
Zugegeben: Totgesagte leben oft viel länger als erwartet. Oder – wie Mark Twain das seinerzeit (1897) mal gefaßt hat: Die Gerüchte über mein Ableben scheinen mir stark übertrieben. Aber irgendwann ist irgendwie dann doch mal wirklich Schluß.
Das ist vor allem dann der Fall, wenn eine Sache im Kern völlig verkorkst ist – multiples Systemversagen, sozusagen. Eher harmlose Wendungen wie ›da ist ja wohl der Wurm drin‹ jedenfalls scheinen Bolle kaum noch eine adäquate Zustandsbeschreibung zu sein. Aber vielleicht sieht Bolle das ja auch nur zu̅ pessimistisch. Immerhin hat er sich die Mühe gemacht, die real existiert-habenden Republiken mal durchzuzählen.
Da hätten wir zunächst die 1. Republik, die Weimarer (1918–1933). Die war bekanntlich so kaputt im Kern, daß sie gerade mal 15 Jahre hat durchhalten können: keinen Kaiser mehr – dafür die Alleinschuld an allem. So jedenfalls steht es in Artikel 231 des Versailler Vertrages vom 28. Juni 1919 – übrigens voll zufälligerweise exakt dem 5. Jahrestag des Attentates von Sarajewo (vgl. dazu So 27-12-20 Oh Zeiten, oh Sitten!). Nun kann man trefflich und langanhaltend (nachgeradezu ewig) darüber streiten, ob die 1. Republik von den Nazis zerschlagen wurde oder ob sie nicht eher an innerer Auszehrung – an grundsätzlichem „Wurm-drin-Sein“ – in sich zusammengefallen ist, nachgeradezu implodiert. In diesem Lichte scheint es durchaus reizvoll, sich zu fragen, was denn passiert wäre, wenn nicht die Nazis, sondern, tout au contraire, der harte kommunistische Kern (Rotfront und Antifa – die gab’s also damals schon) den Straßenkampf gewonnen hätte. Unsere Vorfahren wären wohl direkt von der Kaiserzeit in eine Diktatur stalinistischer Prägung geschlittert. Die erst 1922 gegründete Sowjetunion war für die Weimaraner also unmittelbare weltgeschichtliche Gegenwart – einschließlich ihrer angestrebten „Weltrevolution“.
In den folgenden 12 Jahren (1933-1945) lebten die Deutschen offiziell immer noch in einer „Republik“. Allein hier schweigt des Sängers Höflichkeit … Vor allem soll der Zähler schweigen.
Im Anschluß – mit 4 Jahren Übergangsphase (1945–1949), in denen mit Fleiß darum gestritten wurde, was (aus westlicher Sicht) aus Deutschland werden soll: Blockfreiheit oder Westbindung? – hatten wir dann die 2. Republik, die Bonner beziehungsweise, im Ostteil des Landes, die Deutsche Demokratische (1949–1990). Die beiden haben immerhin jeweils 41 Jahre überdauert.
Allein, nichts währet ewig. Und so kam es dann zur 3. Republik, der Berliner (ab 1990). Wie lange die noch wird durchhalten können, weiß Bolle natürlich auch nicht zu sagen, of course. Bislang sind es immerhin 36 Jahre. Damit hätten wir in 5 Jahren die veritable Chance, den ›Längste-Republik-Ever‹-Rekord zu knacken. Allerdings spricht einiges dafür, daß sie jetzt schon ähnlich ausgezehrt sein könnte – innerlich voll hohl (Achtung: Oxymoron!) beziehungsweise wurm-drin-mäßig – wie seinerzeit die 1. Republik.
Mittlerweile nämlich sind wir mit unserer 3. Republik so weit, daß man schon Ärger mit den Ordnungshütern – wenn nicht gar mit dem BfV (Bundesamt für Volkserziehung) – kriegen kann, wenn man nur ein Deutschland-Fähnchen schwenkt. Läßt sich eine solide staatliche Sinnkrise noch trefflicher illustrieren?
In Bolles Kreisen heißt es ja immer: Ein Volk ohne Sinn ist ein sinnloses Volk. Aber sind wir nicht letztlich alle ein bißchen sinnlos? Sicherlich. Wenn aber Sinnlosigkeit ins Suizidale lappt, ist das doch sicher etwas übertrieben (vgl. dazu So 08-03-26 Einmal lieb für böse sein). Allein, wie sag ich’s meinem Hülsenfrüchtchen …?
Übrigens gibt es einen ganz herrlichen Film, den völlig unverdienterweise fast keiner kennt. ›Finsterworld‹ (D 2013 / Regie: Frauke Finsterwalder). Wer ihn sehen will: läßt sich via amazon für wohlfeile 4 Euro ausleihen oder für 10 Euro käuflich erwerben. Dort sinniert ein Oberstufenschüler nach einem geschwänzten Klassenausflug ins KZ:
Und damit sowas in Deutschland nie wieder passieren kann, ist eben hier alles extra-häßlich. Richtig häßlich, eben. Und nichts sollte mehr gut aussehen. Auch die Fahne nicht. Und deswegen kann sich hier keiner mehr mit irgend etwas identifizieren (1 h 7´ 18´´). — Seine Zuhörerschaft fand das – zumindest on second thought – durchaus einleuchtend.
Das jedenfalls ist eine Passage, die Bolle seit damals nicht mehr aus dem Sinn hat gehen wollen. Und so hat er anläßlich unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens schon mal eine mögliche Flagge der kommen-müssenden 4. Republik entworfen und sich dabei hart an die Vorlage gehalten (vgl. unser Bildchen). Aber ist das auch verfassungsmäßig? Wie heißt es doch gleich in Art. 22 II GG? Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold. Bolle, ungerührt: Wieso? Ist doch schwarz-rot-gold – nur eben nicht so häßlich. Die Uniformfarben des Lützow’schen Freikorps (1813–1814) – letztlich dem Inspirator für die Deutsche Flagge – waren schwarz und rot. Lediglich die Knöpfe waren golden (beziehungsweise messingfarben). Und so fand Bolle es hohe Zeit, das alles mal in rechte Proportionen zu rücken: ein dezenter Nadelstreifen muß genügen. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.
