Di 16-03-21 Null Toleranz!

Das optimale Leben.

An der Corönchen-Front ist mal wieder der Bär los. Es ist aber auch ärgerlich. Erst macht man das Volk über Monate jeden, wirklich jeden Tag mit den jeweils auf die Einerstelle genauen Inzidenz- und Todesfällen so richtig rappelig, um sie dann gezielt auf die nahende Rettung einzustimmen. Wahrlich, wir sagen Euch: Gehet hin und lasset Euch pieksen. Und Ihr werdet eingehen in das ewige Leben auf Erden. Bolle meint: Geht’s noch?

Und dann so was. „AstraZeneca tötet.“ Zwar hat das keiner so gesagt – aber so kommt es rüber. Wir hatten ja schon öfters mal angedeutet, daß es sich bei Corönchen zu einem guten Teil um ein sozialpsychologisches Phänomen handeln dürfte und weniger um ein virologisches. Aktuell scheint es so zu sein, daß sich beim Volk eine Art Frustrations-Reaktion einstellt. »Frustration« meint fachsprachlich die affektive Reaktion auf das Ausbleiben einer erwarteten Belohnung. Damit sind wir beim passenden Stichwort. Was erwarten die Leute? Sie erwarten offenbar, daß alles gut wird. So wie früher. Gelegentlich shoppen gehen, ab und an mal in ein Café, abends in die Kneipe oder ins Kino. Die Kinder morgens in die Schule schicken, damit man wenigstens den halben Tag lang seine Ruhe hat. Ins Büro dürfen – aus den gleichen Gründen. Gern auch mal ins Museum oder in ein Konzert. Unbeschwert reisen dürfen. Und so weiter, und so fort. Und all diese Erwartungen wurden an einem einzigen Punkt festgemacht: den „segenbringenden“ Vakzinen.

Und nun stellt sich, Wunder über Wunder, heraus, daß Vakzine eben nicht nur „segensreich“ wirken können, sondern gelegentlich, eher selten, höchst selten, auch Komplikationen mit sich bringen. Wir reden hier von zur Zeit 14 (in Worten: vierzehn) Fällen unter 10 Millionen. Mikro-Peanuts, im Grunde. Für eine ausgeprägte kollektive Frustrations-Reaktion aber anscheinend völlig ausreichend. Die Leute wünschen sich halt gerne „Das optimale Leben // Mit TÜV und Garantie“. Bolle meint: Habt Ihr mal einen Blick auf einen x-beliebigen Beipackzettel geworfen? Da bleibt wenig Raum für „Null Toleranz“. Keine Wirkung ohne mögliche Nebenwirkung – es sei denn, Ihr werft Euch wirklich nur noch Placebos ein. Und selbst da hätte Bolle so seine Bedenken. Indes: die Leute lesen ja nicht mal die Inhaltsstoffe beim Lebensmittel-Einkauf. Statt dessen begrüßen sie, wohl aus Gründen der kognitiven Sparsamkeit, den „Nutri-Score“. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 13-03-21 Mimimi

Von das kommt das.

Unser heutiger Sinnspruch geht zurück auf Herodot (etwa 490–430 v. Chr.), der seit Cicero vielen als pater historiae ›Vater der Geschichtsschreibung‹ gilt. In seinem Hauptwerk, »Historien«, erwähnt er beiläufig, daß dem Perserkönig Kyros einmal der Vorschlag unterbreitet wurde, das angestammte karge Siedlungsgebiet zu verlassen und sich und seinem Volke fruchtbarere Gefilde zu erschließen. Kyros indessen lehnte ab mit der Begründung, daß übermäßig kommode Lebensbedingungen das Volk nur unnötig verweichlichen würden.

Bolle meint, daß das Prinzip bis heute trägt und daß man es ohne weiteres von ›Herrschaftsgebiet‹ im engeren Sinne auf ›systemrelevante Umwelt‹ im weiteren Sinne übertragen kann. Wenn den Leuten zu wohl wird, führt das nicht etwa dazu, daß sie sich einfach nur wohler fühlen. Dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Nein, oft genug führt es dazu, daß sie, wie wir das heute noch nennen, der sprichwörtliche Hafer sticht. Sie drehen einfach durch.

Wir hatte das Thema schon einmal gestreift, wenn auch nur am Rande, und es in Anlehnung an das „ideale Gasgesetz“ der Thermodynamik »Soziales Gasgesetz« genannt (vgl. dazu Sa 19-12-20 Das neunzehnte Türchen …).

Was hat das mit uns zu tun? Nehmen wir, weil naheliegend, Harry und Meghan, das Dream Team der Zersetzung des englischen Königshauses. Da geriet die wohl eher beiläufig in den Raum geworfene Frage, mit welcher Tönung bei dem zu erwartenden „royalen“ Baby denn möglicherweise zu rechnen sei, sofort und unmittelbar zum krassen „Rassismus“-Vorwurf. Bolle sieht sich veranlaßt, hier hart gegenzuhalten: „Ein Stuhl wird nicht diskriminiert, wenn man feststellt, dass er kein Tisch ist. Eine Grenze kategorial zu ziehen, bedeutet noch nicht, zu werten.“ (Liessmann 2012: Lob der Grenze; vgl. dazu auch Fr 15-01-21 Von Tischen und Stühlen). Kurzum, und in Anlehnung an Gertrude Stein: Eine Farbe ist eine Farbe ist eine Farbe. Und keine Wertung.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Greift den „Vorwurf“ begierig auf und zeigt sich schockiert: Streit in der Familie sei das eine. Rassistische Diskriminierung dagegen habe ein ganz anderes Kaliber. Und schwupps – schon ist aus dem „Vorwurf“ eine handfeste „rassistische Diskriminierung“ geworden – und keiner hat’s gemerkt.

Um das ganze noch zu toppen, läßt Maghan die mehr oder weniger interessierte Öffentlichkeit – gegen royales Honorar, versteht sich – auch noch an ihren royalen „Suizid-Gedanken“ teilhaben.

Und? Der Journalismus 2.0? Lobt das auf breiter Front als „offen und furchtlos“. Da muß Bolle schon auf die Neue Zürcher Zeitung zurückgreifen, um zu erfahren, daß es ganz so einfach dann wohl doch nicht sei.

„Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich weiß was“ – so der Schlachtruf eifriger Eleven in der Grundschule. Wie sich die Bilder gleichen. Heute werden, mit der gleichen Verve und in der Hoffnung und Erwartung, sich sein Scheibchen abzuschneiden vom Skandälchen, vorauseilende Sozial-Bollerchen ins Volk gestreut: „Ich bin auch dagegen. Ich bin auch empört. Ich schäme mich dafür. Hört nur her: Ich bin einer von den Guten.“ Bolle meint: Souveränität geht anders. Denken und urteilen übrigens auch. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 10-03-21 Wellenreiter

Wellenreiter.

Deutschland braucht, wie’s scheint, einen neuen Fußball-Bundestrainer. Jogi Löw hat offenbar das Schnäuzchen voll. Statt einfach nur zu sagen, was ist (Rudolf Augstein), konnten es die Medienschaffenden mal wieder nicht lassen zu spekulieren, wer denn nun möglicherweise der nächste Bundestrainer sein könnte. Statt aber ein souveränes und dabei auch ein wenig ironisches „beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course“ einzustreuen – Bolle wird ja nicht müde, das nahezulegen – konnte es sich eine Moderatorin nicht verkneifen, ein fröhliches „oder Bundestrainerin“ – Betonung auf „rin“, of course – dazwischenzukrähen.

Bolle ist es herzlich egal, ob das Bundestrainer ein Schwänzchen hat oder nicht. Bolle ist es sogar herzlich egal, ob es überhaupt ein Bundestrainer-Bärchen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course)  gibt.

Auf Bolles Liste ewiger Probleme, die uns plagen, nimmt ›Erregungsneigung‹ einen prominenten Platz ein. Man denke nur an „Wutbürger“, die unsägliche Wortschöpfung aus 2010 – die es seinerzeit übrigens aus dem Stand zum „Wort des Jahres“ gebracht hatte und sich bis heute einer ungebrochenen Popularität im Journalismus 2.0 erfreut.

Mit der Erregungsneigung des Volkes, der sozialen Libido sozusagen, werden wir vermutlich leben müssen. Das Problem ist so alt wie die Demokratie. Allerdings wußten die Griechen, falls Bolle das nicht zu sonnig sieht, es einigermaßen in Grenzen zu halten. Zumindest hatten sie schon mal einen Begriff dafür. Begriffsfindung galt den alten Griechen – das nur am Rande – als erster (und mitunter übrigens auch als letzter) Schritt zur Problemlösung. Polybios (um 200–118 v. Chr.) hatte in seiner Staatsformenlehre dafür »Ochlokratie« vorgeschlagen – was man ohne große Übertreibung als ›Herrschaft der Empörten‹ umschreiben könnte.

Muß man die dann noch massenmedial verstärken? Wenn wir die Erregungsneigung „soziale Libido“ nennen, dann liegt es nahe, die Erregungsverstärkung als „soziales Viagra“ zu umschreiben. Bolle meint: Muß man nicht. Lieber einfach nur schreiben, was ist (vgl. dazu Di 22-12-20 Das zweiundzwanzigste Türchen …).

Läßt sich das noch toppen? Aber Ja doch. Indem der Journalismus 2.0 nämlich „Erregungsvorlagen“ liefert – also Dinge, über die man sich, falls einem sonst die Puste ausgeht, überdies empören könnte. Ein soziales Porno-Heftchen, sozusagen, um im Bilde zu bleiben. Auf unseren Aufhänger bezogen: Warum ist der Bundestrainer keine Frau? oder, in der Steigerungsform: Warum darf der Bundestrainer keine Frau sein? Und, schwuppdiwupp, schon wieder hat man eine Sau, die man stunden-, tage- oder gar monatelang durchs mediale Dörfchen treiben kann. Bolle meint: Ernstzunehmender Journalismus sollte sich lieber nicht als Wellenreiter betätigen. Und erst recht nicht als Wellenerzeuger. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 09-03-21 Die große und die kleine Welt

Die große und die kleine Welt.

Gestern hat uns eine Rückmeldung erreicht, die lobend hervorgehoben hat, daß sich unser kleiner Blog bemüht, nach Möglichkeit ein wenig die Tiefen auszuleuchten, statt immer nur stramm an der Oberfläche zu paddeln. Wir hatten das an anderer Stelle (Do 14-01-21 Derangierte Demokraten) einmal „Schwimmflügel-Journalismus“ genannt. Im Grunde wollen wir ja Journalismus überhaupt vermeiden, da der Begriff die Oberflächlichkeit ja schon im Namen trägt: »Journalismus« leitet sich ab von frz. journal ›jeden einzelnen Tag betreffend‹. Das kann ja nichts werden, meint Bolle – zumindest dann nicht, wenn man’s damit übertreibt. Danke also für die Blümis.

»Eduards Traum« übrigens ist eine kleine, aber feine Erzählung, die alle verwundern und vielleicht auch entzücken dürfte, die Wilhelm Busch sonst nur von »Max und Moritz« her kennen. Kann nicht schaden, sich das im Rahmen seiner agnostisch-kontemplativen Bestrebungen gelegentlich mal zu Gemüte zu führen – 39 Seiten sollten eigentlich zu schaffen sein.

Die „Masken-Mörder“ (viel fehlt ja nicht mehr bei der ganzen Uffregung) jedenfalls entwickeln sich zum tagesaktuellen Dauerbrenner – falls das kein Widerspruch in sich ist. Werfen wir einen kurzen Blick in die Schlagzeilen: Die ›Bild‹ macht damit auf, wie die „Masken-Raffkes“ weiter abkassieren. Die FAZ berichtet über einen geplanten „strengeren Verhaltenskodex“ für Abgeordnete. Bolle fragt sich: Warum jetzt erst – nach über 70 Jahren Herrschaft der Guten? Und auch die ›Süddeutsche‹, der ›Tagesspiegel‹ und ›Die Welt‹ sind mittenmang dabei – die ›taz‹ natürlich sowieso. „Eine Sau durchs Dorf treiben“, nennt man so etwas seit alters her. Bolle meint: Weckt mich, wenn’s was zu berichten gibt.

Der eigentliche Hintergrund vons Janze – den wir an dieser Stelle aber unmöglich ausleuchten können – scheint Bolle das Zeiterleben zu sein: Während sich ein mittelalterlicher Bauer die Zeit zyklisch vorgestellt hat – Frühling, Sommer, Herbst und Winter, das Kirchenjahr mit seinen immer wiederkehrenden Festen, Geburt, Taufe, Hochzeit, Tod – und immer wußte, was wann ansteht, stellen wir uns die Zeit heute eher linear vor. Statt also jahrein, jahraus das mehr oder weniger Gleiche zu machen, versuchen wir, auf ein Ziel zuzusteuern. Dumm nur, daß niemand zu wissen scheint, was dieses Ziel denn eigentlich sein mag. Mehr Wohlfahrt und mehr Wachstum? Mehr „weiter so“? (vgl. dazu auch etwa Mo 18-01-21 So sein — oder so sein …?). Bolles Vermutung: Viel zu dünn, um zu tragen. Doch davon später mehr …

Zum Schluß noch der Schluß von »Eduards Traum«: „Ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut. Wer es nicht aufweckt, den gähnt es nicht an; wer ihm die Nase nicht grad zwischen die Kiefer steckt, den beißt’s auch nicht.“ Bolle meint: Kein Grund, es zugeklappt zu lassen. Nur eben auf die Nase achten. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 08-03-21 Wunsch und Wirklichkeit

Wunsch und Wirklichkeit.

Wünsche werden Wirklichkeit. Ein alter Menschheitstraum. Allein: Die Welt ist schlecht. Zumindest aus der Perspektive der Wunschbeseelten. Nie sind die Dinge so, wie sie sein sollen. Liegt das nun an der zu harschen Wirklichkeit – oder an den überschäumenden Wünschen? Die Frage ist müßig, weil längst entschieden.

Berlin feiert heute seinen Weltfrauentag als regulären Feiertag. Totaler Lockdown in den Geschäften. Viel los ist also nicht. Aber Berlin ist ja auch nicht die Welt. Obwohl auch das einmal der Wunsch bestimmter Kreise war – dann aber doch an der Wirklichkeit zerschellt ist.

Was also war sonst noch so los? Greifen wir, weil thematisch naheliegend, noch einmal kurz auf Löbel und seine Freunde zurück (vgl. dazu So 07-03-21 Gut zerknüllt, Löbel). Die wollen ihr Mandat partout nicht hier und heute niederlegen. Müssen sie auch nicht. Da ist die Verfassung vor. Sollen sie aber, wenn es nach ihren Parteifreunden geht – von SPD und Opposition mal ganz zu schweigen. Was Bolle irritiert, ist, mit welcher Lässigkeit die bereit sind, selbstauferlegte Regeln – und die Verfassung ist eine selbstauferlegte Regel – über Bord zu werfen, wenn denn die Wünsche überschäumen. Selbst ein Untersuchungsausschuß ist im Gespräch. Als ob es da was zu untersuchen gäbe. Nun gut – es ist Wahlkampf-Auftakt. Das sieht Bolle ein. Lieber wäre es ihm indes, wenn sich einer der Empörten hinstellen würde und dem Volk reinen Wein einschenken: Die dürfen das! Und? Was macht der Journalismus 2.0? Blubbert von „mutmaßlichen“ Provisionen – als ob die in irgendeiner Weise strittig wären. Blubbert von „Unschuldsvermutung“, die schließlich für alle gelte, also auch für Parlamentarier. Als ob es hier um irgendein Vergehen ginge. Aber so ist das eben, wenn der Wunsch mit der Wirklichkeit wackelt.

Der Beispiele fänden sich noch viele. Allein, heute ist Weltfrauentag und Bolle hat noch einiges vor. Nur so viel: Da hätten wir zum einen den Wunsch nach dauerhafter Enteignung der Hohenzollern, obwohl die Wirklichkeit das nur schwerlich hergeben wird. Da hätten wir die „Katastrophenstimmung“ bei den Behörden an Amerikas Südgrenze wegen „papierloser Migranten“, wie es in der NZZ heißt, nur weil Joe Biden partout sein Trump-Trauma therapieren will. Da hätten wir die Taliban, die in Afghanistan so stark sind wie nie seit ihrem Sturz 2001. Und schließlich hätten wir da noch Ursula von der Leyen mit ihrer verträumten „EU-Impfallianz“. Bolle meint, frei nach Goethe: Der Wünsche sind genug gewechselt. Nun laßt uns endlich Wahrheit sehn! Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mi 03-03-21 Wolle mer se eroilosse?

Wolle mer se eroilosse?

Seinerzeit schon, vor über 50 Jahren, hatte sich Pippi Langstrumpf im Namen der Ideosynkrasie souverän nicht nur über die Mathematik bzw. Arithmetik an sich, sondern sogar über deren Axiomatik hinweggesetzt. Damals war das noch spaßig und erfrischend. Allerdings dürfte kaum ein Schüler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) auf die Idee gekommen sein, das bei Pippi Langstrumpf gelernte im Rechenunterricht praktisch anzuwenden. Heute, 50 Jahre später, wird aus Spaß langsam Ernst. Wenn man den aktuellen Meldungen Glauben schenken darf, dann keimt in den USA, dem Land of the Free, allen Ernstes eine Debatte auf, die Pippi Langstrumpf locker in den Schatten stellt. Damit aber hätte der Ideosynkrasie-Virus eine Artengrenze übersprungen – vom Sozialen zum Formalen. Aber der Reihe nach.

Hier zunächst ein Beispiel für das Soziale: Wolfgang Thierse, der ehemalige Bundestagspräsident und SPD-Urgestein, hat neulich in einem Gastbeitrag in der FAZ beklagt, daß Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und auch Gender-Sprech immer aggressiver geführt würden, und sich dabei über Cancel Culture eher kritisch geäußert. Auch sei Blackfacing nicht weiter bedenklich. Prompt zeigte man sich in der SPD-Spitze „beschämt“ über ein solch „rückwärtsgewandtes“ Bild, das so nicht länger zur Partei passen würde. Bolle meint: Woher wissen die eigentlich immer so genau, wo vorwärts und wo rückwärts ist? Und aus welcher Quelle speist sich eigentlich das Schamgefühl?

Hier nun das Formale. Anscheinend wird in den USA neuerdings ernstlich darüber debattiert, ob die Idee, daß  2 + 2 = 4 sei, nicht doch eher kulturelle Gründe habe, und nicht letztlich eine Folge von westlichem Imperialismus sei bzw. der Kolonisierung der Welt.

Dabei scheint sich die Virulenz bereits in einem fortgeschrittenem Stadium zu befinden: So heißt es in einem Rundbrief des Kultusministeriums (!) in Oregon, die Forderung an Mathematik-Schüler, in ihren Klausuren nur ein einziges, überdies auch noch möglichst zutreffendes Ergebnis vorzulegen, sei ein Zeichen „weißer Vorherrschaft“. Recht so, meint Bolle. Nieder mit den alten, weißen Männern und ihrer rassistischen Arithmetik – von Mathematik zu reden wäre hier wohl schwer übertrieben.

Bolle fragt sich ernstlich, ob er nicht vielleicht übertrieben stumpf ist bzw. zu wenig aufgeschlossen für neue Wege der Mathematik. Auch ist ihm klar, daß man eine Mathematik auch auf anderen Axiomensystemen aufbauen könnte. Weiterhin ist ihm allerdings auch klar, daß kein einziges dieser Axiomensysteme dazu führen würde, daß für ein und dieselbe Aufgabe mehrere „korrekte“ Lösungen möglich sind. Mehrere Lösungswege wohl – das aber ist hier offenkundig nicht gemeint. Und so kommt er nicht umhin, sich in Anspielung an einen running gag bestimmter Karnevalssessionen zu fragen, wer diese Leute reingelassen haben mag in die Uni oder ins Kultusministerium – und überdies ein Hygienekonzept zu fordern. Das aber ist vielleicht dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Di 23-02-21 Wo bleibt denn da das Positive?

Wo bleibt denn da das Positive?

Nichts liegt Bolle ferner als übertriebener Zynismus. Und das, obwohl in seinem semantischen Netz »Zynismus« lange nicht so abwertend („negativ“) besetzt ist wie der Geist der Zeiten das gegenwärtig sehen mag. Wir hatten diesen Punkt neulich schon mal gestreift (vgl. So 07-02-21 Shit happens). Wer mag, mag dort nachlesen.

Wo zeigt sich nun das Positive? Womöglich nur im Corönchen-Test. Wirklich aufbauend ist das nicht – das sieht Bolle ein. Nun gibt es, um einen „positiven“ Corönchen-Test zu vermeiden, im Grunde genau zwei Möglichkeiten: a) sich nicht infizieren oder b) sich gar nicht erst testen lassen. Auf Dauer aber – auch das sieht Bolle ein – wird sich letzteres wohl kaum vermeiden lassen. Nicht in Urlaub fahren dürfen mangels „negativem“ Testergebnis? Geschenkt. Bolle entspannt sich regelmäßig bei der Arbeit und ist demnach wenig urlaubs-affin. Nicht in den Klub dürfen aus gleichen Gründen? Ebenfalls geschenkt. Spätestens dann aber, wenn man ohne „negativem“ Testergebnis nicht mal mehr in den Supermarkt darf, wird’s eng. Genau das aber wird kommen. Zwar traut sich bislang noch kein einziger der demokratischen Würdenträger, das offen auszusprechen. Aber der Journalismus 2.0 arbeitet erkennbar und mit Fleiß daran, das Volk auf ebendieses einzustimmen. Bürgerliche Freiheitsrechte? Selbstverständlich – wir leben ja schließlich in einem demokratischen Rechtsstaat. Aber bitteschön doch nur für „gute“ Bürger – und nicht für jeden Lumpi, der verantwortungslos „sich und die anderen“ gefährden tut. Demokratie ist schließlich, wie wir bereits gesehen haben, ›die Herrschaft der Guten‹ (siehe So 06-12-20 Das sechste Türchen — Nikolausi …). Nur brauchen die Guten manchmal eben ein Weilchen, bis sie einsehen, was gut ist und was nicht: „Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum“ (Ihr werdet sein wie Gott und Gut und Böse unterscheiden können). Das hat ausgerechnet Mephistopheles dem jugendlichen Schüler in sein „Stammbuch“ geschrieben (Faust I, Zeile 2048) – nicht ohne hinzuzufügen: „Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!“ (Zeile 2050). Im Grunde war das – obschon nicht ganz neu – der Anfang demokratischer Rechthaberei. Das aber ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Mo 22-02-21 Von Wissenschaft, Wahrheit und Wirkung

Von Wissenschaft, Wahrheit und Wirkung.

Heute gönnen wir uns mal wieder was leichteres zur Entspannung  – auch als praktischen Nachtrag zu unserem Thema von neulich (vgl. Sa 16-01-21 Wirklich wahr?). Aber es gibt nun mal Themen, die einen geradezu anspringen. Bei der heutigen Morgenlektüre hat Bolle erfahren, daß „alle zwölf Berliner Amtsärzte“ geschlossen darauf hingewiesen haben, daß die gemessenen „Inzidenzen“ nicht nur davon abhängen, wie viele Leute sich frisch infiziert haben, sondern auch davon, wie viele Leute sich testen lassen – und damit lange nicht so aussagekräftig sind, wie wir das gerne hätten. Kiek ma eener an. Als Donald Trump sich vor einiger Zeit ganz ähnlich geäußert hatte, war voll der Teufel los. Warum dann tagtäglich die tagesgenaue massenmediale Vermittlung der Werte? Bolle meint: Das soll so wirken, als habe man, wenn schon nicht Corönchen an sich, so doch zumindest „die Daten“ im Griff. Und dann so was. Das zieht dem Orientierungsbedürfnis – einem der vier kognitiven Grundbedürfnisse und damit essentiell für das seelische Wohlbefinden – doch glatt den Boden unter den Füßen weg. Ja, dürfen die das denn?

Wir hätten diesen Punkt vielleicht gar nicht erwähnt – hätte da nicht ein Hamburger Wissenschaftler ein 105-seitiges Thesenpapier veröffentlicht, das einen Laborunfall in Wuhan als Ursache der Corönchen-Pandemie nahelegt. Ja, darf man das denn als Wissenschaftler? Eine abweichende Meinung vertreten und damit das Orientierungsbedürfnis der Leute erschüttern? Die Leute erwarten von der Wissenschaft die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Dumm nur, daß Wissenschaft so nicht funktioniert. Wissenschaft ist, auf den Punkt gebracht, ein Wettbewerb um Wahrheit (neudeutsch: ein Trial-and-Error-Prozeß), der naturgemäß mehr Versuch und mehr Irrtum hervorbringt als abschließende Wahrheiten. Und? Was kommt pressevermittelt beim Volk an? „Hört auf die Wissenschaft“ – die haben die Weisheit mit Löffeln gefressen. Bolle meint: Hört, hört. Und so wird auch unverzüglich die unzureichende „Wissenschaftskommunikation“ der Uni Hamburg angemeckert. Im Grunde läuft das auf das Ansinnen hinaus, dem Volk nur wirkliche, abschließende Wahrheiten zu servieren – möglichst mainstream-kompatibel. Allerdings liegt es im Wesen der Wissenschaften, daß damit bis auf weiteres nicht zu rechnen ist. Dumm, das.

Das letzte Beispiel für heute: Die Energie-Effizienzklassen, etwa von Kühlschränken, sollen von inflationären A + + + für die beste Einstufung auf eine Skala von A bis G umgestellt werden – wobei A für die schlechteste und G für die höchste Energie-Effizienz stehen soll. Bolle meint: Ist aber auch verwirrend. Wo sind eigentlich die Marketing-Experten und Sprach-Designer, wenn man sie mal braucht? Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Sa 20-02-21 Fast forward …

In der Kürze liegt die Würze.

Der Sinnspruch heute stammt in der Tat aus Shakespeare’s Hamlet – das war Bolle durchaus nicht klar – und ist damit auch schon wieder 400 Jahre alt. Höchste Zeit, sich dran zu halten. Oft genug passiert aber glatt das Gegenteil. So hat sich zum Beispiel, Ironie pur, ein deutscher Aphoristiker bemüßigt gesehen, da einen Sechszeiler draus zu machen. Aber das soll hier nicht unser Thema sein. Was dann?

Bolle hat sich schon öfters mal gefragt, wie es sein kann, daß jeden Tag genau so viel passiert, daß es exakt die Seiten einer Zeitung füllt oder auch das vorgegebene Zeitfenster etwa der Abendnachrichten. Irgendwas kann da nicht stimmen. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Trick – wie es ›Wir sind Helden‹ in ihrem Lied ›Geht auseinander‹ 2005 schon recht trefflich (und fast wörtlich so) gefaßt haben. Und? Wie geht Bolles Trick?

Im Grunde ist der Trick, wie die meisten guten Ideen, so simpel, daß Bolle sich im Nachhin­ein gefragt hat, wieso er da nicht sehr viel früher schon drauf gekommen ist. Zeitung lesen scheidet seit langem aus, weil es da ja offenkundig weniger um Nachrichten an sich geht als um journalistische Selbstverwirklichung. Im übrigen ist Bolle der Zeitverzug zwischen Ereignis und Übermittlung zu groß. Und was die bildungsbürgerlichen Nachrichtensendungen angeht – die Bolle wenigstens kursorisch zur Kenntnis nehmen will: Die lassen sich, zumindest im Internet, im Fast forward-Modus goutieren. So bietet etwa die ARD ihre jeweils letzte Nachrichtensendung unter ›tagesschau.de/sendung/letzte-sendung/‹ als Video-Stream an – mit dem unschätzbaren Vorteil, daß man die ganzen Propaganda-Einlagen und sonstigen Banalitäten bequem via Pfeiltaste überspringen kann. Fast forward, eben. Eine durchschnittliche Sendung von etwa 15 Minuten schafft Bolle so locker in 2 bis 3 Minuten – wenn überhaupt. Wenn das kein Fortschritt ist. Außerdem befreit einen das von der Bindung an alberne Sendezeiten. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.

Do 18-02-21 Vom kernigen Lifestyle

Vom kernigen Lifestyle.

Und, Bolle? Übersetzen? Aber Ja doch: „Ich saufe ziemlich viel, schlafe wenig, und rauche eine Zigarre nach der anderen. Das hält mich zweihundertprozentig fit.“

So hat Churchill das, soweit wir wissen, nie gesagt. Ganz aus der Luft gegriffen ist diese Lifestyle-Regel aber dennoch nicht. Sie geht in recht ähnlicher Form zurück auf den britischen Generalfeldmarschall und Bezwinger von Erwin Rommels Panzerarmee in Afrika, Sir Bernard Montgomery. Übrigens nicht zu verwechseln mit dem gegenwärtigen Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery. Aber auf derlei Feinheiten soll es uns hier gar nicht ankommen.

Worauf dann? Nun, Bolle hat den Eindruck, daß beide, sowohl Churchill als auch Montgomery, einen sehr viel „kernigeren“ Lifestyle gepflegt haben als das heutzutage den meisten zuträglich erscheinen will. Gleichwohl: beide sind rund 90 Jahre alt geworden – und das unter eher widrigeren Lebensumständen. Von wegen „Mimimi“.

Was hat das mit uns zu tun? Nun, Bolle fällt von Zeit zu Zeit immer wieder mal auf, welche geringe Rolle in der gegenwärtigen medizin-hysterischen Debatte die Tatsache spielt, daß offenbar nur um die 5% der Corönchen-Infizierten Raucher sind. Ein Ergebnis, das sich mit sämtlichen der zur Zeit geläufigen Vakzine messen kann. Aber ist das überhaupt wahr? Falls Ja: Darf das überhaupt wahr sein? Oder ist da Christian Morgenstern vor – von wegen „Weil, so schließt er messerscharf, // nicht sein kann, was nicht sein darf“?

Wir wissen es nicht. Auch wissen wir nicht, ob man in der gegenwärtigen Lage mit einem kurzfristigen Wandel zu einem kernigeren Lifestyle noch groß was reißen kann. Falls Ihr es ausprobieren wollt: Fragt auf jeden Fall zunächst Euren Arzt oder Apotheker. Aber das ist dann doch schon wieder ein anderes Kapitel.