So 18-05-25 Die Grenzen des Unsäglichen

Das Wichtigste schon mal geklärt.

Oh Zeiten, oh Sitten. Manchmal muß man sich ja wirklich fragen, ob man es nicht genießen soll, in vergleichsweise bewegten Zeiten zu leben, oder ob man das mit der Bewegung nicht auch übertreiben kann. Bolle, von Haus aus eher genügsam, findet ja, frei nach dem ›Vorspiel auf dem Theater‹ in Goethes Faust (1808):

Des Chaos ist genug gewesen,
Laßt mich auch einen Lichtblick sehn!

In den letzten Jahren ist aber auch wirklich alles schiefgelaufen. Wollte man bestimmen, ab wann, müßte man eigentlich schon passen. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Wenn’s schiefläuft, dann auch. Dabei ist es schwierig bis unmöglich, bei „exponentiellen“ Entwicklungen – um mal ein Modewort aus der Corönchenzeit zu bemühen – einen Anfangspunkt zu bestimmen. Exponentielle Entwicklungen haben nun mal keinen „Anfangspunkt“. Alles, was sie haben, ist Eigendynamik. Versuchen wir es dennoch, grob und überschlagsweise.

Im Jahre 2015 kam das Migrationsdebakel über das Land. Nun könnte man sagen – und viele tun das auch: Tja, da kannste nüscht machen. Seit 2018, also gut zwei Jahre später, durften wir erleben, wie sich die Klimakrise breitmacht auf der Welt. Damals ging das los mit den Sitzstreiks einer gewissen Greta Thunberg, die sehr schnell und sehr gründlich Popstar-Status erlangen sollte. Wiederum zwei Jahre später, 2020, beglückte uns die Welt dann mit Corönchen, einem hochgehypten Schnupfen – der der ganzen Welt drei Jahre lang die Luft zum Atmen nahm. Und abermals zwei Jahre später, 2022, erfrechte sich ein russischer Imperator, sein Nachbarland zu überfallen, und brachte damit die bräsige Welt des Westens vollends durcheinander.

Kurzum: eine Katastrophe jagt die nächste – so ziemlich im Zwei-Jahrestakt. Wobei die Katastrophen einander nicht etwa ablösen – konsekutive Katastrophen, also. Nein, sie schichten sich übereinander. In Bolles Kreisen spricht man hier auch von kumulativen Katastrophen.

Liegt das nun an einer kosmischen Katastrophen-Konstellation, Hummer in Saturn etwa, oder so – Bolle kennt sich hier wirklich ganz schlecht aus –, gegen die man nun mal nichts machen kann? Oder liegt es einfach an schlichter Überforderung der Polit-Prominenz nebst ihrer Statthalter oder doch zumindest Steigbügelhalter in Presse, Funk und Fernsehen, was den Umgang mit derlei angeht? Bolle tippt definitiv auf letzteres.

Die dominante Problemlösungsstrategie – eine für alle beziehungsweise, neudeutsch, one fits all – scheint Bolle eine fortgeschrittenere Form von Konstruktivismus, gewürzt mit einer tüchtigen Portion Monetarismus zu sein.

Die Grundidee des Monetarismus, im weiteren Sinne, of course, geht ja wie folgt: es gibt kein Problem auf der Welt, das man nicht mit einer gehörigen Portion Penunse oder Pinkepinke zuscheißen könnte – um es mal lutherisch-derb auszudrücken. Die Grundidee des Konstruktivismus dagegen muß wohl lauten: Es gibt kein Problem auf der Welt, das man nicht mit gehöriger semantischer Raffinesse solide wegsäuseln könnte. Beide Grundideen tragen nicht, of course – jedenfalls nicht „nachhaltig“. Eher geht der Krug zum Brunnen, bis er bricht. Dann kommt es, wie immer, zu den üblichen langen Gesichtern und der herzergreifenden Versicherung, das habe man nicht wissen können. Bolle, streng wie selten: Habe man wohl!

Umgekehrt übrigens funktioniert diese Form von forschem Konstruktivismus genauso: Es gibt kein Problem auf der Welt, das sich nicht herbeireden ließe. Das jüngste Elaborat des BfV, das Bolle – semantisch sehr viel sauberer – nur noch ›Bundesamt für Volkserziehung‹ nennen mag, ist hierfür wohl nicht das schlechteste Beispiel. Aus der „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“, die man der AfD so gerne unterstellt, wurde da eine Verschiebung der Grenzen des Unsäglichen. Klingt ganz ähnlich – ist aber nicht das gleiche. Und das Volk schaut staunend zu – und freut sich oder wundert sich. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 04-05-25 Die trauen sich was

Jeder, wie er kann. Ist ja auch am einfachsten.

Was nicht laut ist und schreit, was nicht schrill ist und grell, findet einfach unsere Aufmerksamkeit nicht mehr.

So beendet Liessmann in seinem Bändchen ›Lob der Grenze‹ (2012) den Abschnitt zum Thema ›Lärm‹ – mit dem durchaus nicht ganz unpassenden Untertitel ›An der Grenze des Erträglichen‹.

Dabei handelt es sich übrigens um eben jenen Liessmann, der sich in seiner ›Kritik der politischen Urteilskraft‹ – so der Untertitel des Werkes – veranlaßt gesehen hatte, Selbstverständliches wie etwa das Folgende festzuhalten:

Ein Stuhl wird nicht diskriminiert,
wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist.
Eine Grenze kategorial zu ziehen,
bedeutet noch nicht, zu werten.

Vergleiche dazu etwa unser Sonntagsfrühstückchen von vor geraumer Zeit (Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen) – das übrigens kurioserweise an einem Freitag erschienen war. Doch das nur am Rande.

Jedenfalls meinte unsere scheidende Regierung – Gott hab sie selig – ihren Abgang nicht nur lärmend, sondern geradezu dröhnend gestalten zu müssen. Wie sonst, siehe oben, soll man denn auch Aufmerksamkeit erregen? Auf den letzten Metern, die Türklinke schon in der Hand, hat man dem staunenden Wahlvolk verkündet, die zur Zeit wohl stärkste Partei und, nebenbei bemerkt, inhaltlich auch einzig real existierende Opposition, sei nunmehr nicht mehr nur verdächtig, böse, oh so böse zu sein. Nein, sie sei es jetzt ganz sicher.

Das wisse man, weil die zuständige Behörde ganze eintausendeinhundert Seiten gebraucht habe, um all die Schand- und Greueltaten getreulich aufzulisten. Zwar sei die Liste geheim – schließlich handele es sich bei der Behörde ja um einen Geheimdienst, da mache derlei durchaus Sinn – aber egal: Solch ellenlange Liste muß als Argument genügen. Wir wissen also nicht, was drinsteht. Geheimes Know-How, sozusagen – wie man das in Bolles Kreisen mitunter auch zu nennen pflegt.

Wenn Bolle raten sollte oder müßte, dann würde er auf Hülsenfrüchtchens Allzweck-Bazooka, den ersten und obersten Grundsatz unserer Verfassung, tippen. Dort heißt es, die Würde des Menschen sei unantastbar. Daraus könnte man, bei einiger entsprechend pervertierter Phantasie, durchaus ableiten, daß es würdelos sei, zwischen solchen und solchen Menschen zu unterscheiden. Um im Bilde zu bleiben: Die Diskriminierung eines Stuhles, etwa indem man ihn als Nicht-Tisch schmäht, sei ein dermaßenes Ding der Unmöglichkeit, daß das ja wohl gar nicht angehen könne und folglich gerechter- und konsequenterweise strikt verboten werden müsse. Eine verfassungsmäßig festgezurrte Grenzenlosigkeit, also. Daß uns ebendiese Grenzenlosigkeit – Wir schaffen das, quaak, quaak – zur Zeit an allen Ecken und Enden um die sprichwörtlichen Ohren fliegt: Schwamm drüber. Wird schon werden. Ansonsten: Eh scho Wuascht – wie unsere österreichischen Freunde sagen. Oder, wie es in Bolles Kreisen heißt: Kieken wa ma.

Auf den Punkt: Das staunende Volk – zumindest aber der denkendere Teil desselben – wird hier mit einer alleinseligmachenden Verfassungsauslegung beglückt, die aus sehr, sehr grundsätzlichen Gründen nicht funktionieren kann und wird: Ein Stuhl ist nun mal kein Tisch – da kannste, einmal mehr, nüscht machen.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Im Inland wird überwiegend gejubelt – endlich klare Verhältnisse! Im Ausland – jedenfalls in den Zeitungen, die Bolle so liest – fragt man sich ernsthaft, ob die Deutschen noch alle sprichwörtlichen Latten am Zaun haben. Nun ja: Die Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Der allerletzte Satz im Abschnitt ›Lärm‹ lautet übrigens: Von Denken kann in solch einer Welt aber keine Rede mehr sein. Warum auch? Tut ja ohnehin nur weh, und weitet womöglich den Horizont ins „Hochkomplexe“ – also dahin, wo so mancher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) definitionsgemäß überhaupt nicht mehr durchblickt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 30-03-25 Schnullologie

Eine Dose ist eine Dose ist eine Dose.

Wie das Leben so spielt, hatte Bolle dieser Tage rein umständehalber mit Schnullerflaschen zu tun – das erste mal seit einigen Jahrzehnten. Damals war die Welt noch „überschaubar“ – um es einmal in Hülsenfrüchtchens Terminologie zu fassen. Milch (oder was auch immer) in die Flasche, trinken – fertig. An sonderliche Probleme jedenfalls kann Bolle sich beim besten Willen nicht erinnern.

Heute dagegen – eine ellenlange Gebrauchsanleitung in nicht weniger als 30 Sprachen. Damit das alles auf den ohnehin schon mörderisch dimensionierten Beipackzettel paßt, hat der Hersteller eine Schriftgröße gewählt, an der Bolle sich seinerzeit glatt die Augen verdorben hätte. Im Wesentlichen heißt es dort, so eine Nuckelflasche sei ein durchaus gefährliches Ding. Man müsse höllisch aufpassen, daß Baby stets nur unter Aufsicht eines Erwachsenen mit der Flasche in Berührung komme. Das Glas könne splittern, auch könne sich Baby unter Umständen strangulieren oder aufgrund mangelnder Hygiene gar einen unbotmäßig frühen Tod erleiden. Folglich müsse man … et cetera bla, bla.

Nun – es dauerte nicht lange, bis Bolle sich der Terminus ›Schnullologie‹ hatte aufdrängen wollen. Einmal in der Welt, wurden Bolle stante pede die unabweisbaren Weiterungen bewußt. Wenn Baby sich so wild und gefährlich durch die ersten Wochen und Monate seines jungen Lebens kämpfen muß – stets „gefühlt“ bedroht von splitterndem Glas und üblen Keimen –, dann muß man sich nicht wundern, wenn aus Baby später eine rechte Bangbüchs wird – stets gewillt, sich helfen, retten, schützen zu lassen. Baby kann dann alles werden – nur kein Souverän. Unter „demokratietheoretischen“ (so das jüngste Modewort) Gesichtspunkten scheint Bolle das alles mehr als bedenklich.

Aber kann man die Schnullologie dermaßen hochhängen? Bolle meint, man kann. Durchaus. Nicht zuletzt bei Aldous Huxley heißt es ja: „Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“ Eine solche Welt kann alles sein, nur – mangels souveränen Souveränen –, keine Demokratie.

Im übrigen gilt seit heute mal wieder die Sommerzeit. Was hatte man sich damals (1980) nicht alles davon versprochen? Energieersparnis ohne Ende – im Namen der Wissenschaft, of course. Heute, anderthalb Generationen später, weiß man, daß man eher nichts weiß – beziehungsweise noch immer nichts. Schnullologie, eben. Immerhin ist eines klar: Eine Dose ist eine Dose ist eine Dose (Bolle featuring Gertrude Stein). Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 23-03-25 Konfuzius reloaded

Total klar, das.

Manchmal, meint Bolle, kann es wirklich nicht schaden, auf die alten Meister zurückzugreifen. Etwa auf Kong Fu Tse – den ehrwürdigen Meister Kong. Meister Kong hatte seine Zeitgenossen mit seiner Antwort auf die Frage, was denn das Wichtigste sei, um den Staat in Ordnung zu bringen,  seinerzeit schon – gelinde gesagt – irritiert.

Statt also – wie so manche Weltverbesserer der Gegenwart – zu sagen, wir bräuchten mehr Wachstum (oder mehr Klimaschutz oder mehr Kriegstüchtigkeit oder weniger Spaltung der Gesellschaft – oder mehr oder weniger was auch immer), schien ihm etwas so abstraktes wie klare Begriffe das wichtigste. Und davon auch nicht etwa „mehr“ – sondern überhaupt.

Wie? Das soll’s gewesen sein? Klare Begriffe – und alles wird gut? Natürlich nicht. Allein das hat Kong Fu Tse auch gar nicht gesagt. Ganz im Gegenteil. Gesagt hat er, daß ohne klare Begriffe alles immer schlimmer wird. Schaut man sich um auf der Welt, könnte man glatt geneigt sein, dem zuzustimmen.

Aus Bolles Sicht war der Durchmarsch des Gender-Gaga einer der ersten und dabei „nachhaltigsten“ Verstöße wider den Geist. Und – Bolle lieebt Selbstbezüglichkeiten – da geht es auch schon los. Definiere Nachhaltigkeit: ›Nachhaltig‹ ist etwas, das auf Dauer funktioniert. Komplizierter ist es an dieser Stelle eigentlich nicht. Auch dann nicht, wenn der Begriff mittlerweile dermaßen inflationär verwendet wird, daß einem regelrecht schwummrig werden kann. Übergeblieben ist ein leeres Loch, in das ein jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) einfüllen kann, was immer ihm beliebt. Mit Klarheit im weitesten Sinne hat das nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Die Sprache – und damit das Denken und damit das Handeln – wird, falls Kong Fu Tse Recht haben sollte, einfach nur komplizierter. Die Klarheit bleibt dabei glatt auf der Strecke.

Bolle kann sich noch gut an den Moment erinnern, als ihm das heute übliche Wort ›Entwicklungszusammenarbeit‹ das erste mal zu Ohren kam. Was das? Es handelt sich hierbei, im besten konfuzianischen Sinne, um Entwicklungs-Hilfe. Zusammenarbeit gibt es nur unter Gleichen. Auch hat das nichts mit „Augenhöhe“ zu tun – noch so ein modischer Dussel-Denk-Begriff.

Und warum das Ganze? Die übliche Begründung lautet meist, man dürfe nicht auf den Gefühlen der Unterprivilegierten beziehungsweise der Schwächeren beziehungsweise der Minderheiten beziehungsweise der was auch immer herumtrampeln. Ein hehres Ziel – das sieht Bolle ein. Aber hat es auch was mit Klarheit zu tun? Natürlich nicht.

Wir wollen hier und heute nicht allzuweit ausholen. Nur so viel: Als Bolle noch Tertianer war, gab es direkt neben dem Pausenhof einen Kiosk – und an dem Kiosk gab es Mohrenköpfe. In der großen Pause konnte man sich, ohne zu hetzen, zu dem Kiosk begeben, für 50 Pfennige eine Tüte mit fünf Mohrenköpfen erstehen und selbige bei einem Rundgang um das Schulgebäude genüßlich verzehren. Pausenbrot nach Pennälerart. Daß Bolles Pausenbrot irgend etwas – und sei es auch nur im allerweitesten Sinne – mit der Diskriminierung von Mohren zu tun haben könnte, wäre Bolle nie in den Sinn gekommen. Allen anderen ebensowenig. Die hießen einfach so. Klare Sache, klarer Begriff.

Bolle plädiert an dieser Stelle ja für das gewohnheitsrechtlich gut bewährte Rechtsinstitut ›Alte Rechte‹. Wenn etwas seit Jahrhunderten so oder so genannt wurde, dann ist es durchaus und zumindest eine Frage wert, warum ein und dieselbe Sache plötzlich unter neuem Begriff firmieren soll. Um die Gefühle der Mohren nicht zu verletzen? Bolle findet das alles sehr, sehr windig. Könnte man von den Mohren nicht ein gewisses Maß an Eigenleistung erwarten? Namentlich also deutlich mehr Souveränität im Umgang mit Mohrenköpfen? Schließlich hat Bolle ja auch rein gar nichts dagegen, wenn ihn ein Chinese als Langnase bezeichnet, ein Schwarzer als Weißbrot oder etwa ein Türke als Kartoffel. Na und? Volkswitz, eben. Wenn aber das Volk klarer tickt als seine selbstempfundenen Eliten, dann sind der konfuzianischen Konfusion Tor und Tür geöffnet. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan

Der Problemlösungszirkel (PLZ) oder De arte solvendi.

Sie haben es tatsächlich getan. Of course, möchte man ergänzen. Sie haben – obwohl doch längst schon abgewählt – in den letzten Zügen ihrer Agonie dem Volke noch mal eben eine Phantastilliarde Sonderschulden aufs Auge gedrückt. Schulden, an denen die sprichwörtlichen kommenden Generationen noch ein ganzes Weilchen werden zu knabbern haben.

Damit das alles aber gleich viel freundlicher klingt, warten die gedungenen Sprachdesigner mit dem Begriff „Sondervermögen“ auf – einer Wortschöpfung, die eigentlich nur Sinn macht, wenn man ein entsprechendes kognitives Sondervermögen – dumm geboren, nichts dazugelernt, Rest vergessen – auf Seiten der Rezipienten unterstellt. Namentlich beim Journalismus 2.0 macht sich Bolle da nicht allzuviel Sorgen.

Macht das alles wenigstens Sinn? Aber Ja doch. Schließlich stehe demnächst mal wieder der Russe vor der Tür. Heute gehört ihm Rußland – und morgen die halbe Welt. Im übrigen müsse dringend das Klima gerettet werden und vor allem der Niedergang „unserer“ Demokratie. Sancta simplicitas!

Aber versuchen wir, uns Schritt für Schritt mit der dahinterstehenden Logik vertraut zu machen: Ist-Analyse: Wir haben zu wenig Geld. Ziel: Wir brauchen viel, gaanz viel Geld. Plan / Check der Mittel: Laßt uns ein tüchtiges Husarenstück auflegen. Das war wohl der Plan. Ein Check der Mittel erübrigt sich an dieser Stelle – schließlich ist die Akquisition der Phantastilliarden ja originärer Gegenstand des Problemlösungszirkels.

Das wirft natürlich mit Wucht die ›Ja, und nun‹-Frage auf. Phantastilliarden zu akquirieren ist die eine Sache. Was damit anfangen eine ganz andere. Da aber schweigt der Fürsten Törichtkeit. Die Details, so heißt es gut und gerne, seien natürlich noch zu klären, of course.

Geld allein macht nicht glücklich, wie der Volksmund weiß. Auch bringt Geld allein noch lange nichts zustande, wie Bolle zu ergänzen weiß. Ohne Geld ist es schwierig, irgend etwas zu bewirken, irgendein Ergebnis zu erzielen. Daraus folgt rein aussagenlogisch, daß, sofern einer was bewirkt hat, ein Mindesmaß an Mitteln im Spiel gewesen sein muß – vergleiche dazu ›Check der Mittel‹ in unserem Bildchen.

Daraus folgt aber nicht – und wirklich rein gar nicht – daß der Einsatz von Mitteln zu einem Ergebnis führen muß oder auch nur wird. In Bolles Kreisen notiert man derlei in etwa wie folgt:

Hier steht G für Geld beziehungsweise aktivierbare Ressourcen im weitesten Sinne, E steht für ein angestrebtes Ergebnis, „→“ für eine Implikation (wenn, dann) und das Häkchen schließlich steht für eine Verneinung. Mehr muß man dazu gar nicht wissen. Im Grunde also ist es mit Geld wie mit Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht. Um aber was draus machen zu können, wäre es vielleicht keine dumme Idee, mit sich selber über die folgenden drei Punkte ins Reine zu kommen.

Erstens: Wie konnte es überhaupt zu den gegenwärtigen Zuständen kommen? Mit „zuwenig Geld“ würde sich Bolle nur ungern zufriedengeben wollen. Ob sich unter diesen Umständen mit „mehr Geld“ entscheidend was wird reißen lassen, bleibt daher eher fraglich.

Zweitens wäre es wohl hohe Zeit, endlich mal das Modewort „Investition“ begrifflich wieder auf den Teppich zu holen. Bei einer Investition handelt es sich herkömmlicher- und richtigerweise um eine Sachkapitalerhöhung (Anlagen, Maschinen, Werkzeuge, sowie wirtschaftlich wirksame Infrastruktur) mit der Absicht, die Arbeit leichter und vor allem schneller zu machen und so mehr Güter in kürzerer Zeit herstellen zu können. Zur Zeit aber ist es so, daß jede Verschleuderung von Geldmitteln als „Investition“ deklariert wird: Schleifchen drum. Merkt ja keiner. Wenn man lange genug – also zum Beispiel über Jahrzehnte – so verfährt, beantwortet sich unser erster Punkt praktisch von selbst: Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort: Genau so! Beim Humankapital – doch das nur am Rande – gestalten sich die Verhältnisse noch sehr viel krasser: Klassenräume voller sekundärer Analphabeten, die lediglich tüchtig mit Tablets geflutet werden müßten – und alles werde sich zum Guten wenden. Weia!

Drittens schließlich sollte man sich darüber Rechenschaft ablegen, wo man überhaupt hinwill als Volkswirtschaft – oder gar als Land. Warum? Weil, wenn Du nicht weißt, wo Du hinwillst, mußt Du dich nicht wundern, wo Du ankommst. Darum. Das aber bedeutet zu gestalten – statt nur Probleme zu verwalten. Zu wissen, wo man hinwill, bedeutet übrigens zugleich, zu wissen, wo überall man eben nicht hinwill beziehungsweise zumindest nicht hin kann – weil es schlechterdings unmöglich beziehungsweise unsäglich dümmlich ist, auf jeder x-beliebigen Hochzeit weltweit tanzen zu wollen.

Bei allen dreien dieser Punkte aber hapert es derzeit aufs Heftigste. Mit weiteren Phantastilliarden wird sich das nicht lösen lassen. Als Kind schon war Bolle vertraut mit der höchst anschaulichen Wendung „Da ist der Wurm drin“. Was tun? Wurmkur oder Segel streichen? Beim gegenwärtig verfügbaren Polit-Personal – ganz überwiegend ohne jeden Hauch von Ritterehre – würde Bolle ganz unoptimistisch eher auf Segel streichen tippen. Für eine Wurmkur müßte es zunächst einmal so richtig rappeln im Karton. Aber wer weiß, wer weiß …?

The time has come, the Walrus said,
To talk of many things:
Of shoes – and ships – and sealing wax –
Of cabbages – and kings –
And why the sea is boiling hot –
And whether pigs have wings.

So hat es Lewis Caroll in seinem ›Through the Looking-Glass‹ 1871 schon gefaßt. Eine Übersetzung wollen wir uns hier sparen, weil die Weisheit im Nonsense liegt. Wer es dennoch wissen will, möge unter Mo 04-01-21 Letzte Fragen – total so! nachschlagen. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 09-03-25 Europas Endstaatium

Hammer und Nagel.

Zugegeben: Totgesagte leben länger. Gleichwohl kann sich Bolle des Eindruckes nicht erwehren, daß die Zustände in Deutschland und Europa doch ein wenig an die letzten Zuckungen der ehemaligen DDR erinnern. Da wird gerüttelt und geschüttelt, gelogen und geschroben, gebastelt und gehaspelt, daß sich die sprichwörtlichen Balken biegen. In einer lyrischen Version klänge das, einem alten Seemannslied folgend, in etwa so:

🎶 Das sind die Triebe der Psychosen
Auf die Dauer, dummer Fratz
Gibt’s dafür halt kein‘ Ersatz.
Am Rand, da blühen die Hypnosen
Und für jede, und für jede, und für jede gibt es Platz. 🎶

Wie sowas enden kann, wissen wir ja. Vor allem kann es sehr, sehr schnell gehen. Mit ein wenig glücklicher Fügung sprichwörtlich über Nacht. Erinnern wir uns nur an den seinerzeit völlig unvorbereiteten Günter Schabowski – Gott hab ihn selig – auf der Pressekonferenz im damaligen Ost-Berlin am 9. November 1989: „Nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Und schwupps, da war die Mauer weg.

Was die jüngere Entwicklung angeht: So richtig deutlich – und eigentlich auch für schlichtere Gemüter erkenntlich – wurde die Arroganz der Macht spätestens mit der Corönchen-Hysterie in den Jahren 2020 bis 2022 (vgl. dazu etwa Sa 04-02-23 1000 Tage Dämlichkeit …). Allein, es finden sich nach wie vor Leute, die stramm und fest behaupten, Corönchen habe „Millionen Tote“ gefordert. Bolle sieht das so: Auf diesem Planeten tummeln sich zur Zeit etwa 8 Milliarden Menschen. Bei einer großzügig angenommenen weltweiten Lebenserwartung von 80 Jahren bedeutet das, daß jährlich, also Jahr für Jahr, 100 Millionen Tote zu beklagen sind. Ein Skandal, of course. Aber so geht nun mal Arithmetik. Was davon auf das Corönchen-Konto gehen mag, was schlichter Schnupfen mit Todesfolge gewesen sein mag und was sonstige Mortalitätsgegebenheiten, läßt sich seriöserweise rein gar nicht abschätzen. Für einen soliden Panikmodus im Volke reicht es allerdings allemal.

Das Dumme ist nur: Mit einem übermäßig bangbüchsigen Volk läßt sich kein Staat machen – und schon gar keine Demokratie (vergleiche dazu etwa Mi 21-12-22 Das einundzwanzigste Türchen …). Dort hatten wir gesagt, daß ohne ein gewisses Maß an Urteilsfähigkeit, ohne hinreichende Souveränität (im Sinne von einer gewissen Resistenz gegen Gruppendruck sowie einem gesunden Mißtrauen gegenüber aufgeblasenen Autoritäten) und ohne eine grundsätzliche Freiheit von Bangbüchsigkeit von einem ›Souverän‹ wohl kaum die Rede sein kann.

Und kaum war mit Corönchen kein Staat mehr und vor allem auch keine Sensation mehr zu machen, ging es 2022 nahtlos mit der Ukraine weiter. Mittlerweile haben sich die selbstgefühlten „Eliten“ hier in einen „Whatever-it-takes“-Modus reingesteigert – was nichts anderes meinen kann als die kontemporäre Variante von Goebbels Totalem Krieg. Roger Köppel, der große Journalist der kleinen schweizer Zeitung, nennt das durchaus zutreffend eine regelrechte „Feindbild-Psychose“.

Indes hat Bolle den Eindruck, daß diejenigen, die sich selber gerne als „Elite“ titulieren lassen, durchaus was gelernt haben: Laß den Leuten zunächst tüchtig die Muffe sausen und rede ihnen dann ein, die Rettung in Form der Regierung sei nah – und schon werden sie euch zumindest mehrheitlich willig folgen.

Das kann natürlich, falls der Prozeß sich ungebremst fortsetzt, leicht ins Absurde lappen beziehungsweise gar kippen. Mittlerweile sind wir, in Deutschland und Europa, soweit, nicht nur den Russen, sondern gleichzeitig auch den Yanks (und möglichst auch noch den Chinesen) meinen die Stirn bieten zu müssen: Alles Schlampen – außer Mutti. In Bolles Grundschulzeit gab es dafür die stehende Wendung: Haste wohl Kaba gesoffen? (Für alle, die sich nicht erinnern können: Die Werbung für Kaba, ein kakaohaltiges Getränk, hatte seinerzeit eine ähnliche Stoßrichtung wie heutzutage mancher Energy-Drink).

Im Grunde – so Bolles Vermutung – haben wir es hier im weiteren Sinne mit einer Form von Pfadabhängigkeit zu tun: Das, was einer für die weitere Vorgehensweise für richtig hält, hängt schwer von der bisherigen Vorgehensweise ab – und zwar völlig unabhängig davon, ob die bisherige Vorgehensweise in einem wie auch immer verstandenen Sinne „richtig“ war oder nicht. Und damit wären wir bei Goethes Knopfloch-Theorem:

Wer das erste Knopfloch verfehlt,
kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurande.

Aber träumen wird man ja wohl dürfen. Das Volk verschrecken ebenfalls. Die Einsicht, daß man mit dem Zuknöpfen in der Tat und ganz, ganz wirklich nicht zurande kommt, darf man sich dann bis ganz zum Schluß aufsparen. Themen wie Klima und so weiter gehen in der allgemeinen Krisen-Kakophonie übrigens glatt unter. An was alles soll man denn noch denken müssen? Sowas sprengt glatt Hülsenfrüchtchens Horizont. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 16-02-25 Die Erwachsenen sind zurück

Roger Köppel kommentiert …

Roger Köppel, der große Journalist einer kleinen schweizerischen Wochenzeitung, kommentiert in seiner ›Weltwoche Daily‹ beziehungsweise aus seinem ›Institut für fortgeschrittene Gegenwartskunde‹ das Weltgeschehen mit bemerkenswerter Beständigkeit jeden Morgen, fünf Tage die Woche, in aller Herrgottsfrühe und im Doppelpäck (es gibt eine schweizerische und, jeweils gleich im Anschluß, eine internationale Ausgabe). Motto: „unabhängig, kritisch, gutgelaunt“.

Bei gegebenem Anlaß kann er allerdings auch schon mal sehr deutliche Worte finden. So heißt es in seinem Beitrag vom letzten Freitag gleich zu Beginn: „Die Erwachsenen sind zurück. Donald Trump betritt die Bühne. Und auf einmal ist alles ganz anders als das, was man Ihnen in den letzten drei Jahren einzureden versuchte.“

Es ist wohl noch zu früh abzuschätzen, wohin das alles führen mag. Manche aber wittern jetzt schon Frühlingsluft. Bolle meint, man muß schon ziemlich stumpf sein, um den Mehltau nicht zu merken, der sich in den letzten Jahren über Deutschland, Europa und weite Teile der Welt gelegt hat. Spötter paraphrasieren das ja gerne wie folgt:

Eine Lösung der Probleme?
Leider rein rechtlich nicht möglich.

Dann ändert halt das Recht, Ihr Deppen! Geht nicht? Natürlich nicht. Darauf hat man ja, wie’s scheint, viele Jahre lang mit einigem Fleiß hingewirkt – vielleicht nicht mit voller Absicht, aber vom Ergebnis her schon. Irgendein Recht, gerne und vor allem auch EU-Recht oder gar Völkerrecht – jeweils in einer mehr oder weniger aparten und dem eigenen Beharrungs-Interesse dienlichen Auslegung –, macht es schlechterdings unmöglich, irgend etwas anzupacken oder gar zu ändern.

Und so will es Bolle scheinen, daß den Mehltau abzustreifen ein veritabler Job für Superhelden sein dürfte – eine Mischung aus Herkules‘ Aufräumarbeiten im Augiasstall und Alexanders Gordischem Knoten. Mit rein sozialisationsbedingt doch eher recht abgehalfterten, in der politischen Wolle gefärbten Partei-Apparatschiks wird da wenig auszurichten sein. Bolle wäre wohl der letzte, der die Yanks vorbehaltslos klasse findet. Eines aber muß man ihnen lassen: Als Volk sind sie spektakulär pragmatisch. Sie probieren was aus – und wenn’s nicht funktioniert, probieren sie halt was anderes. Wenn‘s sein muß, wählen sie auch Trump. Und tun dabei so, als wär nichts gewesen. Namentlich gegen Mehltau ist das wohl nicht das schlechteste Rezept.

Nächsten Sonntag übrigens sind Wahlen. Bolle meint: Wählt weise – zumindest aber wohlbedacht. Und laßt Euch bloß nicht kirre machen. Bolle hat natürlich gut reden. Soweit wir wissen, war er als Kind schon ausgesprochen gruppendruck-resistent. Man kann ihm hundertmal sagen, dieser oder jener (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sei pöse, pöse, pöse oder, je nachdem, voll lieb und ganz doll fürsorglich. Die Worte hört er wohl – allein ihm fehlt der Glaube. Auch ist steter Tropfen das letzte, was ihm imponiert. Und so perlt derlei an ihm ab wie klare Kloßbrühe am Lotus. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 02-02-25 Akkulturationsformen

Akkulturationsformen.

Alle reden von Integration. Alle? Natürlich nicht. Bolle etwa hat da so seine Zweifel.

Der erste Punkt – wie so oft: Definiere ›Integration‹. John W. Berry, ein kanadischer Sozialpsychologe, hatte dazu 1970 schon sein Konzept des ›Acculturative Stress‹ vorgestellt. Dabei hat er mögliche Ausprägungen in einer 4-Felder-Tafel mit den Dimensionen ›Ist es wünschenswert, daß die Zugereisten ihre kulturelle Identität bewahren?‹ und ›Ist es wünschenswert, daß die Einheimischen Kontakt zu den Zugereisten herstellen bzw. halten?‹ dichotomisiert.

Dabei hat er den Fall Ja/Ja – also ›Die Zugezogenen sollen ihre kulturelle Identität bewahren‹ und ›Die Einheimischen sollen Kontakt zu ihnen herstellen bzw. halten‹ als ›Integration‹ bezeichnet. Und nur das.

Kontakt zu halten, während die Zugereisten ihre kulturelle Identität aufgeben, hat er ›Assimilation‹ genannt. Wir kennen das von den Borg aus StarTrek: „Sie werden assimiliert. Widerstand ist zwecklos.“ Auch das ist eine Form der Akkulturation, of course.

Daneben gibt es noch die ›Separation‹ mit der Botschaft: „Du darfst so bleiben wie Du bist – allerdings wollen wir nichts mit Dir zu tun haben“ und, last but not least, die ›Marginalisation‹: „Paß Dich gefälligst an. Zu tun haben mit Dir wollen wir trotzdem nichts.“

Und? Wie sieht’s in der real existierenden Wirklichkeit aus?

Nachdem Deutschland – gemeint ist natürlich die vom Volk inaugurierte Polit-Prominenz – jahrzehntelang mit sich gehadert hatte, ob D denn nun ein „Einwanderungsland“ sei oder nicht, hat sich, so zumindest will es Bolle scheinen, die Jellinek’sche normative Kraft des Faktischen (vgl. dazu Mo 09-12-24 Das 9. Türchen: Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze) Bahn gebrochen – wie immer, wenn man handelt (oder gewähren läßt), ohne einen Plan im engeren Sinne zu haben.

In den 1960er Jahren wurden die damals für das Wirtschaftswunder in der Tat dringend benötigten Hilfskräfte – von Facharbeitern zu sprechen, wäre wohl durchaus übertrieben – noch verschämt oder vielleicht auch naiv als „Gastarbeiter“ bezeichnet. Gäste zum Arbeiten einzuladen fand Bolle damals schon zumindest sprachlich schief. Wie sich sehr schnell zeigen sollte, war es durchaus auch inhaltlich schief.

So richtig gerappelt im Karton hat es dann aber erst in jüngerer Zeit, nämlich 2015, als es hieß, was und wie auch immer, wir würden das schon schaffen. Deutschland sei schließlich … bla, bla, bla. Besonnenere – und wohl auch durchaus klügere – Ganz-Fast-Zeitgenossen wie etwa Peter Scholl-Latour (1924–2014), die meinten, wer halb Kalkutta aufnehme, werde nicht etwa Kalkutta retten, sondern selber zu Kalkutta werden, wurden dabei verlacht, verspottet und verhöhnt – zumindest aber blieben sie ungehört.

Während sich die gewählten Vertreter des Deutschen Volkes – sonst immer bei jeder popeligen Kleinigkeit auf das Ansehen des „Hohen Hauses“ bedacht – dieser Tage in aller Welt-Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgeben, brillieren Teile der Polit-Prominenz mit vielsagenden Buchtiteln wie etwa ›Mein Bach‹ oder ›Freizeit‹ – oder so ähnlich. Ist Deutschland also am sprichwörtlichen Arsch? Fast könnte es einem so scheinen. Allein: Bolle mit seinem agnostischen Optimismus will nicht mal an das Verderben glauben. Schließlich habe sich Deutschland schon öfters mal aus der sprichwörtlichen Scheiße rausgeritten. Daß sich die Deutschen jedesmal vorher überhaupt erst reingeritten hatten, ist natürlich Teil der Wahrheit – und soll hier nicht geleugnet werden.

Im übrigen läßt sich Berrys Modell recht gut mit Harris‘ ›Ich bin o.k. – Du bist o.k.‹ (1976) verknubbeln – vergleiche dazu den kleingedruckten Text in den vier Feldern. Dabei zeigt sich, wenn man es zu Ende modelliert, sehr leicht und recht mühelos, was von alledem funktionieren könnte – und was never ever. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 12-01-25 Tu felix Austria

Freude unterm Weihnachtsbaum.

Zuerst hatte Bolle sich ja gefragt, ob wir – nach 24 virtuellen Adventskalender-Türchen – noch einmal mit einem weihnachtlichen Motiv daherkommen sollen. Schließlich – so hatten wir es selbst verkündet – endet die Weihnachtszeit definitiv am 6. Januar mit dem Epiphaniasfest bei den Protestanten bzw. den Heiligen Drei Königen bei den Katholiken (vgl. dazu Mi 04-12-24 Das 4. Türchen: Keine Zeit für Weihnachtszeit?). Allein: man lernt nie aus. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit nämlich – genau genommen bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) – währte die Weihnachtszeit noch fast einen Monat länger, und zwar bis Mariä Lichtmeß am 2. Februar. So lange durften demnach auch Christbäume die heimischen Wohnzimmer erhellen. Nach Bolles Rechnung hätten wir es demnach mit vollen drei Monaten Weih­nachts­zeit zu tun (31. Oktober bis 2. Februar). Womögliche Winterdepressionen ließen sich somit allein auf den Monat Februar begrenzen. Am 1. März nämlich ist bei Bolle – und zwar völlig unabhängig von der Wetterlage – definitionsgemäß Früühlingsanfang. In einigen Gegenden, wo die Sonne der Kultur etwas niedriger steht, ist von Mariä Lichtmeß übrigens immerhin der Mumeltiertag übergeblieben (vgl. dazu etwa den einschlägigen Film (USA 1993 / mit Bill Murray als Phil Connors und Andie MacDowell als Rita / Regie: Harold Ramis).

Aber brauchen wir überhaupt eine Begründung? Natürlich nicht. Unser Bildchen zeigt Gerald Grosz, einen ehemaligen österreichischen Spitzenpolitiker, wie er mit unverstellter, geradezu kindlicher Freude unterm Weihnachtsbaum die jüngsten Ereignisse bei unserem südlichen Nachbarn kommentiert: „Die Ampel ist in die Luft geflogen.“ – „Der fortgesetzte Demokratiebruch, die fortgesetzte Ausgrenzung der österreichischen Wählerinnen und Wähler hat ein Ende gefunden.“

Bolle meint: Manchmal – und gar nicht mal so selten – haben die Ösis schlechterdings die Nase vorn. Oder einfach Glück. Tu felix Austria, eben – oh glückliches Österreich.

Hierzulande dagegen gestalten sich die Dinge sehr viel beharrlicher. Zwar ist auch hier die Ampel in die Luft geflogen – nachdem die Fliehkräfte einfach zuu stark wurden (was immerhin 3½ Jahre gedauert hat). Allein: der fortgesetzten Ausgrenzung der undemokratischen Wähler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) könnte das durchaus sogar noch Vorschub leisten.

Werfen wir einen Blick auf die Zahlen – und fassen wir uns dabei kurz. Laut Polit-Barometer ergibt sich für Deutschland derzeit das folgende Bild:

Sonntagsfrage.

Wenn wir davon ausgehen, daß das alles halbwegs stimmt, und wenn wir davon ausgehen, daß es die drei 4%-Parteien tatsächlich nicht in den Bundestag schaffen werden, dann ergäbe sich nach Bereinigung der Daten folgendes:

So sieht’s demnach aus.

Die Graphik zeigt – in alphabetischer Reihenfolge im Uhrzeigersinn – die sich daraus ergebende prozentuale Stimmenverteilung: AfD 26 Prozent, CDU/CSU 38 Prozent, Grüne 19 Prozent und schließlich noch SPD mit 18 Prozent. Eine echte Flurbereinigung, also. Die Kleineren wären weg vom Fenster, die Größeren verleiben sich deren Anteile ein.

Damit ergeben sich zwei grundsätzliche Deutungsmuster: Einerseits würde das – wie sollen wir sagen? – eher bürgerliche Lager, also CDU/CSU nebst AfD, über eine fast Zwei-Drittel-Mehrheit verfügen (siehe Markierung). Andererseits – auch so kann man das sehen –  hätten die sogenannten „christlichen“ Parteien (die wohl nur noch aus Gewohnheit so heißen, und um bestimmte Zielgruppen besser ansprechen zu können) die freie Wahl zwischen einer Koalition mit den sich selbst als eher progressiv empfindenden Kräften oder den ganz mächtig Progressiven. In beiden Fällen würde sich, je nachdem, eine recht deutliche Mehrheit von 56 beziehungsweise 57 Prozent ergeben. Bolle hört es heute schon am Wahlabend tönen: Wir danken den aufrechten Demokraten für den klaren Regierungsauftrag – und versprechen unseren Wählerinnen und Wählern ein entschiedenes Weiter-So.

Eine regelrechte Implosion des wackeren „Weiter-So“ der „demokratischen Parteien“ nach österreichischem Vorbild jedenfalls wird es in Deutschland bis auf Weiteres vermutlich nicht geben. Der Deutsche an sich (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ist bekanntlich kein Revolutionär. Aber kieken wa ma. Vielleicht steckt der sprichwörtliche Teufel ja doch noch im Detail – und der kluge Prophet wartet ohnehin die Ereignisse ab. Im übrigen haben wir uns erlaubt, zwecks seelischer Erbauung Grosz‘ weihnachtliche Tanzeinlage in den Anhang zu packen. Bolle findet es einfach zuu niedlich. Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Sa 14-12-24 Das 14. Türchen: Schneemann, Teppich, Meilenstein

Voll auffem Teppich – mit Meilenstein.

Zu unserem Türchen gestern gab es eine Rückmeldung: „Wieso? Das sieht man doch, ob sich der Schneemann bewegt hat oder der Teppich.“ Da wir hier, wie gestern erläutert, eine wohlverstandene relativistische Perspektive einnehmen wollen, scheint uns ein kleiner Nachtrag angebracht.

Natürlich sieht man das. Aber warum sieht man es? Weil wir – ohne uns dessen bewußt zu sein – das Blatt Papier beziehungsweise den Bildschirmausschnitt als Bezugspunkt verwenden. Einen solchen Bezugspunkt haben wir aber nicht – nicht in der Physik und erst recht nicht im wirklichen bzw. sozialen bzw. politischen Leben. Dieses völlige Fehlen eines Bezugspunktes hat übrigens die Physiker ziemlich lange Zeit ziemlich rappelig gemacht und zu so mancher Idee inspiriert, die sich letztlich als nicht soo brauchbar erwiesen hat. So etwas ist aber auch jeglicher Alltagserfahrung allzu ferne. Wir sind nun mal seit sechs Millionen Jahren – also seit der Menschwerdung im weiteren Sinne – daran gewöhnt, daß es feste Bezugspunkte gibt. Entsprechend schwer fällt es uns, sich die einfach wegzudenken – auch wenn sie wirklich mal nicht da sein sollten.

Um uns das alles besser vorstellen zu können, hilft ein kleiner Trick: Nehmen wir an, das Blatt Papier oder der Bildschirmausschnitt, auf dem sich Schneemann und Teppich befinden, sei unendlich groß – zumindest aber unüberschaubar groß. Dann gibt es wirklich keine Möglichkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Oder aber wir fügen, tout au contraire, einen Meilenstein in die Graphik ein – eine Wegmarke, an der wir uns orientieren können. Unter der Annahme, daß sich Schneemann und Teppich im Freien befinden – wer stellt sich schon einen Schneemann ins Wohnzimmer? – könnte das irgendein markanter Punkt in der Landschaft sein, zum Beispiel ein Baum oder Busch oder ähnliches (siehe Bildchen). Relativ zu dieser Wegmarke können wir nun eindeutig entscheiden, wer oder was sich bewegt hat – Schneemann oder Teppich?

Jetzt – aber erst jetzt – denken wir uns die Wegmarke wieder weg. Im Grunde wenden wir also die Vorgehensweise von Professor Bömmel aus der Feuerzangenbowle an: „Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mehr uns janz dumm.“

In der sozialen beziehungsweise politischen Sphäre kommt allerdings erschwerend hinzu, daß es bereits an der Definition hapert: kein Mensch kann zufriedenstellend erklären, was genau das eigentlich sein soll: lechts oder rinks? (Ernst Jandl 1966). Bolle, stets bemüht, auch das Unfaßbare wenigstens anekdotisch faßbar zu machen, hält sich immer an die folgende Faustregel …

Motto „rechts“: Bevor Du dich daran machst, die Welt zu verbessern, kehre drei mal vor Deiner eigenen Tür (chinesisches Sprichwort).
Motto „links“: Wieso? Alles und jeder braucht unsere Solidarität. Immer!

… und muß dabei stante pede an Churchill denken, of course, der angeblich mal gesagt haben soll:

Wie herrlich Deine Strategie auch sein mag:
Gelegentlich solltest Du gucken, was dabei rauskommt.
(However beautiful the strategy,
you should occasionally look at the results.)

Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.