Ostersonnabend 03-04-21 Eier mit Senf

Etwas Senf dazu. Ein Körnchen reicht.

Da hat der Meister, zur Verblüffung und Beschämung seiner Entourage, mal wieder so richtig vom Leder gezogen. Hintergrund ist ein Vater, der sich von den Jüngern Heilung für seinen kranken Sohn erhofft hatte. Allerdings ohne Erfolg. Alles muß man selber machen, grummelte der Meister, und der Knabe ward gesund zur selben Stund’ (vgl. Matth. 17, 18). Natürlich wollten die Novizen wissen, was genau es mit dem Trick auf sich habe. Also ward ihnen der Spruch mit dem Senfkorn.

Um aber seine Jünger nicht über Gebühr zu verdrießen, sah sich der Meister veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß der Glaube allerdings mitnichten an Bäumen wachse oder gar vom Himmel falle, sondern sich vielmehr aus Beten und Fasten ergebe.

Was hat das mit uns zu tun? Nun, wer hat schon Zeit zum Beten? Bei manchen reicht es ja nicht mal für ein wenig Kontemplation. Und Fasten? Hat jeder fast schon mal geschafft. Wir hatten gestern die Frage aufgeworfen, ob, was, wie und wie tief die Kirchgänger glauben mögen – namentlich in Zeiten von Corönchen. Die Bangbüchsigkeit zieht sich immerhin bis in die höchsten Kreise in Rom. Gibt es nicht auch hierzu eine passende Geschichte? Aber ja doch. Sie findet sich ebenfalls bei Matthäus. Die Jünger waren mal wieder in existentieller Not: Großes Ungestüm im Meer, das Schiff wohl gar in Seenot. Jesus schlief. Da  traten die Jünger zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf uns, wir verderben! Da sagte er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Stand auf, beendete den Spuk – und es ward ganz stille (vgl. Matth. 8, 24 ff.).

Kurzum: Etwas mehr Commitment oder zumindest Ausrichtung an der Job Description würde sich Bolle von den Vertretern des Himmels auf Erden schon wünschen. Daß ausgerechnet Agnostiker – im Kern also Leute, die sich weigern zu glauben – dem Senfkorn näher sein sollen als die Schäfchen nebst ihrer Hirten (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zusammen, scheint ihm dann doch ein wenig paradox. Aber das ist vielleicht schon wieder ein anderes Kapitel.

Karfreitag 02-04-21 Immer feste feiern?

Unselige Agnostiker? Da ist die Logik vor.

Worum geht es den Christenmenschen im Kern an diesem Tage, dem Karfreitag? Die Schlüsselszene findet sich bei Johannes im 19. Kapitel. Dort sprach Pilatus, der Statthalter der römischen Provinz Judäa, zu dem auf Sturm gebürsteten Volke: „Nehmet ihr ihn hin und kreuzigt ihn; denn ich finde keine Schuld an ihm.“ Ein Punkt, den die, so wörtlich, „Juden“ indes ganz anders sehen wollten: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz soll er sterben; denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht.“ Und in der Tat läßt sich, zumindest mit etwas Phantasie, ein entsprechendes Gesetz finden. So lautet die Regel: Welcher des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen (3. Mose 24, 16). Nun wirft der Sachverhalt zumindest zwei juristische Fragen auf. Lästert man, rein tatbestandlich, des Herren Namen, nur weil man sich zu seinem Sohn erklärt? Und was die Rechtsfolge angeht, so wäre ja eigentlich eine Steinigung angesagt gewesen – und nicht etwa eine Kreuzigung. Kurzum: Hier geraten das, zumindest seinerzeit, moderne römische Recht und das auch damals schon eher archaische Recht in einer für Gottes Sohn eher ungünstigen Weise über Kreuz. Und so endet die Geschichte dann ja auch: über Kreuz.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Verabschiedet sich im Rahmen einer Qualitäts-Nachrichtensendung von seinen Zuschauern allen Ernstes mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Karfreitag.“ Bolle meint: Geht’s noch? Wenn überhaupt, gläubig oder nicht, irgend etwas so rein gar nicht zum Karfreitag der Christenmenschen passen will, dann ja wohl die Erwartung, „angenehm“ sein zu sollen. So Ihr’s nicht glauben wollet: Fraget den Herrn.

Übrigens feiern in jüngerer Zeit die „Gläubigen“ fröhlich Urständ in den Medien. Man könnte geradezu, der Jahreszeit entsprechend, von einer massenmedial vermittelten Wiederauferstehung reden. Bolle will gar nicht so genau wissen, ob, was, wie und wie tief die glauben mögen. Gerade in Corönchenzeiten wäre das durchaus eine Frage wert. Sein Vorschlag zur Güte: Laßt uns diese Leute im Interesse sprachlicher Abrüstung doch schlicht und ergreifend einfach als „Kirchgänger“ (jedweder Konfession, of course) bezeichnen.  Das täte in den Ohren eines aufrechten Agnostikers weniger weh. Muß ja nicht jeder leiden heute. Wahrer wäre es vermutlich ohnehin. Allerdings ist das dann doch schon wieder ein anderes Kapitel. Im übrigen verweisen wir gerne auf Fr 26-02-21 Sprache als Handwerk?

Do 01-04-21 Von Henne, Has‘ und Ei

Dann wird das wohl so sein.

Bolle ist ja weiß Gott kein Freund von Dialektik. Schon der Begriff ist, trotz über 2.000-jähriger Geschichte und allen Bemühungen Hegels zum Trotze, nach wie vor nicht ganz klar. In neckischen Momenten denkt Bolle nicht zuletzt an Mephistopheles: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, // es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“ Allerdings wird auch umgekehrt ein Schuh draus: Wenn nämlich Russell nicht ganz falsch liegt, dann kann uns gerade die Dialektik den Weg zu ganz erstaunlichen Schlüssen eröffnen.

Das aber soll hier nicht unser Thema sein. Vielmehr wollten wir klären, wie der Osterhase zum Osterei gekommen ist (vgl. Di 30-03-21 Osterruhe — jetze aber). Abschließend wird uns das nicht gelingen, und so wollen wir uns mit einem vorläufigen Ansatz begnügen – einem Gedicht von Eduard Mörike. Dort geht es darum, daß ein Liebender, vielleicht auch nur der Ehemann, seinem „Schatz“ als nachträgliche Aufmerksamkeit zu Ostern ein Gedicht verehrt hat. In den letzten Zeilen heißt es dort:

Die Sophisten und die Pfaffen
stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen
wohl die Henne, wohl das Ei?
Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward das Ei erdacht,
doch, weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat’s der Has’ gebracht.

So also geht Dialektik. Wir haben es mit einer These zu tun: „die Henne war zuerst“ und einer dem widersprechenden Antithese: „im Gegenteil, zuerst war das Ei“. Was tun? Easy. Wir zaubern uns vermittels einer schwungvollen Synthese ein Häschen aus dem Hut und lösen den Widerspruch damit in Wohlgefallen auf. Problem gelöst.

So einfach kann’s also gehen. Aber ist es auch wahr? Die Frage führt uns schurstracks zum nächsten Betätigungsfeld quasi-sophistischer Dialektik. These: Ja, Antithese: Nein. Synthese: Wenn’s doch den Kindern Freude macht? Und so weiter, und so fort. Immerhin können wir jetzt erahnen, warum es Bolle nicht so sehr mit Dialektik hat. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 30-03-21 Osterruhe — jetze aber

Häschen in der Grube.

Ostern kommt regelmäßig unregelmäßig am ersten Sonntag nach Vollmond nach Frühlingsanfang – und damit deutlich überraschender als etwa Weihnachten mit seinen enormen Vorlaufzeiten: Hier gibt es gleich vier Adventssonntage, die von der Ankunft des Herrn künden, und zusätzlich 24 Türchen für die Kleinen jeden Alters. Also Grund genug, vor Ostern auf der Hut zu sein. Kontemplation in Kürze, in Eile gar, ist ja wohl ein Widerspruch in sich.

Was hat das alles mit Corönchen zu tun? Sagen wir so: Zum Osterfeste hat sich der Herr der Christenmenschen dem ihm von den Römern zugedachten Lockdown verweigert und ist aus seiner Höhle einfach ausgebüchst. Zwar bleiben die Einzelheiten im Dunkeln. Markus und Lukas, die Evangelisten Nummer Zwo und Drei, berichten lediglich vage und post festum: Hütte leer, Jesus weg. Matthäus, der erste der Evangelisten, faßt sich da etwas konkreter: Ein Engel sei vom Himmel herabgekommen, hinzugetreten, und habe den Stein von der Tür gewälzt (Matth. 28, 2). Vom Erlöser selbst allerdings auch hier keine Spur. Erst bei Johannes, dem vierten im Bunde, erblickt Maria Magdalena „zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu den Häupten und den andern zu den Füßen, da sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.“ (Joh. 20, 12). Und die Engel sprachen: „Weib, was weinest du?“ Allerdings ward Maria nicht nur der Engel angesichtig, sondern auch des Meisters höchstselbst. Somit kann sie mit Fug und Recht als einzige Augenzeugin des LockdownBreakouts gelten. Allerdings, dies nur am Rande, war ihr das zunächst gar nicht mal bewußt. Vielmehr hielt sie ihren Rabbuni (das ist aramäisch und heißt ›Lehrer‹ oder ›Meister‹) zunächst für den Gärtner – ein Mißverständnis, das der Herr selbst erst aufklären mußte (Joh. 20, 15 f.). Indes: auch hier verlieren sich die Einzelheiten im Dunkel der Vergangenheit. Und die Moral von der Geschicht? Wer sich nicht an die Regeln hält, der sollte nicht an Nebelkerzen sparen.

Und? Was hat das Osterfest mit dem Osterhasen zu tun? Nun, von Mörikes »Henne oder Ei?« einmal abgesehen (vgl. dazu einen der kommenden Beiträge), wissen wir es nicht genau. Auch wäre das wohl doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 09-03-21 Die große und die kleine Welt

Die große und die kleine Welt.

Gestern hat uns eine Rückmeldung erreicht, die lobend hervorgehoben hat, daß sich unser kleiner Blog bemüht, nach Möglichkeit ein wenig die Tiefen auszuleuchten, statt immer nur stramm an der Oberfläche zu paddeln. Wir hatten das an anderer Stelle (Do 14-01-21 Derangierte Demokraten) einmal „Schwimmflügel-Journalismus“ genannt. Im Grunde wollen wir ja Journalismus überhaupt vermeiden, da der Begriff die Oberflächlichkeit ja schon im Namen trägt: »Journalismus« leitet sich ab von frz. journal ›jeden einzelnen Tag betreffend‹. Das kann ja nichts werden, meint Bolle – zumindest dann nicht, wenn man’s damit übertreibt. Danke also für die Blümis.

»Eduards Traum« übrigens ist eine kleine, aber feine Erzählung, die alle verwundern und vielleicht auch entzücken dürfte, die Wilhelm Busch sonst nur von »Max und Moritz« her kennen. Kann nicht schaden, sich das im Rahmen seiner agnostisch-kontemplativen Bestrebungen gelegentlich mal zu Gemüte zu führen – 39 Seiten sollten eigentlich zu schaffen sein.

Die „Masken-Mörder“ (viel fehlt ja nicht mehr bei der ganzen Uffregung) jedenfalls entwickeln sich zum tagesaktuellen Dauerbrenner – falls das kein Widerspruch in sich ist. Werfen wir einen kurzen Blick in die Schlagzeilen: Die ›Bild‹ macht damit auf, wie die „Masken-Raffkes“ weiter abkassieren. Die FAZ berichtet über einen geplanten „strengeren Verhaltenskodex“ für Abgeordnete. Bolle fragt sich: Warum jetzt erst – nach über 70 Jahren Herrschaft der Guten? Und auch die ›Süddeutsche‹, der ›Tagesspiegel‹ und ›Die Welt‹ sind mittenmang dabei – die ›taz‹ natürlich sowieso. „Eine Sau durchs Dorf treiben“, nennt man so etwas seit alters her. Bolle meint: Weckt mich, wenn’s was zu berichten gibt.

Der eigentliche Hintergrund vons Janze – den wir an dieser Stelle aber unmöglich ausleuchten können – scheint Bolle das Zeiterleben zu sein: Während sich ein mittelalterlicher Bauer die Zeit zyklisch vorgestellt hat – Frühling, Sommer, Herbst und Winter, das Kirchenjahr mit seinen immer wiederkehrenden Festen, Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod – und immer wußte, was wann ansteht, stellen wir uns die Zeit heute eher linear vor. Statt also jahrein, jahraus das mehr oder weniger Gleiche zu machen, versuchen wir, auf ein Ziel zuzusteuern. Dumm nur, daß niemand zu wissen scheint, was dieses Ziel denn eigentlich sein mag. Mehr Wohlfahrt und mehr Wachstum? Mehr „weiter so“? (vgl. dazu auch etwa Mo 18-01-21 So sein — oder so sein …?). Bolles Vermutung: Viel zu dünn, um zu tragen. Doch davon später mehr …

Zum Schluß noch der Schluß von »Eduards Traum«: „Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht grad zwischen die Kiefer steckt, den beißt’s auch nicht.“ Bolle meint: Kein Grund, es zugeklappt zu lassen. Nur eben auf die Nase achten. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 25-02-21 Le Waldsterben

Le Waldsterben.

Ganz am Rande, und voll von Corönchen und islamistischen oder sonstigen Übeltätern überschattet, hat es das Waldsterben als zartes Pflänzchen dann doch mal wieder bis in die bildungsbürgerlichen Medien geschafft. Bolle gratuliert.

Bolle hat, was Form und Inhalt angeht, bekanntlich einen ausgesprochen Sinn für das Knappe und Grundsätzliche – und in diesem Rahmen vor einiger Zeit eine lose Liste angelegt mit den drängendsten Problemen, die uns plagen. Hier und heute finden sich darin genau zwei Dutzend Einträge. Sollte also eigentlich noch „überschaubar“ sein, wie das auf neudeutsch neuerdings heißt – zumal es deutliche Querbezüge gibt: Die Lösung von so manchem Problem A würde so manches Problem B absehbar obsolet machen.

Für unsere jüngeren Leser: Das Waldsterben ist alles andere als neu. Spätestens in den frühen 1980er Jahren gab es in Deutschland eine regelrechte Waldsterben-Welle. Nun waren die Deutschen ihrem Wald schon immer aufs innigste verbunden. Wo war das doch gleich noch mal, wo Hermann der Cherusker (die Römer nannten ihn Arminius) 9 n. Chr. Varus’ Legionen vernichtend geschlagen hatte? Im Teutoburger Wald.  Der war den Römern viel zu dunkel, zu morastig, kurzum: zu unübersichtlich. Nicht so den Germanen. Die Liebe zum Wald geht den Deutschen so weit, daß Elias Canetti in seinem (übrigens höchst lesenswerten) philosophisch gehaltenen Opus »Masse und Macht« (1960) den Wald als das „Massensymbol“ der Deutschen identifizieren konnte. Das Massensymbol zum Beispiel der Franzosen – also das, was im Kern verbindet – sei dagegen ihre Revolution. Und so kam es, daß die Franzosen das deutsche Waldsterben zunächst belächelt haben – nur um es dann als Lehnwort, „Le Waldsterben“, zu übernehmen. Bolle lieebt der Franzosen Feingefühl für Sprache.

Zwar wurde der Wald in den 1980er Jahren nicht wirklich „gerettet“. Vielmehr wurden die kranken Bäume geschlagen – was sich selbstredend erfreulich auf die Schadensstatistik ausgewirkt hatte. Auch hat die Post 1985 eine Briefmarke mit dem Aufruf „Rettet den Wald“ herausgebracht –  graphisch untermalt mit einer Uhr, die auf etwa drei Minuten vor zwölf steht. Immerhin.

Was hat das mit uns hier und heute zu tun? Nun, die frühen 1980er Jahre sind mittlerweile 40 Jahre her. Passiert ist seitdem – nüscht. Auch war das keineswegs der Anfang. Ansätze zu einer vernünftigen (neudeutsch: „nachhaltigen“) Forstwirtschaft lassen sich bis mindestens 1884 zurückverfolgen. Damals hieß das noch „Dauerwald“ – wobei „Dauer“ im semantischen Netz nicht allzu weit von „nachhaltig“ entfernt ist.

Kommen wir zum Punkt: Bolle befürchtet, daß die Staatsorganisationsform ›Demokratie‹ für die Lösung schwelender Probleme alles andere als erste Wahl ist. Solange es nur schwelt, neigen Demokraten zu einer „Kieken wa ma“-Einstellung. Erst wenn die Hütte brennt – oder gar die Jacke – beginnt das große Flattern. Corönchen ist da wohl das beste Beispiel. Bolle meint: So kann man zwar Symptome bekämpfen, aber keine Probleme lösen – und verweist kühl auf unseren Beitrag von gestern nebst dem Verweis auf Tobin (Di 02-02-21 Von Gänseblümchen und Brennesseln). Also, was tun? Demokratie abschaffen? Das wohl lieber nicht. Aber eine gewisse Feinjustierung kann vielleicht nicht schaden. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 07-02-21 Shit happens

Shit happens.

Es gibt Regeln, die sind so elementar, daß sie unmittelbar jedem einleuchten sollten. Eine dieser Regeln – vielleicht die Regel überhaupt – postuliert, daß nicht immer alles so läuft, wie wir uns das wünschen mögen. Shit happens, halt. Trotzdem tun sich viele schwer damit, das einsehen zu wollen. Solange wir im Ungefähren bleiben – Shit happens, schon klar – mag die Einsicht noch vergleichsweise hoch sein. Sobald es aber konkret wird – Hey, shit is happen­ing to you, and it’s happening right now – ist es mit der Einsicht schnell vorbei. Why me, me, me? Mein Gott, warum gerade ich? Die Antwort: Weil Du eine zu vernachlässigende Größe in Gottes großem Schöpfungsplan bist. Darum. Komm damit klar.

Waren die Leute immer schon so doof? Vermutlich Ja – zumindest mehrheitlich. Natürlich gab es in der Geschichte der Philosophie auch immer Leute, die sich selber intellektuell nicht so billig abspeisen wollten – in erster Linie wohl die Kyniker (mit Diogenes und seinem Faß) und vor allem auch die Stoiker (mit Marc Aurel, dem römischen Philosophenkaiser). Für diese Leute war die Anerkennung der „Shit happens“-Regel eine agnostisch-kontemplative Selbstverständlichkeit – zumindest aber Notwendigkeit.

Und? Was machen wir heute? Wir nennen einen Kyniker einen „Zyniker“ – und heißen ihn einen schlechten Menschen. Wie kann sich einer dem Elend der Welt nur so verschließen? Aus der Einsicht vielleicht, daß es schlechterdings keinen Sinn macht, sich über Dinge aufzuregen, die man ohnehin nicht ändern kann? Daß man klugerweise einfach lernen sollte, manche Dinge auszuhalten – wenn man sie schon nicht ändern kann? Zugegeben: In einer Welt, die den herkömmlichen (und zugegebenerweise höchst zweifelhaften) Heldenkult nonchalant durch einen (im übrigen nicht weniger zweifelhaften) Opferkult ausgetauscht hat, ist das eine durchaus anfechtbare Position.

Im Rahmen unserer agnostisch-kontemplativen Bestrebungen sollte es uns aber weniger darum gehen, ob und inwieweit unsere Position anfechtbar ist – was stört’s den Mond, wenn ihn der Mops anbellt – sondern vielmehr darum, ob wir sie für uns, nach Prüfung aller Fürs und Widers (neudeutsch: pros und cons), für gut und richtig halten: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ (Luther 1521). Leute, tut was. Aber denkt daran: Bevor Ihr Euch daran macht, die Welt zu verbessern: Kehret dreimal vor Eurer eigenen Tür – auf daß Ihr nicht als klugscheißerischer mainstream-konformer Dummdödel enden möget (vgl. dazu auch Sa 05-12-20 Das fünfte Türchen …). Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 05-02-21 What a wonderful world …

What a wonderful world.

Wat meenste, Bolle? Übersetzen? Besser isset. Wir ham so viel Leserschaft, die besser Russisch kann als Englisch. Nun denn:

Der bunte Regenbogen hoch am Himmelszelt
Leuchtet in den Augen der Leute auf der Welt.
Freunde schütteln die Hand, fragen: Hey, alles frisch?
Aber meinen im Grunde: Ich liebe Dich.

Und ich denke für mich: Was eine herrliche Welt.

Das war 1967. Schon damals war nicht alles Gold, was glänzt – auch und vor allem nicht in den USA. Dort gab es seinerzeit schwere Rassenunruhen mit dem „long, hot summer of 1967“. Manches hat sich seitdem zum Besseren gewendet. Manches aber durchaus nicht. Freunde, die sich, weil sie sich lieben, die Hand schütteln? In Corönchen-Zeiten völlig undenkbar. Abstandsgebot! AHA-Regeln!

Bolle fragt sich: Könnte es nicht vielleicht doch sein, daß es (wie Bolles Freund Franko San das vor vielen Jahren schon postuliert hat) so eine Art „kosmische Freud-/Leid-Konstante“ gibt – daß also jeder Fortschritt, den wir als Menschheit an irgendeiner Stelle erzielen, mit einem entsprechenden Rückschritt an anderer Stelle bezahlt werden muß? In der Summe also Null? Probleme also nur auf höherem Niveau – wenn überhaupt? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 28-01-21 Sozialisation. Wird schon? Oder Hohn?

Bolles Definition von Sozialisation.

Zugegeben: Eine regelrechte Definition im aristotelischen Sinne, von wegen „omni definitio fit per genus proximum et differentiam specificam“, ist das natürlich nicht. Bolle mag sie trotzdem. Bleiben wir also dabei – und suchen wir uns einen cartesianischen Ausgangspunkt. Clare et distincte, eben. Den zu finden ist allerdings gar nicht allzu schwer.

Erstens: Man kann es, egal was man tut, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene unmöglich allen recht machen – es sei denn, alle sind per se der gleichen Meinung bzw. haben eine ähnliche Vorstellung davon, was eine „gute“ Gesellschaft ausmacht. Davon allerdings können wir weiß Gott nicht ausgehen.

Zweitens: Je „homogener“ eine Gesellschaft, desto wahrscheinlicher ist es, daß die Vorstellungen von einer „guten“ Gesellschaft einigermaßen deckungsgleich und damit politisch handhabbar sind. Sowohl die Werte als auch das Verhalten und nicht zuletzt auch das Erscheinen bilden sich – und zwar von Kindertagen an – in der Auseinandersetzung mit den jeweils Anderen. Niemand, wirklich niemand, entwickelt sein Weltbild out of thin air.

Drittens: In einer „heterogenen“ Gesellschaft ist das grundsätzlich anders. Hier treffen nicht selten Leute, die die Verfassung sprichwörtlich unterm Arm tragen, auf Leute, die – nur zum Beispiel – die Sharia für verbindlich halten. Dürfen die das? Aber Ja doch. Jeder mag nach seiner Façon glücklich werden – das hat der Alte Fritz vor über 250 Jahren schon so gesehen. Allein: Eine gelingende Sozialisation – i.S.v. „Du wirst so wie die Leute um Dich herum“ – ist auf diese Weise nicht möglich. Warum nicht? Weil „Die Leute um Dich herum“ einfach nicht mehr definiert sind.

Daraus folgt, viertens: Je heterogener eine Gesellschaft aufgestellt ist, desto heftiger wird sich ein Teil der Gesellschaft in ihrer Freiheit eingeschränkt bzw. in ihren Werten (i.S.v. ›allgemeines Für-richtig-halten‹) verraten fühlen.

Damit stellt sich die Frage, wie eine „Mehrheitsgesellschaft“ mit so etwas umgehen soll. Die naheliegendste Möglichkeit wäre eine Art von Werte-Relativismus („Macht doch, was Ihr wollt“). Eine charmante Idee – nur läßt sich darauf kaum eine Gesellschafts- und schon gar nicht eine Rechtsordnung aufbauen. Demnach haben wir es hier also mit einer „Null-Lösung“ zu tun: fein – aber nicht funktional.

Die anthropologisch bzw. sogar biologisch seit Jahrmillionen eingeführten „Konflikt-Bereinigungsstrategien“  sind Unterwerfung, Vertreibung und schließlich auch Vernichtung – in dieser Reihenfolge (Schwarz’sche Konfliktlösungsstufen). Guckt Ihr denn nie Tierfilme? Oder glaubt Ihr etwa, das sei nicht vergleichbar und homo sapiens stünde über den Dingen? In diesem Falle würde Bolle Darwin gerne herzlich grüßen lassen.

Kurzum: daß in einer Gesellschaft verschiedene Werte vorherrschen, ist unabänderlich. Dabei gilt: Je heterogener, desto verschiedener. Einfach laufen lassen ist dabei keine Option – jedenfalls nicht auf längere Sicht. Für die drei restlichen Optionen brauchen wir dringend – um in der Tierreich-Analogie zu bleiben – so eine Art Beißhemmung. Nicht alles, was technokratisch „zielführend“ scheint, ist humanistisch auch vertretbar und könnte – um auf Darwin zurückzukommen – einen evolutionären Rückschritt um einige Millionen Jahre bedeuten. Es sei denn, wir finden eine sophistischere Definition von Evolution. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Auch und vor allem die Frage, was das alles mit dem 76. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu tun haben soll, ist so was von ein anderes Kapitel, daß wir an dieser Stelle unmöglich darauf eingehen können.

Di 26-01-21 Live forever, again

Relative Corönchen-Anfälligkeit nach Lebensalter.

Nach unserem Beitrag von gestern (Mo 25-01-21 Live forever?) haben uns einige Rückmeldungen erreicht: Der wundersame Rückgang bei den über 90-jährigen könne ja wohl nur daran liegen, daß es von denen nicht mehr allzu viele gebe. Besten Dank dafür. Bolle – wie geht man mit so etwas um? Kein Problem – wir rechnen die Verteilung der verschiedenen Altersgruppen einfach raus. Gesagt, getan. Damit ergibt sich eine neue Graphik – die das Gemeinte allerdings nur noch unterstreicht.

In den Psaltern 90, 10 heißt es: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

Das aber ist – man kann es kaum anders sagen – die conditio humana auf den Punkt gebracht. Kommen wir damit klar. Sagen wir so: Die Wahrscheinlichkeit, das nächste Jahr (oder die nächsten Jahre – darauf kommt es nicht an) zu überleben, sinkt mit zunehmendem Lebensalter. Und nichts anderes spiegelt sich in unserer Corönchen-Anfälligkeits-Statistik: Je älter, desto anfälliger fürs Ableben. Kann man unter diesen Umständen sagen, daß Corönchen ursächlich ist – oder ist es einfach nur auslösend? Ein Trigger, auf neudeutsch. Bolle vermutet letzteres.

Das aber legt einmal mehr nahe, daß Corönchen eher ein psychologisches Problem auf der Ebene „letzte Fragen“ ist und weniger ein medizinisches. Wir haben es hier und überhaupt mit einer Population zu tun, die mit ihren dringend anzuratenden agnostisch-kontemplativen Exerzitien schwer ins Hintertreffen geraten ist. Bedauerlich – aber auf die Schnelle kaum zu ändern. Philister – alles Philister. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.