So 14-09-25 Wenn’s doch der Wahrheitsfindung dient

Wittgenstein und Wichtelein …

Leute brauchen Orientierung. Das bedeutet nicht zuletzt zu wissen, was wahr ist und was nicht. Dabei wird – zumindest Bolle scheint das so zu sein – das Wissen um die Wahrheit nach einem mehr oder weniger gründlichen Modellierungsprozeß anhand aller jemals gewonnenen Eindrücke (Welt II) als Weltbild (mappa mundi) abgelegt (Welt III) und ist fürderhin handlungsleitend. Wobei bereits die Einsicht, daß das Weltbild nur ein Bild ist und mitnichten die Welt an sich (Welt I), offenbar nur fortgeschritteneren Gemütern – Agnostikern etwa – vorbehalten ist.

Welt im Bild …

Alle anderen verbringen ihr halbes, wenn nicht gar ihr ganzes Leben damit, andere von ihrem Wirklichkeitsmodell zu überzeugen – notfalls auch mit Gewalt: „Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag‘ ich Dir den Schädel ein.“ (Bernhard von Bülow 1903 in einer Reichstagsrede).

Wer meint, Recht zu haben, sucht sich zuvörderst „Fakten“ – so will es der Zeitgeist. Je mehr Fakten, desto Recht – wie manche ja zu meinen scheinen. Zwar sind ›Fakten‹ kaum mehr als ›Wahrheit aus der Froschperspektive‹ oder, wie Don Quixote de la Mancha (1605/1615) es seinerzeit gefaßt hat: „Tatsachen, mein lieber Sancho, sind die Feinde der Wahrheit.“

Wer‘s noch etwas dicker mag, der stützt sich gern auf Studien – als so einer Art Fakten-Bazooka:  „Seht her, hier steht’s. Die Studie hat ergeben.“ Zweifel ausgeschlossen. Bolle meint nur: Amen! Dann wird es wohl so sein.

Neulich hat eine Tageszeitung, die sich selbst für ein Qualitätsmedium hält, getitelt, daß sich „Füße hoch“ doch nicht lohne, da das Einkommen selbst bei Mindestlohn deutlich höher sei als bei Bürgergeldbezug. In der Kellerzeile (Bolles Gegenstück zur Dachzeile) hieß es ausführend, dies habe eine „neue deutschlandweite Studie“ ergeben. Arbeiten sei also „immer attraktiver“ – man habe schließlich „bis zu 662 Euro“ mehr.

Da hegt und pflegt jemand (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) in seiner Welt III die Ansicht, daß sich Arbeiten für ihn nicht lohne, etwa weil es bei seiner bescheidenen Ausbildung und einer entsprechend kläglichen Einkommenserwartung unter den gegebenen Umständen einfach keinen Sinn mache. Doch halt: nun kommt die Studie und verkündet, daß es, tout au contraire, für ihn (!) eben doch Sinn mache. Wer hat Recht? Die Antwort ist müßig, of course.

Ob es „attraktiver“ ist, bis zu 662 Euro mehr im Monat zu haben, entscheidet allein der potentielle Arbeitnehmer – und nicht etwa die Autoren einer Studie. In Bolles Kreisen nennt man das Konsum/Freizeit-Präferenz: Der Arbeitnehmer – und nur der – entscheidet, wieviel seiner Lebenszeit ihm zusätzliche Konsummöglichkeiten wert sind.

Im übrigen bedeuten 662 Euro mehr – man beachte hier vor allem auch den Fleiß und die Gründlichkeit der Autoren: alles präzise auf den Euro genau durchstudiert – gerade mal 22 Euro pro Kalendertag. Die aber ließen sich – so könnte man das durchaus sehen – bei sorgfältiger, umsichtiger und methodischer Haushaltsführung (in Bolles Kreisen heißt das ›SUM‹) leicht und locker wieder einspielen – etwa, indem man selber kocht, selber backt, und überhaupt so manches selber macht.

Von all dem aber schweigt der Studie Bräsigkeit. Allein das ist höchst charakteristisch für Studien aller Art. Sie belichten und beleuchten irgendeinen isolierten Teilaspekt des Daseins und geben das dann als die wirkliche Wahrheit aus. Bolle meint nur: Pustekuchen! Augen auf beim Weltbild-Basteln. Mit Fakten fressen und Studien schlucken jedenfalls ist es wirklich nicht getan.

Übrigens: Von Kümmern um Kinder und so – Marx hat das seinerzeit ›Reproduktion‹ genannt – war hier überhaupt noch gar nicht die Rede. Wenn etwa Mutti (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) sich auf Arbeit vergleichsweise sinnlos und schlechtbezahlt plagt,  derweil die lieben kleinen Schlüsselkinder mangels Zuwendung und unter tüchtiger Beihilfe von so manchem TV-Format zuhause systematisch verblöden, dann ist das sicher auch nicht ganz im Sinne des Erfinders. Auch hierzu weiß die Studie nichts zu sagen. Kurzum: Es ist offenbar gar nicht so einfach, auch nur einen Zipfel der Wahrheit zu erhaschen – schon gar nicht, wenn es um Wahrheit für andere geht. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 31-08-25 Iustitia als Seherin

Iustitia voll ausstaffiert (nach einer Vorlage von Özgür Karabulut).

Nachdem unser letztes agnostisch-kontemplatives Sonntagsfrühstückchen ja durchaus etwas üppig geraten war, wollen wir uns heute wieder mit schmalerer Kost bescheiden – allerdings ohne dabei zu versäumen, unsere neue Kategorie ›Schlaglicht‹ einzuführen.

Neulich hat Bolle eine kleine Notiz zum Thema ›Sven Liebich‹ gefunden. Sven Liebig heißt jetzt Marla-Svenja Liebich, „liest“ sich neuerdings als Frau – und muß beziehungsweise darf eine verhängte Haftstrafe von immerhin 18 Monaten dementsprechend korrekterweise in einem Frauenknast antreten.

Verurteilt wurde Frau Liebich übrigens wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB), Billigung eines Angriffskrieges (§ 140 StGB), Verstoßes gegen das Kunsturhebergesetz, übler Nachrede (§ 186 StGB) und Beleidigung (§ 185 StGB). Wenn man bedenkt, daß man heutzutage wegen einer Aufmunterung wie etwa „Bravo, Putin“ bereits Gefahr läuft, wegen Billigung eines Angriffskrieges gemäß § 140 StGB rechtskräftig verurteilt zu werden (vgl. dazu So 15-06-25 Immer auffem Sprung), dann dürfte es sich bei Frau Liebig um einen nicht wirklich schweren Jungen (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) handeln. Eher müffelt das ein wenig nach Ruhigstellung unliebsamer Zeitgenossen. In weniger demokratisch gesinnten Gesellschaften als der unseren würde man derlei durchaus mit politischer Justiz attribuieren können. An dieser Stelle aber laufen wir leicht Gefahr, daß sich die Schlaglichter regelrecht überschlagen. Lassen wir es für heute also lieber ruhig angehen und kommen wir zu unserem eigentlichen Thema ›Iustitia‹.

Iustitia, die Göttin des Rechtes beziehungsweise besser noch: der Gerechtigkeit, ist mit ihren mindestens 2.000 Jahren durchaus schon eine elderly lady. In den meisten Darstellungen gehören Augenbinde, Waage und Schwert zu ihren essentiellen Paraphernalia. Dabei soll die Waage für gründliches Abwägen stehen – letztlich also für Urteilskraft –, das Schwert für die Fähigkeit und die Bereitschaft, das für Recht erkannte auch durchzusetzen, und die Augenbinde schließlich für eine Rechtsfindung ohne Ansehen der Person – letztlich also gleiches Recht für alle.

Daß es sich hierbei um ein Ideal handelt, das es in der rauhen Wirklichkeit eher schwer haben dürfte, sieht Bolle natürlich ein, of course. Nicht umsonst kursiert unter Juristen ja der folgende Witz: „Der Richter ist der Mann, der entscheidet, welche Partei den besseren Anwalt hat.“ Indes: Ideale zu canceln mit der Begründung, es seien ja ohnehin „nur“ Ideale, scheint Bolle jetzt auch nicht wirklich ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.

Kommen wir zu unserem Schlaglicht: Neulich begab es sich, da meinte einer aus der Gilde der Meinungsmacher, daß es ja wohl möglich sein müsse, einen „notorischen Neonazi“ – gemeint ist Frau Liebich – am „Mißbrauch“ eines Gesetzes zu hindern, ohne gleich das ganze Gesetz in Bausch und Bogen zu verwerfen. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, daß sich besagter Journalist selber als eher „rechts“ bezeichnen würde und im übrigen durchaus als „Edelfeder“ gelten darf – also einer, der in der journalistischen Nahrungskette, zumindest was sein Gehalt angeht, recht weit oben residiert.

Auf unsere Göttin übertragen würde das nicht mehr und nicht weniger als folgendes bedeuten: Iustitia lupft ihre Augenbinde, sieht, wen sie da so vor sich hat, und erklärt feierlich – und womöglich gar im Namen des Volkes: „Ahh! Frau Liebig! Sind Sie nicht der notorische Neonazi? Sorry – aber unsere Gesetze gelten nur für die Guten.“ Ob sie dabei „unsere“ gedanklich, möglicherweise gar in ironischer Absicht, in Tüddelchen setzt, sei hier einmal dahingestellt.

Übertrieben? Leider, leider nicht. Denken wir nur an Ludwigshafen – wo dieser Tage ein höchst aussichtsreicher Kommunalpolitiker allein deshalb nicht zu den Guten zählen und sich daher nicht wählen lassen darf, weil er die Nibelungensage mag. Sehr viel substantuierter war die Begründung hinter dem üblichen Polit-Palaver in der Tat und allen Ernstes nicht. Der Beispiele fänden sich gar einige. Und? Was machen die Juristen? Machen – wie schon öfters mal in der Geschichte – immer feste mit! Nieder mit Iustitias Augenbinde! Gleiches Recht für alle? Wo kämen wir da hin? Allein: Iustitia als Seherin – als Göttin der Guten, sozusagen – ist jedenfalls ein Widerspruch in sich. Immerhin paßt das alles gar aufs Feinste zu Hülsenfrüchtchens Horizont. Oder, um es epigrammatisch zu fassen – Bolle liebt ja Epigramme:

Wenn die Guten tüchtig tuten
Statuten jämmerlich verbluten –
Dann ist es nicht mehr allzu weit
zu Hülsenfrüchtchens Herrlichkeit.

Das alles aber ist – wir ahnen es bereits – dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 17-08-25 Wir tolerieren uns zu Tode

Rein — oder raus …?

Wir haben uns natürlich überlegt, ob wir Donald Trump heute mal auf unser Schildchen heben wollen. Schließlich soll es ja Leute geben, die durchaus der Ansicht sind, daß, egal was Mr. Trump so von sich gibt, das per se nicht stimmen könne. Mancher würde gar bestreiten, daß 2+2=4 ist, falls der das behaupten sollte. Bolle aber war dafür. Schließlich – so sein Argument – sei oft der Scherz ja wohl das Loch, durch das die Wahrheit pfeife. Vor allem aber fand er das alles ausgesprochen allegorisch. Im übrigen – das kam noch hinzu – war Bolles lieber guter alter Großpapa – Sanitätsoffizier in gleich zwei Weltkriegen – ganz ähnlich drauf. Bevor er sich hat irgendwo Essen servieren lassen, hatte er regelmäßig erst mal heimlich einen Blick in die Küche geworfen. Falls ihm die Zustände nicht zusagen wollten, dann blieb es halt beim Bier. Wer braucht schon Futter mit Bazillen?

Beim Titel haben wir uns von Neil Postmans ›Wir amüsieren uns zu Tode‹ anregen lassen. Es trägt den Untertitel ›Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie‹, ist schon 1985 – vor nunmehr 40 Jahren also – herausgekommen und noch immer (beziehungsweise gar schon wieder) ausgesprochen lesenswert. Mit Urteilskraft und Urteilsbildung ist es zur Zeit ja nicht allzuweit her, könnte man meinen.

Der letzte Satz des Gleichnisses meint natürlich die gegenwärtigen Aufräumarbeiten – falls man das so nennen mag – in Washington, D.C. Mr. President ist nämlich der Ansicht, daß es der Hauptstadt von God’s own country nicht schlecht zu Gesicht stünde, wenn sie keinen allzu verwahrlosten Eindruck machen und auch keinen Spitzenplatz im Mord- und Totschlag-Ranking einnehmen würde. Die rivalisierenden Demokraten, die dort mit überwältigender Mehrheit regieren, waren natürlich aufs blankeste entsetzt ob der präsidialen Einmischung in ihre – wie sie es sehen – inneren Angelegenheiten. Schließlich versteht man sich dort als durch und durch liberal – was sich am besten mit ›links‹ übersetzen läßt – und da legt man nun mal einen gewissen Wert auf ›anything goes‹ (Paul Feyerabend 1975). Nun aber könnte zwischen der wörtlichen Übersetzung ›Man kann alles machen‹ und der lebenspraktischen Aussicht ›Wird schon alles funktionieren‹ ein kleiner, aber feiner semantischer Unterschied liegen, der, so Bolles Vermutung, der „Liberal Crowd“ nicht immer voll bewußt zu sein scheint.

Damit aber wären wir dicht an der Allegorie. Garrett Hardin hatte, in etwa um die gleiche Zeit (1968), in seinem Aufsatz ›The Tragedy of the Commons‹ zum Thema Freiheit folgendes angemerkt:

Der Ruf nach „Rechten“ und nach „Freiheit“ liegt allenthalben in der Luft. Aber was bedeutet Freiheit? Als man übereingekommen war, zum Beispiel Raub unter Strafe zu stellen, wurden die Leute dadurch freier – und nicht etwa weniger frei.

Dem könnte man natürlich widersprechen, of course – so mancher Raubritter würde genau das tun –, muß man aber nicht. Spätestens seit Thomas Hobbes‘ ›Leviathan‹ (1651) dürfte den allermeisten einleuchten, daß ein Gemeinwesen, und sei es das liberalste (beziehungsweise freiheitlichste) einer gewissen inneren Ordnung bedarf, damit die Dinge eben nicht in Mord und Totschlag ausarten. Schließlich, so Hobbes, sei im Naturzustand der Mensch dem Menschen nun mal Wolf und neige dabei ›zum bellum omnium contra omnes‹ – dem Kriege aller gegen alle.

Aber schweifen wir nicht ab und beschränken wir uns für heute auf eine zumindest leidlich adrette Erscheinung als Parallele zu Trumps adretter Eingangstüre. So hat, wie man hört, die Mailänder Scala diesen Sommer erst eine explizite Kleiderordnung eingeführt: Wer sich untersteht, in Shorts, in Flip-Flops oder ärmellosen Hemdchen zu erscheinen, muß künftig leider draußen bleiben – ohne daß die Kosten für die Eintrittskarte in irgendeiner Form erstattet würden, versteht sich. Bolles liebe gute alte Großmama hätte in solchen Fällen nicht versäumt zu erwähnen, daß auf einen groben Klotz nun mal ein grober Keil gehöre.

Natürlich gab es umgehend Diskussionen – bis hin zu heftigem Protest. Aber was will man machen? ›Form follows function‹ ist nun mal nicht alles – auch wenn eine Menge Leute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) namentlich der jüngeren Generationen nichts anderes gelernt zu haben scheinen. Zu der ›Form‹ im Spruch gehört, wie Bolle ernstlich meinen will, nun mal auch eine gewisse Form.

Übrigens: Wie man weiterhin hört, sollen die Yanks den Ukrainern gesteckt haben, daß Selenski beim nächsten Treffen doch bitteschön im Anzug zu erscheinen habe. Anderenfalls fände leider kein Treffen statt. Ist das jetzt Powerplay? Arroganz der Macht? Oder Pflege guter Sitten und Wahrung bewährter Umgangsformen? The wind of change, womöglich gar? Fragen über Fragen. Apropos Selenski: Der Journalismus 2.0 ätzt zur Zeit aus allen Rohren ob des Treffens der beiden Präsidenten am Freitag. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 03-08-25 Eritis sicut Deus, scientes veritatem et falsitatem

Erst kommt das Weltbild — der Rest ist egal.

Man möcht‘ es nicht für möglich halten. Als Bolle unser heutiges Schildchen in die Redaktionsablage für spätere Verwendung geworfen hatte – anderthalb Jahre ist das jetzt her –, geschah das anläßlich eines gewissen Unmutes ob der doch oft recht hochnäsigen Haltung manch Schnatterrunden-Gastes, ganz nach dem Tenor: ›Ich bin Team Wissenschaft! Also hab ich recht mit allem, was ich sage.‹ Bolle meinte damals nur: Man beachte das ›also‹.

Auch hatten wir genügend Zeit, im Rahmen beiläufiger Feldforschung festzustellen, daß der Schiller bei weitem nicht mehr jedem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) auf Anhieb geläufig ist. Daher wollen wir hier die ersten Zeilen der ›Bürgschaft‹ nicht unerwähnt lassen. Die nämlich gehen so:

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Möros, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!
Entgegnet ihm finster der Wütherich.

Es folgt ein Hohelied auf Freundschaft und Vertrauen, und endet nach 140 Verszeilen – ganz anders als so manch griechische Tragödie – nicht etwa mit dem Tode sämtlicher Paragonisten, sondern ganz im Gegenteil mit einem geläuterten Tyrannen. Allein das alles tut hier nichts zur Sache.

Die Überschrift – Bolle hat auf einer bildungsbürgerlichen Fassung bestanden – ist der Schwere der Situation geschuldet. Geschmeidig übersetzt heißt das einfach nur: ›Ihr werdet sein wie Gott, und wahr und falsch zu unterscheiden wissen‹ und ist angelehnt an ›Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum − Ihr werdet sein wie Gott und gut und böse unterscheiden können‹. So hat es Mephistopheles dem jugendlichen Schüler in sein „Stammbuch“ geschrieben – nicht ohne hinzuzufügen: Dir wird gewiß einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange! Die Stelle findet sich übrigens, doch dies nur am Rande, bereits bei Adam und Eva im Paradiese (Genesis 3, 5) – ist also gewissermaßen Conditio humana von Anfang an.

So gesehen handelt es sich hierbei im Kern also um einen Transfer von Schwester Ethik zu Schwester Logik. Gut und böse meinen unterscheiden zu können ist das eine. Wahr und falsch indessen ist noch einmal ganz was anderes (vgl. dazu etwa So 06-10-24 Propaganda).

Die drei Töchter der Philosophie.

Der Untertitel unseres Schildchens schließlich lehnt sich an Brechts Dreigroschenoper (1928) an, of course. Dort heißt es unter anderem: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wie wir unschwer sehen können: Die Welt steckt voller Weiterungen. Doch nun zum Anlaß unseres heutigen Sonntagsfrühstückchens.

Neulich begab es sich, daß ein Schnatterrunden-Gast in einer Stellungnahme von zufälligerweise genau 140 Sekunden – Bolle hat auf die Uhr geguckt – nicht weniger als 30 mal das Wort ›Wissenschaft‹ nebst seiner diversen Derivate (also Wissenschaftler, wissenschaftlich, etc. pp.) in den Mund genommen hat – wohl in der Hoffnung und Erwartung, damit überzeugend rüberzukommen. 30 mal in 140 Sekunden – das bedeutet alle knapp 5 Sekunden einmal und entspricht mithin einer Frequenz von 0,21 Hertz – mithin also einer veritablen Infraschallfrequenz. So etwas aber kann – da ist die Wissenschaft sich einig – durchaus Benommenheit, Ohrendruck und Übelkeit auslösen. Bei Bolle jedenfalls war das so.

Wahrlich, ich sage Euch: Ich bin Wissenschaftler und als solcher Eins mit der Wahrheit – und im übrigen so unfehlbar wie ansonsten nur der Papst (so das Dogma des Ersten Vatikanischen Konzils 1869–1870). Persönliches Befinden ist mir völlig ferne – da sei Gott vor! Private Meinung sowieso. Kurzum: Da fordert einer – ausgerechnet im Namen der Wissenschaft! – den rechten, orthodoxen Glauben ein. Bolle meint nur: Kaum zu glauben. In Hülsenfrüchtchen-Sprech könnte man hier glatt von einer Verhöhnung der Wissenschaft reden.

Und? Was macht der Journalismus 2.0? Glaubt dergleichen glatt. Zumindest hat der Schnatterrunden-Moderator eine professionell-interessierte Miene aufgesetzt und jedenfalls nicht in aller Klarheit eine wohl mehr als angemessene sprichwörtliche klare Kante gezeigt. Wäre Bolle der Moderator gewesen: Eine solche „Wissenschaftlerin“ wäre mit hochrotem Kopp heulend aus dem Studio gerannt. In der Tat ist Bolle der Ansicht, daß so etwas 200 Jahre nach der Aufklärung (man rechnet hier ganz grob von etwa 1650–1800 n. Chr.) mit ihrem Schlachtruf ›Sapere aude – Wage zu denken‹ wirklich nicht mehr „zeitgemäß“ sein sollte. Dabei ist Bolle natürlich klar, das Denken durchaus an rein faktische Grenzen stoßen könnte: Können vor Lachen, sozusagen.

Wenn also Wissenschaftler im 21. Jahrhundert sich anschicken, aus der Wissenschaft eine Religion zu machen, an die man bitteschön zu glauben habe, einschließlich ihrer Paragonisten, ihrer Vertreter auf Erden also – dann scheint hier wohl ganz offensichtlich etwas ganz grundsätzlich schiefzulaufen.

Bolle ist nach allem in der Tat drauf und dran, das Menetekel „Spaltung der Gesellschaft“ doch als realistische Möglichkeit in Betracht zu ziehen: Allerdings schwebt ihm da eher eine Spaltung in ›mächtig dumm‹ und (lediglich) ›mäßig dumm‹ vor. Ein klitzekleines bißchen dumm sind wir ja wohl alle. Allein man sollte auch hier nichts übertreiben. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 27-07-25 Voll die Elite – oder doch eher Schiete?

Wenn einer, der mit Mühe kaum // Gekrochen ist auf einen Baum … (Wilhelm Busch 1894).

Reden wir über Eliten. Obwohl – ganz einfach ist das nicht. Bolle weiß kaum, wo er ansetzen soll. Probieren wir es mit Humor. Humor ist ja bekanntlich das, was übrigbleibt, wenn alles andere witzlos wird (vgl. dazu Fr 15-12-23 Das fünfzehnte Türchen …). In den unendlichen Weiten seiner Festplatte hat Bolle anläßlich eines Geburtstagsgrußes einen Netzfund passend zum Thema ausgegraben, der allerdings auch schon wieder drei Jahre alt ist. Dabei geht es um einen Kurzdialog eines Schweizer Fahrgastes mit seinem Zugschaffner kurz nach Antritt einer Fahrt von Zürich nach Stuttgart.

Fröhlich geht die Welt zugrunde …

Bolle kann aus eigener Lebenserfahrung versichern: Genau so geht Schweizer Humor. Doch ist der Scherz auch oft genug das Loch, durch das die Wahrheit pfeift – wie ein chinesisches Sprichwort weiß. Die Wahrheit ist, daß die Schweizer Bahn mitunter schon grenzüberschreitende Bahnverbindungen nach Deutschland eingestellt hat – zum Beispiel die Verbindung Zürich/München –, weil auf die Deutsche Bahn aus schweizerischer Sicht einfach kein Verlaß mehr ist. Umgekehrt war ›Mister Deutsche Bahn‹ im angelsächsischen Sprachgebrauch einmal eine stehende Redewendung für zuweilen als geradezu penetrant empfundene deutsche Pünktlichkeit. Vergleiche dazu etwa Adam Fletchers ›Make Me German – Wie ich einmal loszog, ein perfekter Deutscher zu werden‹ aus dem Jahre 2015. Allein das alles war wohl mal …

Auch soll es uns hier nicht um die Deutsche Bahn gehen – nicht im Allgemeinen und schon gar nicht im Speziellen. Vielmehr wird man – selbst bei gutmütigster und wohlwollendster Betrachtung – kaum umhinkommen können festzustellen, daß eigentlich rein gar nichts mehr funktioniert „in diesem unserem Lande“ (Helmut Kohl 1982). Allerdings war hundert Jahre früher schon – doch dies nur am Rande – Nietzsche mit seinem ›Zarathustra‹ (1883 ff.) schon recht dicht dran an dieser Wendung.

Gar nichts? „Welche drei Dinge laufen in Deutschland richtig gut?“ Genau das wurde jemand wie Alice Weidel im letzten ARD-Sommerinterview gefragt. Klarer Fall von trick question, of course. Natürlich wußte sie keine Antwort zu geben. Auch Bolle hätte durchaus passen müssen. Auf mehrmaliges Nachfragen – „Sie haben meine Frage nicht beantwortet“ – hätte sich Bolle vielleicht noch zu einem „Die Arroganz der selbstberauschten Eliten, vielleicht …?“ durchringen können. Das allerdings hätte wohl weit jenseits des vom Interviewer angelegten „Erwartungshorizontes“ gelegen – übrigens ein Unwort, das sich üblerweise angeblich schon seit den 1970er Jahren im schulischen und später dann auch im akademischen Prüfungskontext eingebürgert haben soll.

Bei nüchterner Betrachtung – Bolle liebt ja Selbstbezüglichkeiten – ist nicht einmal das Interview an sich „richtig gut“ gelaufen – und zwar nicht mal halbwegs gut. Genaugenommen sogar beispiellos schlecht. Warum? Nun, besorgte Demokraten hatten es für eine propere Form der politischen Auseinandersetzung erachtet, mit erheblichem technischem Aufwand halb Berlin Mitte dermaßen in einen Lärmteppich zu hüllen, daß man buchstäblich sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Worte verstehen zu können indes will Bolle als geradezu konstitutiv für ein Interview erscheinen. Dem war aber nicht so. Und bis heute – nach also nunmehr einer Woche – hat keine der schieten Eliten irgendeine Ahnung, wer da womöglich seinen Job nicht richtig verstanden hat. Die Redaktion des Qualitätsmediums etwa, die so getan hat als wär nix – und dem Volke das als lebensnahen Journalismus verkaufen wollte? Die Tontechnik, die nicht in der Lage gewesen sein will, die Hintergrundgeräusche – die stellenweise eher Vordergrundgeräusche waren – nach den gängigen Regeln der Kunst rauszufiltern oder zumindest um einige Dezibel zu dämpfen? Die Sheriffs gar, die öffentliche Ordnung offenbar ähnlich freizügig interpretiert haben wie zuletzt nur seinerzeit in Weimar? Vermutlich von allem etwas.

Das Problem ist natürlich mindestens so alt wie die alten Sokratiker – reicht also zurück bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. und ist damit immerhin in etwa zweitausendfünfhundert Jahre alt. Die Lösung seit jeher: Die Besten – wer auch immer das sein mag – sollen die Staatsgeschäfte führen. Nach anderer Lesart sollen das, wenn schon nicht die Besten, so doch die Auserwählten sein. Dabei drängt sich Bolle die Frage auf: Kann denn derartig viel dermaßen gründlich schiefgehen bei der Auswahl? Offenbar ist dem so. Und können sich die dergestalt Auserwählten – Elite kommt von electus ›ausgewählt‹ – mit derartig hybrider Selbstberauschung wirklich für die Besten halten? Oder sonnen sich solche Leute (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) – morgens vorm Spiegel etwa, und all dem Chaos, das sie gemeinhin anrichten, zum Trotze – in dem wonnigen Gefühl, wirklich so famos zu sein, wie ihre in der Regel völlig überzogenen Bezüge das nahelegen würden? Das alles aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 29-06-25 Rechtes Rechnen

Mein Gott – Mathe …

Es ist noch gar nicht allzu lange her, da ging es uns um die Kunst vorausschauenden Fahrens nebst der Unmöglichkeit, es in selbiger zur Meisterschaft (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) zu bringen, wenn es einem an Scharfsicht gebricht (vgl. dazu So 27-10-24 Vorausschauend fahren! Können vor Lachen). Unser Fazit seinerzeit: Wer kurzsichtig ist – und sei es auch nur leicht – tut gut daran, selbiges zur Kenntnis zu nehmen und keine Karriere zum Beispiel als Rennfahrer anzustreben. Er wäre stets nur zweite Wahl – und auf die Dauer gar nicht glücklich.

Damals meinte Bolle, faustgestählt, in Anbetracht einer Rüge seines Fahrlehrers, das Schild da säh‘ er wohl, allein er könnt‘s nicht lesen – jedenfalls nicht auf die Entfernung. Damit hatte die Angelegenheit ihr Bewenden. Bolle hat seine Führerscheinprüfung anstandslos im ersten Anlauf bestanden, of course.

Was aber wäre gewesen, wenn Bolle anders reagiert hätte, etwa wie folgt: ›Schilder? Regeln überhaupt? Interessieren mich nicht.‹ Man nennt das wohl ›Aus der Not (der Kurzsichtigkeit) eine Tugend machen‹. Zugegeben, das klingt erst mal schrill. Allein, wenn man sich umguckt auf der Welt, scheint diese Masche, zumindest bei einigen Leuten, einigermaßen en vogue zu sein. Und, wie’s weiterhin scheint, durchaus auch mit gewissem Erfolg. Hier ein Beispiel, wie es Bolle vor Kurzem erst untergekommen ist.

Ein Mathelehrer wollte seine gymnasiale Oberstufe lehrplanmäßig mit der Familie der e-Funktionen vertraut machen. Als Anschauungsmaterial wählte er zwei Populationen – nennen wir sie Ping und Pong. Dabei ist Ping (rötliche Kurve) im Ausgangspunkt (auf der x-Achse Null) dreimal so stark wie Pong (blaue Kurve). Allerdings, so das Beispiel, vermehre sich Pong mit 3 Prozent jährlich, Ping dagegen nur mit 1 Prozent – also nur ein Drittel so sehr. Die zu lösende Aufgabe: Wie lange wird es dauern, bis Pong genauso stark ist wie Ping – und wie geht es dann weiter?

Nun, auch ohne uns mit der Familie der e-Funktionen vertraut machen zu müssen: Aus der Graphik läßt sich leicht ablesen, daß das schon nach 55 Jahren der Fall sein wird. Ab da schießt Pong (die blaue Kurve) buchstäblich durch die Decke. Und zwar so lange, wie sich an den Wachstumsraten nichts ändert.

Wie ging es weiter mit der Geschichte? Statt zu sagen: ›Potzblitz! Was sich alles rechnen läßt! Das ist ja interessant!‹ hieß es in Teilen der besorgten Elternschaft, das sei ja wohl sowas von rechter, wenn nicht gar rechtsextremer Mathematik. Unklugerweise nämlich hatte unser Mathelehrer die Aufgabe nicht an Ping und Pong, sondern an Einheimischen versus Zugereisten aufgezogen. Eine Zumutung! So etwas habe an einer höheren Lehranstalt natürlich nichts verloren. Der Lehrer müsse möglichst umgehend entlassen werden. Weg, weg, weg! Die armen Kinder! – und so weiter, und so fort.

Bolle sieht hier eine äußerst beunruhigende Parallele zu seiner fiktiven ›Was interessieren mich Regeln‹-Replik. Auch Regeln der Mathematik haben gefälligst politisch korrekt zu sein. Da sind Teile der Elternschaft offenbar selber nicht in der Lage zu rechnen – zumindest tun sie es nicht. Und wenn ihnen dann einer die Rechnung auf die sprichwörtliche Nase bindet, fühlen sie sich mitnichten bereichert – Heureka! – sondern in ihrem woken Weltbild aufgewühlt.

Und? Was macht der Journalismus 2.0 …? Stets auf der Suche nach Sensationen stürzt er sich mit Schwunge drauf – und bestärkt die Paragonisten damit in ihrer gerechten Empörung. Bolle meint, vermutlich kennt man dort die e-Funktionen ohnehin auch nur vom Hörensagen.

Natürlich ist das Phänomen an sich nicht neu. 1976 schon sahen sich Politikdidaktiker (welch ein Wort, by the way) veranlaßt, sich als Handreichung für das Lehrpersonal auf einen Beutelsbacher Konsensus mit drei Punkten zu verständigen. Erstens das sogenannte Überwältigungsverbot: Keinem Schüler soll eine Meinung aufgezwungen werden. Allerdings, meint Bolle, kann es durchaus passieren, daß sich der eine oder andere Schüler (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) gleichwohl von Mathe überwältigt fühlt. Zweitens das Kontroversitätsgebot: Was strittig ist, soll strittig bleiben. Ziel ist auch hier die freie Meinungsbildung. Allerdings findet Bolle, daß das ja wohl ein wenig aus der Zeit gefallen sei. ›Eine Meinung muß genügen: mehr hältste ja im Kopp nich aus‹ – und verweist dabei gerne auf Hauke Arachs ›Mensch, lern das und frag nicht‹ aus dem Jahre 2013 (vgl. dazu etwa So 22-09-24 Opinio et Reactio). Seitdem ist diesbezüglich ja wohl so einiges den Beutelsbach runtergegangen – um mal ein wenig zu kalauern. Der dritte Punkt? Spielt hier keine Rolle.

Ist das jetzt alles übertrieben? Vermutlich leider nicht. Kaum einer kann rechnen – und falls doch, will es niemand wahrhaben. Immerhin würde das umstandslos so manch maroden Zustand im Lande erklären: von Schulen, Straßen und auch Schwimmbädern – bis hin zum vielbeklagten „jahrzehntelangen Investitionsstau“ überhaupt. Anscheinend aber kommt kaum einer auf die Idee, sich zu fragen, wie das alles überhaupt jemals so weit kommen konnte. Stattdessen scheißt man die Probleme lieber mit einem Riesenhaufen Knete zu – ganz nach dem Motto ›Was interessieren mich Regeln? Was interessiert mich Rechnen? Was Mathematik?‹. Kann man so machen – wenn auch vermutlich nicht auf Dauer. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 15-06-25 Immer auffem Sprung

Immer auffem Sprung.

Unser Bildchen heute zeigt eine Szene aus Bolles derzeitiger Vogelwarte, die sich praktischerweise direktemang auf dem Balkon befindet. Die Entfernung von A nach B – also von Amsel nach Bolle – beträgt dabei gerade mal 2 Meter Luftlinie.

Warum machen Amseln – und auch andere Gefiederte, also Drossel, Fink und Star und der ganze Rest der Vogelschar – sowas? Von eher kitschigen Erklärungen wie „Die mögen halt die Menschen“ einmal abgesehen, haben wir es hier wohl mit dem unabänderlichen Spannungsverhältnis zweier elementarer Bedürfnisse zu tun: dem physiologischen Grundbedürfnis nach Nahrung einerseits und dem Bedürfnis nach Sicherheit andererseits. Beides sind wohl Aspekte des – letztlich natürlich sinnlosen – Versuches zu überleben. Wenn das Bedürfnis nach Nahrung Überhand nimmt, dann muß man das schützende Nest eben vorübergehend verlassen. Gleichwohl bleibt man tunlichst immer auf der Hut – jederzeit bereit, die Prios anzupassen. Was nützt das schönste Futter, wenn man am Ende selber zu Selbigem wird? Daß Bolle keine Katze hat, kann Amsel ja nicht ahnen.

Wie friedlich und wie harmonisch aber könnte die Welt doch sein – ein alternatives Grundkonzept vorausgesetzt. So findet sich als Umschlagsillustration auf Bolles alter Kinderbibel eine Szene, die wohl das Paradies darstellen soll. Löwen und Gazellen liegen da friedlich und einträchtig Seit‘ an Seit‘ im Grase, zusammen mit manch Blümelein. Hosianna, Hallelujah, halt. Selbst in Bolles Kinderaugen schien das damals schon nicht das realistischste aller Konzepte – und zwar lange, bevor er je etwa von Ludwig Thomas ›Der Münchner im Himmel‹ (1911) gehört hatte: „Luja sog i.“

O nein, die Welt ist weiß Gott kein friedlicher Ort. Und das wird sich auch nicht ändern, solange Leute was zu futtern brauchen oder sonstige Interessen meinen verfolgen zu müssen: big fish eats small fish. Oder, wie Woody Allen in seinem ›Die letzte Nacht des Boris Gruschenko‹ (USA 1975 / Originaltitel: Love and Death) im Rahmen einer tiefschürfenden philosophischen Debatte über den Sinn des Lebens und den ganzen Rest zu seiner angehimmelten Sonja meinte: „Mir kommt das alles vor wie ein großes Restaurant.“

Allein auf diesen Umstand hinzuweisen kann einem in Deutschland allerdings schon mal leicht als Billigung eines Angriffskrieges ausgelegt werden und, wenn’s dumm läuft, bis zu 3 Jahren Knast einbringen (§§ 140 Nr. 2, 138 I Nr. 5 StGB i.V.m. § 13 VStGB). Dabei kann eine vergleichsweise harmlose Aufmunterung wie zum Beispiel „Bravo Putin“ – zumindest, wenn es nach dem LG München I gegangen wäre (Urteil vom 2. August 2023) – durchaus schon genügen, um ernstlich mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

Interessant wird es indessen, wenn man anfängt, Parallelen zu ziehen – was nach Hülsenfrüchtchens Heuristik natürlich strikt verboten ist und gerne mit der Argumentationsattrappe ›Whataboutism‹ pariert zu werden pflegt. Parallelen zu ziehen, Dinge einzuordnen überhaupt, ist nach dieser Vorstellung tunlichst zu unterlassen – zumindest aber höchst unerwünscht. Derlei mache die Dinge nur unnötig „komplex“ – im Sinne von ›dann blick ich nicht mehr durch‹.

Beispiel gefällig? Eines für alles mag hier genügen. Da bombt seit längerem schon ein Land auf ein anderes ein – und Politik und Presse überschlagen sich förmlich und unaufhörlich mit „Kriegsverbrecher“-Krakeele. Nun bombt neuerdings ein anderes Land auf ein anderes ein, nur weil ihm dessen Politik nicht paßt – und schon heißt es, das sei schließlich vorbeugende Selbstverteidigung beziehungsweise, vornehmer formuliert, Präventivnotwehr. Schließlich habe man ein Existenzrecht zu verteidigen – und im übrigen sei das eine Demokratie. Bolle meint nur: Ach herrje!

Völkerrecht ist, allem gutgemeinten Gedusel zum Trotze, im Wesentlichen noch immer Faustrecht – mit Betonung auf Faust und weniger auf Recht. Das war eines der ersten Dinge, die Bolle beim Studium dieses Faches helle wurden. Und allen Bestrebungen, das zum Besseren zu wenden, war bislang nur höchst mäßiger Erfolg beschieden. Hinzu kommt: Recht ist, nach allem, im Wesentlichen ja kaum mehr als geronnene Macht. Folglich empfiehlt Bolle, lieber die Füße ein wenig stiller zu halten, gleichwohl aber auf dem Sprung zu bleiben. Klingt doch fast schon nach Zen – und damit vielleicht nicht ganz unrealistisch. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 08-06-25 Wenn Glocken richtig rocken

Ei, der Gauß …

Nach den doch eher etwas fluffigeren Sujets der letzten Sonntagsfrühstückchen wollen wir uns diesmal wieder einem strikteren Gegenstand zuwenden. Kenner werden es sogleich erkannt haben: Wir reden hier von der Gauß’schen Glockenkurve. Ersonnen hat sie Carl Friedrich Gauß (1777–1855), der zu Lebzeiten schon als Princeps mathematicorum, also Erster seiner Zunft galt, seinerzeit im Jahre 1809.

Was will uns Gauß damit sagen?

Stellen wir uns ein Weizenfeld vor (etwaige Allergiker, beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course, mögen sich mit einem Dinkelfeld begnügen). Nehmen wir an, die Halme seien im Mittel 100 cm hoch (in der Graphik entspricht das der 0) und hätten eine sogenannte Standardabweichung von ±10 cm (in der Graphik entspricht das dem Bereich zwischen –1 und +1). Das bedeutet, daß wir erwarten können, daß 2/3 der geernteten Halme zwischen 90 und 110 cm lang sein werden und damit „Mittelmaß“. Natürlich werden sich auch Halme finden, die zwischen 110 cm und 120 cm hoch sein werden. Allerdings, das sagt uns die Glockenkurve, wird das nur rund 1/7 der Halme sein. Noch größer als 120 cm – auch das kommt vor – werden nur noch 1/44, also knapp 2,5% der Halme sein (in der Graphik das Feld ›top‹). Das Gegenstück ›ui‹ übrigens steht für ›unterirdisch‹ – obwohl das, zugegebenermaßen, bei Halmlängen ein schiefes Bild ergibt. Oder – auch das sagt die Graphik aus – um zum oberen Drittel zu gehören, müßte ein Halm wenigstens gut 104 cm lang sein (rote Linie). Damit wäre er zwar immer noch Mittelmaß – allerdings schon leicht überdurchschnittlich.

Wer nun meint, was interessieren mich Weizen- oder Dinkelfelder? Mehl kommt mir aus der Tüte beziehungsweise Brot gibt’s beim Bäcker – dem sei gesagt, daß sich die Gauß’sche Glockenkurve auf erstaunlich viele Bereiche im wirklichen Leben anwenden läßt – unter anderem auf so weizenferne Felder wie Leistungsfähigkeit und -bereitschaft (also etwa Schulnoten, wenn sie denn gerecht vergeben würden) oder eben auch auf das, was wir hier politische Urteilskraft nennen wollen.

Übertragen bedeutet das: Unter den Bedingungen einer Demokratie werden Leute mit guter oder sehr guter politischer Urteilskraft schwerlich regieren können – einfach, weil sie nicht in der Mehrheit sind. Selbst für eine sogenannte Sperrminorität (rote Linie) wird es absehbar eng, weil es dafür nötig wäre, einen gehörigen Teil des Mittelmaßes zu gewinnen. Die Vorzüge einer Demokratie können also nur woanders liegen. In der Gauß’schen Glockenkurve jedenfalls liegen sie nicht.

Was aber soll das überhaupt sein, politische Urteilskraft? Die einfachste und ganz naheliegende Antwort wäre wohl: Politische Urteilskraft hat in meinen Augen, wer die Partei wählt, die ich selber auch wählen würde. Easy – aber führt zu nichts. Drehen wir den Spieß also um: Was würde nahelegen, daß es einem (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) an selbiger mangelt? Im Wesentlichen wohl, daß er nicht wirklich in der Lage ist, sich ein Bild zu machen von den jeweiligen Paragonisten (neudeutsch: Akteuren) oder Gegebenheiten. Da bricht einer alle Wahlversprechen, gelobt kurz vor der Wahl Besserung – er habe es schließlich nicht besser wissen können – und wirbt treuherzig um „Vertrauen“. Und die Leute wählen ihn wieder. Da werden im Vorfeld einer Wahl regelmäßig regelrechte Plakatschlachten veranstaltet – und mancher Wähler läßt sich, wie’s scheint, davon dann doch irgendwie beeindrucken. Da postet einer schicke Reels auf Insta – und kriegt dafür (!) die Stimme. Da gibt es Last-Minute-Wähler, die zehn Minuten vor der Stimmabgabe noch immer nicht wissen, was sie wählen wollen – als hätten sie nicht Monate und Jahre Zeit gehabt, sich ein solides Bild zu machen und zu einem fundierten politischen Urteil zu kommen. Schließlich gibt es auch noch Wähler, die wählen sowieso immer, was sie schon immer gewählt haben – egal, was auch immer die Paragonisten veranstalten mögen: Traditionales Verhalten, halt. Kurzum: Mangelnde politische Urteilskraft scheint ein Spezialfall von mangelnder prognostischer Kompetenz zu sein: Die Unfähigkeit zu erahnen, was passieren wird, wenn dieses oder jenes so weitergeht. Kognitive Kurzsichtigkeit also. Oder, wie Bolle das womöglich resümieren würde:

Kurzum –
Und dabei völlig ohne Hohn:
Ein klitzekleines bißchen dumm
Wirkt das alles dann doch schon.

Und so sucht, entgegen dem völlig anderslautenden Paratickma, auch kein Aas das angeblich bessere Argument, sondern lediglich die bessere Agitation. Auch hier scheint, einmal mehr, ›Luhmanns Law‹ zu gelten. In Bolles Fassung lautet es (vgl. dazu Mo 12-12-22 Das zwölfte Türchen …):

Das System erzeugt die Elemente,
aus denen es besteht,
mittels der Elemente,
aus denen es besteht.

Wir haben es hier also wohl einfach nur mit zielgruppengerechter Ansprache zu tun – wobei die Zielgruppe das Mittelfeld ist, also der Bereich zwischen –1 und +1. Und die Medien mischen munter mit. Daher womöglich auch der geradezu heilige Zorn gegen alles, was sich davon nicht einfangen lassen will, geschweige denn unterhaken – und damit das Idyll einer Schönwetter-Demokratie trübt. Im Überschwange geht das dann so weit, daß manche ernstlich meinen, Einigkeit sei eine demokratische (!) Tugend. Hört, hört! Mit derlei wird man leben müssen – und gegebenenfalls auch leiden. Abhilfe ist nicht in Sicht – und zwar aus rein mathematischen Gründen nicht. Was aber rein mathematisch nicht funktioniert, kann auch in der besten aller möglichen Welten (Voltaire 1759) nicht funktionieren. Eine damit oft verbundene regelrechte ideologische Überhöhung aber – 🎶 Im Westen, im Westen, da ist‘s ja wohl am besten, Fidirallala, … 🎶 – können wir getrost den Hülsenfrüchtchen überlassen.

Eines aber wollen wir dabei – Bolle featuring Marx/Engels 1848 – nicht vergessen: Die Parlamentarier haben nichts zu verlieren als ihre Buletten. Sie haben ihre Welt zu gewinnen. Parlamentarier aller Länder, vereinigt Euch! – namentlich gegen Wahlvolk mit mittelmäßiger politischer Urteilskraft. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 25-05-25 Abisurd

Ab in den Orkus …

Letzte Woche (So 18-05-25 Die Grenzen des Unsäglichen) hatten wir am Rande erwähnt, was sich mit elaborierteren Formen von kreativem Konstruktivismus so alles anstellen läßt. Da gibt es praktisch nichts, was es nicht gibt. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Hier ein Beispiel aus dem Klitzekleinen.

In einem Provinz-Gymnasium wurde ein Abitur-Motto gesucht. Wozu ein solches gut sein soll, weiß Bolle nicht zu sagen. Seinerzeit ist man auch ohne Motto gut zurechtgekommen. Aber lenken wir nicht ab. Unter den eingereichten Vorschlägen fanden sich die folgenden drei Steine des Anstoßes:

Abi Akbar – Explosiv durchs Abi
Abi macht frei
NSDABI – Verbrennt den Duden

Und schon war die Hölle los in der Provinz. Die Sprüche seien antisemitisch, rassistisch und diskriminierend. Was was sein soll – und vor allem auch, warum –, hat sich Bolle nicht wirklich erschließen wollen. Von den anderen Vorschlägen – es wird wohl hoffentlich welche gegeben haben – ist nichts bekannt. Auch ist nicht klar, ob ›Abi‹ als Element des Mottos möglicherweise vorgegeben war und damit einschlägige Wortspiele gesucht wurden – so wie zum Beispiel unser ›Abisurd‹ im Titel. Kurzum: Wir wissen wenig bis nichts. Nur, daß das alles furchtbar skandalös sein soll, wie das örtliche Lokalblatt nicht ohne gehörigen Grusel zu vermelden wußte.

Wie aber konnte es überhaupt zu dem Skandal kommen? Nun, offenbar hatte es eine Ausschreibung gegeben, bei der jeder (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) online einerseits anonym Themenvorschläge einreichen konnte und andererseits auch per like bewerten. Damit hätte alles sein Bewenden haben können. Man muß als Organisationsteam ja keine Vorschläge aufgreifen, die man uninspiriert findet, geschmacklos gar, oder die man für zu politisch hält. Aber Nein: Man rennt mit dem „Vorfall“ zum Schulleiter und petzt. Der hängt das ganze an die große Zeitungsglocke, schaltet die Polizei ein und überdies die ›Fachstelle für Demokratieförderung und phänomenübergreifende Extremismusprävention (DEXT)‹ und nimmt Kontakt zum ›Landesportal Hessen gegen Hetze‹ auf. Die wiederum haben einen heißen Draht zum LfV (Landesamt für Volkserziehung).

Und? Wie geht der kommende Abiturjahrgang damit um? Man befleißigt sich „brutalstmöglicher“ (Bolle featuring Roland Koch 2000) Distanzierung: Man lehne „ausdrücklich“ diese Personen und die vermittelten Botschaften ab – welche „Botschaften“, by the way? – und fordere, wiederum ausdrücklich, Konsequenzen. Man stelle sich „klar“ gegen … bla, bla, bla. Bolle meint: Braver geht nimmer.

Womöglich steckt denen ja das Schicksal der Sylter Sängerknaben (beider- bzw. allerlei Geschlechts, of course) mit ihrer ›Döp-dö-dö-döp‹-Darbietung (nach dem 1999er Schlager von Gigi D’Agostino) vom Sommer letzten Jahres einschließlich der massiven medialen Verprangerung noch gehörig in den Knochen. Vielleicht ist es aber auch einfach nur das Bedürfnis, auf der vermeintlich richtigen Seite, wenn schon nicht der Geschichte, so doch zumindest der Gesellschaft zu stehen.

Was hat das mit unserem heutigen Schildchen zu tun? Unser Schildchen beschreibt den Weg von einem beliebigen Ausgangspunkt A hin zu einem nicht minder beliebigen Ziel Z – wie er jedem beliebigen Problemlösungszirkel (PLZ) zugrunde liegt (vgl. dazu etwa So 16-03-25 Pferd verkehrt und Ritterehre oder Der super-duper Masterplan). Weniger spezifisch könnte A auch für ein beliebiges Ansinnen oder eine beliebige Ambition stehen, und Z für einen beliebigen als wünschenswert angesehenen Zustand.

Nehmen wir an, der Weg an sich sei – etwa aufgrund gründlicher Vorbereitung – klar und eben. Wenn da nur die vielen Stop-Schilder nicht wären, die jedwede Bestrebung geradezu magisch in Richtung Orkus lenken – das Reich des Banalen und Dysfunktionalen: Darf man leider nicht tun – Darf man leider nicht sagen – Am besten nicht mal denken. Stop-Schilder, das wären zum Beispiel: „das spielt den falschen in die Hände“, das ist rechtsextrem, das ist diskriminierend, das ist antisemitisch, das ist frauen-, menschen- oder sonst-was-feindlich. Dabei werden der Schilder immer mehr – was an dem Geist der Zeiten liegen mag.

Das Problem an dieser Stelle: Die Kriterien sind so allgemein gehalten – man könnte sagen: derart wischi-waschi –, daß sich mit einer entsprechenden konstruktivistischen Phantasie praktisch alles darunter subsumieren ließe. Hier, pars pro toto, nur zwei Beispiele:

Ein Stop-Schild, das sich in gewissen Kreisen zunehmender Beliebtheit erfreut, ist „Haß ist keine Meinung“. Bolle bieder: „Definiere Haß.“ Hier muß man einfach nur alles, was einem nicht paßt, zur „Hate Speech“ erklären – eine Begründung erübrigt sich völlig – und schon steht das Schild.

Zweites Beispiel: In einer Umfrage hieß es: „Finden Sie, daß Juden zu viel Einfluß haben?“ Wehe, man hat Ja gesagt. Klarer Fall von Antisemitismus – wie es in der Presse hieß. Stop! Stop! Stop! Nehmen wir umgekehrt an, jemand meint, der Papst habe zu viel Einfluß. Ist er dann ein Antichrist …? Man möcht‘ es fast für möglich halten.

Natürlich lassen sich unter solchen Bedingungen, wenn sie überhandnehmen, weder Projekte verwirklichen noch Ideen formulieren oder gar diskutieren. In Bolles Kreisen spricht man – streng mathematisch – auch von ›Nebenbedingungen‹: Je mehr davon, desto Essig ist es mit einer Lösung. Und ebenso natürlich kann eine Gesellschaft unter solchen Bedingungen nicht gedeihen. Schon gar keine Gesellschaft, die sich selber gern als ›frei‹ ansieht. Eher wird sie sich in toto selber in den Orkus spülen. Bolle findet, letztlich ist das ooch egal. Schön anzusehen aber ist es gleichwohl nicht. Unversehens kommt ihm da der Goethe in den Sinn:

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang‘ in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?

Das Verhalten der angehenden Abiturienten jedenfalls ist für Bolle einfach nur ein schönes Beispiel für einen kläglichen Konformismus, wie ihn sich Heinrich Mann in seinem ›Der Untertan‹ (1918) damals schon nicht schöner hätte denken können. Die Vorstellung, daß solche Leute demnächst Politiker sein könnten und sich dabei berufen fühlen, die Geschicke des Landes zu lenken … Deprimierend. Umgekehrt erklärt das natürlich einiges, of course, wie ein Blick in die jüngste Zeitgeschichte eindrücklich nahelegt. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.

So 18-05-25 Die Grenzen des Unsäglichen

Das Wichtigste schon mal geklärt.

Oh Zeiten, oh Sitten. Manchmal muß man sich ja wirklich fragen, ob man es nicht genießen soll, in vergleichsweise bewegten Zeiten zu leben, oder ob man das mit der Bewegung nicht auch übertreiben kann. Bolle, von Haus aus eher genügsam, findet ja, frei nach dem ›Vorspiel auf dem Theater‹ in Goethes Faust (1808):

Des Chaos ist genug gewesen,
Laßt mich auch einen Lichtblick sehn!

In den letzten Jahren ist aber auch wirklich alles schiefgelaufen. Wollte man bestimmen, ab wann, müßte man eigentlich schon passen. Wenn’s läuft, dann läuft’s. Wenn’s schiefläuft, dann auch. Dabei ist es schwierig bis unmöglich, bei „exponentiellen“ Entwicklungen – um mal ein Modewort aus der Corönchenzeit zu bemühen – einen Anfangspunkt zu bestimmen. Exponentielle Entwicklungen haben nun mal keinen „Anfangspunkt“. Alles, was sie haben, ist Eigendynamik. Versuchen wir es dennoch, grob und überschlagsweise.

Im Jahre 2015 kam das Migrationsdebakel über das Land. Nun könnte man sagen – und viele tun das auch: Tja, da kannste nüscht machen. Seit 2018, also gut zwei Jahre später, durften wir erleben, wie sich die Klimakrise breitmacht auf der Welt. Damals ging das los mit den Sitzstreiks einer gewissen Greta Thunberg, die sehr schnell und sehr gründlich Popstar-Status erlangen sollte. Wiederum zwei Jahre später, 2020, beglückte uns die Welt dann mit Corönchen, einem hochgehypten Schnupfen – der der ganzen Welt drei Jahre lang die Luft zum Atmen nahm. Und abermals zwei Jahre später, 2022, erfrechte sich ein russischer Imperator, sein Nachbarland zu überfallen, und brachte damit die bräsige Welt des Westens vollends durcheinander.

Kurzum: eine Katastrophe jagt die nächste – so ziemlich im Zwei-Jahrestakt. Wobei die Katastrophen einander nicht etwa ablösen – konsekutive Katastrophen, also. Nein, sie schichten sich übereinander. In Bolles Kreisen spricht man hier auch von kumulativen Katastrophen.

Liegt das nun an einer kosmischen Katastrophen-Konstellation, Hummer in Saturn etwa, oder so – Bolle kennt sich hier wirklich ganz schlecht aus –, gegen die man nun mal nichts machen kann? Oder liegt es einfach an schlichter Überforderung der Polit-Prominenz nebst ihrer Statthalter oder doch zumindest Steigbügelhalter in Presse, Funk und Fernsehen, was den Umgang mit derlei angeht? Bolle tippt definitiv auf letzteres.

Die dominante Problemlösungsstrategie – eine für alle beziehungsweise, neudeutsch, one fits all – scheint Bolle eine fortgeschrittenere Form von Konstruktivismus, gewürzt mit einer tüchtigen Portion Monetarismus zu sein.

Die Grundidee des Monetarismus, im weiteren Sinne, of course, geht ja wie folgt: es gibt kein Problem auf der Welt, das man nicht mit einer gehörigen Portion Penunse oder Pinkepinke zuscheißen könnte – um es mal lutherisch-derb auszudrücken. Die Grundidee des Konstruktivismus dagegen muß wohl lauten: Es gibt kein Problem auf der Welt, das man nicht mit gehöriger semantischer Raffinesse solide wegsäuseln könnte. Beide Grundideen tragen nicht, of course – jedenfalls nicht „nachhaltig“. Eher geht der Krug zum Brunnen, bis er bricht. Dann kommt es, wie immer, zu den üblichen langen Gesichtern und der herzergreifenden Versicherung, das habe man nicht wissen können. Bolle, streng wie selten: Habe man wohl!

Umgekehrt übrigens funktioniert diese Form von forschem Konstruktivismus genauso: Es gibt kein Problem auf der Welt, das sich nicht herbeireden ließe. Das jüngste Elaborat des BfV, das Bolle – semantisch sehr viel sauberer – nur noch ›Bundesamt für Volkserziehung‹ nennen mag, ist hierfür wohl nicht das schlechteste Beispiel. Aus der „Verschiebung der Grenzen des Sagbaren“, die man der AfD so gerne unterstellt, wurde da eine Verschiebung der Grenzen des Unsäglichen. Klingt ganz ähnlich – ist aber nicht das gleiche. Und das Volk schaut staunend zu – und freut sich oder wundert sich. Das aber ist dann doch schon wieder ein ganz anderes Kapitel.