
Es weihnachtet wieder. Wie schön! Zumindest bei Bolle ist das so. Und zwar alle Jahre wieder – und das seit vielen Jahren schon. Ursprünglich war die Idee ja rein aus der Not geboren. Bolle konnte es nämlich mit seiner Selbstwertanmutung nicht länger vereinbaren, sich Jahr für Jahr und immer wieder überraschen zu lassen. Wie? Weihnachten? Jetze schon? Weia!
Also mußte so eine Art Frühwarnsystem her – ein Weckruf sozusagen. Nur wann? In Bolles Fall hatte sich hier der 9. November ganz natürlich ergeben. Der 9. November nämlich ist ein Datum, das bei Bolle festverdrahtet ist, ohne daß er dafür einen Kalender bräuchte.
Spätestens seit 1989 ist das so, als Bolle – seinerzeit in wahnsinnig wichtigen Geschäften im Westen unterwegs – als Revolutionstourist eigens einen Abstecher nach Berlin gemacht hatte, nur um dem Volk an seinem „Schicksalstage“ (wie manche das – etwas hochtrabend, aber bitteschön – nennen würden) aus nächster Nähe aufs Maul zu schauen. Womöglich etwas überheblich zwar – das sieht Bolle ein – aber sowas merkt man sich dann doch. Hinzu kommt, daß justamente an diesem Tage jemand sein Wiegenfest feiert, den zu vergessen oder auch nur zu verdrängen gänzlich außerhalb von Bolles Möglichkeiten liegt. Kurzum: der 9. November war „gesetzt“ – wie man das heutzutage modisch nennt.
Auch hat sich dieser Tag mitnichten als zu früh erwiesen. Denken wir nur an den in Bolles Kreisen üblichen Adventskalender, den zu verschicken sich spätestens Ende November schickt. Falls man nämlich nicht gedenkt, sich mit den Resten vom Grabbeltisch zu begnügen – oder gar völlig leer auszugehen –, ist Anfang November also durchaus hohe Zeit, sich zu kümmern.
Im Laufe der Zeit hat es sich umständehalber ergeben, den Weckruf noch ein paar Tage vorzuverlegen – und zwar auf Hallowe’en. Zwar hat Hallowe’en mit dem christlichen Wiegenfeste wenig zu tun. Allein es ist so eine Art Event. Die Kinder ziehen durch die Gassen – „Süßes oder Saures“ auf den Lippen – und plündern so den Einzelhandel aus. Bolle findet seit längerem schon Gefallen daran, des Abends einen Bummel durchs Dörfchen zu machen und Zeuge zu sein bei der lieben Kleinen räuberischem Treiben. – Wenn sowas keine Weckruf-Qualitäten hat …
Kurzum: die frühen Novembertage, sei es nun der 9. November oder sei es Hallowe’en, liegen für eine planerische Intelligenz – über die zumindest im Ansatz zu verfügen Bolle bei aller Bescheidenheit für sich in Anspruch nimmt – keinesfalls zu früh im Jahr. Genaugenommen liegen sie genau richtig.
Übrigens: Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, kam besagtes Geburtstagskind auf den durchaus naheliegenden Gedanken, künftig und für immerdar am Nationalfeiertag Geburtstag zu haben – was sicherlich den einen oder anderen Vorzug mit sich bringt. Allein sie hatte die Rechnung ohne die Deutschen gemacht – zumindest aber ohne die bangbüchsige deutsche Politprominenz. Die nämlich fand, der 9. November könne – wegen der Reichskristallnacht 1938 oder des Hitlerputsches 1923 – durchaus ungute Erinnerungen an eigenes schändliches Treiben evozieren und die Festtagslaune trüben. Daher sei das als Gedenktag doch nicht allzu gut geeignet.
Und so kam man überein:
Der dritte zehnte soll es sein.
Zugegeben: etwas fahl,
Doch so isses nun einmal.
Und schon war Essig mit Geburtstag am Nationalfeiertag. Tja. Im Klittern von Geschichte oder zumindest im Meiden von Ambivalenzen war die politische Klasse ja schon immer große Klasse:
Lieb Vaterland, magst ruhig sein –
Nichts soll je trüben deinen Schein.
Dann also doch lieber Hallowe’en. Und allet Jute zum Jeburtstach, nota bene. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.










