
Eigentlich wollte Bolle unsere geneigte Leserschaft heute ja mit einem Mathildchen – also der dritten im Bunde neben Schildchen und Bildchen – zum Thema ›Die Entdeckung der Gleichverteilung oder Anything goes‹ beglücken. Zum Glück konnten wir ihn gerade noch stoppen. Mathildchen nämlich haben – wie der Name schon erahnen läßt – immer irgendwas mit Mathe zu tun. Und das muß heute wirklich nicht sein. Nicht, wenn draußen vor der Türe die Klimakatastrophe tobt. Manch stumpfere Gemüter finden ja, das sei einfach nur der Sommer. Aber erklärt das mal ’nem Hülsenfrüchtchen – oder gar ’nem Glühwürmchen.
Immerhin hat Bolle durchsetzen können, in seinen heutigen Titel einen Quadrupel- beziehungsweise, je nach Zählung, gar einen Quintupel-Reim einbauen zu dürfen. Soviel Kompromiß muß sein.
Bei den Briten heißt es ja schon immer: Liberty dies step by step. Übersetzt also in etwa: Die Freiheit, die geht scheibchenweise vor die Hunde. Das funktioniert natürlich nur, wenn und weil es keiner merkt – jedenfalls nicht mehrheitlich.
Aber wie dem auch sei. Bolle fühlt sich an die Frosch-Experimente im 19. Jahrhundert erinnert. Damals hatte man – durch „Studien“, of course; was sonst? – herausgefunden, daß Frösche zwar zu̅ heißes Wasser meiden und der Situation entfliehen, wenn sie können. Daß aber die gleichen Frösche, wenn sie nur ganz allmählich gekocht werden, nichts merken und brav sitzenbleiben.
Das fand Bolle schon immer ein wenig unplausibel: so dumm ist kein Frosch. Und so haben seine Recherchen denn auch ergeben, daß man – aus welchen Gründen auch immer – den Fröschen zuvor das Gehirn amputiert hatte. Bolle findet: das erklärt’s! Auch die Sache mit der Freiheit. Die Sache mit dem fehlenden Gehirn dagegen hat nie so richtig durchdringen können bis zu den Rezipienten der Studie. Genau so, meint Bolle, entstehen studiengestützte Mythen und Märchen der Neuzeit. Daran hat sich bis in die Gegenwart wenig geändert.
Allerdings – und das soll hier nicht unerwähnt bleiben – gab es auch Studien, in denen die Frösche (also Frösche m i t Gehirn) wirklich zu̅ dumm waren zu entfleuchen. Dann nämlich, wenn die Wassertemperatur nur e x t r e m langsam angehoben wurde – also allenfalls 1° C alle 5 Minuten. Bolle findet, auch das erklärt’s: Vor allem auch die Frage mit der Freiheit.
Halten wir für heute fest: Wenn Veränderungen nur langsam genug vonstattengehen, dann ist es Essig mit dem üblichen Reiz/Reaktions-Mechanismus. Egal ob Frösche oder Freunde der Freiheit: Man merkt erst was, wenn’s nichts mehr zu merken gibt.
Ob sich etwas langsam genug verändert, um unter der Reiz/Reaktions-Schwelle zu bleiben, ist natürlich eine Frage der kognitiven Kapazitäten der Leute. Es gibt nun mal schnellere und nicht ganz so schnelle Kerzen auf der Torte. Aus Sicht des Spitzenvolkes – Bolles neuem Synonym für die ›clique politique‹ – reicht es dabei völlig, sich an den Standard-Kerzen zu orientieren: Der Rest vom Volk – die Leute also, auf die es eigentlich ankäme – wird schon noch kleinzukriegen sein: alles Verschwörungsschwurbler! Schaut Euch um auf dieser Welt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
