spuk dann endlich doch noch aufgeflogen ist?

Und? Wie geht der Journalismus 2.0 damit um? Nun – zum einen gab es den Versuch, den Leuten vorzugaukeln, hier habe es sich ja wohl um einen – so ebenso niedlich wie wörtlich – „Schnittfehler“ gehandelt. Zum zweiten gab und gibt es den Versuch, das alles auf der BBC abzuladen: Dort habe man sich bedauerlicherweise einen Schnittfehler geleistet. Der Rest der Weltpresse sei davon aber völlig unbeleckt. Bolle meint da nur: Echt jetzt? Und im übrigen habe die BBC sich ja auch „entschuldigt“. Damit sei ja wohl alles gut. Daß Trump die BBC gleichwohl auf 1 Milliarde Schadensersatz verklagen will, sei demnach ja wohl völlig unerhört. Bolle hört die Hosen schlottern. Und ist es nicht so, daß eine richtig schöne kalte Milliarden-Dusche für die ein oder andere Sendeanstalt ein durchaus probater Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Bräsigkeit sein könnte – um hier einmal Kant zu bemühen?

Bolle übrigens hat an den ganzen Spuk nicht einen Tag geglaubt. Daß das ganze Lug-und-Trug-Gespinste dann aber doch so offenkundig „an die Sonnen“ kam, ist dann doch erstaunlich – und wirft ein gewisses Schlaglicht auf den erzieherischen Impetus, mit dem so mancher „Haltungsjournalist“ meint, seine Gesinnung – denn was anderes wird es wohl kaum sein – systematisch in die Welt tröten zu müssen. Wer weiß, was da sonst noch so im Verborgenen schlummert? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-11-25 Plapper und Fallensteller

Vermintes Gelände …

Der Titel unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens bezieht sich natürlich auf Zeiten, als Bolle noch Trappern und Fallenstellern wie etwa Sam Hawkens mit seiner tausendmal überflickten Weste nacheifern konnte, oder edlen Wilden wie Winnetou – ohne daß irgend jemand auch nur den geringsten Anstoß daran genommen hätte. Warum auch?

Heute scheint das alles ganz anders zu sein. Heutzutage ist es so, daß einer (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zwar immer noch machen kann, was er will. Allerdings sollte er tunlichst darauf achten, bloß nicht in eines der oben skizzierten Fettnäpfchen zu tappen. Keinesfalls nämlich darf man rassistisch sein oder sexistisch beziehungsweise frauenfeindlich gar oder, oder, oder … Nicht einmal ›menschenverachtend‹ ist drin – obwohl es hierfür mehr als gute Gründe gäbe.

Bolle liebt es ja, die Dinge mit den Methoden der Mathematik präzise auf den Punkt zu bringen – und das ganze dann möglichst auch noch so darzustellen, daß es eigentlich jedem einleuchten sollte, sofern er nicht völlig vernagelt ist. Die Graphik oben ist übrigens bereits älteren Datums und hat bislang schon so manchen Studenten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu einigem Nachdenken angeregt. Allerdings stand in den einzelnen Fettnäpfchen-Feldern bislang lediglich „Grrr!“–  als Ausdruck sozial verordneten Widerwillens.

Wenn wir uns also darauf verständigen, daß alles, was sich in den verschiedenen Feldern befindet, rein gar nicht geht, dann bleiben allein die dunkler unterlegten Felder am Rande. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! Aber eben nur hier und nirgends sonst. Zugegeben: viel Spielraum bleibt da nicht.

Und genau so sieht sie denn auch aus, die dürftige und durchaus platte Debatte, die sich dem Volke hier und heute mit progressiver Tendenz darbietet. Da muß nur einer etwa ›Kleine Paschas‹ sagen oder ›Stadtbildoder ähnliches zum Besten geben – und schon ist wochenlang der Teufel los im Blätterwald. Da drängt sich doch die Frage auf: cui bono – wem zum Teufel soll das nützen?

Betrachten wir dazu das sozialpsychologische Muster, das hinter all dem stecken könnte, an einem historischen Beispiel. Dabei bietet sich jemand wie Luther geradezu an. Zum einen war justamente vorgestern erst Reformationstag – der den Jüngeren allerdings eher als Hallowe’en bekannt sein dürfte –, jener Tag also, an dem Luther 1517 seine 97 Thesen am Hauptportal der Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen haben soll. Zum anderen ist das alles so lange her, daß sich hier und heute wohl kaum einer übermäßig auf die Füße getreten fühlen dürfte.

Heider-Dreieck mit Ad-Hominem-Anwandlung (AHA).

Die Graphik zeigt ein sogenanntes Heider-Dreieck, von dem wir eigentlich nur wissen müssen, daß es genau dann stabil ist, wenn in ihm entweder gar keine oder genau zwei Minuszeichen vorkommen. Mehr noch: Wenn wir zwei Vorzeichen kennen – hier also die Beziehung von Luther zu seinem eigenen Argument (+) und die Beziehung von Antonius zu Luther (–), dann können wir auf die Ausprägung der dritten Beziehung (also Antonius zum Argument) schlußfolgern.

Luther hat ein Argument, egal welches (+). Und nun kommt sein Mitbruder Antonius oder – schlimmer noch – Papst Leo X (1475–1521), ein geborener Medici-Machtmensch, auf die Idee, Luther sei ja wohl ketzerisch – nachgeradezu häretisch also. Zwar hat der Einwand mit Luthers Argument im Kern rein gar nichts zu tun – aber bitteschön. Die dahinterstehende Logik: Weil (!) Luther Häretiker ist, sei folglich (⇒) sein Argument zu verwerfen (–). Allgemeiner, und lutherisch-derb auf den Punkt gebracht: Luther scheiße, also Argument scheiße. Der stilisierte rötliche Blitz soll dabei andeuten, daß das alles mögliche sein mag – nur eben keine Logik in einem wie auch immer gearteten Sinne. Darum wollen wir das auch nicht als Argument gelten lassen. Vielmehr wollen wir von einer Anwandlung sprechen – einem gedanklichen Konstrukt also, das sich nicht mit Luthers Argument auseinandersetzt (ad rem – auf die Sache bezogen), sondern mit Luther als Person an sich (ad hominem). In der Graphik haben wir es dementsprechend auch als Ad-Hominem-Anwandlung bezeichnet, kurz AHA.

Gleichwohl erfreut sich derlei – immerhin 500 Jahre nach Luther – ungebrochener Beliebtheit. Wer erst einmal als rassistisch, sexistisch, oder gar völkisch etc. pp. (siehe unser Bildchen oben) gelabelt ist, hat nach dieser Logik keine, wirklich gar keine Chance, irgend etwas vorzubringen, das auch nur im Entferntesten zustimmungsfähig wäre. Wie heißt es doch gleich in Faustens Studierzimmer, aus dem Munde des Mephistopheles? Spotten ihrer selbst – und wissen nicht wie.

Abschließend bleibt natürlich die Frage: wer labelt da? Wer hat ein Interesse daran, eine sachliche Auseinandersetzung (ad rem) durch sozialpsychologische Spielchen (ad hominem) zu ersetzen? Zuvörderst wohl jene, die sehr genau wissen, daß sie für eine offen und ehrliche Ad-Rem-Auseinandersetzung kein allzu gutes Blatt auf der Hand halten. Dann doch lieber die Ad-Hominem-Anwandlung (AHA) als Argumentationsersatz. Auch muß man hier nicht so viel denken – was manchem durchaus entgegenkommen mag. Einen der Dröhnsprechbegriffe von unserem Schildchen in die Diskussion geworfen – und schon ist man im Spiel. Nicht mal definieren muß man sie. Hauptsache laut und lärmend und langanhaltend. Neil Postman übrigens hat sich diesem Phänomen in seinem ›Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹ (1985) vor nunmehr 40 Jahren schon recht ausführlich gewidmet. Allein: Vergebens predigt Salomo … Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-10-25 Der Geist des Kapitalismus

Der Geist des Kapitalismus – mit postsozialistischem Einschlag.

Unser Bildchen heute zeigt original Ostberliner Industrie-Design, wie es sich nicht mehr allzu häufig findet in der Stadt. Vor zwanzig Jahren noch – ja damals – waren von Maschinengewehrfeuer gelöcherte Fassaden durchaus noch normal im Stadtbild. Immerhin: bei Bolle vor der Haustür gibt’s das noch.

Nun ist Bolle durchaus kein Architekturhistoriker. Aber da es sich hierbei erkennbar nicht um einen Plattenbau handelt, dürfte das Gebäude durchaus älter sein als die damalige DDR. Ob es aber im oder schon vor dem tausendjährigen Reich errichtet wurde, weiß Bolle nicht zu sagen. Die ästhetischen „Verfeinerungen“ an der Fassade allerdings dürften definitiv aus postsozialistischen Zeiten stammen.

Dabei sind am rechten Bildrand schon erste, zaghafte Modernisierungsbestrebungen zu erkennen: die Fenster wurden, so wie’s aussieht, durch energieeffizientere Plaste-Fenster ausgetauscht. Unter ästhetischen Gesichtspunkten wohl eher fraglich, findet Bolle. Aber wenn’s dem Fortschritt dient … Bolle – mit den hiesigen Verhältnissen durchaus einigermaßen vertraut –, vermutet, daß da einer den Energieeffizienz-Fördermitteln nebst Umlage-Möglichkeit auf die Mieter nicht widerstehen konnte.

Bei Thomas Manns ›Buddenbrooks‹ (1901) hatte sich folgendes zugetragen: Tony Buddenbrook – höhere Tochter aus dem eher calvinistischen Norden – hatte es ehestandshalber ins katholische München verschlagen. Dort war man weniger ehrgeizig – und dafür umso gemütlicher. Und so mußte sich Tony, kurz nach der Hochzeit schon, von ihrem Göttergatten folgendes anhören:

„Tonerl“ – er nannte sie Tonerl – „Tonerl, mir war’s gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab’ mi allweil g’schunden, und jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten’s Parterre und die zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und können a Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi z’sammrichten und aufdrahn … und am Abend hab’ i ‘s Hofbräuhaus. I bin ka Prozen net und mag net allweil a Göld z’ammscharrn; i mag mei G’müatlichkeit! Von morgen ab mach’ i Schluß und werd’ Privatier!“

Privatier! Sein ›Tonerl‹ –zuhause bekannt als ›Tony‹ beziehungsweise eigentlich ›Antonie‹ – war entsetzt. Wie kann man nur mit einem solch eklatanten Mangel an Ehrgeiz durchs Leben laufen?

Sind nun die hanseatischen Großbürger die besseren Menschen? Oder nicht doch eher die Münchner? Natürlich ist die Frage sinnlos. Sie sind einfach nur anders drauf. Seinerzeit bedurfte es offenbar durchaus noch einer gewissen „interkulturellen Kompetenz“, um sich auch nur zwischen nördlicheren und südlicheren Gefilden des Deutschen Bundes zurechtzufinden.

Einer der ersten, die deutlich auf diesen Umstand hingewiesen haben, war wohl Max Weber mit seinem ›Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus‹ (1904/05), der meinte, daß es neben rein ökonomischen Aspekten durchaus auch eines gewissen religiös „fundamentierten“ innerweltlich-asketischen Berufsethos bedürfe.

Kurzum: Es kommt doch sehr darauf an, wie die Leute – als Population – ticken. Unter dem gegenwärtigen multikulturell-ultraintegrativen Einheitsbrei-Paratickma haben derlei Ideen derzeit allerdings keine Chance. Gleichwohl wird Bolle den Verdacht nicht los, daß eine Gesellschaft ohne ein gewisses Maß an Gruppenkohäsion (vulgo: Wir-Gefühl) nicht funktionieren kann und wird – nicht einmal wirtschaftlich. Allein: wer steckt’s den herrschenden Schichten – die ja zu meinen scheinen, daß es lediglich einer gehörigen Portion „Sondervermögens“ nebst einer nicht minder gehörigen Portion Propaganda bedürfe, und alles werde gut. Bei den Buddenbrooks jedenfalls wurde noch in ehrlichen Kuranttalern gerechnet. Und wenn die alle waren, dann war eben Schicht im Schacht – und man mußte „Bankeröttchen“ machen, wie es seinerzeit hieß. In Bolles Kreisen nennt man derlei ›Kurze Feedback-Schleife‹. Deren reine Existenz hat den unschätzbaren Vorzug, einen vor übertrieben optimistischen Ambitionen – man könnte auch sagen: Traumtänzereien – zu bewahren. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 12-10-25 Die Urständ der Urkonstruktivisten

Strafrechtliche Flurbereinigung.

Neulich hat Bolle im Netz in einem jener Magazine geblättert, die sich selber solide journalistisch finden, im Wesentlichen aber stramm aktivistisch sind. Der Unterschied in nuce: Die einen versuchen zumindest zu sagen, was ist. Die anderen camouflieren das, was ihrer Ansicht nach doch bitteschön zu sein habe – Ja, nachgeradezu sein muß –, als reinsten Journalismus. Nun ja: jeder, wie er kann. Ist ja auch am einfachsten.

In dem Beitrag ging es darum, ob es nicht weiterhin ›Bürgergeld‹ heißen solle beziehungsweise gar müsse, oder ob mit ›Grundsicherung‹ nicht nämliches hinreichend umschrieben sei. Dabei lege – so der Autor – der Begriff ›Bürgergeld‹ nahe, daß die Betroffenen zwar arm, aber deswegen mitnichten weniger bürgerlich seien. ›Grundsicherung‹ dagegen insinuiere, daß es sich um Leute handele, die nicht in der Lage seien, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft sicherzustellen.

Nun – letzteres ist zweifellos der Fall. Allein ersteres klingt natürlich besser, of course  – selbst wenn es sich bei einem Großteil der Betroffenen nicht einmal um Bürger – etwa im Sinne von ›Staatsangehörige‹ – handelt.

Ähnliches gelte unter anderem für Begriffe wie ›Zwangsbeiträge‹ für die an die Öffis  abzudrückenden Tribute, oder die Frage, ob vegetarische Schnitzel ›Schnitzel‹ heißen dürfen.

Allgemein: Darf ein Schraubenzieher ›Schraubenzieher‹ heißen, wo er doch mitnichten Schrauben zieht, sondern vielmehr dreht? Darf ein Zollstock ›Zollstock‹ heißen, wo er doch regelmäßig in Zentimeter unterteilt ist? Darf das Alte Testament so heißen? Oder könnte das – wie manche meinen – antijudaistische Assoziationen evozieren?

Dürfen die Deutschen ihre Handys hartnäckig ›Handy‹ nennen – wo es doch dieses Wort in dieser Bedeutung so sonst nirgendwo auf der Welt gibt?

Bolle geht diese ganze Dürfen-Debatte gehörig auf den Keks. Was dann? Bolle plädiert entschieden für alte Rechte. Wenn etwas jahrhundertelang gut genug war als Wort: warum dann plötzlich auf den Müll damit? Weil’s dem zivilisatorischen Fortschritt dient? Bolle bleibt da durchaus skeptisch.

Konnte James Tobin – nämlicher Tobin mit der Tobin-Tax, und im übrigen Wirtschaftsnobelpreisträger 1981 – im Jahre 1965 in einer amerikanischen Fachzeitschrift noch darüber nachdenken, wie sich die wirtschaftliche Lage der schwarzen Bevölkerung verbessern ließe (›On Improving the Economic Status of the Negro‹), wäre das heute, nur zwei Generationen später – ein Fanal zum Skandal. Warum eigentlich? Von etwaiger Abwertung des Negers kann in dem Beitrag wirklich keine Rede sein – im Gegenteil.

Auch hat sich Bolle bei seinem Lieblings-Pausenbrot nie von einem Neger geküßt gefühlt – oder auch nur im Entferntesten die Empfindung gehabt, einem Mohren den Kopf abzubeißen. Vor allem aber hat sich niemand – weder Bolle noch seine Peers –  beim Pennäler-Pausenbrot je moralisch über- oder unter- oder sonstwie gelegen gefühlt. Um es mit Gertrude Stein zu sagen: Ein Mohrenkopf ist ein Mohrenkopf ist ein Mohrenkopf – egal wie er nun heißen mag (vgl. dazu vor allem So 23-03-25 Konfuzius reloaded).

Ist es nicht vielleicht so, daß die Wirklichkeit nur sprachlich ins rechte Licht gerückt werden muß, um wirklich wahr zu werden? Das war immer schon der Traum aller Urkonstruktivisten – angefangen bei zum Beispiel Berger/Luckmann, die mit ihrer ›Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit‹ (1966) nämliches für möglich hielten, wenn nicht gar für wahrscheinlich.

Ist also Sprache dazu da, die Wirklichkeit zu beschreiben? Oder soll sie dazu da sein, die Wirklichkeit zu gestalten? In Bolles Kreisen unterscheidet man soziale –, brachiale –, sowie juristische Normen. Ersteres meint das, was die Leute so ganz allgemein für richtig und für angemessen halten. Das zweite meint das, was der Journalismus 2.0 ganz im Geiste des Konstrukt­ivismus meint, den Leuten in die Köppe hämmern zu müssen – und zwar so lange, bis sie es, zumindest nolens volens, für richtig und für angemessen halten. Gesiegt hat das konstruktivistische Kalkül allerdings erst dann, wenn es gelingt, die brachiale Norm in den Rang einer juristischen Norm zu erheben. Fürderhin ist es nämlich regelrecht verboten (!), die Norm nicht zu beachten: aus Konstruktion wird Wirklichkeit.

Goethe übrigens, der alte Dichterfürst, der Princeps poetarum, meinte in seinen posthum herausgegebenen ›Gedichten‹ (1836) –

Die Sprache bleibt ein reiner Himmelshauch
Empfunden nur von stillen Erdensöhnen.

– wobei wir ›Erdensöhne‹ natürlich beider- bzw. allerlei Geschlechts verstanden wissen wollen, of course, und kommt dabei zu folgendem Schluß:

Wer fühlend spricht, beschwätzt nur sich allein …

Vielleicht müßte man heute präzisierend ergänzen: sich allein – und seine Bubble weltbewegter Bessermenschen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.