Sa 20-02-21 Fast forward …

In der Kürze liegt die Würze.

Der Sinnspruch heute stammt in der Tat aus Shakespeare’s Hamlet – das war Bolle durchaus nicht klar – und ist damit auch schon wieder 400 Jahre alt. Höchste Zeit, sich dran zu halten. Oft genug passiert aber glatt das Gegenteil. So hat sich zum Beispiel, Ironie pur, ein deutscher Aphoristiker bemüßigt gesehen, da einen Sechszeiler draus zu machen. Aber das soll hier nicht unser Thema sein. Was dann?

Bolle hat sich schon öfters mal gefragt, wie es sein kann, daß jeden Tag genau so viel passiert, daß es exakt die Seiten einer Zeitung füllt oder auch das vorgegebene Zeitfenster etwa der Abendnachrichten. Irgendwas kann da nicht stimmen. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Trick – wie es ›Wir sind Helden‹ in ihrem Lied ›Geht auseinander‹ 2005 schon recht trefflich (und fast wörtlich so) gefaßt haben. Und? Wie geht Bolles Trick?

Im Grunde ist der Trick, wie die meisten guten Ideen, so simpel, daß Bolle sich im Nachhin­ein gefragt hat, wieso er da nicht sehr viel früher schon drauf gekommen ist. Zeitung lesen scheidet seit langem aus, weil es da ja offenkundig weniger um Nachrichten an sich geht als um journalistische Selbstverwirklichung. Im übrigen ist Bolle der Zeitverzug zwischen Ereignis und Übermittlung zu groß. Und was die bildungsbürgerlichen Nachrichtensendungen angeht – die Bolle wenigstens kursorisch zur Kenntnis nehmen will: Die lassen sich, zumindest im Internet, im Fast forward-Modus goutieren. So bietet etwa die ARD ihre jeweils letzte Nachrichtensendung unter ›tagesschau.de/sendung/letzte-sendung/‹ als Video-Stream an – mit dem unschätzbaren Vorteil, daß man die ganzen Propaganda-Einlagen und sonstigen Banalitäten bequem via Pfeiltaste überspringen kann. Fast forward, eben. Eine durchschnittliche Sendung von etwa 15 Minuten schafft Bolle so locker in 2 bis 3 Minuten – wenn überhaupt. Wenn das kein Fortschritt ist. Außerdem befreit einen das von der Bindung an alberne Sendezeiten. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 19-02-21 Die fetten Lieferketten retten?

Die fetten Lieferketten retten?

In einer mittelalterlichen Siedlung wurden, so hört man, geschätzte 98% aller verbrauchten Güter in einem Umkreis hergestellt, den man von der Kirchturmspitze aus überblicken konnte. Lieferketten waren demnach unbekannt. Natürlich hat es immer schon Handel gegeben mit Gütern, die eben nicht in Kirchturmspitzen-Entfernung zu haben oder herzustellen waren. So sollen zum Beispiel ägyptische Pharaonen seinerzeit einen Narren an Bernstein gefressen haben. Bernstein findet sich aber vorwiegend in der Ostsee und nicht etwa im roten Meer. Und so hat es in der Bronzezeit schon einen mehr oder weniger schwungvollen Bernstein-Handel gegeben. Regelrechte Lieferketten waren das allerdings noch nicht.

Etwas anders sieht die Sache aus, wenn wir von der Ostsee zur Nordsee schwenken und von Bernstein zu beispielsweise Krabben. Die in der Nordsee gefangenen Krabben werden heutzutage allen Ernstes nach Marokko gekarrt, dort von Hand gepult und dann wieder zurückgekarrt, um auf einem Häppchen-Teller in, sagen wir, Buxtehude zu landen. Noch krasser wird das ganze, wenn, wie in einigen hoch-industrialisierten Bereichen, so ziemlich alles irgendwo anders hergestellt und hier nur noch zusammengeschraubt wird, um zum Abschluß mit einem fröhlichem „Made in Germany“-Etikett verziert zu werden. So richtig seriös will Bolle das nicht scheinen.

Was tun? Sprichwörtlich ›Zurück auf Los‹ – zurück zur mittelalterlichen Dorfgemeinschaft? Das wäre vermutlich übertrieben. Schließlich profitieren ja alle von der „internationalen Arbeitsteilung“ – wie das gerne und etwas euphemistisch auch genannt wird. In erster Linie profitieren aber die Länder, die die höherwertigen Güter anbieten – egal ob selber hergestellt oder einfach nur zusammengesteckt. In allererster Linie profitieren aber die Unternehmen, die das Lohngefälle ausnutzen (in Marokko liegt der übliche Stundenlohn nun mal deutlich unter dem in Buxtehude), und überdies die Gefälle in den Sozial- und Umweltstandards. Wenn in Marokko jemand nach einem langen Arbeitsleben einfach tot umfällt statt in Rente zu gehen, spart das eine Menge Geld. Und wenn den Krabben-Pulern (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course – wir wollen ja gender-korrekt sein und bleiben) im wahrsten Sinne des Wortes die Fabrikdecke auf den Kopf fällt, weil man in Marokko mit den Bauvorschriften noch nicht so weit ist: Betretene Mienen am Häppchen-Buffet. Wer hat’s vermasselt? Kaum feststellbar – zumal die marokkanischen Auftragnehmer die Aufträge ja regelmäßig längst an Sub-, Subsub- und Subsubsub-Unternehmen weitergereicht haben. „Diversifikation der Verantwortung“ nennt man das dann in der Betriebswirtschaftslehre. „Schulterzucken“ könnte man auch sagen.

Und? Wer ist schuld? Der Verbraucher (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) natürlich, der seine Krabben ein paar Cent billiger haben möchte. Der Verbraucher – und nicht etwa die bösen Konzerne – ist immer schuld an allem, of course, und meint dabei auch noch, nicht mal betreten gucken zu müssen. Die Lieferketten sind aber auch zu schlecht zu überblicken (neudeutsch: zu „komplex“) – vor allem, wenn man gar nicht erst hingucken mag. Bolle fragt sich: Wäre die agnostisch-kontemplative Corönchenzeit, in der wir alle ja nun mal feststecken, nicht eine feine Gelegenheit, über diese und ähnliche Fragen mal ganz grundsätzlich nachzudenken? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 18-02-21 Vom kernigen Lifestyle

Vom kernigen Lifestyle.

Und, Bolle? Übersetzen? Aber Ja doch: „Ich saufe ziemlich viel, schlafe wenig, und rauche eine Zigarre nach der anderen. Das hält mich zweihundertprozentig fit.“

So hat Churchill das, soweit wir wissen, nie gesagt. Ganz aus der Luft gegriffen ist diese Lifestyle-Regel aber dennoch nicht. Sie geht in recht ähnlicher Form zurück auf den britischen Generalfeldmarschall und Bezwinger von Erwin Rommels Panzerarmee in Afrika, Sir Bernard Montgomery. Übrigens nicht zu verwechseln mit dem gegenwärtigen Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery. Aber auf derlei Feinheiten soll es uns hier gar nicht ankommen.

Worauf dann? Nun, Bolle hat den Eindruck, daß beide, sowohl Churchill als auch Montgomery, einen sehr viel „kernigeren“ Lifestyle gepflegt haben als das heutzutage den meisten zuträglich erscheinen will. Gleichwohl: beide sind rund 90 Jahre alt geworden – und das unter eher widrigeren Lebensumständen. Von wegen „Mimimi“.

Was hat das mit uns zu tun? Nun, Bolle fällt von Zeit zu Zeit immer wieder mal auf, welche geringe Rolle in der gegenwärtigen medizin-hysterischen Debatte die Tatsache spielt, daß offenbar nur um die 5% der Corönchen-Infizierten Raucher sind. Ein Ergebnis, das sich mit sämtlichen der zur Zeit geläufigen Vakzine messen kann. Aber ist das überhaupt wahr? Falls Ja: Darf das überhaupt wahr sein? Oder ist da Christian Morgenstern vor – von wegen „Weil, so schließt er messerscharf, // nicht sein kann, was nicht sein darf“?

Wir wissen es nicht. Auch wissen wir nicht, ob man in der gegenwärtigen Lage mit einem kurzfristigen Wandel zu einem kernigeren Lifestyle noch groß was reißen kann. Falls Ihr es ausprobieren wollt: Fragt auf jeden Fall zunächst Euren Arzt oder Apotheker. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 17-02-21 Na, und denn — ?

Na, und denn — ?

Die Textstelle stammt aus Kurt Tucholskys bitter-süßem Gedicht »Danach«. Das ist auch schon wieder 90 Jahre her bzw. für alle, die kleine Zahlen und große Einheiten lieber haben, drei Generationen. Ja, passiert denn nie was wesentliches auf der Welt? Und so endet Tucholskys Gedicht auch recht nüchtern:

Der olle Mann denkt so zurück:
wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim happy end
im Film jewöhnlich abjeblendt.

Vabrühte Milch und Langeweile. Herrlich. Bolle liebt es, wenn Dichter die Dinge auf den Punkt bringen. Zur Zeit tun wir so, als sei Corönchen – ein Begriff, der vielen nur als Determinativ-Kompositum und ohne Diminutiv, also ›Corona-Pandemie‹ über die Lippen gehen will – eine Ausgeburt des Leibhaftigen. Also nüscht wie weg – und zwar so schnell wie möglich.

Auch über den Weg zum „weg“ herrscht Einigkeit. Wir haben das an anderer Stelle einmal »Humans go Borg« genannt (vgl. Sa 09-01-21 Und? Wie geht’s weiter?). Na, und denn – ? Denn kieken wa ma. „Back to normal“ heißt die Devise. Which normal?, fragt sich Bolle. Aus den corönchenbedingten Staatsschulden wollen wir, wenn man den Verlautbarungen Glauben schenken darf,  mir nichts dir nichts mal eben „rauswachsen“. Na toll. Die Umwelt läßt grüßen – und Perspektive geht irgendwie anders.

Bolle hat es vor einiger Zeit unternommen, eine Liste zu erstellen mit allem, was uns seit längerem schon plagt, und ist dabei auf schlanke 19 Punkte gekommen. Auf zwei, drei Punkte mehr oder weniger kommt es hier nicht an. Das klingt im Grunde noch beherrschbar – geht aber wohl nicht ohne Plan. Hier Bolles abgespeckte Liste, gekleidet in drei grundlegende Fragen:

Erstens: Wie kann es sein, daß die Weltbevölkerung in toto so wenig kreislaufkritisch ist?  Die hervorstechendsten Punkte sind hier vor allem der Atommüll und, weit abgeschlagen, der Plaste-Müll. Zweitens: Wie kann es sein, daß die Weltbevölkerung in toto ernstlich glauben kann, daß dieser Planet Platz für 8 Milliarden Erdenbürger bietet? Und drittens: Wie können wir glauben, daß sich die zu lösenden Probleme auf dem Wege von Mehrheitsentscheidungen werden lösen lassen – wo uns doch die Nash-Gleichgewichte (übrigens ein weiterer Punkt auf Bolles Liste) regelrecht ins Gesicht springen? Wir werden darauf zurückkommen. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 16-02-21 Von Systemen und Relevanz …

Von Systemen und Relevanz.

Bei unserem heutigen Beitrag soll es uns mehr um Kontemplation gehen und weniger ums Lesen. Bei der Textstelle handelt es sich um einen Schlager aus den frühen 1970er Jahren. Das ist fast 50 Jahre her. Wie kommt Bolle auf so was? Nun, einerseits hieß es in den Nachrichten, daß zur Zeit bestimmte Grenzen nur noch passiert werden dürfen, wenn das jeweilige Unterfangen „systemrelevant“ ist. Andererseits hatte Bolle mit einem halben Ohr in eine Rosenmontagsparty reingehört, in der unter anderem ein Puppenspieler seine Kunst zum besten gab. Der Rest war freie Assoziation.

Davon ab wirft sich hier mit Wucht eine Frage auf: Was ist eigentlich „systemrelevant“ bzw., klarer noch, was wird von einer Gesellschaft als systemrelevant angesehen? Noch klarer: Was bleibt eigentlich von einer Zivilisation, wenn die Lichter ausgegangen sind? Am ehesten ja wohl die Kultur. Können wir uns vorstellen, daß Roberto Blanco den Wasserträger von Mexiko besungen hätte? Oder vielleicht den Haareschneider von Mexiko? Oder gar den Altenpfleger von Mexiko? Möglich, aber unwahrscheinlich.

Wie gesagt: Ein Beitrag zum vielleicht ein wenig In-sich-gehen. Alles weitere wäre dann schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 15-02-21 Der Weisheit letzter Schluß …

Der Weisheit letzter Schluß.

Es sind doch immer wieder die Dichter, und nicht etwa Wissenschaftler, denen es gelingt, die Dinge auf den Punkt zu bringen – und das mit einer prophetischen Perspektive von mehreren Jahrhunderten, oder auch noch sehr viel mehr. Die Fertigstellung des Faust II datiert auf 1831. Das war nur wenige Jahre nach den sogenannten Befreiungskriegen gegen den doch etwas übermütig gewordenen kleinen Korsen, der, nach zunächst beachtlichen Erfolgen mit dem erklärten Ziel, Europa zu „einen“, 1812 in Rußland hatte lernen müssen, was es heißt, ein wirklich großes Land erobern zu wollen. Ähnliches, doch das nur am Rande, mußten auch andere Feldherren, und seien es die größten, immer wieder erleben. Die Parallelen ziehen sich bis in die Gegenwart. Hatten wir schon erwähnt, daß sich Bolle, im Kern souverän, wie er nun mal ist, das Recht herausnimmt, alles, wirklich alles mit allem zu vergleichen? Gegebenenfalls auch Äpfel mit Birnen – wohl wissend, daß sie nicht gleich sind? Doch nun Ende Exkurs. Nur ein Jahr später schon, 1813, mußte der kleine Korse, der Lektionen zweiter Teil, in der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig leidvoll lernen, daß auch kleinere „Flickenteppiche“ wie etwa Europa nicht ganz leicht zu erobern sind, wenn sich alle, wirklich alle anderen – im wesentlichen also Preußen, Russen, Habsburger und auch die Briten –, einig sind, wenn auch nicht im erwünschten Sinne geeint. Wiederum nur zwei Jahre später, 1815, nach einer Rekonvaleszenzphase auf der Insel Elba, mußte er dann sein ganz persönliches Waterloo erfahren und wurde von den Briten, safety first, bis auf weiteres auf St. Helena in Sicherungsverwahrung genommen. Ende Gelände. Schluß mit Einiges Europa.

Was hat das mit uns zu tun? Von solcher Weisheit letztem Schluß sind wir heute, in doch eher friedensbewegten Zeiten, zumindest in Europa, weit, weit entfernt. Freiheit? Steht so in der Verfassung (Art. 2 GG). Leben? Das zu schützen ist Aufgabe der Regierung (ebenfalls Art. 2 GG). Und wehe, sie macht ihren Job nicht ordentlich – etwa weil sie zu spät oder zu wenig Impfstoff bestellt oder, mangels besserer Möglichkeiten, gar die Kommunikation per Fax erledigt. Wie haben wir’s so herrlich weit gebracht. Einerseits kann man das ja durchaus als zivilisatorischen Fortschritt durchgehen lassen. Wer will sich schon, wie Goethe das nennt, „täglich“ mit der Grande Armée her­umschlagen müssen? Versteht man ja. Aber wie so oft im Leben hat auch das seinen Preis. Für je selbstverständlicher Freiheit und auch Leben erachtet werden, desto mehr sinkt die Bereitschaft, sie „täglich zu erobern“ – und damit, nach Goethe, der eigene Verdienst daran. Und damit, das läßt sich nun mal nicht vermeiden, wird das ganze hohl und schal. Willkommen in der Gegenwart. Schöne, heile Welt (analog Huxley 1932 – noch so ein Prophet, by the way). Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

So 14-02-21 Corönchen-Proportiönchen

Rechenschieber reicht. Allemal.

Bekanntlich hält Bolle ja nicht viel davon, wie das Kaninchen auf die Zahlenschlange zu starren – vor allem dann nicht, wenn sich die Schlange auf die Einerstelle genau aufplustert. Als ob Schlangen sich aufplustern könnten. Halten wir also einen Moment inne und werfen einen Blick auf die Proportionen. Bis heute sind, wenn man den Zahlen glauben mag, 64.990 Leute an Corönchen gestorben. Vor einem Monat, am 14. Januar, waren es 45.209. Demnach sind in den letzten 31 Tagen 19.781 Leute „an oder mit“ Corönchen gestorben. Das klingt auf den ersten Blick nach richtig viel – bedeutet pro Tag aber „nur“ 638. Nun ist es so, daß in Deutschland 82,8 Mio Leute leben, die im Schnitt (sagen wir) 82,8 Jahre leben. Das bedeutet, daß pro Jahr 1 Mio Leute sterben – so oder so. Conditio humana, eben. Pro Tag sind das 2.740. Wenn wir die Zahlen ins Verhältnis setzen, dann würde das bedeuten, daß zur Zeit fast ein Viertel aller Todesfälle (638 geteilt durch 2.740 = 23%) auf das Corönchen-Konto gehen. Bolle meint: Möglich, aber unplausibel. Selbst wenn wir davon ausgehen, daß die Corönchen-Toten samt und sonders zusätzlich sterben – wovon wir nach allem, was wir wissen, aber nicht ausgehen können – dann wären wir immer noch bei knapp einem Fünftel (638 geteilt durch die Summe aus 2.740 und 638 = 19%). Bolle hält auch das für noch nicht sonderlich überzeugend.

Eher deutet alles darauf hin, daß Corönchen weniger die Ursache der Todesfälle ist (egal ob „mit“ oder „an“) als vielmehr der Auslöser (neudeutsch: Trigger). Das wiederum könnte bedeuten, daß Corönchen in der Tat eher ein sozialpsychologisches Problem ist und weniger ein virologisches. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 13-02-21 Immer feste druff!

Immer feste druff.

Daß wir zwei Tage in Folge auf Friedrich von Schiller zurückgreifen, ist eher Zufall. Unser heutiges Zitat soll illustrieren, daß Vorfälle wie der folgende durchaus nicht neu sind – wenn auch die Häufigkeit besorgniserregend zunimmt. Was ist passiert? Yoshiro Mori, der Chef des Organisationskomitees der Olympischen Sommerspiele, die demnächst mit einem Jahr Verspätung in Tokyo stattfinden sollen, wurde gefeuert. Natürlich nicht wirklich gefeuert, of course. Japaner sind höflich – und so hat man sich auf einen „Rücktritt“ verständigt. Hintergrund: Ein einziger Satz. Yoshiro Mori hatte am Rande angemerkt, daß Sitzungen mit hoher Frauenbeteiligung sich oft unangenehm in die Länge zögen. Warum? Weil Frauen nun mal einen zeitaufwendigeren Kommunikationsstil pflegten. Man könnte auch sagen: Ein Mann, ein Wort. Eine Frau, ein Wörterbuch. Skandal! Voll die sexistische Entgleisung!

Kann man das so sehen? Natürlich. Muß man das so sehen? Natürlich nicht. Bolle meint: Entweder war das eine schlichte Meinungsäußerung. Dann ist sie durch Art. 5 I GG (bzw. das japanische Äquivalent dazu) gedeckt – falls wir die Angelegenheit überhaupt so hoch hängen wollen. Oder es war eine Tatsachenbehauptung. In diesem Falle wäre es einer Überprüfung zugänglich. Wozu gibt es Sitzungsprotokolle? Falls man sich geirrt haben sollte, nimmt man die Behauptung eben mit einem Ausdruck des Bedauerns zurück – und gut isset.

Aber so? Aufschrei der Straße – wobei sich die Straße 2.0 praktischerweise in den sozialen Medien befindet, man also nicht mal vor die Tür gehen muß, um sich gründlich zu empören. Demos 2.0 nennt Bolle das. Darauf folgt blitzeschnelle die massenmediale Verstärkung des Aufschreies. Skandal, Skandal! Dazu kommt regelmäßig immer gleich die Verhängung der Höchststrafe. Zwar hat niemand gefordert, daß Yoshiro Mori Harakiri (bzw. Seppuku) begehen soll – wir leben schließlich in vergleichsweise zivilisierten Zeiten. Aber die umstandslose Entfernung aus Amt und Würden ist heute eben die Höchststrafe 2.0.

Demokratische Legitimation des Demos 2.0? Fehlanzeige. Rechtsstaatliche Verhältnismäßigkeitsprüfung? Fehlanzeige. Abwägung Problemlösung (die Spiele wollen organisiert sein) vs. Pflege der Befindlichkeiten (Mimimi)? Fehlanzeige. Schon Aristoteles (384–322 v. Chr.) war übrigens klar, daß man es mit der Demokratie – sehr zum Schaden des Gemeinwesens, übrigens – durchaus auch übertreiben kann, und hat dabei ausdrücklich zwischen Politeia und Demokratie als zwei polaren Ausprägungen der Herrschaft der Vielen unterschieden. Aber das ist ja erst zweieinhalb tausend Jahre her – und wäre im übrigen auch schon wieder ein anderes Kapitel.

Fr 12-02-21 Sich binden — oder schnell verschwinden?

Sich binden — oder schnell verschwinden?

Hier haben wir eine der vielen bekannten Stellen aus Schillers »Lied von der Glocke«. Dazu hat Bolle vor zwei Wochen schon in einer Qualitätszeitung unter der Rubrik »Unsere Empfehlung des Tages« was interessantes aufgeschnappt. In dem Bericht ging es um zwei Mädels (no offence, of course), die sich darüber beklagten, daß in ihren Leben „immer wieder ihre persönlichen Grenzen überschritten“ wurden. Im vorliegenden Fall hatten beide „freiwillig Sex“, wollten ihn sogar „unbedingt“. Dann aber, on second thought sozusagen, fiel ihnen ein, daß sie „im Nachhinein hätten Nein sagen wollen“. Bolle meint: No means now. Im Nachhinein wollen oder nicht-wollen gildet nicht – auch dann nicht, wenn man es wohltönend als „Grenzen ziehen“ deklariert. Während es also Ende des 18. Jahrhunderts noch darum ging, langfristige, in Schillers Worten „ewig“ währende Entscheidungen gründlich zu bedenken, scheint das heutzutage im Zeichen verminderter Frustrationstoleranz selbst für one night stands zu gelten.

Eigentlich könnte uns das mißglückte Liebesleben zweier enttäuschter Twens völlig egal sein. Allerdings sieht Bolle zwei mögliche, durch und durch unerfreuliche Weiterungen. Erstens könnten die beiden auf die Idee kommen, sich nachträglich sexuell belästigt oder gar vergewaltigt zu fühlen. Das zeitgenössische Strafrecht käme ihnen dabei durchaus entgegen. Schlecht  für die Männer, wenn’s hart auf hart kommt – aber vielleicht noch hinnehmbar: No risk, no fun. Was Bolle aber wirklich bedenklich stimmt: Wie steht es mit dem nachträglichen „Lieber-doch-nicht-wollen“, wenn die beiden, statt in die Kiste zu springen, im Rahmen ihrer staatsbürgerlichen Pflichten an irgendeiner Wahlurne ihre Stimme abgegeben hätten? Kann Demokratie denn Zufall sein – so wie Liebe Sünde? Das aber, da sind wir uns mit Bolle einig, ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 11-02-21 Hehre Helden — durch und durch …

Hehre Helden — durch und durch.

Wie wir gestern bei der Lektüre von Gabor Steingarts Morning-Briefing erfahren konnten, feierte „der wahrscheinlich größte Volksdichter unseres Landes“ seinen Geburtstag. Sagen wir so: Er hätte (seinen 123. Geburtstag übrigens) womöglich gefeiert, wenn er nicht seit bereits 65 Jahren tot wäre. Tot sein aber drückt doch mächtig auf die Feierlaune. Von solchen Restriktionen – vor denen auch die meisten Helden nicht gefeit sind – einmal abgesehen, wurde er als „Volksdichter“ gewürdigt, gar als „einer der fleißigsten Menschen, die der Literaturbetrieb hierzulande hervorgebracht hat“.

Ein Held der Literatur, also. Und? Wie steht’s um den privaten Helden? Auf der einen Seite haben wir da seine kaum verhohlene Stalin-Verehrung. Auf der anderen Seite aber wissen wir zum Beispiel auch von seiner Forderung, daß die Hälfte des Preisgeldes für den »Stalinpreis für Frieden und Verständigung zwischen den Völkern« auf ein Konto in der Schweiz (!) überwiesen werden sollte. Im wirklich privaten Bereich könnte man vielleicht sagen: Brecht war schwer gewöhnungsbedürftig. Und? Ist das jetzt schlimm? Tut das dem Heldentum Abbruch? Hier liegt die Antwort voll und ganz im Auge des Betrachters.

Ähnliches gibt es, nur zum Beispiel, von Michael Jackson zu berichten: Ein Held der Musik – im privaten Leben in den Augen mancher aber voll der Kinderschänder.

Betreten wir die politische Bühne und nehmen wir, nur zum Beispiel, George Washington, den 1. Präsidenten der Vereinigten Staaten (1789–1797). Der Mann war Sklavenhalter! Oder nehmen wir Thomas Jefferson, den 3. Präsidenten der Vereinigten Staaten (1801-1809). Der Mann hatte glatt ’ne halbe Armee an Sklaven – 600 an der Zahl. Alles Panne-Helden im Privaten?

Oder nehmen wir einen weiteren Jubilar, keinen geringeren als Martin Luther, der 1517 seine 95 Thesen rausgehauen hat, und 1520 seine 30 Thesen zur Freiheit eines Christenmenschen. Das alles nur, um kurz darauf (1525) »Wider die Mördischen und Reubischen Rotten der Bawren« zu wettern und damit den grauseligen Tod von zehntausenden von Bauern auszulösen. Oder, wiederum nur wenig später (1543), zur Versklavung oder zumindest Vertreibung der Juden aufzurufen. Nach neueren Forschungsergebnissen soll das allerdings kein „Rassismus“ und auch kein „Antisemitismus“ gewesen sein, sondern lediglich Spiegel seiner „antijudaistischen Theologie“. Bolle meint: Na, dann geht’s ja.

Oder nehmen wir Pippi Langstrumpf – die in jüngerer Zeit von interessierten Kreisen geradezu zur Emanzipations-Ikone hochgejubelt wurde – dabei aber ihren eigenen Vater „Negerkönig“ genannt hat, und sich damit privat klar als „Rassistin“ geoutet hat. Nun ist Pippi eine literarische Figur. Anders als Astrid Lindgren – die sich zeitlebens geweigert hat, einer Umfirmierung – etwa zum „Südseekönig“ – zuzustimmen. Als ob es in der Südsee „Neger“ gäbe. Doch das nur am Rande. Erst ihre Erben konnten nach zähen Verhandlungen (und wohl auch angesichts drohender Verluste aus den Lizenzeinnahmen) vom Zeitgeist weichgeklopft und veranlaßt werden, einer entsprechenden Umfirmierung zuzustimmen. Wer ist hier wahrhaft heldenhaft? Die aufrechte Autorin? Oder ihre ertragsgeneigten Epigonen? Auch das liegt wohl, wie immer, vornehmlich im Auge des Betrachters.

Kurzum: Haben wir es hier mit Huldigung des hehren Heldentums zu tun? Oder nicht doch eher mit genuinem Geschichts-Gegacker? Anders gefaßt: Stimmt da mit dem Heldentum an sich was nicht? Oder liegt das Problem nicht doch eher bei den Helden-Huldigern, die sich – ein wenig naiv vielleicht, aber bitteschön – hehre Helden höchster Huld wünschen? Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.