So 07-02-21 Shit happens

Shit happens.

Es gibt Regeln, die sind so elementar, daß sie unmittelbar jedem einleuchten sollten. Eine dieser Regeln – vielleicht die Regel überhaupt – postuliert, daß nicht immer alles so läuft, wie wir uns das wünschen mögen. Shit happens, halt. Trotzdem tun sich viele schwer damit, das einsehen zu wollen. Solange wir im Ungefähren bleiben – Shit happens, schon klar – mag die Einsicht noch vergleichsweise hoch sein. Sobald es aber konkret wird – Hey, shit is happen­ing to you, and it’s happening right now – ist es mit der Einsicht schnell vorbei. Why me, me, me? Mein Gott, warum gerade ich? Die Antwort: Weil Du eine zu vernachlässigende Größe in Gottes großem Schöpfungsplan bist. Darum. Komm damit klar.

Waren die Leute immer schon so doof? Vermutlich Ja – zumindest mehrheitlich. Natürlich gab es in der Geschichte der Philosophie auch immer Leute, die sich selber intellektuell nicht so billig abspeisen wollten – in erster Linie wohl die Kyniker (mit Diogenes und seinem Faß) und vor allem auch die Stoiker (mit Marc Aurel, dem römischen Philosophenkaiser). Für diese Leute war die Anerkennung der „Shit happens“-Regel eine agnostisch-kontemplative Selbstverständlichkeit – zumindest aber Notwendigkeit.

Und? Was machen wir heute? Wir nennen einen Kyniker einen „Zyniker“ – und heißen ihn einen schlechten Menschen. Wie kann sich einer dem Elend der Welt nur so verschließen? Aus der Einsicht vielleicht, daß es schlechterdings keinen Sinn macht, sich über Dinge aufzuregen, die man ohnehin nicht ändern kann? Daß man klugerweise einfach lernen sollte, manche Dinge auszuhalten – wenn man sie schon nicht ändern kann? Zugegeben: In einer Welt, die den herkömmlichen (und zugegebenerweise höchst zweifelhaften) Heldenkult nonchalant durch einen (im übrigen nicht weniger zweifelhaften) Opferkult ausgetauscht hat, ist das eine durchaus anfechtbare Position.

Im Rahmen unserer agnostisch-kontemplativen Bestrebungen sollte es uns aber weniger darum gehen, ob und inwieweit unsere Position anfechtbar ist – was stört’s den Mond, wenn ihn der Mops anbellt – sondern vielmehr darum, ob wir sie für uns, nach Prüfung aller Fürs und Widers (neudeutsch: pros und cons), für gut und richtig halten: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“ (Luther 1521). Leute, tut was. Aber denkt daran: Bevor Ihr Euch daran macht, die Welt zu verbessern: Kehret dreimal vor Eurer eigenen Tür – auf daß Ihr nicht als klugscheißerischer mainstream-konformer Dummdödel enden möget (vgl. dazu auch Sa 05-12-20 Das fünfte Türchen …). Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 05-02-21 What a wonderful world …

What a wonderful world.

Wat meenste, Bolle? Übersetzen? Besser isset. Wir ham so viel Leserschaft, die besser Russisch kann als Englisch. Nun denn:

Der bunte Regenbogen hoch am Himmelszelt
Leuchtet in den Augen der Leute auf der Welt.
Freunde schütteln die Hand, fragen: Hey, alles frisch?
Aber meinen im Grunde: Ich liebe Dich.

Und ich denke für mich: Was eine herrliche Welt.

Das war 1967. Schon damals war nicht alles Gold, was glänzt – auch und vor allem nicht in den USA. Dort gab es seinerzeit schwere Rassenunruhen mit dem „long, hot summer of 1967“. Manches hat sich seitdem zum Besseren gewendet. Manches aber durchaus nicht. Freunde, die sich, weil sie sich lieben, die Hand schütteln? In Corönchen-Zeiten völlig undenkbar. Abstandsgebot! AHA-Regeln!

Bolle fragt sich: Könnte es nicht vielleicht doch sein, daß es (wie Bolles Freund Franko San das vor vielen Jahren schon postuliert hat) so eine Art „kosmische Freud-/Leid-Konstante“ gibt – daß also jeder Fortschritt, den wir als Menschheit an irgendeiner Stelle erzielen, mit einem entsprechenden Rückschritt an anderer Stelle bezahlt werden muß? In der Summe also Null? Probleme also nur auf höherem Niveau – wenn überhaupt? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 28-01-21 Sozialisation. Wird schon? Oder Hohn?

Bolles Definition von Sozialisation.

Zugegeben: Eine regelrechte Definition im aristotelischen Sinne, von wegen „omni definitio fit per genus proximum et differentiam specificam“, ist das natürlich nicht. Bolle mag sie trotzdem. Bleiben wir also dabei – und suchen wir uns einen cartesianischen Ausgangspunkt. Clare et distincte, eben. Den zu finden ist allerdings gar nicht allzu schwer.

Erstens: Man kann es, egal was man tut, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene unmöglich allen recht machen – es sei denn, alle sind per se der gleichen Meinung bzw. haben eine ähnliche Vorstellung davon, was eine „gute“ Gesellschaft ausmacht. Davon allerdings können wir weiß Gott nicht ausgehen.

Zweitens: Je „homogener“ eine Gesellschaft, desto wahrscheinlicher ist es, daß die Vorstellungen von einer „guten“ Gesellschaft einigermaßen deckungsgleich und damit politisch handhabbar sind. Sowohl die Werte als auch das Verhalten und nicht zuletzt auch das Erscheinen bilden sich – und zwar von Kindertagen an – in der Auseinandersetzung mit den jeweils Anderen. Niemand, wirklich niemand, entwickelt sein Weltbild out of thin air.

Drittens: In einer „heterogenen“ Gesellschaft ist das grundsätzlich anders. Hier treffen nicht selten Leute, die die Verfassung sprichwörtlich unterm Arm tragen, auf Leute, die – nur zum Beispiel – die Sharia für verbindlich halten. Dürfen die das? Aber Ja doch. Jeder mag nach seiner Façon glücklich werden – das hat der Alte Fritz vor über 250 Jahren schon so gesehen. Allein: Eine gelingende Sozialisation – i.S.v. „Du wirst so wie die Leute um Dich herum“ – ist auf diese Weise nicht möglich. Warum nicht? Weil „Die Leute um Dich herum“ einfach nicht mehr definiert sind.

Daraus folgt, viertens: Je heterogener eine Gesellschaft aufgestellt ist, desto heftiger wird sich ein Teil der Gesellschaft in ihrer Freiheit eingeschränkt bzw. in ihren Werten (i.S.v. ›allgemeines Für-richtig-halten‹) verraten fühlen.

Damit stellt sich die Frage, wie eine „Mehrheitsgesellschaft“ mit so etwas umgehen soll. Die naheliegendste Möglichkeit wäre eine Art von Werte-Relativismus („Macht doch, was Ihr wollt“). Eine charmante Idee – nur läßt sich darauf kaum eine Gesellschafts- und schon gar nicht eine Rechtsordnung aufbauen. Demnach haben wir es hier also mit einer „Null-Lösung“ zu tun: fein – aber nicht funktional.

Die anthropologisch bzw. sogar biologisch seit Jahrmillionen eingeführten „Konflikt-Bereinigungsstrategien“  sind Unterwerfung, Vertreibung und schließlich auch Vernichtung – in dieser Reihenfolge (Schwarz’sche Konfliktlösungsstufen). Guckt Ihr denn nie Tierfilme? Oder glaubt Ihr etwa, das sei nicht vergleichbar und homo sapiens stünde über den Dingen? In diesem Falle würde Bolle Darwin gerne herzlich grüßen lassen.

Kurzum: daß in einer Gesellschaft verschiedene Werte vorherrschen, ist unabänderlich. Dabei gilt: Je heterogener, desto verschiedener. Einfach laufen lassen ist dabei keine Option – jedenfalls nicht auf längere Sicht. Für die drei restlichen Optionen brauchen wir dringend – um in der Tierreich-Analogie zu bleiben – so eine Art Beißhemmung. Nicht alles, was technokratisch „zielführend“ scheint, ist humanistisch auch vertretbar und könnte – um auf Darwin zurückzukommen – einen evolutionären Rückschritt um einige Millionen Jahre bedeuten. Es sei denn, wir finden eine sophistischere Definition von Evolution. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Auch und vor allem die Frage, was das alles mit dem 76. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu tun haben soll, ist so was von ein anderes Kapitel, daß wir an dieser Stelle unmöglich darauf eingehen können.

Di 26-01-21 Live forever, again

Relative Corönchen-Anfälligkeit nach Lebensalter.

Nach unserem Beitrag von gestern (Mo 25-01-21 Live forever?) haben uns einige Rückmeldungen erreicht: Der wundersame Rückgang bei den über 90-jährigen könne ja wohl nur daran liegen, daß es von denen nicht mehr allzu viele gebe. Besten Dank dafür. Bolle – wie geht man mit so etwas um? Kein Problem – wir rechnen die Verteilung der verschiedenen Altersgruppen einfach raus. Gesagt, getan. Damit ergibt sich eine neue Graphik – die das Gemeinte allerdings nur noch unterstreicht.

In den Psaltern 90, 10 heißt es: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

Das aber ist – man kann es kaum anders sagen – die conditio humana auf den Punkt gebracht. Kommen wir damit klar. Sagen wir so: Die Wahrscheinlichkeit, das nächste Jahr (oder die nächsten Jahre – darauf kommt es nicht an) zu überleben, sinkt mit zunehmendem Lebensalter. Und nichts anderes spiegelt sich in unserer Corönchen-Anfälligkeits-Statistik: Je älter, desto anfälliger fürs Ableben. Kann man unter diesen Umständen sagen, daß Corönchen ursächlich ist – oder ist es einfach nur auslösend? Ein Trigger, auf neudeutsch. Bolle vermutet letzteres.

Das aber legt einmal mehr nahe, daß Corönchen eher ein psychologisches Problem auf der Ebene „letzte Fragen“ ist und weniger ein medizinisches. Wir haben es hier und überhaupt mit einer Population zu tun, die mit ihren dringend anzuratenden agnostisch-kontemplativen Exerzitien schwer ins Hintertreffen geraten ist. Bedauerlich – aber auf die Schnelle kaum zu ändern. Philister – alles Philister. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 25-01-21 Live forever?

Relativer Exitus nach Lebensalter.

Manche Dinge werden Bolle erst so richtig klar, wenn er eine Graphik vor Augen hat. Wenn die Angaben nicht lügen – wovon wir mangels besseren Wissens einmal ausgehen wollen – dann kann man Corönchen eigentlich nur als ›Rentnerproblem‹ einstufen. Nach entsprechender Datenverdichtung ergibt sich nämlich, daß 92,7% der Dahingeschiedenen auf Rentner entfallen. Das sind fast alle. Natürlich gönnt Bolle allen und jedem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) ein möglichst langes und auch möglichst erfülltes Leben. Indes: Macht bei dieser Datenlage die feine Unterscheidung zwischen „an Corönchen“ und „mit Corönchen“ überhaupt noch irgendeinen Sinn? Oder ist Corönchen nur ein, zugegeben: auffälliger, Auslöser für den finalen Exit, der uns Menschen als sterblichen Wesen nun einmal bestimmt ist? Ist nicht jede andere denkbare Sichtweise im Kern frevelhaft, hybrid – oder gar gottlos?

Bevor wir hysterisch werden – hier die frohe Botschaft. Aus der Tatsache, daß 92,7% der Dahingeschiedenen Rentner sind, folgt nicht, daß furchtbar viele Rentner dahingeschieden sind. Noch liegt die Sterblichkeit insgesamt bei lediglich 0,6‰. Das ist so gut wie Null. Nun könnte man dagegenhalten und argumentieren, daß sie damit absolut gesehen bei über 50.000 liegt – und das seien 50.000 zuviel. Wiederum umgekehrt sollten wir uns aber auch klarmachen, daß in einem Land mit einer Wohnbevölkerung von etwa 80 Millionen und einer Lebenserwartung von in etwa 80 Jahren natürlicher- bzw. auch statistischerweise ohnehin 1 Mio Einwohner pro Jahr das Zeitliche segnen. Das, so meint zumindest Bolle, relativiert die 50.000 doch sehr. Könnte es nicht vielleicht sein, daß wir es hier weniger mit einem medizinischen Problem und nicht doch eher mit einer Form von anthropozentrischem Totalitarismus zu tun haben? Frei nach dem Motto: Let’s live forever. Fuck the rest of all. Das aber ist dann doch schon wieder ein definitiv anderes Kapitel.

Mo 04-01-21 Letzte Fragen — total so!

Letzte Fragen — total so!

Hier – wie auch schon gestern – ein wirklicher britischer Klassiker. Jedes Kind auf der Insel kennt das. Was aber soll es bedeuten? Wir wissen es nicht. Gleichwohl wäre es doch schade, wenn ausgerechnet das im Gewühle dieser lauten, lärmenden Welt unterginge. Schön ist es nämlich schon. Auch muß man Kunst nicht immer erklären wollen …

Letztlich ist es auch nicht so richtig übersetzbar. Greifen wir also auf die DeepL-Übersetzung zurück. Die geht so:

„Die Zeit ist gekommen“, sagte das Walross,
„um von vielen Dingen zu reden:
Von Schuhen – und Schiffen – und Siegellack –
Von Kohlköpfen – und Königen –
Und warum das Meer kochend heiß ist –
Und ob Schweine Flügel haben.“

Fragen über Fragen. Aber irgendwie, will Bolle scheinen, paßt es noch immer in die Zeiten. Warum nur? Aber das ist vielleicht schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

Di 29-12-20 Und nun? Was tun?

Bolles Arbeitslogik nebst Ethik.

Übermorgen ist Silvester. Zeit für gute Vorsätze – zumindest aber keine schlechte Gelegenheit, sich ein wenig nachweihnachtlich zu besinnen und sich zu fragen, was man denn sonst noch so vorhat mit seinem Leben. Von Banalitäten wie etwa „Weniger rauchen und mehr Sport“ wollen wir mal absehen. Es soll uns hier nicht um Kleinkram gehen, sondern um die grundsätzliche Ausrichtung dessen, was einer tut.

Unter projektives Tun (von franz. projeter ›nach vorne werfen‹) fällt alles, was einen sprichwörtlich voran bringt. Das kann ein Kunstwerk sein, die Lösung einer mathematischen Gleichung, eine richtungsweisende Erfindung, und vieles mehr. Defensives Tun (von lat. defendere ›abwehren‹) ist alles, was nun mal getan werden muß, allein um nicht zurückzufallen. Da derlei Dinge immer wieder aufs neue getan werden müssen, reden wir zu Recht auch von repetitiv (von lat. repetere ›wieder auf etwas losgehen‹). Weiter kommt man damit nicht. Beispiele wären etwa die Betten machen, den Müll runterbringen, und wiederum sehr, sehr vieles mehr. Wenn nun jemand – sagen wir Leonardo da Vinci – sein Leben überwiegend mit der Schaffung von Werken verbringt, dann wird er einen anderen Blick auf sich und sein Leben haben als jemand, der sein Leben mit Müll runterbringen verbracht hat oder mit der immergleichen Büroroutine.

Mit regressivem Tun (von lat. regredi ›zurückschreiten‹) schließlich ist die Beschäftigung mit Dingen gemeint, die in der Vergangenheit liegen und damit per se unabänderlich sind. Es macht nun mal sprichwörtlich keinen Sinn, verschüttete Milch zu beklagen. Neue Werke entstehen so nicht – und auch der Müll bleibt da, wo er nicht hingehört. Aber soll man denn aus der Vergangenheit gar nichts lernen? Doch, natürlich – dann aber bitteschön zukunftsorientiert im Rahmen projektiven Tuns. Jammern jedenfalls nützt nüscht. Um das ganze knackig zu fassen, könnte man vielleicht auch sagen: Projektives Tun ist auf die Zukunft gerichtet, defensiv-repetitives Tun auf die Gegenwart, und regressives Tun auf die Vergangenheit. Damit dürfte in der Tat alles abgedeckt sein. Der ethische Aspekt, also die letzte Zeile des Zitats, läßt sich ähnlich knackig fassen: Defensiv macht depressiv. Und was das projektive Tun angeht: Es muß ja nicht immer gleich im Leonardo- oder im Einstein-Format sein. Auch Kleinkunst macht Mut. Aber das ist dann wohl schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 26-12-20 Corönchens Werk und Gottes Beitrag

Berlin, 24. Dezember 2020, kurz vor Ladenschluß.

Zu Corönchen kann man stehen, wie man will. Von „Killervirus“ bis „grippaler Infekt“ – alles ist möglich. Nachdem die Bundeskanzlerin schon im Mai von einer „Zumutung für die Demokratie“ gesprochen hatte – was auch immer damit gemeint sein soll – hat jetzt der Bischof von Limburg und Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, noch eins draufgesetzt und von einer „Gefahr für die Menschenwürde“ gesprochen.

Hier ist nicht der Platz, das Thema auszuloten. Weder wissen wir, was genau sich die Kanzlerin unter „Demokratie“ vorstellen mag, noch, was sich der Bischof unter „Menschenwürde“ vorstellt. Nur so viel: Offenbar bringt Corönchen eingefleischte Gewißheiten ins Wanken. Was gestern noch sicher schien, gerät heute ins Schleudern.

Ist Demokratie „gottgegeben“? Die Menschenwürde? Kann man alles so sehen – muß man aber nicht. Oder ist das alles Menschenwerk – und funktioniert nur so lange, wie nichts da­zwischenkommt – Corönchen etwa? Oder ist es gar „Teufelswerk“? Damit wären wir unvermittelt bei der alten Frage nach der Allmacht Gottes. Wenn nämlich Gott (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) allmächtig ist, dann ist ihm Corönchen zuzurechnen. Falls er zwar allmächtig ist, dabei aber nicht übermäßig machtbesessen – indem er etwa dem Teufel oder auch den Menschen selbst einen gewissen Spielraum für allerlei Schabernack läßt – dann ist so etwas wie Corönchen zumindest nicht sonderlich entgegenkommend, was seine Schäfchen anbelangt. Möglicherweise wird er seine Gründe haben. Vorläufig bleibt festzuhalten: Vielleicht ist Corönchen ja nur so eine Art Weckruf – um uns anzuregen, echte Probleme von Luxusproblemen zu scheiden und fein säuberlich der Reihe nach anzugehen. So zumindest könnte ein Masterplan eines allmächtigen Gottes aussehen. Bolle würde das einleuchten. Das aber ist ein anderes Kapitel.

Mi 23-12-20 Das dreiundzwanzigste Türchen …

Hier das 23. virtuelle Türchen …

Hier noch ein letztes Beispiel aus Bolles schier unerschöpflichem Fundus chinesischer Weisheiten. Dabei könnte das auch uns im Westen durchaus klar sein – wenn auch vielleicht in weniger geschmeidiger Formulierung. Hier nennt man das Phänomen „Opportunitätskosten“ – welch gruseliges Wort. Selbst DeepL ist da weiter, wenn es als Übersetzung von opportunity costs ›Optionskosten‹ vorschlägt. Alles, was man tut – jede Entscheidung, die man fällt –, ist mit Aufwand im weitesten Sinne (also Geld, Zeit, Nervenkraft, und was auch immer) verbunden. Kurzum: Alles hat seinen Preis. Von wegen „alles ist möglich“ (vgl. dazu das achzehnte Türchen). Mag sein, daß alles möglich ist. Aber es ist eben nicht alles möglich – schon gar nicht gleichzeitig oder gar zum Nulltarif.

Was hat das mit uns bzw. mit hier und heute zu tun? In dieser herrlich entgrenzten Welt – heute hier, morgen dort, bin kaum da, muß ich fort – dämmert uns langsam, namentlich in Corönchen-Zeiten, daß auch das seinen Preis hat. Strafe Gottes? Gott behüte. Einfach nur eine Antwort des Systems. Systeme sind selbst-stabilisierend und damit geduldig. Allerdings soll man auch hier nichts übertreiben. Wenn ein System mit seiner Geduld am Ende ist, dann sagen wir „es kippt“ und wundern uns. Liegt das nun am System oder nicht doch eher an uns selber? Soweit zur letzten Kontemplations-Anregung in diesem unserem agnostischen Adventskalender. Das aber ist dann letztlich doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 21-12-20 Das einundzwanzigste Türchen …

Hier das 21. virtuelle Türchen …

Wird es nicht langsam wirklich weihnachtlich in unserem kontemplativen Adventskalender? Kann man so sehen – oder auch nicht. Wirklich weihnachtlich will es ja nicht werden in diesem Jahr. Bolle vermißt vor allem den Glühwein und das Gewusel auf den Weihnachtsmärkten. Ein Geschenk auf amazon zu erlegen ist ja ooch nicht das gleiche. Vor allem aber findet Bolle es höchst unchristlich, die „Dosen“ mit der gleichen Freude und Zuversicht als Heilsbringer zu erwarten, wie es eigentlich nur dem Erlöser der Christenmenschen vorbehalten sein sollte: „Komme, oh Impfstoff, oh komme doch bald … // Lasset uns preisen in frommen Weisen // Halleluja …“ Bei aller weihnachtlichen Liebe: Ein bißchen bigott ist das schon. Zumal auch die Pfaffen mehrheitlich auf der Tour reiten. Von wegen „Heim ins Himmelreich“. Aber vielleicht ist das bereits ein anderes Kapitel.