So 26-07-26 Warum duzen Sie mich? Weil ich es kann!

Logisch, oh so logisch sein …

Neulich war Bolle mal wieder bummeln – diesmal nicht etwa ›in real life‹, sondern in den kaum weniger bunten virtuellen Welten. Dabei ist ihm der Dialogfetzen aus unserer heutigen Überschrift untergekommen. Ist das jetzt logisch? Oder ist das Klamauk? Auf Anhieb war Bolle das nicht ganz klar.

 W a s  ihm aber klar war: Wenn einer was  n i c h t  kann (kurz ›k‹ mit Überstrich – das in Bolles Kreisen übliche Symbol für die logische Verneinung), dann kann er es nicht machen (das ›m‹ mit Überstrich). Zumindest sollte man das meinen. Daraus folgt übrigens rein logisch (Doppelpfeil), daß,  w e n n  einer was macht, er das auch kann. Auch das sollte man zumindest meinen. Allerdings folgt daraus  n i c h t  (der rote durchgestrichene Doppelpfeil), daß, wenn einer was kann, er es auch machen wird. Natürlich nicht. Man kann unmöglich alles machen, was man machen  k ö n n t e . Genaugenommen ist das sogar der Normalzustand – wie ihn Reinhard Mey seinerzeit (1971) in seinem Lied 71½ so anschaulich beschrieben hat:

Ein paar Dutzend leere Flaschen
Stehen noch auf dem Balkon,
Eingepackt in Plastiktaschen,
Die ich doch seit Neujahr schon
Längst zum Kaufmann tragen sollte,
Legen Zeugnis davon ab,
Was ich alles tun wollte,
Und doch nicht getan hab’.

Kurzum: der Möglichkeiten sind da viele. Oder, vornehmer formuliert: Der Kontingenzraum (also das, was irgendwie sein  k ö n n t e ) ist um 10 hoch einige Phantastilliarden größer als der Manifestationsraum (das, was letztlich davon überbleibt). Um sich das vorstellen zu können: Der Durchmesser des beobachtbaren Universums beträgt gerade mal vergleichsweise winzige 10 hoch 27 Meter.

Soweit ist das krass genug. Doch oh weh, oh jemine! Es kommt noch schlimmer. Die eigentlichen Probleme liegen mal wieder, wie so oft, jenseits des Lattenzaunes der Logik. ›Können‹ nämlich ist ein Teekesselchen – und zwar eines der tückischen Art.

Es gibt höchst harmlose Teekesselchen – zum Beispiel ›Bank‹. Wenn ich sage, ich setze mich auf die Bank, wird niemand, wirklich niemand erwarten, mich demnächst auf dem Dach eines Kreditinstitutes anzutreffen. Wenn dagegen jemand sagt, er habe sein Geld auf der Bank, wird niemand ein Portjuchhe auf einer Parkbank erwarten. Verwechslungsgefahr ist praktisch ausgeschlossen. Darum kann man ohne Verwirrung zu stiften für zwei so unterschiedliche Dinge wie Parkbänke und Kreditinstitute ohne weiteres das gleiche Wort verwenden. Genau darum sind solche Teekesselchen harmlos.

Daneben gibt es aber auch tückische Teekesselchen. Wenn jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sagt ›Ich kann das‹, dann kann das zweierlei, höchst unterschiedliche Bedeutungen haben. Zum einen kann das meinen, daß etwas im Rahmen seiner Fertigkeiten und Fähigkeiten liegt – übrigens ein stehender Begriff aus dem real-existiert-habenden sozialistischen Bildungssystem. Zum anderen kann es aber auch bedeuten, daß es – zumindest nach seiner Einschätzung – nichts gibt, was ihn  hindern oder hemmen könnte. Das Können zum einen ist also ergebnisorientiert, das Können zum anderen dagegen ist freiheitsmotiviert: „D i e  Freiheit nehm’ ick mir – kann ick mir leisten.“ Ganz so wie oben in der Überschrift. Dabei hat das eine mit dem anderen wirklich rein gar nichts zu tun. Bolle meint: Da kannste ma sehen: wirklich tückisch, ditte.

So  r i c h t i g   a b s u r d  wird es dann, wenn einer von seiner Position auf seine Fertigkeiten und Fähigkeiten schließt. In Bolles Kreisen nennt man solche Leute hochgespülte Gesellen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course). Solche Leute scheinen zu meinen, daß, wenn sie schon einen gegebenen Job innehaben (und dafür meist auch noch fürstlich bezahlt werden), dann müßten sie ihn ja schließlich auch können, den Job. Wie heißt es doch im Volksmund? Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. So optimistisch ist Bolle dann aber doch eher  n i c h t . Und so machen Scharen von Leuten ihre Jobs nicht etwa, weil sie sie können (ergebnisorientiert), sondern weil sie niemand daran hindern kann (freiheitsmotiviert). Um es auf unsere Überschrift zurückzuschleifen: „Warum machst Du einen Job, den Du nicht kannst? – Weil ich es kann.“ Na toll. Hier beißt sich die Katz‘ in den logischen Schwanz.

Avanti dilettanti, also: Munter geht die Welt zugrunde. Wenn schon kein Ergebnis, dann wenigstens Freiheit. Nun wäre Bolle der letzte, der was gegen Freiheit hätte. Allerdings wäre ihm ein gerüttelt Maß an solider Könnerschaft namentlich in hochgestellten Positionen durchaus deutlich lieber – insbesondere bei Leuten, die sich anschicken, ein ganzes Land lenken zu wollen. Guckt Euch um auf dieser Welt! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 19-07-26 De arte subtrahendi – Weniger ist mehr

Die Kunst des Weglassens.

Ein heikles Thema heute – das ist Bolle klar. Allein: was soll’s? Haben nicht auch heikle Themen ihre Existenzberechtigung? Als Kate Moss 2009 mit ihrem Spruch herauskam, war die allgemeine Empörung größer als sie es wohl hatte ahnen können. ›Sie rede der Magersucht das Wort‹ war wohl noch eine der harmloseren Reaktionen. Allein darum soll es uns hier gar nicht gehen. Soll doch jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) machen, was er will. Bolle hält sich da tunlichst raus.

Gleichwohl scheint es so zu sein, daß der Umgang mit Kargheit evolutionär angelegt ist. Daß es jeden Tag was zu futtern gibt, mehrmals täglich sogar, ist entwicklungsgeschichtlich sozusagen der neueste Schrei. Da muß man sich erst dran gewöhnen. Nur wie?

Bolle ist ja eher minimalistisch inspiriert. Im übrigen hat er einen gewissen Hang zu exzentrischer Ästhetik. Und so kam es, daß er eines Tages feststellen mußte, daß bei seinem Lieblingsgürtel, den er seit rund hundert Jahren täglich anhat, das erste Loch auszufransen drohte. Als er ihn seinerzeit gekauft hatte, war das fünfte und letzte Loch das passende. An solchen Kleinigkeiten merkt Bolle, fernab aller Kalorienzählerei, daß sich da auf die ganz lange Sicht doch etwas in eine ganz falsche Richtung zu bewegen scheint. Um es mit Reinhard Meys ›Das Geheimnis im Hefeteig oder der Schuß im Backofen‹ (1971) lyrisch zu fassen:

🎶 Soweit ich mich noch erinnern kann
Fing alles mit meinem Gürtel an
Meinen Gürtellöchern, genauer gesagt
An einem 12. war’s, an einem Donnerstag 🎶

Jedenfalls hat Bolle seinen Lieblingsschuster aufgesucht, sich bitter beklagt und um Abhilfe gebeten. Der Schuster, ein durchaus frecher, aber grundehrlicher Sachse, strich sich über sein wohlentwickeltes Bäuchlein – wohl um damit anzudeuten, daß da die Wurzel allen Übels liegen und jede Schusterkunst an ihre Grenzen stoßen könnte. Bolle hatte verstanden.

Was tun? Nun, angesichts seiner rudimentären anthropogenetischen Grundkenntnisse fühlte er sich glatt veranlaßt, seinen Senf zu Kate Moss’ Spruch dazuzutun (siehe unser Schildchen) – und vor allem fürderhin zu beherzigen.

Und? Die Moral von der Geschicht? Sagen wir so: Das Universum reagiert. Oder: Yoga funktioniert. Oder wie auch immer. Zwar soll man auch hier nichts übertreiben. Eine gewisse langmütige Entschlossenheit – Creating a Life Practice, wenn auch mit gelegentlichen Unterbrechungen (vgl. dazu So 01-02-26 Yoga für Agnostiker) – bleibt aber offenbar nicht ohne Wirkung. Das eitle Problem mit dem ersten Gürtelloch jedenfalls hat sich zwischenzeitlich erledigt. Bolle steuert munter auf das fünfte zu. Wäre ja gelacht! Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 12-07-26 Von alter Schuld bis Klima-Rettich

Bummeln – nicht allein zur Weihnachtszeit …

Bolle war mal wieder bummeln. Bummeln durchs Dörfchen – wie sonst meistens nur zur Weihnachtszeit. Dabei kommt man kaum umhin zu erkennen, daß man von etwa der Fußball-WM im öffentlichen Raume kaum noch etwas mitbekommt. Vor einigen Jahren – namentlich natürlich im „Sommermärchen“ 2006 – war das noch ganz anders. Seinerzeit gab es praktisch keine Kneipe und kein Restaurant, das nicht mindestens  e i n e n  richtig fetten Großbildschirm auf dem Gehweg zu stehen hatte.

Dieses mal dagegen ist es so, daß man schon von Glück reden kann, wenn man auch nur auf den ein oder anderen kleineren Bildschirm trifft – so klein, daß man auch gleich zuhause im eigenen Wohnzimmer hätte bleiben können. Auch findet man die vor allem vor kleineren Spätis – also dort, wo ausgerechnet Zugereiste wacker letzte Reste deutscher Fußballkultur zu bewahren versuchen. Bolle findet: Egal ob Fußballfan oder nicht – Stimmung geht anders.

Doch warum in die Ferne schweifen? Manchmal liegt das Gute näher als man denkt. Direkt vor Bolles Haustür – so nahe, daß man sprichwörtlich hinspucken könnte – wollte sich dann doch noch ein Modell immerhin mittlerer Größe finden. Zwar sieht man da nicht allzu viel – außer natürlich, man sitzt in der ersten Reihe. Aber das ist ja öfters mal so, wenn man auf Du und Du mit dem Universum zu leben versucht.

Natürlich interessiert sich Bolle wenig für Fußball. Es ist mehr das Atmosphärische, das ihn reizt. Und so wurde in der Nachrichtenpause unter anderem prompt von einer Feuersbrunst in Andalucía berichtet. Bolles zufälligem Sitznachbarn, einem durch und durch aufgeschlossenen Jungberliner unbekannter Herkunft – so aufgeschlossen, daß er, wie er meinte, es durchaus für einen Schritt in die richtige Richtung hielte, wenn Berlin demnächst von Links regiert würde – kam natürlich unvermittelt das Klima in den Sinn.

Bolles Frage, ob er denn glaube, daß in Andalusien kommoderes Wetter herrschen würde, wenn wir hier nur noch viel schneller und noch viel gründlicher die grüne Transformation betreiben würden, wollte und konnte er natürlich nicht bejahen. Daß zwei Prozent – Deutschlands geschätzter Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß – den Kohl auch nicht mehr fett machen würden, war ihm durchaus klar.

Allerdings entfaltete er ein durchaus bemerkenswertes Argument. Bolle ist bemerkenswerten Argumenten gegenüber ja stets höchst aufgeschlossen. Das hat womöglich mit den vielen Mediationen zu tun, mit denen er zur Zeit befaßt ist: Finde heraus, was den Leuten wichtig ist – ob es dann auch funktionieren wird, klären wir geflissentlich später. Das Argument jedenfalls ging im Kern wie folgt: Deutschland habe eine tiefsitzende Schuld gegenüber der Welt abzuarbeiten – eine Schuld, die bis in die Kolonialzeit zurückreiche. Demnach sei es hohe Zeit, sich bis auf weiteres tunlichst zurückzuhalten mit der Klima-Killerei. Mehr noch: „Das Klima? Das rett’ ich.“ Und so spricht man denn in Bolles Kreisen ganz entsprechend auch von ›Klima-Rettichen‹.

Auch konnte der Hinweis nicht durchgreifen, daß die Yankees Gefallen daran finden, ihre Fußballstadien (mit 70.000 Plätzen oder mehr) ohne jede Hemmung von draußen 42° C auf angenehme 21° C drinnen runterzukühlen. America first! – oder eben auch: Harte Zeiten für globale Klima-Rettiche.

Fassen wir zusammen: Wenn ein Land wie Deutschland schon nichts am Klimawandel ändern kann – dazu ist der eigene CO2-Ausstoß viel zu gering und viel zu unbedeutend – so könnte es doch wenigstens nachholend seine Schuld aus vergangenen Jahrhunderten abzutragen versuchen. Zwar wird es dadurch absehbar nicht kühler auf der Welt. Aber wenigstens bliebe das gute Gefühl, endlich mal das richtige zu tun  a u f  der Welt und  f ü r  die Welt – auch wenn die Welt davon nichts merken wird. Und wenn dann noch ein rechter rechter Reaktionär daherkommt (Obacht: Teekesselchen!) und unkt, daß sich Deutschland – einziger absehbarer Outcome! – auf diese Weise womöglich schlechterdings selber abschaffen werde, geht das natürlich viel zu weit, of course. Auch geht es, au contraire, natürlich viel zu weit zu meinen, daß eben dies – wider alle „völkischen“ Instinkte – sogar ein Schritt in die richtige Richtung sein könnte. Obwohl: war es nicht bereits eine ganz schlechte Idee, überhaupt jemals von den Bäumen herabzusteigen? Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 05-07-26 Meinung, Mehrheit, Murks

Früher oder später – irgendwann auf jeden Fall …

Mitunter sind es gerade die kleinen Bühnen, auf denen sich die großen Probleme zur Kenntlichkeit entstellen. Es muß ja nicht immer das ganz große Besteck sein. Just in dieser Woche begab sich folgendes: Bolle hatte es im Rahmen einer Mediation – besser gesagt: der Vorbereitung einer solchen – mit zweien seiner Mitstreiter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu tun. Im Kern ging es dabei lediglich um die Frage, wie das Baby in der gegebenen Situation am geschicktesten zu schaukeln sei.

Formal haben die drei einen Vorsitzenden – der sich allerdings, der Mode der Zeit entsprechend, nur verschämt „Sprecher“ nennt und sich keinerlei – wie soll man sagen? – Richtlinienkompetenz anmaßen mag. Das wäre ja nicht „inklusiv“ genug. Verantwortung übernehmen – namentlich für eine Fehlentscheidung? Ganz, ganz altmodischer Kram. Bolle meint: an dieser Stelle schon ist voll der Wurm drin. Wie hieß es früher doch so trefflich?

Auf jedem Schiff, ob’s dampft, ob’s segelt,
Gibt’s einen, der die Sache regelt.

Dabei konnte Bolle es sich noch nie verkneifen, hier eine seiner berüchtigten Weiterungen anzufügen:

Doch ist der eine schlicht zu dämlich,
Geht Mann und Maus zugrunde nämlich.

In Bolles kleiner Dreierrunde jedenfalls war es so, daß es einige schwerwiegendere Argumente zu berücksichtigen galt – in etwa der folgenden Art: Wenn wir das so und so machen, dann wird absehbar dies und jenes passieren. Wollen wir das? Natürlich nicht!

Allein, das Argument wurde intellektuell nicht verarbeitet (in Bolles Kreisen vornehm: nicht kogniziert). Schlimmer noch: Bolle hatte den Eindruck, daß es gar nicht erst richtig gehört wurde (vornehm: nicht perzipiert). Wir erinnern uns: Die mappa mundi, mit der einer durchs Leben läuft, hat im Rahmen einer Rückkopplungsschleife erheblichen Einfluß auf das, was einer überhaupt nur wahr- beziehungsweise aufnehmen kann (vgl. dazu das Drei-Welten-Modell, etwa unter So 26-04-26 Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich!).

Kam wenigstens eine Entscheidung zustande? Aber sicher. Es kam sogar eine  M e h r h e i t s e n t s c h e i d u n g  zustande – mit satter Zweidrittelmehrheit. Da kann man doch nicht meckern – macht es doch einen mächtig demokratischen Eindruck. Gleichwohl war es Murks, was dabei herauskam. Zumindest in Bolles mappa mundi war das absehbar so – und so sollte es die Wirklichkeit denn auch bestätigen. Allein: Vergebens predigt Salomo // Die Leute machen’s doch nicht so (Bolle featuring Wilhelm Busch).

Bolle für sein Teil hält es lieber mit ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe.‹ (vgl. dazu So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland). Mehr als Glauben ist nun mal nicht drin – in einer Welt, in der man ohnehin nur wenig wissen kann. Sokrates hätte das vielleicht wie folgt gefaßt: ›Non scio me nihil scire – Ich weiß nicht, daß ich nichts weiß.‹ Das ist sehr viel weniger und deutlich deprimierender als wenigstens zu wissen, daß man nichts weiß – und doch nach Kräften zu versuchen, das Beste draus zu machen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.