So 27-07-25 Voll die Elite – oder doch eher Schiete?

Wenn einer, der mit Mühe kaum // Gekrochen ist auf einen Baum … (Wilhelm Busch 1894).

Reden wir über Eliten. Obwohl – ganz einfach ist das nicht. Bolle weiß kaum, wo er ansetzen soll. Probieren wir es mit Humor. Humor ist ja bekanntlich das, was übrigbleibt, wenn alles andere witzlos wird (vgl. dazu Fr 15-12-23 Das fünfzehnte Türchen …). In den unendlichen Weiten seiner Festplatte hat Bolle anläßlich eines Geburtstagsgrußes einen Netzfund passend zum Thema ausgegraben, der allerdings auch schon wieder drei Jahre alt ist. Dabei geht es um einen Kurzdialog eines Schweizer Fahrgastes mit seinem Zugschaffner kurz nach Antritt einer Fahrt von Zürich nach Stuttgart.

Fröhlich geht die Welt zugrunde …

Bolle kann aus eigener Lebenserfahrung versichern: Genau so geht Schweizer Humor. Doch ist der Scherz auch oft genug das Loch, durch das die Wahrheit pfeift – wie ein chinesisches Sprichwort weiß. Die Wahrheit ist, daß die Schweizer Bahn mitunter schon grenzüberschreitende Bahnverbindungen nach Deutschland eingestellt hat – zum Beispiel die Verbindung Zürich/München –, weil auf die Deutsche Bahn aus schweizerischer Sicht einfach kein Verlaß mehr ist. Umgekehrt war ›Mister Deutsche Bahn‹ im angelsächsischen Sprachgebrauch einmal eine stehende Redewendung für zuweilen als geradezu penetrant empfundene deutsche Pünktlichkeit. Vergleiche dazu etwa Adam Fletchers ›Make Me German – Wie ich einmal loszog, ein perfekter Deutscher zu werden‹ aus dem Jahre 2015. Allein das alles war wohl mal …

Auch soll es uns hier nicht um die Deutsche Bahn gehen – nicht im Allgemeinen und schon gar nicht im Speziellen. Vielmehr wird man – selbst bei gutmütigster und wohlwollendster Betrachtung – kaum umhinkommen können festzustellen, daß eigentlich rein gar nichts mehr funktioniert „in diesem unserem Lande“ (Helmut Kohl 1982). Allerdings war hundert Jahre früher schon – doch dies nur am Rande – Nietzsche mit seinem ›Zarathustra‹ (1883 ff.) schon recht dicht dran an dieser Wendung.

Gar nichts? „Welche drei Dinge laufen in Deutschland richtig gut?“ Genau das wurde jemand wie Alice Weidel im letzten ARD-Sommerinterview gefragt. Klarer Fall von trick question, of course. Natürlich wußte sie keine Antwort zu geben. Auch Bolle hätte durchaus passen müssen. Auf mehrmaliges Nachfragen – „Sie haben meine Frage nicht beantwortet“ – hätte sich Bolle vielleicht noch zu einem „Die Arroganz der selbstberauschten Eliten, vielleicht …?“ durchringen können. Das allerdings hätte wohl weit jenseits des vom Interviewer angelegten „Erwartungshorizontes“ gelegen – übrigens ein Unwort, das sich üblerweise angeblich schon seit den 1970er Jahren im schulischen und später dann auch im akademischen Prüfungskontext eingebürgert haben soll.

Bei nüchterner Betrachtung – Bolle liebt ja Selbstbezüglichkeiten – ist nicht einmal das Interview an sich „richtig gut“ gelaufen – und zwar nicht mal halbwegs gut. Genaugenommen sogar beispiellos schlecht. Warum? Nun, besorgte Demokraten hatten es für eine propere Form der politischen Auseinandersetzung erachtet, mit erheblichem technischem Aufwand halb Berlin Mitte dermaßen in einen Lärmteppich zu hüllen, daß man buchstäblich sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Worte verstehen zu können indes will Bolle als geradezu konstitutiv für ein Interview erscheinen. Dem war aber nicht so. Und bis heute – nach also nunmehr einer Woche – hat keine der schieten Eliten irgendeine Ahnung, wer da womöglich seinen Job nicht richtig verstanden hat. Die Redaktion des Qualitätsmediums etwa, die so getan hat als wär nix – und dem Volke das als lebensnahen Journalismus verkaufen wollte? Die Tontechnik, die nicht in der Lage gewesen sein will, die Hintergrundgeräusche – die stellenweise eher Vordergrundgeräusche waren – nach den gängigen Regeln der Kunst rauszufiltern oder zumindest um einige Dezibel zu dämpfen? Die Sheriffs gar, die öffentliche Ordnung offenbar ähnlich freizügig interpretiert haben wie zuletzt nur seinerzeit in Weimar? Vermutlich von allem etwas.

Das Problem ist natürlich mindestens so alt wie die alten Sokratiker – reicht also zurück bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. und ist damit immerhin in etwa zweitausendfünfhundert Jahre alt. Die Lösung seit jeher: Die Besten – wer auch immer das sein mag – sollen die Staatsgeschäfte führen. Nach anderer Lesart sollen das, wenn schon nicht die Besten, so doch die Auserwählten sein. Dabei drängt sich Bolle die Frage auf: Kann denn derartig viel dermaßen gründlich schiefgehen bei der Auswahl? Offenbar ist dem so. Und können sich die dergestalt Auserwählten – Elite kommt von electus ›ausgewählt‹ – mit derartig hybrider Selbstberauschung wirklich für die Besten halten? Oder sonnen sich solche Leute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – morgens vorm Spiegel etwa, und all dem Chaos, das sie gemeinhin anrichten, zum Trotze – in dem wonnigen Gefühl, wirklich so famos zu sein, wie ihre in der Regel völlig überzogenen Bezüge das nahelegen würden? Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 29-06-25 Rechtes Rechnen

Mein Gott – Mathe …

Es ist noch gar nicht allzu lange her, da ging es uns um die Kunst vorausschauenden Fahrens nebst der Unmöglichkeit, es in selbiger zur Meisterschaft (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu bringen, wenn es einem an Scharfsicht gebricht (vgl. dazu So 27-10-24 Vorausschauend fahren! Können vor Lachen). Unser Fazit seinerzeit: Wer kurzsichtig ist – und sei es auch nur leicht – tut gut daran, selbiges zur Kenntnis zu nehmen und keine Karriere zum Beispiel als Rennfahrer anzustreben. Er wäre stets nur zweite Wahl – und auf die Dauer gar nicht glücklich.

Damals meinte Bolle, faustgestählt, in Anbetracht einer Rüge seines Fahrlehrers, das Schild da säh‘ er wohl, allein er könnt‘s nicht lesen – jedenfalls nicht auf die Entfernung. Damit hatte die Angelegenheit ihr Bewenden. Bolle hat seine Führerscheinprüfung anstandslos im ersten Anlauf bestanden, of course.

Was aber wäre gewesen, wenn Bolle anders reagiert hätte, etwa wie folgt: ›Schilder? Regeln überhaupt? Interessieren mich nicht.‹ Man nennt das wohl ›Aus der Not (der Kurzsichtigkeit) eine Tugend machen‹. Zugegeben, das klingt erst mal schrill. Allein, wenn man sich umguckt auf der Welt, scheint diese Masche, zumindest bei einigen Leuten, einigermaßen en vogue zu sein. Und, wie’s weiterhin scheint, durchaus auch mit gewissem Erfolg. Hier ein Beispiel, wie es Bolle vor Kurzem erst untergekommen ist.

Ein Mathelehrer wollte seine gymnasiale Oberstufe lehrplanmäßig mit der Familie der e-Funktionen vertraut machen. Als Anschauungsmaterial wählte er zwei Populationen – nennen wir sie Ping und Pong. Dabei ist Ping (rötliche Kurve) im Ausgangspunkt (auf der x-Achse Null) dreimal so stark wie Pong (blaue Kurve). Allerdings, so das Beispiel, vermehre sich Pong mit 3 Prozent jährlich, Ping dagegen nur mit 1 Prozent – also nur ein Drittel so sehr. Die zu lösende Aufgabe: Wie lange wird es dauern, bis Pong genauso stark ist wie Ping – und wie geht es dann weiter?

Nun, auch ohne uns mit der Familie der e-Funktionen vertraut machen zu müssen: Aus der Graphik läßt sich leicht ablesen, daß das schon nach 55 Jahren der Fall sein wird. Ab da schießt Pong (die blaue Kurve) buchstäblich durch die Decke. Und zwar so lange, wie sich an den Wachstumsraten nichts ändert.

Wie ging es weiter mit der Geschichte? Statt zu sagen: ›Potzblitz! Was sich alles rechnen läßt! Das ist ja interessant!‹ hieß es in Teilen der besorgten Elternschaft, das sei ja wohl sowas von rechter, wenn nicht gar rechtsextremer Mathematik. Unklugerweise nämlich hatte unser Mathelehrer die Aufgabe nicht an Ping und Pong, sondern an Einheimischen versus Zugereisten aufgezogen. Eine Zumutung! So etwas habe an einer höheren Lehranstalt natürlich nichts verloren. Der Lehrer müsse möglichst umgehend entlassen werden. Weg, weg, weg! Die armen Kinder! – und so weiter, und so fort.

Bolle sieht hier eine äußerst beunruhigende Parallele zu seiner fiktiven ›Was interessieren mich Regeln‹-Replik. Auch Regeln der Mathematik haben gefälligst politisch korrekt zu sein. Da sind Teile der Elternschaft offenbar selber nicht in der Lage zu rechnen – zumindest tun sie es nicht. Und wenn ihnen dann einer die Rechnung auf die sprichwörtliche Nase bindet, fühlen sie sich mitnichten bereichert – Heureka! – sondern in ihrem woken Weltbild aufgewühlt.

Und? Was macht der Journalismus 2.0 …? Stets auf der Suche nach Sensationen stürzt er sich mit Schwunge drauf – und bestärkt die Paragonisten damit in ihrer gerechten Empörung. Bolle meint, vermutlich kennt man dort die e-Funktionen ohnehin auch nur vom Hörensagen.

Natürlich ist das Phänomen an sich nicht neu. 1976 schon sahen sich Politikdidaktiker (welch ein Wort, by the way) veranlaßt, sich als Handreichung für das Lehrpersonal auf einen Beutelsbacher Konsensus mit drei Punkten zu verständigen. Erstens das sogenannte Überwältigungsverbot: Keinem Schüler soll eine Meinung aufgezwungen werden. Allerdings, meint Bolle, kann es durchaus passieren, daß sich der eine oder andere Schüler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gleichwohl von Mathe überwältigt fühlt. Zweitens das Kontroversitätsgebot: Was strittig ist, soll strittig bleiben. Ziel ist auch hier die freie Meinungsbildung. Allerdings findet Bolle, daß das ja wohl ein wenig aus der Zeit gefallen sei. ›Eine Meinung muß genügen: mehr hältste ja im Kopp nich aus‹ – und verweist dabei gerne auf Hauke Arachs ›Mensch, lern das und frag nicht‹ aus dem Jahre 2013 (vgl. dazu etwa So 22-09-24 Opinio et Reactio). Seitdem ist diesbezüglich ja wohl so einiges den Beutelsbach runtergegangen – um mal ein wenig zu kalauern. Der dritte Punkt? Spielt hier keine Rolle.

Ist das jetzt alles übertrieben? Vermutlich leider nicht. Kaum einer kann rechnen – und falls doch, will es niemand wahrhaben. Immerhin würde das umstandslos so manch maroden Zustand im Lande erklären: von Schulen, Straßen und auch Schwimmbädern – bis hin zum vielbeklagten „jahrzehntelangen Investitionsstau“ überhaupt. Anscheinend aber kommt kaum einer auf die Idee, sich zu fragen, wie das alles überhaupt jemals so weit kommen konnte. Stattdessen scheißt man die Probleme lieber mit einem Riesenhaufen Knete zu – ganz nach dem Motto ›Was interessieren mich Regeln? Was interessiert mich Rechnen? Was Mathematik?‹. Kann man so machen – wenn auch vermutlich nicht auf Dauer. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 22-06-25 Der Faschismus ist tot – Es lebe der Schafismus!

🎶 Allons moutons de la folie // Le jour de noir est arrivé … 🎶

Der Faschismus ist tot. Mausetot. Substantiell war ihm ja ohnehin nur eine äußerst bescheidene Lebenspanne auf Erden beschieden. So nämlich hatte Benito Mussolini ab 1922 seine – wenn man das so sagen kann – Reformbewegung genannt. Was das mit einem Bündel, un fascio, zu tun haben sollte, war wohl schon damals nicht ganz klar. Auch war rund zwanzig Jahre später schon wieder Schluß mit der Reformbewegung und mit Mussolini überhaupt. Ursächlich dafür waren seinerzeit kommunistische Partisanen, die des Duce del Fascismo arg überdrüssig waren.

Allein, als hohle Hülle hat der Begriff dann spektakulär Karriere gemacht. Totgesagte leben nun mal länger. Wohl alles eine Frage des Brandings. Und so kam der amerikanische Politologe Paul Gottfried nach gründlicher Sichtung des Forschungsstandes in seinem ›Fascism – The Career of a Concept‹ (2016) auch zu dem Ergebnis, daß ›Faschismus‹ im Grunde ja wohl alles meine, was einem gegebenen Paragonisten als „tief abstoßend“ aufstoßen mag. In einer der jüngsten Observanzen, die Bolle neulich erst zu Ohren gekommen ist, heißt es dann auch, so gesehen durchaus konsequent: Konservativ ist gleich rechts ist gleich Faschismus. So kann’s gehen, wenn Forscher abheben, kreisen, und niemals wieder landen – um hier mal ein Bonmot von Wassily Leontief (1905–1999), einem wirtschaftsweisen Nobelpreisträger, zu bemühen. In Bolles Kreisen spricht man auch vom Reziprozitätsgesetz der Sprachwissenschaften: Je vager und je platter ein Begriff (Intention), desto reichhaltiger seine potentielle Verwendungsfülle (Extention).

Bolle dagegen hat unter ›Faschismus‹ schon immer kaum mehr verstanden als eine Staatsorganisationsform, die dem Motto ›Alle sollen gleich sein wollen‹ huldigt. Dabei geht es also nicht nur darum, daß alle gleich sind – nein, sie sollen es auch wollen. Trefflich auf den Punkt gebracht hat das übrigens George Orwell in seinem finsteren ›Nineteen Eighty-Four‹ (London 1949), wo der Protagonist Winston Smith von seiner Renitenz, seinem Überhaupt-nicht-gleich-sein-Wollen, zunächst vollständig geheilt und dann erst gnaden- und einsichtsvoll erschossen wurde. Schließlich sollen alle mitgenommen werden – niemand soll zurückbleiben müssen.

Übrigens sind damit, in einem Abwasch gewissermaßen, auch alle angeblichen Unterschiede zwischen Rechts- und Linksfaschismus vom Tisch. Mit dem ganzen Lechts/Rinks-Gedöns (Bolle featuring Ernst Jandl 1966) konnte Bolle ja bekanntlich noch nie sonderlich was anfangen.

Auch ist der finstere Orwell’sche Faschismus ohnehin „sowas von 20. Jahrhundert“ – um es mal jugendsprachlich auszudrücken. Heute sind wir deutlich weiter, of course. Einen modernen, zeitgemäßen Faschismus hat Bolle sich schon immer eher so vorgestellt wie in Huxleys ›Schöne Neue Welt‹ (1932) – also lange nicht so verkniffen und auch längst nicht so letal. Schließlich gibt es mildere Mittel, die Schäfchen bei der Stange zu halten. Um sie auf dem rechten Weg zu führen, reicht es ja oft schon aus, ihnen gegebenenfalls die Scheckkarte oder das Handy wegzunehmen oder selbiges auch nur vage als Möglichkeit im Raume schweben zu lassen. Und wer partout nicht gleich sein will, wird (bei Huxley) eben auf irgendeine einsame Insel abgeschoben, auf daß er dort nach seiner Fasson glücklich werden möge – solange er nur die Harmonie der Schönen Neuen Welt, das Gleichgewicht der Gleichen, nicht länger stört. Noch ist es allerdings so, daß wir uns im richtigen Leben in der Tendenz mit Warnhinweisen begnügen müssen: „Die Lektüre dieses Buches kann Ihrem gesunden Gleichsein-Wollen schaden“ – oder so ähnlich.

Kurzum: das alles schreit nach einem trefflicheren Worte. Und so hatte es Bolle in Ermangelung eines besseren Einfalles zunächst mit ›Filigran-Faschismus‹ probiert. Allerdings hat sich das als noch längst nicht knackig genug erwiesen. Außerdem, findet Bolle, wird es nach einhundert Jahren allmählich hohe Zeit, sich endlich des leidigen Grundbegriffes endgültig zu entledigen. Des Bla-Bla ist genug gewesen …

Daher also der ›Schafismus‹. Schafismus statt Faschismus. Inspirieren lassen hat sich Bolle hier vom Verlan – einer französischen Jugendsprache, die neue Wörter produziert, indem sie Silben (oder andere Elemente) gegebener Wörter gekonnt und durchaus künstlerisch verdreht. So wurde eben aus ›l’envers‹ (das Umgekehrte) ›Verlan‹, die Jugendsprache. Bolle lieebt die Dichtkunst der Franzosen.

Einmal im Schwunge, hat sich auch gleich ein passender Text zum Thema einfinden wollen – passenderweise mitten in der Marseillaise: 🎶 Allons moutons de la folie // Le jour de noir est arrivé … 🎶 – wobei Bolle seine Adaption ausdrücklich als Hommage an aufbruchsfrohere Zeiten verstanden wissen will. Der Rest der Hymne sei berufeneren Bänkelsängern überlassen.

Beim Umdichten der ersten Zeilen mußte Bolle lediglich ›enfants‹ (Kinder) durch ›moutons‹ (Schafe) ersetzen, ›Patrie‹ (Vaterland) durch ›folie‹ (Wahnsinn), und ›jour de gloire‹ (Tag des Ruhmes) durch ›jour de noir‹ (schwarzer Tag). Französisch ist einfach eine herrliche Sprache, wenn es dezidiert um Dichtkunst geht. Und so wird aus ›Auf, auf, Ihr Kinder dieses Landes // Der Tag des Ruhmes bricht heut‘ an‹ frei übersetzt – Französisch muß man frei übersetzen –  ›Auf, auf, Ihr derangierten Schafe // Von nun an geht es steil bergab‹.

Und schon paßt das alles auf deren Schöne Neue Zeit wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer. Viva il schafismo! Ob sich das aber – nicht zuletzt auch im Italienischen – begrifflich wird durchsetzen können, bleibt natürlich abzuwarten. Immerhin weiß Bolle jetzt, was zu tun und was zu erwidern ist, wenn ihm das nächste mal einer dieser Ewiggestrigen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course), womöglich nach dem dritten Bier, mit historisch heillos abgedroschenen, einhundert Jahre alten Etikett-Aufklebern (in Bolles Kreisen kurz ›Etas‹) kommt und dabei auch noch meint, damit was auch immer aussagen zu können. „Faschist!“ – „Selber Schafist!“ So entstehen geistreiche Gespräche – zumindest nach dem dritten Bier. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-06-25 Wenn Glocken richtig rocken

Ei, der Gauß …

Nach den doch eher etwas fluffigeren Sujets der letzten Sonntagsfrühstückchen wollen wir uns diesmal wieder einem strikteren Gegenstand zuwenden. Kenner werden es sogleich erkannt haben: Wir reden hier von der Gauß’schen Glockenkurve. Ersonnen hat sie Carl Friedrich Gauß (1777–1855), der zu Lebzeiten schon als Princeps mathematicorum, also Erster seiner Zunft galt, seinerzeit im Jahre 1809.

Was will uns Gauß damit sagen?

Stellen wir uns ein Weizenfeld vor (etwaige Allergiker, beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course, mögen sich mit einem Dinkelfeld begnügen). Nehmen wir an, die Halme seien im Mittel 100 cm hoch (in der Graphik entspricht das der 0) und hätten eine sogenannte Standardabweichung von ±10 cm (in der Graphik entspricht das dem Bereich zwischen –1 und +1). Das bedeutet, daß wir erwarten können, daß 2/3 der geernteten Halme zwischen 90 und 110 cm lang sein werden und damit „Mittelmaß“. Natürlich werden sich auch Halme finden, die zwischen 110 cm und 120 cm hoch sein werden. Allerdings, das sagt uns die Glockenkurve, wird das nur rund 1/7 der Halme sein. Noch größer als 120 cm – auch das kommt vor – werden nur noch 1/44, also knapp 2,5% der Halme sein (in der Graphik das Feld ›top‹). Das Gegenstück ›ui‹ übrigens steht für ›unterirdisch‹ – obwohl das, zugegebenermaßen, bei Halmlängen ein schiefes Bild ergibt. Oder – auch das sagt die Graphik aus – um zum oberen Drittel zu gehören, müßte ein Halm wenigstens gut 104 cm lang sein (rote Linie). Damit wäre er zwar immer noch Mittelmaß – allerdings schon leicht überdurchschnittlich.

Wer nun meint, was interessieren mich Weizen- oder Dinkelfelder? Mehl kommt mir aus der Tüte beziehungsweise Brot gibt’s beim Bäcker – dem sei gesagt, daß sich die Gauß’sche Glockenkurve auf erstaunlich viele Bereiche im wirklichen Leben anwenden läßt – unter anderem auf so weizenferne Felder wie Leistungsfähigkeit und -bereitschaft (also etwa Schulnoten, wenn sie denn gerecht vergeben würden) oder eben auch auf das, was wir hier politische Urteilskraft nennen wollen.

Übertragen bedeutet das: Unter den Bedingungen einer Demokratie werden Leute mit guter oder sehr guter politischer Urteilskraft schwerlich regieren können – einfach, weil sie nicht in der Mehrheit sind. Selbst für eine sogenannte Sperrminorität (rote Linie) wird es absehbar eng, weil es dafür nötig wäre, einen gehörigen Teil des Mittelmaßes zu gewinnen. Die Vorzüge einer Demokratie können also nur woanders liegen. In der Gauß’schen Glockenkurve jedenfalls liegen sie nicht.

Was aber soll das überhaupt sein, politische Urteilskraft? Die einfachste und ganz naheliegende Antwort wäre wohl: Politische Urteilskraft hat in meinen Augen, wer die Partei wählt, die ich selber auch wählen würde. Easy – aber führt zu nichts. Drehen wir den Spieß also um: Was würde nahelegen, daß es einem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) an selbiger mangelt? Im Wesentlichen wohl, daß er nicht wirklich in der Lage ist, sich ein Bild zu machen von den jeweiligen Paragonisten (neudeutsch: Akteuren) oder Gegebenheiten. Da bricht einer alle Wahlversprechen, gelobt kurz vor der Wahl Besserung – er habe es schließlich nicht besser wissen können – und wirbt treuherzig um „Vertrauen“. Und die Leute wählen ihn wieder. Da werden im Vorfeld einer Wahl regelmäßig regelrechte Plakatschlachten veranstaltet – und mancher Wähler läßt sich, wie’s scheint, davon dann doch irgendwie beeindrucken. Da postet einer schicke Reels auf Insta – und kriegt dafür (!) die Stimme. Da gibt es Last-Minute-Wähler, die zehn Minuten vor der Stimmabgabe noch immer nicht wissen, was sie wählen wollen – als hätten sie nicht Monate und Jahre Zeit gehabt, sich ein solides Bild zu machen und zu einem fundierten politischen Urteil zu kommen. Schließlich gibt es auch noch Wähler, die wählen sowieso immer, was sie schon immer gewählt haben – egal, was auch immer die Paragonisten veranstalten mögen: Traditionales Verhalten, halt. Kurzum: Mangelnde politische Urteilskraft scheint ein Spezialfall von mangelnder prognostischer Kompetenz zu sein: Die Unfähigkeit zu erahnen, was passieren wird, wenn dieses oder jenes so weitergeht. Kognitive Kurzsichtigkeit also. Oder, wie Bolle das womöglich resümieren würde:

Kurzum –
Und dabei völlig ohne Hohn:
Ein klitzekleines bißchen dumm
Wirkt das alles dann doch schon.

Und so sucht, entgegen dem völlig anderslautenden Paratickma, auch kein Aas das angeblich bessere Argument, sondern lediglich die bessere Agitation. Auch hier scheint, einmal mehr, ›Luhmanns Law‹ zu gelten. In Bolles Fassung lautet es (vgl. dazu Mo 12-12-22 Das zwölfte Türchen …):

Das System erzeugt die Elemente,
aus denen es besteht,
mittels der Elemente,
aus denen es besteht.

Wir haben es hier also wohl einfach nur mit zielgruppengerechter Ansprache zu tun – wobei die Zielgruppe das Mittelfeld ist, also der Bereich zwischen –1 und +1. Und die Medien mischen munter mit. Daher womöglich auch der geradezu heilige Zorn gegen alles, was sich davon nicht einfangen lassen will, geschweige denn unterhaken – und damit das Idyll einer Schönwetter-Demokratie trübt. Im Überschwange geht das dann so weit, daß manche ernstlich meinen, Einigkeit sei eine demokratische (!) Tugend. Hört, hört! Mit derlei wird man leben müssen – und gegebenenfalls auch leiden. Abhilfe ist nicht in Sicht – und zwar aus rein mathematischen Gründen nicht. Was aber rein mathematisch nicht funktioniert, kann auch in der besten aller möglichen Welten (Voltaire 1759) nicht funktionieren. Eine damit oft verbundene regelrechte ideologische Überhöhung aber – 🎶 Im Westen, im Westen, da ist‘s ja wohl am besten, Fidirallala, … 🎶 – können wir getrost den Hülsenfrüchtchen überlassen.

Eines aber wollen wir dabei – Bolle featuring Marx/Engels 1848 – nicht vergessen: Die Parlamentarier haben nichts zu verlieren als ihre Buletten. Sie haben ihre Welt zu gewinnen. Parlamentarier aller Länder, vereinigt Euch! – namentlich gegen Wahlvolk mit mittelmäßiger politischer Urteilskraft. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 25-05-25 Abisurd

Ab in den Orkus …

Letzte Woche (So 18-05-25 Die Grenzen des Unsäglichen) hatten wir am Rande erwähnt, was sich mit elaborierteren Formen von kreativem Konstruktivismus so alles anstellen läßt. Da gibt es praktisch nichts, was es nicht gibt. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Hier ein Beispiel aus dem Klitzekleinen.

In einem Provinz-Gymnasium wurde ein Abitur-Motto gesucht. Wozu ein solches gut sein soll, weiß Bolle nicht zu sagen. Seinerzeit ist man auch ohne Motto gut zurechtgekommen. Aber lenken wir nicht ab. Unter den eingereichten Vorschlägen fanden sich die folgenden drei Steine des Anstoßes:

Abi Akbar – Explosiv durchs Abi
Abi macht frei
NSDABI – Verbrennt den Duden

Und schon war die Hölle los in der Provinz. Die Sprüche seien antisemitisch, rassistisch und diskriminierend. Was was sein soll – und vor allem auch, warum –, hat sich Bolle nicht wirklich erschließen wollen. Von den anderen Vorschlägen – es wird wohl hoffentlich welche gegeben haben – ist nichts bekannt. Auch ist nicht klar, ob ›Abi‹ als Element des Mottos möglicherweise vorgegeben war und damit einschlägige Wortspiele gesucht wurden – so wie zum Beispiel unser ›Abisurd‹ im Titel. Kurzum: Wir wissen wenig bis nichts. Nur, daß das alles furchtbar skandalös sein soll, wie das örtliche Lokalblatt nicht ohne gehörigen Grusel zu vermelden wußte.

Wie aber konnte es überhaupt zu dem Skandal kommen? Nun, offenbar hatte es eine Ausschreibung gegeben, bei der jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) online einerseits anonym Themenvorschläge einreichen konnte und andererseits auch per like bewerten. Damit hätte alles sein Bewenden haben können. Man muß als Organisationsteam ja keine Vorschläge aufgreifen, die man uninspiriert findet, geschmacklos gar, oder die man für zu politisch hält. Aber Nein: Man rennt mit dem „Vorfall“ zum Schulleiter und petzt. Der hängt das ganze an die große Zeitungsglocke, schaltet die Polizei ein und überdies die ›Fachstelle für Demokratieförderung und phänomenübergreifende Extremismusprävention (DEXT)‹ und nimmt Kontakt zum ›Landesportal Hessen gegen Hetze‹ auf. Die wiederum haben einen heißen Draht zum LfV (Landesamt für Volkserziehung).

Und? Wie geht der kommende Abiturjahrgang damit um? Man befleißigt sich „brutalstmöglicher“ (Bolle featuring Roland Koch 2000) Distanzierung: Man lehne „ausdrücklich“ diese Personen und die vermittelten Botschaften ab – welche „Botschaften“, by the way? – und fordere, wiederum ausdrücklich, Konsequenzen. Man stelle sich „klar“ gegen … bla, bla, bla. Bolle meint: Braver geht nimmer.

Womöglich steckt denen ja das Schicksal der Sylter Sängerknaben (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit ihrer ›Döp-dö-dö-döp‹-Darbietung (nach dem 1999er Schlager von Gigi D’Agostino) vom Sommer letzten Jahres einschließlich der massiven medialen Verprangerung noch gehörig in den Knochen. Vielleicht ist es aber auch einfach nur das Bedürfnis, auf der vermeintlich richtigen Seite, wenn schon nicht der Geschichte, so doch zumindest der Gesellschaft zu stehen.

Was hat das mit unserem heutigen Schildchen zu tun? Unser Schildchen beschreibt den Weg von einem beliebigen Ausgangspunkt A hin zu einem nicht minder beliebigen Ziel Z – wie er jedem beliebigen Problemlösungszirkel (PLZ) zugrunde liegt (vgl. dazu etwa So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan). Weniger spezifisch könnte A auch für ein beliebiges Ansinnen oder eine beliebige Ambition stehen, und Z für einen beliebigen als wünschenswert angesehenen Zustand.

Nehmen wir an, der Weg an sich sei – etwa aufgrund gründlicher Vorbereitung – klar und eben. Wenn da nur die vielen Stop-Schilder nicht wären, die jedwede Bestrebung geradezu magisch in Richtung Orkus lenken – das Reich des Banalen und Dysfunktionalen: Darf man leider nicht tun – Darf man leider nicht sagen – Am besten nicht mal denken. Stop-Schilder, das wären zum Beispiel: „das spielt den falschen in die Hände“, das ist rechtsextrem, das ist diskriminierend, das ist antisemitisch, das ist frauen-, menschen- oder sonst-was-feindlich. Dabei werden der Schilder immer mehr – was an dem Geist der Zeiten liegen mag.

Das Problem an dieser Stelle: Die Kriterien sind so allgemein gehalten – man könnte sagen: derart wischi-waschi –, daß sich mit einer entsprechenden konstruktivistischen Phantasie praktisch alles darunter subsumieren ließe. Hier, pars pro toto, nur zwei Beispiele:

Ein Stop-Schild, das sich in gewissen Kreisen zunehmender Beliebtheit erfreut, ist „Haß ist keine Meinung“. Bolle bieder: „Definiere Haß.“ Hier muß man einfach nur alles, was einem nicht paßt, zur „Hate Speech“ erklären – eine Begründung erübrigt sich völlig – und schon steht das Schild.

Zweites Beispiel: In einer Umfrage hieß es: „Finden Sie, daß Juden zu viel Einfluß haben?“ Wehe, man hat Ja gesagt. Klarer Fall von Antisemitismus – wie es in der Presse hieß. Stop! Stop! Stop! Nehmen wir umgekehrt an, jemand meint, der Papst habe zu viel Einfluß. Ist er dann ein Antichrist …? Man möcht‘ es fast für möglich halten.

Natürlich lassen sich unter solchen Bedingungen, wenn sie überhandnehmen, weder Projekte verwirklichen noch Ideen formulieren oder gar diskutieren. In Bolles Kreisen spricht man – streng mathematisch – auch von ›Nebenbedingungen‹: Je mehr davon, desto Essig ist es mit einer Lösung. Und ebenso natürlich kann eine Gesellschaft unter solchen Bedingungen nicht gedeihen. Schon gar keine Gesellschaft, die sich selber gern als ›frei‹ ansieht. Eher wird sie sich in toto selber in den Orkus spülen. Bolle findet, letztlich ist das ooch egal. Schön anzusehen aber ist es gleichwohl nicht. Unversehens kommt ihm da der Goethe in den Sinn:

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang‘ in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?

Das Verhalten der angehenden Abiturienten jedenfalls ist für Bolle einfach nur ein schönes Beispiel für einen kläglichen Konformismus, wie ihn sich Heinrich Mann in seinem ›Der Untertan‹ (1918) damals schon nicht schöner hätte denken können. Die Vorstellung, daß solche Leute demnächst Politiker sein könnten und sich dabei berufen fühlen, die Geschicke des Landes zu lenken … Deprimierend. Umgekehrt erklärt das natürlich einiges, of course, wie ein Blick in die jüngste Zeitgeschichte eindrücklich nahelegt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 18-05-25 Die Grenzen des Unsäglichen

Das Wichtigste schon mal geklärt.

Oh Zeiten, oh Sitten. Manchmal muß man sich ja wirklich fragen, ob man es nicht genießen soll, in vergleichsweise bewegten Zeiten zu leben, oder ob man das mit der Bewegung nicht auch übertreiben kann. Bolle, von Haus aus eher genügsam, findet ja, frei nach dem ›Vorspiel auf dem Theater‹ in Goethes Faust (1808):

Des Chaos ist genug gewesen,
Laßt mich auch einen Lichtblick sehn!

In den letzten Jahren ist aber auch wirklich alles schiefgelaufen. Wollte man bestimmen, ab wann, müßte man eigentlich schon passen. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Wenn’s schiefläuft, dann auch. Dabei ist es schwierig bis unmöglich, bei „exponentiellen“ Entwicklungen – um mal ein Modewort aus der Corönchenzeit zu bemühen – einen Anfangspunkt zu bestimmen. Exponentielle Entwicklungen haben nun mal keinen „Anfangspunkt“. Alles, was sie haben, ist Eigendynamik. Versuchen wir es dennoch, grob und überschlagsweise.

Im Jahre 2015 kam das Migrationsdebakel über das Land. Nun könnte man sagen – und viele tun das auch: Tja, da kannste nüscht machen. Seit 2018, also gut zwei Jahre später, durften wir erleben, wie sich die Klimakrise breitmacht auf der Welt. Damals ging das los mit den Sitzstreiks einer gewissen Greta Thunberg, die sehr schnell und sehr gründlich Popstar-Status erlangen sollte. Wiederum zwei Jahre später, 2020, beglückte uns die Welt dann mit Corönchen, einem hochgehypten Schnupfen – der der ganzen Welt drei Jahre lang die Luft zum Atmen nahm. Und abermals zwei Jahre später, 2022, erfrechte sich ein russischer Imperator, sein Nachbarland zu überfallen, und brachte damit die bräsige Welt des Westens vollends durcheinander.

Kurzum: eine Katastrophe jagt die nächste – so ziemlich im Zwei-Jahrestakt. Wobei die Katastrophen einander nicht etwa ablösen – konsekutive Katastrophen, also. Nein, sie schichten sich übereinander. In Bolles Kreisen spricht man hier auch von kumulativen Katastrophen.

Liegt das nun an einer kosmischen Katastrophen-Konstellation, Hummer in Saturn etwa, oder so – Bolle kennt sich hier wirklich ganz schlecht aus –, gegen die man nun mal nichts machen kann? Oder liegt es einfach an schlichter Überforderung der Polit-Prominenz nebst ihrer Statthalter oder doch zumindest Steigbügelhalter in Presse, Funk und Fernsehen, was den Umgang mit derlei angeht? Bolle tippt definitiv auf letzteres.

Die dominante Problemlösungsstrategie – eine für alle beziehungsweise, neudeutsch, one fits all – scheint Bolle eine fortgeschrittenere Form von Konstruktivismus, gewürzt mit einer tüchtigen Portion Monetarismus zu sein.

Die Grundidee des Monetarismus, im weiteren Sinne, of course, geht ja wie folgt: es gibt kein Problem auf der Welt, das man nicht mit einer gehörigen Portion Penunse oder Pinkepinke zuscheißen könnte – um es mal lutherisch-derb auszudrücken. Die Grundidee des Konstruktivismus dagegen muß wohl lauten: Es gibt kein Problem auf der Welt, das man nicht mit gehöriger semantischer Raffinesse solide wegsäuseln könnte. Beide Grundideen tragen nicht, of course – jedenfalls nicht „nachhaltig“. Eher geht der Krug zum Brunnen, bis er bricht. Dann kommt es, wie immer, zu den üblichen langen Gesichtern und der herzergreifenden Versicherung, das habe man nicht wissen können. Bolle, streng wie selten: Habe man wohl!

Umgekehrt übrigens funktioniert diese Form von forschem Konstruktivismus genauso: Es gibt kein Problem auf der Welt, das sich nicht herbeireden ließe. Das jüngste Elaborat des BfV, das Bolle – semantisch sehr viel sauberer – nur noch ›Bundesamt für Volkserziehung‹ nennen mag, ist hierfür wohl nicht das schlechteste Beispiel. Aus der „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“, die man der AfD so gerne unterstellt, wurde da eine Verschiebung der Grenzen des Unsäglichen. Klingt ganz ähnlich – ist aber nicht das gleiche. Und das Volk schaut staunend zu – und freut sich oder wundert sich. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 04-05-25 Die trauen sich was

Jeder, wie er kann. Ist ja auch am einfachsten.

Was nicht laut ist und schreit, was nicht schrill ist und grell, findet einfach unsere Aufmerksamkeit nicht mehr.

So beendet Liessmann in seinem Bändchen ›Lob der Grenze‹ (2012) den Abschnitt zum Thema ›Lärm‹ – mit dem durchaus nicht ganz unpassenden Untertitel ›An der Grenze des Erträglichen‹.

Dabei handelt es sich übrigens um eben jenen Liessmann, der sich in seiner ›Kritik der politischen Urteilskraft‹ – so der Untertitel des Werkes – veranlaßt gesehen hatte, Selbstverständliches wie etwa das Folgende festzuhalten:

Ein Stuhl wird nicht diskriminiert,
wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist.
Eine Grenze kategorial zu ziehen,
bedeutet noch nicht, zu werten.

Vergleiche dazu etwa unser Sonntagsfrühstückchen von vor geraumer Zeit (Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen) – das übrigens kurioserweise an einem Freitag erschienen war. Doch das nur am Rande.

Jedenfalls meinte unsere scheidende Regierung – Gott hab sie selig – ihren Abgang nicht nur lärmend, sondern geradezu dröhnend gestalten zu müssen. Wie sonst, siehe oben, soll man denn auch Aufmerksamkeit erregen? Auf den letzten Metern, die Türklinke schon in der Hand, hat man dem staunenden Wahlvolk verkündet, die zur Zeit wohl stärkste Partei und, nebenbei bemerkt, inhaltlich auch einzig real existierende Opposition, sei nunmehr nicht mehr nur verdächtig, böse, oh so böse zu sein. Nein, sie sei es jetzt ganz sicher.

Das wisse man, weil die zuständige Behörde ganze eintausendeinhundert Seiten gebraucht habe, um all die Schand- und Greueltaten getreulich aufzulisten. Zwar sei die Liste geheim – schließlich handele es sich bei der Behörde ja um einen Geheimdienst, da mache derlei durchaus Sinn – aber egal: Solch ellenlange Liste muß als Argument genügen. Wir wissen also nicht, was drinsteht. Geheimes Know-How, sozusagen – wie man das in Bolles Kreisen mitunter auch zu nennen pflegt.

Wenn Bolle raten sollte oder müßte, dann würde er auf Hülsenfrüchtchens Allzweck-Bazooka, den ersten und obersten Grundsatz unserer Verfassung, tippen. Dort heißt es, die Würde des Menschen sei unantastbar. Daraus könnte man, bei einiger entsprechend pervertierter Phantasie, durchaus ableiten, daß es würdelos sei, zwischen solchen und solchen Menschen zu unterscheiden. Um im Bilde zu bleiben: Die Diskriminierung eines Stuhles, etwa indem man ihn als Nicht-Tisch schmäht, sei ein dermaßenes Ding der Unmöglichkeit, daß das ja wohl gar nicht angehen könne und folglich gerechter- und konsequenterweise strikt verboten werden müsse. Eine verfassungsmäßig festgezurrte Grenzenlosigkeit, also. Daß uns ebendiese Grenzenlosigkeit – Wir schaffen das, quaak, quaak – zur Zeit an allen Ecken und Enden um die sprichwörtlichen Ohren fliegt: Schwamm drüber. Wird schon werden. Ansonsten: Eh scho Wuascht – wie unsere österreichischen Freunde sagen. Oder, wie es in Bolles Kreisen heißt: Kieken wa ma.

Auf den Punkt: Das staunende Volk – zumindest aber der denkendere Teil desselben – wird hier mit einer alleinseligmachenden Verfassungsauslegung beglückt, die aus sehr, sehr grundsätzlichen Gründen nicht funktionieren kann und wird: Ein Stuhl ist nun mal kein Tisch – da kannste, einmal mehr, nüscht machen.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Im Inland wird überwiegend gejubelt – endlich klare Verhältnisse! Im Ausland – jedenfalls in den Zeitungen, die Bolle so liest – fragt man sich ernsthaft, ob die Deutschen noch alle sprichwörtlichen Latten am Zaun haben. Nun ja: Die Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Der allerletzte Satz im Abschnitt ›Lärm‹ lautet übrigens: Von Denken kann in solch einer Welt aber keine Rede mehr sein. Warum auch? Tut ja ohnehin nur weh, und weitet womöglich den Horizont ins „Hochkomplexe“ – also dahin, wo so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) definitionsgemäß überhaupt nicht mehr durchblickt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-03-25 Schnullologie

Eine Dose ist eine Dose ist eine Dose.

Wie das Leben so spielt, hatte Bolle dieser Tage rein umständehalber mit Schnullerflaschen zu tun – das erste mal seit einigen Jahrzehnten. Damals war die Welt noch „überschaubar“ – um es einmal in Hülsenfrüchtchens Terminologie zu fassen. Milch (oder was auch immer) in die Flasche, trinken – fertig. An sonderliche Probleme jedenfalls kann Bolle sich beim besten Willen nicht erinnern.

Heute dagegen – eine ellenlange Gebrauchsanleitung in nicht weniger als 30 Sprachen. Damit das alles auf den ohnehin schon mörderisch dimensionierten Beipackzettel paßt, hat der Hersteller eine Schriftgröße gewählt, an der Bolle sich seinerzeit glatt die Augen verdorben hätte. Im Wesentlichen heißt es dort, so eine Nuckelflasche sei ein durchaus gefährliches Ding. Man müsse höllisch aufpassen, daß Baby stets nur unter Aufsicht eines Erwachsenen mit der Flasche in Berührung komme. Das Glas könne splittern, auch könne sich Baby unter Umständen strangulieren oder aufgrund mangelnder Hygiene gar einen unbotmäßig frühen Tod erleiden. Folglich müsse man … et cetera bla, bla.

Nun – es dauerte nicht lange, bis Bolle sich der Terminus ›Schnullologie‹ hatte aufdrängen wollen. Einmal in der Welt, wurden Bolle stante pede die unabweisbaren Weiterungen bewußt. Wenn Baby sich so wild und gefährlich durch die ersten Wochen und Monate seines jungen Lebens kämpfen muß – stets „gefühlt“ bedroht von splitterndem Glas und üblen Keimen –, dann muß man sich nicht wundern, wenn aus Baby später eine rechte Bangbüchs wird – stets gewillt, sich helfen, retten, schützen zu lassen. Baby kann dann alles werden – nur kein Souverän. Unter „demokratietheoretischen“ (so das jüngste Modewort) Gesichtspunkten scheint Bolle das alles mehr als bedenklich.

Aber kann man die Schnullologie dermaßen hochhängen? Bolle meint, man kann. Durchaus. Nicht zuletzt bei Aldous Huxley heißt es ja: „Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“ Eine solche Welt kann alles sein, nur – mangels souveränen Souveränen –, keine Demokratie.

Im übrigen gilt seit heute mal wieder die Sommerzeit. Was hatte man sich damals (1980) nicht alles davon versprochen? Energieersparnis ohne Ende – im Namen der Wissenschaft, of course. Heute, anderthalb Generationen später, weiß man, daß man eher nichts weiß – beziehungsweise noch immer nichts. Schnullologie, eben. Immerhin ist eines klar: Eine Dose ist eine Dose ist eine Dose (Bolle featuring Gertrude Stein). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 23-03-25 Konfuzius reloaded

Total klar, das.

Manchmal, meint Bolle, kann es wirklich nicht schaden, auf die alten Meister zurückzugreifen. Etwa auf Kong Fu Tse – den ehrwürdigen Meister Kong. Meister Kong hatte seine Zeitgenossen mit seiner Antwort auf die Frage, was denn das Wichtigste sei, um den Staat in Ordnung zu bringen,  seinerzeit schon – gelinde gesagt – irritiert.

Statt also – wie so manche Weltverbesserer der Gegenwart – zu sagen, wir bräuchten mehr Wachstum (oder mehr Klimaschutz oder mehr Kriegstüchtigkeit oder weniger Spaltung der Gesellschaft – oder mehr oder weniger was auch immer), schien ihm etwas so abstraktes wie klare Begriffe das wichtigste. Und davon auch nicht etwa „mehr“ – sondern überhaupt.

Wie? Das soll’s gewesen sein? Klare Begriffe – und alles wird gut? Natürlich nicht. Allein das hat Kong Fu Tse auch gar nicht gesagt. Ganz im Gegenteil. Gesagt hat er, daß ohne klare Begriffe alles immer schlimmer wird. Schaut man sich um auf der Welt, könnte man glatt geneigt sein, dem zuzustimmen.

Aus Bolles Sicht war der Durchmarsch des Gender-Gaga einer der ersten und dabei „nachhaltigsten“ Verstöße wider den Geist. Und – Bolle lieebt Selbstbezüglichkeiten – da geht es auch schon los. Definiere Nachhaltigkeit: ›Nachhaltig‹ ist etwas, das auf Dauer funktioniert. Komplizierter ist es an dieser Stelle eigentlich nicht. Auch dann nicht, wenn der Begriff mittlerweile dermaßen inflationär verwendet wird, daß einem regelrecht schwummrig werden kann. Übergeblieben ist ein leeres Loch, in das ein jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) einfüllen kann, was immer ihm beliebt. Mit Klarheit im weitesten Sinne hat das nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Die Sprache – und damit das Denken und damit das Handeln – wird, falls Kong Fu Tse Recht haben sollte, einfach nur komplizierter. Die Klarheit bleibt dabei glatt auf der Strecke.

Bolle kann sich noch gut an den Moment erinnern, als ihm das heute übliche Wort ›Entwicklungszusammenarbeit‹ das erste mal zu Ohren kam. Was das? Es handelt sich hierbei, im besten konfuzianischen Sinne, um Entwicklungs-Hilfe. Zusammenarbeit gibt es nur unter Gleichen. Auch hat das nichts mit „Augenhöhe“ zu tun – noch so ein modischer Dussel-Denk-Begriff.

Und warum das Ganze? Die übliche Begründung lautet meist, man dürfe nicht auf den Gefühlen der Unterprivilegierten beziehungsweise der Schwächeren beziehungsweise der Minderheiten beziehungsweise der was auch immer herumtrampeln. Ein hehres Ziel – das sieht Bolle ein. Aber hat es auch was mit Klarheit zu tun? Natürlich nicht.

Wir wollen hier und heute nicht allzuweit ausholen. Nur so viel: Als Bolle noch Tertianer war, gab es direkt neben dem Pausenhof einen Kiosk – und an dem Kiosk gab es Mohrenköpfe. In der großen Pause konnte man sich, ohne zu hetzen, zu dem Kiosk begeben, für 50 Pfennige eine Tüte mit fünf Mohrenköpfen erstehen und selbige bei einem Rundgang um das Schulgebäude genüßlich verzehren. Pausenbrot nach Pennälerart. Daß Bolles Pausenbrot irgend etwas – und sei es auch nur im allerweitesten Sinne – mit der Diskriminierung von Mohren zu tun haben könnte, wäre Bolle nie in den Sinn gekommen. Allen anderen ebensowenig. Die hießen einfach so. Klare Sache, klarer Begriff.

Bolle plädiert an dieser Stelle ja für das gewohnheitsrechtlich gut bewährte Rechtsinstitut ›Alte Rechte‹. Wenn etwas seit Jahrhunderten so oder so genannt wurde, dann ist es durchaus und zumindest eine Frage wert, warum ein und dieselbe Sache plötzlich unter neuem Begriff firmieren soll. Um die Gefühle der Mohren nicht zu verletzen? Bolle findet das alles sehr, sehr windig. Könnte man von den Mohren nicht ein gewisses Maß an Eigenleistung erwarten? Namentlich also deutlich mehr Souveränität im Umgang mit Mohrenköpfen? Schließlich hat Bolle ja auch rein gar nichts dagegen, wenn ihn ein Chinese als Langnase bezeichnet, ein Schwarzer als Weißbrot oder etwa ein Türke als Kartoffel. Na und? Volkswitz, eben. Wenn aber das Volk klarer tickt als seine selbstempfundenen Eliten, dann sind der konfuzianischen Konfusion Tor und Tür geöffnet. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan

Der Problemlösungszirkel (PLZ) oder De arte solvendi.

Sie haben es tatsächlich getan. Of course, möchte man ergänzen. Sie haben – obwohl doch längst schon abgewählt – in den letzten Zügen ihrer Agonie dem Volke noch mal eben eine Phantastilliarde Sonderschulden aufs Auge gedrückt. Schulden, an denen die sprichwörtlichen kommenden Generationen noch ein ganzes Weilchen werden zu knabbern haben.

Damit das alles aber gleich viel freundlicher klingt, warten die gedungenen Sprachdesigner mit dem Begriff „Sondervermögen“ auf – einer Wortschöpfung, die eigentlich nur Sinn macht, wenn man ein entsprechendes kognitives Sondervermögen – dumm geboren, nichts dazugelernt, Rest vergessen – auf Seiten der Rezipienten unterstellt. Namentlich beim Journalismus 2.0 macht sich Bolle da nicht allzuviel Sorgen.

Macht das alles wenigstens Sinn? Aber Ja doch. Schließlich stehe demnächst mal wieder der Russe vor der Tür. Heute gehört ihm Rußland – und morgen die halbe Welt. Im übrigen müsse dringend das Klima gerettet werden und vor allem der Niedergang „unserer“ Demokratie. Sancta simplicitas!

Aber versuchen wir, uns Schritt für Schritt mit der dahinterstehenden Logik vertraut zu machen: Ist-Analyse: Wir haben zu wenig Geld. Ziel: Wir brauchen viel, gaanz viel Geld. Plan / Check der Mittel: Laßt uns ein tüchtiges Husarenstück auflegen. Das war wohl der Plan. Ein Check der Mittel erübrigt sich an dieser Stelle – schließlich ist die Akquisition der Phantastilliarden ja originärer Gegenstand des Problemlösungszirkels.

Das wirft natürlich mit Wucht die ›Ja, und nun‹-Frage auf. Phantastilliarden zu akquirieren ist die eine Sache. Was damit anfangen eine ganz andere. Da aber schweigt der Fürsten Törichtkeit. Die Details, so heißt es gut und gerne, seien natürlich noch zu klären, of course.

Geld allein macht nicht glücklich, wie der Volksmund weiß. Auch bringt Geld allein noch lange nichts zustande, wie Bolle zu ergänzen weiß. Ohne Geld ist es schwierig, irgend etwas zu bewirken, irgendein Ergebnis zu erzielen. Daraus folgt rein aussagenlogisch, daß, sofern einer was bewirkt hat, ein Mindesmaß an Mitteln im Spiel gewesen sein muß – vergleiche dazu ›Check der Mittel‹ in unserem Bildchen.

Daraus folgt aber nicht – und wirklich rein gar nicht – daß der Einsatz von Mitteln zu einem Ergebnis führen muß oder auch nur wird. In Bolles Kreisen notiert man derlei in etwa wie folgt:

Hier steht G für Geld beziehungsweise aktivierbare Ressourcen im weitesten Sinne, E steht für ein angestrebtes Ergebnis, „→“ für eine Implikation (wenn, dann) und das Häkchen schließlich steht für eine Verneinung. Mehr muß man dazu gar nicht wissen. Im Grunde also ist es mit Geld wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Um aber was draus machen zu können, wäre es vielleicht keine dumme Idee, mit sich selber über die folgenden drei Punkte ins Reine zu kommen.

Erstens: Wie konnte es überhaupt zu den gegenwärtigen Zuständen kommen? Mit „zuwenig Geld“ würde sich Bolle nur ungern zufriedengeben wollen. Ob sich unter diesen Umständen mit „mehr Geld“ entscheidend was wird reißen lassen, bleibt daher eher fraglich.

Zweitens wäre es wohl hohe Zeit, endlich mal das Modewort „Investition“ begrifflich wieder auf den Teppich zu holen. Bei einer Investition handelt es sich herkömmlicher- und richtigerweise um eine Sachkapitalerhöhung (Anlagen, Maschinen, Werkzeuge, sowie wirtschaftlich wirksame Infrastruktur) mit der Absicht, die Arbeit leichter und vor allem schneller zu machen und so mehr Güter in kürzerer Zeit herstellen zu können. Zur Zeit aber ist es so, daß jede Verschleuderung von Geldmitteln als „Investition“ deklariert wird: Schleifchen drum. Merkt ja keiner. Wenn man lange genug – also zum Beispiel über Jahrzehnte – so verfährt, beantwortet sich unser erster Punkt praktisch von selbst: Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort: Genau so! Beim Humankapital – doch das nur am Rande – gestalten sich die Verhältnisse noch sehr viel krasser: Klassenräume voller sekundärer Analphabeten, die lediglich tüchtig mit Tablets geflutet werden müßten – und alles werde sich zum Guten wenden. Weia!

Drittens schließlich sollte man sich darüber Rechenschaft ablegen, wo man überhaupt hinwill als Volkswirtschaft – oder gar als Land. Warum? Weil, wenn Du nicht weißt, wo Du hinwillst, mußt Du dich nicht wundern, wo Du ankommst. Darum. Das aber bedeutet zu gestalten – statt nur Probleme zu verwalten. Zu wissen, wo man hinwill, bedeutet übrigens zugleich, zu wissen, wo überall man eben nicht hinwill beziehungsweise zumindest nicht hin kann – weil es schlechterdings unmöglich beziehungsweise unsäglich dümmlich ist, auf jeder x-beliebigen Hochzeit weltweit tanzen zu wollen.

Bei allen dreien dieser Punkte aber hapert es derzeit aufs Heftigste. Mit weiteren Phantastilliarden wird sich das nicht lösen lassen. Als Kind schon war Bolle vertraut mit der höchst anschaulichen Wendung „Da ist der Wurm drin“. Was tun? Wurmkur oder Segel streichen? Beim gegenwärtig verfügbaren Polit-Personal – ganz überwiegend ohne jeden Hauch von Ritterehre – würde Bolle ganz unoptimistisch eher auf Segel streichen tippen. Für eine Wurmkur müßte es zunächst einmal so richtig rappeln im Karton. Aber wer weiß, wer weiß …?

The time has come, the Walrus said,
To talk of many things:
Of shoes – and ships – and sealing wax –
Of cabbages – and kings –
And why the sea is boiling hot –
And whether pigs have wings.

So hat es Lewis Caroll in seinem ›Through the Looking-Glass‹ 1871 schon gefaßt. Eine Übersetzung wollen wir uns hier sparen, weil die Weisheit im Nonsense liegt. Wer es dennoch wissen will, möge unter Mo 04-01-21 Letzte Fragen – total so! nachschlagen. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.