
Mitunter sind es gerade die kleinen Bühnen, auf denen sich die großen Probleme zur Kenntlichkeit entstellen. Es muß ja nicht immer das ganz große Besteck sein. Just in dieser Woche begab sich folgendes: Bolle hatte es im Rahmen einer Mediation – besser gesagt: der Vorbereitung einer solchen – mit zweien seiner Mitstreiter (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu tun. Im Kern ging es dabei lediglich um die Frage, wie das Baby in der gegebenen Situation am geschicktesten zu schaukeln sei.
Formal haben die drei einen Vorsitzenden – der sich allerdings, der Mode der Zeit entsprechend, nur verschämt „Sprecher“ nennt und sich keinerlei – wie soll man sagen? – Richtlinienkompetenz anmaßen mag. Das wäre ja nicht „inklusiv“ genug. Verantwortung übernehmen – namentlich für eine Fehlentscheidung? Ganz, ganz altmodischer Kram. Bolle meint: an dieser Stelle schon ist voll der Wurm drin. Wie hieß es früher doch so trefflich?
Auf jedem Schiff, ob’s dampft, ob’s segelt,
Gibt’s einen, der die Sache regelt.
Dabei konnte Bolle es sich noch nie verkneifen, hier eine seiner berüchtigten Weiterungen anzufügen:
Doch ist der eine schlicht zu dämlich,
Geht Mann und Maus zugrunde nämlich.
In Bolles kleiner Dreierrunde jedenfalls war es so, daß es einige schwerwiegendere Argumente zu berücksichtigen galt – in etwa der folgenden Art: Wenn wir das so und so machen, dann wird absehbar dies und jenes passieren. Wollen wir das? Natürlich nicht!
Allein, das Argument wurde intellektuell nicht verarbeitet (in Bolles Kreisen vornehm: nicht kogniziert). Schlimmer noch: Bolle hatte den Eindruck, daß es gar nicht erst richtig gehört wurde (vornehm: nicht perzipiert). Wir erinnern uns: Die mappa mundi, mit der einer durchs Leben läuft, hat im Rahmen einer Rückkopplungsschleife erheblichen Einfluß auf das, was einer überhaupt nur wahr- beziehungsweise aufnehmen kann (vgl. dazu das Drei-Welten-Modell, etwa unter So 26-04-26 Wie hältst Du’s mit der Wahrheit, sprich!).
Kam wenigstens eine Entscheidung zustande? Aber sicher. Es kam sogar eine M e h r h e i t s e n t s c h e i d u n g zustande – mit satter Zweidrittelmehrheit. Da kann man doch nicht meckern – macht es doch einen mächtig demokratischen Eindruck. Gleichwohl war es Murks, was dabei herauskam. Zumindest in Bolles mappa mundi war das absehbar so – und so sollte es die Wirklichkeit denn auch bestätigen. Allein: Vergebens predigt Salomo // Die Leute machen’s doch nicht so (Bolle featuring Wilhelm Busch).
Bolle für sein Teil hält es lieber mit ›Et credo et censeo – Ich glaube, weil ich gute Gründe habe.‹ (vgl. dazu So 19-04-26 Alternativlos für Deutschland). Mehr als Glauben ist nun mal nicht drin – in einer Welt, in der man ohnehin nur wenig wissen kann. Sokrates hätte das vielleicht wie folgt gefaßt: ›Non scio me nihil scire – Ich weiß nicht, daß ich nichts weiß.‹ Das ist sehr viel weniger und deutlich deprimierender als wenigstens zu wissen, daß man nichts weiß – und doch nach Kräften zu versuchen, das Beste draus zu machen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
